Jüdisches Leben in Hannover

KloepperfotodesignDie Liberale Jüdische Gemeinde hat sich 1995 in Hannover gegründet und ist mit über 700 Mitgliedern die größte progressiv-jüdische Gemeinde Deutschlands. Sie hat ihren Sitz in ihrem Gemeindezentrum Etz Chaim (Baum des Lebens) im Stadtteil Leinhausen. 2020 hat Rebecca Seidler die langjährige Vorsitzende Ingrid Wettberg abgelöst. Rebecca Seidler ist in der jüdischen Einheitsgemeinde aufgewachsen, aber bereits seit 1995
aktives Mitglied in der Liberalen Jüdischen Gemeinde Hannover und sie hat sich dort von Beginn an ehrenamtlich eingebracht. Neben der Funktion als Vorsitzende ist sie heute außerdem im Landesverband der Israelitischen Kultusgemeinden von Niedersachsen die Antisemitismusbeauf-
tragte und zuständig für den Bereich Beratung im Umgang mit Anti-
semitismus,aber auch beim Thema Sicherheit jüdischer Institutionen.

Schildern Sie uns zum Einstieg und Kennenlernen mal kurz Ihren beruflichen Werdegang.
Ich bin von Haus aus Sozialpädagogin und war einige Jahre im Jugendamt der Region Hannover beschäftigt, habe dann berufsbegleitend mein Masterstudium im Bereich der internationalen Sozialen Arbeit sowie eine Zusatzausbildung zur qualifizierten Mediatorin absolviert. Seit nun fast zwölf Jahren bin ich selbstständig im Bereich der Unternehmensberatung mit Schwerpunkt Mediation und im Bereich der politischen Bildung. Zudem bin ich noch Dozentin an der Hochschule Hannover im Fachbereich Soziale Arbeit und Religionspädagogik. Als Mutter zweier Schulkinder ist für diese Vielfalt an beruflichen und ehrenamtlichen Tätigkeiten eine gute Organisation unerlässlich und zum Glück habe ich einen geduldigen und unterstützenden Ehemann an meiner Seite.

Und Vorsitzende der Liberalen Jüdischen Gemeinde in Hannover. Was verbirgt sich hinter dem Wort „liberal“?
Das liberale Judentum hat seine Wurzeln hier in Deutschland. Viele denken, das sei eine „Erfindung“ aus Amerika, aber das stimmt nicht. Entwickelt wurde das Reformjudentum vor rund 250 Jahren in Seesen, also gar nicht weit von Hannover, unter anderem von Israel Jacobson. Das liberale Judentum setzt sich zum Beispiel für eine Gleichberechtigung zwischen Männern und Frauen ein. Das heißt, Frauen haben in unserer Gemeinde dieselben Rechte und Pflichten wie die männlichen Gemeindemitglieder. Wir haben bei uns auch Rabbinerinnen und Kantorinnen. Es gibt keine Unterschiede, wir sitzen gemeinsam im Gottesdienst und nicht getrennt voneinander. Diese Gleichberechtigung der Frau im religiösen Kontext ist ein ganz wesentlicher Unterschied zu orthodoxen Gemeinden. Hinzu kommt unter anderem noch, dass wir unsere Gottesdienste mehrsprachig durchführen. Die Hauptsprache ist Hebräisch, also die Sprache der Tora, aber wir haben auch Gebete, die wird zum Teil auf Deutsch oder auf Russisch lesen, weil unsere Gemeindemitglieder mehrheitlich aus der ehemaligen Sowjetunion kommen. So haben sie in der Sprache ihres Herzens einen guten Zugang zum Gebet.

