Tag Archive | "2016-02"

Liebe + Zeug

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Liebe + Zeug


Nicht von Ungefähr gelten die Dänen als das glücklichste Völkchen Europas. „Hygge“ heißt ihr Geheimnis, eine wohlige Mischung aus Zufriedenheit, Freundschaft und gemütlichem Alltagsgenuss. Für Julia Heuser ist diese Lebensphilosophie überall möglich, Hannover mit seiner entspannten, nachbarschaftlichen Großstadtatmosphäre wie dafür geschaffen. Mit ihrem Laden „Liebe + Zeug“ bringt sie das skandinavische Flair jetzt in die List und schafft in der Edenstraße 48 ein „hyggeliges“ Eckchen.

Geborgenheit, warmes Licht und schöne Dinge jeden Tag – so könnte man die Grundidee von „Liebe + Zeug“ beschreiben. Beim Hereinkommen hat man das Gefühl, in ein geschmackvoll eingerichtetes Heim einzutreten. Lauter hübsche, ungewöhnliche Sachen gibt es da, die auf harmonische Weise zusammengestellt einen Blickfang nach dem anderen bilden und dem Laden seinen zauberischen Charakter verleihen: Hier steht ein eleganter, mit violettem Schaffell ausgelegter Sessel, da verbreitet eine Laternengruppe Behaglichkeit, dort glänzt eine Reihe altmodisch-edler Gläser – und schon ist man mitten im Stöbern und Entdecken versunken. Gerne steht einem dabei die Ladenbesitzerin zur Seite – ob beim Aussuchen eines Geschenks, Entwickeln einer Deko-Idee oder einfach nur zum gemütlichen kleinen Plausch.

Über zwei Räume verteilt sich jede Menge alt bewährtes, neu erdachtes, auf jeden Fall schönes Zeug zum Wohnen, Benutzen und Verschenken. Dazu gehören etwa Interior-Artikel im skandinavischen Schick von der Firma Hübsch oder Möbel und Designerlampen der Marke Nordic Tales. Naturkosmetik und erfrischende Seifen gibt es von Munkholm, Le Typographe liefert handgefertigte Papeteriewaren aus Brüssel. Neben praktischen Fahrradaccessoires findet man stilvolle Bluetooth Boxen, neben Notizblöcken elegante Headphones, feine Ledertaschen aus Finnland und traumhaft schöne Seidentücher aus Paris. Zwischendurch bringen Postkarten mit den tiefsinnigsten Tweets von Comic-Kolumnist Meta Bene zum Schmunzeln. Zu den Lieblingen gehören die buntgemusterten Abtrocktücher des dänischen Traditionsbetriebs H. Skjalm P. und die schonend gefärbten Schaffelle der australischen Marke Auskin. Eine kleine, feine Weinauswahl schließlich rundet das sich ständig verändernde und erweiternde Sortiment ab. Den sorgenvollen Blick aufs Herkunftsetikett kann man sich in Julia Heusers Laden sparen – die meisten Produkte stammen aus Europa und wurden auf umweltschonende Weise hergestellt. Hier findet man die seltene Kombi aus gutem Gewissen + ansprechendem Design, denn die Liebe zur sorgfältigen Auswahl der Produkte steckt ja schon im Namen drin.

Zum schönen Zeug zählen nebenher auch abwechslungsreiche Veranstaltungen, etwa Weinproben oder Lesungen, die immer wieder in der kleinen Wunderstube stattfinden sollen. Darüber hinaus will die junge Ladenbesitzerin, die schon einige Pop-up-Stores in ganz Deutschland ausgearbeitet und betrieben hat, Kreativköpfen mit originellen Konzepten für ein Pop-up-Event unter die Arme greifen und ihre Location zur Verfügung stellen. Für das Frühjahr ist zum Beispiel eine Bepflanzungsaktion zusammen mit dem Hemminger Onlineunternehmen Blumixx geplant. Dabei können Kunden ihre eigene Balkonbepflanzung zusammenstellen und sie sogar im „Blumixx-Bag“ per Postpaket an Freunde verschicken. Auch bereits angedacht ist ein Projekt mit der Foodbloggerin Kim-Liza Wagner von der Backstubenpoesie, um die zur Gemütlichkeit unbedingt dazugehörenden Gaumenfreuden zu organisieren. Für die Zukunft ist sogar ein kleines Café-Event mit raffinierten und gesunden Leckereien geplant. Hygge pur!

