Ein letztes Wort im März

Herr Weil, das Corona-Update lässt sich nicht vermeiden, wir sprechen Mitte Februar, wie sehen Sie die aktuellen Entwicklungen?
Momentan stagnieren bundesweit die Infektionszahlen, in Niedersachsen haben wir es aktuell leider wieder mit ein paar Hotspots zu tun und auch leicht steigenden Zahlen. Aber man darf sich nicht täuschen lassen, es passiert gerade etwas ganz Grundsätzliches: Die erste Virus-Generation wird durch eine zweite abgelöst. Wir haben es also mit einem neuen Gegner zu tun, das sagen auch alle Expertinnen und Experten. Während also derzeit die Infektionszahlen insgesamt sinken steigt sozusagen unter der Wasseroberfläche der Anteil der Mutationen – was sehr wahrscheinlich mit dem großen Nachteil verbunden ist, dass das Virus noch einmal ansteckender ist als bislang. Das muss dazu führen, dass wir alle noch vorsichtiger sein sollten – wir müssen alle gemeinsam weiterhin mit sehr viel Umsicht agieren. Wenn die Zahlen zurückgehen, kommen auch wieder Lockerungen in Sicht, aber wie die ausfallen werden und ab welchem Zeitpunkt sie vertretbar sein werden, dass kann man jetzt seriös noch nicht beantworten.

Ich tendiere eher dazu, noch abzuwarten und beispielsweise bei den Schulen lieber noch eine Weile auf Distanz zu setzen.
Das ist natürlich eine Frage der Abwägung, man muss jeweils sehr genau hinsehen und vor allem auch das Kindeswohl insgesamt im Blick haben. Bei den Kleinen in den Grundschulen haben wir beispielsweise durch das Distanzlernen sehr massive Folgen. Ich bin überzeugt, dass es richtig war, zumindest die Grundschulen mit geteilten Klassen wieder zu öffnen. Das läuft bisher gut. Niemand sollte erwarten, dass in einigen Monaten ohne Schulbesuch der digitale Unterricht das gleiche Maß an Bildung wie beim Unterricht im Klassenzimmer vermitteln kann – zumindest gilt dies für die jüngeren Schülerinnen und Schüler. Noch gravierender sind die langfristigen Folgen für die Entwicklung unserer Kinder, denn gerade in dem Alter ist es ja wichtig, viel mit Gleichaltrigen zusammen zu sein. Das fehlt momentan und das macht mir große Sorgen, deswegen geht es immer um eine gewissenhafte Abwägung. Aber es hilft alles nichts, wir müssen weiter sehr vorsichtig bleiben und die aktuellen Entwicklungen genau beobachten.

Kommen wir mal kurz zu den Impfungen. In Niedersachsen ist das bisher ziemlich mäßig bis schlecht gelaufen …
Es gab ganz sicher zum Start Fehler – das gilt übrigens landauf landab für alle Bundesländer. Was aber neben organisatorischen Schwierigkeiten vor allem für viel Frust sorgt, dass ist der Mangel an Impfstoff. Wir haben bei den älteren Menschen auf der einen Seite eine große Impfbereitschaft und auf der anderen Seite zu wenig Impfstoff, und damit war und ist die Enttäuschung vorprogrammiert. Ich habe mich über Fehler ebenfalls geärgert, man hätte bestimmt einiges besser machen können. Aber ich bin überzeugt, dass die Corona-Schutzimpfung immer besser laufen wird. Das sieht man auch schon deutlich, wir nehmen mehr und mehr Fahrt auf. Und eines wird sich zusätzlich ändern: Wir waren in Niedersachsen bisher sehr vorsichtig, was die Verlässlichkeit bei den Lieferungen angeht – wir haben darum sehr konsequent für jede Impfdosis die notwendige zweite Dosis zurückbehalten. Das haben andere Bundesländer anders gehandhabt und mehr verimpft – mit der Folge, dass dort teilweise aufgrund der Lieferengpässe Termine für die Zweitimpfung abgesagt werden mussten – sie aber in der Tabelle der Erstimpfungen weiter oben standen. Es gibt keinen Königsweg und solche Rankings bringen uns nicht wirklich weiter. Alle Bundesländer bekommen ja, gemessen an der Bevölkerungszahl, die gleiche Menge Impfstoff. Und überall wird alles verimpft. Die Unterschiede gab es, weil eben entsprechend mehr oder weniger Impfstoff für die zweite Dosis zurückbehalten wurde. Das wird sich jetzt ändern, weil die Lieferungen verlässlicher werden und weniger zurückgestellt werden muss.

