autonome

Viele Randgruppen in unserer bunten und schönen Gesellschaft sind als Randgruppe auf den ersten Blick nicht zu erkennen. Die Bauchtänzerin verrät sich nicht im alltäglichen Leben; sie sieht aus wie alle anderen. Auch der Nackttöpfer begegnet uns im normalen Leben angezogen. Erst zur Ausübung ihrer Randgruppen-Passion schlüpfen diese Menschen in die entsprechenden Kostüme (oder entledigen sich ihrer Kleidung), treffen sich mit ihren Randgruppen-Komplizen und frönen ihrer Leidenschaft.

Es gibt durchaus sinnvolle Randgruppen-Aktivitäten, so zum Beispiel die Randgruppe der Frösche-Einsammler-und-über-die-Straße-Helfer. Oder zwar völlig überflüssige, aber dennoch weitgehend harmlose Randgruppen wie die der Karnevalisten. Es gibt da aber eine Randgruppe, die verkleidet sich ebenfalls, ist aber überhaupt nicht harmlos. Das ist die Gruppe der sogenannten Autonomen.

Nun wollen wir hier natürlich niemandem Unrecht tun, der sich gelegentlich, zum Beispiel am 1. Mai oder zum Schanzenfest in Hamburg, in die schwarze Kluft wirft und den Schal um das Gesicht wickelt, damit ihn der böse Staat nicht erkennt. Um so als Autonomer für alle erkennbar durch die Straßen zu ziehen und Parolen wie „Anarchie“ zu rufen. Dagegen ist ja eigentlich nichts einzuwenden. Natürlich ist die Anarchie als Grundlage für ein Gesellschaftssystem ein wenig fragwürdig, aber wir gehen mal davon aus, dass der gebildete Autonome sich ausreichend Gedanken über die verschiedenen Modelle gemacht hat und nach reiflicher Überlegung zu dem Ergebnis gekommen ist, dass zum Beispiel die Demokratie ihm nicht die Freiheit garantiert, die ihm ein gepflegter Anarchismus bescheren würde.

Wir unterlassen es also ausdrücklich, diese Menschen hier zu diffamieren und zum Beispiel zu behaupten, dass alle Autonomen nur Lust auf Randale haben, arbeitsscheue Gesellen sind, die dem Staat, den sie bekämpfen, gleichzeitig auf der Tasche liegen, und insgesamt nur eine diffuse Vorstellung von dem haben, was sie eigentlich wollen, wobei sie gleichzeitig wahllos alles mögliche nicht wollen.

AutonomeNun gibt es aber jene unter den Autonomen, die den Staat, und als Stellvertreter die Polizei, als ihren Feind identifiziert haben und gegen diesen Feind in den Krieg ziehen. Also werfen sie bei passender Gelegenheit Steine oder Molotow-Cocktails oder was ihnen sonst gerade in die Finger kommt. Natürlich kann man auch hier geteilter Meinung sein. Jeder Mensch hat ja durchaus das Recht auf Selbstverteidigung.

Wenn ihm also Unrecht widerfährt, dann darf er sich dagegen wehren.

Klar ist es etwas mühsam zu verstehen, welches Unrecht den Autonomen in Deutschland widerfährt, aber da wird es bestimmt irgendwas geben. Die schmeißen ihre Steine ja nicht einfach so auf die Polizisten, oder? Ganz sicher hat es einen tieferen Sinn, wenn ein, sagen wir mal Vater von zwei Kindern, der ganz zufällig Polizist geworden ist und vielleicht gerade gestern noch bei einem Unfall erste Hilfe geleistet hat, wenn dieser Polizist tags darauf einen Stein an den Kopf bekommt oder sich Verbrennungen dritten Grades einhandelt. Denn immerhin ist er ja ein „Drecksbulle“ und ein Verteidiger des „Schweinestaats“.

Nein, man muss schon fair bleiben. Die Autonomen haben ganz sicher über all das nachgedacht. Es ist also auch absolut gerechtfertigt, dass der Steuerzahler für die Polizeieinsätze Millionen bezahlt, denn in Deutschland darf sich jeder frei äußern.

Was ist aber mit all den Autonomen, die in Wirklichkeit gar keine Autonomen sind, die eigentlich noch bei Mama wohnen und ganz sicher keine Ahnung haben, was Anarchie oder Demokratie oder was auch immer überhaupt bedeutet, weil das bis zur 9. Klasse noch kein Lehrstoff war? Was macht man mit denen? Sie auf Klassenfahrt nach Mosambik schicken und dort für eine Weile als Selbstversorger aussetzen? Es könnte sein, dass dem einen oder anderen so eine Reise ganz gut tun würde. Aber das wäre wohl doch ein bisschen hart.

Suchen wir lieber den Dialog. Nehmen wir diese jungen Menschen zur Seite und fragen nach. Was, ihr Lieben, ist denn für euch Anarchie? „Anarchie ist Freibier und nicht arbeiten“, hat letztens ein Autonomer im Fernsehen verkündet. Der war aber nicht 15 Jahre alt, sondern 29 und ein Vordenker der Szene (so stand es im Subtitel). Der Nachwuchs wird eher ratlos die Schultern heben und vielleicht was von Spaß und Frust erzählen. Für den tieferen Einblick in die gewichtigen Argumente der Autonomen fehlt hier noch ein wenig die Reife. Aber mit solchen Vorbildern wie diesem 29-jährigen Vordenker wird sich diese Reife sicherlich irgendwann einstellen.

