Man mag es kaum glauben, aber da soll doch tatsächlich vor ein paar Tagen ein Mitglied des Bundestags in aller Öffentlichkeit gesagt haben, dass es in der Politik eigentlich um viel mehr gehe, als um den gelungensten Auftritt in der Öffentlichkeit. Es würde im Grunde auch gar nicht um Posten gehen, um das einzelne politische Amt, um die verschiedenen Strategien, den politischen Gegner, aber auch darum, die Konkurrenz in den eigenen Reihen hinter sich zu lassen. In Wirklichkeit, so dieser Abgeordnete, würde es um die besten Ideen gehen, um Lösungen. Die Sache wäre ja ganz einfach: Wo immer Menschen in einer Gesellschaft zusammenleben würden, gäbe es Unterschiede und Ungerechtigkeiten. Die Politik sei einzig und allein dazu da, diese Unterschiede und Ungerechtigkeiten so weit irgend möglich aus der Welt zu schaffen, und das langfristig. Und die verschiedenen Ansätze zur Linderung der Probleme könne man in den Parteiprogrammen nachlesen. Nicht der Kopf an der Spitze sei wichtig, sondern die Ideen hinter dem Kopf.
Ja, verdammt noch mal, wenn das so einfach ist, warum sagt uns das denn keiner? Jetzt dachten wir die ganze Zeit, es gehe darum, den Politiker zu wählen, der in der Öffentlichkeit möglichst nichts Falsches sagt, und bloß nicht zu viel, und das möglichst populär. Heißt das jetzt, dass wir die ganzen Talkshows im Fernsehen gar nicht ansehen müssen? Dass das Image-Problem von Frank-Walter Steinmeier gar nicht wichtig ist? Dass es völlig egal ist, ob Angela Merkel ein Kleid oder einen Hosenanzug trägt? Wenn es bei der Politik tatsächlich um so einfache Dinge wie verschiedene Parteiprogramme geht, dann würde das ja heißen, dass Wahlen Sinn machen könnten. Dass die Parteien für Inhalte stehen, dass sie Ideen haben, vielleicht sogar Lösungen.
Wenn das so ist, dann müssen wir jetzt ganz schnell umdenken. Dann müssen wir alle schleunigst die verschiedenen Parteiprogramme lesen und den Fernseher für eine Weile abschalten. Am Ende wählt noch jemand die CDU, weil das grüne Kleid von der Merkel so hübsch aussah. Oder jemand wählt die SPD, weil man einfach ein Zeichen gegen den Trend setzen will oder weil man Mitleid mit Steinmeier hat. Oder jemand wählt die Grünen, weil die alle so nett sind. Oder jemand wählt die FDP, weil der Westerwelle so ein frischer, dynamischer Typ ist. Am Ende geht jemand zur Wahl, ohne zu wissen, welche Ideen hinter dem Kopf an der Spitze stehen. Das kann arg ins Auge gehen. Bei jeder Wahl. Da findet beispielsweise jemand irgendwo in Niedersachsen, dass Gesamtschulen eine schöne Idee sind. Dann geht er zur Wahl und wählt einen sympathischen Menschen, weil sympathische Menschen ja eigentlich nichts gegen Gesamtschulen haben können. Und plötzlich will dieser sympathische Mensch alle Gesamtschulen abschaffen. Oder jemand geht zur Bundestagswahl und wählt einen frischen, dynamischen und rhetorisch nicht unbegabten Mann, der darüber hinaus auch noch den Anschein erweckt, in Sachen Wirtschaft kompetent zu sein. Und wundert sich dann später, dass auf dem Nachbargrundstück ein Endlager entsteht.
Leider steht zu befürchten, dass auch nach der kommenden Bundestagswahl der Wähler wieder einige böse Überraschungen erlebt. Weil am Ende dann doch viel wichtiger war, dass der Steinmeier an den ungeliebten Lehrer aus der Grundschulzeit erinnert oder die Merkel so nett ein Kind geherzt hat. Vielleicht müssen wir doch unsere Demokratie umbauen.
Wie wäre es, einfach die Spitzenkandidaten abzuschaffen. Wie wäre es, wenn gar keine Politiker mehr zur Wahl stünden, sondern nur noch die unterschiedlichen Parteiprogramme. Wir würden dann alle von den verschiedenen Parteien das Programm mit der Post bekommen, könnten die Papiere auf dem Wohnzimmertisch ausbreiten, und ganz in Ruhe vergleichen und entscheiden. Dann machen wir ein fundiertes Kreuz. Und danach entscheiden die Parteien intern, wer aus ihren Reihen für welchen Posten geeignet ist. Aber erst danach.
Ach wäre das herrlich. Politik ganz ohne heiße Luft. Natürlich, Papier ist geduldig. Und Parteiprogramme sind oft nicht das Papier wert, auf dem sie geschrieben wurden. Aber alles ist besser, als nur ein sympathisches Lächeln zu wählen.
Pol
