„Völlig klar, ist doch überhaupt keine Frage: Frauen sind gelassener, weil es ihnen nicht so wichtig ist zu gewinnen.“ Das ist die typisch männliche und fragwürdige Antwort auf diese Frage. Bevor wir uns aber der Fragwürdigkeit dieser Antwort widmen, sollten wir uns zuerst eine andere, viel grundsätzlichere Frage stellen: Sind Frauen wirklich gelassener? Äußerlich schon. Obwohl es natürlich Ausnahmen gibt. Manche Frauen sind während des Kartenspiels kaum von Männern zu unterscheiden. Da gibt es ebenfalls gerötete Gesichter, Schweißperlen auf der Stirn, gequältes, halblautes Grunzen und Stöhnen, und bei einigen wackeln sogar die Knie. Aber die Mehrzahl der Frauen ist einfach schrecklich cool beim Kartenspielen.
Manche wirken beinahe unbeteiligt, wenn sie an entscheidender Stelle die genau richtige Karte ausspielen, zur richtigen Zeit im wahrsten Sinne des Wortes auftrumpfen. Mehr als ein müdes Lächeln muss man bei dieser Sorte nicht erwarten. Ob sie nun verlieren oder gewinnen, man hat nicht den Eindruck, dass sie das in irgendeiner Weise berührt. Im Gegenteil, ihr ganzes Äußeres vermittelt Gleichgültigkeit. Manchmal unterstreichen sie diese Gleichgültigkeit sogar mit Sätzen wie: „Ist doch nur ein Spiel.“ Für Männer ist das ganz schrecklich. Und um sich zu beruhigen, behaupten nun die Männer, Frauen seien eben anders sozialisiert.
Für das weibliche Geschlecht gehe es nicht um Kampf, sondern um Harmonie. Was zähle, sei nicht der Erfolg, sondern das Wohlbefinden. Ihnen fehle einfach der Biss. Nicht nur beim Kartenspielen, sondern auch im Beruf. Genau deswegen gäbe es auch so wenige Frauen in Führungspositionen. Und all das sei ein Ergebnis der Evolutionsgeschichte. Liebe Männer, ihr irrt gewaltig. Frauen sind gelassener beim Kartenspielen, aber das hat ganz andere Gründe. Bei der redaktionsinternen Recherche haben wir herausgefunden, dass Frauen natürlich, genau wie ihre männlichen Gegenstücke, gewinnen wollen. Unbedingt! Wenn da überhaupt evolutionstechnisch irgendetwas wirkt, dann die über viele Generationen antrainierte Fähigkeit der Frauen, den Männern etwas vorzumachen, nicht nur im Bett. Bekommt ein Mann beim Pokern einen Royal Flash in die Hand, sieht man ihm das an. Er verrät sich auf jeden Fall. Andere Männer werden die Hinweise kaum bemerken, aber Frauen registrieren auch die kleinsten Veränderungen. Da streicht sich einer über den Bart, wie er es sonst nur zu tun pflegt, wenn die junge Praktikantin das Büro betritt.
Ein anderer drückt seine Karten kurz liebevoll an die Brust, ein dritter leckt sich flüchtig über die Lippen. Bekommt eine Frau einen Royal Flash in die Hand, ändert sich gar nichts. Oder aber, es ändert sich ganz bewusst etwas. Über das Gesicht mancher Frauen huscht vielleicht ein Ausdruck von Traurigkeit, natürlich so lange, bis auch der letzte Mann es gesehen hat. Manche Frau blufft. Andere Frauen verzichten drauf, und das eher aus Mitleid, denn dass sie gewinnen, steht ja sowieso fest. Man muss den Mann (Verlierer) nicht auch noch demütigen, indem man ihm zeigt, wie einfach er sich täuschen lässt. Das ist nett von diesen Frauen. So erhalten sich die Männer wenigstens in Ansätzen die Illusion, sie hätten eine Chance. Wir stellen also fest: Frauen sind gelassener beim Kartenspielen, aber nicht, weil es ihnen egal ist, ob sie gewinnen oder verlieren. Sie sind gelassener, weil sie wissen, dass sie am Ende sowieso die Nase vorn haben. Auch wenn sie verlieren, am Ende gewinnen sie. Immer. Und deswegen sind Frauen so gelassen, nicht nur beim Kartenspielen.
GAH

