ein letztes wort im august…

Lars Kompa im Gespräch mit dem Ministerpräsidenten Stephan Weil:

Herr Weil, wir haben bei unserem letzten Gespräch zuletzt über den Druck gesprochen, der permanent auf Politikern lastet, und dass dieser Druck bei politischen Entscheidungen nicht immer die Qualität befördert. Der Journalismus hat daran ja keinen kleinen Anteil. Brauchen wir eine neue Kultur im Journalismus? Sollten Journalisten vielleicht ebenfalls nachdenklicher sein, bevor sie die nächste Schlagzeile produzieren, so wie es einigen Politikern gut zu Gesicht stünde, einen kurzen Augenblick nachzudenken, bevor sie ans Mikrofon treten?
Politik ist ein schnelles Geschäft, Journalismus ebenfalls. Journalisten stehen daher oft unter großem Zeitdruck. Ich selbst bin in den vergangenen Monaten von den Medien sehr fair behandelt worden. Und mit „fair“ meine ich dabei nicht etwa „unkritisch“. Fair geht es dann zu, wenn die wesentlichen Inhalte auch in der Berichterstattung weitergegeben werden. Und das war bei mir eigentlich immer der Fall. Es gibt aber auch andere Beispiele. Ich finde beispielsweise die Art und Weise, wie Teile der Medien bisher mit Peer Steinbrück umgegangen sind, ziemlich schlimm. Das sage ich jetzt nicht als Mitglied der SPD, das ist auch ganz neutral und objektiv feststellbar. Aber ich persönlich habe bislang kaum schlechte Erfahrungen gemacht.

Das müssen Sie ja jetzt sagen. Weil es immer ein bisschen gefährlich ist, Journalisten zu kritisieren, zumal in ihrer Position.
Ganz im Ernst: Natürlich wünscht man sich manchmal eine andere Art der Berichterstattung. Ich habe während des Wahlkampfs im vergangenen Jahr manches erlebt, über das ich mich doch sehr gewundert oder geärgert habe. Da wäre die gute alte Tugend der Recherche der Qualität der Berichterstattung sicherlich zuträglich gewesen. Doch was die vergangenen Monate angeht, habe ich mich durchweg fair behandelt gefühlt. Das kann von mir aus gerne so weitergehen.

Politiker haben in unserer Gesellschaft ja insgesamt nicht mehr den besten Ruf. Es gibt etliche Klischees, sie kleben an ihren Posten, sind faul und korrupt, sie interessieren sich für die Macht, aber kaum für die Menschen, sie bringen im Grunde nichts auf den Weg. „Denen da oben sind wir doch egal“, das hört man ständig. Wie dick muss das Fell eigentlich sein, wenn man permanent damit konfrontiert wird und dabei 14 bis 16 Stunden am Tag und gerne auch am Wochenende arbeitet?
Es gibt ein amerikanisches Sprichwort, das sagt, wer die Hitze nicht verträgt, darf nicht in der Küche arbeiten. Das gilt auch für Politiker. Also, wir haben keinen Grund, wehleidig oder larmoyant zu sein. Niemand hat uns gezwungen, ein öffentliches Amt anzunehmen. Ich glaube aber schon, dass viele Menschen durchaus wissen, dass dieser Job mit harter Arbeit verbunden ist und dass sie das auch anerkennen. Dennoch ist der Ruf der Politiker nicht der beste, und das hat auch seine Gründe. So fechten manche Politiker untereinander Kämpfe aus, die außerhalb der Politik kein Mensch mehr versteht; oder sie machen Versprechungen, von denen die Menschen sehr schnell und klar erkennen, dass sie nicht einzuhalten sind. Darum gebe ich mir sehr viel Mühe, durch eine differenzierte Wortwahl solche Missverständnisse gar nicht erst aufkommen zu lassen. Ich kann aber guten Gewissens sagen, dass ich mich für ein Ziel einsetzen, mich also tatkräftig engagieren werde. Und das werde ich dann auch tun. Politische Ziele sind immer mit harter Arbeit verbunden. Versprechungen sind dagegen schnell gemacht. Ich finde die Fähigkeit zur Differenzierung in unserer politischen Kultur momentan reichlich unterentwickelt. Hilfreich ist das nicht.