In den anderen jüdischen Gemeinden gibt es diese Gleichberechtigung nicht. Gibt es da auch mal Auseinandersetzungen?
Nein, eigentlich nicht. Das Judentum war schon immer pluralistisch. Es ist also nichts Besonderes, dass es hier in Hannover verschiedene innerjüdische Strömungen gibt. Nach der Shoah ist dieser Pluralismus in den Hintergrund getreten, weil es nur wenige überlebende Jüdinnen und Juden gab. Die Wenigen haben sich dann in Gemeinden zusammengefunden, die innerjüdischen Strömungen waren dabei meist nebensächlich. In der Einheit hat man eher den orthodoxen Charakter gelebt und die Shoah war der identitätsstiftende Faktor, der zusammengehalten hat. Aber mit den Nachfolgegenerationen kam dann wieder der Wunsch auf, den innerjüdischen Pluralismus auszuleben und zu berücksichtigen, dass es eben auch Entwicklungen in der Gesellschaft gibt. Dafür steht das liberale Judentum. Wir bewahren die Tradition des Judentums, wir möchten die jüdische Religion und Kultur in ihrem Fortbestand schützen, aber immer auch mit einem Blick in die Moderne. Diesen Zweiklang aus Tradition und Moderne halte ich für ganz wichtig. Um letztlich nicht separat von der Mehrheitsgesellschaft zu leben, sondern als Jüdinnen und Juden im Einklang mit unserer sich entwickelnden Gesellschaft.

Wie muss ich mir das Leben in Ihrer jüdischen Gemeinde vorstellen?
Wir haben hier für alle Generationen sehr viele unterschiedliche Angebote. Das fängt an mit unserem jüdischen Kindergarten, in dem wir 40 Kinder haben, auch nichtjüdische Kinder. Deren Eltern natürlich ein gewisses Verständnis dafür haben müssen, dass wir ausschließlich die jüdischen Feiertage feiern. Wir bieten den jüdischen Kindern in unserem Kindergarten seit 2007 einen Ort, wo sie in ihrer jüdischen Identitätsentwicklung unterstützt und gestärkt werden. Und für nichtjüdische Kinder ermöglichen wir einen ganz authentischen Einblick ins Judentum. Die Kinder erleben das Judentum als völlige Selbstverständlichkeit, das fließt einfach ein in den Kita-Alltag. Es werden zum Beispiel vor den Mahlzeiten kleine Segenssprüche auf Hebräisch gesprochen. Nach der Kindergartenzeit geht es natürlich weiter in der Gemeinde, wir haben Kindergruppen für Schulkinder, wir haben ein jüdisches Jugendzentrum, wo jüdische Freizeiten geplant und organisiert werden, auch bundesweit, damit sich jüdische Kinder überregional kennenlernen und sich vernetzen können. Es gibt Angebote für junge Erwachsene, zum Beispiel für Studierende, die hier Räume bekommen, um sich als jüdische Community zu treffen. Wir arbeiten in dem Bereich auch mit der Organisation TaMaR Germany zusammen, die hier spezielle Veranstaltungen für junge, jüdische Erwachsene anbietet. Aber wir haben in unserer Gemeinde natürlich auch viele Angebote für Senioren, angefangen von Yogakursen oder Debattierclubs bis zu Lernkreisen zu jüdischer Religion und Tradition. Und wir begehen natürlich alle jüdischen Feiertage, Festtage, auch Lebensfeste wie Beschneidungen, Namensgebungen, Bar- und Bat-Mitzwa-Feiern, Hochzeiten – alles, was sozusagen zum Leben gehört. Wir verfügen auch über einen eigenen jüdischen Friedhof im Stadtteil Lahe, um unseren Gemeindemitgliedern eine jüdische Beerdigung zu ermöglichen. Unsere Angebote hier in der Gemeinde begleiten also das gesamte Leben.

Welche Verbindungen hat die Liberale Jüdische Gemeinde Hannover zur Stadtgesellschaft und sind solche Verbindungen ebenfalls ein zentrales Anliegen?
Absolut, wir machen in der jüdischen Gemeinde sehr viel im Bereich des interreligiösen und interkulturellen Dialogs. Wir sind der festen Überzeugung, dass persönliche Begegnungen das beste Mittel sind im Kampf gegen Antisemitismus und für ein plurales, friedvolles Miteinander. Wir laden zum Beispiel Schulklassen ein, geben Führungen, machen Gesprächsrunden mit Schulklassen unterschiedlicher Jahrgänge – um nicht über Jüdinnen und Juden zu sprechen, sondern mit ihnen. Das ist ein wichtiger Baustein, denn so erzeugt man viele Aha-Momente bei Schülerinnen und Schülern. Wir möchten hier ein offenes Haus sein und zeigen, was jüdische Religion, Kultur und Tradition bedeutet. So kann man Gemeinsamkeiten feststellen zwischen den Religionen und den Menschen. Und man kann lernen, auch die Unterschiede auszuhalten, ohne sie zu bewerten. Mit einer gegenseitigen Wertschätzung. Wir haben darum sehr viele Projektnetzwerke aufgebaut in den letzten 25 Jahren. Es gibt enge Kontakte zu kirchlichen Trägern und zu anderen religiösen Institutionen, aber eben auch zu Schulen, Universitäten und Bildungsinstitutionen.

