Tag Archive | "2019-07"

It’s better to burn out …

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It’s better to burn out …


Mit dem BURN-Festival verabschiedete sich das Schauspiel-Ensemble von Hannover – und ließ den Geist von Cumberland noch ein letztes Mal hell auflodern.

BURN AllStars, Foto: Isabel Machado-RiosDas letzte Wort hat das Ensemble. Dieses wunderbare, sehr besondere, mit vielfältigen Talenten gesegnete Künstlerkollektiv, das nun als Stern über Hannover verglüht und sich in alle Winde zerstreuen wird. Neun Tage im Juni konnte man sie alle noch mal hautnah erleben, mit ihren Herzensprojekten, an ihrem zweifellos liebsten Ort – in Cumberland, das gern „Hannovers schönstes Treppenhaus“ genannt wird, aber doch viel mehr ist. Oder vielmehr: gewesen sein wird.

Das BURN-Festival, gedacht als Abschied von Hannover nach zehn Jahren Intendanz von Lars-Ole Walburg (2009-2019), entpuppte sich zur Freude und Überraschung aller, die es erleben durften, als Wunder der Gemeinschaft: Hier feierte sich die Theaterfamilie noch einmal exzessiv selbst – zugleich aber öffnete sie sich, frei von Dünkel und Berührungsangst, für ihr treues und dankbares Publikum.

Die Idee: Nicht mit einer Gala im Schauspielhaus, sondern mit einem kleinen, feinen, mehrtägigen Feuerwerk in Cumberland wollte sich diese Theatertruppe von der Stadt verabschieden. Auf den Treppen, in den Nischen, auf der Bühne, in den (extra aufgestellten) Betten, an der Bar. Szenisch, musikalisch, lesend, im Gespräch miteinander. Noch einmal alles geben, hell auflodern und dann in Rauch aufgehen. It’s better to burn out than to fade away.

BURN Sexmission, Foto: Isabel Machado RiosCumberland wurde in diesen Tagen wirklich zu jenem utopischen Ort der Kunst, des Feierns und der Suche nach dem Anderen, als der es vor drei Jahren vom Schauspiel-Team ausgerufen worden war. Was damals nicht mehr als eine kühne dramaturgische Behauptung war, nahm mit einem Mal wie selbstverständlich Gestalt an. Man konnte es förmlich sehen und spüren: in den leuchtenden Augen, an der Selbstvergessenheit der Tanzenden, den innigen Umarmungen und dem bebenden Applaus.

Der Theaterhof davor: eine Landschaft aus Freisitz und Liegewiese, das Treppenhaus durchweht von goldenen Girlanden. Auf dem Weg nach oben nie gezeigte Masken abgespielter Stücke, funkelnde Porträts der (zahlreich anwesenden) Schauspieler, die ernst und konzentriert von den Wänden herabblicken. Die, die da sind, reden, spielen, singen, tanzen, rauchen. Und sind dabei nahbar wie selten zuvor.

Und sie trinken, sieben Tage lang und noch länger. Und hätten ihre Moscow Mules und Gin Tonics so gern noch einmal von „Fausti“ gemixt bekommen, dem Barkeeper der Herzen, der Cumberland gelebt hat wie kein anderer. Der aber fehlt, plötzlich verschwunden ist – und dessen Todesnachricht am sechsten Tag in die melancholische Idylle platzt. An diesem 12. Juni bleibt es still in Cumberland. Es wird viel geschwiegen und viel geweint.

Zwei Tage noch, dann die allerletzte Vorstellung nebenan im Schauspielhaus, bis es unwiderruflich vorbei ist. Fired! My my hey hey. The King is gone …

So long, Hannover.

Burn Achenbach

Fotos:
Bild oben: BURN AllStars, © Isabel Machado Rios
Bild unten: BURN Sexmission, © Isabel Machado Rios

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Stadtkind Namensänderung?

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Stadtkind Namensänderung?


