Optimisten

Dieser Sommer wird gut. Verdammt gut sogar. Die Sonne wird brennen, das Bier wird überall günstiger, bei den Sommerspielen in China werden zahlreiche Sportlerinnen und Sportler ein Zeichen für den wahren Geist der Wettkämpfe setzen und mit Abwesenheit glänzen, bei der Europameisterschaft wird die Deutsche Nationalelf Italien im Endspiel mit 7:0 deklassieren, wir werden zielstrebig auf die Vollbeschäftigung zusteuern, bei den zahlreichen Open-Airs in Deutschland werden sich die internationalen Stars die Klinke in die Hand geben und unter strahlendem Sonnenschein ein Publikum begeistern, das sich in den Pausen in fest im Boden verankerten Dixi-Klos erleichtern wird, bei Lidl wird niemand mehr schlecht behandelt, die Deutsche Bahn wird jeden Tag, ausnahmslos und pünktlich ihren Dienst verrichten, Britney Spears wird nach einer erfolgreichen Entziehungskur wieder alles richtig machen und ihre Kinder zurückbekommen, dann wird sie Michael Jackson heiraten, sie leben fortan als glückliche Familie in Neverland und Michael fasst nur Britney an, die Hungernden dieser Welt werden satt sein, die Armen werden nicht mehr arm sein, die Reichen werden bescheidener, und um unser Glück vollkommen zu machen, wird die üstra ihre völlig überteuerten Fahrpreise senken. Wenn Du in der Kneipe sitzt und neben Dir jemand all diesen Schwachsinn erzählt, dann verabschiede Dich höflich und mach schleunigst den Abgang, denn dieser Mensch an der Theke gehört zu einer der gefährlichsten Spezies, die die Welt kennt. Wer kann so dämlich sein und allen ernstes glauben, dass diesen Sommer Dixi-Klos auf Festivalwiesen fest verankert sein werden, dass man nicht in den eigenen Fäkalien und in denen von all den anderen Festivalbesuchern baden wird, weil sich eine Meute Betrunkener einen Spaß macht, der sich „Dixi-Klos-schubsen“ nennt? Wer kann außer Glos so weltfremd sein und noch an die Vollbeschäftigung glauben? Wer meint, dass das politische Statement Sportlern wichtiger ist als die kleine goldene Scheibe? Wer ist so realitätsfern und hofft, dass die üstra die Preise senkt? Das sind Menschen, die wahrscheinlich zuviel Nina Ruge geguckt haben und bei denen diese hinterlistige Form der Gehirnwäsche bereits nachhaltig gewirkt hat. Das sind Menschen, die wirklich glauben, dass alles gut werden kann, weil doch immer alles gut war in ihrer kleinen Seifenblasenwelt, mit glücklich verheirateten Eltern, Berner Sennenhund und Sonntagsausflügen in die Natur. Das sind die schrecklichen Optimisten. Und man kann sich nur wundern, dass diese Spezies nicht schon längst ausgestorben ist. In einer Welt, in der selbst die UNICEF mit Korruptionsfällen zu kämpfen hat und Bruce Darnell es ins Fernsehen schafft, müsste doch eigentlich jede Hoffnung auf eine bessere Zukunft längst gestorben sein. Aber weit gefehlt. Mit Du-bist-Deutschland-Kampagnen und anderen propagandistischen Mitteln wird der Optimismus sogar noch weiter angeheizt, die Märchenparallelwelt geschürt. Der Optimismus ist wieder salonfähig und das beflügelt leider eine extreme Unterform dieser Spezies, die uns ganz besonders nervt: die Klugscheißer-Optimisten. „Die Zeit heilt alle Wunden“, „Das Glas ist immer halb voll“, „Alles hat auch seine gute Seite“. Solche Sprüche, besonders den Letzteren, kann man immer gut gebrauchen, in allen Lebenslagen, bei Scheidung, Todesfall, Krieg oder Vergewaltigung. „Ist natürlich schlimm, dass deine Schwester überfahren worden ist, aber guck mal, jetzt hast du zwei Zimmer zum Spielen.“ „Ist doch ganz gut, dass du jetzt Krebs hast, das gibt dir wenigstens Gelegenheit, dich mit dem Tod auseinanderzusetzen, bevor es soweit ist.“ Bitte, bitte nicht! Raha Emami Khansari


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