Dr. Sebastian Süden hatte den Tag in seinem Arbeitszimmer verbracht. Er hatte gelesen, ein bisschen Fachliteratur studiert, er hatte zwischendurch das Telefon angestarrt und sich jede Stunde mehr darüber gewundert, dass sich seine Erpresser nicht meldeten. Er hatte einige Male seinen E-Mail-Posteingang kontrolliert, aber auch über diesen Weg hatte bisher noch niemand versucht, Kontakt aufzunehmen. Dr. Sebastian Süden wusste jetzt, dass mit dem morgigen Tag etwas enden würde. Er hatte es in den Augen seiner Frau gelesen, die ihn für Augenblicke so hasserfüllt angesehen hatte. Es verging an diesem Tag keine Minute, die er nicht an diesen Blick dachte. Was hatte Maria vor? Er konnte es sich so halbwegs ausmalen. Wahrscheinlich wollte sie ihm vor der gesamten Geburtstagsgesellschaft eine Szene machen, ihn vor allen Leuten bloßstellen. Nun, das musste er dann wohl aushalten. Er würde einfach lächeln. Er würde zu allem lächeln. Wie würde Maria es anstellen? Dr. Süden überlegte, wie er an Marias Stelle vorgehen würde. Zu seinem Geburtstag spielte immer eine Band. Und das Mikrofon auf der kleinen Bühne wurde auch für die diversen Reden genutzt, die jedes Jahr zu seinen Ehren gehalten wurden. Er würde an ihrer Stelle die Bühne und dieses Mikrofon nutzen. Und er konnte sich sehr gut vorstellen, dass Maria einen ganz ähnlichen Plan hatte. Sie würde irgendwann zur Bühne gehen und eine kleine Ansprache halten: „Meine sehr verehrten Damen und Herren, liebe Freunde, liebe Gäste, leider ist dieser Geburtstag meines Mannes der letzte, den ich organisieren werde. Denn er hat mich betrogen und ich werde mich deswegen scheiden lassen. Ich hoffe, sie sehen es mir nach, dass ich die Party jetzt verlasse. Denn es hier noch eine Minute länger neben diesem – und ich hoffe, Sie verzeihen mir an dieser Stelle den derben Ausdruck – Arschloch auszuhalten, und zu heucheln, dass alles in Ordnung ist, dazu fehlt mir einfach die Lust. Ihnen wünsche ich natürlich noch einen schönen Abend mit meinem Mann. Ich würde aber auch Verständnis haben, wenn Sie jetzt lieber nach Hause gehen. Auf Wiedersehen.“
Etwas in der Art würde sie den Gästen morgen erzählen, natürlich ein bisschen weniger eloquent, denn die freie Rede war ihre Sache nicht. Er dachte darüber nach, wie er ihr die Tour vermasseln könnte. Keine Band, kein Mikrofon, kam es ihm in den Sinn. Niemand würde sie mit ihrer Piepsstimme hören ohne Mikrofon. Was, wenn er die Band morgen gleich wieder nach Hause schicken würde? Aber was, wenn er sich all das nur einbildete und morgen gar nichts passierte? Wie sollte er den Gästen die fehlende musikalische Unterhaltung erklären, eine Party ohne Musik?
Dr. Sebastian Süden beschloss, Maria auf andere Art und Weise einen Strich durch die Rechnung zu machen. Er stand auf und ging auf direktem Wege zu ihr. Maria klapperte wie üblich zu dieser Zeit mit den Töpfen in der Küche herum. Es sollte gleich Abendessen geben. Die Mädchen saßen schon auf ihren Plätzen am Küchentisch. „Könnt ihr Drei uns mal eben für einen Moment alleine lassen. Euer Vater und eure Mutter müssen kurz miteinander reden“, sagte er in einem Tonfall, der keinen Widerspruch zuließ. Die Drei standen schweigend auf und verließen die Küche.
Fortsetzung folgt…