Grün aka StadtkindAus der Rubrik „Stadtkinder streuen Gerüchte“

Die Zeiten ändern sich. Sagt man so. Und das hat anscheinend auch dieser ominöse Unternehmensberater mit dem aufdringlichen Aftershave gesagt, der neulich gleich mehrere Stunden bei unserem Chef im Büro verbracht hat. Als der Typ endlich wieder gegangen ist, war unser armer Chef ganz blass und hat sich beim Gehen an den Wänden abstützen müssen. Und er hat wirres Zeug geredet: „Seit Jahren falsch, Sackgasse, neu denken, neu erfinden, Zeitgeist, Mainstream, wahrhaftiger, grüner …“, hat er vor sich hingestammelt. Und ist wieder in seinem Büro verschwunden. Eine ganze Woche hat er sich dann nicht mehr blicken lassen. Nur ab und zu muss­ten ausgewählte Mitarbeiterinnen ihm Kaffee bringen – und eine erste Veränderung deutete sich schon hier an, denn er bestand plötzlich auf fair gehandelten Öko-Kaffee (O-Ton: „Scheißegal, was der kostet“). Und einen Tag später wurde auch noch das große Merkel-Porträt aus dem Chefbüro entfernt. Bei einem Telefonat mit der Druckerei wurde es später dann außergewöhnlich laut. Beinahe jedes Wort war zu verstehen: „Ob ich mir das leisten kann, fragen Sie? Ob ich das gut kalkuliert habe? Ob ich mir das nicht noch einmal überlegen will? Haben wir zwei Welten, oder was? Wir müssen jetzt handeln! Alle! Sie drucken mir das ab sofort klimaneutral, oder ich werde es mir woanders leisten, Sie Arsch!“ Und dann wieder Ruhe, stilles Brüten im Chefbüro. Natürlich wurden die auserwählten Kaffee-Mitarbeiterinnen förmlich belagert. Was macht er? Was geht da eigentlich vor? „Er steht meistens an seinem Flipchart und schreibt und zeichnet und macht viele Pfeile und zwischendurch reibt er sich die Stirn und stöhnt angestrengt und dann trinkt er wieder Kaffee und dann zeichnet er weiter – und dann reißt er wütend das Blatt ab und stopft es in die Tonne und alles geht wieder von vorne los und er hat mich nicht mal ansatzweise sexuell belästigt“, so eine Beschreibung der seltsamen Vorgänge. Insbesondere die letzte Information ließ einige Mitarbeiterinnen über einen Austausch durch Außerirdische spekulieren. Schließlich der für alle erlösende Schrei aus dem Chefbüro: „Heureka!“ Und ein erschöpft aber auch sehr stolz aussehender Chef schob wenig später eine Tafel in das große Besprechungszimmer, das beim Stadtkind auch Küche genannt wird. Über der Tafel ein Handtuch (ein 96-Badetuch, er war also noch immer der alte Chef), das verbarg, was darunter geschrieben stand. Alle ahnten: Hier drohte nun eine Sensation. Es folgte eine lange Rede über die Grünen und neue Verhältnisse in Deutschland, über Verantwortung, den Weltfrieden und den ganzen Rest. „Und darum“, so schloss unser Chef seine fulminanten Ausführungen, „habe ich beschlossen, dem Stadtkind einen neuen, zeitgemäßen Namen zu geben. Die Inhalte werden wir nach und nach in den kommenden Monaten entsprechend anpassen.“ Er zog das Handtuch herunter und wir lasen: „GRÜN – Das Klima-Tier-Umweltschutz-Gemeinwohl-Gendersternchen-Magazin für Hannover“ Genial! Da können die Mitbewerber endgültig einpacken.

Text: GAH

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Ahlemer Marktschwärmerei

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Ahlemer Marktschwärmerei


Wer es trotz guter Vorsätze zu selten auf den Wochenmarkt schafft, keine Lust auf das Gedrängel dort hat oder sich ungern nach dem aktuellen Angebot richtet, weil er seine Einkäufe gerne im Voraus plant, der hat jetzt eine ganz neue Möglichkeit, an hochwertige Lebensmittel von regionalen Erzeugern zu kommen: Marktschwärmer bringt als Kombination aus Online-Shop und Bauernmarkt Verbraucher und Erzeuger zusammen.

Als Mitglied der Ahlemer Schwärmerei kann man bequem online (auch in der mobilen Android-App) aus einer Palette von rund 300 regionalen Produkten wählen, die von Gemüse und Obst über Backwaren, Milchprodukte, Fleisch und Eiern bis zu Honig, Feinkost und Blumen reicht. Knapp 20 Erzeuger sind momentan dabei, die im Mittel 35 Kilometer vom hiesigen Regionalmarkt entfernt sind, d.h. als Marktschwärmer bekommt man die frischesten Lebensmittel überhaupt und kann dabei die Landwirtschaft in der Region unterstützen. Die Bestellfrist endet immer Dienstagnacht, somit haben die Erzeuger einen Tag Zeit, die Lebensmittel vom Feld zu holen bzw. zuzubereiten, am Donnerstag kann man sie dann abholen.

Vor Ort lernt man die Menschen kennen, die hinter den Produkten stehen und trifft andere Menschen, die auch wissen wollen, wo ihre Lebensmittel herkommen. Mit der Bestellnummer sammelt man seinen Einkauf bei den unterschiedlichen Bauern und bei Friedlinde Volker ein, der Gründerin der Ahlemer Schwärmerei. Wer es eilig hat, kann bei ihr den Packservice buchen und bekommt seine Bestellungen bis 30 Minuten nach Ende der Verteilung für 1 Euro (1,50 Euro mit Papiertragetasche) zur schnellen Abholung zusammengestellt. Noch ein Vorteil: Verpflichten muss man sich zu nichts, man bestellt nur, wenn man dazu Lust hat, und auch nur das, worauf man gerade Lust hat – in jedem Fall aber saisonale Lebensmittel, die wirklich aus der Region stammen. Jeder, der bei den Marktschwärmereien Fleisch einkauft, hilft zudem, die Haltungsmöglichkeiten hinsichtlich der Tierwohlaspekte zu erhalten bzw. Stück für Stück weiter zu verbessern. Eier gibt es hier z. B. vom Isernhagener Eierhof von Hühnern, die 24 Stunden Auslauf haben. Heute ist Probiermarkt und ich muss sagen: Den Unterschied zum Supermarktei kann man schmecken, außerdem kosten zehn Eier nur 3 Euro und damit sogar weniger als in den meisten Läden.

