…mit stephan weil

Wir haben bei unserem vergangenen Gespräch über die Situation von Kindern in Hannover gesprochen und waren uns zuletzt einig, dass der Wunsch vieler ErzieherInnen nach mehr Geld und mehr gesellschaftlicher Anerkennung zwar nachvollziehbar, aber von den Kommunen allein nicht zu tragen ist. Mehr Geld, mehr Unterstützung vom Bund, für die Bildung insgesamt, das fordern viele Städte und Gemeinden. Für sie wäre das Beispiel Frankreich ein Vorbild, wo Bildung Staatsaufgabe ist, wo bestimmte Ansprüche an die Bildungsbereitschaft gestellt werden, auf der anderen Seite aber die Finanzierung aus Steuermitteln sichergestellt ist.
Lars Kompa und Stephan WeilJa, ich hatte gesagt, dass Bildung eine ganz zentrale Aufgabe ist. In Deutschland hat der Bund in Sachen Bildung aber eigentlich nichts zu sagen. Die Länder fühlen sich zuständig für die Schulen und Hochschulen, die Kommunen sind verantwortlich für den vorschulischen Bereich. Und das ist aus meiner Sicht einfach das falsche System. Natürlich versuchen wir, diese Aufgaben mit einem hohen Aufwand und so verantwortungsbewusst wie möglich hinzukriegen, aber mir persönlich liegt das, was in Frankreich gemacht wird, wesentlich näher.

Das ist ja keine so leichte Situation, wenn auf der einen Seite zu wenig Geld da ist, der Bund keine zentrale Rolle übernimmt, und auf der anderen Seite vor Ort die Eltern natürlich unzufrieden sind, wenn es nicht genug Plätze z.B. in Kindertagesstätten gibt. Das fällt dann natürlich auf die Stadt zurück. Die Kritik müssen sie sich anhören. Dass der Fehler im System steckt, wird vielleicht nicht so gesehen.
Ja. Aber es gibt keinen Bereich, in dem wir uns mehr Mühe geben, als im Bereich Kinder und Bildung. Und trotzdem muss man ganz nüchtern sagen: Es ist im Zweifel immer zu wenig.

Wenn jetzt 2013 noch nicht genug Plätze bereitstehen, die gesetzlich vorgegebene Quote noch nicht erreicht ist, dann kann es ja sein, dass Eltern gegen die Stadt klagen. Droht da eine Klagewelle gegen die Stadt?
Ich kann nur sagen, wie es gewesen ist, als das Recht auf einen Kitaplatz umgesetzt werden musste. Wir haben das in Hannover sehr gut hinbekommen. Ich glaube, es gab keine einzige Klage, zumindest haben wir keine Klage verloren. Und unsere Planungen gehen auch über das hinaus, was der Bundesgesetzgeber eigentlich als notwendig erachtet hat. Die haben gesagt, 35 Prozent reichen. Wir in Hannover haben gesagt, wir wollen mindestens 40 Prozent. Realistischerweise gehe ich davon aus, dass wir bis 2013, und auch danach, weiter daran arbeiten müssen, weil es einen Einstellungswandel in der Gesellschaft gibt. Wir haben einfach eine große und stetig wachsende Nachfrage nach Betreuungsplätzen, auch für die ganz Kleinen.

