Kleine Menschen reagieren besonders auf hohe Stimmen. Mütter wissen das. Was manche Mütter nicht zu wissen scheinen: Auch große Menschen reagieren besonders auf hohe Stimmen. Besonders allergisch. Das Stichwort lautet Lärm. Eine Belastung nicht nur für das Ohr, sondern für den ganzen Organismus. Ab einer bestimmten Lautstärke, so weiß man, wird es gefährlich. Ab einer bestimmten Tonhöhe, so spürt man, ist zumindest der nervliche Super- GAU vorprogrammiert.
Das menschliche Ohr kann Frequenzen zwischen 20 Hertz und 20.000 Hertz wahrnehmen. Schall, der darunter oder darüber liegt, kann zwar nicht mehr gehört werden, aber Unbehagen verursachen. Den Müttern, um die es in dieser Randgruppenbeleidigung geht, ist das alles Hertzlich egal. Sie können – wie die modernen Mütter von heute eben so sind – beides gleichzeitig: gehört werden und Unbehagen verursachen. Ihr Markenzeichen: eine bis über die Schmerzgrenze des Erträglichen erhöhte Tonlage, ein terrorisierender Tonhöhenverlauf, abgehackte Sätze, penetrante Wiederholungen, kurz: infant-directed speech (IDS).
Die IDS-Mutter weiß, was sie tut. Im Durchschnitt überdurchschnittlich gebildet, liest sie alles, was bei drei nicht im Altpapier liegt. Noch ehe das Kind rein optisch vom Dottersack zu unterscheiden ist, kennt sie sämtliche Abpumpsysteme und Rückbildungsrituale. Ihr Steckenpferd ist jedoch die Sprachförderung des heranwachsenden Statussymbols. Bestens informiert, hat sie den Dirty Talk aus dem Schlafzimmer verbannt und den Baby Talk zur Muttersprache deklariert. Der Ton macht schließlich die Musik. Und weil die Mama so ein Tausendsassa ist, hat sie die „melodische Sprache mit emotionaler Färbung“ sogar noch einmal ganz neu interpretiert. Herausgekommen ist eine Musik des Grauens, und zwar auf Repeat.
Was die IDS-Mutter nämlich auch weiß: Je häufiger eine Äußerung verstärkt wird, desto mehr verfestigt sie sich im Sprachrepertoire des Kindes. Letzteres muss nur einmal den Fehler begehen, mit seinem Fingerchen in irgendeine Richtung zu zeigen und dabei etwas Unverständliches zu brabbeln, und schon geht es los, in allerhöchster Tonlage: „Jaaa. Da ist ein Auto. Ein Auto. Da ist ein Auto. Ja, da ist ein Auto. Ein Auto. Ja, schau. Da ist ein Auto. Was macht denn das Auto? Das fährt. Das Auto fährt. Guck, es fährt. Das Auto fährt. Ja, das fährt, das Auto.” „Da!” „Ja, da. Da war ein Auto. Wo ist das Auto? Das Auto? Hm, wo ist das Auto? Das Auto ist weg, hm? Das Auto ist weg. Weg. Weg ist das Auto. Das Auto ist gefahren. Weg. Ist weggefahren, das Auto. Ja, weg ist das Auto. Kein Auto mehr da. Das Auto ist weg, Auto ist weg.”
So schrillt und schallt es auf Bürgersteigen, in Wartezimmern, Cafés und gerne auch in Büros, wenn die IDS-Mutter ihre Kollegen besucht. Und es schallt noch etwas eindringlicher, wenn die IDS-Mutter eine Spielecke entdeckt. Bauklötze! Selbst das kleinste Kind freut sich über die bunten Klötzchen, denn so ein kleiner, unverdorbener Mensch, der freut sich ja über alles. Und wenn er auch noch nicht damit bauen kann, so kann er doch damit schmeißen, klappern und fröhlich daran rumlutschen. Klaaatsch, wird die Kiste aus 1,50 Metern Höhe ausgekippt. Sicher, das Kind kann noch nicht alle Steine zu einem netten Gesamtbild verarbeiten. Aber es kann doch mal mit allen Steinen schmeißen, mit allen auf den Boden klopfen und mit allen seine orale Phase ausleben. Und wenn das friedliche Geschöpf doch nur ein oder zwei Steine in sein Herzchen schließen und alle anderen außer Acht lassen sollte, dann klopft die IDS-Mutter eben selbst mal kräftig mit jedem einzelnen Klötzchen aufs Parkett. „Schau mal, ein rotes Dreieck. Rotes Dreieck. Ja, was ist das?” „Da!” „Ja, da. Ein rotes Dreieck ist da. Rotes Dreieck. Ein rotes Dreieck. Guck, ein rotes Dreieck. Dreieck. Ein rotes Dreieck. Ein rotes Dreieck hat die Mama da. Ja, ein Dreieck! Rotes Dreieck! Rot! Rotes Dreieck. Die Mama hat ein rotes Dreieck. Und was ist das?” „Da!” „Jaaa, da ist noch ein Klötzchen, hm? So viele Klötzchen hast du. So viele Klötzchen. So viele Klötzchen hast du. Guck, ein blaues Klötzchen. Blau. Ein blaues Klötzchen hast du.” „Da!” „Ja, richtig! Blau ist das. Blau ist das. Jaaa. Da ist ein blaues, ein blaues Klötzchen…”
Liebe IDS-Mütter, im Grunde seid ihr doch nichts anderes als ADS-Mütter. Dass ihr mit fehlender Aufmerksamkeit gestraft werdet, liegt jedoch nicht am Kind. Vielleicht versucht ihr es künftig einfach mal mit maximal fünf Wortwiederholungen und einer etwas natürlicheren Tonlage. Ihr nervt nämlich gewaltig. Nervt. Ihr nervt. Ja, ihr nervt. Ihr nervt. Nervt. Nervt gewaltig. Ihr nervt. Gewaltig. Ganz gewaltig. Ihr nervt, ihr nervt, ihr nervt.
Text und Foto: Manuela Sender

