Melodic Metal: Rosy Vista

Es gibt Bands, die hauen alle zwei Jahre eine neue Platte raus, touren zuverlässig wie ein Schweizer Uhrwerk um die Weltgeschichte, verewigen sich durch Interviews in einschlägigen Musikmagazinen im kollektiven Gedächtnis der synchron alternden Fangemeinde und tauchen irgendwann um die 60 ab in die hart verdiente Musikerrente, irgendwo auf den Bahamas oder den Azoren.Wenn es gut läuft. Aber gut ist langweilig, und langweilig war noch nie die Sache der All-Girls-Melodic-Metal-Band  Rosy Vista aus Hannover.

1965 stolpert Anca Graterol, heutige Bandleaderin und Gitarristin der Formation, dreizehnjährig in ihrer Heimatstadt Bukarest über den Musikfilm „The Young Ones“, und fortan sollte ihr Leben nicht mehr dasselbe sein – sie will Rockmusikerin werden. Die Schulhofjungs wünschen sich den hübschen Teenager mit modischem Minirock hüftschwingend hinterm Mikro, aber Anca will vor allem eins: rocken, und zwar an der E-Gitarre! „Ich wurde oft gefragt, warum ich immer nur in Frauenbands gespielt habe. Ob ich eine Hardcore Feministin wäre oder irgendwie ein Problem mit Männern hätte. Der Grund ist viel simpler – als ich meine erste Band gründete, haben wir uns einfach noch nicht soviel mit Jungs abgegeben. Also habe ich meine besten Freundinnen überzeugt!“ Und die erste Band sollte nicht irgendeine Band werden – CATENA, zu deutsch „Kette“, brachten nur ein Jahr nach ihrer Gründung die Konzerthallen landesweit zum Bersten und genießen bis heute Kultstatus in Rumänien.
Anca ehelicht einen Musikerkumpel aus dem Westen und landet über Umwege in Hannover. In ihrer Heimat hatte sie in ausverkauften Hallen mit bis zu 13.000 Fans gespielt, in Deutschland aber ist sie ein Niemand. Doch sie ist fest entschlossen, es mit einer neuen Band zu versuchen. In einer Disco lernt sie schließlich die damals 19-jährige Andrea Schwarz kennen. „Ich dachte mir damals“, erinnert sich Anca, „so rhythmisch wie die tanzt, das muss einfach eine Hammer-Musikerin sein!“ Ein guter Riecher, wie sich herausstellt – Andrea sollte mit ihrem Ausnahmegesangstalent und der exaltierten Bühnenshow bald zu einem Markenzeichen der Band werden. Mit Regine „Guinness“ Hellmann (Bass) und  Marina Hlubeck (Drums) aus Berlin, laut Anca „ein richtiges Herz mit Schnauze“, ist die Gang komplett. Rosy Vista  ist geboren und im Begriff, die erste und deutschlandweit einzige Hardrock-Frauenband in diesem sonst von Männern dominierten Genre zu werden. Doch wer glaubt, dass es für die Band schnurstracks vom Proberaum in die Charts ging, irrt gewaltig.  Mitte der 80er-Jahre war die Präsenz von Hardrock-Frauenbands in der deutschen Kulturlandschaft  ungefähr so üblich wie die des Dalai Lama im Fight Club. Anca fasst es so zusammen: „Keiner glaubt, dass eine Frauenband spielen kann. Du darfst gerne nett, süß und lustig sein. Aber wenn du dann was erreicht hast, musst du einfach total überzeugen.“ Die Mädels geben Vollgas, spielen jeden Gig, den sie kriegen können, und feilen im Proberaum weiter an ihren Songs. Endlich werden auch die Medien auf die Vollblut-Rockerinnen aufmerksam. 1986 wird ein Plattenvertrag unterschrieben und die EP mit dem Titel „You better believe it“ erscheint. Der Rest ist Geschichte … Es folgen Tourneen mit Uriah Heep, Joe Cocker, Manfred Mann, Bon Jovi, Motley Cüe und anderen Rockgrößen. Die Zeitschrift METAL HAMMER kommentiert damals: „Dass die Mädels musikalisch mit etablierten männlichen Kollegen mithalten können, wagte am Ende eines Konzerts kein auch noch so prominenter Gast zu bezweifeln.“
Obwohl die Band diese Periode ihres Schaffens als „Wahnsinnszeit“ bezeichnet, setzt das stressige Tourleben insbesondere Sängerin Andrea zu, die schließlich aus gesundheitlichen Gründen ausscheidet. Man versucht es noch mit zwei anderen Sängerinnen, aber „The Magic is gone“. 1990 lösen sich Rosy Vista auf. Zwar gibt es im Verlauf der nächsten Jahre immer wieder Bemühungen, die Band neu aufzubauen, aber nichts fruchtet wirklich.
Bis sich 2016 das Blatt endlich wendet. Die Formation findet, nahezu in Originalbesetzung, wieder zusammen – einziger Neuzugang: Heike Müller (Bass) aus Düsseldorf. Die Chemie stimmt wieder. 2019 unterschreiben die Rockerinnen einen neuen Plattenvertrag und nehmen mit der LP „Unbelievable“ (Steamhammer) endlich all das unveröffentlichte Material von früher auf. Alles scheint perfekt. Dann kommt Corona. „Was für eine Ironie,“ so Anca, „da hat man eine Hammer-CD draußen, eine neue Bassistin, mit der es super läuft, gebuchte Tourneen auf großen Festivals mit Bands wie Die Happy, Slade, Mother’s Finest und Dead Daisies … und dann das!“
Aber Rosy Vista  wären nicht Rosy Vista , wenn sie sich davon unterkriegen ließen. So nutzen sie die Zeit, um sich im Proberaum zu verschanzen und an dem Nachfolger für „Unbelievable“ zu arbeiten – mehr Rock’n’Roll geht nicht.          ● Birte Wolter

Wer bis zum Erscheinen oder neuerlichen Live-Rocken nicht warten kann, dem seien die Youtube-Videos „Poor Rosy – Rosy Vista live 2019/ Musikzentrum“ sowie die sehensswerte Doku aus den Anfangsjahren der Band, „Rosy Vista – Part 1-4“ an’s Herz gelegt. Mehr Infos auf www.rosyvista.com.


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