Anja Dolatta
Fotos: © Simona Bednarek

Edenstr. 48, 30163 Hannover
(0511) 72 71 93 21, www.liebeundzeug.de
Öffnungszeiten: Di bis Fr 10–13 Uhr, 14–18.30 Uhr; Sa 10–16 Uhr

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beatbar

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LoFi-Cøre? Was soll das denn bitteschön sein? Dass man zunächst einmal keinen blassen Schimmer hat, was dieses Genre zu bedeuten hat, ist volle Absicht. Wer sich in keine Schublade stecken lässt, kann machen, was er will. Und genau das tun die sechs beatbars aus Hannover-Linden. Seit dem Frühjahr 2013 durchstreift die Band „den Kosmos des musikalisch Machbaren“. Für all diejenigen, die zum besseren Verständnis doch eine bestimmte Stilrichtung brauchen: beatbar macht Chanson-Punk-Pop’n’Roll mit Bass, Cajon, Gitarre, Ukulele, Harp und Gesang. Irgendwie low, irgendwie cøre, irgendwie reizend anders.

„Wir lassen uns weder auf einen bestimmten Musikstil festlegen, noch sind unsere Texte auf eine einzige Sprache begrenzt. Man könnte es vielleicht so sagen: Wir bewegen uns zwischen deutschem Schrammelpop, englischem Pop‘n‘Roll, der manchmal sogar ein bisschen an Country und Western erinnert, spanischen Perlen und französischem Chanson“, versucht sich Stef Awramoff, Gesang und Ukulele bei beatbar, dann doch in einer Beschreibung der beatbar-typischen Musik. „Mit Coversongs – zum Beispiel von Stereo Total, Annett Louisan, der spanischen Band El Puchero del Hortelano oder auch Edith Piaf – haben wir angefangen, mittlerweile spielen wir überwiegend eigene Songs. Mal laut und krachig, mal langsam und sutsche.“ „Wobei das mit dem „langsam und sutsche“ eher selten vorkommt. Wir neigen dazu, Tempo zu machen“, ergänzt Svea Herrmann, Bassistin bei beatbar.

Schon in den 80ern haben Stef und Svea zusammen Musik gemacht. Mit dem jetzigen beatbar-Gitarristen Eric Limberg spielten sie schon in der Band The Primaries, die damals recht erfolgreich durch die Clubs in Hannover und Umgebung zog. Vom „Lutscher-Pop“, wie sie ihre damalige Musikrichtung selbst gern bezeichnen, wechselten sie Ende der 90er zum Trip-Hop-Pop mit der Band Czech, die von Gregor Hennig, heute ein bekannter Musikproduzent in Bremen, gegründet wurde. Viele weitere Bands später – darunter Mandra Gora Lightshow Society, Bite the Dog oder Morton and the deaf Frogs – taten sich Stef und Svea Anfang 2013 erneut zusammen, diesmal mit Katja Merx, die sich seit 2005 eher in der hannoverschen Literaturszene bewegte als in musikalischen Gefilden. Gemeinsam mit dem spanischen Cajonisten Ricardo Rodriguez, ein echter Künstler in Sachen Rhythmus und Percussion, und dem Gitarristen Rafael Litzbarski gründeten sie beatbar. Inzwischen besteht die Band aus sechs Musikern. Auch Katja singt, spielt Ukulele sowie diverse kleine Instrumente wie Glockenspiel, Kuhglocke oder Kazoo. Nach dem Ausstieg des Gitarristen stieß Eric, der nach seiner Zeit bei The Primaries in Bands wie Cosmo Zaloon oder Mangrooves mitmischte, als neues Bandmitglied dazu, genauso wie Peter Haferland, der einige Songs mit der Harp begleitet und sich ansonsten um den Sound kümmert. Wie unschwer zu erkennen ist, ist ein Großteil von beatbar bereits seit Jahrzehnten musikalisch miteinander verstrickt, was sicher einen entscheidenden Vorteil hat. „Durch die jahrelangen gemeinsamen Banderfahrungen sind wir musikalisch gut aufeinander eingespielt. Wenn ich mit einem neuen Song in den Bunker komme, weiß Svea sofort, welcher Basslauf dazu passen würde. Und meistens ist es genau das, was ich mir vorher vorgestellt habe“, erzählt Stef. Und Svea: „Überhaupt können wir uns alle gut leiden und haben Bock, zusammen Musik zu machen. Ich glaube, das merkt man uns auch auf der Bühne an.“

