Wenn am 8. September im Kuppelsaal im HCC die ersten Klänge von Schostakowitschs „Leningrader“ unter der Leitung Kurt Masurs zu hören sein werden, dann ist das nicht nur ein Wiedersehen alter Bekannter, denn von 2000 bis 2007 war Masur Musikdirektor des London Philharmonic Orchestra, es ist auch ein Konzert mit politischer Aussage.
Der Konzertabend erinnert an den Mauerfall vor 20 Jahren. Schostakowitsch vollendete seine 7. Symphonie während der Belagerung von Leningrad in den Jahren 1941/42. Die Leningrader ist dem Kampf gegen den Faschismus gewidmet. Sie ist dramatisch, tragisch und doch auch hell, heiter und lebensbejahend. Symbol für das unendliche Leid des Krieges, Symbol für den Kampf, aber vor allem für die Hoffnung. Auch Masur hat gekämpft, auf seine Weise, zuletzt, als er die Oppositionellen in Leipzig unterstützte. Geboren wurde Masur am 18. Juli 1927 im schlesischen Brieg. Zunächst absolvierte er eine Elektrikerlehre, entschied sich erst danach für die Musik. Am Leipziger Konservatorium studierte er ab 1946 Klavier, Komposition und Orchesterleitung.
Das Studium brach er jedoch nach zwei Jahren ab. Sein Debüt als Kapellmeister erfolgte am Theater von Halle an der Saale, wo er zum ersten Mal Opernaufführungen dirigierte. Es folgten weitere Engagements auf verschiedenen Bühnen der damaligen DDR. 1970 wurde er Kapellmeister des 1743 gegründeten Gewandhauses in Leipzig. Und formte dieses Orchester zu einem der besten Klangkörper. Er selbst hat sich gelegentlich als „Politiker wider Willen“ bezeichnet. Unvergessen bleibt sein politisches Engagement bei den Montagsdemonstrationen 1989 in Leipzig – er gehörte zu den Mitunterzeichnern des Aufrufs zum beiderseitigen Verzicht auf Gewalt. „Seine Stimme war nicht die einzige, aber die wichtigste“, sagt dazu der ebenfalls aus der DDR stammende Dirigent Peter Gülke. Masur war und ist ein freier Geist.
Natürlich stand er zu DDR-Zeiten unter strenger Beobachtung durch die Stasi. Sie sah in ihm zwar keine direkte Bedrohung, denn er war immer zuerst ein Mann der Musik. Aber man vermisste doch das klare Bekenntnis zur DDR. Im Büro des Gewandhauses hatte man Mikrofone installiert, auch im Auto des Dirigenten wurde später ein Sender entdeckt. 1964, ohne Orchester und mit einem Auslandsauftrittsverbot belegt, hatte Masur darum gebeten, nach Bremen zu gehen. Man hat ihn jedoch nicht ziehen lassen. Masur ist in der Folgezeit kaum angeeckt in der DDR, er hat sich auf die Kunst, „auf das Gute“ konzentriert. Doch als sich 1989 die Gelegenheit bot, hat er sich klar positioniert. Nach dem Mauerfall folgte Masur dem Ruf zu den New Yorker Philharmonikern. Die ihn nicht wollten, weil er nun diesen „politischen Nimbus“ hatte, wie in vielen westdeutschen Medien damals zu lesen war, sondern die einfach einen erfahrenen Dirigenten suchten. Immerhin hatte Masur bis dahin bereits über 300 Konzerte in den USA gegeben. Es folgten Stationen beim London Philharmonic Orchestra und beim Orchestre National de France in Paris.
Zahlreiche Ehrungen und Auszeichnungen, zuletzt im April 2008 mit dem Wilhelm-Furtwängler-Preis, beschreiben die Steile internationale Karriere, die wohl noch lange nicht zu Ende ist. Das London Philharmonic Orchestra spielt unter der Leitung Kurt Masurs am Dienstag, 8. September, 20.00 Uhr im Kuppelsaal im HCC, die Symphonie Nr.7 C-Dur op. 60 Leningrader. Kartenpreise zwischen 12,- und 120,- Euro plus 10% Vorverkaufsgebühr.Konzertkarten bei allen bekannten Vorverkaufsstellen und unter www.eventim.de.
GAH


