…hannovers bandszene ist so lebendig wie nie zuvor…
Hannovers Musikszene ist so bunt und vielfältig wie nie zuvor. Rund 1000 Bands proben in Hannover und der Region, manche mit großen Zielen, andere einfach, weil sie Spaß daran haben, gemeinsam zu komponieren, zu texten, zu tüfteln und zu diskutieren. Nicht nur Rock – in den alten Bunkern und Kellern klingt alles Mögliche durch die mit Eierwaben verklebten Türen. Manch einer fragt sich, warum bei diesem immensen Potential nach den Scorpions und Fury in the Slaughterhouse kein richtig großer Name mehr aus Hannover gekommen ist. Das hat einen einfachen Grund: Die Zeiten haben sich geändert. Die Musikbranche ist heute eine völlig andere, als noch vor wenigen Jahren. Namen sind sehr schnell groß, genauso schnell aber auch wieder von der Bildfläche verschwunden. Was echter Erfolg ist, darüber kann man trefflich streiten.
Die Zeiten ändern sich
Skeptisch betrachten die vier Jungs die schmächtige Gestalt, die dort im Halbdunkel hockt und diverse Kabel mit unzähligen Effektgeräten verbindet. Kleine Dioden leuchten und blinken, einmal knackt es kurz elektrisch, dann brummt es bedenklich in einer der Lautsprecher-Boxen. Seit zehn Minuten ist Julia nun mit ihrer Anlage beschäftigt. Sie ist blass, ungeschminkt, hat blonde, halblange Haare. „Die sieht gar nicht so schlecht aus“, hat einer der Jungs geflüstert, als sie gemeinsam (ganz die alte Schule) die beiden Boxen und den Rest der Anlage aus dem von Papa geliehenen Kombi ausgeladen und in den Übungsraum getragen haben. Julia ist heute zum Vorspielen da. Und ahnt nicht, dass sie bereits Anlass einiger Diskussionen war. Eine Frau in der Band würde nur Unruhe bringen und nicht funktionieren, so die Meinung von Thomas, dem Schlagzeuger. „Muss halt klar sein, dass keiner von uns sie anbaggert“, hatte Michael, der Bassist, geantwortet. Ein ziemlich lächerlicher Diskussionsbeitrag, denn Michael baggerte eigentlich jede Frau an, die ihm über den Weg lief. „Die anderen waren bisher alle schlecht. Die konnten gar nichts, und in zwei Wochen haben wir den nächsten Gig. Einen sehr wichtigen.“ Rafael, der Sänger der Band, sah die Dinge immer eher pragmatisch. Der alte Gitarrist studierte jetzt in Süddeutschland und war endgültig Vergangenheit. Also musste schleunigst ein neuer Gitarrist her. Egal ob männlich oder weiblich, Hauptsache er oder sie beherrschte sein Instrument. Kein Blender, kein Schwätzer, kein Poser, kein Kiffer, das hatten sie in ihre Anzeige geschrieben. Gekommen waren sie natürlich dennoch alle. 13 Gitarristen hatten sie sich inzwischen angehört. Zwei Wochen würde der oder die Neue jetzt noch Zeit haben, sich das komplette Set anzueignen. Das berühmte Bandkarussell. Es dreht sich in Hannover unaufhörlich. Ein Blick in die Stadtmagazine oder auf Rockszene.de (in Hannover sicherlich die erste Adresse in Sachen Musik – nicht nur in Sachen Rock) reicht, um einen ungefähren Eindruck davon zu bekommen. Permanent suchen verschiedene Bands neue Mitglieder via Kleinanzeige. Da geht einer zum Studieren in eine andere Stadt oder beginnt seine Lehre, setzt also Prioritäten und entscheidet sich gegen seine (vielleicht langjährige) Band. Wenn es dann trotzdem weitergehen soll, muss schnell adäquater Ersatz gefunden werden. Die meisten Bands wissen genau, was sie wollen: Stil, Ziele, geplante Auftritte, Anforderungen an das neue Bandmitglied. Gute, ambitionierte