Niedersachsens Nachwuchspolitiker
Der Wahlkampf läuft auf Hochtouren. Am 27. September wird der 17. Deutsche Bundestag gewählt. Gibt es einen Kurswechsel oder bleibt doch nur wieder alles beim Alten? Und vor allem: Interessiert das überhaupt noch jemanden? Die Wahlbeteiligung 2005 war mit 77,7 Prozent der bisher niedrigste Wert aller Bundestagswahlen, und auch die Europawahl im Juni diesen Jahres, bei der weniger als 50 Prozent der bundesdeutschen Bevölkerung an die Urnen gingen, führt in etwa das Ausmaß der Interessenlosigkeit und Politikverdrossenheit vor Augen.
Stadtkind stellt fünf junge Menschen vor, die nicht nur Spaß an der Politik, sondern sie sogar zu ihrem Beruf gemacht haben. Ela Windels sprach mit Nachwuchspolitikern aller Fraktionen aus dem niedersächsischen Landtag über Ziele, Zweifel und die Zukunft der Politik.
Helge Limburg, 26, Bündnis 90/DIE GRÜNEN, www.helge-limburg.de
„Jeder Mensch hat seine Wertigkeit.“
Sein alternatives Erscheinungsbild würde wohl eher dazu veranlassen, ihn vom Opernplatz zu verjagen: Spitzbart, XL-T-Shirt mit der Aufschrift ‘grüner grashüpfer’ und lange, glatte Haare, die er hinten zu einem Zopf gebunden hat. Seine Vita aber veranlasst zum Staunen: der 26-jährige gebürtige Hannoveraner ist verheiratet, seit 10 Monaten Vater einer Tochter und seit 2008 Mitglied des niedersächsischen Landtags als Sprecher für Recht, Verfassung, Antifaschismus, Kirchen und Strafvollzug. Ganz nebenbei hat er in Bremen das 1. Staatsexamen in Jura absolviert, inklusive Auslandssemester in Istanbul. Sein Arbeitsalltag besteht aus der täglichen Frühbesprechung, wöchentlichen Ausschüssen, Sitzungsvorbereitungen und Auswärtsterminen wie Empfängen oder Podiumsdiskussionen. Hin und wieder stehen Wochenendtermine wie z.B. Landesparteitage im Kalender. Bleibt bei so viel Engagement Zeit für die junge Familie? „Ich arbeite zwar mehr als 40 Stunden die Woche, bin aber mein eigener Chef und genieße das Privileg der freien Zeiteinteilung. Und meine Tochter Linea nehme ich oft mit in den Landtag“, sagt Helge Limburg.
Was wollten Sie als Kind immer werden?
Schon mit 8 Jahren wollte ich Anwalt werden, weil ich für Gerechtigkeit kämpfen und den Armen und Schwachen beistehen wollte. Polizist, Feuerwehrmann und Rockstar standen davor auch schon mal auf dem Programm.
Seit wann und warum sind Sie bei den Grünen?
Meine Eltern sind schon immer politisch engagierte Menschen gewesen, und Zuhause wurde viel diskutiert. Mein großer Bruder war in der Grünen Jugend engagiert, und weil es cool war, ging ich damals mit, da war ich 14 Jahre alt. Ein Jahr lang half ich aktiv beim Kommunalwahlkampf, dann waren etwa vier Jahre Pause, bis ich 2001 schließlich den Grünen beigetreten bin. Ende 2002 wurde ich zum Landesvorstand der Grünen Jugend gewählt. Seit Anfang 2008 bin ich Mitglied des niedersächsischen Landtags.
Was sagen Ihre Eltern dazu, dass Sie Berufspolitiker sind?
Sie sind stolz und haben mich immer unterstützt, aber auch gleichzeitig gewarnt: „Vernachlässige deine Familie nicht.“ Mein Vater ist Pastor und hat vergleichbar mit meinem Beruf keinen fest strukturierten Tag. Manchmal rufen die Leute ihn morgens um 5 Uhr an. Da muss man Grenzen setzen. Er gab mir einige gute Tipps mit auf den Weg. Und mein Opa hat in diesem Jahr zum ersten Mal Grün gewählt.
Wie reagieren Freunde und Bekannte?
Von alten Bekannten kommen schon mal allgemeine Sprüche: „Was macht ihr denn da mit den Schulen?“ Oder: „Du hast bestimmt viel zu tun.“ Da merkt man, dass viele sich nicht konkret vorstellen können, wie ein Abgeordneter arbeitet. Es kommen auch Verbesserungsvorschläge, neulich zum Beispiel die Behindertenpädagogik betreffend. Wenn es gute Vorschläge sind und wir eh an den Themen arbeiten, nehme ich sie zur Diskussion mit in die Fraktion.
Was sind Ihre persönlichen Ziele, was möchten Sie konkret ändern?
Ich möchte ein niedersächsisches Landesprogramm gegen Rechtsextremismus initiieren. Es sollte eine dauerhafte Stelle geben, an die man sich wenden kann; ein Ratgeber und Ansprechpartner für lokale Institutionen. Außerdem möchte ich mehr Richter in der Justiz stellen und den Strafvollzug humanisieren, das heißt die Resozialisierung optimieren. Und ich möchte eine kinderfreundliche Arbeitswelt schaffen, in der mehr Verständnis für Kinder herrscht. Es gibt Situationen wie Empfänge, wo man Kinder eigentlich gut mitbringen könnte, aber es wird nicht gerne gesehen. Kurzfristige Betreuung und eine Wickelmöglichkeit im Plenarsaal wären gut.
