heinrich IV, moa theater

Fechtkämpfe, Thronfolge und Königshaus klingen alles andere als aktuell. Doch William Shakespeare behandelt in seinem Historiendrama auch Themen, die an Aktualität nicht verlieren, wie Freundschaft und Verantwortungsgefühl.

Heinrich IVDer östliche Innenhof des Neuen Rathauses bietet für die Aufführung eine passend altertümliche Kulisse. Das Bühnenbild (Philipp Schmalhorst) ergänzt den authentischen Schauplatz um eine flexible Wandfassade, die sich nach Belieben in ein gehobenes Königshaus sowie in eine ärmliche Wohnkulisse verwandeln kann.

Zwischen den rechten und linken Zuschauerplätzen ist ein langer Steg angelegt, auf dem im Laufe der Handlung immer wieder Fechtkämpfe ausgetragen werden.

Das moa theater bedient sich bei ihrer neuesten Sommerproduktion erstmalig der berühmten klassischen Übersetzung August Wilhelm von Schlegels. Unter der Regie von Rüdiger Jantzen versetzt das vielseitige Bühnenstück das Publikum in jene Zeit, als der junge Kronprinz Heinrich (Jan Michael Soth) mit seinem Busenfreund Sir John Falstaff und anderen Tagesdieben durch die Hurenhäuser Londons streift. Sein Vater (Andreas König) wirft ihm vor, sich nicht verantwortungsbewusst um Regierungsgeschäfte zu kümmern.

Als der König jedoch stirbt, tritt Heinrich seine Nachfolge an und führt das Königshaus in der Tradition seines Vaters fort. Gleichzeitig übt er Verrat an seinen Freunden, insbesondere an Sir John. Dieser avanciert im Verlauf der Geschichte zum Komiker und Publikumsliebling – sei es durch die sympathisch fehlerhafte Figur, die überlegende Schauspielkunst von Jens Eike Schmidt, oder auch durch das Mitleid, das man zum Schluss für ihn hegt.

In gewisser Weise kristallisiert sich Falstaff zum tragischen Helden, der am Ende sterben muss. Sowohl tragische, als auch komische Szenen amüsieren das Publikum ganze drei Stunden lang – inklusive Pause. Eine lange Zeit, die viel Unterhaltungskunst erfordert. Eine gelungene Einbindung der Zuschauer in das Schauspiel trägt sicher dazu bei:

Am Anfang der Handlung erhalten einige Besucher Requisiten, die ihnen dann von den „Räubern“ entrissen werden. Auch die Fechtkämpfe geben dem Zuschauer das Gefühl von Unmittelbarkeit. Obwohl die Schauspieler keine Mikrophone verwenden, sind sie doch gut zu hören und präsent. Im Ganzen glänzt das moa theater mit seiner Inszenierung des Shakespeare Klassikers als unkonventionelle Alternative zu professionellen Open-Air-Theater-Veranstaltungen.

Begünstigt dadurch, dass das Gesamtbild harmonisch wirkt: Das Bühnenbild, die Aufführung und selbst die Kostüme (Marina Zurek, Anna-Maria Aulich und Kristin Schmidt) sind klassisch gehalten. Lobenswert nebenbei auch die Bemühungen des gemeinnützigen Vereins um eine hindernisfreie Erreichbarkeit sowie die Tatsache, dass jeweils eine Vorstellung in Gebärdensprache übersetzt und kommentiert wird. Dies ist ein in der hannoverschen Theaterszene einzigartiger und vorbildlicher Service, der von der städtischen Behindertenbeauftragten Andrea Hammann ermöglicht wird.

Text und Foto: Gulaim Ahangri


Schlagwörter:

Diesen Beitrag kommentieren