Musiker sind eine heiß gehandelte Ware. Viele spielen in zwei oder mehr Bands gleichzeitig – man hält sich damit ein paar mehr Optionen auf den Erfolg offen. Die jungen Musiker unserer Band stehen in ihrem Übungsraum zwischen Hoffen und Bangen. Der nächste Gig ist tatsächlich überaus wichtig. Eine seltene Gelegenheit. Eine Band aus Hamburg hat sie als Vorgruppe eingeladen, keine unbekannte Combo mit Plattenvertrag und allem Drum und Dran. Eine echte Chance. Wenn sie bei diesem Konzert richtig gut wären, würde die Band sie vielleicht auf die gesamte Tour mitnehmen. Gelegenheit, endlich mal vor vielen Leuten zu spielen. Wenn alles gut lief, bestand sogar die Möglichkeit, dass das Label der Hamburger Band Interesse zeigte. Oder irgendein anderes Label. Vielleicht, vielleicht, vielleicht. Aber ohne Gitarrist gab es nicht mal dieses Vielleicht. „Hat einer von euch noch einen vollen 9-Volt-Block?“ fragt Julia. Keine Antwort. Kein 9-Volt-Block. Aber stillschweigende Minuspunkte. Ein Gitarrist, der seine Anlage zum Vorspielen nicht funktionsfähig hat – kein besonders guter Einstieg. Die Ansprüche der Bands, nicht aller, aber doch vieler Bands, haben sich sehr gewandelt in den letzten Jahren. Die Szene ist insgesamt professioneller geworden. Das zeigt sich allein am Equipment, über das die Musiker, und bereits sehr junge Musiker, verfügen. Die Konkurrenz ist groß – an der Technik soll es da nicht scheitern. Dann schon eher an den musikalischen Fähigkeiten. Aber auch hier staunt man nicht schlecht. Gerade bei sehr jungen Musikern ist man häufig überrascht, wie perfekt sie ihr Instrument beherrschen. Die verschiedenen Band-Contests in der Stadt sind immer eine gute Gelegenheit, sich davon selbst zu überzeugen. Übrigens scheint die Konkurrenz inzwischen so groß, dass im Verhältnis der Bands untereinander davon kaum mehr etwas zu spüren ist. Es macht einfach keinen Sinn, sich untereinander das Leben schwer zu machen. Vor Jahren war das bei Contests noch anders. Heute geht man freundschaftlich und kollegial miteinander um. Auch das ist professionell. Man hat einfach keine Zeit mehr für Hahnenkämpfe im Backstage-Bereich. Die Entscheidung fällt sowieso auf der Bühne. Was die jungen Musiker noch nicht beherrschen, das können sie heute mehr denn je gezielt lernen. Die Bandfactory ist dafür ein gutes Beispiel. Das Workshop- und Coaching-Projekt für Bands mit professionellen Ambitionen der LAG Rock in Niedersachsen spricht vor allem Newcomerbands an, die ihre ersten Schritte im Musikgeschäft bereits erfolgreich absolviert haben, die also auf die eine oder andere CD-Veröffentlichung und auch Konzerte oder kleinere Touren verweisen können, und denen nun noch der letzte Schliff in Sachen Musik, Zusammenspiel, Außendarstellung, Bandorganisation und Booking helfen könnte, einen Einstieg in die professionelle Liga zu finden. Bewerben können sich Bands unterschiedlichster Stilrichtungen, sofern sie aus Niedersachsen kommen und noch keinen Plattenvertrag in der Tasche haben. Diese Art von Band-Coaching ist aber nur eines von zahlreichen Angeboten, auf die junge Bands heute zurückgreifen können. Wer solche Workshops scheut, dem hilft sicher auch der private Austausch mit erfahrenen Musikern. Manchmal reicht schon ein kleiner Denkanstoß an der richtigen Stelle, ein paar Sätze zum Songwriting, ein bisschen Fachwissen zur Pressearbeit, und plötzlich klappt es mit den Auftritten.