Gibt es manchmal Zweifel, nicht den richtigen Beruf gewählt zu haben?
Ja. So sehr der Job auch Spaß macht, man gibt schon viel Zeit für Reisen, Freizeit und Sport auf, und ich bin ja noch jung. Der Job ist sehr zeitintensiv, daher werde ich ihn sicher nicht mein Leben lang machen.
Gibt es ein Motto, das Sie antreibt?
Man sollte in jedem Menschen das Menschliche sehen, […] jeder Mensch hat seine Wertigkeit. Das ist ein christlicher Gedanke.
Wenn Sie nicht Politiker geworden wären, dann wären Sie?
Anwalt.
Bei den Bundestagswahlen 2005 lag die Wahlbeteiligung bei 77,7% – wie sind die Prognosen für 2009, drüber oder drunter?
Eher drunter.
Bei den Europawahlen liegt die Wahlbeteiligung üblicherweise niedriger, 2009 sogar unter 50% – wie ist das zu erklären?
Ehrlich gesagt verstehe ich es nicht, wie man einfach sagen kann, das interessiert mich nicht. Die Parteien machen ja Angebote, ob gut oder schlecht sei dahin gestellt, aber es gibt Angebote. Ich finde, die Leute übernehmen zu wenig Verantwortung. Einmal kurz das Programm querlesen und ein Kreuz machen, das würde ich ihnen schon zumuten wollen. Allerdings tragen Parteien auch dazu bei, die Leute zu verwirren. Sie vermischen die Ebenen zwischen Bundes- und Europapolitik und kommen mit inhaltsleeren Slogans wie ‚Wir für Europa’. Was ist denn das bitte für ein Spruch? Vielleicht ist Europa auch zu komplex. Was macht das Europaparlament, was wird auf welcher Ebene entschieden? Das ist vielen nicht so klar.
Sind es vor allem Jugendliche, die kein Interesse an Politik haben?
Ich erlebe schon viel Interesse unter Jugendlichen und auch Engagement, zum Bespiel bei Amnesty International oder Greenpeace. Es gibt auch immer wieder Aktivitäten gegen Rechts.
Die Führungsspitze der Grünen – Künast und Trittin – eine gute Wahl?
Auf jeden Fall, sie machen einen guten Job. Aber auch die Grünen müssen aufpassen, nicht zu sehr zu überaltern.
Geben Sie bitte eine allgemeine Prognose zur Bundestagswahl ab.
Bei den letzten Landtagswahlen haben wir zwar an Prozenten gewonnen, aber an effektiven Stimmen verloren. Auf Bundesebene müssen wir effektive Stimmen dazu gewinnen, das ist mir wichtig, das ist unser Ziel.
Zum Schluss vier kurze Stichworte mit der Bitte um kurze, spontane Antworten.
Globalisierung
Ist nur dann eine tolle Sache, wenn sie demokratisch und sozial weltweit gerecht ausgestaltet ist.
Gentechnik
Brauchen wir nicht, sollte man nicht machen.
Gleichberechtigung
Haben wir noch lange nicht erreicht, man sollte politisch und persönlich viel stärker dafür kämpfen.
Geld/Wirtschaft
Wirtschaft muss den Menschen dienen, und auch Geld muss Hilfsmittel für den Menschen sein und nicht Selbst- oder Lebenszweck oder dominierender Faktor in der Gesellschaft.
Ansgar Focke, 27, CDU, www.ansgar-focke.de
„Auf geht’s!”
Obwohl das Thermometer schon am frühen Vormittag sommerliche 25 Grad zeigt, verzichtet Ansgar Focke nicht auf seine Anzugjacke. Mit einer BILD unter dem Arm eilt er aus dem verspäteten Zug zum Landtag. Eineinhalb Stunden reist der 27-Jährige vier Mal wöchentlich per Bahn aus Ganderkesee, einer 30.000 Einwohner- Gemeinde zwischen Bremen und Oldenburg, nach Hannover an. Die Zeit im Zug nutzt er zum Lesen, bevor sein arbeitsreicher Tag beginnt, der oftmals bis in die Abendstunden reicht: Fraktionssitzungen, Petitionsausschüsse, Kindergartenbesuche, Interviewtermine, Abendveranstaltungen, Bürgerbüro und zwischendurch immer wieder Handyklingeln. Nebenbei ist er nicht nur als selbstständiger Kaufmann tätig, er engagiert sich zudem im Kinderschutzbund, im DRK und im Lions-Club. Seit 2008 ist Ansgar Focke verheiratet. Seine Frau lernte er bei einer Party der Jungen Union kennen. „Sie wusste also, worauf sie sich einlässt“, sagt der Politiker mit einem Lachen und fügt dann hinzu: „Die wenige Zeit, die wir zusammen haben, gestalten wir qualitativ hochwertig.“
Was wollten Sie als Kind immer werden?
Polizist.
Seit wann und warum sind Sie bei der CDU?
