Das „Sommerloch“ kennt jeder. Das ist die Zeit, in der alle im Urlaub sind, auch die Politiker. Und weil in dieser Zeit angeblich nichts Bedeutendes passiert, berichten die Medien dann über Pipifax, zum Beispiel über Puffbesuche von Ottfried Fischer oder neue Bücher von Frank Schirrmacher.
In kleineren Städten bringen die Lokalzeitungen dann gerne lustlose Portrait-Serien über vorbildlich integrierte Migranten oder über das soziale Engagement der örtlichen Kommunalpolitiker-Gattinen. Daran hat man sich gewöhnt, auch wenn jeder weiß, dass dies Pseudonachrichten sind.
Denn selbstverständlich könnte man auch im Sommer über reale Ereignisse berichten. Der Mist in der Welt hört ja nicht auf, bloß weil in Baden-Württemberg und NRW Schulferien sind. Oder in Niedersachsen. Selbst der Mist in NRW, Hessen und Niedersachsen hört nicht auf, bloß weil die Politiker im Urlaub sind. Schön wär’s.
Überrascht war ich jedoch, dass es inzwischen auch ein Winterloch gibt, während dessen man es für nötig hält, Banalitäten zu „News“ aufzublasen. Zum Beispiel, dass in Rom ein verwirrter Fan eine Absperrung überwindet und auf das Objekt seiner Begierde zustürmt, um es zu umarmen. Ein geradezu alltäglicher Vorgang für Lady Gaga und Bill Kaulitz von „Tokio Hotel“ und deswegen höchstens für die RTL-2-News von Interesse. Heißt der Star aber Joseph Ratzinger – und mit Künstlernamen „Benedikt XVI.“ – wird dafür ein Platz in der Tagesschau frei geräumt und die Zeitungen überschlagen sich. Allerdings: Die Tatsache, dass Sie, werter Leser respektive werte Leserin, sich schon jetzt, gerade mal ein, zwei Monate danach, kaum noch dran erinnern, zeigt ja nur, wie unbedeutend das eigentliche Ereignis war.
Natürlich wussten das die Journalisten in diesem Moment auch schon, aber wenn der Heiligen Mediengeist beschließt zu berichten, dann wird eben berichtet. Nicht, dass die Kollegen senden und drucken und man selbst steht schweigend daneben! Und dann fallen grotesk inhaltlose Sätze wie der folgende aus der „Tagesschau“: „Der Papst verlor seine Mitra und seinen Bischofsstab, blieb aber unverletzt.“ Mit anderen Worten: Nichts ist passiert. Oder wie es auf RTL 2 heißen würde: „Jimi Blue Ochsenknecht wurde von einem jugendlichen Fan umarmt und zu Boden gerissen, er verlor dabei seine Basecap und seinen ipod, stand aber gleich wieder auf und gab gutgelaunt ein Interview“.
Die Papst-Verehrerin bekam den gleichen Nachrichtenwert zugebilligt wie der missglückte Terroranschlag auf einen Airbus in den USA, bei dem – hätte der Anschlag geklappt – fast 300 Leute gestorben wären. Bei dem Zwischenfall in Rom hatte nicht nur niemand vor, jemanden zu töten, nein, hätten die Sicherheitskräfte die Frau nicht zu Boden gerissen, wäre der Papst noch nicht mal umgefallen, sondern nur geküsst worden. Dass „Knutschen mit dem Papst“ in der katholischen Theologie vermutlich eine größere Sünde als der Tod von 300 Menschen ist, steht auf einem anderen Blatt. Sehr schön auch, dass die Presse gleich eine „Attentatsserie“ in Italien konstruiert und das Papst-Hugging in Zusammenhang mit dem Angriff auf den Ministerpräsidenten und Medien-Mogul Silvio Berlusconi stellt, bei dem letztlich auch nichts passierte, außer, dass ein armer Irrer einem mächtigen und korrupten Größenwahnsinnigen auf hilflose Weise eine auf die Omme gehauen hat.
Nochmal ganz deutlich: Bei Attentaten wird geschossen, gesprengt oder mit einem großen Messer auf jemanden eingestochen, Menschen sterben dabei oder werden zumindest schwer verletzt. Wenn jemand seine Mütze verliert oder bloß eine weitere Schönheitsoperation braucht, ist das kein Attentat, sondern politisch bedeutungslos und nachrichtentechnisch eine Bagatelle. Aber im Winterloch ist das wurscht.
Da merkt ja auch niemand, wie ballaballa und geschmacklos es ist, wenn davon berichtet wird, dass die deutschen Soldaten im afghanischen Masar-i-sharif zu Weihnachten ein Krippenspiel aufführen, während man sich Zuhause fragt, warum die Bundeswehr in Kundus Zivilisten bombardieren lässt.
Die Meldung, dass im gleichen Camp kurz nach dem Bombenangriff T-Shirts mit brennenden Tanklastwagen und der Aufschrift „Du sollst nicht stehlen“ auftauchten, hat es übrigens nicht in die Tagesschau geschafft.
Mal schauen, was im nächsten Jahr die große Winterschlagzeile wird. Vielleicht: „Queen Elisabeth verbrüht sich beim Fünf-Uhr-Tee die Zunge!“ oder „Horst Köhler abends im Bett eingeschlafen!“
Hartmut El Kurdi
