Es war einmal ein kleiner Baum, der wusste so gar nichts mit sich anzufangen.
„Was willst du mal werden, wenn du groß bist?“ fragten die anderen Bäume ihn immer und immer wieder.
„Ich weiß nicht.“ antwortete der kleine Baum.
Die Jahre vergingen, der kleine Baum wurde ein Stückchen größer, und wieder fragten sie ihn: „Was wirst du mal werden, wenn du groß bist?“
„Ich weiß es nicht.“ antwortete der kleine Baum. Er wusste es wirklich nicht.
„Das gibt’s doch gar nicht. Jeder weiß doch irgendwann mal, was er werden möchte, wenn er groß ist!“ schimpfte seine Mutter.
Da beschloss der kleine Baum, einfach nicht mehr zu wachsen. Wenn ich gar nicht erst groß werde, so dachte er, dann muss ich auch nichts werden. Und so blieb der kleine Baum eben klein.
Älter wurde er natürlich trotzdem.
„Du kommst langsam in ein Alter, in dem andere Bäume längst was aus sich gemacht haben und dabei sind, ihre eigenen kleinen Bäumchen zu pflanzen. Und du weißt immer noch nicht, was du werden möchtest!?“ schimpfte seine Mutter unentwegt weiter.
Nein, nein, nein, der kleine Baum wusste es nicht. Das machte ihn sehr, sehr traurig.
Er ließ sich gehen.
„Du könntest dir ruhig mal wieder deine Äste schneiden lassen. Du siehst ja fürchterlich aus!“ schimpfte seine Mutter.
Aber der kleine Baum wollte nicht hören. Seine Äste wuchsen und wuchsen, und die Zweige wurden länger und länger und reichten bald bis zum Boden. Dem kleinen Baum war das gerade nur recht. So bedeckten die Zweige wenigstens sein Gesicht, und keiner konnte sehen, wie traurig er war.
Die Jahre zogen ins Land, und der kleine Baum wiegte sich monoton im Wind und grübelte und grübelte. Doch es wollte ihm einfach nicht einfallen, was er werden könnte.
Eines Tages begegnete ihm ein anderer kleiner Baum.
„Hallo kleiner Baum“, sagte der kleine Baum. „Du siehst aber lustig aus. Warum bist du denn so fröhlich? Weißt du etwa schon, was du werden willst, wenn du mal groß bist?“
„Aber ich bin doch schon groß“, antwortete der andere kleine Baum. „Und ich bin auch längst was geworden. Ich bin ein Glücksbaum!“
„Ein Glücksbaum?“ Der kleine Baum war begeistert. „Das klingt aber toll! Hurra, jetzt weiß ich auch endlich, was ich werden möchte!“
Zu gerne wäre der kleine Baum vor Freude in die Luft gesprungen, doch seine schweren Äste hinderten ihn daran. So wiegte er sich wieder nur ein bisschen im Wind.
„Aber du kannst doch gar kein Glücksbaum werden“, entgegnete der Glücksbaum.
„Ach ja, und warum bitte nicht?“ hakte der kleine Baum nach.
„Na, weil du doch schon längst was anderes geworden bist!“
Der kleine Baum war verwirrt.
„Ich? Aus mir ist schon was geworden und ich habe es gar nicht mitbekommen?“
Der kleine Baum begann zu lächeln.
„Das ist ja hervorragend! Ich bin was! Endlich bin ich was! Und ich kleiner Narr war all die Jahre lang traurig…“
Nun lachte der kleine Baum, und er lachte, bis die Lachtränen ihm über die Wangen kullerten, und er konnte gar nicht mehr aufhören zu lachen, bis seine schweren Äste zu wippen begannen und ihm die Luft nahmen und er sich verschluckte und aus den Lachtränen Hustentränen wurden.
„Ja, und was bin ich denn nun?“ fragte der kleine Baum schließlich tränenüberströmt.
Der Glücksbaum reichte dem kleinen Baum eines seiner Blätter.
„Da, für deine Schniefnase. Und du weißt wirklich nicht, was du bist?“ fragte der Glücksbaum.
„Nöö, woher denn? Nun sag’ schon, was bin ich!?“ bettelte der kleine Baum.
„Du bist eine kleine Trauerweide.“
Manuela Sender