Auftritte gab es seit 2013 schon einige – von der Party in einer Lindener Schrebergartenkolonie über Konzerte bei den Waschweibern, der Galeria Lunar, auf dem Lindener Weihnachtsmarkt und dem Geburtstag von Der böse Wolf bis hin zum Limmerstraßenfest und der Fête de la Musique. Als ursprüngliche Lindener Band wurde selbstverständlich erst einmal der eigene Stadtteil reichlich bespielt, aber auch für Gigs außerhalb der Lindener Grenzen ist die Band natürlich zu haben. Und so werden sie am 11. und 12. Juni erstmalig in Braunschweig auf dem Straßenmusikfestival Buskers zu sehen sein. „Eigentlich wollten wir immer eine Straßenmusik-Band sein, die dank ihres kleinen Equipments per Fahrrad zu ihren Auftritten fährt“, grinst Stef, „aber die Zeiten sind wohl vorbei. In Braunschweig versuchen wir es nochmal mit der Straßenmusik.“ Und das ist nicht der einzige Plan für 2016, denn „ein neues Demo ist auch dringend fällig!“
Wer beatbar in Hannover live erleben möchte, sollte sich auf keinen Fall das Konzert am 19. Februar bei den Waschweibern entgehen lassen.

Ariane Popkovicz
Foto: Antje Krispin/art2go

Weitere Infos und Termine unter: www.beatbar-band.de oder www.facebook.com/beatbarband.

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Sippenhaft im Hort der Menschlichkeit

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Sippenhaft im Hort der Menschlichkeit


Die Kolumne des Monats von Hartmut El Kurdi:

Und schon ist es wieder vorbei. Ein gutes halbes Jahr lang inszenierte Deutschland sich als Weltzentrale der Barmherzigkeit. Zehntausend freiwillige Helfer demonstrierten dem Staat Tag für Tag, wie man schnell und effektiv hilft – und selbst Frau Merkel musste man kurzzeitig Respekt dafür zollen, dass sie den völkischen Hardlinern in ihrer Partei die Stirn bot und zur Abwechslung dem „C“ in CDU mal wieder Sinn gab. Von einem Moment auf den anderen aber ist sie dahin, die positive, zukunftsorientierte Stimmung in Deutschland. Weil überraschenderweise unter einer Million Menschen auch ein paar tausend Kriminelle sind. Und weil die Polizei in Köln und Hamburg an Silvester hilflos zuschaute, wie diese Arschlöcher unter ihren Augen Straftaten begingen. Wobei das doch sehr verwundert, wenn man sich daran erinnert, wie zum Beispiel die Bundespolizei am Hannoverschen Hauptbahnhof im letzten Jahr mit Ausländern umgegangen ist. Oder was soll man dazu sagen, wenn Polizisten zwar Unschuldige foltern können aber nicht in der Lage sind, Verbrecher daran zu hindern, Frauen sexuelle Gewalt anzutun?

Aber statt die entscheidenden Fragen zu stellen, sinkt der öffentliche Diskurs auf ein unterirdisches Level. In Kurzform: „Der Flüchtling schändet unsere Frauen“. Dieser Flüchtling ist vor allem der „Nordafrikaner“ – da steckt assoziativ sowohl der unbelehrbare Araber-Muselmane, aber eben auch der „Afrikaner“, also der Schwarze, mit drin. Eine Win-win-Formulierung für jeden Rassisten. Und alle spielen mit. Der Focus druckt ein astreines „Stürmer“-Cover, alte-weiße-Sack-Kolumnisten wie Martenstein und Broder zeigen zynische alte-weiße-Sack-Qualitäten, die AfD steht in Sachsenanhalt bei 15 Prozent, die CDU-Basis meutert gegen ihre eigene Kanzlerin und selbst die SPD kritisiert Merkel und fordert faktisch eine Obergrenze. Also alles wieder beim Alten. Möchte man meinen.