Ruhm,Ehre und ganz viel Geld
„Ich gehe gerade mal zur Tanke und hole ’ne Batterie“, sagt Michael. „Dann gehe ich mal eben eine rauchen“, meint Thomas und wirft Rafael dabei einen kurzen Blick zu. „Ich auch“, sagt der und folgt ihm. „Geht ihr nur alle spazieren. Ich leiste hier unserem Gast Gesellschaft.“ Guido ist nicht nur Gentleman, er spielt den Synthesizer und bedient die Computer. Der 18-Jährige ist ein ganz wichtiger Teil der Band. Seit er dabei ist, klingt alles irgendwie moderner. Loops im Hintergrund, mehr Fläche, ihre Musik wirkt jetzt endlich so kompakt, wie Rafael sich das immer gewünscht hat. Außerdem kümmert sich Guido ums Internet, um die Homepage der Band und das Profil bei MySpace. Ohne ihn hätte die bekannte Hamburger Band nie einen Ton von ihnen gehört. Wie gesagt, die Zeiten haben sich geändert. Die Geschichte von dem netten Herrn mit dem Major-Deal in der Tasche, der irgendwann an die Übungsraumtür klopft und mit Geldscheinen winkt, war schon immer eher ein Märchen, heute aber noch viel mehr, als vor zehn oder zwanzig Jahren. Auch damals haben sich fast alle großen Namen ihren Erfolg über viele Jahre hart erarbeiten und lange Durststrecken überstehen müssen. Die Toten Hosen bewahren die zahlreichen Absagen der Plattenfirmen bis heute zur Erinnerung auf. Nach wie vor landen bei den großen Plattenfirmen tagtäglich zahllose Demos auf den Schreibtischen. Dass sich die Zeiten geändert haben, sieht man genau hier. Früher waren es Kassetten, manchmal in halbwegs professionellen Studios aufgenommen, manchmal im Übungsraum auf der Vierspur zusammengemixt. Die Plattenfirmen waren nicht unbedingt verwöhnt. Wenn da zwischendurch auf einer dilettantischen Aufnahme Gold glänzte, hat man schon mal genauer hingehört. Manchmal. Mittlerweile sind die Plattenfirmen überaus verwöhnt. Was da auf den Schreibtischen landet, das sind überwiegend bereits sehr professionell produzierte Demos, komplett mit Cover und allem, was dazu gehört. Die meisten dieser CDs könnte man direkt in die Geschäfte stellen. Die meisten dieser CDs landen allerdings eher direkt im Müll oder im Rückumschlag. Nur kurz werden die Stücke angeklickt, ein paar Sekunden, größer ist die Chance nicht, von dem richtigen Menschen zur richtigen Zeit gehört zu werden. Zu laut, zu kompliziert, zu leise, zu langsam, zu depressiv, zu schnell, zu altmodisch, zu modern, zu harmlos, zu aggressiv. Schlecht produziertes Material wird sowieso aussortiert. Und dann gibt es da noch die nächste Hürde: Wie sehen die Musiker aus? Sind die Jungs süß genug? Ist die Sängerin zu dick? Hat der Sänger Hasenzähne? Freddie Mercury hätte es heutzutage sicher nicht leicht. Ein paar eigene Stücke aufzunehmen und sie an die großen (und die kleinen) Vertreter der Musikbranche zu schicken, gehört zum Repertoire der Möglichkeiten. Es (war und) ist aber längst nicht die einzige Möglichkeit, um als Musiker auf sich aufmerksam zu machen. Natürlich helfen Auftritte. Spielen, spielen, spielen, wo immer sich die Möglichkeit bietet, das kann man allen Bands nur empfehlen. Man lernt mit jedem Auftritt, wird routinierter. Da starrt ein Gitarrist nach fünf Konzerten vielleicht nicht mehr konzentriert auf seine Finger, sondern entdeckt, dass vor ihm ein Publikum steht, das er nicht allein mit seinem Instrument unterhalten kann. Die Show gehört heute zu jedem professionellen Auftritt dazu. Und eine gute Show spricht sich schnell herum. Konzertbesucher sind im Allgemeinen recht kommunikative Menschen. Das nächste Konzert in der Stadt wird voller. Auch Networking ist