Nicolaas van Diepen,Tobias Otto,Roxana Rios,Awa Naghipour
Die fleißig Stadtkind-Lesenden wissen, dass sich hinter dem Titel „Alle kriegen dick und werden Kinder“, dem neuen Stück der Zusammenarbeit des jungen schauspielhannovers mit enercity-network, nicht nur die Geschichte zweier Jugendlicher steckt, die sich mit großen Träumen in die Welt wagen, sondern auch eine besondere Paarung aus Schauspiel und Musik.
Die beiden Freunde Laszlo und Dario, die sich geschworen haben, keine Kompromisse einzugehen, zieht es ins Leben. Laszlo erlebt sein Coming-Out und sucht entschlossen seinen Weg als Sänger einer Band.
Zusammen mit der musikalischen Leitung von Sebastian Katzer und mit der Unterstützung des Gitarristen und Keyboarders der deutschsprachigen Band „Wir sind Helden“, Jean-Michel Tourette, gelang es Kristo Sagor, seiner neuen Inszenierung eine Band mit eigens für das Stück komponierten Songs an die Seite zu stellen. Die Texte stammen vom Autor und Regisseur, die Kompositionen von Sebastian Katzer und Jean-Michel Tourette.
Die Musik begleitet die gesamte Handlung auf einer eigenen Erzählebene: Sie spielt eine Hauptrolle und spiegelt die Entwicklung des jungen Laszlo auf seinem Weg zum Popstar wider. Das Stadtkind durfte bei einer der ersten intensiven Bandproben dabei sein und lauschen. In weißen Shirts mit drei schwarzen Streifen auf dem Rücken füllen sieben junge Männer die Bühne des Proberaums im Ballhof 1: zwei Keyboarder, ein Bassist, zwei Gitarristen, ein Schlagzeuger und ein Sänger.
Bei leichten Hüftbewegungen erklingen die Worte „Text Doppelpunkt“ im Sprechgesang, womit der bizarre aber mitreißende Text des Songs „Er ist das Opfer seines T-Shirts“ beginnt. Im Laufe des Liedes versammeln sich sechs junge Frauen und Männer um ein Mikrofon vor der Bühne und unterstützen die Band als Chor. Während die Sechs in sanften Bewegungen um das Mikrofon kreisen und miteinander flirten, wird Laszlo (Nikolaas van Diepen), der Sänger, ruhiger und beendet den Song mit einem leichten Flüstern des Wortes „Opfer“.
Jean-Michel Tourette schreibt der Band nach dieser Performance einen guten Groove und ein ziemlich lässiges Spiel zu, auch wenn er sich musikalisch noch etwas mehr Ruhe wünscht. Uns haben die jungen Schauspieler und Musiker überzeugt, der Text geht ins Ohr, etwas Mitwippen ist auch drin. Doch damit nicht genug: Ein zweiter Song wird bereits angestimmt. Diesmal in einem ganz anderen Setting: Laszlo sitzt am Bühnenrand, sein Mikrofon liegt neben ihm, nur eine Gitarre leitet sachte ein, bevor der Sänger sich mit ruhiger Stimme in den Zeilen der Ballade verliert.
Der Bassist und der Schlagzeuger sehen konzentriert in die Ferne, bis sie plötzlich einsetzen, die Gitarre lauter wird und Laszlo zum Mikrofon greift, um seinen Gesang zu verstärken. Die Bude bebt, eine Woge der Musik erfüllt den Raum. Kurz darauf verstummen Bass und Schlagzeug so abrupt, wie sie eingestiegen sind, der Gesang erklingt wieder ohne Mikrofon, in Begleitung der Gitarre, die solo übernimmt.
Von diesem Auftritt ist Jean-Michel Tourette berührt, er beschreibt die Übergänge in der Ballade als „totales Spannungsding“ und lobt die „heavy Teile“, die super funktioniert haben. Auch wenn er sich hier wünscht, dass die Gitarre dem Gesang noch stärker folgt, fällt ihm dazu nur das Wort „Zucker“ ein.
„Er ist das Opfer seines T-Shirts“ ist als Performance auch das Ende des 2. Aktes und erklingt, nachdem Laszlo die junge Hotelangestellte Thea verführt hat. Im ersten Akt soll Laszlo die Ballade als Ständchen im Bett vortragen. Auf diese und drei weitere Weisen werden fünf verschiedene Songs in das Stück integriert.
So eindringlich die Klänge der Band sind, das Genre zu fassen erweist sich als ziemlich schwierig, da die Musik in erster Linie die Entwicklung der Figuren spiegeln soll und deswegen viele verschiedene Richtungen aufnimmt. Außerdem stellt Kristo Sagor sich vor, dass die Musik als gezielter Ausnahmezustand auftritt, der bei keiner Performance gleich sein darf, um auf subtile Art und Weise eine Mischung aus Vorbereitung und Moment entstehen zu lassen. Besonders in der Musik sollen die Jugendlichen, die als Schauspieler und Musiker agieren, sich selber mit ihren Talenten einbringen können und die Musik mitgestalten. Bei den Proben wird nicht nur gesanglich einiges ausprobiert, auch bei der Kleidung werden die verschiedensten Stile erprobt:
Die weißen Shirts mit den schwarzen Streifen entsprechen nicht zwangsläufig auch den Outfits der Bandmitglieder am 23. Oktober, dem Tag der Uraufführung. Dem Tag, an dem der Ballhof rockt.
Text: Anne Quante, Foto: enercity network