Gastgeberin Friedlinde (die selber aus der Landwirtschaft kommt und auf ihren Feldern in Seelze Zucchini und Blumen zum Selberpflücken anbaut) möchte die kleinbäuerliche Landwirtschaft in der Region erhalten und Familienbetriebe unterstützen, die es immer schwerer haben, zu überleben. Als die Anfrage von den Marktschwärmern kam, hat sie sofort zugesagt und ist selbst die Höfe abgefahren. Der Radius wurde dabei immer größer, denn viele Kleinbauern können sich den zusätzlichen Zeitaufwand, um die Erzeugnisse nach Ahlem zu bringen – oder gar jemanden für den Verkauf zu bezahlen – nicht leisten. Aber die Vorteile für die zunächst zusammengewürfelte Erzeugerschar sprechen sich herum, es werden langsam mehr: Man lernt sich kennen, nicht weit voneinander entfernte Höfe können sich mit dem Verkauf abwechseln, die Absprache untereinander erweitert das Angebot, was wiederum zu mehr zufriedenen Kunden und so zu steigenden Verkaufszahlen führt. Die Atmosphäre ist familiär; es werden Anekdoten erzählt, man tauscht Rezepte aus, selbst über die Bewässerung von Kartoffeln kann man etwas lernen oder über den natürlichen Feldzyklus. Zwischen einer Kräuterlimo und einem Probierhappen Schafswürstchen erfahre ich von Angeboten wie Wasserbüffelreiten und  Kindergeburtstagen auf dem Bauernhof, Neuheiten wie dem sagenhaften Apfel-Tonkabohnen-Gelee und Hofmilch-Kakao und plaudere mit anderen Marktschwärmern über die fertige Überraschungs-Bio-Gemüsekiste (3 bis 15 kg für 25 Euro = 1,67 bis 8,33 €/kg, 5 bis 20 kg für 35 Euro = 1,75 bis 7 €/kg). Noch am selben Abend melde ich mich online an und bin bald restlos überzeugt: Transparenter, frischer, nachhaltiger und dabei praktischer geht’s nicht. Eine großartige Sache!

Text: Anke Wittkopp

 

Marktschwärmer werden! Einfach ein paar leckere Pro­dukte in den Warenkorb legen, online bezahlen und am folgenden Donnerstag von 16.30 bis 18.30 Uhr mit der Bestellnummer und einem Korb vorbeikommen. Es gibt keinen Mitgliedsbeitrag, keinen Mindestbestellwert und genügend Parkplätze – ausprobieren!

Lehr- und Versuchsanstalt für Gartenbau Ahlem
Heisterbergallee 12, 30453 Hannover
www.marktschwaermer.de
kommunikation@marktschwaermer.de

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Ein letztes Wort im Juli…

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Ein letztes Wort im Juli…


Herr Weil, lassen Sie uns mal über dieses Video von Rezo sprechen. Haben Sie sich das angesehen? Und falls ja, was haben Sie dazu für eine Meinung?
Ja, ich habe mir das angesehen und ich finde, es ist erstens gut gemacht. Und zweitens ist die Kritik im Kern berechtigt, denn es ist ja weiß Gott nicht alles Gold was glänzt in Deutschland. Da muss man auch gar nicht groß drumherum reden. Das Video ist sicherlich eine zugespitzte Darstellung, aber die Probleme, die Rezo anspricht, die sind alle da. Einige der beschriebenen Probleme aber sind sehr komplex. Das sagt Rezo nicht, aber das muss er auch nicht sagen in so einem Video. Worüber ich mich geärgert habe, das waren teilweise die Äußerungen der 70 You-Tuber, die Rezo im Anschluss unterstützend zur Seite gesprungen sind. Da wurden an manchen Stellen CDU und SPD mit der AfD in einen Topf geworfen. Das fand ich voll daneben.

Ich fand ganz beeindruckend, was Rezo da so alles zusammengetragen hat, aber vor allem, dass er für alles Belege angeführt hat.
Ja, da steckt Arbeit drin, gar keine Frage. Das war gut gemacht.

Die Kritik, dass er zwar den Finger in viele Wunden legt, aber auch keine Lösungen parat hat, habe ich jetzt schon öfter gehört.
Das muss ich aber von einem You-Tuber auch nicht erwarten. Lösungen zu entwickeln, das wäre Aufgabe der Politik. Was Rezo beispielsweise anspricht, das ist die Sorge um den Klimawandel. Das treibt viele junge Menschen freitags auf die Straße – Stichwort Fridays for Future. Die jungen Leute sagen: „Macht mal voran!“ Diese Forderung ist unbestreitbar berechtigt. Wir sind zu langsam, es geschieht zu wenig. Das ist übrigens kein angenehmes Feedback für die Älteren, wenn sie sich von den Jüngeren anhören müssen, dass es tatsächlich zu wenig Fortschritte gegeben hat. Aber man muss sich auch klar machen, und das betone ich immer in den Diskussionen, die ich mit Schülerinnen und Schülern habe, dass wir es mit einem sehr großen Umbau der Mobilität und der Energieversorgung zu tun haben. Das ist ein sehr komplexer Prozess, das geht nicht von heute auf morgen, sondern muss schrittweise geschehen. Aber auch dafür braucht es einen Plan. Ich finde den Druck, der jetzt durch diese Demonstrationen aufgebaut wird, deswegen richtig und auch hilfreich. Denn jetzt muss die Politik sich tatsächlich mehr bewegen als bis jetzt geschehen ist.

