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	<title>STADTKIND - hannovermagazin &#187; titel</title>
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		<title>fliegen ist noch viel schöner! ein stadtkind hebt ab</title>
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		<pubDate>Fri, 01 Jul 2011 14:25:44 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Lars Kompa</dc:creator>
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		<category><![CDATA[2011-07]]></category>

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		<description><![CDATA[Hin und wieder sieht man sie in der Luft, beispielsweise wenn man auf der Autobahn im Stau steht, die Segelflieger. Und manch einer wünscht sich in solchen Momenten nichts sehnlicher, als dort in luftiger Höhe in so einer Kiste zu sitzen. Von oben auf die lange Autoschlange zu blicken, die Probleme dort unten ganz klein, vor einem nur der weite, blaue Horizont. Wie sich das wohl anfühlt? ]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><a href="http://www.stadtkind-hannover.de/wp-content/uploads/2011/08/19-31_SK_Juli_2011_723.jpg"><img class="alignleft size-medium wp-image-13453" title="fliegen" src="http://www.stadtkind-hannover.de/wp-content/uploads/2011/08/19-31_SK_Juli_2011_723-300x282.jpg" alt="" width="300" height="282" /></a>Hin und wieder sieht man sie in der Luft, beispielsweise wenn man auf der Autobahn im Stau steht, die Segelflieger. Und manch einer wünscht sich in solchen Momenten nichts sehnlicher, als dort in luftiger Höhe in so einer Kiste zu sitzen. Von oben auf die lange Autoschlange zu blicken, die Probleme dort unten ganz klein, vor einem nur der weite, blaue Horizont. Wie sich das wohl anfühlt? Ob man das mal ausprobieren kann? Einfach so? Einfach mitfliegen? Oder sogar selbst den Flugschein machen? Aber dann geht es auch schon weiter im Autokorso, die nächsten hundert Meter im Schneckentempo – man verliert den Segelflieger aus den Augen, und auch die Idee, es mal auszuprobieren. Schon hinter der nächsten Kurve könnte sich ja der Stau endlich auflösen. Der Typ im BMW hinter einem drängelt. Und auf dem Rücksitz streiten sich die Kinder. Außerdem klingelt das Handy. Man ist zurück im Hier und Jetzt. Bis zum nächsten Stau und zum nächsten Segelflugzeug in Sichtweite. Dann gerät man wieder ins Träumen.</p>
<p>Aber so einfach ist das ja sicher nicht mit dem Segelfliegen. Gefährlich. Kompliziert. Zeitaufwendig. Und bestimmt auch teuer. Ein Sport für Leute, die es sich leisten können. Mit all diesen Vorbehalten im Hinterkopf verabrede ich mich mit Jörg Lange, Gastronom aus Hannover, aber vor allem: Segelflieger! Irgendwann sind wir uns in Hannover über den Weg gelaufen, und er hat mir kurz von seinem Hobby erzählt, später war ich dann in seinem Lindenkrug in Limmer zum Essen, und bei der Gelegenheit gab es Segelflieger-Nachschlag – und sogar einen Abstecher in die Garage, wo ich mir seine „Salto“ ansehen durfte, hauptsächlich für den Segelkunstflug konstruiert. Ist das mal ein Thema für ein Stadtmagazin? Dazu müsste ich mich dann wohl tatsächlich mal selbst in so ein Ding setzen. Träumen, wenn man im Stau steht, ist ja das eine &#8230; Als ich mich wieder mit Jörg Lange treffe, ist das andere gar nicht mehr so weit weg. Wenn das Wetter mitspielt, bin ich am kommenden Wochenende dran.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><span style="color: #ff0000;">Viele Klischees</span></p>
<p>Doch zuerst krümmt sich Jörg Lange in schmerzhafter Verzweiflung, als ich feststelle, dass Segelfliegen doch sicher ziemlich teuer sei. „Überhaupt nicht!“, tönt es mir entgegen. „Das denken alle, aber das ist kompletter Unsinn! Man braucht im Verein ja nicht mal ein eigenes Flugzeug. Und kompliziert ist es auch nicht. Eigentlich kann das jeder lernen, der ein bisschen Begeisterung und Zeit mitbringt.“ Und dann hakt er meine Vorurteile ab, ohne dass ich weiter nachfragen muss. Routine für Segelflieger, denn alles, was da so an Klischees kursiert, haben sie schon tausendmal gehört. Eine Mitgliedschaft im Verein, beispielsweise beim Flugsportclub Hannover (FSC), kostet zwischen 50 und 100 Euro im Monat, je nachdem, ob man noch in der Ausbildung ist oder Schüler, ob man Baustunden ableistet, oder nebenbei der Kaffeekasse noch ein bisschen was Gutes tun will. „Eine Mitgliedschaft im Fitnessclub kostet auch nicht weniger“, sagt Lange. Ein Teil des Beitrags geht direkt an den Landesverband, ein Teil bleibt für die Arbeit im Verein, ein dritter Teil wird auf einem Konto gesammelt. Am Ende des Jahres werden dann alle Starts und Flugminuten der Mitglieder zusammengezählt, und dann bleibt ein kleines Guthaben, oder man muss ein bisschen was nachzahlen. Bei den Baustunden frage ich kurz nach. „Irgendwas gibt es auf so einem Flugplatz immer zu tun“, erzählt Jörg Lange. „Für Schüler ist das eine wunderbare Sache. Da muss mal was gestrichen werden, irgendwas repariert werden. Diese Baustunden werden bei der Berechnung der Flugminuten und Starts angerechnet, sodass Schüler eigentlich für ein Taschengeld fliegen können. Man kann ja schon mit 14 Jahren anfangen und mit 16 Jahren seinen Flugschein machen. Das Ganze mal auszuprobieren, ist auch nicht teuer. So ein Gastflug bei uns kostet zwischen 25 und 30 Euro, darin enthalten sind die ersten fünf Flugminuten. Und jede weitere Minute kostet 50 Cent. Eine halbe Stunde liegt dann so bei knapp 40 Euro. Aber man sollte vorher kurz anrufen. Manchmal ist es einfach schon zu voll – oder das Wetter ist nicht so berauschend direkt vor Ort.“</p>
<p>Damit ist er beim Wetter und räumt gleich das nächste Klischee beiseite. Segelfliegen funktioniert nicht nur bei gutem Wetter, lerne ich. Die Saison startet im April und endet ungefähr mit den Herbstferien. Ein kleiner Schauer zwischendurch ist kein Problem, man kann solche Schauer natürlich auch umfliegen, wenn man erst in der Luft ist. Und dann gerät Jörg Lange ins Schwärmen und erzählt mir von früheren Jahren des Segelflugs, als man noch ein bisschen draufgängerischer unterwegs war und zum Beispiel ganz bewusst Gewitter angeflogen hat, wegen der ungeheuren Kraft in den Wolken, oder von den Gebrüder Horten, die um 1933/34 ein Nurflügel-Flugzeug im heimischen Esszimmer bauten. „Fernbedienungen gab’s noch nicht, also haben sie es so groß gebaut, dass sie sich selbst reinsetzen konnten. Dann passte es nicht durch die Tür, also wurden die Fenster ausgebaut.“ Und er erzählt davon, dass früher Rekorde nur eingetragen wurden, wenn der Pilot 24 Stunden nach der Landung noch am Leben war.</p>
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<p><span style="color: #ff0000;">Die Sicherheit</span></p>
<p><a href="http://www.stadtkind-hannover.de/wp-content/uploads/2011/08/19-31_SK_Juli_2011-1_721.jpg"><img class="alignright size-medium wp-image-13452" title="fliegen" src="http://www.stadtkind-hannover.de/wp-content/uploads/2011/08/19-31_SK_Juli_2011-1_721-300x225.jpg" alt="" width="300" height="225" /></a>Vielleicht hat er die leichte Blässe bemerkt, die sich bei diesen Geschichten allmählich in mein Gesicht schleicht. Jedenfalls fliegt er prompt eine gekonnte Kurve Richtung Sicherheit. „Heute ist das natürlich alles ganz anders. Niemand fliegt mehr Gewitterwolken an“, sagt er. „Die Pioniere waren schon alle ein bisschen verrückt, besessen von der Idee, zu fliegen, aber mit der Zeit hat sich das natürlich ganz grundlegend verändert. Man hat voneinander gelernt, auf den diversen Treffen voneinander abgeguckt, was funktioniert und was nicht. Insofern ist es ein Glück, dass Segelfliegen nie olympisch geworden ist, sonst gäbe es heute wahrscheinlich nur ein Einheitsmodell. So haben viele Leute immer aufs Neue getüftelt und entwickelt, und damit hat sich die Sicherheit der Flugzeuge immer weiter verbessert.“</p>
<p>Die Blässe in meinem Gesicht ist noch nicht verschwunden. Wenn sich die Sicherheit nur immer weiter verbessert hat, dann klingt das für mich so, als sei man mit dem Thema noch nicht ganz fertig. Doch ein guter Gastronom erkennt, wenn sein Gast noch nicht ganz zufrieden ist. „Segelflugzeuge gehören heute zu den sichersten Flugzeugen überhaupt“, sagt Jörg Lange. „Mal ehrlich, wenn es gefährlich wäre, wäre es verboten. Wir sind ja hier in Deutschland. Glaubt man den Statistikern, dann ist die Fahrt mit dem Auto zum Segelflugplatz das Gefährlichste am ganzen Segelfliegen. Aber natürlich haben wir mit der Frage nach der Sicherheit immer wieder zu kämpfen. Bei einem Unfall mit einem Segelflugzeug ist die Aufmerksamkeit weitaus größer als bei einem Autounfall. Wenn irgendwo auf der Welt ein Flugzeug runterkommt, dann wird darüber berichtet. Einen Autounfall auf der A7 hat man dagegen jeden Tag. Also, die Sicherheitsstandards beim Fliegen sind unglaublich hoch. Da gibt es mittlerweile einen ganzen Katalog von Verpflichtungen für alle Beteiligten, sehr viele bürokratische Auflagen, die teilweise aber auch auf dem basieren, was Segelflieger ohnehin immer gemacht haben. Zum Beispiel die Kontrolle vor dem Start. Das Auto holt man aus der Garage und fährt los. Beim Segelfliegen könnte das genauso sein, denn technisch sind die Flugzeuge auf einem absolut gleichwertigen Stand. Und trotzdem werden sie vor jedem Start gecheckt. Man guckt, ob alle Anschlüsse in Ordnung sind, ob alle Bolzen richtig sitzen, ob genügend Luft auf den Reifen ist. Hinzu kommt die Technik im Flugzeug. Da gibt es inzwischen zum Beispiel auch ein Kollisionswarnsystem, das hektisch blinkt, wenn man einem anderen Flugzeug zu nahe kommt. Wenn etwas passiert, dann kann man das meistens auf einen Pilotenfehler zurückführen. Am Flugzeug liegt es eigentlich nie. Man muss sich als Pilot schon den Respekt vor der Sache bewahren, das ist und bleibt wichtig, man darf sich nicht überschätzen, auch wenn man oben dazu neigt, ein bisschen größenwahnsinnig zu werden. In der gleichen Sekunde sollte einem bewusst sein, wie verletzlich man ist. Man ist frei, aber es gibt Regeln, die man befolgen muss. Dann kann nichts passieren.“</p>
<p>Ich bin fast beruhigt. Und frage trotzdem, ob man mit einem Fallschirm fliegt. „Ja, immer. Ich hoffe aber, dass wir den nicht brauchen werden. Die Dinger machen keinen Spaß, die sind nur dafür konstruiert, dass man noch lebt, nachdem man unten angekommen ist. Sie vermeiden dein vorzeitiges Ableben, aber keine Beinbrüche.“</p>
<p>Wunderbar! Dann kann ich mich jetzt ja ganz entspannt auf das kommende Wochenende freuen. Falls ich bis dahin mein Herz wieder finde, dass irgendwo in meiner Hose steckt. Eine Frage fällt mir trotzdem noch ein. Was zieht man an? Denn erstens habe ich mal gehört, dass es weiter oben recht kalt sein soll, und zweitens gibt es ja vielleicht doch irgendeinen Dresscode bei Segelfliegern. „Schöne Frage. Du brauchst auf jeden Fall einen Sonnenhut. Ansonsten kannst du anziehen, was du willst. Die Klamotten sollten aber schon ein bisschen schmutzig werden dürfen. Man muss sich auch mal hinknien, um irgendwas zu richten. Kalt wird’s nicht. Mit jeweils 100 Metern Höhe wird es ungefähr ein Grad kälter, aber du sitzt ja in einer abgeschlossenen Kabine. Der Dresscode ist, dass es bei Segelfliegern keinen Dresscode gibt. Was jemand anhat, was er sonst beruflich macht, das interessiert auf dem Flugplatz niemanden. Die Leute dort wollen einfach fliegen und eine gute Zeit miteinander verbringen. Für mich ist jedes Wochenende am Ith wie Urlaub. Du wirst das erleben. Nur eins noch zum Abschluss. Es gibt da doch etwas, was gefährlich ist. Segelfliegen hat einen unglaublich hohen Suchtfaktor. Es kann dir passieren, dass du danach nichts anderes mehr machen willst.“</p>
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<p><span style="color: #ff0000;">Die Gnadenfrist!</span></p>
<p><a href="http://www.stadtkind-hannover.de/wp-content/uploads/2011/08/32-34_SK_Juli_2011_72.jpg"><img class="alignleft size-medium wp-image-13454" title="fliegen" src="http://www.stadtkind-hannover.de/wp-content/uploads/2011/08/32-34_SK_Juli_2011_72-300x216.jpg" alt="" width="300" height="216" /></a>Wenn es sein Beruf zulässt, macht sich Jörg Lange gemeinsam mit seiner Frau Monika (ebenfalls Segelfliegerin) und neuerdings Kind Hanna (sicher auch irgendwann Segelfliegerin) jedes Wochenende auf den Weg zum Flugplatz nach Hellenhagen in Bremke, direkt am Ith, einem Mittelgebirgszug rund 40 Kilometer südwestlich von Hannover. Auch ich sitze heute mit meiner Familie im Auto – und fahre sehr vorsichtig, um den Statistikern nicht noch mehr Recht zu geben, im Magen ein seltsam fades Gefühl. Näher am Ziel entdecken wir bereits die ersten Segelflieger in der Luft. Unvorstellbar, dass ich bald selbst in so einem Ding sitzen werde. Erfolgreich widerstehe ich dem Impuls, eine Panne vorzutäuschen, um vielleicht doch noch aus der Nummer herauszukommen. Schließlich finden wir den Wegweiser mit der Aufschrift „Segelflugplatz“ und biegen ab auf einen ausgefahrenen Schotterweg. Am Ende parken wir bei ein paar Gebäuden und werden kurz darauf von Jörg Lange in Empfang genommen. „Wir haben schon ausgeräumt. Die anderen sind schon oben beim Wagen“, sagt er. Und dann zeigt er uns kurz die Halle mit den Flugzeugen des Vereins. „Ausgeräumt“ ist unter anderem die ASK 13, ein doppelsitziges Schulflugzeug. Nicht ausgeräumt der Doppelraab V, ein Oldtimer – was mich insgeheim ein bisschen erleichtert. Neben der Halle gibt es ein weiteres Gebäude mit Toiletten und Werkstatt. Und mehr sehen wir erst mal nicht, außer eine grüne Wiese und nach ein paar Metern Aufstieg in einiger Entfernung die Winde. Zwei Möglichkeiten des Starts hat man mit dem Segelflugzeug (inzwischen gibt es auch Selbststarter, ausgestattet mit einem kleinen Motor). Man kann sich von einem Motorflugzeug in die Höhe ziehen lassen oder wird von einer Winde nach oben gezogen. Dazu werden einige hundert Meter Seil ausgelegt, das Flugzeug kommt an den Haken, und dann drückt jemand auf den Startknopf. Genau so funktioniert das in Hellenhagen. Und während wir den Hang zum Wagen hinaufsteigen, beziehungsweise über die grüne Wiese gehen, die Jörg Lange als Flugplatz bezeichnet, entdecken wir das besagte Seil, ein sehr dünnes Stahlseil, wie ich finde. „Das täuscht“, sagt Jörg Lange. „Es gibt sogar welche, die sind noch dünner, und auf manchen Flugplätzen wird schon mit Nylonseilen geflogen. Da hat sich in den letzten Jahren unglaublich viel getan. Wichtig ist eigentlich nur, dass man diesem Seil nicht zu nahe kommt. Bei Flugbetrieb darf deshalb niemand auf die Wiese. Wenn das anzieht, zerschneidet das ohne weiteres ein Auto sauber in zwei Teile.“</p>