Ärgern Sie sich manchmal über die üblichen Klischees?
Nein, nicht wirklich. Ich habe mir den Job ausgesucht und wusste vorher, dass der Ruf von Politikern nicht der beste ist. Mindestens einmal pro Jahr gibt es ja das beliebte Ranking, welche Berufe in Deutschland das höchste Ansehen genießen. Politiker und Journalisten haben bei diesen Umfragen eines gemeinsam: sie rangieren ganz weit unten. Da sitzen wir also im gleichen Boot. Wenn dann aber alle Mitglieder solcher Berufsgruppen über einen Kamm geschoren werden, ist das höchst ungerecht: Es gibt Klischees, die sind einfach in der Welt und schlagen sich in solchen Umfragen nieder. Allerdings ist die Art und Weise, wie Politik und Politiker gelegentlich abqualifiziert werden, sehr problematisch. Denn es wirkt nicht gerade motivierend auf Menschen, politisch aktiv zu werden. Wir brauchen aber in unserer Gesellschaft Menschen, die sich engagieren, gerade auch junge Leute. Der Gedanke, dass sich die vielen ehrenamtlichen Politikerinnen und Politiker im wahrsten Sinne des Wortes verdient um unsere Gesellschaft machen, kommt dabei oft zu kurz. Gerade Kommunalpolitikern wird ja gerne unterstellt, dass sie sich nur wichtig machen wollen. Dass da Leute ihre Profilneurosen ausleben. Ja, und das ist oft einfach ungerecht, denn viele leisten gute und wichtige Arbeit. Bei Profi-Politikern kann man feststellen, dass die Klischees ein Teil der Spielregeln sind – und dafür werden sie entsprechend entlohnt. Für die ehrenamtlichen Politiker gilt das aber nicht. Ihre Arbeit sollte von der Gesellschaft weitaus mehr anerkannt werden.

Kommen wir noch mal zum politischen Geschäft. Wenn Sie auf einen politischen Gegner treffen, im Landtag oder auch in einer Talkshow, und der wirft ganz bewusst Nebelkerzen, sagt vielleicht sogar wissentlich die Unwahrheit, was macht das mit Ihnen in so einer Situation?
Mir wurde erst jüngst im Landtag vorgeworfen, ich hätte die Verfassung gebrochen, weil ich den Landtag nicht anständig über ein Thema unterrichtet hätte. Nachweislich war das unwahr, doch die Behauptung ist erstmal in der Welt. In der Politik – nicht im Privaten – lässt mich so etwas glücklicherweise ziemlich kalt. Über wen ich mich ärgere, das bestimme ich immer noch selbst.

Ist das nicht schwierig, wenn es um ein Thema geht, das einem wirklich wichtig ist, das einem am Herzen liegt?
Wenn es um ein wichtiges Thema geht, die Diskussion aber für kleinkarierte, durchsichtige politische Ziele missbraucht wird, dann finde ich das tatsächlich unverantwortlich. Doch ärgern lasse ich mich davon nicht. Ärger ist in der Politik, wie im wahren Leben auch, kein guter Berater. Ich finde es wichtig, genau dann weiter inhaltlich zu argumentieren. Eben weil es nicht um politisches Kleinklein geht, sondern um wichtige Fragen. Ich stelle mir das ziemlich anstrengend vor. Etwas zunichte zu machen, eine Diskussion zu stören, zu provozieren, das ist ja schnell erledigt. An so einer Stelle wird es dann doch sehr zäh, oder nicht? Natürlich ist es anstrengend, wenn der Landtag über ein Thema wie beispielsweise den demografischen Wandel in Niedersachsen diskutiert, Und alle wissen, es geht für uns alle um ganz viel, da Bevölkerungsrückgang und Überalterung für manche Regionen schlimme Folgen haben können. Doch wenn dann so ein wichtiges Thema fürs Dreschen hohler Phrasen missbraucht wird, kann ich nur den Kopf schütteln. Bei manchen Menschen gehört simple Provokation offenbar zur politischen Auseinandersetzung. Ich lasse ich mich davon nicht beeindrucken, sondern gehe gelassen damit um.


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