Es ist ein positiver Druck?
Absolut! Man darf sich nur nichts vormachen über die Größe der Aufgabe. Nehmen Sie zum Beispiel den Umbau in der Automobilindustrie weg von Verbrennungsmotoren und hin zu CO2-Neutralität. Sehr schwierig, auch nicht ohne Risiken. Und mit gesellschaftlichen Begleiterscheinungen, über die man nicht gerne redet. Wenn in Hannover-Stöcken das Werk elektrifiziert wird, dann gibt es hinterher ein paar tausend Arbeitsplätze weniger als vorher. Das muss man einfach auch sagen und damit umgehen.

Hilft dieser Druck vielleicht auch an anderer Stelle? Ich denke zum Beispiel an den Ausbau der Stromtrassen, da gibt es ja immer wieder massive Bürgerproteste. Auch beim Ausbau der Windenergie.
Ja, wir haben es teilweise mit einer ausgeprägten Nimby-Mentalität zu tun. „Not in my backyard!“ Bei Windparks, bei Stromtrassen, eigentlich überall. Und ja, vielleicht hilft es, wenn die Jugend andere Akzente setzt. Das wäre jedenfalls der Energiewende zu wünschen.

Sie haben insgesamt also nicht nur Verständnis für die Schülerinnen und Schüler, sondern freuen sich auch über den Druck, der sich damit aufbaut?
Ja, ich verstehe die jungen Leute sehr gut, sie wollen einfach eine lebenswerte Zukunft haben, und sie haben den Eindruck, dass ein fundamentaler Wandel droht. Diese Bedrohung ist sehr real. Daran gibt es überhaupt keinen Zweifel. Und ich fühle mich insofern unterstützt, weil wir uns in Niedersachsen seit vielen Jahren dafür einsetzen, dass wir beispielsweise im Bereich der Energiepolitik schneller und konsequenter vorankommen. Aber es gibt massive Blockaden in den Apparaten und auch in der Politik. Da ist Druck von außen sicher hilfreich.

Das dicke Brett wird ein bisschen dünner …
Ja. Aber die Widerstände sind nach wie vor groß. Gerade neulich stand wieder mal eine Stellungnahme einiger Politiker der Union in der Zeitung, die sinngemäß gesagt haben: „Lasst das mal bleiben mit dem Umbau, lasst diesen Quatsch am besten sein.“ Das ist in manchen Kreisen leider eine noch immer verbreitete Meinung. Diese Ignoranz und Verweigerungshaltung hat in der Vergangenheit dafür gesorgt, dass wir beispielsweise bei der Energiewende nur in Trippelschritten vorankommen. Wir hatten bei der Windenergie im ersten Quartal 2019 einen um 90 Prozent geringeren Ausbau als vor einem Jahr zur selben Zeit. 90 Prozent weniger! Man bekommt fast den Eindruck, dass sich die tatsächlichen Entwicklungen umgekehrt proportional zu der öffentlichen Diskussion verhalten.

Im Video von Rezo ist auch der Ausstieg aus der Braunkohle ein Thema. Und er fragt, warum man sich in dieser Branche um die Arbeitsplätze Sorgen macht und einen sehr späten Ausstieg 2038 beschließt, während in den vergangenen Jahren in der Solarenergiebranche tausende Arbeitsplätze verloren gegangen sind.
Da muss man ein bisschen genauer hinschauen: Erstens geht der größte Teil der Kohlekraftwerke schon sehr viel früher vom Netz . Da wird manchmal der falsche Eindruck vermittelt, dass die Braunkohle erst 2038 angefasst wird. Das stimmt nicht. Nur die letzten Kraftwerke werden erst 2038 abgeschaltet. Und wenn ich darauf in den letzten Wochen in Schulen kritisch angesprochen worden bin, habe ich immer gesagt: Stellt euch vor, in der Lausitz zu wohnen, und mit eurer Familie komplett abhängig zu sein von dieser Branche. Hat diese Region, haben die Menschen dort nicht eine Chance verdient, sich umzustellen? Ich finde das erstens fair gegenüber der Bevölkerung dort und ich finde das auch wichtig für den Klimaschutz. Klimaschutz braucht eine breite Zustimmung in der Gesellschaft und mit einem harten Abbruch gefährdet man diese Zustimmung. Die Kritik an der zu langsamen Energiewende dagegen, die ist sehr berechtigt. Das viel zu langsame Vorgehen hat in der Tat zu einem Wegfall vieler Arbeitsplätze in der Solarenergiebranche und in der Windenergiebranche geführt. Im Moment machen wir bei den erneuerbaren Energien kaum Fortschritte und ich hoffe sehr, dass sich das jetzt in den kommenden Monaten ändert. Insofern bin gerne dabei, wenn es darum geht, den Druck zu erhöhen.

