Nach der Finanzkrise ist vor der Finanzkrise

So, nun ist sie ja endlich geplatzt, die große Luftblase. Und jeder, egal ob Bänker oder Politiker, der nun so tut, als wäre der große Crash eine riesige Überraschung, ist entweder schlicht ein bisschen unterbelichtet oder ein Heuchler. Oder beides. Gewarnt haben ein paar Fachleute ja bereits sehr lange. Aber wer hört schon auf Professoren an irgendwelchen Unis, wenn es gilt, Wahlen zu gewinnen und viel Geld zu verdienen. Es lief ja auch alles immer irgendwie weiter bisher. Und wenn man eine Luftblase nicht mutwillig anpustet, dann platzt sie vielleicht gar nicht. Oder eben etwas später. Also hält man einfach die Luft an, macht keinen Wind und hofft, dass sie platzt, wenn die eigene Zeit der Verantwortung vorbei ist und man längst sein Schäfchen im Trockenen hat. So haben es die Bänker gemacht. Und so haben es auch die Politiker gemacht. Wobei man Letzteren zugute halten muss, dass sie wahrscheinlich tatsächlich keine Ahnung hatten. Ist ja auch verdammt kompliziert, dieser ganze Finanzmarkt. Bei den diversen „Geschäften“, die dort möglich waren und sind, reibt sich jeder normalsterbliche Unternehmer in der realen Wirtschaft verwundert die Augen. Ob klein, mittelständisch oder groß, ein eigenes Geschäft am Laufen zu halten, echte Waren zu produzieren oder Dienstleistungen anzubieten, echte Arbeitsplätze zu schaffen, echte Verantwortung zu übernehmen, das alles ist verdammt schwer. Und dann auch noch einen Gewinn zu erwirtschaften, das ist für viele Unternehmer meistens nur ein sehr bescheidenes Sahnehäubchen. Für diese realen Unternehmen war und ist es auch schwer, Kredite zu bekommen. Da ist oft ein kleiner Dispo auf das Geschäftskonto schon ein Staatsakt. Gemeinsam reiben sich nun alle die Augen, was da gerade so alles abgeschrieben wird. Man wundert sich und staunt. Bei der Blase, die jetzt so spektakulär platzt, geht es um Geld, das im Grunde keinen realen Hintergrund hat. Da gibt es zum Beispiel Konstruktionen zur Geldanlage, die darauf aufbauen, dass Verluste gemacht werden. Man wettet sozusagen auf das Pech der anderen. Abgesehen von solchen ganz besonderen Konstruktionen geht es aber in der Hauptsache natürlich immer um Renditen und Dividenden, und das heißt, es geht um einen möglichst guten Kurs an der Börse und entsprechend um schöne Bilanzen. Noch spiegeln die bei uns in Deutschland recht real die Situation eines Unternehmens wider. Wer hier beispielsweise ein Grundstück besitzt, der schreibt den Kaufwert dieses Grundstücks in die Bilanz – nicht den Spekulationswert. So kann es sein, dass ein Grundstück bereits viel mehr wert ist als beim Kauf. Dieser Mehrwert ist dann eine stille Reserve. In Amerika steht der Spekulationswert in der Bilanz, egal, ob das Unternehmen eine Fabrik auf dem Gelände stehen hat und somit bei Kapitalbedarf gar nicht verkaufen könnte. Nach der Bilanz ist das Unternehmen in Amerika also mehr wert. Bemerkenswert ist, dass unsere Politiker im Augenblick darauf verzichten, öffentlich zu machen, dass es gerade Bestrebungen gab, unser Bilanzsystem dem amerikanischen anzupassen. Auch hier sollte man jetzt schleunigst auf die Bremse treten. „Back to the roots“ wäre eigentlich das Gebot der Stunde. Aber das bleibt nur ein schöner Traum, denn die Finanzmärkte haben vor allem eine unauslöschliche Triebfeder: die Gier. Und so wird nun die Finanzkrise kurzfristig für vorsichtige Menschen sorgen, nicht aber für bescheidene Menschen. Sobald sich die Aufregung gelegt hat und alles wieder in geordneten Bahnen läuft, wird erneut in Fonds investiert, ganz egal, ob die Unternehmen darin heiße Luft produzieren, oder Waffen, oder von Kinderhänden filigran zusammengenähte T-Shirts. Denn was ist verlockender, als nicht arbeiten zu müssen und trotzdem Geld zu verdienen? Und darum ist nach der Finanzkrise vor der Finanzkrise. In diesen unsicheren Zeiten eine schöne Erkenntnis. Wenigstens darauf kann man sich noch verlassen.

 


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