„Was für ein herrlicher Tag“, denke ich mir, als wir die Fähre nach Föhr betreten. Vor ein paar Stunden noch im grauen Hannover, lasse ich mir jetzt schon die salzige Seeluft ins Gesicht wehen. Die Sonne scheint vom blauen Himmel, und nur ein paar Wolken trüben die Sicht – aber die wird der frische Wind schon noch ans Festland pusten. An Deck erhole ich mich von der langen Anreise. Schon um 4 Uhr an diesem Morgen bin ich aufgestanden, eine unmenschliche Zeit, zu der ich mich eigentlich niemals aus dem Bett quälen würde, wäre da nicht die Verlockung dieser urgemütlichen Nordseeinsel gewesen. Die anderen Passagiere tragen alle Regenjacken im Partnerlook und seltsame Cappis, ich begnüge mich lässig mit einem kuscheligen Pullover. Und bereue diese Entscheidung nur wenige Minuten später, während ich mich durchgefroren in das Bord-Café begebe. Man sollte auf jedes Wetter vorbereitet sein. Daher ist von nun an meine Devise: Zwiebel-Look! Die Sonne lässt das Meer glitzern, und am Horizont kann ich bereits mein Ziel für den heutigen Tag erkennen! Die Fahrt vergeht von nun an wie im Flug. Und dann gibt es noch ein paar Seehunde auf einer Sandbank als kleines Extra obendrauf.
Endlich wieder festen Boden unter den Füßen, geht es zunächst zur Ferienwohnung in Alkersum, ein winziger Ort mit einem Bäcker und mehr Pferden als Menschen. Herzlich werden wir dort empfangen. Die Wohnung ist klein, aber gemütlich, und bietet für wenig Geld alles, was man braucht. Da es aber viel zu viel zu sehen gibt, steuern wir nach einer kurzen Verschnaufpause gleich „Ingo’s Fahrradverleih“ in Wyk an, der kleinen Hauptstadt dieser Insel. Föhr lässt sich nur auf zwei Rädern standesgemäß erkunden. Und schon geht es auf zum Strand im 5 km entfernten Nieblum. Ohne Zweifel der schönste Strand der Insel: weißer, feiner Sand soweit das Auge reicht, mit bunten Strandkörben übersät. Vor uns das klare, blaue Meer, hinter uns die grünen Dünen. Wir breiten unsere Handtücher aus und legen uns erstmal zum „Brutzeln“ in die Sonne. Als uns einige Stunden später der Hunger weckt, ist Rettung nur ein paar Schritte entfernt. Im Strand-Imbiss gibt es knusprige Pommes, saftige Burger und knackige Salate, aber leider nichts typisch Nordfriesisches. Daher geht es abends, nach einer wilden Partie Beachvolleyball, ins Zentrum. Wyk ist eine niedliche Hafenstadt, die auf den ersten Blick einen sehr ursprünglichen Eindruck macht, sich beim zweiten Hinschauen aber leider auch als sehr touristisch herausstellt: Überall werden Eimer, Schaufeln, T-Shirts und Aufkleber mit Föhr- Aufdruck verkauft. Wir suchen und finden ein gemütliches Fischrestaurant mit dem vielversprechenden Namen „Klatt’s Gute Stuben“, in dem wir fangfrische Gerichte serviert bekommen. Man schmeckt sogar noch das Meerwasser – lecker! Trotz der reichhaltigen Mahlzeit wollen wir uns eine Sache dann doch nicht entgehen lassen: das berühmte Softeis Föhrs! Mit je einer riesigen Eiswaffel schlendern wir die in rosa Abendlicht getauchte Strandpromenade entlang. In der Ferne sehen wir die Halligen – winzige Inseln, von kaum mehr als einer Handvoll Menschen bewohnt. Unser Rückweg führt uns durch kleine Gassen, gesäumt von Reet-gedeckten Friesenhäusern.