Ich habe den Eindruck, dass die Schülerinnen und Schüler harte Schnitte einfordern und auch bereit sind, stellenweise in sehr saure Äpfel zu beißen. Sie fragen, um wie viele Menschen es bei der Braunkohle geht. Und ob die so wichtig sind, wenn es auf der anderen Seite um die Zukunft aller Menschen geht. Sie wollen dieses Umsteuern schneller und radikaler und ohne eine vielleicht falsche Rücksichtnahme.
Schneller und konsequenter finde ich richtig. Aber Vorsicht an der Bahnsteigkante, wenn es um berechtigte Belange von Betroffenen geht. Die CO2-Steuer in Frankreich war beispielsweise richtig schlecht gemacht. Das hat die Gelbwesten-Proteste ausgelöst. Solche Proteste sind auch in Deutschland durchaus möglich, denn es ist beileibe nicht so, dass alle Leute bereit wären, ganz persönlich erhebliche Abstriche zu machen. Und manche können das auch gar nicht, weil sie beispielsweise auf dem Land leben und mit einem alten Auto pendeln müssen. Oder sie haben eine alte Ölheizung und kein Geld für eine neue. Man ist wirklich gut beraten, sich mit berechtigten Belangen von Betroffenen auseinanderzusetzen und sie nicht einfach zu ignorieren. Also, ich sehe diesen Kohlekompromiss deutlich positiver. Und ich finde den schrittweisen Ausstieg auch im Sinne des Klimaschutzes vertretbar. Es ist nur sehr bedauerlich, dass wir gleichzeitig bei der Energiewende derart vor uns hinstolpern. Das beides zusammen ergibt dann natürlich kein gutes Bild.

Nehmen wir noch mal zum Ende ein anderes Thema, das Rezo anspricht, das ist die Schere zwischen Arm und Reich. Können Sie verstehen, dass sich in Deutschland viele abgehängt fühlen und ist das nicht tatsächlich auch ein Ergebnis der Regierungsarbeit der letzten Dekaden?
Ja, die Statistiken sprechen da leider eine ganz klare Sprache. Die Reichen sind immer reicher geworden. Die Armen vielleicht nicht noch ärmer, aber die Schere ist sicher noch größer geworden. Ich bin dafür, dass man an die riesigen Einkommen rangeht. Vermögenssteuer ist ein Stichwort, dafür liegt aber bis heute aus meiner Sicht kein wirklich praktikabler Vorschlag auf dem Tisch, wie man das halbwegs verfassungsgemäß und ohne ausufernde Bürokratie umsetzen könnte. Aber ich halte es zum Beispiel seit Langem für richtig, den Spitzensteuersatz zu erhöhen und diese Mittel zu nutzen, um insbesondere die kleinen und mittleren Einkommen zu entlasten. Das würde den einen sehr helfen und die anderen würden es nicht sonderlich spüren. Aber auch dafür braucht es politische Mehrheiten.

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Mira Buß

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Mira Buß


Start with a Friend e.V.

Start with a Friend – was 2015 in Berlin als freundschaftliche Flüchtlingshilfe begann, bringt inzwischen Einheimische und aus diversen Gründen Zugezogene aus aller Welt zusammen. Auf Augenhöhe, unkompliziert und persönlich wird der Austausch zwischen Newcomern und Locals ermöglicht – und im besten Fall eine Freundschaft draus. Das SwaF-Team Hannover gründete sich erst 2018, Mira Buß ist Standortverantwortliche. Zum Gespräch im Café hat sie ein Tandem mitgebracht; den Local Cihan und Ammar, der ganz neu in Hannover ist (auf dem Foto v.l.n.r.: Cihan, Mira, Ammar).

Cihan ist 24 Jahre alt und studiert Politikwissenschaften, er ist in einem Gruppentreffen von Amnesty International auf SwaF aufmerksam geworden, auf dem Mira für die junge Organisation geworben hat – zufällig studiert nämlich auch Mira Politik- und Sozialwissenschaften und nutzt jede Gelegenheit, um für SwaF zu sprechen. Cihans Tandempartner Ammar hat gerade sein Vorbereitungsjahr an der Uni absolviert und nun ein Semester frei, bis sein Studium startet. Er ist 25 Jahre alt und hat bereits in Syrien studiert, das Studium dort jedoch nicht abschließen können. Eine Wohnung in Hannover hat er schon alleine gefunden, nun war er noch auf der Suche nach einem Buddy, einem Freund. Und hat über SwaF Cihan kennengelernt, mit dem er – so sieht es zumindest für uns aus – schon scherzt wie mit einem alten Kumpel.