Mein Vater ist Landrat, ich habe also die Politik in die Wiege gelegt bekommen. In der Schule fand ich Politik und Geschichte immer spannend, außerdem habe ich mich früh engagiert, zum Beispiel in der Schülervertretung. Seit 1998 bin ich Mitglied in der Jungen Union, weil Helmut Kohl damals im Wahlkampf zu Besuch war und er mich sehr beeindruckt hat. 2001 ging ich in die Kommunalpolitik und wurde mit 18 Jahren in Vechta direkt in den Stadtrat gewählt, wo ich sechs Jahre tätig war. Schließlich suchte die CDU im Landkreis Oldenburg einen Kandidaten für die Landtagswahl. Da ich nichts zu verlieren hatte und das weiterführen konnte, was mir als Hobby Spaß machte, betrieb ich Wahlkampf mit der Unterstützung meiner Freunde. Das Resultat: 2008 zog ich für die CDU in den Landtag ein.
Was sagen Ihre Eltern dazu, dass Sie Berufspolitiker sind?
Von meinem Vater habe ich gelernt, die Wochenenden frei zu halten oder die Familie in die Termine mit einzubinden. Außerdem, dass es wichtig ist, ein zweites Standbein zu haben, denn Politiker ist ein Job auf Zeit, und man sollte sich nicht von der Politik abhängig machen. So habe ich es geregelt.
Wie reagieren Freunde und Bekannte?
Viele wissen gar nicht, was es bedeutet Abgeordneter zu sein und was da im Einzelnen passiert: Papiere wälzen, Entscheidungen treffen, Kritik aushalten, um die beste Idee streiten. Das bekommt man nur mit, wenn man einen Abgeordneten mal eine Woche lang begleitet. Darum biete ich Schülerpraktika an. Von Bürgern bekomme ich manchmal Hinweise aus dem praktischen Leben, leider kann man das nicht immer so einfach umsetzen.
Was sind Ihre persönlichen Ziele, was möchten Sie konkret ändern?
Ich möchte den Kinderschutz und die Elternkompetenz stärken. Wir haben maßgeblich daran mitgearbeitet, Kinderrechten Verfassungsstatus zu verleihen. Außerdem ist die Erkenntnis im Gesundheits- und Sozialwesen wichtig, dass Sozialpolitik nur funktioniert wenn das, was man verteilt, vorher erwirtschaftet wurde. Stichwort Solidargemeinschaft. Es kann nicht nur soziale Geschenke und nicht nur Wirtschaft geben. Beides funktioniert nur zusammen und ist voneinander abhängig.
Gibt es manchmal Zweifel, nicht den richtigen Beruf gewählt zu haben?
Zweifel in die Politik zu gehen, nein. Zweifel an den eigenen Entscheidungen, manchmal ja. Man versucht, alles richtig zu machen, aber manchmal fällt etwas hinten runter. Wenn man merkt, dass getroffene Entscheidungen negative Auswirkungen haben, muss man den Mut haben umzukehren.
Gibt es ein Motto, das Sie antreibt?
Ich sehe keine Probleme, ich sehe Herausforderungen. Auf geht’s!
Wenn Sie nicht Politiker geworden wären, dann wären Sie?
Selbstständiger Versicherungskaufmann.
Bei den Bundestagswahlen 2005 lag die Wahlbeteiligung bei 77,7% – wie sind die Prognosen für 2009, drüber oder drunter?
Gleich bleibend.
Bei den Europawahlen liegt die Wahlbeteiligung üblicherweise niedriger, 2009 sogar unter 50% – wie ist das zu erklären?
Europa findet in den Medien kaum statt. Die Transparenz fehlt. Die Abgeordneten haben so große Wahlkreise, dass Bürgerkontakt nahezu unmöglich ist. Alles wirkt so bürokratisch, es gibt keine Streitkultur im Parlament, nur Kompromisse. Die Politik ist nicht greifbar.
Sind es vor allem Jugendliche, die kein Interesse an Politik haben?
Kommt oft auf das Elternhaus an. Generell haben junge Menschen weniger Interesse an der Politik. Erst wenn sie im Beruf sind und Steuern zahlen müssen, bekommt Politik Bedeutung. Im Moment herrscht mangelndes Interesse, weil die große Koalition – zwei große Volksparteien die wichtig sind – keine Pole mehr bietet. Gegen das mangelnde Interesse sollten die Abgeordneten Hackengas geben und auf Veranstaltungen Leute ansprechen, nah am Bürger sein, Präsenz zeigen und mit möglichst vielen Leuten ins Gespräch kommen. Das heißt auch, sich z.B. für ein Kindergartenfest nicht zu fein zu sein.
Die Führungsspitze der CDU, Angela Merkel – nach wie vor eine gute Wahl?
Angela Merkel hat eine gute Figur gemacht, auch in Krisenzeiten. Das sollte man honorieren und ihr erneut eine Chance geben. Ihre Sachlichkeit ist ihre Stärke, sie äußert sich sehr fundiert und sagt etwas nicht nur, um in der Zeitung zu erscheinen.
Geben Sie bitte eine allgemeine Prognose zur Bundestagswahl ab.
Mein Wunsch ist eine bürgerliche Mehrheit aus CDU und FDP. Die Umfragen sind ein bisschen besser für uns. Ich freue mich, wenn die FDP die 10% erreicht und die CDU 40%.
