Ein Mädchen läuft seilspringend durch die Halle. „Achtet auf die Körperhaltung“, ruft die Trainerin. „Die Spannung ist wichtig.“ Noch ein paar Sprünge zum Aufwärmen, dann geht das Mädchen schwitzend in den Spagat. Sie dehnt sich für das eigentliche Training. Die Trainerin drückt ein wenig, aber die Dehnung reicht dem Mädchen noch nicht. Mit einem Bein geht sie auf einen Kasten, das andere liegt auf dem Boden. Was für den Autor dieser Zeilen zu einem Krankenhausaufenthalt führen würde, ist für das Mädchen Teil ihres Sports. Sie macht Rhytmische Sportgymnastik. „Man braucht schon eine gewisse Beweglichkeit. Ohne Training sind diese Übungen nicht möglich“, erklärt Simone Haupt. Sie ist Trainer für Rhythmische Sportgymnastik beim TUS Ricklingen. In dieser Sportart tanzen junge Frauen zur Musik. Kombiniert wird der Tanz mit dem Ball, der Keule oder dem Band. Entscheidend sind die gymnastischen Elemente. Es geht um die Harmonie der Bewegungen. Eine Kür soll einen Fluss der gezeigten Elemente darstellen. Geturnt wird auf einer 13 mal 13 Meter großen Fläche. „Wenn man eine gewisse Fingerfertigkeit hat, man gut mit den Handgeräten umgehen kann, sieht das sehr schön aus.“
Gleichberechtigung wird in dieser Sportart nicht groß geschrieben. Rhythmische Sportgymnastik ist in Deutschland nur den Frauen vorbehalten. Männer dürfen zwar zuschauen, selber aber nicht zum Band greifen. Simone Haupt erklärt sich diesen Zustand am mangelnden Interesse seitens der männlichen Turnerschaft. „In Japan gibt es aber auch einige wenige Männer, die diese Sportart ausüben.“ Die Mädchen starten idealerweise schon sehr jung. Mit 5 oder 6 Jahren fällt es leichter, den Körper in die entsprechenden Dehnungen zu bringen. Das Erlernen der Übungen ist spielerischer. Es gibt aber auch Gymnastinnen, die erst später starten. „Das geht natürlich. Wir haben auch zwei Mädchen, die älter waren, als sie bei uns anfingen. Mit Anfang zwanzig wird es aber schwierig, da dann oft die Zeit für das Training fehlt. Zwei mal sollte man mindestens in der Woche trainieren“, verdeutlicht Simone Haupt.
Disziplin ist eine entscheidende Eigenschaft bei der Rhytmischen Sportgymnastik. Wer nicht bereit ist, seinen Körper an Grenzen zu bringen und regelmäßig zu üben, kann diesen Sport nicht betreiben. Gibt es denn bei diesem Programm eine hohe Verletzungsgefahr? „Man muss es langsam aufbauen. Wenn man das erste Mal kommt, ist natürlich noch nicht so viel möglich, wie nach jahrelangem Training. Es gibt auch Mädchen, die einfach nicht so beweglich sind. Das muss man dann erkennen und Übungen auslassen. Wir sind aber auch nicht auf der höchsten Ebene aktiv.“ Typische Verletzungen sind Bänderdehnungen. „Wenn ein Mädchen nicht aufpasst, kann sie natürlich auch eine Keule auf den Kopf bekommen.“
Gibt es denn ein typisches Klischee über Gymnastinnen? „Wenn ich jemandem erzähle, dass ich Trainerin für Rhythmische Sportgymnastik bin, fällt oft der Begriff ‘magere Gummipuppen’. Bei uns sind aber alle gesund“, lacht Simone Haupt. Ob gesund oder ungesund, schmerzverzerrt sehen die Gesichter der Gymnastinnen nicht aus. Das einzig verzerrte Gesicht in der Halle hat der Besucher, der sich schmerzlich über den eigenen Mangel an Gelenkigkeit bewusst wird.
Weitere Infos unter www.tusricklingen.de
Interview und Foto: Christian Lawendel