<p>Dann ist der Aufstieg geschafft und wir stehen an einem alten VW-Bulli, zusammen mit einigen Vereinsmitgliedern. Daneben warten zwei Flugzeuge. Das ist alles. Und gleich darauf erleben wir den ersten Start. Einer hängt das Seil ein, der Flügel wird angehoben, ein Arm in die Luft gestreckt, jemand beim Bulli sagt per Funk bei der Winde Bescheid und das Flugzeug setzt sich in Bewegung, hebt nach wenigen Metern ab. Während wir noch staunend in die Luft blicken, widmen sich die anderen längst wieder ihrem Kaffee. Besonderes aufgeregt scheint hier niemand zu sein. Was das für ein Fallschirm sei, frage ich. Nein, niemand ist ausgestiegen. Nur das Seil kehrt zurück auf die Erde. Ein paar Minuten später ist auch das zweite Flugzeug in der Luft. Gnadenfrist. Die werden ja jetzt erst mal eine Weile unterwegs sein. „Außer sie drehen nur eine Platzrunde, dann sind sie gleich wieder da“, sagt Monika Lange. „Das dauert manchmal nur fünf Minuten.“</p>
<p><a href="http://www.stadtkind-hannover.de/wp-content/uploads/2011/08/32-34_SK_Juli_2011-1_72.jpg"><img class="alignright size-medium wp-image-13455" title="fliegen" src="http://www.stadtkind-hannover.de/wp-content/uploads/2011/08/32-34_SK_Juli_2011-1_72-300x268.jpg" alt="" width="300" height="268" /></a>Aber meine Gnadenfrist ist länger. Die Windverhältnisse scheinen ganz gut zu sein, die beiden Flugzeuge bleiben erst mal verschwunden. Und ich vertreibe mir die Zeit mit Fragen. Wenn ich schon in so ein Ding einsteige, will ich es auch ganz genau wissen. Wie man nach oben kommt, habe ich gerade gesehen. Aber wie geht’s dann weiter? „Am Ith haben wir eigentlich ideale Verhältnisse für den Segelflug, weil wir den Hangaufwind nutzen können. Bei Vereinen auf dem flachen Land gibt es nur die Thermik, hier bei uns haben wir alle Möglichkeiten. Der Ith ist sehr lang und sehr gerade. Wenn der Wind quer zum Hang steht, also gegen den Berg bläst, dann haben wir richtig gute Bedingungen. Zudem werden Thermikablösungen auf den Hang zugeweht und reißen dann an der Kante am ehesten ab. Das heißt, man steigt auf und fliegt im Hangaufwind einfach über den Ith, immer hin und her. Und wenn man Glück hat, erwischt man so eine Thermikablösung. Dann geht’s weiter hoch. Thermik an sich ist ja eigentlich immer die Voraussetzung, die man sucht. Dazu braucht es eigentlich nur Sonne. Wenn der Tag beginnt, heizt sich der Boden unterschiedlich auf. Es gibt Stellen, die erwärmen sich schneller. Es ist ja ein fühlbarer Unterschied, ob ich durch ein Kornfeld gehe, durch einen Wald oder auf einer Landstraße. Ein Temperaturunterschied von ein oder zwei Grad kann bereits dazu führen, dass sich ein Luftpaket mit dieser Überwärmung ablöst und aufsteigt. Man kann sich das vorstellen wie eine Luftblase. Und Segelflugzeuge sind, was die Größe angeht, so konstruiert, dass sie gut in einer solchen Blase kreisen können. Als Segelflieger sucht man also nach solchen Luftpaketen. Man bemerkt sie als Pilot, einfach weil die Fläche hoch geht. Dann legt man sofort das Ruder dagegen und fliegt einen Kreis in die Blase hinein. Und innerhalb der Blase steigt man dann kreisend in die Höhe, fast, als wenn man auf einem großen Ball balanciert. So fühlt es sich manchmal auch an. Das Flugzeug gleitet dabei natürlich immer abwärts. Je nach Typ in einem bestimmten Gleitverhältnis. Also zum Beispiel mit 1:30, das heißt man fliegt bei einem Meter Höhenverlust 30 Meter weit. Aber das Luftpaket steigt schneller, als das Flugzeug an Höhe verliert, und so geht es nach oben. Bis zu den Wolken, das ist die Grenze. Wenn die Luft hochsteigt, kühlt sie sich ab und kondensiert. Das gibt dann diese netten Schönwetterwolken. Und wenn man morgens in den Himmel guckt, und die Wolken entwickeln sich prächtig, dann weiß man, dass man gute Voraussetzungen hat. Wenn die Luft nicht kondensiert, man also keine Wolken sieht, dann heißt das aber nicht, dass es keine Thermik gibt. Das nennt man blaue Thermik. Und dann liest man als Segelflieger nicht die Wolken, sondern orientiert sich eher am Boden, probiert es zum Beispiel an einer Waldkante, weil sich da eher was ablöst.“</p>
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<p><span style="color: #ff0000;">Take off</span></p>
<p><a href="http://www.stadtkind-hannover.de/wp-content/uploads/2011/08/32-34_SK_Juli_2011-2_72.jpg"><img class="alignleft size-medium wp-image-13456" title="fliegen" src="http://www.stadtkind-hannover.de/wp-content/uploads/2011/08/32-34_SK_Juli_2011-2_72-300x137.jpg" alt="" width="300" height="137" /></a>Und dann ist das erste Flugzeug wieder da. Die Landung sieht einigermaßen sanft aus. Von irgendwoher taucht ein alter Traktor auf, das Flugzeug kommt an die Leine und wird zurück zum Start geschleppt, wobei einer nebenher geht, um die Flügel in der Waagerechten zu halten. Keine fünf Minuten, und es steht zum nächsten Abflug bereit. Es ist der Zweisitzer. Und ich merke schnell, was jetzt droht, denn alle anderen trinken gemütlich weiter Kaffee. „Wollen wir?“, werde ich gefragt und lerne meinen Piloten, Frank Roder, kennen. Ich darf vorne sitzen, was möglich ist, weil der Verein mich vorher namentlich bei der Versicherung entsprechend gemeldet hat. Normalerweise sitzen Gäste auf dem hinteren Platz. Ich bringe so recht kein Wort heraus, verabschiede mich noch schnell von meiner Familie, denn wer weiß, ob ich sie lebend wiedersehen werde, und bekomme den Fallschirm angelegt. Dann sitze ich auch schon im Flugzeug und über mir schließt sich die Kuppel. Jetzt gibt es kein Zurück mehr. Monika Lange hängt vor mir das Kabel ein, der Pilot hinter mir erklärt mir noch kurz, dass ich den Steuerknüppel zwischen meinen Beinen nicht blockieren soll und einiges mehr, was ich aber gleich wieder vergesse, dann hebt jemand am Flügel die Hand. Einen Moment wird es ganz still, und dann wird es ganz heftig. Die Beschleunigung beim Start entspricht etwa der Leistung eines Ferraris. Ich habe das Gefühl, dass ich fast senkrecht in die Luft katapultiert werde. Nach gefühlten vier Sekunden sind wir schon oben, einige Sekunden später wird das Seil ausgeklinkt, und es geht in eine, wie ich finde, scharfe Kurve Richtung Ith. Ich merke, dass wir weiter steigen. Und trotzdem finde ich, dass die Bäume unter uns ganz schön nah sind. Und dazwischen nur eine hauchdünne Schicht Metall – oder was auch immer. Vorne links ist irgendein Seilzug mit Isolierband umwickelt. Für mich sieht das ganz und gar nicht nach Hightech aus. Und dann erinnere ich mich an den Greifvogel, den ich unten kurz vorher gesehen habe. Was, wenn das verdammte Vieh nicht aufpasst und uns in die Quere kommt? Ich brauche ein paar Minuten, um mich zu beruhigen. Aber dann ist es plötzlich einfach nur noch schön. Man kann es kaum beschreiben. Es ist nicht so leise und so ruhig, wie ich es mir vorgestellt habe. Der Wind rüttelt am Flugzeug. Aber es ist trotzdem ein herrliches Gefühl. Und ich kann nachvollziehen, was Jörg Lange mit dem Suchtfaktor gemeint hat. Wir fliegen über den Ith und ich genieße den Ausblick, erinnere mich sogar irgendwann wieder an meine Kamera.</p>
<p><a href="http://www.stadtkind-hannover.de/wp-content/uploads/2011/08/32-34_SK_Juli_2011-3_72.jpg"><img class="alignright size-medium wp-image-13457" title="fliegen" src="http://www.stadtkind-hannover.de/wp-content/uploads/2011/08/32-34_SK_Juli_2011-3_72-300x217.jpg" alt="" width="300" height="217" /></a>„Alles in Ordnung?“ werde ich gefragt und erschrecke fast. Hinter mir sitzt ja noch der Pilot. Ich hatte das tatsächlich fast vergessen. „Alles in Ordnung“, antworte ich. Aber das trifft es nicht. „Fliegen ist noch viel schöner“, füge ich deswegen hinzu. Und dann erkundige ich mich nach den Armaturen vor mir, entdecke, dass wir gerade in einer Höhe von 450 Metern unterwegs sind und lasse mir auch den Faden erklären, der vorne am Flugzeug im Wind zappelt. Der sollte immer möglichst gerade sein, den Piloten also mit der Spitze ansehen, dann fliegt man gut im Wind. Wir fliegen gut im Wind, hin und zurück über den Ith, und wegen mir könnte es einfach ewig so weitergehen. Aber irgendwann, nach einer guten halben Stunde, geht es dann doch zurück zum Platz und in den Landeanflug. Schnell segeln wir abwärts, über ein paar Bäume hinweg, neben mir bewegen sich irgendwelche Stangen, und dann rumpeln wir über die Wiese und stehen bereits nach ein paar Metern. Ich habe wieder festen Boden unter den Füßen, finde das aber sehr schade.</p>
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<p><span style="color: #ff0000;">Sucht</span></p>
<p>Am Landeplatz treffe ich Jörg Lange wieder. Er hat zwischenzeitlich seinen Anhänger mit seiner Salto auf die Wiese geholt und ist gerade dabei, das Flugzeug zusammenzubauen. Und ich staune, wie schnell aus den Einzelteilen ein Segelflugzeug wird. Dann naht auch schon der Traktor und beide Flugzeuge kommen an die Leine. Diesmal bin ich beim Aufstieg die Begleitung an der Flügelspitze und fünf Minuten später stehen beide Flugzeuge am Start. Zehn Minuten später ist zuerst meine Frau mit dem Piloten auf und davon, und kurz darauf verschwindet Jörg Lange in seiner Salto.</p>
<p>Ich will noch mehr wissen und frage wieder die übrigen Vereinsmitglieder aus. Wie kommt man an einen Pilotenschein? Vielleicht hat sie mich schon gepackt, die Sucht. Es gibt zwei Möglichkeiten. Man kann seinen Schein natürlich in einer regulären Flugschule machen, in relativ kurzer Zeit und für relativ viel Geld. So etwa 2500 bis 3000 Euro muss man bei dieser Variante kalkulieren. Oder man wird Mitglied in einem Verein wie dem FSC Hannover. Dann dauert die Ausbildung im Durchschnitt zwei Jahre – und kostet nichts extra. Am Anfang stehen relativ kurze Flüge, fünf oder sechs Minuten, Platzrunden, bei denen man Starten und Landen lernt. Die grundsätzliche Idee der Segelflugausbildung ist allerdings, möglichst früh alleine zu fliegen. Nach 70 oder 80 Flügen mit dem Lehrer im Gepäck, startet man das erste Mal ohne Begleitung, schon im ersten Jahr. Diesen ersten Alleinflug macht man dann gleich dreimal hintereinander – „damit man auch glaubt, dass man es tatsächlich kann“. Allerdings heißt das nicht, dass man nach dieser A-Prüfung danach ständig allein unterwegs ist. In der folgenden Winterpause widmet man sich aber zuerst mal der Theorie für den Flugschein, die ein bisschen umfangreicher ist als beim Führerschein. Außerdem braucht man ein Funksprechzeugnis und einen Erste-Hilfe-Kurs. Im zweiten Jahr geht es dann wieder an die Praxis. „Kurven mit höherer Schräglage, man lernt zu slippen und einen Steilkreis zu fliegen, man hat Seilrissübungen, man bleibt zum ersten Mal länger als 30 Minuten oben, um zu zeigen, dass man Thermik fliegen kann, dass man begriffen hat, wie man beispielsweise eine Wolke anfliegt. Und dann folgt zum Abschluss noch der Streckenflug mit 50 Kilometern, bei dem klar ist, dass man nicht auf dem eigenen Flughafen landet und bei dem auch die Möglichkeit besteht, dass man irgendwo unterwegs absäuft. Dann sucht man sich einen schönen großen Acker. Das funktioniert eigentlich genauso gut, wie ein Landefeld. Es sollte natürlich kein Rübenacker sein, aber das aus der Luft zu beurteilen, steht ebenfalls auf dem Stundenplan. Hat man all das hinter sich, schickt man die entsprechenden Unterlagen zum Luftfahrtbundesamt. Und dann wartet man auf den Prüfer. Der kommt irgendwann zum Platz und macht mit dem Schüler zwei oder drei Flüge. Und mit ein bisschen Glück hat man es dann hinter sich.“</p>
<p><a href="http://www.stadtkind-hannover.de/wp-content/uploads/2011/08/neu_30_SK_Juli_2011_72.jpg"><img class="alignleft size-medium wp-image-13458" title="fliegen" src="http://www.stadtkind-hannover.de/wp-content/uploads/2011/08/neu_30_SK_Juli_2011_72-300x180.jpg" alt="" width="300" height="180" /></a>Das klingt alles gar nicht so schwer. Aber es gehört doch eine ganze Menge dazu. Vor allem Ausdauer und echte Begeisterung. Seinen Flugschein kann man nicht einfach so nebenbei machen, neben Tanzschule und Fußballspielen am Wochenende. Es ist schon notwendig, den Großteil seiner Freizeit dem Segelflug zu widmen. Und vielleicht erklären sich damit auch die Nachwuchssorgen, die viele Segelflugvereine in Deutschland haben. Wenn ein Jugendlicher mit 14 oder 15 startet, dann sind die Lebensläufe eben noch nicht fertig. Und Alternativen zur Freizeitgestaltung gibt es wie Sand am Meer. Aus diesem Grund haben viele Vereine inzwischen den älteren Nachwuchs für sich entdeckt. Denn man kann durchaus noch mit 35 oder 40 Jahren in dieses Hobby einsteigen. „Segelfliegen, das ist Naherholung vom Allerfeinsten, das ist ein Paket für die ganze Familie“, hat Jörg Lange bei unserem Vorgespräch gesagt. „Speziell bei uns im Verein. Der FSC ist eher so etwas wie ein Lebensgefühl. Wir haben beim Ith ja nicht nur ein super Gelände mit besten Möglichkeiten zum Segelfliegen, es gibt dazu eine Hütte, etwas versteckt im Wald, mit Billardtisch und Krökeltisch. Es gibt Duschen am Platz, Doppelstockbetten, manche haben dort sogar einen Wohnwagen. Tagsüber fliegt man, das bleibt immer spannend, weil jeder Flug neu ist. Man weiß nie, wie welche Wolke funktioniert. Und abends sitzt man dann zusammen in einer tollen Gemeinschaft, da ist tatsächlich jedes Wochenende wie ein Kurzurlaub, 40 Autominuten von Hannover entfernt. Und das bringt einfach wahnsinnig viel für das Stadtleben. Wenn es stressig wird, guckst du einfach mal kurz in den Himmel und erinnerst dich.“</p>
<p>Für alle, die demnächst auch einfach mal lächelnd in den Himmel schauen wollen, verlosen wir im Stadtkind zusammen mit dem Flugsportclub Hannover eine Schnuppermitgliedschaft, mit der man an drei aufeinander folgenden Wochenenden jeweils Samstag und Sonntag nicht nur abheben, sondern auch das Vereinsleben vor Ort kennenlernen kann. Wer gewinnen möchte, schreibt eine E-Mail mit dem Stichwort „Sturzflug“ an redaktion@stadtkind-hannover.de und hat vielleicht nicht nur Glück, sondern demnächst auch ein ziemlich spannendes Hobby!</p>
<p><span style="color: #ff0000;">LAK</span></p>
<p><em>Mehr Infos zum Verein unter www.flugsportclub.com</em><br />
<em>Weitere spannende Seiten: www.segelflug.de, www.onlinecontest.org</em></p>
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		<title>julia und sven gehen vielleicht zusammen nach hause &#8230;oder wie man beim flirten alles richtig macht</title>
		<link>http://www.stadtkind-hannover.de/2011/07/julia-und-sven-gehen-vielleicht-zusammen-nach-hause-oder-wie-man-beim-flirten-alles-richtig-macht/</link>
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		<pubDate>Fri, 01 Jul 2011 11:53:08 +0000</pubDate>