Zum Schluss vier kurze Stichworte mit der Bitte um kurze, spontane Antworten.
Globalisierung
Ist gut, wenn Menschen sie verstehen und Politik Ausgleich im Tempo schafft.
Gentechnik
Interessant, weil sie den Hunger der Welt stillen kann. Aber die Forschung muss im Vordergrund stehen und den Bürger aufklären, was passiert. Soweit sind wir leider noch nicht.
Gleichberechtigung
Ich bin auf jeden Fall dafür.
Geld/Wirtschaft
Leistung muss sich lohnen, für einen selbst ebenso wie für die Gemeinschaft. Die Antwort ist die soziale Marktwirtschaft.
Stefan Klein, 38, SPD, www.stefanklein-mdl.de
„Gleiche Bildungschancen für junge Menschen.”
Die Urlaubsbräune, die einen schicken Kontrast zu seinem weißen Hemd und den kurzen, hellblonden Haaren bietet, hat Stefan Klein aus Mallorca mitgebracht, wo der frisch Verheiratete gemeinsam mit Frau und seiner eineinhalbjährigen Tochter Emily gerade die Flitterwochen verbrachte. Nun geht es langsam wieder los mit der Politik. In der Sommerferienzeit des Landtags läuft alles langsamer, da kann der 38-Jährige auch mal von zu Hause aus arbeiten. Ansonsten reduziert sich intensives Familienleben auf den gemeinsamen Urlaub. „Ich versuchezu Hause zu sein, aber das ist schwierig“, sagt er. Kein Wunder. Der gelernte Gewerkschaftssekretär, der seine politische Karriere auf dem zweiten Bildungsweg einschlug, ist seit 2006 Bürgermeister der Stadt Salzgitter und seit 2008 Jugendpolitischer Sprecher der SPD-Landtagsfraktion und Mitglied des Niedersächsischen Landtags. Sein Anspruch ist es, Versprechen, die er vor der Wahl gegeben hat, auch nach der Wahl umzusetzen. Das heißt: Termine, Termine, Termine. Zudem engagiert sich Klein bei ver.di, der AWO, dem Kinderschutzbund und dem Sozialverband Deutschland sowie als stellvertretender Vorsitzender des Aufsichtsrates der Sportund Freizeit Salzgitter GmbH.
Was wollten Sie als Kind immer werden?
Ich hatte keinen besonderen Wunsch.
Seit wann und warum sind Sie bei der SPD?
Mein Vater war CDU-Ortsrat; von 1985 bis 1992 war ich in der Jungen Union engagiert. Ich bin dann ausgetreten, weil mir der soziale Aspekt fehlte. 1998 wurde ich Mitglied der SPD. Schröder hat mein politisches Bewusstsein eher geprägt, weil er nach der Ära Kohl Dinge auf den Weg gebracht und vieles verbessert hat.
Was sagen Ihre Eltern dazu, dass Sie Berufspolitiker sind?
Mein Vater, der 25 Jahre CDU-Mitglied war bevor er aus der Partei ausgetreten ist, hat meine Wahl in den Landtag nicht mehr erlebt. Meine Mutter ist weniger politisch, aber ich denke, sie ist stolz auf mich.
Wie reagieren Freunde und Bekannte?
Die meisten können sich nicht vorstellen, was ein Abgeordneter macht. Sie denken, man hat einen Chauffeur, Personal und verdient viel Geld. Stattdessen haben wir lange Sitzungen, viele Termine und keine geregelten Arbeitszeiten. Da ist man privat eigentlich froh, nicht über Politik reden zu müssen. Aber aus dem Bekanntenkreis oder von Kollegen kommen schon mal Ratschläge: „Mach nicht zu viel, nimm dich zurück, damit deine Familie nicht leidet.“ Einige Bekannte bitten mich auch mal um Hilfe, z.B. bei der Arbeitsplatzsuche.
Was sind Ihre persönlichen Ziele, was möchten Sie konkret ändern?
Gleiche Bildungschancen für junge Menschen, kostenfreie Bildung bis hin zur Universität, so dass jeder Mensch seine Berufswünsche realisieren kann. In Salzgitter haben wir damit schon angefangen, indem wir die Elternbeiträge für drei Kindergartenjahre abgeschafft haben. Ich persönlich konnte zum Beispiel noch kostenfrei studieren. Gebühren hätten mich damals abgehalten.
Gibt es manchmal Zweifel, nicht den richtigen Beruf gewählt zu haben?
In der Landespolitik wird man manchmal seiner Illusion beraubt, wenn man merkt, dass ein Vorhaben an der Unsetzung scheitert. Ich möchte den Weg, den ich gegangen bin, aber auf keinen Fall missen. Trotzdem gibt es Überlegungen, ob man ihn auf Dauer vereinbaren kann. Ich bin relativ neu im Landtag. Es gibt noch eine Lernphase, eine Übergangsperiode, um sich in Arbeit und Abläufe einzugewöhnen. Daher bereue ich meinen Schritt nicht. Aber er ist mit Höhen und Tiefen verbunden. Immer wieder tauchen Fragen auf: Macht man genug? Hat man den Leuten geholfen? Es gibt nie Feierabend. Wenn man länger dabei ist und Routine und Souveränität erlangt hat, kann man eher Prioritäten setzen. Sonst könnte man das gar nicht schaffen.
