Egal wie die Wahl am 27. September ausgeht (wir sind natürlich längst im Druck und wahrscheinlich schon am Kiosk), eine große Frage wird uns auch danach weiter beschäftigen: Was wird aus dem Afghanistan-Einsatz? Sollen wir „Raus aus Afghanistan“, so wie Die Linke das gerade auf ihren Wahlplakaten klar und einfach propagiert? Oder müssen wir vor Ort bleiben, langfristig und ausgestattet mit einem „robusten“ Mandat? Oder irgendwas dazwischen? Ein militärischer Einsatz hat nie die Wende zum Besseren gebracht, nirgendwo. In diesem Tenor schrieb uns vor einigen Wochen ein entrüsteter Leser, als wir an dieser Stelle gefragt haben, ob Israel ein Recht auf Selbstverteidigung hat, wenn es von der Hamas angegriffen wird. Es hat ein Recht auf Selbstverteidigung, davon waren wir überzeugt. Jedes Land, jeder Mensch hat dieses Recht. Es ist nur manchmal schwer zu beurteilen, wer ursprünglich der Angreifer war. Israel? Ist die Siedlungspolitik ein Angriff? Verteidigt sich also die Hamas, wenn sie Israel angreift? Unser Leser hat schon Recht. Würde man beiden Seiten die „Selbstverteidigung“ verbieten, gäbe es keine Gewalt mehr. Aber wie verbietet man denen das? Zwischen Israel und der Hamas herrscht Krieg (von gelegentlichen Waffenruhen abgesehen). Wenn eine Seite aufhört, sich zu verteidigen (oder anzugreifen, wie herum auch immer man das drehen will), dann hat die andere Seite gewonnen. So ist das im Krieg. Am Ende kann man sich immer nur wünschen, dass die humanere Macht den Sieg auf ihrer Seite hat.
Verzicht auf Gewalt ist eine wunderbare Sache, die wohl jeder sofort unterschreiben würde. Militärisches Eingreifen ist immer eine ganz schlechte Option. Aber manchmal, auch hier müssen wir unserem Leser widersprechen, bleibt nichts anderes übrig, manchmal hat man keine Wahl. Übrigens kann ein militärischer Einsatz durchaus eine Wende zum Besseren bringen. Gerade wir in Deutschland wissen das sehr genau. Und nun Afghanistan. Wenn wir (und all die anderen) dort abziehen, wer hat dann gewonnen? Es gibt darauf nur eine Antwort. Die Taliban. Na und, sagen nun manche. Was geht uns Afghanistan an? Dieses Land ist weit weg, wir kämpfen dort offensichtlich für die falschen Leute (Karsai und Konsorten sind nicht unbedingt angenehme Zeitgenossen). Die öffentliche Meinung in Deutschland will diesen Einsatz auch nicht. Und gewinnen kann dort scheinbar sowieso niemand. Also Abzug so schnell es geht. Alle raus. Und dann? Die Augen ganz fest zu. Denn was uns nach diesem Abzug für Bilder erreichen würden, können wir uns ganz einfach vorstellen. Es gab sie ja schon mal. Sie sind nur in Vergessenheit geraten. Als die Taliban in Afghanistan an der Macht waren, haben sie Angst und Schrecken verbreitet. Sie haben grausam gewütet, gemordet und nebenbei so viel Opium angebaut und in die Welt verkauft, wie kein anderes Land auf dieser Erde.
Was würden sie tun, wenn sie wieder an die Macht kämen, diesmal noch gestärkt durch den Sieg über die westlichen Mächte? Würde in diesem Land tatsächlich nichts Schlimmes passieren, wie manche sagen? Würde al-Qaida dort nicht einen idealen Unterschlupf finden? Was wird aus Pakistan? Schon jetzt ist der Einfluss der Islamisten dort immens. Es sieht so aus, als hätten wir tatsächlich gar keine Wahl. Wir werden bleiben müssen. Auch wenn wir annehmen, dass dieses Regime der Taliban für die westliche Welt, für uns hier in Deutschland, keine direkte Bedrohung darstellt. Wir müssen bleiben, allein weil wir einen Abzug der Zivilbevölkerung in Afghanistan nicht antun können. Vielleicht noch zwei Jahre. Vielleicht auch zehn Jahre. Nur eine andere Option wäre denkbar. Wir beschließen morgen, dass uns der Rest der Welt nichts angeht. Und dann errichten wir alle zusammen eine Mauer um Deutschland, so hoch, dass wir das Elend und das Unrecht in anderen Ländern nicht mehr sehen müssen. In der Mauer sind natürlich ein paar kleine Öffnungen für den Export, damit es uns allen weiter gut geht. Ja, so machen wir das. Rüstungsexporte in alle Welt, aber hier zu Hause sind wir alle Pazifisten.
Pol