Können Sie mal ein jüdisches Wochenende beschreiben.
Sehr gerne. Der Schabbat beginnt am Freitagabend mit einem Gottesdienst und endet am Samstagabend. Der Schabbat ist unser wöchentlicher Ruhetag, ein Tag, an dem wir bewusst die Arbeit ruhen lassen, Zeit mit der Familie verbringen, Zeit für die Erholung haben – sei es für die körperliche Erholung, aber auch für die geistige Erholung. Wir sind am Schabbat zudem angehalten zu lernen. Nicht als Arbeit verstanden. Das Lernen soll Bereicherung sein. Wir beginnen den Schabbat immer mit einem gemeinsamen Gottesdienst. Zwei Kerzen werden angezündet, es folgen gemeinsame Gebete und es wird sehr viel gesungen. Nach diesem gemeinsamen Gottesdienst, bei dem auch die Gemeindemitglieder ganz aktiv eingebunden werden, sei es, dass Kinder kleine Passagen vorlesen oder andere Gemeindemitglieder für ein Gebet zuständig sind, wird gemeinsam getrunken und gegessen. Das ist bei uns ganz wichtig. Das ist der sogenannte Kiddusch, man isst gemeinsam und trinkt ein Glas Rotwein. Und dabei tauscht man sich aus. Wie ist die letzte Woche verlaufen? Was war vielleicht eine Herausforderung? Was hat belastet? Was wünsche ich mir für die kommende Woche? Das regt sozusagen den inneren Reflexionsprozess an. Am Samstag folgt dann ein Morgengottesdienst, es wird der jeweilige Wochenabschnitt aus der Tora gelesen, und auch dieser Gottesdienst endet wieder mit einem gemeinsamen Essen. Im Prinzip soll dann der gesamte Samstag frei von jeglicher Arbeit und von Verpflichtungen sein. Die jüdische Gemeinschaft soll im Vordergrund stehen, die Zeit für die Familie. All das soll Kraft geben für die kommende Woche. Der Schabbat endet schließlich mit einer sogenannten Hawdala-Zeremonie, bei der unterschieden wird zwischen dem Ruhetag und dem Alltag.

Das klingt sehr familiär.
Das ist auch ganz zentral, diese Zeit für- und miteinander. Wir hatten mal ein nicht-jüdisches Kind im Kindergarten, das wollte unbedingt zu Hause den Schabbat feiern. Was die Eltern verunsichert hat, es war ja nicht ihre Religion. Wie geht man also damit um? Ich habe dann mit dem Kind ein Gespräch geführt und dabei ist herausgekommen: Das Kind wollte diese Familienzeit. Weil man zusammen isst, weil man sich bewusst Zeit für sich und die anderen nimmt, weil man viel miteinander spricht, weil man Familie erlebt. Entsprechend habe ich der Familie geraten, wieder mehr den Sonntag als Familientag zu organisieren, so wie das ja auch in der christlichen Tradition vorgesehen ist. Was sie getan haben und damit war das Bedürfnis des Kindes gestillt, Schabbat zu feiern. Es ging um die Werte, die dahinterstehen, nicht um den religiösen Zugang. Diese sind ja auch in anderen Religionen fest verankert. Und gerade für Kinder ist das ein sehr schönes Element – auch wirklich ganz bewusst am Ende der Woche gemeinsam durchzuatmen.

Die jüdische Gemeinde startet also am Sonntag in die Woche?
Genau, wir starten am Sonntag in die reguläre Woche. In Israel haben an den Sonntagen auch die Geschäfte wieder auf. Am Samstag ist geschlossen.