An dieser Stelle machen wir jetzt mal einen harten Schnitt, denn in unserer März-Ausgabe haben wir einen besonderen Schwerpunkt, wir haben den Weltfrauentag am 8. März zum Anlass genommen für eine kleine Bestandsaufnahme in Sachen Gleichberechtigung. Und ich habe natürlich ein paar Fragen. Hier kommt die erste: Sind Sie emanzipiert?
Ich sehe mich als Teil einer Übergangsgeneration. Ich stamme aus einer Familie mit recht konventionellen Geschlechterrollen. Meine Mutter hatte studiert und promoviert, aber nach der Hochzeit mit meinem Vater den Rest ihres Lebens der Familie gewidmet. Heute wäre meine Mutter mit Sicherheit weiter zur Arbeit gegangen und es hätte ein ganz anderes Familienleben gegeben, da bin ich mir sicher. Und ich hätte das meiner Mutter auch sehr gewünscht. Gleichzeitig bin ich jetzt seit bald 44 Jahren mit meiner Frau zusammen und schon zu Beginn unserer Beziehung lag immer die „Emma“ mit auf dem Küchentisch. Ich bin als Mann sozialisiert und geprägt, ich weiß aber auch, dass vieles am traditionellen Männerbild nicht so bleiben kann und bemühe mich persönlich, das so gut wie möglich zu leben. Allerdings muss ich auch sagen: Es gibt Männer, die von sich sagen, sie seien Feminist. Das bin ich nicht.

Was würde Ihre Frau sagen?
Da müssten Sie sie am besten selbst fragen. Ich nehme mal an, sie würde mir ein ehrliches Bemühen nicht absprechen. Aber ob mein Bemühen immer von Erfolg gekrönt ist? Ich glaube, da würde sie eher differenziert antworten.

Was ist Ihre Meinung zur Quote?
Die finde ich prinzipiell absolut richtig. Denn wenn wir mal allein auf die Parlamente blicken, sehen wir, wie eklatant Frauen unterrepräsentiert sind. Und leider ist die Tendenz so, dass es weniger und nicht mehr Frauen werden. Deshalb bin ich der festen Überzeugung, dass wir ein Paritégesetz benötigen, auch wenn es dafür zahlreiche verfassungsrechtliche Hürden zu überwinden gilt. Eine Quote allein wird diese Probleme aber nicht lösen können. Wir brauchen beispielsweise in der Politik einfach sehr viel mehr Frauen, die kandidieren, die ein Mandat wollen, die sich den Auseinandersetzungen stellen. Das ist ganz wichtig, dass man die Männer an der Stelle nicht in Ruhe lässt, sondern herausfordert. In der SPD hat das ganz gut funktioniert. Wir haben die Quote ja schon Ender der 80er Jahre beschlossen. Aber man sieht leider auch, dass die Quote allein noch nicht die Gleichstellung bringt. Sie ist wahrscheinlich ein notwendiges, aber noch kein hinreichendes Mittel.

Aber sie ist ein Hebel.
Das auf jeden Fall, ein Hebel und ein gutes Druckmittel. Also zwingend notwendig. Aber wer glaubt, mit der Quote wäre die Arbeit erledigt, der täuscht sich gewaltig.

In den Aufsichtsräten sieht es auch noch immer ziemlich mau aus.
Ja, das ist sehr mühsam. Das sieht man schon daran, dass meine beiden Parteikolleginnen Bundesjustizministerin Christine Lambrecht und Familienministerin Franziska Giffey gegen viele Widerstände zu Jahresbeginn endlich einen Kabinettsbeschluss erreicht haben, der neue Frauenqouten für Dax-Konzerne und insbesondere für Unternehmen mit Bundesbeteiligung vorsieht. Aber dieser Gesetzesentwurf muss noch vom Bundestag in dieser Legislaturperiode beschlossen werden – dafür müssen wir uns alle (auch wir Kerle) einsetzen und die Kritiker – vor allem in den Reihen des Koalitionspartners – überzeugen. Aber auch das wäre nur ein allererster Schritt. Wir haben nach wie vor die Situation, dass die beruflichen Laufbahnen von Männern und Frauen sehr unterschiedlich, aber dennoch nach einem bestimmten Muster verlaufen: Familienphasen werden nach wie vor nicht gleichgestellt wahrgenommen und anerkannt, Frauen finden sich sehr häufig in Teilzeitbeschäftigungen und werden dann nicht gleichberechtigt für ihre Arbeitsleistung beurteilt, es gibt sehr viele Beispiele für strukturelle Benachteiligungen.

Und bei der Bezahlung hapert es außerdem.
Die unterschiedliche Bezahlung von Frauen und Männern in Deutschland ist nach wie vor ein Skandal, das muss man einfach so sagen. Gleicher Lohn für gleiche Arbeit, davon sind wir noch sehr weit entfernt. Unterm Strich muss sich ganz grundsätzlich in den Köpfen etwas verändern. Ich sage es mal so: Männer haben untereinander in vielen Generationen ihre Mechanismen entwickelt, wie man in relevante Positionen kommt und dort auch bleibt. Und die Frauen werden das knacken, wenn sie sich offensiv in diese Auseinandersetzungen begeben und sich einmal weniger häufiger fragen „Kann ich das?“, sondern weniger bescheiden und mit mehr Selbstbewusstsein auftreten, denn häufig können sie es viel besser! Die Parteien sind dafür ein gutes Beispiel. Rein, kandidieren, kämpfen, auch Niederlagen riskieren. Ich würde mich sehr darüber freuen, wenn wir in der niedersächsischen SPD noch mehr Frauen für politische Ämter gewinnen können und ich bin mir sicher, da spreche ich sogar für alle demokratischen Parteien.

● Interview: Lars Kompa


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