Lieber Karl-Theodor,
wie fühlt man sich denn so, da ganz oben? Das muss doch ganz angenehm sein, an der Spitze zu stehen. Zu wissen, wäre man Bundeskanzlerkandidat, die Leute würden einen mit Kusshand wählen. Ausgerechnet einen wie Dich. Einen, in dessen Adern blaues Blut fließt. Einen, der nicht gerade zum verarmten Adel gehört. Der im Gegenteil stinkreich ist. Der eigentlich nicht viel wissen dürfte, über die Sorgen und Nöte normaler Menschen in Deutschland. Hineingeboren in eine Welt ohne Mangel. Abitur in Rosenheim, Wehrdienst bei den Gebirgsjägern, Studium der Rechts- und Politikwissenschaften in Bayreuth und München, die Promotion, natürlich summa cum laude (denn Du musstest Dich sicher nicht mit ärgerlichen Studentenjobs herumplagen). Schließlich ein bisschen Arbeit in der Leitung der familieneigenen Münchner Beteiligungsgesellschaft Guttenberg GmbH und später geschäftsführender Gesellschafter. Übrigens ein interessantes Unternehmen, bei dem es darum geht, das eigene Vermögen zu verwalten. Ein schöner Job. Dann noch mal kurz ein Posten im Aufsichtsrat der Röhn-Klinikum AG und im März 2002 Dein Ausstieg und gleichzeitig der Verkauf der Anteile Deiner Familie an die HypoVereinsbank (immerhin 26,5 Prozent der Stammaktien).
Was treibt so einen Menschen ausgerechnet in die Politik? Millionen auf dem Konto, da gäbe es doch nun weiß Gott Angenehmeres, was man mit seiner Zeit anfangen könnte. Gerade in der Politik steht man doch zwangsläufig in der Öffentlichkeit. Hattest Du keine Angst vor all den Neidern, die Dir Dein Vermögen nicht gönnen? „Eure Armut kotzt mich an“, hättest Du sagen und Dich auf irgendeine Südseeinsel verdrücken können. Das verstehen wir nicht. Mit Dir kann doch irgendwas nicht stimmen. Die große Vision von der gerechteren Welt, einer besseren Gesellschaft, kann es ja auch nicht sein. Du bist in der CSU, die haben bekanntlich andere Ziele. Aber was hat Dich dann in die Politik getrieben? Geltungssucht? Das wollen wir Dir nicht unterstellen. Gut, vielleicht ein bisschen. Immerhin war Dein Vater eine bekannte Persönlichkeit. Da wolltest Du eben gleichziehen. Ist ja nicht schlimm. Und jetzt hast Du es sogar zum Wirtschaftsminister gebracht. Bei dem Job mehr zu glänzen als dein Vorgänger, war natürlich nicht weiter schwer. In welchem Altersheim hat der eigentlich Unterschlupf gefunden? Egal. Fragen wir uns lieber, warum Du gerade so beliebt bist. 
Märkte sind „erwiesenermaßen effizient“, hast Du gesagt, und vor einer Ausweitung der Rolle des Staates gewarnt. Okay, diese Meinung kann man haben. Sie erscheint ein wenig seltsam, angesichts der Finanzkrise, aber gut, vielleicht weißt Du mehr. Aber macht das beliebt? Gegen den Mindestlohn bist Du auch. Das kann es also ebenfalls nicht sein. Ach ja, dann warst Du noch gegen die Opel-Rettung und hast ein Insolvenzverfahren favorisiert. Kein Geld vom Staat, keine Einmischung, keine Beteiligungen. Vielleicht war es das. Wenn der Staat dem Bürger ständig in die leeren Taschen greift, um Unternehmen zu retten, die von irgendwelchen unfähigen Managern gegen die Wand gefahren wurden, dann ist so ein klares „Nein“ natürlich populär, obwohl Du dann ja doch am Ende dafür warst, natürlich zähneknirschend. Anscheinend hast Du zu manchen Dingen eine klare Meinung. Das ist ungewöhnlich für einen Politiker in der heutigen Zeit. Das fällt auf. Und es macht beliebt. Nun bist Du also unser „Baron der Herzen“. Die Medien lieben Dich. Sie feiern Dich. Und wir feiern natürlich mit. Deutschland hat den Super-Politiker gesucht und gefunden.
Wir wünschen Dir, dass Du lange dort oben bleibst. So eine Medien- Meinung kann ja schnell kippen. Aber Du wirst nicht das Schicksal der meisten Superstar-Show-Kandidaten teilen und irgendwann als Bedienung in einer Kölner Kneipe arbeiten müssen. Glücklicherweise musst Du Dir darüber keine Sorgen machen. Vielleicht brauchen wir einfach mehr Politiker, die sich noch nie Sorgen haben machen müssen. Die sind einfach gelassener. Die sagen dann auch mal „nein“. Und sonst? Wie geht’s den Kindern?
GAH





