Ob der Dalai Lama wohl eitel ist? Eigentlich könnte man ja vermuten, dass er keinen besonderen Wert auf seine äußere Erscheinung, seinen Ruf und seine Stellung in der Gesellschaft legt. Denn das ist doch der Königsweg zum Glück, oder nicht? Wer die Eitelkeit besiegt, der kann gelassen sein, sich dem „wahren Leben“ zuwenden. Der muss nicht mehr um die Karriere kämpfen oder sich über Pickel auf der Stirn ärgern. Vielleicht sollten wir alle einfach weniger eitel sein und uns auf die wirklich wichtigen Dinge konzentrieren. Es gibt da ja nun weiß Gott genug, um das man sich kümmern könnte.
Ob Jesus sich wohl rasiert hat? Oder sich seinen Bart gestutzt hat? Hat er sich nach dem Essen die Überbleibsel aus dem Gesichtsschmuck gepult, oder war ihm das egal? Nein, wahrscheinlich hat auch er sich die Reste vom Hammel aus den Haaren geklaubt. Genauso wird der Dalai Lama in unbeobachteten Augenblicken skeptisch vor dem Spiegel stehen, seinen Bauch betrachten und denken, dass ein paar Kilo weniger ganz nett wären. Natürlich. Der Dalai Lama ist ein Mensch, Jesus war ebenfalls einer, zumindest eine Weile – und Menschen sind eitel. Das war so, das ist so, und das wird immer so bleiben.
Nun begegnen einem aber immer wieder Menschen, die von sich behaupten, nicht eitel zu sein. Für solche Menschen ist zum Beispiel der natürlich gewachsene Zehnagel, präsentiert in einer Sandale Modell „Sozialpädagoge“, ein gewisses Statussymbol. Die Körperbehaarung darf ruhig wild sein, an allen Stellen, die Kleidung darf, ja muss jedem Zeitgeist, jeder Mode widersprechen. Solche Menschen haben sich bewusst entschieden, bei all dem Schein nicht mitzumachen und sich ganz dem Sein zuzuwenden. Für Menschen im Anzug, die morgens in ihre schnittigen Wagen springen, um rechtzeitig im Büro die Weltwirtschaft anzukurbeln, haben solche Menschen nur ein müdes Lächeln übrig. Nun könnte man meinen, man findet solche Menschen vorwiegend in Berufen, die in irgendeiner Weise gemeinnützig sind. In der Altenpflege, im Kinderladen. Vielleicht auch bei Organisationen, die sich für die Menschheit engagieren, bei Amnesty oder Greenpeace. Aber genau dort findet man sie nicht. Denn auch bei solcher Arbeit geht es letztlich, so ihre Argumentation, ja nur um die gesellschaftliche Anerkennung. Da tut jemand etwas für den Weltfrieden – Hut ab! Lobender Applaus für solche Menschen. Aber am Ende befriedigt jede gute Tat doch nur wieder die Eitelkeit dieser Weltverbesserer.
Der uneitle Mensch konzentriert sich dagegen ganz auf sein persönliches Glück. Würde jeder genau das tun, wären schließlich alle glücklich, so sein einleuchtendes Konzept. Eitel zu sein bedeutet, dass es einem wichtig ist, was andere denken. Genau davon hat sich der uneitle Mensch verabschiedet, vom Zwang der Gefallsucht. Und damit ist er vollkommen frei, kann tun und lassen, wozu er Lust hat. Merkwürdig ist nur, dass solche uneitlen Menschen sehr gerne davon erzählen, dass sie nicht eitel sind. Warum?
Eigentlich müsste einem uneitlen Menschen doch jedes Gespräch über seine Uneitelkeit unnötig erscheinen. Solche Gespräche bergen sogar eine gewisse Gefahr für diese Menschen. Jemand könnte unterstellen, der uneitle Mensch berichte so gerne davon, weil er ein kleines bisschen stolz auf sich ist. Und das wäre natürlich ziemlich eitel. Zuletzt könnte man dann behaupten, der uneitle Mensch sei eitel in seiner Uneitelkeit. Er würde sich nur aus Eitelkeit uneitel geben. Man sollte sich hüten, uneitlen Menschen so etwas zu unterstellen. Sie reagieren sehr ärgerlich. Aber warum eigentlich? Ärgern kann ich mich doch nur, wenn mich das Gesagte in irgendeiner Weise tangiert. Dem uneitlen Menschen müsste die Meinung der anderen aber doch vollkommen egal sein. Das ist ein echtes Rätsel. Hier stimmt irgendwas nicht.
Ist der erklärtermaßen uneitle Mensch am Ende doch eitel? Will er nur einfach etwas ganz Besonderes sein? Schien ihm der Weg über die Karriereleiter lediglich zu anstrengend und sucht er nun einfach auf anderem Wege Anerkennung? Wir behaupten einfach mal, dass das genauso ist. Der uneitle Mensch ist ein Scharlatan. Denn wie gesagt, jeder Mensch ist eitel, selbst der Dalai Lama.
GAH

