Harro Schmidt

Administrator und Kurator des Kunstvereins Kunsthalle Hannover e.V. , bildender Künstler

Der Ort „Kunsthalle Faust“ wird bespielt vom Verein Kunsthalle Hannover, dessen Administrator und Direktor Harro Schmidt (61) ist. Er mietet die Kunsthalle für bildende Kunstprojekte. Ein bisschen kompliziert. Und es wird noch komplizierter, denn zwischendurch setzt sich Schmidt noch auf einen anderen Stuhl im Faust-Büro – und ist dann Mitarbeiter von Faust e.V., der ebenfalls Kurator der Kunsthalle ist, aber dann Projekte im Bereich Soziokultur und Bildung organisiert oder beispielsweise Fotoreportagen mit Studierenden der Hochschule Hannover. Und außerdem ist Schmidt natürlich selbst bildender Künstler. In seinem Atelier (ebenfalls auf dem Faust-Gelände) erzählt er von den vergangenen und zukünftigen Kunsthalle-Projekten, über die Hürden im Kulturgeschäft und von ganz neuer, „unsichtbarer“ Kunst.

Zu Schmidts alltäglichen Aufgaben gehören die Aufarbeitung von gelaufenen und die Planung von zukünftigen Projekten sowie die Durchführung aktueller Projekte. Das alles nur mit Hilfe einer Auszubildenden und PraktikantIinnen, was die Sache nicht einfacher macht. „Die Jahresplanung, die ich mache, orientiere ich zeitlich an der Einreichungsfrist zur Jahresförderung des Landes Niedersachsen, die nicht gerade üppiger geworden ist in den vergangenen Jahren, geschweige denn einfacher zu bekommen. Das ist einer der vielen Problemkreise der Kulturszene, die zunehmende Bürokratisierung von Prozessen, gerade auch bei den freien Trägern. Jeder will ein anderes Antragsformular, hat andere Standards, sodass man, um verhältnismäßig geringe Mittel zu bekommen, einen wahnsinnigen Aufwand betreiben muss. Hinzu kommt so die Unplanbarkeit von Events, weil man über Monate hinweg nicht weiß, was für ein Budget man bekommt,“ kritisiert er.

Die inhaltliche Arbeit im Bereich bildende Kunst, die die Kunsthalle Faust über fast zwei Jahrzehnte gemacht hat, führt der vor fast 5 Jahren gegründete Kunstverein Kunsthalle Hannover bis heute fort. „Zeitgenössische Multimedia-Kunst haben wir schon immer gemacht“, betont Schmidt in diesem Zusammenhang. „Und ein Alleinstellungsmerkmal der Kunsthalle Faust ist sicherlich auch, dass wir seit 20 Jahren mit temporären Interventionen in den öffentlichen Raum gehen. Da begegnet uns aber eine gewisse Ignoranz hier in Hannover. Auf einem Meeting, das vor Kurzem im Kunstverein Hannover zur Kunst im öffentlichen Raum stattfand, wurde davon beispielsweise noch nicht mal gesprochen. Ebenfalls besonders ist, dass wir nicht nur niedersächsische KünstlerInnen in der Kunsthalle in internationale Projekte einbeziehen, sondern sie oft mit Projekten auch ins Ausland gebracht haben. Über die Städtepartnerschaften, z.B. zu Poznan, habe ich als Mitinitiator der Mediations Biennale diverse Kontakte aufgebaut, darüber hat sich ein internationales Netzwerk entwickelt. Wir haben beispielsweise in Shanghai, Beijing, Seoul und Japan niedersächsische Künstler präsentieren können – und das in sehr guten Museen; im Taipei MoCA, im MoMa Shanghai, White Box Beijing etc. Auch mit Afrika gibt es Austausch, z.B. war ich 2012 vom Goethe-Institut auf ein Festival in Kamerun eingeladen, da konnte ich viele Kontakte knüpfen und anschließend auf der Mediations Biennale Poznan 2014 einen afrikanischen Part namens ‚Shifting Africa‘ kuratieren. Ein Essential dieser Kunst habe ich dann auch in die Kunsthalle geholt. Da waren Leute wie Edson Chagas dabei, der im Folgejahr den goldenenen Löwen der ‚Biennale Venedig‘ erhielt, wir konnten hier Dokumenta-Teilnehmer wie Ines Doujak , zeigen oder im Rahmen russischer Medienkunst aus Moskau schon 1999 unter anderem die Gruppe AES, es gibt haufenweise solche Beispiele. Und vor allem die chinesische Kunstelite hatten wir bereits mehrmals in der Kunsthalle – mit mäßiger Resonanz seitens der Presse. Und das ist vielleicht auch so ein bisschen das Schicksal der Kunsthalle Faust. In Berlin wären wir vermutlich der totale Hype und bedeutend bekannter, als wir das hier in Hannover bisher waren. Das hat wiederum ganz klar mit der Struktur einer ehemaligen Verwaltungs- und Beamtenstadt zu tun, die einfach seit 20, 30 Jahren im Bereich Kulturmanagement nicht viel bewegt. Im Bereich bildende Kunst ist jedenfalls nicht viel passiert. Die großen Ausstellungshäuser haben sich mit internationalen Acts gegenseitig überflügelt, die niedersächsische Kunstszene aber nur marginal eingebunden.

