Ein ganz alter Hut, werden viele sagen, diese Frage ist doch längst geklärt. Die Männer haben sich in grauen Vorzeiten als Anführer ihrer Höhlensippen sozusagen darüber definiert zu wissen, wo es lang geht, bzw. wohin das Bison zieht. Damals wäre es ganz unvorstellbar gewesen, einen anderen Mann, geschweige denn ein anderes Sippenoberhaupt zu fragen. Da hätte man diesem anderen Sippenvorstand genauso gut gleich alle gebärfähigen Frauen der eigenen Sippe überlassen können, um dann in einer einsamen Schlucht den Säbelzahntiger zu treffen (sehr alte Umschreibung für Selbstmord). Und diesen archaischen Grundmustern folgt der männliche Verstand noch heute. Sitzt er im Auto und weiß nicht mehr weiter, fährt er lieber kilometerweit ohne jede Orientierung durch die Pampa, bis ihm irgendwann rein zufällig wieder irgendwas bekannt vorkommt. Jemanden zu fragen, das kommt ihm zwar in der heutigen, emanzipierten Zeit durchaus in den Sinn, ist aber keine Möglichkeit, die ein echter Mann ernsthaft in Erwägung zieht. Da erfindet er lieber Navigationsgeräte.
Bei den Frauen war das natürlich schon damals völlig anders. Wenn der Mann mal wieder lieber verhungert wäre, als zuzugeben, dass man sich heillos verfranst hatte, stahl sich die Frau heimlich für ein Stündchen davon und machte sich auf die Suche nach jemandem, den sie fragen konnte. Und hatte sie dann den richtigen Weg herausgefunden, setzte sie sich an die Spitze der Gruppe, ging scheinbar direkt neben ihrem Mann, ging aber in Wirklichkeit einen knappen halben Schritt voraus, damit niemand der anderen merkte, dass sie nun die Führung übernommen hatte. Und der Mann ließ es dankbar geschehen. So schaffte es die Sippe doch ans Ziel, wo die Bisons warteten und niemand hungern musste. Während der Mann sich also seit jeher mit seinem Stolz und seiner Profilneurose herumschlägt, rettet die Frau lieber pragmatisch das Leben ihrer Familie. So jedenfalls hat man unsere Eingangsfrage bisher beantwortet: Frauen mussten zwangsläufig nach dem Weg fragen. Doch jetzt gibt es nach gentechnischen Untersuchungen der Überreste unserer Vorfahren ganz neue Erkenntnisse, die zumindest die Sicht auf die Frau völlig verändern. Demnach waren nicht in erster Linie die Männer für die Verbreitung der Gene ihrer Sippe in der Welt verantwortlich, sondern die Frauen. Soll heißen, nicht die Männer sind mit der Keule umhergezogen und haben ihre Gene bei jeder eingepflanzt, die nicht bei Drei auf den Bäumen war. Im Gegenteil. Anscheinend haben sich die Frauen auf den Wanderschaften häufig und gerne mit fremden oder sogar fremdartigen Männern eingelassen. Und nun kann man sich plötzlich sehr gut vorstellen, dass die Frau, wenn sie für ein Stündchen verschwunden ist, entweder einen solchen fremdartigen Mann „nach dem Weg“ gefragt hat, oder dass sie sich mit einer anderen Frau darüber ausgetauscht hat, ob die fremdartigen Männer mit den breiten Schultern eher flussaufwärts oder flussabwärts zu finden sind. Alles natürlich aus dem pragmatischen Grund, durch die Vermischung der Gene die menschliche Rasse wieder ein Stückchen perfekter zu machen. Und so ist unsere Eingangsfrage nun ein wenig anders zu beantworten: Es stimmt, Männer können nicht nach dem Weg fragen. Und darum mussten die Frauen nach dem Weg fragen. Aber die Damen wollten auch. Und das anscheinend sogar sehr gerne.