		<dc:creator>wolke</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Julia (34) und Sven (35), beide Singles, aber nicht unbedingt auf der Suche. Na ja, das ist ein bisschen gelogen. Auf der Suche sind sie schon. So wie geschätzte 8 bis 12 Millionen andere Singles in Deutschland auch. Aber nicht so vehement wie andere. ]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><a href="http://www.stadtkind-hannover.de/wp-content/uploads/2011/08/36-42_SK_Juli_2011_722.jpg"><img class="alignleft size-medium wp-image-13386" title="flirten" src="http://www.stadtkind-hannover.de/wp-content/uploads/2011/08/36-42_SK_Juli_2011_722-189x300.jpg" alt="" width="189" height="300" /></a>Julia (34) und Sven (35), beide Singles, aber nicht unbedingt auf der Suche. Na ja, das ist ein  bisschen gelogen. Auf der Suche sind sie schon. So wie geschätzte 8 bis 12 Millionen andere Singles in Deutschland auch. Aber nicht so vehement wie andere. Eher so nebenbei. Natürlich haben sie sich beide mal im Internet bei einer Singleseite angemeldet, haben sich mit ihrem Profil sogar beide ziemliche Mühe gegeben, weil das ja bekanntlich ganz wichtig ist, damit es dann auch passt. Aber so richtig was dabei war dann doch nie. Außerdem funktioniert es auch im Netz nicht ohne entsprechenden Einsatz, man muss schon die Profile der anderen durchstöbern, aktiv suchen und Kontakte knüpfen. Und bei all dem darf man dann nicht mal lügen, weil sich das spätestens beim ersten Date rächt. Kreativ muss man außerdem noch sein, weil das besser ankommt. Und dann die erste Nachricht, die nicht zu allgemein sein darf, sondern bestenfalls schon auf das Profil des anderen eingeht. Kurz: Die Internet-Variante war den beiden irgendwann zu anstrengend. Julia twittert jetzt lieber ein bisschen nebenbei, und manchmal gelingt ihr sogar ein kleiner Flirt in 140 Zeichen mit #hach (ein tiefer Seufzer) und &lt;3 (ein Herz). Aber das macht meistens nur Spaß bis zur ersten Direct Message (DM), weil die Herren der Schöpfung dann doch sehr schnell „zur Sache“ kommen. Was ja nicht so schlimm wäre, wenn es nicht immer so direkt wäre. 9 Millionen Paare, so behaupten Studien, meistens in Auftrag gegeben von Single-Portalen, sollen sich inzwischen im Internet gefunden haben. Julia und Sven hatten da bisher kein Glück. Und glauben auch nicht mehr so recht dran. Natürlich halten sie weiter die Augen offen, auch im Netz, aber die Gelegenheiten im ganz realen Leben sind beiden inzwischen wieder deutlich lieber. Zum Beispiel auf einer Party. Obwohl das mit dem realen Flirten bei beiden so eine Sache ist, aber dazu gleich mehr. Denn wir haben uns in dieser Ausgabe mal bei den beiden auf die Schulter gesetzt. Und in der nächsten auch.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><span style="color: #ff0000;"><strong>Das Vorspiel</strong></span></p>
<p><strong>Julia</strong></p>
<p>„Das kannst du auf gar keinen Fall anziehen, Julia! Das ist zu viel! Hast du das Buch gar nicht gelesen?“</p>
<p>„Was du mir zum Geburtstag geschenkt hast? Hab ich bei eBay versteigert.“</p>
<p>„Nicht wirklich.“</p>
<p>„Nein, nicht wirklich. Aber ich habe was gegen Bücher, die mir erzählen wollen, wie ich zu sein habe. Und außerdem steht da immer der gleiche Kram drin. Man muss vor allem selbstbewusst sein und das geht nur, wenn man mit sich zufrieden ist. Und daran soll man dann arbeiten, aber niemand sagt, wie.“</p>
<p>„Mit dem Outfit arbeitest du jedenfalls am Gegenteil. Das sind doch nie und nimmer 40 Prozent. Man sollte nicht mehr als 40 Prozent nackte Haut zeigen, aber man sollte schon ein bisschen nackte Haut zeigen. Das sind höchstens 15 Prozent, Julia.“</p>
<p>„Dafür ist es warm.“</p>
<p>„Hallo, wir gehen auf eine Party, du wirst tanzen, es ist Sommer. Meinst du, dass dich in der Tapete irgendein Typ anspricht?“</p>
<p>„Keine Ahnung. Muss ja auch nicht.“</p>
<p>„Natürlich muss das! Wofür geht man denn sonst auf eine Party. Es muss ja nichts draus werden, aber sich von ein paar Typen das Ego streicheln lassen, das muss sein. Jetzt zieh mal das hier an. Und dann einfach Brust raus und lächeln, dann klappt&#8217;s auch mit den Männern. Mehr brauchen die nicht. Ein bisschen Haut, das reicht schon.“</p>
<p>„Ja, ich weiß, die können gar nicht anders. Titten, Beine und Arsch. Steht ja alles in deinem Buch, Yvonne. Man soll sich hübsch machen, aber nicht zu hübsch, weil sie sich dann nicht trauen, man soll selbstbewusst auftreten, aber nicht zu selbstbewusst, weil sie sich dann auch wieder nicht trauen, man soll den Auserwählten kurz anlächeln, ihm kurz in die Augen blicken, dann dreimal an ihm vorbeigehen, und wenn er es dann noch nicht gerafft hat, soll man es mit einem netten Opener versuchen. Hab ich alles gelesen. Ach ja, ein festes Beuteschema sollte man auch nicht haben, weil das vielleicht den Blick auf den Traumprinzen verstellt. Wie hieß das so schön: ergebnisoffen flirten. Und dann flirte ich ergebnisoffen mit irgendeinem Arsch, der keine selbstbewussten Frauen mag und sich bei mir nur traut, weil ich mich nicht soooo hübsch gemacht habe, und der mir dann den ganzen Abend auf die Titten glotzt.“</p>
<p>„Optimistisch soll man auch sein, Julia. Wenn du mit der Einstellung aufläufst, dann kannst du besser gleich zu Hause bleiben.“</p>
<p>„Wenn du mir weiter auf den Geist gehst, wird es genau darauf hinauslaufen. Okay, okay, ich ziehe das andere an. Soll ich mir mit dem Lippenstift auch noch einen schönen, roten Blasemund aufmalen?“</p>
<p>„Meinst du, dass das bei mir zu viel ist?“</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><strong>Sven</strong></p>
<p>„Ein Knopf mehr würde nicht schaden, Sven. Glaub mir. Frauen sagen nur, dass ihnen das zu prollig aussieht, aber insgeheim stehen sie doch drauf.“</p>
<p>„Meinst du?“</p>
<p>„Und du solltest vielleicht auch die Ärmel hochkrempeln, das wirkt dann dynamischer. Das signalisiert, dass du einer bist, der zupacken kann.“</p>
<p>„Ich bin Programmierer, Maik.“</p>
<p>„Das ist doch völlig egal. Willst du nicht doch was von meinem Rasierwasser nehmen? Das ist echt gut. Die Frauen stehen drauf, glaub mir. Wenn ich mit dem Duftwasser losgegangen bin, ist bei mir bisher immer was gelaufen.“</p>
<p>„Ja, die Tränen in den Augen der Frauen. Du stinkst zehn Meter gegen den Wind.“</p>
<p>„Dann weiß wenigstens jede, dass ich da bin. Ich kann dir auch eine von meinen Ketten leihen.“</p>
<p>„Lass mal. Ich würde schon gerne als Sven zu der Party gehen. Karneval probier ich es dann vielleicht mal als Zuhälter.“</p>
<p>„Dann geh halt los, wie du willst. Aber lieg mir nachher nicht in den Ohren, dass die Party langweilig ist, weil du den ganzen Abend alleine in der Ecke stehst. Und krieg&#8217;s endlich mal hin, eine Frau anzusprechen. Ich weiß gar nicht, was du daran so schwer findest. Du bist doch sonst nicht so schüchtern. Ein flotter Spruch, und das Eis ist gebrochen. Willst du meinen hören?“</p>
<p>„Oh, hast du was Neues? Nicht mehr, ich steh im Telefonbuch unter H wie Hengst?“</p>
<p>„Pass auf: Was immer auch Drogen mit dir anstellen können – ich kann es mit meiner Zunge!“</p>
<p>„Wahnsinn, Maik. Der reine Wahnsinn. Ich bin wirklich tief beeindruckt.“</p>
<p>„Hast du eigentlich mal bei Facebook geguckt.“</p>
<p>„Was sollte ich da gucken?“</p>
<p>„Hatte ich dir doch gemailt, dass die Party drin steht, samt Gästeliste. Wenn du deine Hausaufgaben nicht machst, kann ich dir auch nicht helfen.“</p>
<p>„Die muss wohl in meinem Spam-Ordner gelandet sein. Was sollte ich da für Hausaufgaben machen?“</p>
<p>„Ich habe die Gästeliste gescannt. Und dann das Profil von drei Frauen ausgecheckt, die heute auch kommen. Und jetzt weiß ich zum Beispiel, dass eine Petra kommt, die Kunst und französische Literatur mag, und eine Yvonne, die auf Ibiza steht. Und auf roten Lippenstift, zumindest auf dem Foto.“</p>
<p>„Dann ist diese Petra ganz klar dein Zielobjekt heute. Kunst und französische Literatur ist doch genau dein Ding.“</p>
<p>„Spaßvogel. Ich habe jetzt wenigstens einen Aufhänger, um ins Gespräch zu kommen.“</p>
<p>„Wer war denn Nummer 3?“</p>
<p>„Ah, jetzt interessiert es dich also doch. Die hieß Julia, den Rest hab ich vergessen. War nicht so mein Typ. Foto mit Rollkragenpullover.“</p>
<p>„Dann ist es doch Petra. Maik und die französische Literatur. Das wird spannend. Was wirst du denn sagen? Hach, es ist schon wieder so spät. À la recherche du temps perdu. Sie fließt dahin und wenn man nicht aufpasst, ist das Leben vorbei, ehe man gelebt hat. Lust zu ficken?“</p>
<p>„Ja, ungefähr so. Nur den französischen Kram lass ich weg.“</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><span style="color: #ff0000;"><strong>Party 1. Akt</strong></span></p>
<p><strong>Julia</strong></p>
<p>„Ich glaube nicht, dass ich hier lange bleiben will, Yvonne. Guck dir mal die Typen hier an. Das geht gar nicht. Der eine da vorne hat Sandalen an. Wenn die hier nachher Santana spielen und einer von diesen Typen barfuß tanzt, dann gehe ich sofort!</p>
<p>„Wir sind doch gerade erst gekommen. Jetzt holen wir uns erst mal was zu trinken, und dann gucken wir uns mal ein bisschen um. Sind ja noch gar nicht so viele da. Und ein paar sahen bei Facebook ganz nett aus.“</p>
<p>„Wo?“</p>
<p>„Bei Facebook. Jetzt sag nicht, du hast da nicht geguckt.“</p>
<p>„Ach, Facebook. Das wird doch auch überschätzt. Was willst du trinken?“</p>
<p>„Sekt, was denn sonst.“</p>
<p>„Na ja, die haben hier auch Cocktails. Ich glaube, ich hol mir einen Mojito. Den Scheiß hier werde ich nur im Suff ertragen können.“</p>
<p>„Ach, komm. Guck mal, der da hinten sieht doch beispielsweise gar nicht so schlecht aus.“</p>
<p>„Wen meinst du, Yvonne? Den mit dem offenen Hemd, den hochgekrempelten Ärmeln, dem Kettchen und dem Gel im Haar? Oder den daneben, mit dem einen offenen Knopf, ohne Kettchen und ohne Gel? Nein, warte, lass mich raten. Nein, ist eh schon klar. Okay, ich hol mal was zu trinken, sonst halt ich das alles nicht aus.“</p>
<p>„Warte, ich komme mit. Wäre der ohne Gel nicht was für dich, Julia?</p>
<p>„Der ist blond. Steh ich nicht so drauf.“</p>
<p>„Ergebnisoffen, Julia! Denk dran. Du könntest doch wenigstens so zweimal oder dreimal an ihm vorbeigehen. Vielleicht spricht er ja dich an.“</p>
<p><a href="http://www.stadtkind-hannover.de/wp-content/uploads/2011/08/36-42_SK_Juli_2011-1_72.jpg"><img class="alignright size-medium wp-image-13385" title="flirten" src="http://www.stadtkind-hannover.de/wp-content/uploads/2011/08/36-42_SK_Juli_2011-1_72-300x203.jpg" alt="" width="300" height="203" /></a>„Geh du doch an dem anderen vorbei. Ist doch genau dein Typ. Die schleimige Variante, so der Guttenberg-Style. Ich weiß auch schon, was der zu dir sagen wird. Dein Vater muss ein Dieb gewesen sein, der die Sterne vom Himmel gestohlen und in deine Augen gelegt hat. Pass auf, der Spruch wird kommen. Und dann wird er dir erzählen, dass er Chirurg ist. Und nach fünf Minuten, dass er gerne mal an deinem Herzen operieren würde.“</p>
<p>„Meinst du, dass der Chirurg ist?“</p>
<p>„Ganz bestimmt, Yvonne.“</p>
<p>„Warte mal, ich guck mal eben. Falls ich hier ein Netz kriege.“</p>
<p>„Ich brauche jetzt erst mal was zu trinken.“</p>
<p>„Oh, niedlich. Nein, kein Chirurg. Er ist Grafiker. Du hast Glück, ich bin Single, schreibt er. Der weiß, was er will.“</p>
<p>„Ja, da kann man sich ziemlich sicher sein. Das weiß der ganz genau. Und morgen früh will er von dir einen heißen Kaffee, dem du ihn ans Bett bringen darfst. So, hier ist dein Sekt.“</p>
<p>„Ich geh jetzt mal an dem vorbei. Mal sehen, ob er guckt. Und du kommst gleich hinterher, und sagst mir, ob er geguckt hat. Okay, Julia?</p>
<p>„Was auch immer.“</p>
<p><strong>+</strong></p>
<p>„Und, hat er geguckt?</p>
<p>„So, wie du an dem vorbeigegangen bist, hatte er ja gar keine andere Wahl, Yvonne.“</p>
<p>„Der riecht ziemlich gut, finde ich.“</p>
<p>„Nein, Yvonne, er stinkt zehn Meter gegen den Wind nach Rasierwasser.“</p>
<p>„Der andere ohne Gel hat übrigens dir nachgesehen. Und er guckt gerade schon wieder.“</p>
<p>„Wieso grinst du denn jetzt so grenzdebil?“</p>
<p>„Weil der mit Gel mir gerade zulächelt.“</p>
<p>„Na, dann ist die Sache ja schon so gut wie gelaufen. Ich den ohne Gel, du den mit Gel. Wollen wir gleich rübergehen, oder wollen wir erst noch Kondome auf der Toilette ziehen? Was meinst du?“</p>
<p>„Hihi, du mit Gel und ich ohne?“</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><strong>Sven</strong></p>
<p>„Ich glaube nicht, dass ich hier lange bleiben will, Maik.“</p>
<p>„Hast du die gesehen, die gerade hier vorbei ist?“</p>
<p>„Wen, Yvonne, die auf Ibiza steht? Das war sie doch, oder?“</p>
<p>„Ja, das war sie. Hast du ihre Lippen gesehen?“</p>
<p>„Die hat dich gerade fast umgerannt, Maik. Da hätte ich die Lippen und den Rest wohl kaum übersehen können.“</p>
<p>„Die andere, die danach kam, das ist diese Julia mit dem Rollkragenpullover.“</p>
<p>„Heute hat sie aber keinen an.“</p>
<p>„Dass du das bemerkt hast&#8230; Du solltest ihr beim nächsten Mal aber besser nicht so offensichtlich hinterher gaffen, Sven. Frauen wollen zuerst immer ganz gerne ein bisschen  ignoriert werden. Dann denken sie nämlich darüber nach, ob der Mann, der sie da gerade nicht beachtet, sie vielleicht doch mag. Da gab&#8217;s mal so eine Studie in Amerika. Wenn du ihr so nachgeiferst, denkt sie nur, dass du ein notgeiler Arsch bist.“</p>
<p>„Ich hab ihr doch gar nicht hinterher gegafft. Ich habe mich nur über das Kleid gewundert, weil du was von einem Rollkragenpullover erzählt hast.“</p>
<p>„Sicher, Sven. So, ich werde der lieben Yvonne jetzt mal kurz mein charmantes Lächeln schenken.“</p>
<p>„Sieht für mich reichlich grenzdebil aus, dein charmantes Lächeln.“</p>
<p>„Aber sie lächelt zurück.“</p>
<p>„Ja. Sieht für mich auch ziemlich grenzdebil aus. Hast du mal bei Facebook nachgesehen, was die beruflich macht. Nicht, dass dich die Geschichte am Ende noch Geld kostet.“</p>
<p>„Sie arbeitet bei einer Versicherung.“</p>
<p>„Siehst du. Sag ich doch. Was ist denn jetzt eigentlich mit dieser Petra? Ein bisschen Lippenstift und die französische Literatur ist abgemeldet, oder was?“</p>
<p>„Die steht da hinten. Nein weiter rechts.“</p>
<p>„Die hat einen Rollkragenpullover an.“</p>
<p>„Ja, und damit kannst du sie abhaken. Frauen, die keine Haut zeigen, haben auch kein Interesse, dass irgendwas laufen könnte. Bei Frauen, die viel Haut zeigen, geht immer was. Und bei Frauen, die zu viel Haut zeigen, kostet der Spaß Geld. Ganz einfach. Klare Regeln. Dazu gibt’s auch eine Studie aus Amerika.“</p>
<p>„Es gibt zu jedem Scheiß eine Studie aus Amerika, Maik.“</p>
<p>„Bei deiner Julia kannst du dir jedenfalls ziemlich sicher sein, dass heute was gehen könnte. Wenn die sonst Rollkragenpullover trägt und sogar so ein Bild bei Facebook reinstellt, und heute Haut zeigt, dann geht was!“</p>
