Das TANZtheater INTERNATIONAL bereichert vom 3. bis 12. September zum 24. Mal die niedersächsische Hauptstadt um ein kulturelles Highlight. Zu verdanken ist das nicht zuletzt der Festival-Leiterin Christiane Winter, die seit 1985 um dieses schöne Festival immer wieder auch sehr gekämpft hat. Inzwischen gilt das TANZtheater INTERNATIONAL in ganz Deutschland und darüber hinaus als feste Größe. Das ist Werbung für Hannover. Für dieses Engagement hat sich auch der Freundeskreis Hannover im letzten Jahr bedankt. Christiane Winter wurde für ihre erfolgreiche Arbeit mit dem Stadtkulturpreis ausgezeichnet.
Auch dieses Jahr gibt es wieder renommierte internationale Kompanien für zeitgenössischen Tanz zu sehen – ein hochkarätiges Programm für Bürger und Touristen. Im Rahmen des von der Kulturstiftung des Bundes geförderten Projektes „Canaries in the Coal Mine: Blickpunkt Belgien“ werden hauptsächlich Produktionen aus dem Nachbarland vorgestellt. Warum Belgien? Das Land ist zwar flächenmäßig sehr klein, doch es vereint mit drei Landessprachen die verschiedensten Gegensätze und kann durchaus als das „Mekka“ der internationalen Tanzszene bezeichnet werden.
Hier entstanden Anfang der 80er Jahre bahnbrechende Produktionen für den zeitgenössischen Tanz, die die lebendige freie Tanzszene des Landes nachhaltig beeinflusst haben. Christiane Winter selbst ist von den belgischen Produktionen begeistert. Seit Anbeginn des Festivals war Belgien kontinuierlich vertreten: „Rückblickend kann ich sagen, dass für mein Verständnis von Tanz, für eine neue Sicht auf Tanz und Theater überhaupt, vor allem belgische Produktionen wegweisend waren. Manche haben sich regelrecht eingebrannt in meinen Körper.“
Aus diesem Grund hat sich Winter dazu entschieden, eine ganze Festival-Ausgabe dem multikulturellen Nachbarland zu widmen. Zusätzlich zu den zehn abwechslungsreichen Abendveranstaltungen findet am ersten Festival-Sonntag (6. September) um 16:30 Uhr eine öffentliche Podiumsdiskussion in der Galerie Herrenhausen (Glasfoyer) statt: ExpertInnen aus Belgien und Deutschland (Guy Gypens, Dries Moreels und Madeline Ritter) diskutieren über Rahmenbedingungen für den Tanz sowie über Förderstrukturen und Bedingungen für das künstlerische Schaffen im zeitgenössischen Tanz. Die Moderation übernimmt Franz Anton Cramer. Weniger ernst, dafür aber umso atemberaubender sind die abendfüllenden Shows auf Hannovers Bühnen, jeweils um 20 Uhr:
Den Auftakt bildet am 3. und 4. September die dynamische Produktion von Ives Thuwis und Gregory Caers von der Kopergietery (Kupfergießerei) in Gent. In dem energiegeladenen Stück „Rennen“ wortwörtlich 21 junge Männer zwischen acht und 31 Jahren um ihr Leben. Der Rausch der Gefühle und die Erschöpfung, die auf der Bühne der Orangerie Herrenhausen deutlich zu spüren sein wird, können als Metapher für das (Männer-)Leben verstanden werden. Die Arbeit thematisiert auf ironische und physische Weise das Konkurrenzverhalten unter Männern sowie das Erwachsenwerden.
Mit „Accords“ zeigt die Kompanie ZOO unter der Leitung des Schweizers Thomas Hauert eine feinsinnige Hommage an die Tanzimprovisation in einer Gruppe. Hauerts jüngstes Gruppenstück bezeugt seine intensive Suche nach tänzerischen Regeln in der Musik – und manchmal auch in der Stille. Das Klang- und Bewegungsfeuerwerk gastiert am Samstag (5. September) in der Hochschule für Musik und Theater.
Am Sonntag (6. September) beweist „The Porcelain Project“ der renommierten Needcompany aus Brüssel, dass Porzellan mit Ballett vergleichbar ist. Das zugleich bewegliche und zerbrechliche Bühnenbild in der Orangerie Herrenhausen, von Lot Lemm entworfen, symbolisiert die märchenhafte Stimmung, in der Grace Ellen Barkey ihr Stück angelegt hat.
Der einzige deutsche Beitrag in diesem Jahr ist am Montag (7. September) zu bewundern: Logobi 02. Im Ballhof Zwei zeigen die Regisseurin Monika Gintersdorfer und der bildende Künstler Knut Klaßen eine tänzerisch-erzählerische Auseinandersetzung mit europäischen und afrikanischen Tanztraditionen, die sowohl die Herkunft als auch Inhalt und Methode des Tanzes thematisiert.
Die erste gemeinsame Arbeit von Ben Benaouisse und Lies Pauwels – „Venizke“ – ist am Dienstag (8. September) im Ballhof Eins zu sehen. Die TänzerInnen und SchauspielerInnen thematisieren darin das Empfinden von Darstellern auf der Bühne und erzählen über die Abgründe der Seele.
Gespannt darf man auf „Origine“ sein, das an gleich zwei Abenden (9. und 10. September) in der Orangerie Herrenhausen aufgeführt wird. Der Regisseur und Glaubensforscher Sidi Larbi Cherkaoui zählt zu den jungen Talenten, zu den Shootingstars der belgischen Szene. Sein jüngstes Tanzstück entführt in eine Welt, in der isländische Feen, japanische Roboter, amerikanischer Überdruss und die afrikanische Mutter Erde sich begegnen. Gekonnt vereint er die verschiedensten Kulturen auf der Bühne.
Am Freitag (11. September) begrüßt das Schauspielhaus die Stammgäste des TANZtheater INTERNATIONAL: Jan Lauwers und seine renommierte Needcompany. Das groteske Stück „The Lobster Shop“ erzählt mit viel Tanz, Musik und Schauspiel eine schillernde Geschichte über eine Welt auf dem Siedepunkt. Lauwers Geschichten leben von seinen philosophischen Reflexionen sowie davon, dass er aus der menschlichen Tragödie Ideen für oftmals humorvolle Musicals schöpft.
Den Abschluss des Festivals bildet am 12. September das sprechende Stück „Opening Night“, das Erstlingswerk der Compagnie Les SlovaKs Dance Collective aus Belgien/Slowakei. In der Hochschule für Musik und Theater lassen fünf Tänzer das Publikum an ihrer Liebe zur Slowakei und ihrem getanzten Humor teilhaben. Zu Eröffnung des Abends gleitet der Geiger Simon Thierrée schwerelos zwischen östlicher Volksmusik und klassischen Halbtönen.
Und wenn der letzte Akt getanzt ist, heißt es gespannt warten auf das nächste Jahr. Denn dann wird das TANZtheater INTERNATIONAL sein 25-jähriges Jubiläum feiern.
Gulaim Ahangri
Fotos:
Rennen: Jonah Samyn
Venizke: Phile Deprez
Lobster Shop: Eveline Vanassche
Porcelain Project: Miel Verhasselt