Aber war es denn je anders? Tatsächlich war das Spiel auch während Merkels Menschlichkeitsshow ein doppeltes. Während die Öffentlichkeit vom „Wir schaffen das“-Mantra der Kanzlerin abgelenkt war, nutzte unsere Verwaltung weiter die Mär von den „sicheren Herkunftsländern“, um seit langem in Deutschland lebende, oft sogar hier geborene Menschen abzuschieben. Als ob es zum Beispiel irgendein Land gäbe, in denen die Roma sicher wären. Den deutschen Behörden scheint jedoch die bloße Abwesenheit von Pogromen und Erschießungskommandos schon zu reichen, um das Leben in einem Land als sicher zu bezeichnen.
Dass die Roma nirgendwo erwünscht sind und dementsprechend behandelt werden, wissen wir. Dass wir Deutsche selbst eine lange Geschichte der Diskriminierung von Roma und Sinti haben, die ihren Höhepunkt im „Zigeunerlager“ von Auschwitz-Birkenau fand, wissen wir auch. Und trotzdem behandeln auch wir sie heute noch wie eine Infektionskrankheit: Wenn man sie sich eingefangen hat, versucht man, sie schnell wieder loszuwerden. Auf keinen Fall akzeptieren wir sie als Teil unserer Gesellschaft. Weder die seit Jahrhunderten deutschen Sinti, noch die vor einer Generation aus dem Balkan geflüchteten oder eingewanderten Roma.

Zum Beispiel in Göttingen. Dort sollen zwei Roma-Familien abgeschoben werden, die 1998 vor dem Kosovo-Krieg flohen und seither in Deutschland leben. Von den achtzehn Personen, die man in den Kosovo schicken will, sind dreizehn Kinder und Jugendliche, von denen wiederum zwölf in Göttingen geboren und aufgewachsen sind. In allen Ländern dieser Erde, in denen das Geburtsortprinzip konsequent angewandt wird – wie in den viel gescholtenen USA –, wären sie per Geburt Staatsbürger und könnten gar nicht abgeschoben werden. Aber hier interessiert es niemanden, dass diese Kinder nichts anderes kennen als Göttingen, dass sie sich im Kosovo in einem fremden Land, mit einer fremden Sprachen zurecht finden und auf ein „sicheres“ Leben im Slum, ohne Bildungs- und Berufschancen einrichten müssten.

Als Grund für die Abschiebung wird die angeblich fehlende Integrationsbereitschaft der Eltern angeführt. Selbst wenn dies stimmen würde: Was zum Teufel haben die Kinder damit zu tun? Zum Beispiel die fünfzehnjährige Anita Osmani, die erfolgreich eine berufsbildende Schule besucht, als Darstellerin in mehreren Theaterstücken der freien Theatergruppe „boat people projekt“ mitwirkte und die gemeinsam mit der Autorin Luise Rist in Schulen aus einem die Flüchtlingsproblematik thematisierenden Roman vorliest. Was könnte dieses Mädchen noch tun, um einen deutschen Beamten von ihrer Integrationsbereitschaft zu überzeugen? Vermutlich nichts.

 Hartmut El Kurdi

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Henning Taube – Leben mit Schizophrenie

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Henning Taube – Leben mit Schizophrenie


Bereits seit 26 Jahren lebt Henning Taube mit der Diagnose „schizoaffektive Psychose“, durchlebte zwischen 1989 und 2011 mehrere Psychosen und verbrachte zwei Jahre in psychiatrischen Einrichtungen. Mit einer bemerkenswerten Offenheit beschreibt der 46-jährige Autor seine persönlichen Erfahrungen und lässt seine Leser an jenen geheimnisvollen Welten teilhaben, die gesunden Menschen verschlossen bleiben. Seit 1990 schreibt er Gedichte, Kurzgeschichten und Romane. In seinem knapp 400 Seiten starken Buch „Im Wahn der Zeichen – Leben mit Schizophrenie“, das 2014 in zweiter Auflage erschien, beschreibt er die Lebensphase, die durch Drogen und Schizophrenie geprägt ist. Sein selbst eingelesenes Hörbuch „Psychotische Attacken“, produziert im Dezember 2013 bei CREATE.FM in Hannover-Linden, umfasst „psychotische“ Kurzstories – eine Mischung aus zynischen, aber amüsanten Texten, allesamt aus dem Leben gegriffen, kombiniert mit einer gesunden Portion Fiktion. Das STADTKIND sprach mit Henning Taube, der mit seiner Familie in der Region Hannover lebt, über das Schreiben und die Wirren der menschlichen Psyche.