<p>„Da geht gar nichts. Sie wird gerade schon angebaggert.“</p>
<p>„Ja, von einem Typen mit Halbglatze und Sandalen an den Füßen. Aber ist ja kein schlechter Test. Wenn sie länger als 30 Sekunden mit dem redet, hat sie &#8216;ne Vollklatsche, dann kannst du sie von der Liste streichen.“</p>
<p><strong>+</strong></p>
<p>„Zehn, elf, zwölf&#8230;“</p>
<p>„Du solltest ein bisschen optimistischer sein, Sven.“</p>
<p>„Zweiundzwanzig, dreiundzwanzig&#8230;“</p>
<p>„Sechsundzwanzig, und da geht er er hin. Julia ist wieder im Rennen. Wenn der Lippenstift gleich noch mal vorbei kommt, dann quatsch ich sie an. Du kannst dann ja die Gelegenheit nutzen, und mit Julia ins Gespräch kommen. Oder du lauscht erst mal dem Meister, und versuchst es dann danach.“</p>
<p>„Dann mach dich mal bereit, großer Meister. Die beiden machen sich gerade auf den Weg.“</p>
<p><strong>GAH, Fotos: MST</strong></p>
<p><em>Im August folgt der Rest, samt Nachspiel&#8230;</em></p>
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		</item>
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		<title>keine strahlende zukunft für keine strahlende zukunft?</title>
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		<pubDate>Wed, 01 Jun 2011 09:57:38 +0000</pubDate>
		<dc:creator>wolke</dc:creator>
				<category><![CDATA[titel]]></category>
		<category><![CDATA[2011-06]]></category>

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		<description><![CDATA[Es ist alles nicht so einfach. Da ist man als alter Atomkraft-Skeptiker froh über den nahen Ausstieg in Deutschland – und hört nun ständig, dass dieser Ausstieg auch so ein paar Schattenseiten haben soll. Nicht allein, was die Kosten angeht, die der Bürger am Ende mittragen muss, entweder als Steuerzahler oder als Stromverbraucher]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>…oder warum der ausstieg für manche gar nicht lange genug dauern kann</p>
<p><a href="http://www.stadtkind-hannover.de/wp-content/uploads/2011/08/30-43_SK_Juni_2011_723.jpg"><img class="alignright size-medium wp-image-13302" title="Keine strahlende Zukunft?" src="http://www.stadtkind-hannover.de/wp-content/uploads/2011/08/30-43_SK_Juni_2011_723-167x300.jpg" alt="" width="167" height="300" /></a>Es ist alles nicht so einfach. Da ist man als alter Atomkraft-Skeptiker froh über den nahen Ausstieg in Deutschland – und hört nun ständig, dass dieser Ausstieg auch so ein paar Schattenseiten haben soll. Nicht allein, was die Kosten angeht, die der Bürger am Ende mittragen muss, entweder als Steuerzahler oder als Stromverbraucher. Bei diesem Thema wechseln sich Regierung und Energiekonzerne ja gerade ab, mit schrecklich teuren Prognosen, mit immer neuen Berechnungen, nach dem Motto: „Das habt ihr jetzt davon, ihr wollt das ja unbedingt so!“ Allein das würde eigentlich schon reichen zur Verunsicherung (und es reicht bereits für einige, aus dem klaren „Nein“ ein „Vielleicht doch besser mit ein bisschen mehr Geduld“ zu machen). Es gibt daneben aber noch ein paar andere Geschichten, die allmählich in die Debatte sickern. Der schnelle Ausstieg, so hört man, wäre gleichzeitig auch ein Ausstieg aus dem Klimaschutz, denn um die kurzfristig abgeschalteten Atomkraftwerke zu ersetzen, müssten jetzt wieder neue Kohlekraftwerke ans Netz – und dazu gäbe es erst mal keine Alternative. Und dann gibt es da noch den drohenden Untergang der deutschen Wirtschaft, weil wir hier freiwillig auf diese „Spitzentechnologie“ verzichten, während unsere Nachbarn in Europa und der Rest der Welt gar nicht daran denken, auch nur einen Meiler abzuschalten. Die hätten im Wettbewerb künftig natürlich einen dicken Vorteil. Kurz, Strom wird demnächst teurer, wir verpesten die Umwelt, und Deutschland stellt sich wirtschaftlich ins Abseits. Keine strahlende Zukunft für keine strahlende Zukunft, so könnte man all das zusammenfassen.</p>
<p>Und jetzt? Könnte man einfach sagen, all das ist Propaganda der Atomlobby, um am Ende den vollständigen Ausstieg, wenn nicht zu verhindern, so doch hinauszuzögern. Oder man glaubt den „vernünftigen“ Stimmen, die einen überlegten Ausstieg fordern und mit schnellen Entscheidungen ihre Schwierigkeiten haben. Wem soll man glauben? Was ist dran an den Argumenten der Ausstiegsskeptiker? Und was ist dran an den ohne Zweifel wunderschönen Prophezeiungen von Organisationen wie beispielsweise Greenpeace, die in ihrem Konzept mit dem Titel „Der Plan“ die Wende zu ausschließlich regenerativen Energien bis 2050 in Deutschland für machbar halten? D.h. kompletter Ausstieg nicht nur aus der Atomenergie, sondern auch aus Kohle, Öl und Gas. Ist das wirklich realistisch? Und sinnvoll? Oder werden da nur schöne Zukunftsszenarien entworfen, um jetzt den schnellen Ausstieg durchzudrücken, ohne ein wirklich durchdachtes und tragfähiges Energiekonzept? Es ist gar nicht so leicht, sich durch den Informationswirrwarr zu kämpfen, der von beiden Seiten tagtäglich veröffentlicht wird. Was stimmt, was sind gesicherte Fakten, was ist bewusste Fehlinformation? Nach dem GAU in Fukushima haben wir augenblicklich einen Informations-GAU. Wie teuer wird der Ausstieg? Geht er zu Lasten des Klimaschutzes? Bringt er für Deutschland wirtschaftliche Nachteile? Das sind die drei Kernfragen der Debatte. Und auf jede dieser Fragen gibt es tausende Antworten.</p>
<p><span style="color: #ff0000;">Es geht um Macht und Geld</span></p>
<p>Da hilft es, sich mal grundsätzlich zu besinnen und zum Ausgangspunkt der Diskussion zurückzukehren. Wer diskutiert eigentlich mit wem, bzw. worum geht es den beiden Seiten prinzipiell, beispielsweise einer Organisation wie Greenpeace auf der einen und RWE auf der anderen Seite? Bei Greenpeace ist das schnell geklärt. Wenn man davon ausgeht, dass alle herkömmlichen Energie-Ressourcen, also Kohle, Öl und Gas, aber auch Uran, irgendwann verbraucht sein werden, Wasser, Wind und Sonne dagegen unbegrenzt zur Verfügung stehen, dann wird die Energiegewinnung aus diesen Quellen irgendwann die Zukunft sein. Und so liegt es nahe, so früh wie möglich umzusteuern, auch angesichts der CO²-Emissionen und der Risiken bei der Atomenergie. Bei den großen Energiekonzernen bezweifelt ebenfalls kaum jemand, dass irgendwann (die Berechnungen sind so zahlreich wie unterschiedlich) das Ende der herkömmlichen Energie-Ressourcen kommen wird. Allerdings geht es diesen Unternehmen nicht um einen frühen Umstieg auf regenerative Energien, sondern um einen möglichst langsamen Übergang. Und auch das hat gute Gründe. Es geht um Geld und Macht. Um sehr viel Geld und sehr viel Macht.</p>
<p><a href="http://www.stadtkind-hannover.de/wp-content/uploads/2011/08/30-43_SK_Juni_2011-1_72.jpg"><img class="alignleft size-medium wp-image-13303" title="Keine strahlende Zukunft?" src="http://www.stadtkind-hannover.de/wp-content/uploads/2011/08/30-43_SK_Juni_2011-1_72-107x300.jpg" alt="" width="107" height="300" /></a>In Deutschland beherrschen die vier Unternehmen E.ON, RWE, EnBW und Vattenfall Europe etwa 80 Prozent des deutschen Strommarktes. Sie betreiben die großen Kraftwerke und die Hochspannungsnetze. Die übrigen 20 Prozent halten regionale, kleine Versorgungsunternehmen, also beispielsweise Stadtwerke. Die vier großen Konzerne, das ist völlig nachvollziehbar, haben selbstverständlich kein Interesse daran, dass sich an diesem Verhältnis etwas ändert, auch nicht langfristig. Das Modell der dezentralen Energieversorgung mit kleinen Anlagen in Verbrauchernähe ist diesen großen Unternehmen naturgemäß ein Dorn im Auge. Je mehr solche kleinen Anlagen ans Netz gehen, desto weniger wird bei den vier großen Konzernen verdient. Und gleichzeitig verlieren sie entsprechend an Macht. Um dem entgegenzusteuern, müssen die vier großen Konzerne auf der einen Seite blockieren, beispielsweise beim Netzausbau. Auch und vor allem, um Zeit zu gewinnen, denn die Entwicklung beispielsweise bei der Windenergie verläuft viel rasanter als erwartet. Um auf der anderen Seite eigene Konzepte zu forcieren, beispielsweise große Offshore-Windparks. Es geht den großen Unternehmen also augenblicklich bei allen Diskussionen zur Energiewende um eine Verzögerung dieser Wende, zur Sicherung ihrer Anteile am künftigen regenerativen Energiemarkt. Das klingt nach Verschwörungstheorie? Nein, das nennt man schlicht Marktwirtschaft.</p>
<p>Vor diesem Hintergrund sollte man augenblicklich alle gestreuten Informationen sortieren. Man muss zum Beispiel genau hinschauen, wenn gesagt wird, dass unglaublich viele Bürgerinitiativen sich gegen neue Windparks und den Netzwerkausbau stemmen. Beim Netzwerkausbau diskutieren diese Bürgerinitiativen in der Regel mit den vier großen Netzbetreibern, und die haben wie oben beschrieben wenig Interesse an schnellen Kompromissen. Vielleicht sind es also gar nicht die Bürgerinitiativen, die dort bremsen. Aber wie gesagt, man muss auch die andere Seite kritisch hinterfragen, jene Fraktion, die ein rasantes Umsteuern fordert. Denn allzu oft werden hier die vorhandenen Verhältnisse vollständig ignoriert. Wir haben real eine Machtkonzentration bei den vier großen Konzernen und diese Konzerne reden ein gewichtiges Wörtchen mit beim künftigen Energiemix, ob man das nun gut findet oder nicht. Enteignen kann man diese Konzerne nicht. „Der Plan“ von Greenpeace kann funktionieren, das hat auch der Sachverständigenrat der Bundesregierung (SRU) bestätigt. Eine 100-prozentige Stromversorgung aus regenerativen Quellen sei bis 2050 möglich, so das Fazit eines Gutachtens des wissenschaftlichen Beirats aus dem letzten Jahr.</p>
<p>Aber nur unter der Voraussetzung, dass die vier Großen dabei mitspielen. Freiwillig werden sie das nicht tun. Und die Politik kann sie momentan nicht zwingen. Zwingen könnte sie letztlich nur die Bevölkerung, indem sie erstens am Markt nachfragt, was auf das Konto der regenerativen Energien einzahlt, auch wenn Ökostrom augenblicklich teurer ist. Indem sie zweitens in die dezentrale Energie investiert. Und indem sie drittens Strom spart. Heißt das Verzicht? Nein, denn die Einsparpotenziale zum Beispiel durch besonders effiziente Haushaltsgeräte in den privaten Haushalten sind noch längst nicht voll ausgeschöpft. Der Deutsche Caritasverband und der Bundesverband der Energie- und Klimaschutzagenturen (www.klimaschutzagentur.de) helfen einkommensschwachen Haushalten bereits mit einem kostenlosen Stromsparcheck. Energiesparlampen, Zeitschaltuhren oder schaltbare Steckerleisten mit einem Wert bis zu 70,- Euro werden dabei außerdem kostenlos verteilt. Mit unglaublichem Erfolg. Etwa 13 Prozent Strom sparen die Haushalte nach dieser Beratung im Durchschnitt und damit jährlich über 80 Euro. Dieses Programm müsste dringend ausgebaut werden, es erreicht augenblicklich nur 50.000 Haushalte, während etwa vier Millionen Haushalte als arm gelten. Die Zahlen zeigen nebenbei natürlich auch, welche Einsparpotenziale darüber hinaus bei den besser gestellten Haushalten möglich wären. So sich denn jemand in diesen besser gestellten Haushalten für die paar Euro interessiert. Und hier liegt wohl das Hauptproblem bei der eigentlich möglichen und vernünftigen Wende zu ausschließlich regenerativen Energien aus möglichst dezentralen Quellen. Die Politik hat nur sehr eingeschränkte Handlungsspielräume, und die Energiekonzerne verfolgen ihre eigenen Ziele. Notwendig wäre deshalb, dass sich in der Bevölkerung schleunigst die Erkenntnis durchsetzt, dass man es eigentlich selbst in der Hand hat. Wie, dazu mehr am Ende dieses Artikels.</p>
<p>Doch zuerst noch mal zurück zur aktuellen Debatte um den schnellen Ausstieg und vielleicht doch nicht so schnellen Ausstieg. Wie gesagt, da wird momentan unglaublich viel berichtet und publiziert. Derart viel, dass es immer schwieriger wird, den Überblick zu behalten und sich aus all dem eine Meinung zu bilden. Kompliziert scheinen die Berechnungen zu den künftigen Strompreisen, alarmierend sind die Mahnungen aus der Wirtschaft zur künftigen Wettbewerbsfähigkeit ohne Atomenergie und nachdenklich machen die Hinweise, dass bei einem schnellen Atomausstieg die Kohlekraft in Deutschland die „Versorgungslücke“ schließen muss, mit entsprechend unschönen Auswirkungen auf die Klimabilanz. Man spürt bereits die Effekte dieser Informationsflut. Man kann es schon fast nicht mehr hören, wendet sich allmählich ab. Und gleichzeitig verblassen die Eindrücke der Katastrophe in Fukushima, obwohl das Thema uns jeden Tag weiter begleitet. Die Lage dort gerät mehr und mehr zur tagtäglichen Randnotiz. Umgekehrt mehren sich mit der allmählichen Abkühlung der Emotionen die kritischen Stimmen zum schnellen Ausstieg sowie die Bereitschaft, diesen Stimmen zuzuhören. „An so einem Tag darf man sicher nicht sagen, unsere Atomkraftwerke sind sicher“, hat Angela Merkel vor ein paar Wochen nach dem GAU in Japan gesagt. Um dann leiser aber schleunigst hinzuzufügen: „Sie sind sicher.“ Heute kann man diesen letzten Satz ruhig laut sagen, er ist schon wieder gesellschaftsfähig. Die Zeit ist ein starker Verbündeter der großen Energiekonzerne. „Deutsche Atomanlagen sind weitaus ungefährlicher als so manche Anlagen in unseren Nachbarländern, und nicht gefährlicher als vor Fukushima. Man darf jetzt nicht hysterisch reagieren, sich nicht der „German Angst“ hingeben. Man muss an die Kosten denken.“ Diese Sätze sagt inzwischen irgendwer, irgendwo jeden Tag. Und allmählich bestimmen sie die Debatte. Alarmierende Artikel zu den Auswirkungen eines schnellen Ausstiegs, auf den ersten Blick faktisch gut recherchiert, untermauern dazu die These, dass der Ausstieg nicht schnell, sondern vor allem vernünftig vollzogen werden muss. Auch sie sind ein guter Verbündeter der großen Energiekonzerne. Wir haben uns mal einen solchen Artikel angesehen.</p>
<p><span style="color: #ff0000;">Fakten, Fakten, Fakten!</span></p>