längst Teil der Branche. Bands mit guten Kontakten zu Bookern haben bessere Chancen. Diese Kontakte wollen gepflegt sein. In einer Stadt wie Hannover ist es darum wichtig, auf Konzerten und Festivals unterwegs zu sein, auch wenn man selbst nicht spielt. Der eine oder andere Entscheider (Booker) läuft einem dort ziemlich verlässlich über den Weg. Wer sich regelmäßig in Erinnerung ruft, wird früher oder später nicht mehr vergessen (nerven sollte man natürlich nicht). Daneben hat das Internet inzwischen eine ungemein wichtige Funktion. Gepflegte Seiten bei MySpace sind ein absolutes Muss. Hier schnüffelt jeder, ob Produzent oder Booker. Und manchmal eben auch eine bekanntere Band, auf der Suche nach einem passenden Support. „Das ist doch wieder reine Zeitverschwendung“, sagt Thomas draußen zu Rafael. „Dicke Anlage, gestiftet von Papi und Mami. Wahrscheinlich spielt sie uns gleich Stairway to Heaven vor. Wir sollten einfach diesen André nehmen. Der konnte zwar nichts, sah aber wenigstens gut aus. Den drehen wir auf der Bühne einfach leise und Guido trickst ein bisschen was.“ Rafael bläst genervt den Rauch in die Luft. „Jetzt warte es doch erstmal ab. André hat vorher alle Stücke bekommen, und er konnte nur eins, und das unglaublich schlecht. Der geht schon mal gar nicht.“ Michael kommt zurück, bewaffnet mit ein paar Batterien. „Geht das auf die Bandkasse?“ fragt er im Vorbeigehen. „Nö, das geht auf deine persönliche Schleimer-Rechnung“, antwortet Thomas. Fünf Minuten später stehen sie wieder zusammen im Übungsraum, jeder an seinem Platz. „Habt ihr sowas wie eine Setliste?“ fragt Julia und stimmt noch kurz lautlos ihre Gitarre. Rafael reicht ihr einen Zettel mit dem Programm. Weitere skeptische Blicke. Die Gitarre hängt ziemlich weit oben. Wirklich coole Gitarristen spielen ihr Instrument ungefähr auf Kniehöhe. Julia bemerkt die Blicke. „Das sitzt so drin vom Klassik-Unterricht. Ich arbeite dran“, sagt sie. „Womit willst du anfangen?“ fragt Rafael. „Wir können ruhig vorne anfangen. Und dann einfach nacheinander weg. Ist jetzt gerade fünf Uhr. Um sieben muss ich den Wagen wieder zu Hause abliefern.“ Thomas stöhnt hörbar hinter seinem Schlagzeug. Guido startet das Intro via Computer. Und dann spielt Julia die Vier förmlich gegen die Wand. Auch so eine neue Erscheinung in der Musikszene. Frauen erobern mehr und mehr die Bühnen, ob nun als reine Frauenband oder als Teil einer gemischten Combo. Bei Julia passt jeder Ton. Ohne Unterbrechung spielen sie das gesamte Set, und dann stehen sie überhaupt nicht mehr skeptisch, aber immer noch ziemlich ungläubig, vor Julias Anlage. „Was ist denn das da eigentlich für ein Ding?“ fragt Thomas und deutet auf eines der Effektgeräte. „Ein Whammy. Das gleiche hat der Gitarrist von Rage Against the Machine. Und, was sagt ihr? Hab ich Chancen? Soll ich mal rausgehen, damit ihr reden könnt? Hat einer von euch vielleicht ’ne Zigarette?“ Thomas gibt ihr eine und Julia verschwindet nach draußen. Rafael grinst die anderen an. „Hat einer von euch noch irgendwelche Fragen?“ „Unfassbar“, sagt Thomas. „Die Kleine ist der absolute Hauptgewinn. Die ist gekauft. Auf jeden Fall.“ „Das war ja für den Anfang schon mal gar nicht so übel“, sagt Rafael wenig später zu Julia. „Ich denke, deine Chancen stehen gar nicht so schlecht. Es kommen aber noch drei andere Gitarristen. Ich rufe dich dann am Samstag mal an.