„Lissabon ist echt abgerockt“, sage ich zu allen, nachdem wir die Stadt am Tejo verlassen haben und wieder in Hannover gelandet sind. „Das ist ein Melting Pot mit vielen Schwarzen, Arabern, Indern und den netten Portugiesen, die eher zurückhaltend sind. ‚Saudade’ wird die wilde, ungestüme und lebenshungrige Melancholie der Einheimischen genannt – ein Lebensgefühl, das im Fado seinen musikalischen Ausdruck findet und das ich nach dieser Reise sehr gut verstehen kann.“
Eine Woche lang machen Anja und ich Urlaub in der Metropole mit den gekachelten Häuserfassaden. Die Hafenstadt wurde nicht nur von Typhus, Cholera und einer konservativen Diktatur heimgesucht, sondern auch von einem verheerenden Erdbeben im Jahr 1755. Wir verlieben uns in den morbiden Charme von Lissabon. Die City scheint zu Staub zu zerfallen. Während wir durch enge Gassen wandern, denke ich an Thomas Manns „Tod in Venedig“. Viele Häuser sollen verkauft werden: „Vende“ steht in großen Lettern an den Eingangstüren. Oft werden leer stehende Gebäude von Stützpfeilern getragen. Nicht nur die Häuser, auch viele Menschen sind alt und gebrechlich. Die Armut ist allgegenwärtig. Und immer wieder stehen Leute einfach nur am Fenster und schauen untätig auf die Straße hinab. Anja fotografiert wie wild. Schon am ersten Tag ist sie süchtig danach, alle Eindrücke (die Poesie des Augenblicks) einzufangen, so wie die Protagonisten in den Wenders-Filmen „Lisbon Story“ und „Palermo Shooting“. Ich habe meine Kamera zum Glück zu Hause gelassen. 
Nach und nach erkunden wir die Bezirke der Stadt: Alfama, Baixa, Chiado und Bairro Alto bis hin zu Belém. Mit dem Bus fahren wir zum Expo-Gelände, das genauso tot und monumental wirkt wie das in Hannover. Das maurische Alfamaviertel, das das Erbbeben fast unbeschadet überstanden hat, ist der älteste Bezirk und wunderschön. In der Innenstadt ist der Fahrstuhl Elevador de Santa Justa, der 1902 erbaut wurde, ein Publikumsmagnet. Uns gefällt aber die legendäre Eléctrico E 28, die elektrische Trambahn, viel besser. Sie rumpelt schon seit über 100 Jahren durch Lissabon.
Mittwoch:
Nach einem Flug ohne Turbulenzen bringt der Taxi-Fahrer uns nachmittags in unser Hotel, das Pensão Residencial Princesa (3 Sterne). Das Zimmer ist für zwei Personen viel zu eng, die Toilette leckt, der Wasserhahn spritzt in die falsche Richtung und die Jalousie ist kaputt. Nach einem Spaziergang gelangen wir in der Abenddämmerung unverhofft auf eine Aussichtsplattform, von der aus wir das ganze Gesicht der Stadt erblicken. Wir sind überwältigt. Später begegnen wir auf der Avenida de Liberdade dem Angolaner Gabriel, der aussieht wie ein Geschäftsmann. Wir sollten hier nicht einfach so in der Dunkelheit rumlaufen, sagt er zu uns. Das sei gefährlich. Zurück im Hotel können wir nicht einschlafen: Gleich gegenüber befindet sich eine Militärakademie. Nachts landet lautstark ein Hubschrauber auf dem Gelände.
