Tag Archive | "2009-08"

laura, 30

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laura, 30


1. Was macht dich wütend?
Arroganz.

2. Wann hast du dich das letzte Mal geschämt?
Vor 10 Minuten, weil mein Oberteil auf links gedreht ist.

3. Hast du schon mal etwas geklaut?
Nicht direkt, aber ich habe vor 17 Jahren jemanden motiviert, eine Fanta 4-CD zu klauen.

4. Was war der mieseste Job, den du jemals hattest?
Parkplatzwächterin.

5. Hast du schon mal die Polizei gerufen?
Ja, weil auf der Straße jemand zusammengeschlagen wurde.

6. Was war dein größter Fehlkauf?
Eine CD von Howard Carpendale.

Laura7. Kannst du gut lügen?
Eigentlich nicht.

8. Der schlechteste Film, den du je gesehen hast?
Kate & Leopold.

9. Welche CD/LP war deine erste gekaufte?
True Blue von Madonna.

10. Wann hattest du deinen letzten Absturz?
Vor vier Wochen auf einer Party.


Text und Foto: Melanie Loeper, Gulaim Ahangri

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sportlicher erfolg…

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sportlicher erfolg…


…braucht einen klugen Background

EC Hannover IndiansWenn die Hannover Indians am 8. August mit dem ersten Testspiel gegen die Kölner Haie den Kriegspfad 09/10 einläuten, wird der Traum von tausenden Fans Realität: Die Hannover Indians starten endlich in der zweiten Liga! Und kaum einer zweifelt daran, dass die Indians auch in der neuen Liga eine gute Rolle spielen werden. Und dass im Jahr 1 nach Torwartlegende Roman Kondelik. Manch jüngerer Fan kann sich „seine“ Indians ohne den Goalie mit der Nr. 11 gar nicht vorstellen – in der neuen Saison wird er es müssen! Nach 10 Jahren Eishockey am Pferdeturm hängt Kondelik seine Schlittschuhe an den Nagel.

Dennoch kann man zuversichtlich sein, dass der verpflichtete Ersatz Nolan McDonald die entstandene Lücke schließen wird. Und auch die anderen Neuverpflichtungen lassen die Fans auf spektakuläres und erfolgreiches Eishockey am Pferdeturm hoffen. Ein neuer Stürmer, der beides vereint, könnte Josh Olson sein. Einsätze in der NHL und der Titel als Topscorer der italienischen Liga lassen auf sportliche Qualität schließen, 1,96 m Körpergröße und ein Gewicht von über 100 kg scheinen perfekte Voraussetzungen für eine gute Show…

Dass die Mannschaft in diesem Jahr den Aufstieg schaffen würde, konnte man voraussehen. Doch ein wesentlicher Grund des Erfolgs findet in der öffentlichen Wahrnehmung zu selten Beachtung: In den letzten beiden Jahren formierte Indians-Chef Dirk Wroblewski am Pferdeturm eine schlagkräftige Truppe im Hintergrund, die den Aufschwung maßgeblich zu verantworten hat. Ohne wichtige Indians-Werte wie Tradition und Authentizität zu vernachlässigen, wurden mit ruhiger Hand alte Strukturen entrümpelt und Abläufe optimiert. Frische Ideen hielten Einzug und wurden professionell umgesetzt.

So ist die gesteigerte Zuschaueranzahl zwar Ausdruck des sportlichen Erfolgs, aber eben auch das Ergebnis einer klugen und kontinuierlichen Pflege und Weiterentwicklung der Marke „Hannover Indians“. Straßenbahn und ec-Karte mit Indians-Logo – keine Selbstverständlichkeit für einen Club in der dritten Spielklasse einer Randsportart! Es ist dem Team von Dirk Wroblewski zu verdanken, viele Sponsoren für die Indians begeistert und so den nötigen Background für den Erfolg geschaffen zu haben.

Besonders erstaunlich ist diese Entwicklung angesichts der höherklassigen Konkurrenz in der Stadt. Den Hannover Scorpions gelang es in dieser Saison nicht, den eigenen sportlichen Erfolg in positive Entwicklungen hinsichtlich Zuschauerzuspruch und Stärkung der Position in der Stadt umzumünzen. Im Gegenteil: Man konnte den Eindruck gewinnen, dass man beim DEL-Club gereizt auf die positive Entwicklung am Pferdeturm reagierte. So ließen sich zumindest unglückliche Statements von Vertretern der Hannover Scorpions erklären, die auf die eher bodenständige Kultur und Infrastruktur des Eisstadions am Pferdeturm zielten und Besucher von Indians-Spielen als Partygänger ohne Interesse am sportlichen Wert der Veranstaltung bezeichneten.