“ Natürlich sind diese drei anderen Gitarristen eine reine Erfindung. Aber solche Spielchen gehören halt dazu. Als sie weg ist, entlädt sich bei den vier Jungs die Spannung. „Mit der sind wir ganz weit vorne“, sagt Rafael. „Ganz nah dran“, ergänzt Guido. Und meint damit das, wovon alle Bands träumen: Plattenvertrag, große Hallen, noch größere Festivals, Ruhm, Ehre und ganz viel Geld. Dass dieser Traum Wirklichkeit wird, ist eher unwahrscheinlich. Immerhin träumen tausende Bands in Deutschland diesen einen Traum. Und seit Deutschland im Fernsehen seine Superstars sucht, sind die Chancen nicht unbedingt gestiegen. Es ist unglaublich schwer, fast unmöglich, es ganz nach oben zu schaffen. Schwerer wahrscheinlich als ein Sechser im Lotto. Das Geschäft mit der Musik ist schnelllebiger geworden. Die Casting-Shows im Fernsehen dominieren zwar nicht den gesamten Markt, aber sie spiegeln die Realität. Dass eine Band von einer großen Plattenfirma über Jahre aufgebaut und unterstützt wird, ist mittlerweile eine absolute Ausnahme. Was zählt, ist das schnelle Geld. Und vor allem unter diesem Gesichtspunkt suchen die großen (und vermehrt auch die kleinen) Labels permanent nach der nächsten großen Nummer. Vielleicht proben die Nachfolger von Tokio Hotel ja bereits in einem Keller in Hannover. Die Branche hat sich stark verändert. Sie ist zur Marketingbranche geworden. Soll eine Band es nach ganz oben schaffen, dann muss eine Plattenfirma sehr viel Geld in die Hand nehmen. Ein fulminantes Marketing ist die halbe Miete. Floppt die Band, ist das Geld zum Fenster rausgeworfen. So ist man vorsichtig geworden bei der Bandauswahl. Da muss dann wirklich alles stimmen, denn das Geld in der Branche ist knapp. Viel ist nicht mehr da, um es zum Fenster rauszuwerfen. Die Plattenfirmen haben in den letzten Jahren sehr gelitten und leiden noch. Mit dem Internet sind die Umsätze nachhaltig eingebrochen. Bleibt der Erfolg aus, rollen Köpfe, im Grunde genau wie in der Bundesliga. Im Musikgeschäft geht es inzwischen nur noch ein bisschen härter zur Sache.
Schlechte Aussichten?
Das alles klingt nach eher schlechten Aussichten für junge, ambitionierte Bands. Doch was ist eigentlich echter Erfolg? In einer Fernsehshow verheizt zu werden, ein oder zwei Jahre ein Superstar zu sein, um dann wieder in der Versenkung zu verschwinden? Doch wohl eher nicht. Wenn man über erfolgreiche Bands oder Musiker spricht, dann meint man meistens eine ganz bestimmte Sparte, in der sich Größen wie Madonna, U2, Coldplay oder Robbie Williams tummeln. In Hannover spricht man von den Scorpions und Fury in the Slaughterhouse. Danach fallen einem keine Namen mehr ein. Doch Erfolg spiegelt sich nicht allein in Chartplatzierungen. Im Genre Metal haben in den letzten ein bis zwei Jahren beispielsweise einige aus dem erweiterten Kreis der hannoverschen Musikszene stammende Bands von sich reden gemacht. Cripper, Drone, Grailknights und Excrementory Grindfuckers werden deutschlandweit positiv wahrgenommen, ihre Albumveröffentlichungen redaktionell von großen überregionalen Musikmagazinen begleitet. Zudem sind diese Bands immer wieder bei wichtigen und großen überregionalen Festivals (z.B. beim Wacken open Air) dabei. Ist das kein Erfolg? Für jedes Genre finden sich in Hannover positive Beispiele eines – nennen wir es mal „soliden Erfolgs“. Auch wenn der ganz große Schritt an die Spitze der Charts für einen Hannover-Export schon eine Weile her ist, Hannovers Musikszene produziert Qualität, und so manche Band kann von dieser Qualität ganz nett leben. Natürlich fragt man sich, warum bei Namen wir Terry Hoax (feiern übrigens bald ihr Comeback), Be, Mellow Sirens, No Sex Until Marriage, Peek-a-boo, Darwins, Engelhai und vielen