Wir wollten in dieser Ausgabe über die Situation von Kindern in Hannover sprechen. Gibt es in Hannover Kinderarmut? Ist das ein Problem in dieser Stadt?
Was wir haben sind Zahlen über Kinder die von Sozialtransfers leben. Eine sehr hohe Zahl. Und was wir ebenfalls wissen ist, dass es in Schulen und Jugendeinrichtungen eine wachsende Zahl von Mittagstischen gibt. Insofern´kann man sicher sagen, dass die soziale Lage von Kindern in den vergangenen Jahren prekärer geworden ist. Bei dem Begriff Armut stolpere ich aber ein bisschen. Es gibt sicherlich auch materielle Not. Aber mindestens ebenso stark haben wir in den Familien andere Probleme: Überforderung, manchmal schwer nachvollziehbares Verhalten von Eltern.
Eine emotionale Armut?
Genau. Eine emotionale Armut. Und in dem Maße, wie so etwas auftritt, werden auch viel mehr öffentliche Angebote notwendig.
Nun gibt es ja in Hannover sehr unterschiedliche Stadtteile. In einigen sind die sichtbaren Probleme eher klein, in manchen existiert so etwas wie Hilfe zur Selbsthilfe, in anderen funktioniert das gar nicht…
Ja, natürlich prägt die Sozialstruktur eines Stadtteils die Situation der Kinder. Mir hat die Leiterin einer Kita in einem problematischen Stadtteil mal erzählt, dass sie am Montag elf Kilo Nudeln kochen und am Donnerstag sieben Kilo. Ich habe natürlich gefragt, ob das mit der Armut in den Familien zu tun habe. Aber sie hat geantwortet, dass das gar nicht so sehr eine Frage des Geldes sei. Die Kühlschränke in den Familien wären über das Wochenende schon gut gefüllt. Aber man isst nicht zusammen, den ganzen Tag flimmert die Glotze, und wenn ein Kind Hunger hat, dann geht es eben an den Kühlschrank und nimmt sich irgendwas. Mit dem Ergebnis, dass es am Montag hungrig in die Kita kommt. Und es kann durchaus sein, dass so ein Kind am Tag darauf mit einem Brötchen vom Bäcker für zwei Euro erscheint. Seitdem ist mir klar, dass wir natürlich auch über materielle Not sprechen, aber beileibe nicht nur.

Da hat sich der Umgang mit den Kindern in den Familien verändert?
Ja, da hat sich innerhalb von nur einer Generation unglaublich viel getan. Die Zahl der allein Erziehenden ist gestiegen, Patchwork-Familien sind keine Ausnahme mehr, und die klassische Familienstruktur mit Vater, Mutter und zwei Kindern plus Schäferhund oder Dackel gibt es nur noch in geringer Zahl.
Umso wichtiger, ausreichend Plätze zur Verfügung zu stellen. Hannover hat da ja ein ehrgeiziges Ziel: 300 neue Plätze im Jahr.
Für die ganz Kleinen bis drei Jahren, ja.
Das ist ein ambitioniertes und teures Ziel, oder?
Ja. Das ist ein Riesenbrett. Und wieder so ein typisches Beispiel. In Berlin wird gesellschaftspolitisch richtiger weise entschieden: es gibt ein Recht auf einen Krippenplatz. Aber um die Umsetzung, auch die finanzielle, dürfen sich dann die Kommunen kümmern. Weil die Zuschüsse von Bund und Land bei weitem nicht das decken, was da an Kosten entsteht. Ist ja auch ganz klar. Bei den ganz kleinen Kindern brauche ich einen besonders hohen Betreuungsschlüssel, anders geht es ja nicht. Wir stehen im Vergleich der westdeutschen Großstädte ganz gut da, und haben vor bis 2013 40 Prozent zu schaffen, aber das ist wirklich eine gewaltige Aufgabe.
Wie muss ich mir das denn praktisch vorstellen? Wie wird das erreicht, dass in Hannover jedes Jahr 300 neue Plätze entstehen?