Diese Nachfrage ist ja Ausdruck eines gesellschaftlichen Wandels. Da gibt es auf der einen Seite einen höheren Betreuungsbedarf, einfach weil die Situation in vielen Familien so ist, dass es ohne Betreuung gar nicht geht. Darum gibt es ja auch die Forderung nach mehr Ganztagsschulen. Auf der anderen Seite haben viele Politiker bei diesen Fragen noch das traditionelle Familienbild vor Augen und vertreten damit eher jenen Teil der Eltern, die ihr Kind lieber zu Hause haben wollen, und sich das auch leisten können. Entsprechend wird der Betreuung kein so großer Stellenwert eingeräumt und z.B. bei den Ganztagsschulen auf die Bremse getreten. Und damit haben wir das Problem, dass für viele Familien, in denen mehr Betreuung dringend notwendig wäre, einfach weil die Kinder sonst vielleicht den ganzen Tag vor dem Fernseher sitzen, diese Möglichkeit noch fehlt. Braucht es da nicht einen gesamtgesellschaftlichen Ansatz? Müsste man nicht sagen, wenn es diese Probleme in vielen Familien gibt, sollte es dann nicht die Betreuung zwingend für alle Kinder geben? Sollte man also Eltern weiter die Wahl lassen, oder sollte man einfach per Gesetz eine Vorgabe zum Besuch solcher Einrichtungen machen? Würde das nicht vielleicht auch für mehr Gerechtigkeit im Bildungssystem sorgen?
Ich würde da Unterschiede beim Alter machen. Wir haben in Deutschland die allgemeine Schulpflicht, und ich fände auch ein allgemeines System von Ganztagsschulen richtig. Im vorschulischen Bereich gibt es sehr unterschiedliche Bedürfnisse von Eltern und Familien. Aber richtig ist, dass wir mit öffentlichen, mit kommunalen Aktivitäten immer stärker versuchen müssen, Defizite in den einzelnen Familien zu kompensieren. Das ist eine Riesenaufgabe, aber es geht gar nicht anders. Niemand sonst kann diese Aufgabe übernehmen. Ich höre von den Fachleuten aus der Praxis, dass es einen sehr großen Bedarf nach Elternarbeit gibt. Dass sozusagen in den Kindertagesstätten die Eltern mit ihrer Aufgabe vertraut gemacht werden müssen.

Bei den Familien mit Migrationshintergrund wird ja oft gesagt, dass diese Kinder eher in den Familien aufwachsen, also Betreuungseinrichtungen nicht so häufig in Anspruch genommen werden. Und dass dadurch vielfach die Sprachprobleme entstehen, weil die frühe Förderung fehlt. Wie kann man das in den Griff bekommen?
Ich bin im Augenblick auf einer Tournee durch die Moscheen in Hannover. Wir haben etwa 22 Moscheen in der Stadt, die werde ich so nach und nach alle besuchen. Und überall, wo ich bin, rate ich dazu, die Kinder so früh wie möglich in den verschiedenen Einrichtungen anzumelden. Denn wenn diese Kinder in die Schule kommen, und sie beherrschen die Sprache nicht richtig, dann haben sie vom ersten Tag an große Probleme. Also ich sage nicht, tut mir den Gefallen, sondern tut euren Kindern den Gefallen. Ich habe den Eindruck, dass die Zahlen allmählich besser werden, aber es bleibt ein langer Prozess von Überzeugungsarbeit. Dahinter steht auch ganz häufig eine merkwürdige Anspruchshaltung. Viele Eltern, die ich nach den Gründen frage, ihr Kind nicht anzumelden, sagen, das ist uns zu teuer. Die Elternbeiträge umfassen aber – gemessen an dem, was an Kosten entsteht – weniger als ein Viertel. Und auch das Essensgeld deckt nicht das, was normalerweise ein anständiges Mittagessen zu Hause kosten würde. Aber gerade in diesen Gesprächen mit den Migranten kommt dieses Argument trotzdem sehr häufig. Ich kann nur immer wieder sagen: Meldet eure Kinder so früh wie möglich an. Alles andere ist nicht besonders verantwortungsbewusst gegenüber den Kindern.

Wenn nun die Zahlen in diesem Bereich nur allmählich steigen, wäre dann vielleicht doch mehr politischer Druck notwendig? Sollte man vielleicht per Gesetz vorschreiben, dass Kinder eine Tagesstätte besuchen müssen?
Aus meiner Sicht – aber das wäre dann eine bundespolitische Entscheidung – könnte man gut über eine Pflicht zum Kindergartenbesuch nachdenken. Ich würde das für vertretbar halten – wobei eine solche Pflicht dann aber auch kostenfrei sein müsste. Man könnte übrigens auch mal darüber nachdenken, ob man die Einschulung nicht vorzieht. In vielen Ländern wird ja mit fünf Jahren eingeschult und ich glaube, da spricht eine Menge dafür.

Herr Weil, wir sind schon wieder am Ende. Worüber wir beim nächsten Mal sprechen, ist eigentlich klar. Im September sind Bundestagswahlen. Sie können sich vorstellen, dass ich dazu einige Fragen habe. Bis hierher vielen Dank.


Schlagwörter:

Diesen Beitrag kommentieren