das erdbeermädchen

Es war einmal ein kleines Mädchen, das war von Anfang an einfach viel zu dünn. Schon bei der Geburt war es leichter, als alle anderen Kinder auf der Säuglingsstation. „Die muss viel trinken“, sagte die Hebamme mahnend zur Mutter. Aber die Kleine trank wenig. Wenn sie an der Brust lag, dann begann sie zuerst immer recht heftig zu saugen. Aber schon nach Sekunden schien der Hunger gestillt, dann legte das kleine Mädchen die Stirn in Falten, rieb sich missmutig mit seiner Hand die Augen und schlief ein oder schrie, wenn seine Mutter versuchte, ihm noch einmal die Muttermilch schmackhaft zu machen. So waren die ersten Wochen nach der Geburt für die Eltern des kleinen Mädchens eine sorgenvolle Zeit.

Dann doch lieber mal ein Schnitzelchen

Das Mädchen wuchs immer nur ein ganz kleines bisschen, aber immerhin: es wuchs. Scheinbar reichte die mickrige Portion Muttermilch so gerade. Die Ärzte beschlossen jedenfalls, nicht einzugreifen. Bedenklich, aber nicht lebensbedrohend, nannten sie die Situation. Nach fünf Monaten sah das kleine Mädchen eigentlich noch immer so aus wie ein gerade zur Welt gekommener Säugling. Niedlich fanden das die Menschen. Denn während andere Kinder zu dieser Zeit allmählich die Gesichtszüge ihrer Eltern oder Großeltern annahmen, zu schönen oder hässlichen Menschen wurden, blieb das kleine Mädchen einfach nur süß. Voller Sorge brachten die Eltern das kleine Mädchen zu vielen Kinderärzten, aber niemand hatte eine Erklärung. „Ich denke schon, dass sie grundsätzlich Hunger hat“, sagte schließlich einer der Ärzte. „Vielleicht hat sie einfach noch nichts entdeckt, was ihr schmeckt.“ Das war ein Funke Hoffnung.

Die Eltern probierten alles aus, was auch nur entfernt nach menschlicher Nahrung aussah. Sie gaben ihm Babybrei in allen möglichen Geschmacksrichtungen, doch das kleine Mädchen spuckte nur missmutig. Sie gaben ihm püriertes Gemüse, püriertes Fleisch, püriertes Brot, pürierten Kuchen, püriertes Obst, sie versuchten es sogar mit Schokolade. Das kleine Mädchen war nicht zu begeistern. Dann kam die Zeit der Erdbeerernte, und in den Geschäften häuften sich in den Regalen die roten Früchte. Mehr aus Gewohnheit griff die Mutter im Vorbeigehen nach einer dieser Beeren, steckte sie sich zuerst selbst in den Mund, um die Beere zu „waschen“, und hielt sie dann ihrer Tochter an den Mund, streichelte mit der Frucht über ihre Lippen, bis sich der Mund ein klein wenig öffnete, und schob die Beere hinein.

Das kleine Mädchen zögerte einen Augenblick, dann bewegte sich kurz der Kiefer und die Beere war verschwunden. Es hatte sie nicht ausgespuckt. Ungläubig suchte die Mutter mit dem kleinen Finger im Mund ihrer Tochter nach der Frucht. Sie blieb verschwunden. Und die Mutter kaufte sogleich mehrere Kilo Erdbeeren und machte sich eilig auf den Heimweg. In der Tat, das kleine Mädchen mochte Erdbeeren. Und hatte tatsächlich am Ende des Tages fast ein Kilo verspeist. Am nächsten Tag sogar fast zwei Kilo. Dann wieder ein Kilo. Dann sogar zweieinhalb Kilo. „Übertreiben sie es nicht“, mahnte der Arzt. „Zu viel ist auch nicht gut. Jedes Kind braucht seine Zeit. Sie sollten vorsichtig sein.“ Aber die Eltern waren viel zu glücklich über den neuen Appetit ihrer Tochter, um auf den Arzt zu hören. Jetzt würde sie endlich groß und stark werden. Jeden Tag aufs Neue gaben sie ihr so viele Erdbeeren wie nur möglich.

Das kleine Mädchen wuchs, wurde größer und schwerer. Und änderte kaum merklich die Farbe. Das kleine Mädchen wurde rot. Doch dabei blieb es nicht. Sie wurde runder, immer runder, und schließlich kugelrund. Dann wuchsen plötzlich kleine Härchen auf ihrer Haut. Und ihre Haare auf dem Kopf bekamen einen grünlichen Schimmer. Nach einem Jahr war sie von einer Erdbeere kaum noch zu unterscheiden. Und auf der Straße zeigten die Leute mit dem Finger auf die verrückten Eltern, die eine überdimensionale Erdbeere in einem Kinderwagen spazieren fuhren. Eines Tages im Park, die Mutter war kurz eingeschlafen, war das Erdbeermädchen verschwunden. Und oben in den Bäumen putzten sich die Tauben ihr Gefieder.

GAH


Schlagwörter:

Diesen Beitrag kommentieren