<p><a href="http://www.stadtkind-hannover.de/wp-content/uploads/2011/08/30-43_SK_Juni_2011-2_72.jpg"><img class="alignright size-medium wp-image-13304" title="Keine strahlende Zukunft?" src="http://www.stadtkind-hannover.de/wp-content/uploads/2011/08/30-43_SK_Juni_2011-2_72-271x300.jpg" alt="" width="271" height="300" /></a>Herausgegriffen haben wir einen Beitrag in der ZEIT vom 22. April 2011 mit dem Titel „Der Himmel über dem AKW“, in dem Frank Drieschner schreibt, dass Deutschland mit dem schnellen Ausstieg aus der Kernenergie gleichzeitig auch aus dem Klimaschutz aussteigen würde. Es beginnt mit einer Busreise für Atomkraftgegner, organisiert von einer imaginären Klimaschutzbewegung. Los geht’s beim Steinkohlekraftwerk in Walsum (750 Megawatt), dann nach Datteln (1000 Megawatt) und weiter nach Hamm/Westfalen (1640 Megawatt). Die Reiseleiterin spricht hier von einem echten Riesen, der so viel CO² ausstoßen würde wie Bolivien. Dann schnell nach Lünen (750 Megawatt) und schließlich nach Neurath: Braunkohle, 2200 Megawatt. All diese Kraftwerke seien am Netz, so folgt die Belehrung der Reiseleiterin, weil die Atomkraftgegner so schnell raus wollten aus der Atomenergie. Was folgt ist Empörung auf Seiten der Atomkraftgegner. Man habe diese Dreckschleudern nicht gewollt, man habe Wind und Sonne ausbauen wollen, für die Kohlekraftwerke seien ja wohl die großen Energiekonzerne verantwortlich. Weit gefehlt, sagt Drieschner, bei einem schnellen Ausstieg wie jetzt geplant, müssten diese Kraftwerke zwangsläufig ans Netz. Und er holt sich Rückendeckung. Das Ökoinstitut in Darmstadt, das Umweltbundesamt in Dessau, der Wissenschaftliche Beirat der Bundesregierung, sie alle wären zu dem gleichen Ergebnis gekommen: „Wind und Sonne mögen die ferne Zukunft der Stromversorgung sein. Zu einem schnellen Ausstieg aus der Atomkraft tragen sie wenig oder nichts bei.“ Auch Greenpeace würde in seinem jüngsten Konzept vier der neuen Kohlekraftwerke stillschweigend einrechnen, so Drieschner. Weiter geht’s mit noch ein paar Kohle-Stationen, nebenbei liest man den Hinweis, dass es für die Klimabilanz des Ausstiegs unerheblich sei, ob er den Bau zusätzlicher Kraftwerke bewirke oder die Abschaltung alter Kohlemeiler verhindere, und dann folgt ein weiterer, bemerkenswerter Satz: „Entscheidend ist allein, dass keines der neuen Kraftwerke gebraucht würde, wenn die Atomgegner bereit wären, mit dem Ausstieg zu warten, bis die neuen Energieträger die Nukleartechnik ablösen könnten.“ So sieht’s also aus. Wir schalten die Atomenergie zu schnell und zu früh ab.</p>
<p>Und Drieschner legt nach. Bis 2020, so habe die Bundesnetzagentur berechnet, würden 14 Gigawatt Kohlekraft zusätzlich ans Netz gehen und das entspräche genau der Leistung jener 13 Atomkraftwerke, die nach dem rot-grünen Konsens bis zu diesem Zeitpunkt abgeschaltet werden sollten. Und nach all dem stellt Drieschner nun Fragen: Wie konnte im umweltbewussten Deutschland der Atomausstieg zum Klimafrevel verkommen? Ohne dass das im Lager der Atomkraftgegner auch nur zur Kenntnis genommen wurde?</p>
<p>Wir fassen erst mal zusammen: Schneller Ausstieg bedeutet mehr CO² in der Luft. Und formulieren bereits Einwände im Hinterkopf. Produzieren Atomkraftwerke nicht auch CO²? Vielleicht nicht direkt, aber doch sehr wohl bei der Produktion von Uran. Produziert nicht auch ein Endlager CO²? Vielleicht nicht viel, aber sehr, sehr lange. Und überhaupt, unterschätzt Drieschner bei all dem nicht insgesamt das Wachstum der regenerativen Energien? Der Autor scheint unseren Hinterkopf zu kennen. Und führt die von ihm entlarvte Unachtsamkeit gegenüber dem Klima zuerst mal auf die Aufmerksamkeit zurück, die das Wachstum regenerativer Energien in den Medien genieße. Sieben von zehn Bürgern glauben, so Drieschner, dass in vier Jahren die Sonnenenergie einen wichtigen Beitrag zur Stromversorgung leisten werde. Real liege der Marktanteil heute aber gerade erst bei knapp zwei Prozent. Auf der anderen Seite nehme nur jeder Zehnte an, Braun- und Steinkohle (mit einem Viertel und einem Fünftel Anteil am heutigen Bedarf) würden in vier Jahren noch eine wichtige Rolle spielen. Und auch beim Thema CO²-Ausstoß der Atomenergie findet er deutliche Worte. Diese Behauptung sei unseriös, sagt er, und im Internet ist dazu ein Link eingerichtet, zu einem Interview mit Patrick Moore, Mitbegründer von Greenpeace Deutschland, inzwischen ausgestiegen, der in diesem Interview allerdings nichts zum CO²-Ausstoß der Atomenergie sagt, aber anregt, aus Klimaschutzgründen neue Atomkraftwerke zu bauen. Wir notieren uns die Frage, wie viel CO² ein Atomkraftwerk tatsächlich produziert. Und lesen erst mal weiter. Drieschner nimmt in der Folge noch schnell den Emissionshandel aufs Korn (für alle, die denken, dass ein bisschen mehr CO² nicht so schlimm sei, weil man das ja global ausgleichen könne). Er erinnert daran, wie verschwenderisch man diese Zertifikate verteilt habe, dass die Industrie inzwischen gewaltige Vorräte horte, und dass der Clean Development Mechanism (CDM), der Mechanismus für umweltverträgliche Entwicklung, ein längst entlarvter Schwindel sei. Zur Erklärung: Es geht beim CDM kurz gesagt um die Möglichkeit, dass ein Industrieland, das sich im Kyoto-Protokoll auf eine Reduktion vertraglich festgelegt hat, von einem Entwicklungsland, das nicht reduzieren muss, Zertifikate erwirbt, und diese Zertifikate stehen dann für eine Reduktion im Entwicklungsland, bei einem Projekt, das noch Zukunft ist. Es werden also reale Emissionen gegen hypothetische Einsparungen gehandelt. Dieser Emissionshandel ist tatsächlich äußerst fragwürdig. Drieschner zitiert dazu noch eine Untersuchung der britischen Umweltorganisation Sandbag, die besagt, dass Europa seine Emissionen noch jahrelang steigern könne, ohne dass die Zertifikate knapp würden.</p>
<p>Sein Fazit ist klar: Wir fahren weiter dicke Autos und steigen aus der Kernenergie aus, den dadurch verursachten Klimawandel baden die Afrikaner, Inder, Inselbewohner aus. Dann folgt bei Drieschner noch die Frage, die sich gerade sehr viele Menschen in Deutschland stellen. Trotz allem, wie könne man nach Fukushima noch für Atomkraft sein? Und er beantwortet diese Frage mit einer simplen Feststellung: Der Klimawandel sei insgesamt weitaus gefährlicher.</p>
<p><a href="http://www.stadtkind-hannover.de/wp-content/uploads/2011/08/30-43_SK_Juni_2011-3_72.jpg"><img class="alignleft size-medium wp-image-13305" title="Keine strahlende Zukunft?" src="http://www.stadtkind-hannover.de/wp-content/uploads/2011/08/30-43_SK_Juni_2011-3_72-300x277.jpg" alt="" width="300" height="277" /></a>Zuletzt knöpft sich Drieschner dann noch die deutschen Klimaschutzbemühungen vor. Minus vierzig Prozent Treibhausgase bis 2020, gemessen an 1990, das sei eine starke Ansage bei all den übermotorisierten Autos, der kohlelastigen Stromproduktion, und mehr Kohlendioxidausstoß pro Kopf als bei den meisten anderen Europäern. Bereits vor drei Jahren habe dazu das Umweltbundesamt errechnet, wie das schöne Ziel trotz des rot-grünen Ausstiegsbeschlusses noch zu erreichen wäre, und sei zu dem Ergebnis gekommen, dass das praktisch im Grunde unmöglich, theoretisch aber gerade noch denkbar sei. Allerdings bei maximal vier neuen Kohlekraftwerken am Netz bis 2020 mit einem bislang unvorstellbaren Effizienzniveau und einer vollständigen Modernisierung des deutschen Kohlekraftwerksparks aus dem vergangenen Jahrhundert. Und Drieschner stellt die Frage, die sich gerade sehr viele Menschen stellen: Wer ist bereit, diese notwendigen und gewaltigen Investitionen zu bezahlen? Zitat: „Die große Mehrheit der Atomkraftgegner sicher nicht. Deren Zahlungsbereitschaft ist gewöhnlich schon erschöpft, wenn man ihnen vorschlägt, daheim für 0,6 zusätzliche Cent pro Kilowattstunde Ökostrom zu beziehen, um den Ausbau erneuerbarer Energieträger zu fördern. Drei Viertel der Deutschen, grob geschätzt, wollen die Atomkraftwerke abschalten. Ungefähr sechs Prozent beziehen Ökostrom.“ Sein Resümee ist eindeutig und verheerend, der schnelle Ausstieg bedeutet mehr Kohlekraftwerke am Netz: „Deutschland steigt nicht nur aus der Atomkraft aus, sondern auch aus dem Klimaschutz.“</p>
<p><span style="color: #ff0000;">Faktisch korrekt und trotzdem fragwürdig</span></p>
<p>Und nun? Sind wir erst mal sprachlos. All das liest sich gut, die Fakten berufen sich auf große Namen, das Ökoinstitut in Darmstadt, das Umweltbundesamt in Dessau und der Wissenschaftliche Beirat der Bundesregierung schinden auch bei uns Eindruck. Auf die Schnelle fällt uns zunächst nur die Frage ein, wie viel CO² ein Atomkraftwerk tatsächlich produziert. Denn falls die CO²-Emissionen mit denen der Kohlekraft vergleichbar wären, könnten wir den Artikel ja beruhigt beiseite legen. Sind sie aber nicht. Zwar produzieren moderne Kohlekraftwerke bereits sehr viel weniger CO², und die Atomkraft ist nicht so sauber, wie oft gesagt wird (beispielsweise erfordert die Aufbereitung von Uranerz Schwefelsäure, manchmal auch Soda, Natronlauge und Ammoniak und die Herstellung dieser Substanzen ist recht energieintensiv, hinzu kommt die Kühlung der Brennstäbe über zehn bis zwanzig Jahre und die Endlagerung), aber all das zusammen reicht nicht, vergleichbar sind Kohle und Atomkraft in diesem Fall nicht. Und so ergeht es einem eigentlich mit jedem Argument, das Drieschner ins Feld führt. In sich ist der Artikel zunächst logisch und kaum angreifbar. Dass man ihn trotzdem äußerst fragwürdig finden sollte, erschließt sich erst, wenn man wieder zum Ausgangspunkt der Diskussion zurückkehrt. Alle Kohlekraftwerke, die demnächst ans Netz gehen, sind weit vor dem Moratorium, die meisten weit vor dem rot-grünen Ausstiegskompromiss in der Planung gewesen. Und nahezu alle großen Kohlekraftwerke gehören E.ON, RWE, EnBW und Vattenfall Europe. Zu suggerieren, dass sie nun ans Netz gehen oder wieder ans Netz gehen, weil die Atomkraftgegner zu schnell abschalten wollen, ist grundfalsch. Sie wären ohnehin ans Netz gegangen, allein schon, weil man Strom im Zweifel auch exportieren kann. Sie waren zudem nie als Ersatz für Atomkraftwerke gedacht. Die Kohlekraft ist in Deutschland seit Jahrzehnten stark subventioniert, mit dieser Energie ließ sich schlicht viel Geld verdienen. Nicht so viel wie mit abgeschriebenen Atomkraftwerken, aber weit mehr als mit Gas, Geothermie, Gezeitenkraftwerken oder Offshore-Windparks. Zudem zementiert jedes große Kohlekraftwerk die zentralisierte Energieerzeugung in Deutschland. Die vier großen Energiekonzerne haben also aus rein marktwirtschaftlicher Sicht logisch und folgerichtig gehandelt – freilich ohne dabei besonderen Wert auf den Klimaschutz zu legen. Was richtig bleibt: Natürlich wird die Kohleenergie bei einem schnellen Ausstieg einen Teil der Energieversorgung übernehmen müssen. Doch dass das so ist, liegt nicht am schnellen Ausstieg, sondern an der verfehlten Energiepolitik der vergangenen Jahre und Jahrzehnte in Deutschland. Zu versuchen, den schwarzen Peter dafür jetzt den Atomkraftgegnern in die Schuhe zu schieben, ist deshalb amüsant bis dreist. Erfüllt dabei aber trotzdem einen Zweck. Der Artikel sät Zweifel. „Sollte man den Ausstieg aus der Atomkraft angesichts der drohenden höheren CO²-Emissionen nicht doch ein bisschen langsamer angehen. Es mag ja sein, dass die großen Konzerne verantwortlich sind, aber das ändert doch nichts an der Sachlage“, so könnte man argumentieren. „Zumal ja auch der Preis für Strom durch den Ausstieg steigen wird. Und wenn wir hier bei uns nicht auf die Atomkraft setzen, alle anderen aber sehr wohl, dann bringt uns rein wirtschaftlich auch die Entwicklung neuer Techniken bei den regenerativen Energien nichts, weil diese Technik ja in absehbarer Zeit niemand braucht. Wir gehen schon mal vor, aber niemand kommt hinterher, ist das der richtige Weg?“ Er ist richtig und er bleibt richtig. Und das nicht allein, weil die Atomenergie unkalkulierbare Risiken birgt, sondern weil ein schneller Ausstieg die beteiligten Akteure unter Druck setzt. Wenn sich etwas bewegen muss, bewegt sich auch etwas. Zum Beispiel die Kompromissbereitschaft der großen Konzerne in den Verhandlungen mit den Bürgerinitiativen beim Netzausbau. Deutschland hat augenblicklich die Chance zu einem weltweit einmaligen Projekt. Die Umstellung auf 100-prozentige regenerative Energieversorgung bis 2050 ist theoretisch möglich. Und sie ist praktisch machbar, wenn sich die Bevölkerung nachdrücklich mit an den Verhandlungstisch setzt.</p>
<p><span style="color: #ff0000;">Letztlich haben wir es alle selbst in der Hand</span></p>
<p><a href="http://www.stadtkind-hannover.de/wp-content/uploads/2011/08/30-43_SK_Juni_2011-4_72.jpg"><img class="alignright size-medium wp-image-13306" title="Keine strahlende Zukunft?" src="http://www.stadtkind-hannover.de/wp-content/uploads/2011/08/30-43_SK_Juni_2011-4_72-300x276.jpg" alt="" width="300" height="276" /></a>Deutschland will den Atomausstieg – aber nur, wenn er nichts kostet, diese Behauptung scheint inzwischen in Stein gemeißelt. „Drei Viertel der Deutschen, grob geschätzt, wollen die Atomkraftwerke abschalten. Ungefähr sechs Prozent beziehen Ökostrom“, schreibt Drieschner. Das ist wahr. Aber muss das für immer so bleiben? Der Wechsel zu Ökostrom ist denkbar einfach. Die Schleichwerbung für die Stadtwerke Hannover sei uns an dieser Stelle mal verziehen. enercity (www.enercity.de) bietet für Privat- und Geschäftskunden bereits seit 1999 zu 100 Prozent regenerativ erzeugten Strom an. Ökostrom, das heißt bei enercity Wasser- und Windkraft, Sonnenenergie und Biomasse. Zwei Naturstromprodukte stehen zur Verfügung: der enercity UmweltStrom, jeweils mit und ohne Förderung. Für 3 Prozent Aufpreis auf den Grundversorgungstarif (Grundpreis 66,95 Euro/Jahr; Arbeitspreis 23,11 ct/kWh) ist die erste Variante zu haben. Der enercity UmweltStrom mit Förderung kostet 3 ct/kWh mehr. Bei dieser Variante fließt ein Teil der Einnahmen in Kooperation mit der Naturstrom AG in die Förderung des Neubaus regenerativer Energieanlagen. Dieses Produkt ist übrigens mit dem Grüner Strom Label in Gold ausgezeichnet, einem Gütesiegel des Grüner Strom Label e.V. (www.gruenerstromlabel.org – hier finden sich über die Postleitzahlensuche auch weitere Anbieter). Zu teuer? Sicher nicht, wenn man gleichzeitig zum Wechsel mal ein paar Stunden darauf verwendet, die heimischen Elektrogeräte genauer unter die Lupe zu nehmen, um beispielsweise alle Geräte mit Standby-Funktion an eine Steckerleiste anzuschließen, die sich ausschalten lässt. Was bleibt, ist am Ende eine sicherlich etwas höhere Stromrechnung, aber eben auch das gute Gefühl, seinen kleinen, persönlichen Schritt in die richtige Richtung bereits erledigt zu haben. Und wer mehr tun will, kann mehr tun. Wir wollen hier jetzt gar nicht auf den enercity-Fonds proKlima (www.prolima-hannover.de) verweisen, eine in Deutschland und Europa noch immer recht einmalige Einrichtung, die pro Jahr 5,1 Millionen Euro zur Förderung von Maßnahmen zum Klimaschutz bereitstellt – denn das wäre der Schleichwerbung wohl doch zu viel. Aber es ist eben nicht so leicht, in Hannover an dieser Institution vorbeizukommen (wir haben in vergangenen Ausgaben bereits ausführlich über den vorbildlichen Sonderweg Hannovers berichtet). Wir sind im Städtevergleich insgesamt einfach recht weit vorne aufgestellt in Sachen Klimaschutz – und der hat gleichzeitig fast immer mit Energiesparen zu tun. Man kann vieles tun, was auf das gleiche Konto einzahlt. Zum Beispiel in der Stadt auf ein eigenes Auto verzichten, bzw. sich ein Auto mit anderen teilen. Wir haben die Klimaschutzagentur Region Hannover GmbH (www.klimaschutz-hannover.de), das Umweltzentrum Hannover e.V. (www.umweltzentrum-hannover.de) oder das Projekt Ökoprofit-Hannover der lokalen Agenda21 (www.oekoprofit-hannover.de). Kurz: Wer etwas tun will, muss das in Hannover nicht alleine tun. Und in der Region auch nicht. In Springe findet sich beispielsweise das Energie- und Umweltzentrum am Deister e.V. (www.e-u-z.de), das gerade sein 30-jähriges Jubiläum gefeiert hat.</p>