Die SwaF Community, Foto: SwaFAnmelden bei Start with a Friend kann man sich generell als Newcomer oder als Local. Bei den Newcomern ist es ganz gleich, ob sie aus einem der zahlreichen Krisen- oder Kriegsgebieten dieser Erde geflüchtet oder ganz freiwillig (etwa zum Studieren) hier sind, – einzige Bedingung neben einem Mindestalter von 18 Jahren ist eine solide Basiskenntnis der deutschen Sprache. Als Local ist es nicht notwendig, ursprünglich aus Hannover zu kommen oder schon jahrelang hier zu wohnen, jedoch sollte man schon Fuß gefasst haben und sich zuhause fühlen. Für beide Gruppen gibt es unterschiedliche Infoabende, bei denen sowohl für Locals als auch für Newcomer zunächst Werte und Visionen von SwaF vermittelt werden. Auch ein Verhaltenskodex ist für alle Pflicht, um darauf aufmerksam zu machen, dass jegliche Form von Diskriminierung abgelehnt wird. Außerdem wird viel Wert darauf gelegt, dass es sich um ein Verhältnis auf freundschaftlicher Basis handelt. Mira macht klar: „Das sagen wir allerdings schon deutlich; wenn jemand eine Frau als Tandempartnerin haben möchte, weil er eine Frau fürs Leben sucht, dann geht das nicht. Dafür ist unsere Plattform nicht geeignet, es geht um Freundschaften. Auch wenn es in anderen Städten tatsächlich schon SwaF-Kinder und Hochzeiten zwischen Tandems gab (lacht).“ In späteren Einzelgesprächen werden neben der zeitlichen Verfügbarkeit auch die Interessen und die Freizeitgestaltung abgefragt, damit es möglichst viele Übereinstimmungen der zukünftigen Tandempartner gibt. Daher wird bei der Auswahl von Tandempartnern auch auf die Nähe der Wohnungen und auf ein ähnliches Alter geachtet, da dies oft der Wunsch ist. Die Newcomer sollten ein ausreichendes Deutschlevel mitbringen, damit die Kommunikation untereinander bis zu einem gewissen Grad gegeben ist. Ob man sich im Tandem dann zusätzlich noch auf Englisch oder einer dritten Sprache unterhält, ist jedem selbst überlassen. Gerade die Verbesserung der Sprache, also viel Deutsch reden zu können, ist großes Ziel der meisten Newcomer. Außerdem wird als Motivation häufig „Stadt kennenlernen“ und „neue Leute treffen“ angegeben. Eben Menschen kennenlernen, die man sonst nicht getroffen hätte.

Das erste Treffen zwischen Ammar und Cihan fand vor zwei Monaten am Küchengarten statt. Dabei haben sie sich zwei Stunden lang gegenseitig ausgefragt und von sich erzählt. Ammar erinnert sich: „Cihan mag arabisches Essen (‚Überhaupt Essen!‘ ruft Cihan rein, alle lachen) – ja, gut, egal was für Essen, und das mag ich auch. Deswegen war unser erstes Treffen gleich mit dem Essen verbunden – wir haben sofort mit dem gemeinsamen Essen angefangen. So lernt man sich am besten kennen. Ansonsten waren wir schon Fußball gucken, Fifa-Spielen bei Cihan, und haben zusammen beim Türken eingekauft. Essen natürlich“ (alle lachen wieder).

Mira erläutert: „Ein Tandem wird sechs Monate lang betreut. Während dieser Zeit fragen wir regelmäßig nach und sind immer Ansprechpartner für den Fall, dass es nicht läuft, man Fragen hat oder sich unsicher ist. Wir geben am Anfang auch immer gerne Tipps; wo man sich am besten treffen kann, was man unternehmen kann, worüber man so reden könnte. Im Vermittlungsprozess schlagen wir jemanden vor, beschreiben, was derjenige mag und macht, ob der oder diejenige in der Nähe wohnt, was ja auch wichtig ist. An der Stelle kann man schon sagen, ob einem das passt oder nicht. Und wenn einem später auffällt, dass es nicht passt, dann schlagen wir auch nochmal wen anderes vor, also man hat nicht nur eine Chance. Falls es mal Probleme gibt, die in die Tiefe gehen, z.B. auch wegen Fluchterfahrungen oder psychischen Belastungen hier vor Ort, dann gibt es einen Sozialpsychologen als Standort-Springer, den wir bei Bedarf anfordern können. Die Kontaktadresse geben wir auch immer mit.“

Ammar und Cihan sind quasi Nachbarn, wohnen nur eine Straße voneinander entfernt, sodass  spontane Treffen wie zum Fußballgucken möglich sind. Da Cihan auch noch in anderen Organisationen und Initiativen tätig ist, hat er einen großen Bekanntenkreis, an dem Ammar anknüpfen und an seinem eigenen Netzwerk stricken kann. Denn, und da sind sich beide einig: Der erste Schritt ist der schwerste, alleine auf Veranstaltungen zu gehen erfordert viel Mut. Cihan gibt ein Beispiel: „Ich hatte einen Projekttag mit meiner Klasse, da waren noch ein paar andere Studenten da und Leute von meiner Arbeit, da hat mich Ammar begleitet. Und war echt die ganzen zwei Stunden da, das hat mich total gewundert und gefreut. Ich bin momentan sehr eingespannt, weil ich meine Bachelorarbeit vorbereite und noch bei drei, vier anderen Projekten mitmache, aber wenn Luft ist, kann man was machen. Und ich finde es auch wichtig zu wissen: Wenn was ist, kann man ja schreiben. Das gibt einem ein schönes Gefühl, zu wissen, ich kann ja einfach mal fragen.“ „Und auch das Schreiben trainiert ja die Sprache,“ wirft jemand ein, wozu Ammar nickt und bestätigt: „Ja klar, wir chatten auch ganz locker, wie Freunde,“ und Cihan prustet: „Du schreibst viel besser, richtiges Hochdeutsch!“ – woraufhin Ammar lacht: „Ich korrigier’ ihn manchmal…“ und sich alle herzhaft amüsieren.