Leben mit Schizophrenie. Sowohl dein Buch „Im Wahn der Zeichen“ als auch dein Hörbuch „Psychotische Attacken“ beschäftigen sich mit einem Thema, das sehr spannend klingt, gleichzeitig aber auch für viele, die sich mit diesen psychischen Beeinträchtigungen nicht auskennen, befremdlich, vielleicht sogar beängstigend wirkt. Was hat dich dazu bewogen, deine sehr persönlichen Erfahrungen auf Papier zu bringen?
In meinen sieben Psychosen habe ich unglaublich viele Dinge erlebt, geglaubt und gedacht. Zum Beispiel glaubte ich, ich müsse die Menschheit vor der Hölle bewahren, glaubte zeitweise, Jesus oder Gott zu sein, schrieb 2003 in fünf Wochen über 600 Seiten Gedichte, weil ich dachte, meine Mission sei es, den Irak-Krieg verhindern zu müssen. Ich habe das Glück, mich im Detail an das Erlebte erinnern und es aufschreiben zu können. Psychotische Attacken sind sich oft ähnlich, vor allem, wenn sie religiös sind, und doch ist natürlich jede ganz einzigartig. Über jede Psychose würde es sich lohnen zu schreiben.

Inwiefern hat dich das Schreiben in Bezug auf deine Erkrankung weitergebracht?
Das Schreiben kam zu mir, ohne dass ich mich dagegen wehren konnte und wollte. Die Gedanken mussten aus meinem Kopf und landeten auf Papier. Jede Zeile schenkt mir ein Stück Freiheit.

Wie kann man sich das Erleben einer psychotischen Attacke vorstellen? Was passiert da mit einem?
Eine Psychose ist ein seelischer Ausnahmezustand voller Wunder und Explosionen im Kopf. Eine chemische Reaktion im Gehirn. Zu viel Dopamin, ein Glückshormon, wie es Verliebte oder Drogenkonsumenten erleben, wird ausgeschüttet und kann nicht mehr natürlich reguliert werden. Auch Adrenalin, Serotonin und andere Botenstoffe sind aus dem Gleichgewicht geraten. Meiner Meinung nach kann eine akute Psychose nur durch Medikamente aufgelöst werden.

Wer einen psychotischen Menschen mit all seinen heftigen Emotionen live erlebt, reagiert eventuell erschrocken und verunsichert. Welche Reaktion von Außenstehenden würdest du dir wünschen?
Das Wichtigste ist Vertrauen. Der Psychose-Erkrankte muss seinen Mitmenschen, seinen Angehörigen, den Ärzten etc. vertrauen können. Glaubt jemand, er sei Gott, ist er Gott in dem Moment, glaubt er, Stimmen zu hören, hört er Stimmen. Da bringt es nichts, gegen an zu reden. Das kann Aggressionen auslösen, z.B. durch Angst. Paranoia ist in fast allen Psychosen ein großes Thema. Entweder man schenkt dem Betroffenen ein kurzes Lächeln, gibt ihm das Gefühl, ihm zu glauben, oder geht ihm besser aus dem Weg.

Mit deinem Erfahrungsbericht möchtest du Menschen, die ebenfalls von psychischen Krankheiten betroffen sind, aufzeigen, dass das Leben trotz wahnhafter Vorstellungen oder Depressionen lebenswert ist. Was würdest du jemandem sagen, der sehr unter seiner Erkrankung leidet?
Ich sage den Menschen, die an Depressionen leiden, das geht vorbei. Eine Depression wird nur in den allerseltesten Fällen chronisch. Bei der Schizophrenie sieht es anders aus. Da gibt es die Psychosen, die nur einmal auftreten. Dann die Psychosen, die in Schüben kommen, die jederzeit, aber immer mit Frühwarnsymptomen auftreten können. Diese Frühwarnsymptome kann man zu erkennen lernen. Und dann gibt es noch die chronische Psychose, Leute, die z.B. jeden Tag Stimmen hören und so beeinträchtigt sind, dass sie ein Leben lang betreut werden müssen. Wichtig ist es, die Krankheit versuchen zu begreifen, sie zu akzeptieren, sie als Krankheit zu sehen. Nur so kann das Leben lebenswert werden und nur so schafft man es, sich nicht für einen schlechteren Menschen zu halten.

