Holt sie von der Straße!

Wenn ich mich mal wieder so richtig jung fühlen möchte, fahre ich einfach mit dem Fahrrad ein Stück über den Fußweg. „Das ist hier kein Fahrradweg“, gebellt von irgendeinem Rentner lässt nie lange auf sich warten – und ich bin sofort wieder zwölf. Natürlich möchte niemand ernsthaft wieder zwölf sein, aber ich finde, man blickt sofort viel versöhnter auf sein tatsächliches Alter, sobald man drüber nachdenkt, wie respektlos man oft von den Trägern beigefarbener Jacken behandelt wurde und wie ätzend das war. Die Jacken waren damals auch schon beige. Einer hat mich sogar mal vom Rad gestoßen und dann so getan, als hätte ich ihn umgefahren. Dabei war kilometerweit Platz und ich war so langsam und vorsichtig unterwegs, dass es eh schon schwer war, die Balance zu halten, sonst hätte der Kerl mich gar nicht umstoßen können. Der Höhepunkt war, als er dann seine Frau bat, zu gucken, ob ich seine Jacke beschädigt hatte. Was ich dem Typen an den Arsch gewünscht habe, hat mein Karma-Konto auf Jahre hinaus überzogen. Eine Freundin von mir wurde mal von einem rüstigen Rentner gestellt, als sie mit dem Fahrrad falsch herum durch eine Einbahnstraße gefahren ist. Der selbst ernannte Ordnungshüter hat sie korrekterweise der Polizei übergeben, wo sie dann von den Beamten belehrt wurde, den kenne man, sie solle warten bis der weg sei und dann zusehen, dass sie Land gewinne, vielleicht besser in die andere Richtung diesmal.

Immer wenn Wahlkampf ist, muss ich an ein ähnliches Erlebnis denken, als mich mein Weg zur Grundschule täglich an einer Batterie scheinbar sehr niedrig aufgehängter Wahlplakate vorbeiführte. Ich hatte grandiose Ideen zur Umgestaltung dieser Plakate und habe gleich noch zwei Freundinnen angeregt, mitzumachen. Vollkommen unbewusst jeglichen Unrechts haben wir auf dem Rückweg von der Schule unsere Federmäppchen ausgepackt und die Spitzenkandidaten quer durch alle Parteien mit Schnauzbärten, neuen Frisuren, modischen Brillen und Zahnlücken versehen. Genau mein Humor. Wir hatten einen Riesenspaß. Bis der Rentner kam. Dessen Schimpftirade, die die Worte „Straftat, Sauerei, Sachbeschädigung und Polizei“ enthielt, ließ uns das Blut in den unschuldigen Adern gefrieren. Wir waren vielleicht neun Jahre alt und wähnten uns für die nächsten Wochen mit einem Bein im Knast. Ärgerlich eigentlich, dass der Typ sein Ziel erreicht hat, (falls er eins hatte, vielleicht hat er auch nur Dampf abgelassen), ich habe das nie wieder gemacht, freue mich aber immer drüber, wenn ich Spitzenkandidaten mit schwarzen Zähnen sehe.

Nur, warum tun sie das, die Rentner? Langeweile und innere Leere aus Mangel an täglicher sinnvoller (erwerbstätiger) Beschäftigung? Dies sollte dann in die Überlegungen in Richtung eines bedingungslosen Grundeinkommens dringend einbezogen werden. Sonst keifen bald auch noch volltätowierte Hipster auf dem Fußweg hinter uns her. Für die ansonsten dringend fällige Rentenreform schlage ich vor, dass nur die netten, die nicht täglich das Bedürfnis haben, Leute zu schulmeistern, denen sie sich überlegen fühlen, früh in Rente gehen dürfen. Meinetwegen auch mit 63. Die können dann mit Nordic-Walking-Stöcken im Wald herumlaufen. Da sind die Jacken auch bunter, das ist gut. An diesem Funktionsklamotten-Bashing werde ich mich nicht beteiligen. Man muss sich schon entscheiden, auf wem man herumhackt, aber ich schweife ab. Wer denn nun die netten Rentenanwärter sind, muss man irgendwie herausfinden, damit kann sich eine Kommission befassen, die nach der Wahl eingerichtet wird, von welcher Partei dann auch immer. Die Jackenfarbe kann da nur einer von sehr vielen Anhaltspunkten sein. Die Schulmeister aber sollte man mindestens zehn bis fünfzehn Jahre länger zwischen 8 und 18 Uhr von öffentlichen Wegen fernhalten.

Annika Bachem


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