Gibt es ein Motto, das Sie antreibt?
Mir ist wichtig, dass ich mich als Mensch durch das Amt nicht verändere, offen, ehrlich und bodenständig bleibe. Ich möchte ein guter Abgeordneter sein und den Menschen gerecht werden.
Wenn Sie nicht Politiker geworden wären, dann wären Sie?
Gewerkschaftssekretär.
Bei den Bundestagswahlen 2005 lag die Wahlbeteiligung bei 77,7% – wie sind die Prognosen für 2009, drüber oder drunter?
Leider eher drunter.
Bei den Europawahlen liegt die Wahlbeteiligung üblicherweise niedriger, 2009 sogar unter 50% – wie ist das zu erklären?
Europa fehlt die Nähe, es sind zu wenig Abgeordnete vor Ort. Man muss mehr Bewusstsein und Nähe zur Politik schaffen, und das entsteht nur durch Personen. Alle Politiker sind gefordert, mehr Transparenz zu schaffen, denn Europa wird auch für die nationale Politik immer wichtiger. Das rüberzubringen ist Aufgabe aller Fraktionen.
Sind es vor allem Jugendliche, die kein Interesse an Politik haben?
Wir versuchen, der Politikverdrossenheit Jugendlicher entgegenzuwirken und zum Beispiel mit Kinoaktion inklusive Diskussionsrunden Jungwähler einzubinden. Auch hier gilt: es ist wichtig, dass Jungwähler die Nähe zur Person haben und direkt Fragen stellen können. Um Vertrauen zu schaffen, gehe ich in die Schulen. Aber es sind nicht nur Jugendliche, auch Ältere verlieren das Interesse an Politik, jedoch aus anderen Gründen. Während junge Menschen aus Unwissenheit kein Interesse entwickeln, kehren ältere Menschen aus Enttäuschung und Unzufriedenheit über Entscheidungen der Politik den Rücken.
Die Führungsspitze der SPD – Steinmeier und Müntefering – eine gute Wahl?
Matthias Platzeck war damals ein Zeichen für Aufbruch und Erneuerung, mit ihm kam frischer Wind auf. Das ist mit Müntefering nicht gerade auf den Weg gebracht worden. Dafür ist er sehr erfahren. Folglich ist er am richtigen Platz, aber nicht auf Dauer. Steinmeier ist seriös, mit viel Erfahrung und ein guter Außenminister, aber er ist nicht so der „Reißer“. Er überzeugt eher durch Sachlichkeit. Ich glaube aber, viele Leute gehen nicht danach.
Geben Sie bitte eine allgemeine Prognose zur Bundestagswahl ab.
Hoffentlich gibt es keine große Koalition. Ich hoffe auf Mehrheiten für die SPD, auf Bundesebene ist das aber mit den Linken nicht machbar. Auf Landesebene, abhängig von Programm und Personal der Linken, schon eher.
Zum Schluss vier kurze Stichworte mit der Bitte um kurze, spontane Antworten.
Globalisierung
Bietet eine ganze Menge Chancen.
Gentechnik
Es ist erforderlich, Grenzen zu ziehen.
Gleichberechtigung
Halte ich für enorm wichtig, es gibt aber noch einiges zu tun.
Geld/Wirtschaft
Die Krise hat gezeigt, dass es sich lohnt, wenn der Staat auch an Unternehmen beteiligt ist, weil es Sicherheiten bietet.
Victor Perli, 27, DIE LINKE, www.perli.de
„Die Situationen von Menschen verbessern.”
Als Kind eines italienischen Einwanderers und einer niederländischen Mutter wurde Victor Perli 1982 in Bad Oeynhausen geboren. 1993 zog er mit seiner Familie nah an die Grenze zu Sachsen Anhalt – nach Wolfenbüttel – weil sein Vater Anfang der Neunziger das erste italienische Restaurant in dem neuen Bundesland eröffnete. Dort lebt er heute wieder. Seit 2001 studiert er zunächst an der TU Braunschweig Soziologie, Politik und Geschichte. 2006 wechselte er an die Uni Potsdam, um die neuen Studiengebühren, die in Niedersachsen eingeführt wurden, zu umgehen. „Ich bin Gebührenflüchtling, und das treibt mich auch an, etwas in der Bildungspolitik zu verändern“, erklärt Victor Perli. Seit 2008 ist er Mitglied im Ausschuss für Wissenschaft und Kultur im niedersächsischen Landtag sowie im neu eingerichteten Untersuchungsausschuss zum Atommülllager Asse. Außerdem engagiert er sich in der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft sowie im Förderkreis demokratischer Volks- und Hochschulbildung e.V. Einmal pro Woche pendelt er mit der Bahn nach Potsdam, um sein Studium zu beenden. Das Privatleben muss phasenweise sehr zurückstecken, aber Zeit zum abendlichen Joggen als Ausgleich zum Politiker- und Studentendasein nimmt sich der 27-Jährige regelmäßig.
Was wollten Sie als Kind immer werden?
Busfahrer, Polizist – Berufe, die mit Gesellschaft zu tun haben und die Situationen von Menschen verbessern.