Donnerstag:
Wir beschweren uns an der Rezeption. Wir wollen ein anderes Zimmer und bekommen schließlich ein Appartement im fünften Stock zugeteilt – eine „Suite“ im Gegensatz zu der Sardinendose, in der wir die Nacht verbracht haben. Wir verfügen nun über zwei Zimmer mit großem Bad. Alles funktioniert. Einziger Nachteil: Es gibt keine Klimaanlage. Mittags machen wir uns auf den Weg in die Stadt. Wir beschließen, ins kühle Museu de Calouste Gulbenkian zu gehen, dem größten und – laut Reiseführer – schönsten Museum von Lissabon mit orientalischem Kunsthandwerk und Bildern alter Meister. Auf dem Weg dorthin klaut Anja im verwilderten Garten eines baufälligen Hauses eine Fliese. Ich warte lieber vorm Eingang auf sie, schließlich will ich nicht in einem portugiesischen Gefängnis landen. Das Gulbenkian-Museum ist zwar alles andere als schön und sieht von außen aus wie der hässliche Baukasten eines Diktators, aber die Werke, die wir drinnen zu Gesicht bekommen, haben es in sich. Anja steht auf Rembrandt, ich eher auf Rubens. Die ägyptische Kunst imponiert uns beiden gleichermaßen. Nachmittags erkunden wir die Stadt per Sightseeing-Doppeldeckerbus. Lissabon hat eine Hängebrücke, die wie die Golden Gate aussieht. Davor steht eine riesige Jesusstatue mit ausgebreiteten Armen. Beeindruckend. Nach dem Abendessen gehen wir ins Bairro Alto, ins Vergnügungsviertel. Überall ist Musik und überall sind Menschen aus aller Herren Länder. Wir lernen Mauro und seine Kollegen aus Porto kennen. Mauro kennt die deutsche Kultur ziemlich gut. Er liebt Leni Riefenstahl, Karlheinz Stockhausen, Rainer Werner Fassbinder, Can und den Krautrock. Spät in der Nacht fahren wir zusammen ins Lux. Das ist eine Edel-Disco am Hafen, die dem Schauspieler John Malkovich gehört. Wir trinken Wodka und schauen von der Terrasse aus auf den Tejo und die Industrieanlagen an den Docks. Was für ein Ausblick!
Freitag:
Als wir erwachen, sind die Eindrücke der letzten Nacht noch präsent. Das Bairro Alto ist ein mythischer Ort. Dorthin müssen wir zurück. Aber jetzt fahren wir mit der E 28 bei über 38 Grad Celsius ins Alfamaviertel. Später sitzen wir in einem billigen Grill. Anja bestellt Sardinen, das Nationalgericht der Portugiesen, und fotografiert heimlich einen jungen Mann mit Bierbauch, der schon am Nachmittag „Sagres“ trinkt. Als Anja ihn anspricht, grinst er und zeigt seine schlechten Zähne. Ich esse Oliven mit Weißbrot – einfach und gut. Abends kaufe ich mir im Supermarkt eine große Flasche Wasser für 18 Cent.
Samstag:
Wir fahren mit Bahn und Taxi zum 30 Kilometer entfernten Surfer-Beach in der Nähe von Cascais und sind beeindruckt: von den Surfern und vom Atlantik. Vom starken Wind und von den Wellen, die uns mitreißen. Irre! Das Mittelmeer ist eine Pisskloake dagegen. Hier tobt eine Urgewalt. Wir werden unvorsichtig. Ich mache einen Strandspaziergang, und Anja sonnt sich. Abends haben wir uns beide verbrannt. Sie am Arsch. Ich am Rücken.
Sonntag:
Wir wandern verschlafen in die Stadt, die am Sonntag ausgestorben und noch morbider als sonst wirkt. Die Sonne heizt den Asphalt auf, während wir in verstaubten Antiquariaten stöbern. Wir trinken Latte im Café A Brasileira, dem Kultcafé, in dem der portugiesische Autor Fernando Pessoa zu Lebzeiten immer gesessen hat. Ich will mir eine BILD kaufen, aber in Lissabon gibt es keine deutschen Zeitungen. Erst am Abend werden wir heiter. Die Nacht ist hier am schönsten, weil sie die Poesie der vergangenen Zeiten weckt.
Montag:
Wir fahren nach Belém und schauen uns im Kulturzentrum um. Das Centro Cultural beherbergt das Museu Colecção Berardo für zeitgenössische Kunst. Wir sehen uns Fotografien von Cristóbal Hara und Mabel Palacín an, die uns sehr gut gefallen. Ich bin von der Pancho-Guedes-Dauerausstellung begeistert. Anja hingegen findet die Rembrandt-Werke in der Kunstaufbewahrungsanstalt Gulbenkian besser. Wir fotografieren uns gegenseitig und stellen uns neben moderne Klassiker wie Yves Klein und Cindy Sherman.
Dienstag:
Ich fahre allein nach Estoril, einem Badeort, esse eine Fischsuppe und lege mich an den Strand. Anja kommt später nach. Alles ist easy. Wir nehmen schon Abschied. Abends blicken wir über die sieben Hügel der weißen Stadt. Das Licht in Lissabon ist einmalig. Wenn die Sonne untergeht, die Schatten länger werden und der Blick auf die Weite des Tejo fällt, erfasst dich die Melancholie: Saudade. So müssen sich schon die ersten Seefahrer gefühlt haben, die hier – am Ende der Welt – von der Ferne träumten.
Text: Simone Niemann, Fotos: Anja Gassmann