Dein Motto lautet: „Nur ein Verrückter kann die Welt verrücken – also fangen wir doch mal damit an.“ Das klingt nach einer ausgesprochen positiven Sichtweise. Was genau kann das Positive einer solchen Erkrankung sein?
Das Positive an der schizoaffektiven Psychose ist, dass man das volle Programm abbekommt und in eine absolut mystische Welt eintauchen darf. Schizophrenie, also Halluzinationen, manische, größenwahnsinnige Höhenflüge, die alles an emotionalen „normalen“ Gefühlen übertreffen. Da kommt keine Droge, kein Sex, gar nichts mit. Ich sehe die Krankheit als riesengroßes Geschenk. Aber auch nur, weil ich von Anfang an wusste, dass ich mit dem Erlebten arbeiten kann. Hätte ich die Psychosen nicht gehabt, hätten meine Geschichten nicht entstehen können. Leider kommt nach einem manischen Hoch ein Tief, das viele Monate andauern kann und immer wieder Menschen in den Suizid treibt. Vom Himmel in die Hölle.

Würdest du auch anderen Betroffenen, die beispielsweise unter manisch-depressiven Phasen, Schizophrenie oder bipolaren Störungen leiden, raten, offen mit ihren psychischen Problemen umzugehen? Wie kann Offenheit helfen?
Ich gehe offen mit der Krankheit um, weil ich in Sachen Psychose Profi bin. Wenn man allerdings eine Wohnung sucht oder einen Job, sollte man überdenken, was man den Leuten erzählt. Wohnung kriegste nicht, Job auch nicht. Sucht man einen Partner, sollte man von Anfang an ehrlich sein. Entweder dein Gegenüber liebt dich und nimmt dich mit deinen Schwächen oder die Beziehung hat keinen Wert.

Im Januar hattest du gerade eine Lesung in der Lindener Weinbar Ihmerauschen und konntest Kurzstories aus deinem Hörbuch „Psychotische Attacken“ zum Besten geben. Wann sind deine nächsten Auftritte geplant?
Ich kümmere mich ja um Lesungen und das ganze Drumherum selbst, daher sind sie etwas rar. Über Anfragen von Schulen, Psychiatrien, Kneipen oder Cafés würde ich mich allerdings sehr freuen. Ich hoffe, dass sich im Frühjahr noch einiges tut. (Anm. d. Red: Anfragen und weitere Infos unter: henningtaube@gmx.de)

Interview: Katja Merx

„Im Wahn der Zeichen – Leben mit Schizophrenie“ (Buch), erhältlich bei DECIUS, Marktstr. 52

Nächste Lesung zusammen mit Jean Coppong: 6. Februar, Projektor, Hamburg

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Die Werkstatt, die zum Auto kommt

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Die Werkstatt, die zum Auto kommt


Verschleiß, eine Panne oder der Sommer-Winter-Wechsel: Um den Reifenwechsel kommt kein Autofahrer herum. Die Fahrt in die Werkstatt ist dabei nicht nur lästig und zeitraubend, für Unternehmen bedeutet es zudem, dass Mobilität und Produktivität eingeschränkt werden. Michael Naujokat kontert mit Komfort: Mit seinem Reifen-Service kommt er direkt zum Kunden und wechselt die Reifen vor Ort – ein Angebot, das auf großen Zuspruch trifft.

Beim Blick auf Michael Naujokats Lebenslauf wundert es nicht, dass er ein Unternehmen gegründet hat, das mit Autos zu tun hat. Nach seiner Lehre bei VW studierte der gebürtige Hannoveraner Maschinenbau und arbeitete zuletzt als Konstrukteur bei seinem Ausbildungsbetrieb. Dort stellte er fest, dass viele Unternehmen das Thema Reifenwechsel ineffizient angehen: „Es gab zum Beispiel den Fall, dass ein Ingenieursbüro aus Fulda seine Reifen hier vor Ort wechseln ließ und den Mitarbeitern eine Hotelübernachtung zahlte.“ Das geht praktischer und günstiger, dachte sich Naujokat – und zwar, indem die Werkstatt zum Auto kommt und nicht umgekehrt. Im Dezember 2014 ging er mit Reifen-Technics an den Start – einem mobilen Reifenservice.

Das Geschäftsmodell ist einfach: Sofern nicht bereits vorhanden, bestellt der Kunde online oder direkt bei Naujokat die benötigten Reifen. Dann wird ein Termin vereinbart, an dem der 31-Jährige zum Kunden fährt und die entsprechende Rad- oder Reifenreparatur durchführt beziehungsweise die Reifen wechselt. Für geschäftliche Kunden entsteht der Vorteil, dass sie das Fuhrparkmanagement outsourcen und Ausfallzeiten reduzieren können.

