Dr. Sebastian Süden fehlten die Worte. Das konnte gar nicht seine Frau sein. Das war nicht Maria. Vor ihm stand eine Bestie. Vor ihm stand der Teufel persönlich – und erledigte den Abwasch, als wäre nichts geschehen. Er hatte sie nie überzeugen können, die Spülmaschine zu benutzen. Dass das gute Geschirr leiden würde, hatte sie immer gesagt. Und er hatte sich über ihre hausfrauliche Sturheit amüsiert. Ein kleiner, kleingeistiger Mensch, der kleingeistige Entscheidungen trifft, so hatte er gedacht.
Nun war sie drauf und dran, sein Leben zu zerstören, ihm alles zu nehmen, was er sich aufgebaut hatte. Nein, sie war nicht drauf und dran, sie hatte es bereits zerstört. Sie hatte große Entscheidungen getroffen. Falls all das stimmte, was sie ihm gerade aufgetischt hatte, dann war er tatsächlich ruiniert. Dann war nichts übrig, und er hatte nicht den Hauch einer Chance, noch irgendwas zu retten. Dr. Sebastian Süden ließ sich seine Situation noch einmal durch den Kopf gehen. Er würde nun bald keine Familie mehr haben, er würde sicher auch das Haus verlieren. Und er hatte kein Geld mehr. Das, was er im Laufe der Jahre offiziell angelegt hatte, war kaum der Rede wert. Und auch davon würde er Maria einen Teil überlassen müssen. Aber er hatte immerhin noch seinen Beruf. Er hatte eine gute Stellung. Er hatte einen erstklassigen Ruf als Chirurg. Und nicht nur als Chirurg. Er war kein unwichtiger Mann in dieser Stadt. Er war auf allen Empfängen der oberen Zehntausend ein gerne gesehener Gast. Wieder starrte er auf den Rücken seiner Frau, beobachtete, wie ihre Schultern arbeiteten, während sie mit geübten Handbewegungen das Geschirr spülte.
Heute Nachmittag, da war er sich jetzt sicher, würde sie auch seinen Ruf ruinieren. Heute Nachmittag würden die oberen Zehntausend bei ihm zu Gast sein.
„Wie viele Leute hast du denn eigentlich heute zu meiner öffentlichen Hinrichtung eingeladen, Maria?“ fragte er.
„Ich habe fünfhundert Zusagen“, antwortete Maria.
Nichts weiter. Keine Bemerkung zur Hinrichtung. Sie war wieder ganz bei ihrem Geschirr. Scheinbar gab es nichts, was sie dem noch hinzufügen wollte. Wahrscheinlich hatte er es mit der Hinrichtung ganz gut getroffen. Kurz, ganz kurz nur, streifte Dr. Sebastian Südens Blick den Messerblock auf der Anrichte neben der Spüle. Er würde nur einen Stich brauchen. Nur wenig Blut würde fließen. Er kannte die richtige Stelle. Aber was würde das bringen? Kurzfristig sicher ein bisschen Erleichterung. Die Wut pochte noch immer schmerzhaft in seinem Hinterkopf, die Worte Marias über diesen Galeristen und vor allem zu seiner Ausstattung unter der Gürtellinie, hatten ihn tief getroffen. Noch mehr aber schmerzte ihn die Einsicht, dass ausgerechnet Maria ihm heute Nachmittag endgültig das Genick brechen würde.
Dieser letzte Gedanke brachte ihn auf eine neue Idee.
Ein Genickbruch, ein Unfall. Wäre das nicht ein Ausweg? Sie müsste nur ausrutschen, unglücklich auf die Tischkante fallen. Ein bisschen Spülwasser auf dem Boden. Er würde sie ansprechen, sie würde sich umdrehen, er würde sie an der Hüfte umfassen, sie hoch stemmen, und ihren Kopf dann gezielt auf die Tischkante schlagen.
Fortsetzung folgt…

