Letztes Jahr um diese Zeit waren sich einige Menschen sicher, dass uns der Weltuntergang kurz bevorstehen würde. Nicht etwa, weil die Lehman Brothers Insolvenz angemeldet hatten, vielmehr wegen einer Maschine namens Großer Hadronen- Speicherring, besser bekannt als der Large Hadron Collider (LHC).
Die Aufgabe dieses ringförmigen Teilchenbeschleunigers mit einem Umfang von knapp 27 Kilometern, in 175 Meter Tiefe unter der schweizerisch-französischen Grenze gelegen, ist es im Prinzip, den Urknall nachzustellen. Wie genau das funktionieren soll? Hadronen (dazu gehören auch Nukleonen, also Neutronen und Protonen, aus denen Atomkerne aufgebaut sind) werden nahezu auf Lichtgeschwindigkeit beschleunigt, um schließlich miteinander zu kollidieren. Dabei sollen dann verschiedene Elementarteilchen entstehen. Die beteiligten Forscher erhoffen sich von ihrem DIY-Urknall neue Erkenntnisse zum Beispiel darüber, ob das bislang nur hypothetische Higgs-Teilchen tatsächlich existiert. Als einziges Teilchen des Standardmodells der Elementarteilchenphysik konnte es bislang noch nicht nachgewiesen werden.
Der LHC soll das ändern (Stephen Hawking hat übrigens eine Wette um hundert Dollar laufen, dass man es nicht finden wird). Auch Hinweise auf eine Theorie zur Vereinheitlichung der Grundkräfte sollen mit Hilfe des CERN-Rings gesucht werden. Und natürlich will man die hypothetische Dunkle Materie erforschen. Stark vereinfacht geht es alles in allem darum herauszufinden, warum wir überhaupt da sind. In Betrieb genommen wurde der LHC von der Europäischen Organisation für Kernforschung (CERN) am 01. September 2008. Die ersten Kollisionen hätten einige Wochen später folgen sollen. Die Begeisterung für den riesigen Teilchenbeschleuniger kannte bei den beteiligten Forschern damals keine Grenzen.
Eine CERN-Angestellte sorgte sogar für eine musikalische Umsetzung der Thematik: Katherine McAlpine stellte auf YouTube unter dem Pseudonym alpinekat den „Large Hadron Rap“ online, der mittlerweile schon über fünf Millionen Mal aufgerufen wurde. Kollidiert ist aber bisher noch nichts. Nachdem eine Tonne flüssiges Helium austrat, hat man den LHC wieder ausgeschaltet, um ihn zu reparieren. Bis jetzt. Im November soll der Teilchenbeschleuniger den Betrieb erneut aufnehmen. Zu Kollisionsversuchen kommt es dann wohl voraussichtlich 2010. Glaubt man den Gegnern der Versuche, bleiben also noch wenige Monate bis zum Weltuntergang. Drei Privatleute aus Deutschland, Österreich und der Schweiz haben inzwischen beim Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte in Straßburg eine Klage gegen den Teilchenbeschleuniger eingereicht. Fünf wissenschaftliche Experimente könnten laut einer amerikanischen Internetseite am ehesten für den Weltuntergang sorgen. Mit dem Large Hadron Collider sollen drei dieser Experimente durchgeführt werden.
Die von einigen Forschern vorhergesagte Möglichkeit, dass bei den Experimenten im LHC schwarze Löcher entstehen könnten, wirkt auf manche scheinbar ein klein wenig beunruhigend. So hält Otto E. Rössler, Professor für Physikalische Chemie in Tübingen, das Experiment von CERN für das größte Verbrechen der Menschheitsgeschichte. Er ist vom drohenden Weltuntergang überzeugt. Auch Dan Brown hat sich in seinem im Jahr 2000 erschienenen Roman „Illuminati“ mit dem LHC beschäftigt – im Zusammenhang mit Antimaterie, die bei den Kollisionen im Inneren des Teilchenbeschleunigers entsteht. Wenn Dan Brown darüber schreibt, dann könnte es wirklich eine verdammt gefährliche Sache sein, oder? „Der LHC ist sicher, und jegliche Vermutung, dass er ein Risiko darstellen könnte, ist reine Fiktion“, ließ der CERN-Generaldirektor Robert Aymar Anfang September 2008 allen Bedenken von Forschern, Skeptikern und Untergangspropheten zum Trotz in einer Pressemitteilung verlauten. Dann ist ja alles klar. Der Large Hadron Collider, der nebenbei bemerkt in seiner Herstellung drei Milliarden Euro teuer war (800 Millionen kamen aus Deutschland), ist ausschließlich Segen und kein Fluch. Falls doch, können wir uns wenigstens auf den teuersten Weltuntergang aller Zeiten freuen. Vielleicht bekommt Stephen Hawking aber auch einfach nur hundert Dollar.
Sina Schröder

