Krank zu sein, das ist eigentlich nicht besonders erstrebenswert. Aber es gibt Situationen im Leben, da kann das Wissen um bestimmte Krankheiten und ihre Symptome durchaus nützlich sein. Wer in solchen Situationen die hohe Kunst der Simulation beherrscht, also das Vortäuschen bestimmter Symptome eines Krankheitsbildes, der kann sich durchaus elegant aus der Affäre ziehen. Hier im Folgenden drei Beispiele.
Hat man eine Tante, die man nicht besonders mag, die einen aber ständig zum Essen einlädt, so könnte das Capgras-Syndrom helfen, benannt nach Joseph Capgras (1873-1950). Bei diesem Syndrom glaubt man, dass nahe Verwandte oder sogar der Lebensgefährte durch Doppelgänger ausgetauscht worden sind. Dieser Glaube ist das einzig beschriebene Symptom der Erkrankung. Das macht es einfach. Man behauptet schlicht, die ungeliebte Tante sei gar nicht die ungeliebte Tante, während man die Tante skeptisch beobachtet, lauernd auf die Geste, die sie verrät. Um dann aufzuspringen und hysterisch „Ich wusste es!“ zu schreien. Bei dieser Täuschung braucht man allerdings einen Komplizen, der der Tante später vom Capgras-Syndrom erzählt. Natürlich kann man mit dem Capgras-Syndrom auch den abgeliebten Lebensabschnittspartner zum Rückzug zwingen. „Du bist nicht mein Mann, das weiß ich genau. Mein Mann hätte nie seine Socken in der Gegend liegen lassen und außerdem hat er sich nie für Fußball interessiert. Ich weiß nicht, wer du bist, aber du bist nicht mein Mann.“ Es werden nur Tage vergehen, bis der Mann entnervt die Koffer packt.
Äußerst peinlich kann es sein, den Namen eines Menschen vergessen zu haben, den man eigentlich kennen muss. Besonders auf offiziellen Empfängen ist ein solcher Aussetzer nicht nur peinlich, sondern vielleicht sogar äußerst geschäftsschädigend. Hier hilft die Prosopagnosie, und man sollte einfach ganz offensiv dem Gegenüber diese Krankheit eingestehen. Sie bezeichnet die Unfähigkeit, eine bekannte Person am Gesicht zu erkennen. Erstmalig beschrieben hat dieses Krankheitsbild 1947 der deutsche Neurologe Joachim Bodamer. Besser bekannt ist die Prosopagnosie unter dem Namen Gesichtsblindheit. Allerdings ist diese Übersetzung nicht exakt. Gesichtsblindheit beschreibt die Unfähigkeit eines Menschen, ein Gesicht überhaupt als Gesicht zu erkennen. Bei der Prosopagnosie erkennt man dagegen durchaus ein Gesicht, aber keine Person. Angereichert mit diesen Details wird der Unerkannte kaum Zweifel haben, dass er tatsächlich einem Prosopagnosie-Fall gegenübersteht.
(Foto: aboutpixel.de, Anja Langner)
Gerade im Sommer, wenn die Kleidung der Damenwelt luftiger wird und der Testosteronspiegel beim männlichen Geschlecht entsprechend steigt, hat so mancher Herr der Schöpfung seine Hände nicht im Griff. So kann es passieren, dass ihm im Großraumbüro die Hand ausrutscht und auf dem Hinterteil einer Kollegin landet. Um nun möglichen Klagen wegen sexueller Belästigung von vornherein die Grundlage zu entziehen, sollte man(n) über das Alien-Hand-Syndrom (AHS) genau Bescheid wissen. Bei dieser neurologischen Störung unterliegt die Steuerung einer der beiden Hände nicht der willentlichen Kontrolle des Erkrankten. Erstmals beschrieben wurde die Störung 1908 vom deutschen Neurologen Kurt Goldstein. Am besten dokumentiert ist sie bisher bei Menschen, bei denen im Gehirn das Corpus Callosum (Balken) durchtrennt ist (Split Brain Patient). Die Störung kann aber auch nach Schlaganfällen oder Infektionen auftreten. Die betroffenen Menschen haben keine oder nur sehr wenig Kontrolle über die sogenannte Alien Hand. Sie empfinden diese Hand als fremd und nicht zu ihrem Körper gehörend. Oft arbeitet die Alien Hand gegen die andere Hand. Will der Erkrankte beispielsweise mit der rechten Hand etwas essen, versucht die linke Hand, ihn daran zu hindern. Für die Betroffenen ist das kein Spaß, obwohl das Ganze natürlich urkomisch aussieht. Es kommt sogar vor, dass die Alien Hand versucht, den Erkrankten zu erwürgen. Rutscht einem also im Großraumbüro die Hand aus, so ist man gut beraten, sich danach mehrere Minuten im Kampf mit dieser Hand auf dem Boden zu wälzen.
GAH