Auf der anderen Seite beflügelt die Rivalität der beiden Kontrahenten vom Pferdeturm und dem Expo-Gelände die Sportszene in Hannover. Beheizte Sitze versus Warmschreien – am Ende ist das Geschmackssache. Man darf trotzdem gespannt sein, wie sich die Verkleinerung der sportlichen Distanz auf diese Rivalität auswirkt!

DMVB

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…natürlich um michael jackson


Und unsere Trauer ist wirklich echt. Der arme Kerl. Erst ein von seinem Vater zum Erfolg geprügelter und in vielerlei Hinsicht missbrauchter Kinderstar, dann ein gequälter und unendlich einsamer Erwachsener, der eigentlich nie älter als 12 Jahre geworden ist. Belauert von “Freunden”, die sicherlich nur ein Interesse an ihm hatten. Der zuletzt aussah wie ein Monster, weil er seinem Vater nicht mehr ähnlich sehen wollte. Ein millionenschwerer Freak. Ein Mensch, der alles, aber offenbar doch nichts hatte. Man kann eigentlich nur Mitleid mit ihm haben. Ob er nun selbst zum Kinderschänder geworden ist, oder nicht, Mitleid darf man trotzdem haben.

LS

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frust-spucker


Es sind ja eher Jungs und Männer, die gerne mal auf die Straße spucken, und so haben wir bisher gedacht, dass sich zu diesem Phänomen eine Küchenpsychologie eigentlich nicht lohnt.
Denn auf den ersten Blick liegen die Gründe für dieses Verhalten ja auf der Hand, zumal die Spucker meist eher breitbeinig daherstolzierende, Muskelshirt tragende Menschen sind, die sich auch gerne mal in aller Öffentlichkeit ausgiebig in bestimmten tieferen Körperregionen kratzen. Es sind schlicht Männchen, die ihr Revier markieren, so haben wir angenommen, und die Spuckerei auf archaische männliche Grundstrukturen zurückgeführt. Dankbar, dass sie ihr Revier nicht auf eine andere in der Natur übliche Art und Weise markieren. Natürlich, auch hier gibt es Ausnahmen. Aber die meisten Spucker sind nur Spucker und keine Pinkler.

Spucker gibt es allerdings eine ganze Menge. Man begegnet ihnen in Hannover an jeder Straßenecke. Ein selbstbewusst federnder Gang, meistens gerade telefonierend, und immer bereit, den Boden mit ein wenig Speichel zu benetzen. Manchmal auch mit ein wenig mehr Speichel. Und manchmal sogar… aber sparen wir uns lieber diese unappetitlichen Details.

Nun gibt es jedoch sehr viele Menschen, zumeist weiblichen Geschlechts, die sich an der Spuckerei stören. Die diese Angewohnheit absolut widerlich finden, ekelhaft und abstoßend. Und wir bemerken scharfsinnig: Hier stimmt etwas nicht. Wenn es sich bei der Spuckerei um eine archaische Methode zur Markierung des Reviers handeln würde, dann müssten die Frauen der Angelegenheit zumindest neutral gegenüberstehen. Wofür waren diese Reviermarken damals gut? Damit ein fremder Mann wusste: Halt, bis hierher und nicht weiter. Erfüllten sie auch für die Damenwelt einen Zweck? Vielleicht. Zumindest wusste das weibliche Geschlecht damals sehr genau, wo der eigene Mann aufhört und der fremde anfängt. Wie auch immer, als widerlich haben die Frauen die Reviermarken damals sicher nicht empfunden. Schon eher als aufschlussreich.

Sind nun die Frauen mal wieder evolutionstechnisch drei Schritte weiter als die Männer? Spuckt das starke Geschlecht noch immer fleißig in der Gegend herum, um imaginäre Reviere abzustecken, um zu sagen: „Seht her, hier bin ich, hier jage ich”? Während die Frauen schon längst nicht mehr auf breitbeinig daherstolzierende, Muskelshirt tragende und sich im Schritt kratzende Männer stehen? Vielleicht. Vielleicht ist aber auch unsere Theorie von der Markierung des Reviers schlicht falsch. Einen Hinweis auf unseren möglichen Irrtum erhielten wir vor wenigen Tagen, als wir auf einer Seitenstraße in der Nordstadt Augen- und vor allem Ohrenzeuge folgender Situation wurden: Da standen zwei junge Männer beisammen, beide breitbeinig, beide telefonierend. Und dann sagte der eine plötzlich recht laut diesen bemerkenswerten Satz: „Ich spuck auf dich, und die ganze bekackte Welt und auf diese scheiß Stadt!“ Und dann spuckte er gleich mehrmals auf den Gehweg. Könnte es also sein, dass die spuckenden Männer aus Frust die Straßen befeuchten?