Zu der hinter SwaF steckenden Arbeit weiß Mira: „Wir sind ein kleines Team aus Ehrenamtlichen, die entweder noch studieren oder größtenteils schon erwerbstätig sind und alles für SwaF nach 18 Uhr in ihrer Freizeit machen. Damit sich die Arbeit auf mehr Schultern verteilt und wir wieder mehr Locals erreichen und mehr Tandempartnerschaften stiften können, müssen wir auf jeden Fall bekannter werden, das heißt die Pressearbeit ist wichtig, die Internetauftritte bei Instagram und Facebook und so. Dann organisieren wir regelmäßige Veranstaltungen, um präsent zu sein (jetzt am Wochenende waren wir auf dem CSD – an Ammar gewandt: ‚da hast du ja auch fleißig mitgeholfen, das war richtig cool’ –, das macht das PR-Team. Das Communityteam ist für die internen Treffen der Community, also von allen Angemeldeten und Interessierten, zuständig, und dann braucht es ein Vermittlungsteam. Das heißt, wir können es uns weder vom Zeit- noch vom finanziellen Budget her leisten, eine bürokratische Beratung oder Unterstützung bei Behördengängen etc. zu gewährleisten. Dafür gibt es aber zum Glück auch andere Anlaufstellen (wie den Unterstützerkreis Flüchtlingshilfe). Unser Ansatz ist es vielmehr, dass man nicht guckt, wer braucht jetzt Hilfe, sondern dass man Bock hat, neue Leute und Kulturen kennenzulernen. Wenn ich zum Beispiel total auf syrische Küche stehe und das Kochen super gerne mal mit jemand zusammen ausprobieren würde. Wenn aus gemeinsamen Aktionen dann eine Freundschaft entsteht, kann das natürlich dazu führen, dass man sich auch gegenseitig hilft, aber es geht um das Miteinander und voneinander zu lernen – und nicht darum, dass der eine nur dem anderen hilft.“ Cihan sagt zum Thema Hilfestellungen: „Da gehört einfach auch das ganz normale Fingerspitzengefühl dazu, denke ich. Wenn ich jetzt merke, Ammar würde bei einem Thema immer ins Stottern kommen, dann würde ich doch irgendwann fragen, ob er da Hilfe gebrauchen kann. Aber das ist bei Freunden nun mal so, da setze ich mir ja nicht den Hut auf und kann irgendwas beurteilen, weil ich länger hier wohne – das hängt ja völlig von der Situation ab. Nur bei alltäglichen Fragen kann ich natürlich Auskunft geben; wo gehe ich hin wenn ich was mit der Haut habe – erstmal zum Hausarzt wegen der Überweisung – und solche Sachen halt.“ Ammar führt aus: „Es ist auch nicht nur das Tandem, das was einbringt, auch die Versammlungen mit der Community, wo man die anderen kennenlernen kann. In letzter Zeit habe ich mich ein bisschen mehr im Team engagiert, aber auch im Allgemeinen sind die gemeinsamen Aktionen gut, z.B. die Stammtische.“ Und auch Cihan ist der Meinung: „Die Stammtischabende sind außerdem ganz cool für die Tandems; dass die einen Space haben, wo sie sich untereinander austauschen können. Da lernen die Locals noch mehr neue Leute kennen und die Newcomer können auch mal miteinander quatschen: Woher kommst du, wie funktioniert das und das bei euch u.s.w. Vor allem ist es was Sicheres, ein monatliches, safes Ritual, auch wenn ich jetzt mal keine Zeit habe, kann Ammar da trotzdem hingehen und ist nicht allein.“ Da auch Newcomer, die bisher ohne Tandempartner sind, dort hinkommen, können so auch außerhalb der Plattform Freundschaften entstehen – ganz normal am Billardtisch oder bei einem Glas Wein, wie sonst auch. Das Gleiche gilt für die weiteren Aktionen wie Grillabende oder Zusammenkünfte auf Festen, zu denen das SwaF-Team einlädt, auf denen man ganz locker neue Leute und Neuhannoveraner kennenlernen kann.

Die aktiven Teammitglieder sind unter anderem über Trello vernetzt, wo sich die Ehrenamtlichen zudem auch weiterbilden können (über Webinare etwa zum Asylrecht, Teamwork, Pressearbeit) und Unterstützung vor Ort bekommen können. Es gibt ein Bundestreffen im Jahr, zu dem zwei Leute pro Standort (egal ob aktives oder ehrenamtliches Mitglied oder Tandem) fahren können, um SwaF-Spirit zu schnuppern, und auch ein SwaF-Norddeutschland-Treffen ist geplant. Am Wochenende nach unserem Gespräch ist ein Grillen im Georgengarten angesetzt, zu dem wir beim herzlichen Abschied direkt eingeladen werden – aus Fremden können schließlich immer Freunde werden, wie das Motto von SwaF so schön sagt. Und – das haben wir ja gerade gelernt – das geht immer noch am besten beim Essen.

Start with a Friend Hannover
• Gesucht werden Locals, die Lust haben ein Tandem zu bilden (auch als Paar, Geschwisterpärchen
oder als ganze Familie).
• Momentan ist die Liste für Newcomer leider voll, bis wieder mehr Locals für Tandems offen sind.
• Wer nicht unbedingt ein Tandem bilden möchte, aber sich ehrenamtlich einbringen mag, kann über die
facebook-Seite von SwaF Hannover eine Anfrage schicken, über die generelle Webseite gehen oder sich beim Team Hannover melden. Auch auf Events wie dem SNNTG-Festival (vom 26.-28.7. in Wehmingen bei Sehnde) ist das Hannover-Team vertreten und freut sich, wenn man einfach mal Hallo sagt, und über Hilfsangebote sowieso.
• Der offene Stammtisch findet an jedem letzten Mittwoch des Monats ab 20 Uhr im Havana Club Linden
(Elisenstraße 27) statt, wo man die ganze Community und das Team treffen kann.
• SwaF Hannover braucht dringend neue Teammitglieder, weil manche von den „alten Hasen“ bald am Ende des Studiums sind und wegziehen – so wie auch Mira wahrscheinlich, die deshalb zu August aufhört und unbedingt noch eine/n Nachfolger/in als Standortverantwortliche/n einarbeiten möchte. Wer sich also engagieren und dabei auf studentischer Hilfskraft-Basis etwas fürs Portemonnaie tun möchte, bitte melden!