Seit wann und warum sind Sie bei den LINKEN?
Bis zu meinem 16. Lebensjahr gab es nur die Regierung Kohl. Mit dem Regierungswechsel 1998 verband ich ziemlich viel Hoffnung. Es sollte etwas anderes kommen, eine liberalere Geisteshaltung. Ich war damals politisch irgendwo zwischen Fischer und Gysi verortet. 1999 wurde dann der erste Auslandseinsatz der Bundesrepublik bewilligt, mit den Grünen in der Regierung. Das fand ich nicht wirklich attraktiv. Auch mit der Agenda 2010 und dem auf die lange Bank geschobenen Atomausstieg war ich unzufrieden. Für mich stand fest: Es muss mehr Druck von links geben, um nicht Kompromisse nach rechts zu machen. Die sozialistische Jugend hatte ein fesches Erscheinungsbild, und so bin ich 2001 in die PDS eingetreten, weil mich deren Ziele – Frieden, Gerechtigkeit und gegen Rechts – überzeugten. Gysi stand für eine Erneuerung der PDS, die sich kritisch mit dem Scheitern der DDR befasste. Das fand ich glaubwürdig. 2003 bis 2005 war ich Bundessprecher des Jugendverbandes und initiierte unter anderem das Projekt ‚Aufmucken gegen Rechts’. 2007 bin ich als Kandidat für die Landtagswahl aufgestellt worden und seit 2008 Mitglied des Niedersächsischen Landtags in der Linksfraktion.
Was sagen Ihre Eltern dazu, dass Sie Berufspolitiker sind?
Als meine ehrenamtliche Arbeit zeitweise zu viel wurde, war mein Vater schon misstrauisch, ob das alles so klug sei. Aber jetzt haben meine Eltern nichts mehr gegen mein Engagement einzuwenden. Sie sind stolz auf mich, nehmen viel von meiner gesellschaftlichen Kritik auf und sehen viele Dinge anders als früher, wie zum Beispiel das Thema Armut.
Wie reagieren Freunde und Bekannte?
In meiner Freizeit spare ich das Thema Politik weitestgehend aus und suche andere Lebensbereiche. Ich möchte meinen Freunden Politik nicht aufdrücken. Nur einen Rat haben sie mir auf den Weg mitgegeben: „Bleib so wie du bist.“ Und das versuche ich.
Was sind Ihre persönlichen Ziele, was möchten Sie konkret ändern?
Ich möchte die Studiengebühren abschaffen, weil sie nicht gerecht sind, schon gar nicht in einer Zeit, in der Bildung immer mehr an Bedeutung gewinnt. Außerdem möchte ich, dass das Asse-Problem schnellstmöglich gelöst wird, um zu verhindern, dass spätere Generationen es aufgebürdet bekommen. Und ich möchte den Armutstendenzen entgegenwirken, denn jeder Mensch sollte sozial abgesichert sein und würdig mit einer Perspektive leben können.
Gibt es manchmal Zweifel, nicht den richtigen Beruf gewählt zu haben?
Wenn man selber eine harte Woche hatte und sieht, wie andere leger leben und arbeiten, da kann das schon mal aufkommen. Aber mein Job macht mir Spaß und ich mache ja alles freiwillig.
Gibt es ein Motto, das Sie antreibt?
Jeder Mensch soll das eine Leben, das ihm geschenkt wurde, würdig, sozial abgesichert und nach eigenen Interessen gestalten können. Soziale Gerechtigkeit schaffen. Mehr Demokratie – gegen Nazis – das steht im Vordergrund meiner Arbeit.
Wenn Sie nicht Politiker geworden wären, dann wären Sie?
Ich wäre dennoch äußerst interessiert an den politischen und sozialen Problemen der Menschheit und beruflich vielleicht bei der Gewerkschaft oder einem Wohlfahrtsverband tätig.
Bei den Bundestagswahlen 2005 lag die Wahlbeteiligung bei 77,7% – wie sind die Prognosen für 2009, drüber oder drunter?
Eher drunter, weil es einen Mangel an personellen Alternativen gibt. Die meisten Menschen denken doch: die Merkel wird eh Kanzlerin bleiben; und es gibt eine Rekordverschuldung, da ist sowieso alles egal, es wird eh schlimmer.
Bei den Europawahlen liegt die Wahlbeteiligung üblicherweise niedriger, 2009 sogar unter 50% – wie ist das zu erklären?
Für die meisten Menschen ist nicht sichtbar, wie sie etwas in der europäischen Politik ändern können. Es gibt zwar so etwas wie ein pro-europäisches Gefühl, aber die Skepsis über die Form der übermächtigen EU-Bürokratie und die mangelnde Transparenz überwiegen. Die Europawahl ist eine Wahl der Besserverdienenden, daher auch die starken Ergebnisse für CDU, FDP und die Grünen.
Sind es vor allem Jugendliche, die kein Interesse an Politik haben?
Jugendliche befassen sich generell zurückhaltender mit Politik, ausgenommen vielleicht die 68er Generation und die Jugendlichen zu Zeiten Willy Brandts. Das Bildungssystem erleichtert den Zugang zu Politik nicht, und einige Medien produzieren eine Abwehrhaltung gegen Politik, wenn sie den Eindruck erwecken, dass es vor allem um Lug und Trug geht, oder Politiker nichts besseres zu tun haben, als sich zum Beispiel mit dem Krümmungsgrad von Gurken zu befassen.