Das Angebot des Ein-Mann-Unternehmens erfuhr bislang ausgezeichnete Resonanz: „Ich komme gar nicht mehr hinterher und gehe davon aus, dass im Sommer deutlich mehr Kunden dazukommen. Viele waren im Oktober sehr zufrieden und ich glaube, dass der Kundenstamm durch Weiterempfehlung zur nächsten Saison wächst“, resümiert der Gründer das erste Jahr. Sein Plan für 2016: Mindestens einen weiteren Mitarbeiter will er einstellen und den Service auf LKW-Reifen ausweiten.

Die Wirtschaftsförderer von hannoverimpuls unterstützten Naujokat dabei, seine Idee in die Tat umzusetzen. Der erste Kontakt kam im Mai 2014 zustande: Nach der Teilnahme am Lean-Abend, bei dem Gründer ihre Ideen vorstellen und konstruktives Feedback erhalten, folgten einige Beratungsgespräche. Schnell kristallisierte sich darin das Potenzial des Geschäftsmodells heraus. Neben dem Input zum strukturierten Vorgehen bei Verkaufs- und Werbekanälen blieb Naujokat dabei insbesondere ein Hinweis im Kopf: Sich nicht ausschließlich an einen Großkunden zu binden, der zu viele Kapazitäten einnimmt: „Man ist dann auch finanziell auf einen solchen Kunden angewiesen.“ Dass der Hannoveraner mit seinem Service auf großen Bedarf stößt, zeigt auch die Reaktion eines großen Markt-Players: ReifenDirekt.de, Teil des größten Online-Reifenhändlers Europas Delticom, kooperiert mittlerweile mit Naujokats Reifen-Technics als Geschäftspartner.

REIFEN-TECHNICS
Michael Naujokat
Am Brabrinke 14, 30519 Hannover
info@reifen-technics.de
www.reifen-technics.de

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Katrin Ribbe

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Katrin Ribbe


Trickfilmerin und Fotografin
Sternzeichen: Zwillinge

Katrin Ribbe, freischaffende Fotografin und Trickfilmerin und seit 2009 Hausfotografin am Schauspiel Hannover, ist 41 Jahre alt, alleinerziehende Mutter zweier Töchter und wohnt in der List. Ihre Porträtserie „boss“ ist vom 22. Januar bis 4. März in der Galerie für Fotografie – Ricus Aschemann zu sehen.

Wir treffen uns in Katrins Büro im Schauspielhaus. Am Theater ist die Freiberuflerin circa ein-zweimal die Woche, wie jetzt zu den Endproben täglich. Obwohl es auf der Etage sehr lebendig werden kann, ist es hier manchmal doch ruhiger als bei ihr Zuhause, sagt sie mit einem Lachen, wo mit zwei sieben- und neunjährigen Mädchen immer was los ist. „Bei der Arbeit hier sind unterschiedliche Seiten von mir gefragt. Die Produktionsfotografie ist eine sportliche Aufgabe, da muss man – je nach Länge des Stücks – fit sein“, erzählt Katrin. Was ich mir extrem schwierig vorstelle, bei all der Bewegung und den verschiedenen Akteuren auf der Bühne, ist für die geübte Theaterfotografin kein Problem: „Es ist anstrengend, weil man die ganze Zeit mitgeht, aber so schwierig finde ich es eigentlich nicht. Die Spieler arbeiten ja unabhängig von mir – so bin ich bei der Arbeit quasi unsichtbar. Das Gefühl ist angenehm.” Anders als bei den Porträtstrecken in den Spielzeitheften, bei der viel Zeit damit verbracht wird, die Idee zu entwickeln, abzustimmen, sie jedem einzelnen zu vermitteln. Oder wenn sie sich für Vorabfotos z.B. fürs Hoffest ein paar Schauspieler zusammenholt – da „kann man sich austoben und auch schon einmal Quatsch machen“, sagt die vielseitige Fotokünstlerin augenzwinkernd.