anderen der endgültige Durchbruch nicht gelungen ist. Sie alle standen doch eigentlich in den Startlöchern, waren kurz davor. Bei jeder dieser Bands gab es Gründe. Welche, das muss man in den meisten Fällen wohl einfach die großen Plattenfirmen fragen. Vielleicht war man auch zur falschen Zeit am richtigen Ort oder zur richtigen Zeit am falschen Ort. Zufall und Glück spielen in diesem Geschäft keine kleine Rolle. Augenblicklich werden schon wieder einige Namen hoch gehandelt. Viele, die es wissen müssen, sprechen gerade von „IchKann-Fliegen“. Wir drücken natürlich die Daumen. Bis man sich als Band einen Namen erspielt hat, vergehen manchmal Jahre. Die meisten Bands starten in der Schule. Man ist befreundet, entdeckt gemeinsam die Musik als Hobby, schreibt die ersten Stücke, probt im Schulkeller. Dann wechseln die Mitglieder. Nicht selten bleiben Freundschaften auf der Strecke. Da hinkt einer musikalisch hinterher, spielt sein Instrument nicht gut genug – und fliegt aus der Band (Freundschaft hin oder her). Da legt eine Sängerin nach der Pubertät plötzlich zu, kämpft mit Übergewicht. Schöne Stimme hin oder her – das sieht nicht gut aus für die Sängerin. Viele kleine Dramen spielen sich tagtäglich auch in Hannover in den Übungsräumen ab. Viele Tränen wer- den dort vergossen. Schafft es eine Band, trotz aller Wechsel in der Besetzung und unzähliger Auseinandersetzungen über Stil und nicht geleerte Aschenbecher, kontinuierlich zu arbeiten, stehen die Chancen aber gar nicht so schlecht für einen „soliden Erfolg“.
Soft Skills
Die Auftrittsmöglichkeiten in Hannover sind zahlreich und meistens recht professionell ausgestattet. Früher gab es übrigens nicht mehr Clubs in der Stadt, sondern eher weniger. Man kann und darf spielen, wenn man als Band seine Hausaufgaben macht. Natürlich ist der Weg oft nicht angenehm. Gage dürfen Bands bei den ersten Schritten auf die Bühnen der Stadt meistens nicht erwarten. Den Veranstaltern kann man an dieser Stelle gar keinen Vorwurf machen. Konzerte sind immer ein Risiko. Eine Gage will erstmal durch die Eintrittsgelder erwirtschaftet sein. Viele Veranstalter lassen die Bands darum auf eigenes Risiko spielen, d.h. die Musiker bekommen einen Teil oder die gesamte Abendkasse. So kommt es vor, dass eine Band 20 Freunde und Verwandte auf die Gästeliste setzt, um schließlich vor weiteren zehn zahlenden Gästen ein recht intimes Konzert zu spielen. Das kann bei 3,- Euro Eintritt eine recht bittere Erfahrung sein. Vorher hat diese Band tausendmal geprobt, am großen Tag das Equipment im Übungsraum abgebaut, Bassist und Gitarrist haben sich extra noch einen neuen Satz Saiten besorgt, dann haben sie das ganze Zeug zum Auftrittsort gefahren, dort aufgebaut, vielleicht ein liebevoll selbst gemaltes Banner aufgehängt, um dann zwei Stunden zehn unbekannte Gäste zu unterhalten, von denen zwei nur zufällig gekommen sind und weitere drei früher gehen. Später sitzt man noch gemeinsam bei McDonald’s, verprasst die 30,- Euro und diskutiert über die gemeinsame Zukunft. Die falsche Musik? Hätte man mehr Plakate aufhängen, mehr Flyer verteilen müssen? War eventuell zeitgleich irgendein anderes Konzert in Hannover? Haben Coldplay gespielt? Falls ja, hat man wenigstens eine halbwegs plausible Erklärung. Einfach dranbleiben ist die richtige Devise. Man muss lernen, mit Enttäuschungen zu leben. Es gibt zwei Höchststrafen für Musiker: Ein Publikum, das nicht klatscht oder während des Konzerts geht. Und gar kein Publikum. Leider machen gerade Bands aus Hannover in Hannover nicht selten