<p><a href="http://www.stadtkind-hannover.de/wp-content/uploads/2011/08/30-43_SK_Juni_2011-5_72.jpg"><img class="alignleft size-medium wp-image-13307" title="Keine strahlende Zukunft?" src="http://www.stadtkind-hannover.de/wp-content/uploads/2011/08/30-43_SK_Juni_2011-5_72-271x300.jpg" alt="" width="271" height="300" /></a>Es gibt, wie gesagt, noch einen weiteren, einen dritten Weg, sich aktiv für die Energiewende einzusetzen. Indem man sich ganz direkt an den regenerativen Energien beteiligt, also in die dezentrale Energie investiert. Das kann eine Solaranlage auf dem eigenen Dach sein (die KfW bietet hier nach wie vor interessante Finanzierungsmöglichkeiten), das kann auch eine Beteiligung an einem Windpark sein. Wer interessiert ist, der findet im Internet unzählige Seiten zu diesem Thema und eine Vielzahl verschiedener Investitionsmöglichkeiten – sollte aber auch mal bei seiner Hausbank fragen und vor der Investition genau recherchieren. Übrigens, wer als Hausbesitzer eine Modernisierung plant oder sich für eine Solaranlage interessiert, der findet unter www.modernisierungspartner-hannover.de eine Vielzahl von Betrieben und Dienstleistern, die sich mit solchen Maßnahmen auskennen. Alle dort Versammelten Betriebe haben bereits in diesem Bereich gearbeitet und können die Qualität ihrer Arbeit mit entsprechenden Referenzen nachweisen. Viel Spaß bei der Energiewende! Wir gehen schon mal vor. E.ON, RWE, EnBW und Vattenfall Europe können dann ja später nachkommen.</p>
<p><strong>LAK, Fotos: Jannes Frubel und Nadine Stapel</strong></p>
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		</item>
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		<title>kann das funktionieren?</title>
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		<pubDate>Sun, 01 May 2011 11:50:51 +0000</pubDate>
		<dc:creator>wolke</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Die Idee ist nicht neu, die Konzepte sind sehr unterschiedlich und die Kritiker zahlreich. Über das bedingungslose Grundeinkommen wurde und wird heiß diskutiert, es gibt unter den sogenannten Fachleuten ebenso viele Zweifler wie Befürworter.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><strong>warum das bedingungslose grundeinkommen<br />
</strong><strong>vielleicht doch keine so schlechte idee ist<br />
</strong><strong>eine begegnung mit götz werner – er hat uns<br />
(fast) überzeugt</strong></p>
<p>Die Idee ist nicht neu, die Konzepte sind sehr unterschiedlich und die Kritiker zahlreich. Über das bedingungslose Grundeinkommen wurde und wird heiß diskutiert, es gibt unter den sogenannten Fachleuten ebenso viele Zweifler wie Befürworter. Und auch in den politischen Parteien herrscht keine einheitliche Meinung. Manche prophezeien nach einer Einführung den Untergang der deutschen Wirtschaft, andere sprechen dagegen schlicht von einem notwendigen Schritt, der längst überfällig ist. Die Idee geistert in ihren verschiedenen Varianten auch durchs Internet. Während sich auf der einen Seite Initiativen formieren, die sich in ihren Gemeinden ehrenamtlich für die Idee des bedingungslosen Grundeinkommens einsetzen (auch in Hannover), kursieren daneben diverse Verschwörungstheorien, die in all dem einen Angriff der „herrschenden Klasse“ (das sind die Vertreter des Kapitals) auf die arbeitende Bevölkerung sehen. Götz Werner, Gründer des Unternehmens dm und ehemaliger Milliardär (Werner hat seine Unternehmensanteile am dm-drogerie markt inzwischen in eine gemeinnützige Stiftung übertragen), dient in diesen Theorien gerne als Vorzeige-Bösewicht, der Übles plant. Er macht sich bereits seit vielen Jahren für die Idee des bedingungslosen Grundeinkommens stark.</p>
<p>Leider – das müssen wir zugeben – ist es uns auch nach intensiver Beschäftigung mit dem Thema nicht gelungen, die Logik der Verschwörungstheorien so ganz nachzuvollziehen. Es gibt durchaus verschiedene Kritikpunkte, die immer wieder gegen die Idee ins Feld geführt werden, doch einen arglistigen Plan des Großkapitals konnten wir bei aller Liebe nicht entdecken. Falls doch was dran ist an dieser Theorie, fehlt uns ganz offensichtlich der notwendige intellektuelle Horizont. Und Götz Werner wäre dann tatsächlich ein ganz bemerkenswerter Schauspieler. Wir haben ihn in Hannover im Carrots &amp; Coffee getroffen und hatten nicht den Eindruck, dass er uns etwas verheimlicht, dass er Böses im Schilde führt. Im Gegenteil, Götz Werner brennt für die Idee und schwärmt von einem gesellschaftlichen Umbau, der allen Menschen zurückgibt, was viele in der heutigen Form des Kapitalismus längst verloren haben: ihr individuelles Recht auf Selbstbestimmung und Beteiligung am gesellschaftlichen Leben.</p>
<p>Götz Werner vertritt die Idee eines bedingungslosen Grundeinkommens verbunden mit einer reinen Konsumsteuer. Wie gesagt existieren noch zahlreiche weitere Modelle. Wir wollen und können in diesem Artikel gar nicht im Detail auf all diese unterschiedlichen Entwürfe eingehen, auf das „Solidarische Bürgergeld“ (Althaus-Modell) oder das „Ulmer Modell“, wir möchten stattdessen die Phantasie unserer Leser und Leserinnen bemühen, wir möchten dazu einladen, mit uns (und Götz Werner) eine kleine gedankliche Reise zu unternehmen. Wir wollen die Idee insgesamt vorstellen und uns eine Gesellschaft ausmalen, wie sie mit dem bedingungslosen Grundeinkommen vielleicht denkbar wäre. Erst am Ende wird es dann noch einmal um die verschiedenen Kritikpunkte gehen, und das hat einen Grund: „Wer geht dann noch arbeiten?“, wird beispielsweise besonders gerne gefragt. Aus heutiger Sicht, mit der aktuellen gesellschaftlichen Realität im Hinterkopf, hat diese Frage durchaus ihre Berechtigung. In der gedachten, neuen Gesellschaft, wie beispielsweise Götz Werner sie sich schon jetzt vorstellen kann, stellt sich diese Frage im Grunde gar nicht mehr, sie ist sozusagen obsolet. Das klingt auf den ersten Blick vielleicht ein bisschen merkwürdig, wird sich aber am Ende (hoffentlich) von selbst erschließen.<span style="color: #993300;"><strong> </strong></span></p>
<p><strong> </strong></p>
<p><strong>Das alte Versprechen</strong></p>
<p>Eine schöne Welt haben sie gemalt, die Visionäre zu Beginn des industriellen Zeitalters. Technische Entwicklungen würden irgendwann den Menschen im Arbeitsprozess überflüssig machen, Innovationen in der Agrarwirtschaft würden für Nahrungsmittel im Überfluss sorgen, am Ende schien eine Welt möglich, in der alle Menschen satt, zufrieden, frei und friedlich miteinander leben würden. Befreit vom Joch der Existenzsicherung, würde sich die Menschheit auf den Weg zu neuen Ufern begeben, alle wären irgendwann Denker und Dichter. Heute sind wir zumindest in den westlichen Demokratien nahe dran an dieser Vorstellung – und weiter davon entfernt als je zuvor. Wir produzieren Nahrung im Überfluss, derart viel, dass wir tagtäglich tonnenweise auf die Halde kippen, und wir haben den Menschen aus vielen Bereichen der industriellen Fertigung wegrationalisiert. Nur von den Dichtern und Denkern fehlt in unserer Gesellschaft zunehmend jede Spur. An irgendeiner Stelle scheinen wir falsch abgebogen zu sein. Unser Bildungssystem ist alles andere als gerecht und produziert neben einigen Dichtern und Denkern auch jede Menge Bildungsverlierer, wir leisten uns Kinderarmut, wir grenzen jenen Teil der Bevölkerung aus, der nicht mehr im Arbeitsprozess gebraucht wird, und überlassen diese „ausgeschiedenen“ Menschen unserem Sozialsystem. Das alte Versprechen von der Technik, die den Menschen befreit, bisher hat es sich nicht eingelöst. Wir leben heute in einer Konsumgesellschaft, wir produzieren für andere, und andere produzieren für uns, Deutschland versorgt die Welt, und die Welt versorgt Deutschland. „Und wenn man nun voraussetzungslos und vorurteilsfrei auf diese Realität schaut, stellt man fest: Wer in dieser Gesellschaft leben will, braucht ein Einkommen“, so Götz Werner. Und seine Idee dazu ist ganz einfach: „Also müssen wir allen ein Einkommen geben.“</p>
<p>Jedem Menschen, ohne Ausnahme. Die Gesellschaft bezahlt sich selbst, sie zahlt jedem einzelnen ein Grundeinkommen, bedingungslos, also nicht an bestimmte Vorgaben gebunden. Und wirklich allen, also auch den Kindern, auch all jenen, die nicht oder nicht mehr arbeiten. Und das in einer Höhe, die eine Absicherung der Existenz gewährleistet, auch wenn es gar keinen Bedarf gibt. Der Millionär, der Arzt, die alleinerziehende Mutter, alle bekommen monatlich 1.000,- Euro. (Wir einigen uns hier mal auf diesen Betrag, der von Modell zu Modell mal höher, mal niedriger ausfällt. Wie hoch das Grundeinkommen letztendlich sein würde, darüber hätte eine Demokratie zu entscheiden, wenn die Mehrheit ein Grundeinkommen befürwortet.) Alle bekommen eine Absicherung, die ausreicht, um zu leben (nicht, um große Sprünge zu machen) und die es jedem freistellt, sich damit zu begnügen oder durch bezahlte Arbeit dieses Grundeinkommen aufzustocken. Die Existenz ist gesichert, der Mensch ist frei darin, was er fortan mit seiner Lebenszeit anstellt. Er muss nicht arbeiten, er ist unabhängig in seiner Entscheidung. Das alte Versprechen wäre eingelöst. So zumindest die Theorie.<span style="color: #993300;"><strong> </strong></span></p>
<p><strong> </strong></p>
<p><strong>Wenn Kapitalismus und Sozialismus heiraten</strong></p>
<p>Für Götz Werner begann die Auseinandersetzung mit der Idee eines solchen bedingungslosen Grundeinkommens zunächst vor einem rein unternehmerischen Hintergrund. Als Unternehmensgründer schlug er sich Mitte der 80er Jahre mit einem Problem herum, das viele Unternehmer nur zu gut kennen. „Wenn ein Unternehmen wachsen will, dann braucht es mehr Eigenkapital. Und wer dieses Eigenkapital über Gewinne erwirtschaften muss, der wird durch die Einkommenssteuer ausgebremst. Das ist der Würgegriff der Einkommenssteuer. Ich habe damals einen Vortrag zu den Ideen Rudolf Steiners gehört. Er hat gesagt, wenn man ein Steuersystem schaffen wolle, das nicht parasitär in den Wirtschaftsprozess eingreife, so müsse man die Einnahmesteuer in eine Ausgabesteuer verwandeln. Das hat mir augenblicklich eingeleuchtet. Also weg von einer Besteuerung der Einkommen – keine Lohnsteuer mehr, keine Einkommenssteuer, auch keine Ertragssteuer –, hin zu einem Konsumsteuersystem, das heißt letztlich ein Aufschlag bei der Mehrwertsteuer. Aber wer A sagt, muss auch B sagen. Dann brauchen wir ein Grundeinkommen als bar ausbezahlten Steuerfreibetrag. Wer sich für eine Konsumsteuer stark macht, der muss sich gleichzeitig für das Grundeinkommen stark machen.“</p>
<p>Im Grunde ein simpler Gedankengang, und aus der Sicht eines Unternehmers, der sich mit der eigenen Liquidität herumschlägt, allemal nachvollziehbar. Ein Unternehmer braucht Geld, um sein Unternehmen auszubauen. Ein Konsument sollte Geld in der Tasche haben, um sich den Konsum leisten zu können. Die produzierten Güter wollen ja auch gekauft werden. „Autos kaufen sich nicht“, wusste schon Henry Ford.</p>
<p>„Ich habe später nach einem meiner Vorträge eine Mail bekommen, in der jemand schrieb: ‚Endlich kann ich mein sozialistisches Herz mit meinem neoliberalen Verstand versöhnen.’ Da ist etwas dran. Die Konsumsteuer ist sozusagen die radikalste Form des Kapitalismus, das Grundeinkommen die radikalste Form des Sozialismus. Beides gemeinsam ergäbe tatsächlich eine vollständig neue Gesellschaft, setzt aber ebenso einen vollständigen gesellschaftlichen Paradigmenwechsel voraus.“</p>
<p>Und genau darum geht es Götz Werner bis heute. Um eine realistische Betrachtung der gesellschaftlichen Phänomene, die unser aktuelles System hervorbringt, um konstruktive Unzufriedenheit mit diesen Phänomenen und um das Stellen entsprechend konstruktiver Fragen bzw. um die Diskussion einer Idee, die diese Verhältnisse möglicherweise grundlegend ändern würde. „Wir werden die Probleme, auch und vor allem die Probleme der Zukunft, nicht lösen, wenn wir uns nicht erlauben, mit neuen Fragen an diese Probleme heranzugehen, gerade mit unorthodoxen Fragestellungen.“ Man könnte auch sagen, ein von Menschen gemachtes System kann von Menschen verändert werden, auch wenn es in Beton gegossen scheint.</p>
<p>„Man muss sich zunächst nur auf diese Idee einlassen, das ist die erste Voraussetzung. Wenn in einer Gesellschaft, die so reich ist wie nie zuvor, in der wir in der Lage sind, Güter und Dienstleistungen zu produzieren, wie sich das unsere Großväter nie hätten vorstellen können, wenn wir in einer solchen Gesellschaft Armut konstatieren müssen, dann gibt es ganz offensichtlich irgendwo einen Denkfehler.“</p>
<p>Und dieser Denkfehler ist in gewissem Sinne das nicht eingelöste Versprechen. Die Produktivität ist sozusagen menschenfeindlich und wird erst menschenfreundlich, wenn man Arbeit und Einkommen voneinander trennt. Wenn es den Menschen gelingt, die Produktion von Gütern immer weiter zu automatisieren, wenn dieser Trend sich fortsetzt, dann fehlen irgendwann die Arbeitsplätze. Sie entstehen zwar neu und an anderer Stelle, aber in immer geringerem Maße. Was bedeutet, dass es immer mehr Menschen geben wird, die keinen Arbeitsplatz haben und entsprechend auch kein Einkommen beziehen. Dieser Trend scheint zumindest in Deutschland gegenwärtig nicht besonders bedrohlich, die Arbeitslosenquote ist eher gering. Aber nur auf den ersten Blick. Es gibt auf den zweiten Blick einen deutlichen Trend zur Beschäftigung im Niedriglohnsektor, es gibt Armut in Deutschland, es gibt das Phänomen, dass Familien mit zwei voll berufstätigen Eltern am Ende des Monats feststellen, dass es kaum reicht, und es gibt viele Selbstständige, für die eine 40-Stunden-Woche schon längst nur noch ein schöner Traum ist, für die 70 oder 80 Arbeitsstunden gerade ausreichen, um sich über Wasser halten zu können.</p>
<p>„Unser Denkirrtum ist, dass wir Arbeit für bezahlbar halten“, sagt Götz Werner. „Wir müssen das umdenken. Arbeit können wir ermöglichen. Wir müssen die menschliche Arbeit subventionieren. Ein Einkommen ist die Voraussetzung, um arbeiten zu können. Das bedingungslose Grundeinkommen ist eine Methode, um Arbeit zu ermöglichen.“</p>