Katrin hat am Deutschen Schauspielhaus in Hamburg gelernt, als der heutige Intendant vom Schauspiel Hannover, Lars-Ole Walburg, dort als Dramaturg arbeitete. Als sie in England lebte, wo sie Fotografie und Trickfilm am London College of Communication/ University of the Arts London studiert hat, rief er sie an und fragte, ob sie fest nach Hannover kommen wolle. Katrin kam gerne, aber fest anstellen lassen wollte sie sich nicht; als Fotografin sei sie Künstlerin, und für beide Seiten müsse es deshalb die Gelegenheit geben, sich frei zu fühlen, auch für andere Projekte. Zum Beispiel wenn eine Anfrage an sie als Trickfilmerin kommt, wie zuletzt von der Stadt Magdeburg. Im Zusammenhang mit deren Bewerbung als Kulturhauptstadt 2025 hat sie eine Vorher-Nachher-Trickfilmsequenz über die Renovierung der alten Lichtstelen auf dem Platz bei der Stadthalle gemacht.

An dem eigenen Projekt „boss“, einer Porträt­serie über selbstständige Frauen in Hannover, dem Braunschweiger Land und Magdeburg, arbeitet Katrin bereits seit 2013. Die Reihe zeigt Frauen, die bei allen Unterschieden etwas gemeinsam haben: Sie sind Boss. Die Fotografin gibt mit ihrer Serie Einblicke in ihre Arbeitswirklichkeit. Auch wenn die Arbeit auf den Bildern manchmal unsichtbar ist, hat sie für ihre Porträts gezielt nach Abwechslung bei der Kulisse gesucht und Bosse von der Hebamme bis zur Fabrikbesitzerin aus dem Stahlgewerbe porträtiert. Was die Serie noch auszeichnet, ist, dass die Bilder unter Verwendung des Lichts der jeweiligen Arbeitssituation entstanden sind, wodurch die Begegnung mit den Bossen in ihrem „natürlichen Lebensraum“ sehr authentisch und persönlich wird.

Frauen in ihrem Arbeitsumfeld zu fotografieren, damit hat Katrin schon in England angefangen. Eine Freundin gab ihr damals das Buch „Der Mythos Schönheit“ von Naomi Wolf, und ihr fiel es wie Schuppen von den Augen: „Mich hat die Einsicht spät erreicht, dass ich auch bin, wie ich bin, weil ich eine Frau bin, das heißt auch, weil ich wie eine Frau erzogen wurde. Plötzlich war da die Überlegung, als Mann wäre ich vielleicht anders. Wie hat ein Mann, wie hat eine Frau rollenkonform zu funktionieren? Und dass diese Unterschiede zwischen Männern und Frauen von der Wirtschaft gebraucht und ausgebaut werden – das fängt bei den Cremes an und geht bis zu Lego für Mädchen. Ich bin davon überzeugt, dass Männer und Frauen im Schulterschluss versuchen müssen, gegen falsche Annahmen und künstlich erzeugte Gräben vorzugehen, in der Arbeitswelt und auch in der Familie.“ Ihre damalige Professorin, Beverley Carruthers, ist maßgeblich dafür verantwortlich, dass sie weiter einen Weg suchte, fotografisch mit dem Thema Rollenverständnisse umzugehen. Sie möchte mit ihren Porträts Fragen auslösen wie: Was denke ich denn eigentlich, wenn ich “boss” lese? Überrascht es mich, dann nur Frauen zu sehen? Ist „eine Boss“ anders als „ein Boss“? Fragen wie diese findet wohl auch die Stiftung Leben & Umwelt/Heinrich Böll Stiftung Nds. spannend, denn die hat Katrin jüngst als Kooperationspartner für „boss“ gewinnen können, sodass das Projekt auf jeden Fall weitergeht und noch einige Bosse dazukommen werden.

 

Kurz nachgefragt

Lieblings-Fotomotiv?
Meine Kinder. Klar. Und auch sonst auf jeden Fall Menschen.

Bevorzugte Kamera?
Eine Kleinbildkamera entspricht meiner Art zu arbeiten am besten, weil man sich damit viel bewegen kann, spontan sein kann.

Bildband-Tipp?
Isabel Machado Rios: Prem, Herlinde Koelbl: Das deutsche Wohnzimmer, Lady Hawarden: Studies from Life.

An deinen 4 Wänden hängen…?
Fotos, eigene, von Kollegen, auch gekaufte. Illustrationen von Paul Bower, der die Ballhof-Poster macht. Und Kinderbilder.

Hobbies? 
Ich gehe leidenschaftlich gerne spazieren und Fahrrad fahren.

 

Interview: Anke Wittkopp
Foto: Karl-Bernd Karwasz

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