Kontakt: hannover@start-with-a-friend.de
www.start-with-a-friend.de

Interview: Anke Wittkopp und Theresa Steffens, Foto SwaF Community: SwaF

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Parkrestaurant Alte Mühle

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Parkrestaurant Alte Mühle


Die alte Mühle, der das Parkrestaurant im malerischen Hermann-Löns-Park seinen Namen verdankt, wurde 1580 errichtet. Heute treffen sich an ihrem ehemaligen Standort Karmarschstraße und Friedrichswall. Siebenmal wechselte sie seither ihren Platz, bis sie 1938 ihren jetzigen am Annateich fand. Das Restaurant selbst liegt daneben in der alten Meierei von 1721 aus Wettmar – unter Wahrung der alten Formen und Verwendung des alten Baumaterials wurde dieses schöne alte Bauwerk hier wieder aufgebaut. Im stilecht gestalteten Innenraum werden ganzjährig gutbürgerliche Saisongerichte serviert, im Sommer im idyllischen Gartencafé natürlich auch Kaffee und Kuchen.

Wir sind nach unserer Fahrradtour aus Linden durch die Eilenriede in ers­ter Linie durstig und erfrischen uns mit einem fruchtig-sauren Pfirsich-Maracuja-Eistee und einem seidig matten Grevensteiner. Danach wählen wir aus der Wochenend-Mittagskarte zuerst einen Salat (für 14,20 Euro) mit hausgebeizten (dick geschnittenen) Lachsstreifen. Eingelegten Früchten des regionalen Gemüsegartens wie Schalotten, Pilzen und Zucchini wird mit Kaviar, Koriander und leuchtend grünen Wakame-Algen ein asiatischer Touch verliehen – mit knusprigem Kartoffelstroh und senfiger Vinaigrette ein vielseitiger Auftakt, jede Gabel schmeckt anders.

Das Gaumenkino im Park bietet für den Start oder zwischendurch heiß Gelöffeltes in klassischer Form (zur Zeit etwa niedersächsische Hochzeits- oder Spargelsuppe), dazu gibt’s streichfesten Kräuterquark und eine Café-de-Paris-Buttermischung mit Brot – lecker und angesichts der angesagten Wartezeiten von rund einer Stunde auch hilfreich gegen knurrende Mägen. Die Schnitzelkultur wird hier groß gefeiert und auch Gerichte wie Kalbsleber und Filetbraten punkten mit Fleisch von deutschen Höfen, wo Tiere noch wie Tiere leben (Wild wird über das Jagdschloss Springe bezogen). Entsprechend schmeckt die Lammhuft (für 28,60 Euro) auch: Zart rosa gebraten, mit delikater Schmorsauce, bunter Gemüsemischung und Rosmarinkartoffeln ein schöner Teller für Freunde ehemals glücklicher Weidetiere.

Fleischlos glücklich wird man abends zum Beispiel mit veganen Verlockungen wie Vanille panna cotta im Zucchinimantel. Wir wenden uns der heute einzigen vegetarischen Mittags-Alternative zu, einem hausgemachten Kartoffelrösti (für 16,70 Euro). Das gute Stück trägt eine schmackhafte Spinatdecke mit tiefroten Cocktailtomätchen, der Mozzarella obendrauf hätte gerne ein kräftigerer Käse und/oder zerlaufener sein können – ansonsten wird mit den Blattsalaten und einem tollen beerigen Dressing eine runde Sommersache daraus.
Wir beobachten von unseren stark begehrten Plätzen aus: Kinder können auf der angrenzenden Wiese toben, werden hier rührend (sogar mit Spielzeug) umsorgt und können zwischen vier typischen Kinder-Lieblingsessen wählen.

Der Biergarten hat Platz für 40 Gäste, das Gartencafé für 200 und der Fontänengarten nochmal für 25 bis 60. Im Restaurant finden bis zu 140 Personen Sitzplätze und können zwischen abgegrenzten Nischen wählen, oder bei einer Gruppengröße bis maximal 24 Leuten, das separate Lönshaus (ein aus dem Jahre 1636 stammender ehemaliger Kornspeicher) buchen. Ein lohnendes Ausflugsziel und eine perfekte Location für Feierlichkeiten aller Art. Einziger Nachteil für mobilitätseingeschränkte Gäste: Die Toiletten befinden sich im ersten Stock.

Text: Anke Wittkopp

Hermann-Löns-Park 3
30559 Hannover-Kirchrode
Tel. (0511) 55 94 80
www.alte-muehle.de
Öffnungszeiten:
Mi – So 11.30-22 Uhr
Mo und Di Ruhetag

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