Natürlich muss da ein Foto geschossen werden. Als ich mich allerdings vor solch einem Haus in Pose werfe, komme ich mir vor wie ein Riese unter Liliputanern. Waren die Menschen früher wirklich so klein? Tags darauf verfinstern sich zeitgleich der Himmel und mein Gesicht. Es regnet in Strömen. Gezwungenermaßen fahren wir daher nicht an den Strand und nehmen stattdessen an einer Friedhofsführung teil. Unser Führer ist ein pensionierter Lehrer, der ehrenamtlich Interessierte über einen der ältesten Friedhöfe der Insel begleitet: Friedhof Süderende. Mit kleinen Anekdoten lockert er das sonst eher trockene Thema spielend auf und ich lerne sogar einiges: Abgeknickte Blumen auf Grabsteinen stehen zum Beispiel für verstorbene Familienmitglieder. Und entgegen des Klischees werden weibliche Mitglieder als blaue Blüten und männliche als rote Blüten dargestellt. Dann folgt der nächste tropische Regenschauer. Gott sei Dank stehen noch weitere überdachte Ziele auf unserer Liste. Es geht zum Friesenmuseum in Wyk. Bereits der Eingang des Museums aus Blauwalkieferknochen beeindruckt, und auch im Inneren gibt es einiges zu entdecken: Von der Walfang- und Seefahrtsausstellung bis hin zur volkskundlichen Ausstellung mit traditioneller Trachtenkleidung und Silberschmuck wird ausführlich die Geschichte Föhrs präsentiert. Natürlich gibt es auch hier wieder einen Souvenir-Shop, aber die Insel lebt nun einmal vom Tourismus. Später führt uns unsere Entdeckungstour in Schwindel erregende Höhen. Ich bin nervös, als wir uns dem kleinen Flugplatz nähern. Mit zitternden Beinen betrete ich das auf mich nicht unbedingt sicher wirkende Propeller-Flugzeug. Schon bei dem Gedanken, mit dieser Kiste gleich vom Erdboden abzuheben, dreht sich mir der Magen um. Doch ich bekämpfe meine Höhenangst, und bin später froh darüber, denn ansonsten hätte ich einen unglaublichen Blick über das Wattenmeer verpasst: ein unwirkliches Farbspiel aus in Wasserflächen reflektierten Sonnenstrahlen und braun glänzendem Schlick präsentiert sich unter uns. Als ich wieder unbeweglichen Boden unter den Füßen spüre, bin ich erleichtert. Mein Puls nimmt langsam Normalwerte an. Aber eigentlich war es doch viel zu schnell vorbei – 20 Minuten sind nicht lang. Zur Entspannung nach diesem kleinen Abenteuer geht es noch ins AQUA Föhr, ein Wellness- und Spaßbad. Ich stürze mich in die künstlichen Wellen des Schwimmbeckens und lasse mich durch das Wasser wirbeln – und das ganz ohne störende Algen und fiese Krebse mit großen Scheren. Allerdings sollte man dringend einen Bikini tragen, der auch hält, was er verspricht. Nämlich bestimmte Körperteile auch bei starkem Wellengang zuverlässig zu bedecken. Leider tat das meiner nicht. Mit einem tief roten Gesicht verlasse ich das Becken, um bei einem Thalasso-Bad meinen peinlichen Auftritt zu vergessen und in absolute Tiefen- Entspannung zu versinken. Als die Behandlung allerdings beginnt, und ich von oben bis unten mit stinkendem Schlick eingerieben bin, ist irgendwie der Glamour dieser Wellness-Behandlung verloren. Aber es soll ja helfen. Angeblich entgiftet Thalasso den Körper und reinigt und klärt die Haut. Also: Nase zu und durch!
Am letzten Abend geht es per Rad und bei starkem Gegenwind nach Wrixum. Die Aussicht auf ein leckeres Abschlussessen beim besten Griechen der Insel spornt an. Und als Aris Greek Restaurant endlich erreicht ist, schmerzen meine Beine auch nur noch halb so stark. Föhr bietet alles, was man für einen perfekten Urlaub braucht. Für alle, die sich gerne den Wind ins Gesicht pusten lassen, die sich auch bei mäßigem Wetter beschäftigen können und die Friesenhäuser einfach nur urgemütlich finden, ist diese Insel genau richtig.
Jennifer Sarnoch

