twitterjam

Seit ich twittere, kann ich nicht mehr schreiben. Jedenfalls nicht über 140 Zeichen hinaus. Deshalb ist dieser deutlich längere Beitrag ausschließlich dem psychischen Druck meines Herausgebers zu verdanken. Er hat mir damit gedroht, diese Kolumne dicht zu machen und dafür eine neue mit dem Titel „Selbstgemachte Marmelade und Gelees“ einzurichten. Natürlich weiß er genau, dass er mich damit bis ins Mark getroffen hat. Er twittert auch ab und zu und hat bemerkt, dass ich seit Wochen von mehreren gelierenden und einkochenden „Pauerfrauen“ um den Verstand gezwitschert werde.

Die sind alle ungefähr in meinem Alter, selbstständige Coaches, Vertriebsprofis und Unternehmensberaterinnen aus Isernhagen, Kirchrode oder der List. Sie ziehen einen Auftrag nach dem anderen an Land und halten ständig Vorträge auf der ganzen Welt. Seit sie twittern, hat sich ihre Folgerquote sogar noch verdoppelt und verdreifacht. Der Trick dabei ist, sich ständig gegenseitig zu empfehlen. #followfriday Obendrein spielen sie täglich Golf, backen, kochen, häkeln und tauschen Rezepte aus. In erster Linie über Marmelade.

Ich bekomme das hautnah mit. Wer Twitter kennt, fragt sich, wieso ich die Nervensägen nicht „entfollowe“. Würde ich das tun, müsste ich schließlich nichts mehr von ihnen lesen. Das ist richtig. Ich kann es aber nicht, weil sie aus Hannover und Umgebung sind. Lieber würde ich mir eine Hand abhacken, als damit den Remove-Button anzuklicken. Lokalpatriotismus geht vor.

 

Meine kläglichen Versuche, die Damen dazu zu bringen, mir nicht mehr zu folgen, sind gescheitert. Sie konnten oder wollten meine giftigen Tweets gegen frische Brötchen mit selbgemachter Konfitüre nicht verstehen. Im Gegenteil. Es brachte mir neue männliche Gefolgschaft ein. Die Herren twitterten mir rüber, dass sie gerne frisches Pflaumenmus für mich zubereiten würden oder auch mal eine leckere „Online-Remoulade“ per Direct Message schicken möchten. Der Phantasie sind bekanntlich keine Grenzen gesetzt, wenn sie männlich ist. Erst recht nicht im Web 2.0, wo es nichts kostet, unverbindlich und unerkannt rumzugraben.

Da half selbst das Austauschen meines Twitterfotos wenig. Nur zwei Feinschmecker machten sich vom Acker, weil ich auf dem neuen Bild nicht mehr in Dessous, sondern mit Schlägermütze in der Timeline aufblitze. Ganz zu schweigen von den Falten und meinem Schildkrötenhals, die ich mit Absicht nicht wegretuschiert habe. Unbearbeitete iPhotos lügen nicht.

Twitter hat es möglich gemacht, dass ich mein Weltbild neu definieren musste. Es ist tatsächlich so, wie meine älteste und beste Freundin immer sagt: „Männer möchten jede halbwegs attraktive Frau bis SECHZIG nageln, die bei DREI noch nicht auf einem Baum sitzt!“

Natürlich hat sie, die nicht mal ein Handy besitzt, geschweige denn eine E-Mail-Adresse, angemerkt, dass ich selber schuld sei, wenn mich Online-Glitsche verfolgt. Welche Frau in meinem Alter würde schließlich twittern und sich derartig zur Schau stellen? Der Preis für ein Second Life ist manchmal hoch. Doch bei ihr weiß ich, dass unsere langjährige Freundschaft nach Web 1.0 auch den Hype um Web 2.0 überstehen wird. Das hängt damit zusammen, dass wir uns trotz unserer Verschiedenheit respektieren und ehrlich miteinander umgehen. Unsere Beziehung ist lang- und nicht schnelllebig. Schon gar nicht oberflächlich.

Da kann Twitter auf keinen Fall mithalten, denn es ersetzt keine Kontakte im realen Leben. Jedenfalls nicht für mich und meine Tweeties aus Hannover, von denen ich inzwischen schon viele persönlich kenne, die ich sonst nie getroffen hätte. Wir passen zusammen und deshalb habe ich Euch lieb, lieb, lieb. Auch Dich, Lady Marmelade aus #hannover!

SAM


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