Gut möglich, dass wir hier einem Klischee aufsitzen, aber breitbeinig daherstolzierende, Muskelshirt tragende und sich im Schritt kratzende Männer haben zumindest unserer Kenntnis nach oft kein richtiges Glück auf der Karriereleiter gehabt. Häufig hat schon die erste Sprosse nachgegeben, hat es nicht so ganz mit dem Hauptschulabschluss geklappt, war die Lehre nicht das, was man sich vorgestellt hatte, so dass man frühzeitig ausgestiegen ist, waren immer alle irgendwie gegen einen, war das Leben nie gut zu einem, hat man immer Pech gehabt. Kann es sein, dass die spuckenden Männer also vorwiegend in jenen Reihen zu finden sind, die nicht unbedingt auf der Sonnenseite des Lebens stehen, denen Fortuna niemals hold war? Und die einfach spucken, anstatt ihren ganzen Frust, ihre ohnmächtige Wut und Verzweiflung laut herauszuschreien?

Falls das so ist, dann müssen wir alle umdenken und sollten uns von den Spuckern nicht angeekelt abwenden. Dann sollten wir sie an den Händen fassen und ihnen Mut zusprechen. Ihnen sagen, dass immer noch alles gut werden kann, wenn man nur daran glaubt. Und dabei natürlich ein bisschen aufpassen, dass man nichts abkriegt.

GAH

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mirco buchwitz

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mirco buchwitz


Treue Stadtkindleser der ersten Stunde erinnern sich möglicherweise – es ist ja doch schon ein paar Jährchen her –, dass in der allerersten Ausgabe des Stadtkinds eine Kurzgeschichte von Mirco Buchwitz erschien. Er selbst möchte an diese Geschichte lieber nicht erinnert werden. Heute würde er sie anders schreiben. Aber schon sein Gitarrenlehrer gab ihm den Satz mit auf den Weg: „Die Momente, in denen du dich schlecht findest, sind die Momente, in denen du besser wirst.“

Mirco Buchwitz kennt man in Hannover von der Lesebühne OraL, bei der er bis vor kurzem mitwirkte. Mehr als vier Jahre war er dabei. Auch im Quatsch Comedy Club konnte man ihn bereits bewundern. Doch als Comedian würde er sich selbst ebenso wenig bezeichnen wie als Poetry-Slammer. Als solcher war er zwei Jahre lang aktiv, bis ihm die eingeschränkten Möglichkeiten, die eigene Bandbreite tatsächlich zeigen zu können, den Spaß und die Lust am Poetry-Slam raubten. Seit eineinhalb Jahren ist es nun damit vorbei: „Zu Poetry-Slams fährst du sechs Stunden zum Auftritt nach München, und dann stehst du fünf Minuten auf der Bühne. Wenn du in die zweite Runde kommst, hast du nochmal fünf Minuten, und dann kannst du wieder nach Hause fahren. Das war mir irgendwann zu wenig.“ Im Bereich Comedy und Kabarett probierte er sich eineinhalb Jahre aus. Spaß machte es ihm schon, den Kasper zu spielen, doch hier fehlte es ihm auf Dauer an der ernsthaften Aussage.

Heute weiß Buchwitz, dass er am liebsten solo auftritt: 90 Minuten Zeit, in denen er Musik machen und Live-Hörspiele präsentieren kann – mal lustig, mal ernst, erzählt er seine Texte, begleitet von Musik und Stimmen aus dem Off im Hintergrund. Die Überleitungen der Stücke haben dabei leicht comedianhaften Charakter, aber es geht auch immer wieder tiefgründig und ernsthaft zu. Dass er bei diesen Shows weniger Publikum als beim Quatsch Comedy Club hat, nimmt er gerne in Kauf; seit Mai hat er sich fürs Erste von der Fernsehshow verabschiedet.

Mirco BuchwitzMomentan plant Buchwitz allerdings auch keine Auftritte mehr. Er konzentriert sich ganz aufs Musikmachen und Schreiben, trägt viele Ideen für neue Bücher zusammen, schreibt Anfänge, probiert aus.

„Mich langweilen Sachen immer ziemlich schnell. Ich finde es angenehmer, immer wieder Neues auszuprobieren und zu gucken, wo es hingeht“, so der 35-Jährige. Leichte, einfache Pop-Literatur könnte das sein. Oder „relativ humorfreie Geschichten“. Und wer weiß: Vielleicht überlegt er es sich auch wieder anders und kommt schon bald zurück auf die Bühne?