diese Erfahrung. Der König zählt wenig im eigenen Land. Ein nicht ganz so perfekter Live-Auftritt einer nicht ganz so perfekten Band lockt oft nur wenig Zuschauer, nichtsdestotrotz mit hoher Erwartungshaltung. Von wirklich vollen Konzertsälen bei Auftritten heimischer Bands können Veranstalter nur träumen. Woran liegt’s? Das Publikum sei inzwischen einfach zu verwöhnt, sagen manche. Die Argumentation leuchtet ein. Die großen Shows sind perfekt, die Musik der Qualität auf den CDs unglaublich nah. Fernsehen und Internet holen die Musiker problemlos in die heimischen Wohnzimmer. Warum soll man da noch vor die Tür gehen? Glücklicherweise scheint dieser Trend sich gerade umzukehren. Vor allem die jüngere Generation entdeckt augenblicklich wieder die Konzertsäle. Aber das Publikum will abgeholt und nicht enttäuscht werden. Bands und Veranstalter können an dieser Stelle eine Menge tun. Nicht jede Band passt zum Stammpublikum eines Ladens. Kluges Booking ist also die erste Voraussetzung, und dazu braucht es eine Menge Erfahrung. Zudem muss das Marketing stimmen. Bands sollten bei jedem Konzert den gesamten Freundeskreis mobilisieren, die hiesige Presse informieren, ruhig mal nach einem Tagestipp in einem der Stadtmagazine fragen. Und Veranstalter können zum Beispiel ihr Stammpublikum informieren. Ein Newsletter ist recht schnell aufgebaut. Genug Auftrittsmöglichkeiten sind natürlich besonders wichtig für die nachwachsende Musikszene. Viele Veranstalter haben bereits Konzertreihen im Programm, scheuen aber das Risiko bei ganz jungen Bands, die vielleicht noch nie oder kaum auf der Bühne gestanden haben. Das ist nicht schön, aber nachvollziehbar, denn bei so einem Konzert zahlen die Veranstalter fast immer drauf. Wenn es in Hannover in Sachen Musik an einer Stelle schwierig ist, dann an dieser. Für den jüngsten Nachwuchs fehlen tatsächlich Auftrittsmöglichkeiten. Vielleicht wäre es also gar keine so schlechte Idee, genau diesen Bereich gezielt zu fördern. Die Beträge wären sicher überschaubar. Würde die öffentliche Hand monatlich nur 1.000,- Euro in die Hand nehmen und auf die zehn ersten Veranstalter verteilen, die ein Konzert mit einer Nachwuchsband aus Hannover ankündigen, wäre den Veranstaltern und auch den Bands bereits geholfen. Mit 100,- Euro wären einige der ärgerlichsten Kosten wenigstens zum Teil gedeckelt. Vielleicht könnte das ein Anreiz für die Veranstalter sein, auch sehr jungen Nachwuchsbands eine Chance zu geben. Natürlich ist das nur einer von vielen Vorschlägen. Und die Stadt ist auch längst nicht mehr tatenlos. Mit „Random Play“ wird sie am 24. Oktober versuchen, die Live-Musikszene in Hannover zu beleben, und hofft auf viele offene Ohren. Übrigens eine Idee aus dem Büro des Bürgermeisters. Bei allen Konzerten steht an diesem Tag jeweils mindestens eine Band aus Hannover auf den Bühnen. Im Rathaus hat man erkannt, dass die Musikszene einer Stadt durchaus ein positiver Imageträger sein kann (mehr zu dieser Veranstaltung auf Seite 33). Und nicht nur das. Wer einmal Mitglied in einer Band war, der weiß, wie viel gerade junge Menschen in so einer Gemeinschaft lernen können. Man muss Kompromisse machen, geduldig sein, im Team arbeiten, ein gemeinsames Ziel voranbringen. All das sind Soft Skills, die später im Berufsleben nicht unwichtig sind. Hannover kann froh sein über jede einzelne Band, die in den Bunkern und Kellern probt. Vielleicht wird eine dieser Bands mal reich und berühmt. Vielleicht werden ihre Mitglieder aber auch einfach Messechef, Bürgermeister oder Zoodirektor.
Lak