<p>Das ist erst mal schwer zu verstehen. Arbeit ist unbezahlbar? „Nehmen Sie unser Interview. Wir können dieses Gespräch nur führen, weil Sie ein Einkommen haben. Unser Interview für sich genommen ist unbezahlbar, so wie jede menschliche Leistung unbezahlbar ist. Wir bilden uns diese Bezahlbarkeit nur ein. Wir reden von Lohn, Belohnung, Lohnabrechnung, und meinen, mit der Bezahlung der Arbeit wären wir quitt“, sagt Götz Werner. „Aber wir sind damit nicht quitt. Die Bezahlung sichert lediglich den nächsten Monat. Wenn man als Angestellter am Monatsende sein Geld auf das Konto bekommt, ist der Monat bereits rum. Was mit der Bezahlung sichergestellt wird, das ist der nächste Monat. Der Lohn ist die Garantie dafür, dass ein Mitarbeiter weiter zur Arbeit kommen kann. Es ist wie im Gleichnis von den Arbeitern im Weinberg bei Matthäus 20: Der Herr gibt jedem seiner Arbeiter abends einen Denar – unabhängig davon, wann er gekommen und wie lange er gearbeitet hat – und bezahlt damit im Grunde den nächsten Tag. Jeder Arbeiter ist auf diesen Denar angewiesen, um davon leben zu können. Wenn er am nächsten Tag nicht zur Arbeit geht, ist seine Existenz gefährdet. Er ist abhängig beschäftigt. Das müssen wir verändern, davon müssen wir uns verabschieden. Ein freier Bürger ist man erst mit einem bedingungslosen Grundeinkommen. Oder, um es mit Jean-Jacques Rousseau zu sagen: ’Die Freiheit des Menschen liegt nicht darin, dass er tun kann, was er will, sondern, dass er nicht tun muss, was er nicht will.’ Erst mit dem Grundeinkommen gibt es diesen Freiraum, aus dem heraus ein Mensch tätig werden kann oder eben auch eine Arbeit ablehnen kann, erst dann können wir von souveränen Staatsbürgern sprechen. Freiheit wird dann für das einzelne Individuum zur Lebenstatsache. Heute suchen sich die Menschen ihren Arbeitsplatz nicht danach aus, wo es ihnen gefällt, sondern wo sie das meiste Geld verdienen. Damit degeneriert der Arbeitsplatz zum Einkommensplatz. Wenn wir das alte Versprechen, dass Menschen frei von Existenzängsten leben können, einlösen wollen, dann müssen wir die menschliche Arbeit subventionieren und nicht durch Steuern diskriminieren. Im Augenblick machen wir es genau umgekehrt. Wir subventionieren die Maschinenarbeit, zum Beispiel durch degressive Abschreibungsmöglichkeiten – und schaffen damit ein Ungleichgewicht: Wir machen die menschliche Arbeit, zumal diese als nicht produktiv angesehen wird, immer teurer. Würden wir eine Konsumsteuer einführen, also das Ergebnis des Produktionsprozesses insgesamt besteuern, dann wären Maschinenarbeit und Menschenarbeit gleichermaßen betroffen, die Menschenarbeit im Verhältnis sogar weniger, weil sie einen geringeren Anteil an der Produktivität hat. Also Konsumsteuer auf der einen Seite. Und dazu das Grundeinkommen, eine Art Subventionierung der menschlichen Arbeit, auf der anderen Seite. So wären wir auf dem richtigen Weg. Nennen Sie es einfach einen flächendeckenden Kombilohn. Dann hätten wir tatsächlich Kapitalismus und Sozialismus miteinander verheiratet.“<span style="color: #993300;"><strong> </strong></span></p>
<p><strong> </strong></p>
<p><strong>Stellen wir uns das also mal vor…</strong></p>
<p>Nehmen wir einfach unser aktuelles Nettoeinkommen und addieren 1.000,- Euro dazu (das Beispiel entspricht nicht Werners Idee eines Grundeinkommens). Das ist ja schon mal ganz schön. Zumal die Kinder ebenfalls 1.000,- Euro zum Familieneinkommen beisteuern. Eine Krankenschwester mit vorher 1.500,- Euro netto hat nun also 2.500,- Euro im Portemonnaie. Und da sie außerdem noch alleinerziehende Mutter eines Kindes ist, sind fortan 3.500,- Euro in der Familienkasse. Warum Nettoeinkommen? Weil es dann nur noch ein Einkommen gibt. Brutto ist gleich netto. Laut Götz Werner entfällt die Einkommensteuer. Es entfällt die Arbeitslosenversicherung. Es entfällt auch das Kindergeld. Es entfällt am Ende im Grunde alles, was unser Sozialtransfersystem bisher zum Einkommen beigesteuert hat. Dafür gibt es dann ja das bedingungslose Grundeinkommen, finanziert zum größten Teil aus einer Konsumsteuer, einem Mehrwertsteuersatz von 100 Prozent auf die Nettopreise von Dienstleistungen und Waren. Und zum geringeren, aber auch nicht kleinen Teil, durch den Wegfall des Verwaltungsapparates. Wie Werner das alles miteinander verrechnet und wie das bedingungslose Grundeinkommen dann allmählich steigen soll, das kann man im Detail unter www.unternimm-die-zukunft.de nachlesen. Das alles ist schon ein wenig kompliziert. Die Einführung des bedingungslosen Grundeinkommens vollzieht sich schrittweise, es geht dabei um einen Prozess, nicht um ein abruptes „Umschalten“. Das bedingungsloseGrundeinkommen würde substitutiv in die heute bestehenden Sozialleistungen hineinwachsen, sie also erst mit der Zeit ersetzen. In Kürze vollzieht sich dieser Prozess etwa so: Bei einem angenommenen Existenzminimum von heute 600,- Euro liegt der enthaltene Mehrwertsteueranteil bei etwa 10 Prozent, also 60,- Euro. Diese 60,- Euro bekommen alle bedingungslos, die bestehenden Transferleistungen weiterhin auf Antrag. Das heißt, Wohngeld, Kindergeld, all das bleibt erst mal erhalten. Mit einer sukzessiven Erhöhung der Mehrwertsteuer steigt diese „Umlage“ – und ersetzt schließlich irgendwann Transferleistungen in Höhe des Grundeinkommens. Wer höhere Ansprüche hat, zum Beispiel aufgrund einer Behinderung, muss die Bedürftigkeit wie heutzutage nachweisen. Eigentlich sind sogar drei Wege der Einführung denkbar: Die Zusammenfassung aller bestehenden Sozialleistungen zu einer Leistung für alle. Oder der beschriebene Weg über die Konsumsteuer. Und drittens eine Mischung aus beiden Wegen. Wie man es letztlich macht, bleibt dem Konsens der Gesellschaft überlassen. Wichtig ist eigentlich nur, dass ein bedingungsloses Grundeinkommen in Höhe einer tatsächlichen Existenzsicherung finanzierbar scheint (zumindest sagen das nicht nur die Befürworter, sondern inzwischen auch immer mehr Fachleute), dass am Ende also nicht eine fulminante Umsatzsteuer die Existenz gefährdet, weil eben die täglichen Bedarfsgüter ungemein teuer werden, und die Menschen schließlich gezwungen sind, ohne alle sozialen Errungenschaften unseres Systems irgendwelche von den Unternehmen schlecht bezahlte Jobs anzunehmen. Dieses Gespenst wird in der Diskussion regelmäßig an die Wand gemalt und auch von den Verschwörungstheoretikern gerne ins Feld geführt. Man würde das soziale Netz ohne Not deinstallieren, die Konsumsteuer würde das bedingungslose Grundeinkommen letztlich auffressen, und am Ende begeben sich alle in die vollständige Abhängigkeit von Unternehmen, so heißt es. Wir haben bei unserer Recherche mehrere Modelle des bedingungslosen Grundeinkommens durchgerechnet und sind zu einem anderen Ergebnis gekommen: Es könnte funktionieren, es braucht nur seine Zeit. Und dazu bleibt die Gewissheit: Falls wir uns gerade doch täuschen lassen, von einem Götz Werner und all den anderen Streitern für ein bedingungsloses Grundeinkommen, falls letztlich das Gespenst zur Realität wird, bräuchte es immer noch eine Gesellschaft, die sich das gefallen lassen würde. Nach Stuttgart 21 und der Atomdebatte glauben wir daran nicht.</p>
<p>Nehmen wir also mal an, das bedingungslose Grundeinkommen ist finanzierbar und wird eingeführt. Und am Ende steht eine Grundsicherung für alle, die jedem Menschen genug zu essen, ein Dach über dem Kopf und darüber hinaus die Möglichkeit zur Teilhabe am gesellschaftlichen Leben sichert. Was würde das für die Gesellschaft bedeuten? Für unsere Krankenschwester zum Beispiel, dass sie sich entscheiden könnte. Wenn sie nicht arbeiten muss, um den Lebensunterhalt zu sichern, hat sie die Wahl. Sie könnte ganz zu Hause bleiben. Sie könnte natürlich auch so weitermachen wie bisher. Oder sie könnte ihre Arbeitszeit reduzieren, um sich dafür mehr ihrem Kind zu widmen. Vielleicht arbeitet sie nur noch drei Tage in der Woche, weil ihr der Verdienst ausreicht, um das zu finanzieren, was ihr oberhalb des Existenzminimums wichtig ist. Götz Werner erzählt uns an dieser Stelle von einer Studie, die Professor Fuest, ein anerkannter Finanzwissenschaftler durchgeführt hat, um uns noch einmal die Denkstrukturen zu verdeutlichen, die er als „Vorstellungsgefängnis“ bezeichnet. Professor Fuest habe die Zahl der überlasteten alleinerziehenden Mütter in Deutschland errechnet und darüber hinaus ermittelt, in welchem Maße diese Mütter ihre Arbeitszeit nach der Einführung des bedingungslosen Grundeinkommens zurückfahren würden. Sein Ergebnis war, dass der deutschen Volkswirtschaft insgesamt ein Schaden von etwa 17 Milliarden Euro entstehen würde. „Warum wird dieser Zahl nicht gegenübergestellt, was es der deutschen Gesellschaft für einen Gewinn bringen würde, wenn all diese Mütter endlich ausreichend Zeit für ihre Kinder hätten? Dieser Vorteil ist materiell gar nicht auszudrücken“, sagt Götz Werner.</p>
<p>Wir alle könnten uns entscheiden. Bleiben wir in einem Unternehmen, das uns nicht gefällt, in dem uns der Chef permanent unter Druck setzt und unseren Arbeitseifer bzw. unsere Leistung infrage stellt? Wohl kaum. Nicht nur der Arbeitsmarkt würde sich verändern, das Verhältnis zwischen Arbeitnehmer und Arbeitgeber wäre ein grundlegend anderes. Beide Seiten würden sich auf Augenhöhe begegnen. Niemand wäre mehr gezwungen zu tun, was ihm oder ihr eigentlich nicht entspricht. „Sie haben es in der Arbeitswelt nur noch mit Leuten zu tun, die einen Nutzen in ihrer Arbeit sehen. Das ist die Wendung vom Sollen zum Wollen. Die Drohung der Entlassung entfällt, der Unternehmer muss zu seinen Mitarbeitern ein dialogisches Verhältnis auf Augenhöhe aufbauen. Für manche Handelsunternehmen würde das beispielsweise heißen, dass sie die Arbeitsplätze an der Kasse derart attraktiv gestalten müssten, dass Mitarbeiter diese Arbeit machen wollen. Wir bei dm wüssten, wer bei uns einen Arbeitsplatz und nicht nur einen Einkommensplatz hatte – das wäre ein Fortschritt.“</p>
<p>Was wahrscheinlich bedeutet, Handelsunternehmen müssten den Arbeitsplatz an der Kasse weitaus besser bezahlen als heute. Und das gilt ganz generell für den Arbeitsmarkt, gerade bei Jobs, die eigentlich niemand machen will. Für die attraktiven Jobs (irgendwas mit Medien) würden sich wahrscheinlich sehr „günstige“ Arbeitnehmer finden. Die unangenehmen Jobs wären weitaus höher dotiert. „Mit dem bedingungslosen Grundeinkommen entsteht zwangsläufig ein echter Arbeitsmarkt. Den haben wir heute nicht, denn der Marktbegriff setzt voraus, dass jeder der Beteiligten sich frei entscheiden kann. Faktisch kann das heute ein Großteil der Menschen nicht. Sie müssen arbeiten. Nach der Einführung müssen sie nicht, sie können, wenn sie darin einen Sinn sehen. Und der kann sowohl ideell als auch materiell sein.“</p>
<p>Götz Werner listet noch eine ganze Reihe weiterer positiver Auswirkungen auf, und tatsächlich gerät man ein bisschen ins Träumen, wenn man ihm dabei zuhört. Kinder zu bekommen wäre wieder eine schöne Angelegenheit und kein finanzielles Risiko, sich nebenbei eine Auszeit zu gönnen, um sich zu bilden, mal all die Klassiker zu lesen, die man bisher nicht geschafft hat, auch das wäre denkbar, die Sorge um die Absicherung im Alter würde wegfallen und damit auch die Last der Vorsorge. Und so weiter und so weiter. All das, und man müsste dazu lediglich ein bedingungsloses Grundeinkommen einführen? Warum gibt es dieses bedingungslose Grundeinkommen dann nicht schon längst? Weil es wie eingangs gesagt viele Kritiker gibt. Und die kommen jetzt zu Wort.<span style="color: #993300;"><strong> </strong></span></p>
<p><strong> </strong></p>
<p><strong>Fragen, Fragen, Fragen</strong></p>
<p>Gehen die Leute dann noch arbeiten? Wer erledigt die Drecksarbeit? Diese beiden Fragen sind neben der Frage nach der Finanzierbarkeit die Dauerbrenner. Aber es gibt noch einige Fragen mehr. Kommt es wegen der Konsumsteuer zu Schmuggel in dramatischen Ausmaßen? Was ist mit der Inflation? Für Götz Werner sind all diese Fragen sein tägliches Einerlei, denn er hält in der Woche fünf bis sechs Vorträge zum Thema. Ob die Leute noch arbeiten gehen, das beantwortet er gerne mit einer einfachen Gegenfrage: „Was würden Sie tun?“ Und die allermeisten hätten die gleiche Antwort parat: „Ich würde natürlich weiter arbeiten, aber die meisten anderen doch wohl nicht.“ „Das ist hochnäsig“, sagt Götz Werner. „Von sich selbst hat man gemeinhin ein humanistisches Menschenbild, allen anderen unterstellt man dagegen Faulheit und Tatenlosigkeit, wenn sie nicht zum Handeln gezwungen werden. Das findet sich übrigens auch in diversen Aussprüchen wieder wie: Jemanden auf Trab bringen. Oder jemandem Beine machen.“</p>
<p>Und wer macht die Drecksarbeit? „Entweder Sie dotieren diese Arbeit wie gesagt entsprechend, so dass sie jemand ergreift. Oder sie wollen das nicht, dann müssen Sie diese Arbeit selbst erledigen. Vielleicht würden Menschen in einer solchen Gesellschaft auch zu einer neuen Wertschätzung solcher Arbeiten finden. Nicht nur im Bereich der sogenannten ‚Drecksarbeit’. Ich denke vor allem an den Bereich der Pflege.“</p>
<p>Man bringt Götz Werner mit all diesen Fragen kaum in Bedrängnis. Bei der Inflation und beim Schmuggel werden die Antworten komplizierter, leuchten aber trotzdem ein. Das in sich geschlossene Modell seiner Idee vom bedingungslosen Grundeinkommen beantwortet eigentlich alle Fragen aus sich selbst heraus.</p>
<p>Was bleibt, sind leise Zweifel. Sind die Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt und die Entwicklung der Preise wirklich vollends vorhersehbar? Würden sich die Menschen tatsächlich gemäß ihrem eigenen Selbstbild verhalten oder stünde der Gesellschaft eine herbe Enttäuschung bevor? Sinkt die Arbeitsmotivation vielleicht doch? Und warum sollen auch all jene profitieren, die es gar nicht nötig haben? Was bleibt, ist vielleicht die Erkenntnis, dass man diese Fragen schlicht nicht beantworten kann, wenn man es nicht auf einen Versuch ankommen lässt. Und wäre die Umstellung wirklich so groß? Schon heute verrät ein Blick in die Einkommenssteuerstatistik, dass sehr viele Menschen beispielsweise durch Vermietung und Verpachtung über eine Art Grundeinkommen verfügen – und trotzdem arbeiten gehen. Und schon heute leisten fast alle Menschen freiwillige Arbeit in einem Volumen, das die bezahlten Arbeitsstunden bei weitem übersteigt. Vielleicht ist es wirklich nur ein Denkproblem. Vielleicht hat Götz Werner einfach Recht.</p>
<p><strong>LAK</strong></p>
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		<title>sex 2.0 &amp; the city &#8211; liebe, partnerschaft und sexualität in zeiten von youporn und poppen.de</title>