(Foto: Jennifer Kurbjuweit)

„Von allem ein bisschen“, das war schon früher so: Nach dem Zivildienst studierte er ein paar Semester Englisch und Philosophie an der Uni Hannover. „Ziellos“, wie er sagt. Literatur zu schreiben war nie wirkliches Ziel. „Ich habe mich nicht hingesetzt und gesagt: Das ist es, was ich machen will. Ich habe nie darauf hingearbeitet. Das ist so entstanden im Laufe der Zeit.“ Ursprünglich hat er eine Erzieherausbildung gemacht, wollte mit behinderten Menschen arbeiten. Doch es gab keine passenden Stellen. Geschrieben hat er schon damals, Songtexte als Gitarrist und Bassist in verschiedenen Bands. Irgendwann gab es dann wegen chronischer Erfolgslosigkeit oder auch zunehmender Lustlosigkeit keine Band mehr. Aber noch immer reichlich Ideen. Aus diesen Texten, die nach und nach länger wurden, entstanden Geschichten, vor allem Kurzprosastücke und Kurzhörspiele. Veröffentlicht hat er sie in Form von Hörbüchern, komplett selbst produziert und geschnitten. Zu hören waren sie u.a. im DeutschlandRadio und im ORF. Neben Oliver Kalkofe, Hans Werner Olm, Oliver Korittke und vielen anderen, war er auch bei der Hörspielserie „WUPP – Die Dimensionsjäger“ mit von der Partie – eine Zeitreisengeschichte für Erwachsene und Kinder.

Nach sieben Jahren Training auf der Kurzstrecke folgte dann ein Marathon. Gerade hat der Autor und Musiker seinen ersten Roman fertiggestellt: Eine Tragikkomödie über eine Geschwister-Beziehung. Buchwitz möchte Romane schreiben, bei denen der Leser wirklich bei der Figur ist, in der Geschichte. Er soll Anteil an den Protagonisten nehmen, sie kennen lernen, mitfühlen. Bei Drehbuchautoren nennt man das „Show! – Don’t tell!“ Geschichten werden so erzählt, dass Geschehnisse und Wahrnehmungen aus den Szenen und Situationen deutlich werden.

Romane – muss man da nicht als Autor selbst sehr viel lesen? Auf seiner Webseite steht, dass Buchwitz nur sehr wenig liest. „Bekannte sagen immer, ich lese zu wenig. Stimmt auch. Natürlich lese ich lange nicht mehr so viel, wie damals während meines Studiums.“ Heute sei er eher so eine Art Filmnerd geworden, der stundenlang im Internet Interviews mit Drehbuchautoren liest, Filminternetseiten studiert oder Filme ansieht. „The Fall ist super“, schwärmt Buchwitz, „großartige Bilder, kitschige Geschichte. Oder auch Vincent Gallo, Brown Bunny. Der hat eine großartige Vollmacke!“ Wenn der Filmjunkie doch liest, dann momentan bevorzugt Erich Maria Remarque und (Auto-)Biographien.

Bei seiner Begeisterung für autobiographische Texte stellt sich natürlich die Frage nach dem Anteil des Autobiographischen in seinen Texten. Der sei eher klein, sagt er. Erfahrungen ja, aber er lehne es strikt ab, dem Publikum sein Tagebuch vorzustellen. Sicher sei alles Geschriebene irgendwie autobiographisch, aber man sollte als Autor immer „eine Geschichte daraus machen, die auch andere Leute interessiert und nicht nur einen selbst“. Den Titel seines Romans möchte er noch nicht verraten. Wir erwarten das erste Buch jedenfalls sehr gespannt!

Christine Meier

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hopsi lässt’s krachen

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hopsi lässt’s krachen


El KurdiAls ich kürzlich gefragt wurde, was denn eigentlich mein Lieblingsbuch aus Kinderzeiten gewesen sei, begann ich zu grübeln, kam dann aber zu dem Ergebnis, dass es ein einzelnes „Lieblingsbuch“, einen persönlichen literarischen Nummer-Eins-Hit, in meiner Kindheit gar nicht gegeben hatte.

Aber es gab viele Bücher, die mich beeindruckten. Zum Beispiel meine ABC-Fibel. Gerne behaupte ich, der Name dieser Fibel sei „Hopsi lässt’s krachen“ gewesen, aber das ist leider unwahr. Ganz gelogen ist es aber auch nicht.

„Hopsi“ war nämlich der Name des etwas durchgeschepperten, funky Siebzigerjahre-Cartoon-Eichhörnchens, das als Buchstaben-Protagonist beschwingt durch das Buch tänzelte und mich so in den Alphabetismus einführte. Eigentlich ein schöner Anfang.