Die Führungsspitze der Linken – Lafontaine und Gysi – eine gute Wahl?
Lafontaine ist Garant dafür, dass die Linke als bundesdeutsche Partei anerkannt wurde, das hätte die PDS nie geschafft. Das Duo ist rhetorisch und gedanklich das Stärkste in der deutschen Politik. Allerdings gehen sie auch mal in Rente. Offen ist, was danach kommt.
Geben Sie bitte eine allgemeine Prognose zur Bundestagswahl ab.
Die Linke könnte dritte Kraft werden, das ist jedenfalls unser Ziel. Bei den Menschen kommen die Finanzkrise und ihre Folgen langsam gedanklich an: Die Banken haben Geld herausgeworfen und die Bürger sollen die Zechen zahlen… Die Linke hat das beste, finanzierbare Konzept. Die, die die Katastrophe herbeigeführt haben, müssen zahlen.
Zum Schluss vier kurze Stichworte mit der Bitte um kurze, spontane Antworten.
Globalisierung
Hat in Sachen Kommunikation die Welt näher gebracht, die wirtschaftliche Diskrepanz jedoch extrem vergrößert.
Gentechnik
Ist ein wichtiges Forschungsfeld, hat aber nichts auf unseren Tellern zu suchen.
Gleichberechtigung
Nach wie vor ein in unserer Gesellschaft noch nicht erreichtes Ziel.
Geld/Wirtschaft
Von größerer Bedeutung, als es mir lieb wäre.
Björn Försterling, 27, FDP, www.bjoern.foersterling.de
„Belange von Jungen sollten Junge vertreten.”
Parteiveranstaltungen statt Party mit Gleichaltrigen, so könnte Björn Försterling seine Jugend beschreiben. Im Freundeskreis war das nicht immer angesagt, aber für ihn stand die Politik einfach früh im Mittelpunkt. Kein Wunder, er ist damit aufgewachsen. Seine Mutter war aktives SPD-Mitglied, und schon als Junge unterstützte Försterling sie beim Häuserwahlkampf. Früh stand für ihn fest, politisch aktiv zu werden, Verantwortung zu übernehmen und sich zu engagieren. Auslöser für seine eigene politische Karriere war eine Wahlkampfveranstaltung von Westerwelle in Wolfenbüttel. „Seine Rede hat mich beeindruckt. An dem Abend fasste ich den Entschluss, in der FDP dabei zu sein.“ Das war 1998, und Försterling war mit 15 zu jung für eine offizielle Mitgliedschaft. Aber der FDP Kreisvorsitzende machte sich stark und band ihn überall mit ein. „Es war eine tolle Erfahrung, dass man auch als 15-Jähriger schon ernst genommen wird“, sagt er. Zum 16. Geburtstag bekam er dann seinen Mitgliedsausweis überreicht. Noch heute eckt er hin und wieder an und wird aufgrund des Alters nicht ernst genommen, obwohl er bereits mehr als zehn Jahre aktiv Politik betreibt. „Was kann ein 27- Jähriger schon erreichen? Das ist für viele befremdlich. Ich finde aber, für die Belange von jungen Menschen sollten auch junge Menschen kämpfen“, sagt er selbstbewusst.
Was wollten Sie als Kind immer werden?
Ich wollte als kleiner Junge mal zur Feuerwehr, hatte aber sonst nie einen bestimmten Wunsch.
Seit wann und warum sind Sie bei der FDP?
1998 bin ich durch eine Wahlkampfveranstaltung von Guido Westerwelle zu den Liberalen gestoßen. Er hat die liberale Lebenseinstellung gut rübergebracht: Jeder Einzelne ist für sein Leben verantwortlich. Erst, wenn er die Verantwortung nicht mehr tragen kann, muss die Gesellschaft ihn auffangen. Das hat mich beeindruckt, also bin ich mit 16 Jahren FDP-Mitglied geworden. 2003 wurde ein Landtagskandidat gesucht und ich wurde gefragt, ob ich kandidieren möchte. Damals war ich 20 Jahre alt und gerade erst ein Jahr in der Ausbildung, für die ich zudem in einem alten VW Polo von Wolfenbüttel nach Rinteln pendeln musste. Das war eine anstrengende Zeit, aber der Wahlkampf hat sehr viel Spaß gemacht. Seit 2008 bin ich schließlich Mitglied im Niedersächsischen Landtag mit dem Schwerpunkt Bildungspolitik.
Was sagen Ihre Eltern dazu, dass Sie Berufspolitiker sind?
Als ich neben der Ausbildung auch noch ohne Aussichten auf Erfolg kandidierte, fragten sie schon, warum ich mir das antun würde. Ich habe damals viel Zeit und Geld in den Wahlkampf investiert. Aber als meine Arbeit aussichtsreich wurde, fanden sie mein Engagement gut, und mittlerweile sind sie stolz auf mich.
Wie reagieren Freunde und Bekannte?
