Eigentlich ist es paradox. Wir werden gerade Zeuge einer Krise, in der bereits etliche Länder nahe vor dem Staatsbankrott stehen, auch mitten in Europa.
In der plötzlich und unerwartet die Politik als regelnde Instanz wieder gefragt ist. In der Hilfen in Milliardenhöhe gefordert und gewährt werden, nicht nur von Banken und Unternehmen, sondern inzwischen auch von in Bedrängnis geratenen Staaten. Und wir hören die Stimmen von durchaus klugen Menschen, die anmahnen, dass man gerade in Europa jetzt dringend eng zusammenarbeiten müsse, dass ohne eine starke Staatengemeinschaft mit einem gemeinsamen Weg die Krise vielleicht noch viel schlimmer wird, als man das bisher prophezeit hat.
Die europäischen Länder könnten im Schulterschluss tatsächlich einen immens wichtigen Beitrag leisten, um die Krise der Weltwirtschaft zu überwinden. Diese Gemeinschaft hätte ausreichend Kraft, um der aus dem Ruder gelaufenen Finanzwirtschaft ein heilendes Korsett anzulegen. Paradox ist, dass diese Staatengemeinschaft nicht existiert und auch nicht existieren wird, wider besseres Wissen. Die Regierungen in den Ländern köcheln lieber ihr eigenes Süppchen, jede für sich, jede so gut oder so schlecht wie sie kann, und vor allem jede so, dass der Wähler bei der nächsten Wahl sein Kreuzchen an der richtigen Stelle macht. So auch bei uns. Auch wenn es manchmal den Anschein hat, dass Europa ernst genommen wird, und man miteinander arbeiten will.Im Grunde gilt: Deutschland zuerst, Europa später. Das ist nicht nur das Motto einiger kleinerer deutscher Parteien, die genau diesen Standpunkt, die Anti-Europa-Haltung, bei der kommenden Europawahl ins Felde führen, um Stimmen zu gewinnen.
Bei den großen Parteien hält sich die Europa-Euphorie ebenfalls sehr in Grenzen. Im Gegenteil. Man hat so ein bisschen den Eindruck, dass Europa nur eine nette Gelegenheit ist, das Gesicht mal wieder gewichtig in die internationalen Fernsehkameras zu halten. Man gibt sich Staatsmännisch. Das bringt zu Hause Wählerstimmen. Alles andere ist egal. Sie alle wissen genau, dass die Europa-Skepsis vor allem jetzt in der Krise Europa um Jahre zurückwerfen wird. Eigentlich wäre das Desaster eine echte Chance. Aber die altbekannte Europa-Skepsis wird trotzdem bedient und geschürt, manchmal ganz offensiv, meistens eher subtil. Was gehen uns die anderen an? Was kümmert es uns, wenn irgendwelche Staaten im Osten Pleite gehen? Vor der Krise ging es uns doch gut in Deutschland. Verbockt haben das die anderen. Warum mit denen zusammenarbeiten? Wir müssen jetzt erstmal unsere eigenen Arbeitsplätze sichern und schützen. Da klingeln die Stimmzettel in der Wahlurne. Kurzfristige Machtinteressen bestimmen die Politik und machen alle langfristigen Ansätze zunichte. Doch diese Alleingänge werden nichts bringen, außer einen noch viel tieferen Absturz. Die Idee Europa spielt leider keine große Rolle mehr im Denken der Politiker hierzulande und in den europäischen Nachbarstaaten.
Das wird sich bitter rächen. Die Welt ist vernetzt, die Wirtschaft ist vernetzt. Sich aus diesem Netz zu befreien, heißt aber nicht Freiheit, sondern Absturz. Trotzdem ist Europa out. Und natürlich merken das auch die Wähler. Warum wählen, wenn die Gewählten später sowieso machtlos sind, weil nationale Interessen im Vordergrund stehen? Warum sollte ich für Europa am Sonntag aus dem Haus gehen? Es müsste schon ein Wunder geschehen, wenn bei der kommenden Europawahl die Wahlbeteiligung über 50% klettern würde. Die Wähler sind ähnlich desinteressiert an Europa wie die Politiker. Fragt sich nur, wer zuerst da war, das Huhn oder das Ei.
Pol

