Serkan Salihoğlu wurde in Istanbul geboren, ging dort auf ein deutsches Gymnasium und lebt seit sechs Jahren in Deutschland. Er studierte in München Theaterwissenschaften und arbeitete bereits bei den Münchner Kammerspielen als Regieassistent im Kreis von Lars-Ole Walburg, dem neuen Intendanten am Schauspiel Hannover. Beim Theater geht man häufig gemeinsame Wege. Auch Serkan Salihoğlu arbeitet in dieser Saison am Schauspiel. Stadtkind hat mit ihm über das Theater, seine türkischen Wurzeln und derzeitige Projekte gesprochen.
Lars-Ole Walburg hat Sie als Regieassistent nach Hannover geholt. Wie kam es dazu?
Ich habe in München an der LMU Theaterwissenschaften studiert und am Theater hospitiert, war dort aber nicht fest angestellt. Ole und ich haben uns bei dem Projekt „Schnee“ von Orhan Pamuk kennen gelernt. Wir arbeiteten dann noch an einem weiteren Projekt zusammen. Ich kenne Ole jetzt seit eineinhalb Jahren. In Hannover assistiere ich aber derzeit nicht Ole, sondern Florian Fiedler. Ich bin gut mit Ole befreundet, und als er mich fragte, ob ich mit nach Hannover kommen würde, habe ich direkt ja gesagt. Nach einem Monat in Hannover kann ich schon sagen, dass das eine gute Entscheidung war. Schauspieler und Assistenten ergeben zusammen ein gutes Team. Wir haben Spaß an der Arbeit, wollen Neues wagen.
Wie genau kamen Sie zum Theater?
Ich interessierte mich schon früh für Filme, habe Theaterzeitschriften gelesen. An meiner Schule gab es dann eine Theater-AG. Dort arbeitete ich als Schauspieler und Regisseur mit und entdeckte meine Liebe zum Theater. Im zweiten Jahr war ich in der deutschen Schauspielgruppe, und wir waren mit einem Projekt in Deutschland. Bei der Gelegenheit sprach ich mit Regisseuren und fragte, was genau man in dieser Richtung studieren könnte. So kam ich dann zu meinem Studium in München.
Ihr Vater ist Grieche und Ihre Mutter Türkin. Das ist ja eher ungewöhnlich.
Meine Großeltern lebten in Griechenland, in einem türkischen Dorf. Mein Vater blieb dort, bis er 17 Jahre alt war, und kam dann in die Türkei, wo er bei seinem Zahnmedizinstudium meine Mutter kennen lernte. Er kann noch Griechisch sprechen, ich kann allerdings nur noch ein paar wenige Wörter.
Welcher Mentalität fühlen Sie sich eher zugehörig?
Ich bin in der Türkei aufgewachsen, aber die deutsche Schule hat mich sehr geprägt. Unsere Unterrichtssprache war Deutsch und ca. 80% unserer Lehrer waren Deutsche. Die typischen deutschen Werte wie Disziplin und Ordnung habe ich wohl ein bisschen verinnerlicht. Jedenfalls haben die türkischen Kollegen an einem Theater in Istanbul meine Arbeitsweise als eher streng bezeichnet. Auch wenn ich bis zu meinem 19. Lebensjahr nicht in Deutschland gelebt habe, bin ich doch mit beiden Mentalitäten aufgewachsen. Bei meinem Studium hat mir das sehr geholfen. Ich sehe es als Bereicherung, beide Mentalitäten in mir zu tragen.
Wie kam es dazu, dass sie auf eine Deutsche Schule gingen?
In der Türkei geht man ab der fünften Klasse auf ein Gymnasium. Meine Eltern schwankten zwischen einer deutschen Schule und einer amerikanischen Schule. Sie recherchierten und fanden heraus, dass man auf der deutschen Schule mehrsprachig unterrichtete. Neben Deutsch auch Englisch. Also entschieden sie sich für die deutsche Schule. Viele aus meinem Abschlussjahrgang studierten in den USA, in Harvard oder Yale, andere gingen nach Deutschland und studierten beispielsweise Medizin in Heidelberg. Von den 26 ehemaligen Klassenkameraden bin ich der einzige, der etwas Kreatives studiert hat.
Ist das Theater in der Türkei anders als in Deutschland?Absolut. Als ich bei dem Privattheater „dot“ in Istanbul arbeitete, hatten wir beispielsweise einen Textilsponsor, der uns subventionierte, dazu einen türkischen Serienstar. Das läuft heute auch noch so. Serienstars nutzen das in den Serien verdiente Geld, um Privattheater zu unterstützen. In der Türkei ist das System ein ganz anderes als in Deutschland. Die Politik nimmt starken Einfluss. Es ist möglich, dass die Intendanz das gesamte Team drei- bis viermal im Jahr komplett ändern kann. Es gibt keine Saisonverträge wie hier in Deutschland.
Nimmt man auch Einfluss auf die Auswahl der Stücke?
Ja. Beispielsweise werden an normalen türkischen Staatstheatern Popstücke aus den 90ern nicht aufgeführt. Auch wenn man von offizieller Seite bestreitet, dass es eine Zensur gibt – die Politik bestimmt über die Stückauswahl. Bei den privaten Theatern ist das anders. Ohne die TV-Serienstars, die die Privattheater unterstützen und in den Stücken spielen, wäre das Theater in der Türkei wahrscheinlich ziemlich langweilig. Fehlt diese Unterstützung, haben es Privattheater sehr schwer. Viele müssten aufgeben. Die Investition in ein Privattheater ist nicht unbedingt lukrativ – das ist eher ein Privatvergnügen. Die privaten Theater sind also abhängig von den Serienstars und ihrer Popularität.
Wenn ich mir vorstelle, dass deutsche Stars aus den Seifenopern in Theatern auftreten, graust es mir. Sind diese Produktionen denn gut?
Ich weiß nicht, ob deutsche TV-Stars wirklich Schauspiel studiert haben müssen, aber in der Türkei haben die meisten eine abgeschlossene Ausbildung. Ob diese Stücke wirklich gut sind, darüber kann man sicherlich diskutieren. Viele Schauspieler in der Türkei sehen die Serien nur als Möglichkeit, um Geld zu verdienen. Sie stehen nicht unbedingt hinter diesen Serien. Aber die Fernsehproduktionen sind eben nötig, um ihre Aktivitäten im Theater finanzieren zu können.
Interview: Natalie Moser, Übersetzung: Cuma Aktas