Wie lange dauert so ein Gottesdienst?
Der Schabbat-Gottesdienst am Freitagabend dauert bei uns eine Stunde und der Gottesdienst am Samstag durch die Tora-Lesung etwas länger, da sind es dann schon zwei Stunden.

Sie haben eben von dem Wunsch eines nicht-jüdischen Kindes erzählt, zu Hause Schabbat zu feiern. Im Christentum würde man die Familie vielleicht einfach in der Gemeinde aufnehmen. Im Judentum geht das nicht.
Nein, das Judentum missioniert nicht, das ist verboten. Wir haben keinen Wahrheitsanspruch, für uns ist es eher wichtig, dass sich die Menschen auf die sogenannten Noachidischen Gebote verständigen. Das berührt mehr die Ethik, das heißt es geht um Gerechtigkeit, Wohltätigkeit, Nächstenliebe. Das sind die verbindenden Elemente. Aber welche Form des Zuganges zu Gott von einem Menschen gewählt wird, das soll jedem Menschen selbst überlassen sein.

Zum Judentum zu konvertieren ist unglaublich schwer …
Ja, das ist nicht so einfach. Die Konversion zum Judentum ist ein sehr langwieriger und schwieriger Weg, ein langer Prozess der fortwährenden Prüfung und Reflexion. Denn dies ist eine Lebensentscheidung. Das Judentum ist nicht nur eine Religion, wir verstehen uns als Volksgemeinschaft, damit verbunden ist also eine Zugehörigkeit, die auch den Alltag und das ganze Leben beeinflusst. Dessen soll man sich einfach sehr sicher sein.

Und zentral ist die Frau, denn wer eine jüdische Mutter hat, ist jüdisch…
Richtig, die Zugehörigkeit zum jüdischen Volk wird von der Mutter übertragen. Das ist zum Beispiel ein Unterschied zum Islam, bei dem die Religionszugehörigkeit über den Vater weitergegeben wird. Wenn meine beiden Söhne einmal Kinder haben mit einer nicht-jüdischen Frau, dann sind deren Kinder also nach jüdischem Religionsgesetz nicht jüdisch. Da gibt es aber auch schon Debatten, ob das noch zeitgemäß ist, denn auch patrilineare Juden, also Juden, die nur einen jüdischen Vater haben, können ja sehr fest in der jüdischen Kultur und Tradition verankert sein. Ich persönlich finde, dass es hier eine Öffnung geben sollte, vielleicht auch durch eine vereinfachte Statusklärung durch ein Rabbinatsgericht.

Mit den Unruhen in Israel ist der Antisemitismus in Deutschland wieder sehr sichtbar in den Fokus gerückt. Wie sind denn ihre Erfahrungen vor diesen Unruhen? Ist das Problem nicht etwas, das schon lange da ist, beziehungsweise nie verschwunden war?
Antisemitismus gab es schon sehr lange vor der Shoah. Aber auch danach war der Antisemitismus nie verschwunden, er gehört zur geschichtlichen Kontinuität dieses Landes und auch Europas. Was zum Beispiel bedeutet, dass jeder jüdische Feiertag, jedes jüdische Fest seit jeher unter Polizeischutz stattfindet. Das ist nicht neu, das kenne ich seit meiner Jugend, die Polizei stand immer vor der Synagoge. Nach der Shoah haben sich in den letzten Jahrzehnten moderne Formen von Antisemitismus entwickelt, die zu den anderen Formen des Antisemitismus noch einmal hinzukommen. Wir haben es heute mit Formen von Antisemitismus zu tun, die aus ganz unterschiedlichen Milieus kommen, unabhängig von der Bildungsschicht. Wenn es um Antisemitismus geht, wird ja immer der Ruf laut, dass in der Bildung mehr passieren muss. Das stimmt, aber auch in akademischen Kreisen gibt es durchaus Antisemitismus. Die Arbeit im Kampf gegen Antisemitismus ist also sehr vielschichtig und herausfordernd. Und für die jüdische Gemeinschaft ist das natürlich belastend und es gibt sehr unterschiedliche Formen des Umgangs. Einige gehen nach außen sehr offen mit ihrem Judentum um, was dann leider immer wieder auch zu antisemitischen Erfahrungen führt. Andere Gemeindemitglieder leben ihr Judentum ausschließlich innerhalb der jüdischen Gemeinde, um sich auch vor antisemitischen Erfahrungen zu schützen.