Es kommen viele Fragen von ehemaligen Mitschülern, die sich für Lehrerberufe entschieden haben und wissen wollen, wie ihre Chancen stehen. Ich kann ihnen darüber zwar keine Auskunft, ihnen aber wenigstens Tipps geben, wo sie weiterkommen. Immer mal wieder gibt es flapsige Bemerkungen, was wir eigentlich den ganzen Tag so machen. Das ist in der Tat schwer zu fassen. Ich habe auf meiner Internetseite viele Termine veröffentlicht, die meine Arbeit ein wenig widerspiegeln.
Was sind Ihre persönlichen Ziele, was möchten Sie konkret ändern?
Konkret arbeite ich an einer kurzfristigen Sicherung der Sozialarbeit in Grundschulen in Braunschweig, also Sozialpädagogen an Problem-Grundschulen als Modellversuch – das möchte ich in den Haushaltsplan 2010 bekommen. Mittelfristig möchte ich allgemein mehr Sozialpädagogen an Grundschulen bringen. Außerdem ist mein Ziel, die Elternbildung voranzutreiben. Das heißt, die Erziehungsfähigkeit zu steigern, in Form von Hilfe zur Selbsthilfe.
Gibt es manchmal Zweifel, nicht den richtigen Beruf gewählt zu haben?
Ja. Die Frage ist, kann man das Rad zurückdrehen? Kann man die Jugend nachholen oder endet das irgendwann in einer Midlifecrisis? Meine Freunde haben stressfreiere Berufe. Manchmal ist das wünschenswert, aber mein Job macht mir sehr viel Spaß. Ich habe mir einen kleinen Lebenstraum erfüllt.
Gibt es ein Motto, das Sie antreibt?
Jeder Einzelne muss Verantwortung übernehmen für sich und für andere. Insbesondere dann, wenn man merkt, die anderen können selbst keine Verantwortung übernehmen. Wichtig ist das Prinzip Hilfe zur Selbsthilfe. Der Liberalismus sieht oft nur den ersten Teil der Botschaft. Aber es gibt auch den zweiten Teil: die Starken übernehmen Verantwortung für die Schwachen.
Wenn Sie nicht Politiker geworden wären, dann wären Sie?
Steuerinspektor.
Bei den Bundestagswahlen 2005 lag die Wahlbeteiligung bei 77,7% – wie sind die Prognosen für 2009, drüber oder drunter?
Eher drunter, weil die große Koalition durch viele ihrer Entscheidungen dazu beigetragen hat, dass die Leute glauben, Politik macht, was sie will. Die Entscheidung zwischen Schröder und Merkel war eine viel interessantere Entscheidung als heute die zwischen Merkel und Steinmeier.
Bei den Europawahlen liegt die Wahlbeteiligung üblicherweise niedriger, 2009 sogar unter 50% – wie ist das zu erklären?
Die Transparenz in der Europapolitik fehlt, die Menschen bekommen nicht mit, was für Entscheidungen im EUParlament getroffen werden. EU-Abgeordnete sind ganz weit weg von den Menschen. Sie haben eine Woche im Monat Zeit, sich um riesige Gebiete zu kümmern. EUAbgeordnete sind kaum bekannt – am ehesten kennt man noch Silvana Koch-Mehrin.
Sind es vor allem Jugendliche, die kein Interesse an Politik haben?
Mangelndes Interesse zieht sich durch die Gesamtbevölkerung. Ich glaube, viele junge Menschen sind interessiert an Politik und einzelnen, politischen Entscheidungen. Auch die ehrenamtliche Arbeit ist nicht weniger geworden, aber die Menschen binden sich nicht mehr institutionell, sondern vielmehr projektbezogen. Es gibt einen hohen Mobilisierungsgrad bei jungen Menschen, wenn es um konkrete Probleme geht. Die Aufgabe der Politik ist, dies zu kanalisieren, um Jugendliche für die gesamte Politik zu begeistern.
Die Führungsspitze der FDP – Guido Westerwelle – eine gute Wahl?
Ich wüsste nicht, wer es sonst machen sollte. Das Problem ist, dass er früh angefangen hat und einige Leute denken: den Westerwelle, den muss ich mir ja schon seit zehn Jahren angucken.
Geben Sie bitte eine allgemeine Prognose zur Bundestagswahl ab.
Wir werden zweistellig. Das Ergebnis will ich nicht prognostizieren. Die kleinen Parteien profitieren auf jeden Fall alle von der großen Koalition. Die spannende Frage wird sein, ob man bei den großen Parteien noch von Volksparteien sprechen kann. Ich denke, es wird eine knappe Entscheidung.
Zum Schluss vier kurze Stichworte mit der Bitte um kurze, spontane Antworten.
Globalisierung
Eine Riesenchance, wenn man sie richtig nutzt und auch die Schwachen mitnimmt.
Gentechnik
Kontrolliert nur zu begrüßen.
Gleichberechtigung
Immer noch nicht verwirklicht. Die Politik hat schon viel getan, die gesellschaftliche Verwurzelung braucht sicher noch eine Generation.
Geld/Wirtschaft
Wenn die Wirtschaft läuft, dann haben wir die Möglichkeit, auch soziale Verbesserungen vorzunehmen. Wenn wir die Wirtschaft nicht stärken, wird uns auch für soziale Verbesserungen das Geld fehlen.
Interviews: Ela Windels, Fotos: Christine Meier


