hopsi lässt’s krachen

El KurdiAls ich kürzlich gefragt wurde, was denn eigentlich mein Lieblingsbuch aus Kinderzeiten gewesen sei, begann ich zu grübeln, kam dann aber zu dem Ergebnis, dass es ein einzelnes „Lieblingsbuch“, einen persönlichen literarischen Nummer-Eins-Hit, in meiner Kindheit gar nicht gegeben hatte.

Aber es gab viele Bücher, die mich beeindruckten. Zum Beispiel meine ABC-Fibel. Gerne behaupte ich, der Name dieser Fibel sei „Hopsi lässt’s krachen“ gewesen, aber das ist leider unwahr. Ganz gelogen ist es aber auch nicht.

„Hopsi“ war nämlich der Name des etwas durchgeschepperten, funky Siebzigerjahre-Cartoon-Eichhörnchens, das als Buchstaben-Protagonist beschwingt durch das Buch tänzelte und mich so in den Alphabetismus einführte. Eigentlich ein schöner Anfang.

Eineinhalb Jahre später bekam ich ein weniger erfreuliches Druckwerk geschenkt. Es hieß „Auf den großen Lehrer hören“ und war ein gediegen irres Kindereinschüchterungsbuch der Zeugen Jehovas. Es wurde mir von einem grauen Männlein, einem Holländer mit Rudi-Carrell-Akzent, überreicht, der meine Mutter an der Haustür für diesen asketischen Endzeit-Club akquirierte. Ich las das Büchlein auf einen Sitz durch und beschloss erschrocken und augenblicklich, nicht mehr zu lügen, das „Rauchen“ von Kaugummizigaretten aufzugeben, keine sündige Beatlesmusik mehr zu hören, nicht mehr in der Badewanne mit meinem Pullermann zu spielen und mein Leben fortan Gott beziehungsweise „Jehova“ und Jesus Christus zu weihen, damit ich nicht am Tage des Gerichts, an „Harmageddon“, von der Erde gefegt würde. Mein erstes eigenes Buch jenseits der Schulpflicht-Lektüre machte mir also eine Höllenangst, oder drehen wir es mal ins Positive: es machte einen so starken Eindruck auf mich, dass ich augenblicklich mein Leben um 180 Grad änderte. Und das als Achtjähriger. Immerhin weiß ich seitdem, dass Literatur etwas bewirken kann. Wenn auch nicht immer Gutes.

Glücklicherweise verlor ich mich literarisch nicht im Theologischen. In unserer Klassenbibliothek lieh ich mir geschätzte zwölf Mal „Die Reiherinsel“ aus. Ich habe keine Ahnung mehr, worum es darin ging. Um Reiher? Sicher. Und vermutlich um eine Insel. Aber sonst? Dahin, dahin…

Dann fand ich irgendwo ein Bändchen, eher ein Broschüre, über Dachse. Meles meles. So heißt der Dachs auf Latein. Und auf onkelmuffig heißt er „Meister Grimbart“. So wie der Fuchs „Meister Reinecke“ heißt. Das stand alles in diesem Bändchen. Und dass Dachse kleine Junghasen aus dem Nest fressen. Ausgerechnet dieses Werk tippte ich Kapitel für Kapitel auf unserer alten Reiseschreibmaschine ab, heftete die 50 Seiten zusammen und überreichte das so entstandene „Buch“ meiner Klassenlehrerin Frau John mit den stolzen, wenn auch nur formal wahren Worten „Hier, das hab ich geschrieben!“. Eindeutig ein früher Schub von Publikationsdrang (oder -zwang). Ein Phänomen, das auch manchen Berufsautoren noch heimsucht: Egal, was man sich da übers Jahr aus dem Hirn gewrungen, zusammendeliriert oder, wie ich damals, irgendwo abgeschrieben hat – Hauptsache, man hat zur Buchmesse in Frankfurt eine Neuerscheinung. Sonst kann man sich ja bei keiner Verlagsparty blicken lassen…

Aber zurück zu meinen Leserfahrungen: Als ich von einer Mitschülerin erfuhr, dass man sich für 1 DM in der Stadtteilbücherei einen Leseausweis ausstellen lassen konnte, um dann damit Bücher auszuleihen – so viele wie man wollte, so oft wie man wollte – glaubte ich, im Paradies angekommen zu sein. Ich plünderte die Regale, und ignorierte dabei selbstverständlich jegliche Altersempfehlungen und gut gemeinten Ratschläge der Bibliothekarinnen. Ich las alles kreuz und quer, konsequent eklektizistisch, ganz Kind der Postmoderne: Stevensons „Schatzinsel“, Coopers „Wildtöter “, die „Drei ???“, „Wickie und die starken Männer“, Jungs-Fußballbücher („Elf Freunde müsst ihr sein“), Mädchen-Pferdebücher („Black Beauty“) und etwas später, leicht frühreif, Kishon und Böll, in der wirren Annahme, das sei „echte“ Literatur. Die Bibliothekarinnen zuckten noch nicht mal mit Wimper, als ich mir dreizehnjährig die „Blechtrommel“ auslieh. Das nehme ich ihr heute noch übel. Vor so was Langweiligem sollte man sowohl Kinder wie auch Erwachsene dringend bewahren.

Davon abgesehen halte ich es eigentlich heute noch so: Gelesen wird, was rumliegt. Jenseits von Qualitäts- und Stildiskussionen. Irgendwann kann man schließlich alles gebrauchen.

Hartmut El Kurdi


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