USA, 2009
Längst fester Bestandteil der Popkultur, ist es nun auch noch ausgerechnet ein Kinderfilm, der neue Maßstäbe im Actionfilmgenre setzt.
Lord Voldemort ist zurück und strebt einmal mehr nach der Herrschaft über die Welt der Zauberer und der Unterwerfung der Muggelstämmigen. Angst und Schrecken sind allgegenwärtig. Keine guten Vorzeichen also für das sechste Jahr von Harry Potter (Daniel Radcliffe) an der Hogwarts-Schule für Hexerei und Zauberei. Da Harry gemäß einer Prophezeiung der Einzige ist, der Voldemort zu Fall bringen kann, entschließt sich Schulleiter Albus Dumbledore, seinen Schüler in seine Nachforschungen in Bezug auf die Vergangenheit von Tom Riddle einzuweihen. Es geht um die Zeit, bevor dieser zu Lord Voldemort wurde. Dumbledore zeigt Harry in seinem Denkarium verschiedene Erinnerungen, die nach und nach ein furchtbares Geheimnis offenbaren. Zu allem Überfluss hat auch noch die Pubertät Einzug in Hogwarts erhalten. Harry fühlt sich stark zu Ginny Weasley, der jüngeren Schwester seines besten Freundes Ron (Rupert Grint), hingezogen. Und auch das Beziehungsdreieck zwischen Ron, Hermine (Emma Watson) und Lavender Brown sorgt für allerlei Unruhe…
Terminverschiebungen sind im Filmgeschäft im Grunde nichts Ungewöhnliches. Das ganze Jahr hinüber werden Filme im Veröffentlichungskalender munter hin und her geschoben. Nur bekommt der Zuschauer hiervon in der Regel nichts mit. Meist geschehen diese Termin-Rochaden Monate vor dem geplanten Kinostart und lange bevor die Werbemaßnahmen zum Film richtig in Schwung kommen. Als „Harry Potter und der Halbblutprinz“ im vergangenen Sommer von seinem ursprünglichen Starttermin im November 2008 um ganze acht Monate nach hinten geschoben wurde, war der Aufschrei der Fangemeinde natürlich groß. Daraus jedoch einen Rückschluss auf die Qualität des Films zu schließen, ist fehl am Platz. Auch der von Warner-Präsident Alarn Horn angeführte Autorenstreik und das damit verbundene Loch im Sommerspielplan 2009 sind wohl nur die halbe Wahrheit. Vielmehr liegt der Verschiebung eine einfache wirtschaftliche Überlegung zu Grunde: Ein Kinosommer mit dem in dieser Dimension nicht erwarteten Megaerfolg von „The Dark Knight” und „Harry Potter und der Halbblutprinz“ hätte für Warner ein Jahrhundertergebnis in den Bilanzen bedeutet, das auf lange Sicht nicht wieder zu erreichen gewesen wäre. Das hätte sich auf den Aktienmärkten paradoxerweise gar nicht gut gemacht. Den Teufel gleich an die Wand zu malen, ist somit überflüssig. Doch richtig gut gelungen ist „Harry Potter und der Halbblutprinz“ dennoch nicht. Der Film beginnt durchaus vielversprechend und überrascht sogleich mit einer sehr freien Interpretation des Romananfangs. Auf den aus der Vorlage bekannten Einstieg wird etwa komplett verzichtet.
Sowohl das Aufeinandertreffen des britischen Premierministers mit dem Zaubereiminister als auch Dumbledores Besuch bei den Dursleys fielen komplett Kürzungen des Drehbuchs zum Opfer. Stattdessen wird der Zuschauer nun direkt ins Geschehen geworfen, wo er Augenzeuge der Zerstörung der Millennium Bridge in London wird – eine Szene, die im Buch nicht mehr als eine Randnotiz ausmacht. Einerseits ein Zeichen dafür, dass die Macher der „Harry Potter“-Filme um Regisseur David Yates und Drehbuchautor Steve Kloves den Begriff Adaption endlich wörtlich nehmen. Andererseits wird damit bereits in Minute eins klargestellt, worum es hier geht: Action, Action, Action. Spektakel, Bombast, Hypermegaoberklotz. Doch ansonsten funktioniert der neue Ansatz einer freieren Interpretation in der ersten halben Stunde prächtig und überrascht auch Kenner der Bücher ein ums andere Mal.
Was jedoch anfangs positiv auffällt, entpuppt sich letztlich auch als das Hauptproblem von „Harry Potter und der Halbblutprinz“. Mit fortschreitender Spieldauer verliert sich die Handlung immer mehr in Banalitäten, wobei der Geist der Romanvorlage zunehmend auf der Strecke bleibt. Für die diversen kleinen und großen Liebeleien in und um Hogwarts geht etwa ein Drittel der Spielzeit drauf. Zwischenzeitlich wirkt das Ganze beinahe so, als ob „Die Wilden Hühner” gemeinsam mit der „Twilight”-Sippschaft in Hogwarts eingefallen wären, um eine „Beverly Hills 90210“-Theatergruppe zu gründen. Das romantische Hin und Her erreicht mitunter Soap-Niveau und ist vor allem vollkommen unnötig. Darunter leidet nicht nur die Geduld der älteren Zuschauer, sondern der gesamte Film. Es geht schlicht zu viel Zeit auf den Nebenkriegsschauplätzen verloren, um der Romanvorlage in eh knapp bemessenen zweieinhalb Stunden auch nur im Ansatz gerecht zu werden. Besonders schade ist dabei, dass es lediglich zwei Rückblenden über die Vergangenheit von Tom Riddle in den Film geschafft haben: das Waisenhaus und Riddles Gespräch mit Slughorn. Immerhin hätten gerade diese Rückblicke ein immenses filmisches Potenzial in sich geborgen. Stattdessen gibt es reichlich Liebeskummer und etliche offene Fragen. Die Geschichte stolpert vor sich hin, und Szenen wirken zunehmend häufiger wie aus dem Zusammenhang gerissen. Dem namensgebenden Halbblutprinzen werden gar nur einige wenige Minuten gewidmet.
Letztlich sind es vor allem einige höchst unterhaltsame Schauspielleistungen, die den Film vor dem Absturz bewahren. Und damit ist ausdrücklich nicht die jugendliche Darstellerriege gemeint. Es ist eben genau das eingetreten, was man eigentlich auch erwarten musste, wenn man 11-Jährige für eine auf über zehn Jahre angelegte Filmreihe verpflichtet: Eine erfüllt die Erwartungen voll und ganz (Emma Watson), einer ist in seiner Entwicklung stehen geblieben (Rupert Grint) und einer scheint mit seinem ambivalenten Charakter nach wie vor überfordert (Daniel Radcliffe). Es sind vielmehr die erwachsenen Darsteller, die mal wieder grandios auftrumpfen. Jeder einzelne Schauspieler ist viel zu gut, um sich trotz eines immens schwächelnden Drehbuchs auch nur im Ansatz eine Blöße zu geben.
Fazit: Natürlich wird auch „Harry Potter und der Halbblutprinz“ ein Megahit, daran besteht kein Zweifel. Aber künstlerisch ist das Unterfangen wie bereits der direkte Vorgänger erneut gescheitert.
Johanna Kienitz