Auf verschiedenen Wegen. Die Stadt baut neue Kitas. Wir arbeiten zusammen mit Wohlfahrtsverbänden. Wir freuen uns sehr, wenn sich Elternläden bilden, und unterstützen diese so gut wie möglich. Bis jetzt sind wir im Plan. Es bleibt aber sehr sehr schwierig und es wird natürlich in Zukunft nicht einfacher, zum Beispiel die richtigen Orte zu finden oder die richtigen Partner.
Gibt es eigentlich so etwas wie Hilfe direkt vor Ort? Also eine Beratung für Elterninitiativen? Die stehen ja vor vielen bürokratischen Hürden.
Wir haben jetzt ein neues Familienbüro in der Kurt-Schumacher-Straße eröffnet, und das ist genau dafür gedacht. Dort können Eltern mit Fragen und Problemen hinkommen. Mir fällt dabei ein, dass wir, also meine Frau und ich zusammen mit Freunden, wahrscheinlich eine der ältesten Krabbelgruppen Hannovers gegründet haben, und zwar nach der Geburt unseres Sohnes 1988. „Die Rotznasen“ in der Nedderfeldstraße. Die gibt es wohl immer noch. Damals gab es überhaupt keine Plätze für die ganz Kleinen. Es gab auch gar keine Ideen. Und wir haben das damals mit zwei BSAG-Kräften irgendwie geregelt gekriegt. Deswegen kann ich mich noch gut erinnern, wie man sich fühlt. Und kann nur versichern: Es ist manches besser geworden in den letzten 20 Jahren.
Jetzt gehen ja gerade die Erzieher auf die Straße und wollen mehr Geld. Macht das die 300 angedachten neuen Plätze im Jahr nicht noch schwieriger?
Ja, klar. Das ist ein Problem. Wir sollen mehr Plätze für die ganz Kleinen schaffen, wir sollen mehr Plätze für die Schulkinder schaffen. Wir sollen den ErzieherInnen mehr zahlen. Und das alles bei einstürzenden Steuereinnahmen.
Gab es da in letzter Zeit mal Kritik in der Richtung, dass die Messe jetzt einen sehr hohen Betrag bekommen hat, für die Kinder auf der anderen Seite aber kein Geld da ist?
Wir haben in den vergangenen zehn Jahren massiv Kinderbetreuungsstrukturen in Hannover ausgebaut. Da sind tausende von Plätzen geschaffen worden. Und strukturell geben wir heute für Kinder pro Jahr über 40 Millionen Euro mehr aus, als wir das noch vor ein paar Jahren gemacht haben. Dagegen nimmt sich das große Engagement für die Messe wiederum vergleichsweise bescheiden aus. Und das machen wir ja auch nicht, weil wir der Messe einen Gefallen tun wollen, sondern weil es um die Absicherung von mehr als 10.000 Arbeitsplätzen geht. Den Kindern wäre mit Sicherheit nicht damit gedient, wenn es in Hannover keine Messe mehr gäbe. Aber mit dem Einwand werde ich immer wieder konfrontiert, und ich kann nur geduldig darauf hinweisen, dass es nichts bringt, notwendige Dinge gegeneinander aufzurechnen.
Noch einmal zurück zu den ErzieherInnen. Dass die mehr Geld wollen, ist ja verständlich und nachvollziehbar. Aber die Kommunen sind damit schlicht überfordert. Müsste da nicht einfach mehr Geld vom Bund kommen?
Ja, die Kommunen sind überfordert. Eigentlich haben wir nur eine Aufgabe und die heißt Bildung. Und die fängt an bei den ganz Kleinen und geht letztlich bis zur Promotion. In Frankreich ist Bildung eine Staatsaufgabe. Da gibt es bestimmte Ansprüche an die Bildungsbereitschaft, aber auf der anderen Seite ist die Finanzierung aus Steuermitteln sichergestellt. In Deutschland hat der Bund in Sachen Bildung eigentlich gar nichts zu sagen…
Herr Weil, wir müssen schon wieder Schluss machen. Ich denke, wir werden das Thema beim nächsten Mal noch etwas vertiefen. Bis hierher vielen Dank.