Eineinhalb Jahre später bekam ich ein weniger erfreuliches Druckwerk geschenkt. Es hieß „Auf den großen Lehrer hören“ und war ein gediegen irres Kindereinschüchterungsbuch der Zeugen Jehovas. Es wurde mir von einem grauen Männlein, einem Holländer mit Rudi-Carrell-Akzent, überreicht, der meine Mutter an der Haustür für diesen asketischen Endzeit-Club akquirierte. Ich las das Büchlein auf einen Sitz durch und beschloss erschrocken und augenblicklich, nicht mehr zu lügen, das „Rauchen“ von Kaugummizigaretten aufzugeben, keine sündige Beatlesmusik mehr zu hören, nicht mehr in der Badewanne mit meinem Pullermann zu spielen und mein Leben fortan Gott beziehungsweise „Jehova“ und Jesus Christus zu weihen, damit ich nicht am Tage des Gerichts, an „Harmageddon“, von der Erde gefegt würde. Mein erstes eigenes Buch jenseits der Schulpflicht-Lektüre machte mir also eine Höllenangst, oder drehen wir es mal ins Positive: es machte einen so starken Eindruck auf mich, dass ich augenblicklich mein Leben um 180 Grad änderte. Und das als Achtjähriger. Immerhin weiß ich seitdem, dass Literatur etwas bewirken kann. Wenn auch nicht immer Gutes.

Glücklicherweise verlor ich mich literarisch nicht im Theologischen. In unserer Klassenbibliothek lieh ich mir geschätzte zwölf Mal „Die Reiherinsel“ aus. Ich habe keine Ahnung mehr, worum es darin ging. Um Reiher? Sicher. Und vermutlich um eine Insel. Aber sonst? Dahin, dahin…

Dann fand ich irgendwo ein Bändchen, eher ein Broschüre, über Dachse. Meles meles. So heißt der Dachs auf Latein. Und auf onkelmuffig heißt er „Meister Grimbart“. So wie der Fuchs „Meister Reinecke“ heißt. Das stand alles in diesem Bändchen. Und dass Dachse kleine Junghasen aus dem Nest fressen. Ausgerechnet dieses Werk tippte ich Kapitel für Kapitel auf unserer alten Reiseschreibmaschine ab, heftete die 50 Seiten zusammen und überreichte das so entstandene „Buch“ meiner Klassenlehrerin Frau John mit den stolzen, wenn auch nur formal wahren Worten „Hier, das hab ich geschrieben!“. Eindeutig ein früher Schub von Publikationsdrang (oder -zwang). Ein Phänomen, das auch manchen Berufsautoren noch heimsucht: Egal, was man sich da übers Jahr aus dem Hirn gewrungen, zusammendeliriert oder, wie ich damals, irgendwo abgeschrieben hat – Hauptsache, man hat zur Buchmesse in Frankfurt eine Neuerscheinung. Sonst kann man sich ja bei keiner Verlagsparty blicken lassen…

Aber zurück zu meinen Leserfahrungen: Als ich von einer Mitschülerin erfuhr, dass man sich für 1 DM in der Stadtteilbücherei einen Leseausweis ausstellen lassen konnte, um dann damit Bücher auszuleihen – so viele wie man wollte, so oft wie man wollte – glaubte ich, im Paradies angekommen zu sein. Ich plünderte die Regale, und ignorierte dabei selbstverständlich jegliche Altersempfehlungen und gut gemeinten Ratschläge der Bibliothekarinnen. Ich las alles kreuz und quer, konsequent eklektizistisch, ganz Kind der Postmoderne: Stevensons „Schatzinsel“, Coopers „Wildtöter “, die „Drei ???“, „Wickie und die starken Männer“, Jungs-Fußballbücher („Elf Freunde müsst ihr sein“), Mädchen-Pferdebücher („Black Beauty“) und etwas später, leicht frühreif, Kishon und Böll, in der wirren Annahme, das sei „echte“ Literatur. Die Bibliothekarinnen zuckten noch nicht mal mit Wimper, als ich mir dreizehnjährig die „Blechtrommel“ auslieh. Das nehme ich ihr heute noch übel. Vor so was Langweiligem sollte man sowohl Kinder wie auch Erwachsene dringend bewahren.

Davon abgesehen halte ich es eigentlich heute noch so: Gelesen wird, was rumliegt. Jenseits von Qualitäts- und Stildiskussionen. Irgendwann kann man schließlich alles gebrauchen.

Hartmut El Kurdi

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