Und mal ganz ehrlich: gibt es eine nennenswerte Sammlung zeitgenössischer KünstlerInnen Niedersachsens im Sprengelmuseum? Vor wie viel Jahren wurde doch gleich die Beteiligung niedersächsischer KünstlerInnen am Jahresgaben-Format der Kestner Gesellschaft eingestellt? Und ach ja, die Herbstausstellung des Kunstvereins Hannover mit ihrem Anspruch, die niedersächsische Kunstszene abzubilden… alle 2 bis 3 Jahre. Kunstvereinsdirektor Eckehard Schneider als Befürworter der Kunsthalle Faust, wusste schon vor über 20 Jahren zu differenzieren – um es fussballerisch auszudrücken – zwischen 1. und 2. Liga, und dennoch gab es Durchlässigkeiten. Zusammen mit einer nicht vorhandenen Einbindung lokaler Galerien ist eine offene Szene geradezu hermetischen Sphären gewichen, die sich weder befruchten noch bereichern können. Das ist tatsächlich etwas, was ich der Stadt und den unterschiedlichen Akteuren anlaste.

Ich betrachte unseren KV Kunsthalle Hannover also nicht im Mindesten als Konkurrenz zu den „großen Drei“, sondern habe uns im Gegenteil immer wahrgenommen als Ergänzungsformat. Als experimentellere Plattform, die nicht nur auf abgesicherte Positionen setzt, die z.B. nicht den – sorry, ich muss das mal sagen, was viele denken – den inzestuösen Zirkel von KünstlerInnen bedient, die abwechselnd in den „Herbstausstellungen“ vertreten sind oder in den Beiräten sitzen. Ich kann mit der Mängelliste noch munter fortfahren: Es gibt längst keine Ankaufskommission mehr von Seiten des Landes, es gibt keine städtischen Ankaufetats mehr für die zeitgenössische Kunst. Auch dagegen, dass der Fachbereich Bildende Kunst geschlossen wurde, hat sich die Stadt nicht genug gewehrt. Die Kunstszene vergisst das nicht! Und nun haben wir hier in Hannover ein Dezernat, das nicht nur Kultur- sondern gleichzeitig auch Personaldezernat ist, eine Entscheidung des Stadtrats. Daran kann man sehen, wie wenig Bedeutung man der Kultur hier zumisst. Aber die Stadt möchte ja gerne Kulturhauptstadt 2025 werden. Da müsste man klotzen und nicht kleckern, in kürzester Zeit ein sehr straightes Konzept vorlegen, das die freie Kulturszene mit einbezieht und der Stadtverwaltung kulturaffines Handeln verordnet.

Sehr viel Kritik, sehr viele Widrigkeiten. Da drängt sich natürlich die Frage nach der Motivation auf. Warum macht einer wie Harro Schmidt trotz all der Hürden weiter? „Weil ich natürlich nach wie vor die Motivation und auch den Ehrgeiz habe, die niedersächsische Kunstszene zu bereichern (lächelt). Und ich bin ja auch selbst bildender Künstler und von daher manchmal in einer Doppelfunktion unterwegs. Wobei es da kaum Interessenkonflikte gibt. Man muss einfach wissen, wo man steht bei jedem Projekt, das ist das Entscheidende. Und ich kann da sehr gut trennen.“