In der aktuellen Diskussion hat sich die Kritik an Israel stark mit antisemitischen Anfeindungen vermischt …
Das ist ein sehr komplexes Thema. Aber ja, Israel wird gerne instrumentalisiert für Antisemitismus. Man muss nicht direkt sagen, dass man etwas gegen Jüdinnen und Juden hat, man projiziert das auf den jüdischen Staat. Der Begriff Jude oder Jüdin wird durch Israel ersetzt. Wir hören sehr häufig in den Debatten, dass man Israel kritisieren dürfen muss. Ja, natürlich. Das politische Agieren des Staates Israels kann man kritisieren, das geschieht fortwährend und ist gar kein Tabu. Aber man muss dennoch genau hinsehen. Kennen Sie einen Staat, bei dem die Politik ähnlich oft in den Medien debattiert wird? Nehmen wir mal den Begriff „Israelkritik“. Das ist eine feste Begrifflichkeit im Duden. Gibt es eine „Deutschlandkritik“? Oder eine „Grönlandkritik“? Nein. Es gibt auch keine „Finnlandkritik“ oder „Russlandkritik“. Es scheint ein immenses Bedürfnis zu geben, Israel massiv zu kritisieren. Woher kommt das? Genau das müssen wir reflektieren. Was ich darüber hinaus erlebe ist, dass Jüdinnen und Juden eine gewisse Illoyalität unterstellt wird gegenüber dem deutschen Staat. Ich werde beispielsweise recht häufig gefragt, wann ich mal wieder in die Heimat Israel fahre. Oder was mein Ministerpräsident da wieder anstellt. Und damit ist dann nicht Herr Weil gemeint, sondern bis vor Kurzem Benjamin Netanjahu. Man wird sehr schnell in die Position gebracht, für das politische Handeln Israels mitverantwortlich zu sein. Man kommt in die Lage, sich rechtfertigen und verteidigen zu müssen, obwohl keine Möglichkeit der Einflussnahme besteht. Wir haben ja kein Wahlrecht in Israel. Wir wohnen in Deutschland, wir zahlen hier unsere Steuern, wir wählen hier. Da gibt es also eine Pauschalisierung, eine Verallgemeinerung. Es heißt: Israelis sind Juden und somit sind alle Juden auf der Welt verantwortlich für Israel. Und dann hören wir zum Beispiel in Gelsenkirchen, wo vermeintlich gegen das politische Agieren Israels protestiert wird, dass „Scheißjuden“ gerufen wird. Und wir erleben, dass Synagogen zunehmend Drohungen erhalten, dass massiv Mitglieder jüdischer Gemeinden am Arbeitsplatz, in der Nachbarschaft, im Freundeskreis mehr und mehr mit antisemitischen Aussagen konfrontiert werden.

Was macht das mit Ihnen? Sind Sie wütend? Traurig?
Eher traurig und nachdenklich. Wissen Sie, wir Jüdinnen und Juden werden meist auf drei Themen reduziert, auf den Holocaust, auf Antisemitismus und auf Israel. Aber wir sind so viel mehr. Das jüdische Leben ist so unfassbar reich an Tradition, Kultur, Ethik und Philosophie. Es gibt unglaublich viele Zugänge zum Judentum. Wir sind ein sehr lebensbejahendes Volk. Wir möchten leben, wir möchten das Leben gestalten. Ich würde gerne viel mehr diese Vitalität und Lebensfreude in den Fokus stellen. Eine Chance dazu sind sicherlich die Feierlichkeiten und Aktivitäten rund um das aktuelle Festjahr 1700 Jahr jüdisches Leben in Deutschland. Ich hoffe, dass wir trotz Corona in einen guten Austausch kommen. Das sehe ich als eine meiner Hauptaufgaben an: das gesellschaftliche Miteinander aktiv zu fördern und mitzugestalten.                   ● Interview: LAK                                             Foto: Kloepperfotodesign


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