Elif Shafak gilt als eine der besten Gegenwartsautorinnen ihrer Zeit. Nicht nur in der Türkei. In den USA, wo sie zeitweise lebt und Frauen- und Genderstudien an der Universität von Arizona lehrt, ist sie längst eine Kultautorin. Umso verwunderlicher ist es, dass Elif Shafak hierzulande bisher wenig bekannt ist. Mit ihrem im Eichborn Verlag neu erschienenen Roman „Der Bonbonpalast“ hat sie ihren Platz in der westlichen Medienwelt nun aber vollends eingenommen. Die 1971 in Straßburg geborene Tochter einer türkischen Diplomatin wuchs in Spanien und Frankreich auf, ging erst zum Studium in die Türkei zurück. An der Universität von Ankara promovierte sie in Politikwissenschaften, lebte dann in den USA. Diese quasi globalisierte Kindheit ermöglicht ihr eine distanzierte Perspektive auf die Türkei. Shafak ist dadurch in der privilegierten Lage, die türkische Literatur mit europäischen Maßstäben zu werten und ihre eigene Position klar abzugrenzen. Und dies kommt in ihren Werken deutlich zum Vorschein.
Der Vorläuferroman „Der Bastard von Istanbul“ brachte ihr eine Klage wegen „Beleidigung und Verunglimpfung des Türkentums“ ein. In dem 2006 erschienenen Roman lässt sie eine fiktive Romanfigur über den türkischen Völkermord an den Armeniern sprechen. Die Türkei erkennt die Vertreibung und Auslöschung der Armenier 1915/1916 bis heute nicht an. Mit dem geschickten Kniff, kritische Äußerungen ihren literarischen Figuren zu überlassen, brach sie mit dem politischen Tabu und erregte damals internationales Aufsehen. Elif Shafak erzählt in ihren Romanen klug und differenziert mit vielen verschiedenen, vornehmlich weiblichen Stimmen aus multikulturellen Perspektiven. Ebenfalls eine literarisch kluge Lösung, um nicht auf eine Meinung festgelegt zu werden. Denn das kann durchaus gefährlich sein. Dass nationalistische Juristen mit dem umstrittenen Paragraphen 301 gegen Intellektuelle in der Türkei vorgehen, ist ja schon längst kein Geheimnis mehr. Der Fall von Orhan Pamuk, dem Literaturnobelpreisträger, der aufgrund von Äußerungen zur türkischen Geschichte im Jahre 2005 angeklagt wurde, ging um die Welt. Der Prozess gegen Elif Shafak endete für die Autorin glücklicherweise mit einem Freispruch. Offensichtlich hatte sie einen Richter, dem die Meinungsfreiheit etwas bedeutet. Sie entging einer Haftstrafe von 6 Monaten.
Auch durch ihre multiethnische Sprache löste Shafak Kontroversen aus. Denn die Autorin greift ganz bewusst auf osmanische Traditionen zurück und benutzt „alte“ Wörter aus persischen und arabischen Quellen – aus Protest gegen die Purifizierung der Sprache in der Türkei. „Als Schriftstellerin möchte ich, dass Worte von einer Insel zur anderen fließen, von der alten Zeit in die neue, so dass es eine Kontinuität gibt. Dies halte ich für wichtig für eine Nation“, hat sie mal gesagt und man liest es ihren Büchern an. Auch ihr neuer Roman „Der Bonbonpalast“ ist in diesem Erzählton gefärbt. Sowohl rhythmisch als auch stilistisch, manchmal ein bisschen an die skurrile Erzählweise aus „Die verrückte Welt der Amelie“ erinnernd – vom großen Ganzen ausgehend zoomt sie sich an die Welt der zehn Familien im „Bonbonpalast“ heran. Das wirkt lebendig: Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft prallen aufeinander und knüpfen einen Märchenteppich, der an die Geschichten aus Tausendundeiner Nacht erinnert. Das Haus als Stadtmetapher, eine Stadt als Hauptprotagonist. Elif Shafak hat die Stadt in einem Haus verdichtet und verwebt. „Der Bonbonpalast“, das sind zehn Wohnungen und damit zehn verschiedene Welten, zehn sehr unterschiedliche Familien in ihren Lebensweisen und Schicksalen. Da gibt es die ungleichen Zwillingsbrüder Cemal und Celal, die einen Friseursalon betreiben, das skurrile und altehrwürdige Tantchen Madam, Hüterin fremder Vergangenheiten. Eine junge Schönheit, genannt Blaue Mätresse, deren Name von der Farbe herrührt, da sie von ihrem Liebhaber, dem Olivenhändler, ständig himmelblaue Dessous geschenkt bekommt. Den streng religiösen Hausverwalter Hadschi Hadschi mit seinen Geschichten über Dschinns und Derwische, einen namenlosen Ich-Erzähler und einen kiffenden Medizinstudenten mit Hund, der im Keller des Hauses residiert und damit den Verstorbenen am Nächsten ist, denn das Haus ist auf einem alten Friedhof erbaut. Sogartig wird der Leser in die Geschichten hineingezogen, sie erscheinen real und fesseln vom ersten Augenblick.
Elif Shafak: Der Bonbonpalast. Roman. Aus dem Türkischen von Eric Czotscher. Eichborn Verlag 2008. 470 Seiten, 19,95 Euro.
Astrid Oltmann