Und dann darf man endlich Steine schmeißen – man hat ja einen Grund.

GAH


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7 Kommentare für “autonome”

  1. FAU-Hannover FAU-Hannover sagt:

    Liebe Stadtkinder,

    wir hatten uns schon gefreut, als wir die Randgruppenbeleidigung in der August-Ausgabe gesehen hatten. Gefreut auf eine kurzweilig, spitze Glosse, die für Kopfschütteln sorgt, aber auch zum Nachdenken anregt. Da sich anscheinend auch bei euch ein Sommerloch breit macht, ist das aber ziemlich daneben gegangen – da ist selbst der Verfassungsschutzbericht informativer, lustiger und regt mehr zum Denken an.

    Dass ihr alle Klischees über Autonome der 1980/90er Jahre wiederkäut – geschenkt!

    Dass der bereits erwähnte Verfassungsschutzbericht euch einige Ansatzpunkte über die Kindheitserinnerungen vom 1.Mai 1987 in Berlin und aus Aktenzeichen XY hinaus für eine gelungenere Satire gegeben hätte – geschenkt!

    Dass ihr denkt alle Polizisten sind so liebe „Papa-Bullen“ wie Toto und Harry – geschenkt!

    Den Überfall auf die FC St.Pauli-Fan-Kneipe Jolly Roger durch die Polizei am 4. Juli 2009 habt ihr vermutlich genauso wenig im Blick gehabt, wie die Behandlung des Mannes aus Togo durch die Besatzung der Herschelwache hier in Hannover am 26. November 2008 – geschenkt!

    Normalerweise würden wir auch gar nichts schreiben, schließlich war ein Teil eure Satire ja auch gar nicht so schlecht.

    ABER – dass ihr in der Randgruppenbeleidigung so tut, als ob hinter Anarchismus keine politischen Konzepte stehen würden, dass finden wir unmöglich.

    Vielleicht hätte ja ein Blick auf die Einträge zu Autonome und Anarchismus bei Wikipedia geholfen. Aber vermutlich seid ihr, wie alle JournalistInnen, viel zu überarbeitet, um noch vernünftig Zeit zum recherchieren zu haben.

    Arbeit ist übrigens ein gutes Stichwort. Wir – also die FAU – sind eine Gewerkschaft nach den Prinzipien des Anarcho-Syndikalismus. Dass heißt wir setzen uns nicht nur für die Verbesserung von Arbeitsbedingungen ein – wir haben auch Ahnung vom Anarchismus.

    Falls ihr also das nächste Mal wieder etwas mit Anarchismus schreiben wollt, könnt ihr uns gerne vorher fragen. Natürlich könnt ihr uns auch besuchen wenn ihr Probleme auf der Arbeit habt – zum Beispiel zu schnell zu viele Texte schreiben müsst, so dass die Qualität leidet.

    Falls ihr noch nie von uns gehört habt: Wir feiern am 28. November unser über 30jähriges Bestehen in Hannover – falls ihr Lust habt, könnt ihr ja vorbei schauen – dann können wir euch bei einem Getränk eurer Wahl mal das mit der Anarchie erklären. Vielleicht gibt’s sogar den beliebten autonome Schlager: „Ein Stein, der deinen Namen trägt…“

    Brot und Rosen!

    Eure
    Lokalföderation Hannover
    der Freien Arbeiterinnen und Arbeiter Union (FAU)
    kämpferische Gewerkschaft seit 1977

  2. egge egge sagt:

    ick find die antwort noch lustiger als die randgruppenbeleidigung. bitte, bitte abdrucken!

  3. Karl Karl sagt:

    Gekonnt gekontert!

  4. Burger Burger sagt:

    Jop, da habt ihr ja mal ganz gut daneben gegriffen, schade dass sowohl Humor als auch Recherche bei euch nicht groß geschrieben werden.
    Euer Burger

  5. A. A. sagt:

    Tja, damit habt ihr euch keinen Gefallen getan. Das Aufsitzen auf altgediente Klischees hat noch für sonderlich viel Ansehen gesorgt. Die Genossen der FAU haben euch ja bereits angeboten, die geistige Materie der Anarchie mit euch gemeinsam zu erörtern, um damit mal ein wenig Licht in das kleine Oberstübchen zu bekommen. Damit Ihr aber bei eurem Gespräch nicht nur zuhören müsst, habt ihr hier die Gelegenheit ein bisschen rum zu streben: http://dadaweb.de/wiki/Anarchie_-_Zur_Geschichte_eines_Reiz-_und_Schlagwortes

    Ach, und niemand wird zufällig Polizist.
    Oder? Naja, man liest ja öfters von Leuten die sturzbetrunken in die Polizeiwachen stolpern, und dann dort gleich verpflichtet werden. Die Grundvorraussetzung wurde ja bereits erfüllt… .

    MaG

    PS.: Ich hab noch nie einen Prügelbullen gesehen, der bei Verkehrsunfällen eingesetzt wurde… .

  6. A. A. sagt:

    * da fehlt ein: “nie” in der zweiten zeile

  7. B B sagt:

    Auch 9. Klässler können wissen was Anarchie ist!
    Das hat doch nichts mit dem Alter zu tun sonder damit , wie man sich mit den verschiedenen Themen auseinandersetzt.

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