hintenrum-talibanisierung durch wintereinbruch

Ich hoffe ja nur, dass zum Zeitpunkt des Erscheinens dieser Kolumne der Winter im sibirisch-brutalen Wintersinne vorbei ist. Im Moment herrscht aber leider immer noch Professor Dr. Fucking Bofrost. Jedes Mal, wenn ich zur Haustür heraustrete, spüre ich einen überraschend schmerzhaften Kälteschock auf der Haut – so als schlüge mir jemand mit voller Wucht ins Gesicht und zischte mir dann mit französischem Akzent zu: Isch forrdere Satisfaction, Monsieur!
Wäre dem so, würde ich die Aufforderung zum Duell sofort annehmen, um dem Elend ein Ende zu bereiten – so oder so. Aber in der Realität ist ja niemand zum Schießen oder Fechten da.

In der Wirklichkeit steht ja nur der Winter vor mir und hält grinsend ein Thermometer hoch, das minus 15 Grad anzeigt. Und so schlittere ich weiter auf dem vereisten Bürgersteig meiner jeweiligen Destination entgegen, mich dabei fragend, wie sich die Verantwortlichen eigentlich das Leben von alten gehbehinderten Rollator-Omis bei diesem Wetter vorstellen…

Kann mir irgendsoein Schlaumeierchen eigentlich mal den Zusammenhang zwischen der Klimaerwärmung und den aktuellen Kälteeinbrüchen erklären? Eine Zeitlang sah es ja ganz erwärmungstheoriekonform so aus, als würde es das ganze Jahr über immer kuscheliger. Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie ich vor zehn Jahren mit jemandem eine ausschweifende Unterhaltung darüber führte, in der es darum ging, dass es eben gar keine richtigen Winter mehr gäbe. Ja, früher, da habe man von Ende November bis Anfang März Schlitten fahren können. Heutzutage aber gäbe es nix als Matsch und Regen und feuchte Schleim-Füße. Und dann jammerten wir und beklagten uns. Es war eine langatmige Klima- und Wetter-Kritik mit sentimentalen Einschüben. Wir tauschten Schnee-Anekdoten aus und wärmten uns an Frosterinnerungen.

Mit feuchten Augen erzählte ich, dass ich damals meinem Schlitten sogar einen Namen gegeben hatte: „Iltschi”. Was insofern logisch war, als dass ich mich zwei Jahre lang nur mit „Winnetou” anreden ließ. Ich weiß zwar nicht, ob es tatsächlich einen Winnetou-Roman gibt, der in Schneelandschaften spielt – ich glaube, ich verwechsele das mit den Winterimpressionen aus der Lederstrumpf-Serie mit Helmut Lange –, aber das ist ja auch wurscht. Jedenfalls waren mein Gesprächspartner und ich uns einig, dass diese – in unserer Erinnerung schön gefärbten – kalten Zeiten nie wieder kommen würden. Und was ist jetzt? Seit Jahresanfang gehe ich nur noch am äußersten Rand des Bürgersteigs, damit keine herabfallenden Eiszapfen meinen Schädel durchbohren. Und gestern dachte ich kurz darüber nach, ob ich mir nicht zwei Huskies zulegen sollte, die mich auf „Iltschi“ – meinem sich inzwischen im Besitz meiner Tochter befindlichen Gefährten – zum Einkaufen ziehen könnten.

Kurzum, vielleicht habe ich es schon erwähnt: Der Winter geht mir tierisch auf den Senkel! Das Schlimmste sind die ästhetischen Katastrophen, die die Kälte verursacht. Seit bestimmt sechs Wochen habe ich außerhalb meiner Wohnung kein offenes Frauenhaar mehr gesehen. Mit Hilfe des Winters haben die Taliban in Niedersachsen die Macht übernommen. Selbst die weiblichen deutschen Teenager, die ihrer Umwelt sonst bei jeder Temperatur ihre leider nicht immer ansehnlichen Bauchnabel und ihre mit Stringtangas durchfurchten Arschansätze präsentieren, sind komplett verhüllt. Oben auf dem Kopf tragen sie bis zu den Augenbrauen heruntergezogene Strickmützen, und unten im Gesicht zuppeln sie ihre Wollschals so weit über die triefenden Nasen, dass nur noch ein Augenschlitz übrig bleibt. Zum Abschluss wird das ganze Ensemble dann noch mit Hilfe einer zusammengeschnürten Kapuze endgültig burkaisiert.

Aber ich gestehe: Ich bin auch nicht besser. Ich trage bei allen Außenerledigungen einen grauen „Herren-Mantel“. Obwohl ich Mäntel hasse. Damit sieht man immer aus, als wolle man bald in Pension gehen, um sich nach 45 Jahren hartem Arbeitsleben seinem Hobby, der Verschönerung des Vorgartens mittels Waschbeton, widmen zu können. Aber was soll ich machen, es ist doch so finster und auch so bitterkalt? Gerne hätte ich auch eine Angora-Unterhose, aber seit ich mal im TV gesehen habe, dass man, um Angora-Wolle zu gewinnen, den armen Hasen die Haare bei lebendigem Leibe brutal ausreißt, habe ich von diesem Wunsch Abstand genommen. Ich bin mir sicher, dass Winnetou das nicht gutgeheißen hätte.

In diesem Sinne: Hough! Und möge die wiederkehrende Sonne unser aller harten, gefriergetrockneten Gedanken in softeisförmige, geschmeidige Visionen voller Love, Peace and Happiness verwandeln! Hä? Egal, mir fröstelt, da darf man auch mal verbal schwächeln…

Hartmut El Kurdi


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