Beim gerade aktuellen Projekt ist Schmidt wieder ganz Kurator: In Kooperation mit der ‚Virtuale Switzerland‘ und deren Direktor Arthur Clay geht es bei ‚iJacking‘ um Augmented Reality. Es ist das erste Festival für unsichtbare Kunst in Deutschland. Im Rahmen eines großen City-Parcours geht man von der Kröpcke-Uhr in verschiedene Richtungen und kann dann mit dem Smartphone oder Tablet in der Hand Kunst wahrnehmen, die andere eben nicht sehen. Geleitet über den iJacking-QR-Code lassen sich Informationen zu den vier AR-Touren mit ihren jeweiligen Kunstwerken sowie eine Handlungsanweisung über ein Interface der Webseite www.virtuale-swizerland.org abrufen. Im eigenständigen Kunst-Objekt und Informationsträger Kröpcke-Uhr wird es Samples der Arbeiten und Infotexte dazu geben. VIP-Touren sind über den Blog ijacking.blogspot.com buchbar, der zusätzliche Hintergrundinformationen zum Gesamtkonzept liefert. Insgesamt sind es 15 Arbeiten aus Nordamerika, Asien, Australien und Europa, die auf den Parcours im September zu sehen sind.

Schmidt schwärmt: „Will Pappenheimer ist ein US-Amerikaner, der eine ganz tolle Arbeit gemacht hat: Wenn man einen an der Uhr platzierten QR-Code öffnet und die Kunst-App ‚Layar‘ runterlädt, sieht man auf seinem Display nicht nur die Leute, die am Kröpcke herumlaufen, sondern auch einen Kabeljau-Schwarm, der sich in einer Spirale himmelwärts bewegt. ‚Die Himmelfahrt des Kabeljaus‘ ist eine Hommage an diese Spezies, die uns gut genährt hat, uns aber bald verlassen wird. Diese scheinbar spielerischen, man könnte auch sagen ‚Pokemon Go für die Kunst‘-Projekte, haben eine sehr schöne, poetische Dimension, aber auch eine politische. Auf dem Parcours die Georgstraße entlang kann man japanische Lampions fliegen lassen, an der Goseriede begegnet man fliegenden Pilzen, vor dem Rathaus kann man den gläsernen Sarg von Mao Tse-tung besuchen. Außerdem haben wir mit Unterstützung der Hochschule Hannover einen 3D-Scan von Timm Ulrichs gemacht und diesen als Vorlage für die künstlerische Umsetzung des Werkes ‚Ich kann keine Kunst mehr sehen II‘ genutzt (die sich auf Ulrichs Performance von 1975 bezieht und auch heute noch – oder wieder – als Kommentar zur künstlerischen Entwicklung in Deutschland zu verstehen ist). Sein Klon wird also jetzt, 43 Jahre später, im 3D-Modus ebenfalls an der Kröpcke-Uhr erscheinen.“

Am Zinnober-Wochenende (1. und 2. September) wird tagsüber in der Kunsthalle der zweite Teil des Festivals stattfinden: ein Special mit weiteren Arbeiten zum Thema „Vertical Cinema – Strange Continuum“ greift digitale Aspekte auf. Ein dritter Teil ist abends im Kesselhaus mit taiwanesischen Videoprojektionen zu sehen. „Alle Festival-Bestandteile sind mit digitalen Methoden erarbeitet oder imitieren diese z.B. malerisch. Sie tragen eine unsichtbare Ebene in sich und sind auch inhaltlich sehr abstrakt, sodass man sagen kann, es ist eine andere Art von‚ iJacking‘ (was sich von‚hijacking, zu deutsch ‚Entführung‘ ableitet): Das Auge wird erobert, virtuelle Räume und auch reale werden mit optisch ungewohnten Dingen besetzt“, erklärt Schmidt. Ein sehr ambitioniertes Projekt, das er wieder einmal mit kleinem Etat von Stadt und Land und einer Menge persönlichem Einsatz realisiert – mit geradezu visionärem Eifer im Diens­te der „Future Art“, könnte man sagen. Spannend!

Im September ist die Außenrauminstallation „Thronerbe II“
von Harro auf der „Florale“ im Berggarten zu sehen.

Interview: Anke Wittkopp
Foto Faust: Kloepperfotodesign

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