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		<pubDate>Fri, 01 Apr 2011 09:12:32 +0000</pubDate>
		<dc:creator>wolke</dc:creator>
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		<category><![CDATA[2011-04]]></category>

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		<description><![CDATA[Sex heißt das goldene Kalb, um das im 21. Jahrhundert getanzt wird. Kein Mensch kommt mehr um das Thema herum, seit es das Internet gibt. Aber ist der „sexy body“ auch ein befreiter Körper? Und bleibt die Liebe in Zeiten von YouPorn auf der Strecke?]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Paris Hilton tut es, Lady Gaga tut es auch. Beide sind geil und machen es ständig, jedenfalls vor der Kamera: Sex regiert die Welt. Seit der sexuellen Revolution in den 60er Jahren wird öffentlich und ausgiebig über Sex gesprochen. Und er wird eingesetzt. Nackte Models mit perfekten Körpern werben mit laszivem Augenaufschlag für teure Produkte. Sex heißt das goldene Kalb, um das im 21. Jahrhundert getanzt wird. Kein Mensch kommt mehr um das Thema herum, seit es das Internet gibt. Aber ist der „sexy body“ auch ein befreiter Körper? Und bleibt die Liebe in Zeiten von YouPorn auf der Strecke? Simone Niemann war auf einer Fetischparty, im Swingerklub und in der MHH und hat mit Menschen gesprochen, die sich mit Sex und Liebe auskennen.</p>
<p><span style="color: #ff0000;"><strong>Allein ist der Mann oder: Herr K. holt sich einen runter</strong></span></p>
<p>Herr K. ist sexsüchtig. Und er leidet an einem posttraumatischen Syndrom, seit er bei einem Bundeswehrspezialeinsatz Schreckliches erlebt hat. Darüber redet er aber nicht. Er redet nur über Sex und denkt an kaum etwas anderes. Herr K. ist attraktiv und athletisch. Seine Vergangenheit war nicht rosig. Sein Vater war ein Nazi. Früher war Herr K. klein und schwach. Nach wilden Wanderjahren (er wollte mal Künstler werden), fand er endlich den Weg zum Bund, so wie sein Vater sich das gewünscht hatte, kurz bevor er starb. Heute ist Herr K. ein Offizier höheren Ranges. Er war verheiratet und hat einen Sohn. Seine Frau ließ sich von ihm scheiden, als sie erkannt hatte, dass Herr K. nach mehreren Einsätzen im Ausland zum Sex-Maniac mutiert war. Herr K. hatte seitdem keine feste Beziehung mehr. Internet, moderne Telekommunikation und seine Stellung beim Bund ermöglichen ihm das Leben eines Libertins. Jede Frau, die ihm zu nahe kommt, serviert er mit einer SMS ab und schreibt ihr, er müsse zurück in den Einsatz – geheime 007-Mission – ade.</p>
<p>Wahrscheinlich hat Herr K. seine Verwandlung nicht bemerkt. Seine Seele ist verbrannt, was bleibt ihm da anderes übrig, als sich auf den bloßen, nackten Sex zu konzentrieren? K. reduziert jede Frau auf ihre Geschlechtsorgane, er will sich nicht verlieben. Sex ist die einzige Konstante, an die er sich halten kann. Nach all den furchtbaren Einsätzen ist er ein Wrack. Die Bilder von der Front überraschen ihn plötzlich, meistens nachts im Schlaf. Schweißgebadet wacht er dann auf und fühlt sich tagsüber müde und zerschlagen. Nichts kann ihn aus seiner Lethargie reißen. Nichts – außer Sex. Im Laufe der Zeit wurden die Tabubrüche immer größer. Herr K. tat Dinge jenseits aller Moral, um endlich wieder ein bisschen Leben in sich zu spüren – einen Kick, eine Erregung, ein Ekelgefühl, Hauptsache ein Gefühl!</p>
<p>Irgendwann brauchte er Tabletten, um zur Ruhe zu kommen und um die Kontrolle nicht zu verlieren. K. kommt aus dieser Spirale nicht heraus. Er hat sich ein Netz aufgebaut, um sich selbst nicht zu verlieren, und ist jetzt darin gefangen. Heute hatte er Dates mit zwei Frauen, die nichts voneinander wissen. Mit beiden hat er geschlafen. Er ist gleichzeitig bei friendscout24.de, Finya.de und Poppen.de angemeldet. Am Wochenende geht er oft mit zwei Kameraden in den Swingerklub. Und gerade denkt er an wilden Parkplatzsex. Er muss heute Nacht wohl noch mal los &#8230; Aber vorher holt er sich vor dem Computer einen runter.</p>
<p>Herr K. ist ein Irrlicht. Er muss sich sein Leben lang in Swingerklubs, Puffs, Pornokinos, FKK-Villen und Erotik-Saunen herumtreiben (und zwischendurch muss er auch noch funktionieren: im Einsatz). Er ist verdammt in alle Ewigkeit – oder wenigstens solange verdammt, bis der Krieg oder eine schlimme Krankheit – zum Beispiel Aids – ihn von allem irdischen Leid befreit. Herr K. hat kein psychisches Problem, sagt er. Er ist ein Mann und liebt Sex, so einfach ist das! Er wird auch niemals wissen, ob er schwul ist. Ist er bi? Oral, anal, scheißegal – das ist alles einerlei. Hautpsache Sex … allein, mit Frauen, mit Männern, Rudelbumsen. Macht, Unterwerfung, Triebgeschehen – her damit! Höher, weiter, schneller, Sport, Disziplin, Kontrolle. Der gestählte Körper muss malträtiert werden, muss beschmutzt und schließlich befreit werden. Herr K. will sein Leben auskosten, volles Risiko bis zum Tod … Poppen. Ficken. Knattern. Ah, ja, uh, gib’s mir, ich kommmmmmeeeeeeeee … leerer Bildschirm, empty space.</p>
<p><span style="color: #ff0000;"><strong>Der Körper oder: Reden wir über Sex</strong></span></p>
<p>Zugegeben: Dieser Einstieg ist drastisch, und es sei einmal dahingestellt, ob die Geschichte von K. wahr ist oder in einigen Punkten modifiziert wurde. Wahrscheinlich ist aber, dass fast jeder von uns eine Person kennt, die so hilflos wie Herr K. durch die Welt irrlichtert und in einem Netz aus flüchtigen Online-Dates gefangen ist, mögen sie nun sexueller oder romantischer Natur sein. Als Jäger und Sammler sind wir schon immer auf der Suche nach irgendetwas gewesen. Aber seit es das Web 2.0 gibt, haben sich die Möglichkeiten der Suche potenziert. Das World Wide Web bietet einen riesigen Markt für jedes Begehren, vor allem für Liebe und Sex – für das stärkste Gefühl und den stärksten Trieb des Menschen.</p>
<p>Ich muss zugeben, dass ich schockiert war, nachdem ich zum ersten Mal das Wort „Sex“ bei Google eingegeben und mir Videos auf Portalen wie YouPorn angeschaut habe. YouPorn ist eine Plattform zum Austausch pornografischer Filme und gehört zu den am häufigsten aufgerufenen Websites weltweit. Jeder kann die Seite ohne Sperre anklicken. Die entfesselte Geilheit sprang mir förmlich ins Gesicht: „Oma Trudi saugt, als wäre sie wieder 18“, „Bauer fickt seine Nichte“, „Sie hält es ohne Schwanz nicht mehr aus“ und „Traumhafte Tschechin wird in alle Löcher geil gefickt“ hießen einige der kostenfreien Amateurvideos, die dort von privaten Usern hochgeladen werden. Schockiert war ich wegen des Ausmaßes und der Qualität der Filme. Bei YouPorn scheint es wirklich jeder mit jedem und jeder zu treiben. Es wird gelutscht, gesaugt, gestöhnt – im Rudel, einzeln oder zu zweit. Sogar offensichtlich Minderjährige werden von deutlich älteren Männern „gevögelt“, wie der Kamerazoom beweist. Kein Detail wird ausgelassen, Busen wippen, Ärsche wackeln, und jede Körperöffnung wird gezeigt. Frauen schieben sich maiskolbengroße Dildos in den Arsch, verdrehen dabei ihre Augen, tun gewollt sexy und täuschen Erregung vor. Männer zeigen ihren Ständer, machen es sich selbst und spritzen irgendwann ab, am liebsten ins Gesicht ihrer Gespielin, die grenzdebil in die Kamera lächelt, glücklich darüber, für kurze Zeit Pornostar der weltweit vernetzten Bunga-Bunga-Party zu sein.</p>
<p>Wo leben wir eigentlich? Wann hat das angefangen, und wo soll das hinführen, habe ich mich gefragt und nach Antworten gesucht. Laut des französischen Philosophen Michel Foucault ist Sex niemals nur Ausdruck eines privaten Vergnügens, sondern immer auch ein Hinweis für gesellschaftliche Machtverhältnisse. Körper und Geist sind demnach gezüchtigte Produkte einer bestimmten gesellschaftlichen Erziehung, Lebensweise und Disziplin. In dem dreiteiligen Band „Sexualität und Wahrheit“ untersucht Foucault, wie sich verschiedene Formen der Lust und des Begehrens in der christlich-abendländischen Gesellschaft entwickelt haben.</p>
<p>Er kommt zu dem Schluss, dass das Reden über Sex in unserer Kultur – angefangen von der mittelalterlichen Beichte bis hin zur modernen Psychoanalyse – fortwährend angeheizt wurde. Laut Foucault hat das redselige Sprechen über geheime Gelüste jedoch keinen befreienden, sondern einen regulierenden Charakter. Das Geständnis ist ihm zufolge Teil einer Überwachungsmaschinerie, in die Kirchenväter, Mediziner, Juristen und Sozialarbeiter eingebunden sind. Mit anderen Worten: Die Psychoanalyse von Sigmund Freud und die sexuelle Revolution der 60er Jahre haben gesellschaftliche Strukturen nicht gesprengt oder unsere Sexualität „befreit“. Im Gegenteil: Sie dienen dazu, gegebene Machtverhältnisse zu konservieren.</p>
<p>Foucault, der 1984 an Aids gestorben ist, konnte zu seiner Zeit noch nicht absehen, wie sich die westliche Kultur innerhalb der nächsten 26 Jahre entwickeln würde. Er hat aber Recht mit seiner These behalten, dass wir in einer Geständniskultur leben. Die meisten Geständnisse werden heute nicht mehr von mittelalterlichen Folterknechten erzwungen, sondern freiwillig gemacht: In Talkshows und Reality-Soaps offenbaren Menschen „intime Geheimnisse“ öffentlich vor der ganzen TV-Nation. Im Fernsehen reden alternde „Sexgötter“ wie Playboy Rolf Eden und Alt-68er Rainer Langhans offen über ihre sexuellen Erfahrungen und Erleuchtungen, über Spielarten der Liebe, Sexpraktiken, Masturbation, Lust, Frust, Anal-Bleeching und Silvio Berlusconi. Aber ist ihr Verhältnis zur Sexualität deshalb befreit, kennen sie ihre eigenen Bedürfnisse und gehen diese beiden Männer, die so offen reden, spielerischer mit dem Körper einer Frau um, weil sie genau wissen, welche Knöpfe sie drücken müssen?</p>
<p>Laut Volkmar Sigusch, Arzt und Sexualforscher, ist der Glaube der 68er-Bewegung, wonach freie Liebe freie Menschen produziert, ein Mythos. „Damals erschien der Gedanke, dass die ganze verachtete Gesellschaft stürzt, wenn die Verhältnisse sexuell befreit würden, durchaus einleuchtend. Aber in Wahrheit wurde ein König Sex installiert. Und es wurde maßlos überschätzt, was man aus der sexuellen Sphäre herausziehen kann: Glück, unendlichen Spaß und das Ende des Kapitalismus. Die symbolische Überhöhung war geradezu unerträglich“, sagt Sigusch in einem Interview mit dem SPIEGEL (Ausgabe Nr. 9/2011). Auch bezüglich eines offeneren Umgangs mit Sexualität ist der Wissenschaftler kritisch, denn ihm zufolge hat unsere Kultur keine Ars erotica entfaltet: „Ich behaupte, wir sind sexuell immer noch eine weitgehend unwissende Gesellschaft. Wir reden falsch und oberflächlich über Sexualität. Und wenn man zu viel redet, besteht die Gefahr, das Geheimnisvolle zu zerstören.“</p>
<p>Sicher geht die heutige Generation nicht mehr so verkrampft wie ältere Semester mit dem Thema Sex um. Das Licht will keiner mehr ausschalten – im Gegenteil, es ist eher zur Pflicht geworden, das Licht beim Sex anzulassen. Frauen sind orgasmuspflichtig, und Männer müssen immer wollen und können: Im Zeitalter von Viagra lastet ein großer Druck auf den Geschlechtern. Dieser Meinung ist auch Ariadne von Schirach, die sich in ihrem Buch „Der Tanz um die Lust“ mit Jugend-, Schönheits- und Sexwahn befasst. Ihr zufolge muss sich in einer pornografischen Gesellschaft, in der der „sexy body“ das höchste Gut ist, jeder über den eigenen Körper definieren: Nicht nur Frauen werden als Sexualobjekte wahrgenommen, sondern auch Männer. „The Pursuit of Sexiness, diese konsumistische Verheißung, das riecht doch nach Erfolg, Glamour und Top-Reproduktionsmöglichkeiten. Dem kann man sich nicht einfach entziehen, nicht wenn man lebendig bleiben, mitmachen, seinen Spaß haben will. Das führt auch dazu, dass Frauen jenseits der vierzig, im Gegensatz zu, sagen wir einmal, vor zwanzig Jahren, noch mitmachen im Marktgeschehen. Man denke nur an die schöne Sharon Stone, die seit 2005 Werbung für die Anti-Aging-Linie von Dior macht“, schreibt von Schirach.</p>
<p>König Sex kennt also keine Gnade und macht auch nicht vor dem Alter Halt. In der modernen Welt muss laut von Schirach jeder seinen „sexy body“ auf Vordermann bringen, ihn „pimpen“, um den eigenen Marktwert zu erhöhen. Menschen, die kapitulieren, sind raus aus dem Spiel. TV-Formate wie „Germany’s Next Top Model“ bestätigen ihre These: Heidi Klum macht deutschen Mädchen vor, wie sie zum schönen Schwan werden – mit einem Willen, der über Leichen geht, eiserner Disziplin, sportlichem Drill, richtiger Ernährung und der ständigen Pflege des eigenen Alabasterkörpers. Die solchermaßen erzeugten egomanischen „Beach-Babes“ haben laut von Schirach aber keine Freude am Sex: „Es liegt eine perverse Ironie in dieser narzisstischen Selbstbezogenheit. Denn irgendwo zwischen hottem Haircut und coolem Styling wurde der oder die andere vergessen. Und so kreisen die metrosexuellen Narzissten und die überstylten Neurotikerinnen um sich selbst und träumen von gutem Sex. Oder von der großen Liebe. Oder von der neuen Acne-Jeans.“</p>
<p><strong><span style="color: #ff0000;">Das Herz oder: Reden wir (kurz) über Liebe</span></strong></p>
<p>Befreit ist der Körper im 21. Jahrhundert also nicht, im Gegenteil: Er unterliegt einem strengen Mode- und Schönheitsdiktat, das ihm auf den (oft schwachen) Leib geschneidert wird. Aber wie ist es nun um die Liebe in Zeiten von Online-Partnerschaftsbörsen bestellt? Das Internet hat unser Liebeslieben revolutioniert, sagt Sven Hillenkamp in seinem Buch „Das Ende der Liebe“. Der Autor und Journalist stellt die These auf, dass es für Menschen aufgrund von weltweiter Vernetzung immer schwieriger wird, sich auf einen Partner festzulegen: Ein ständiges Vergleichen im Web 2.0 macht demzufolge liebesunfähig. Die Generation Facebook lebt in einer bekenntnisfreien Optionsgesellschaft, in der alles möglich zu sein scheint und eine unendliche Sehnsucht in den Individuen geweckt wird. Weil jeder – theoretisch betrachtet – jeden Tag online dem perfekten Traumpartner begegnen könnte, bleibt der Einzelne lieber allein, statt sich auf eine Beziehung einzulassen, in der er täglich Kompromisse machen muss. Mit anderen Worten: Er will den Spatz in der Hand nicht haben, sondern wartet auf die Taube auf dem Dach.</p>
<p><span style="color: #ff0000;"><strong>Sex ist eigentlich nicht so mein Ding</strong></span></p>
<p>Tatsächlich gibt es eine Vielzahl von Menschen, die sich täglich im World Wide Web verlieren. Prof. Dr. Uwe Hartmann, klinischer Psychologe an der MHH, sagt, dass Frauen eher dazu neigen, in Chatrooms nach ihrem Mr. Right zu suchen, während Männer das Internet nutzen, um pornografische Inhalte zu konsumieren (siehe Interview). Grob vereinfacht bestätigt diese Aussage ein altes Vorurteil, wonach Frauen Liebe und Kontakt, Männer hingegen Sex suchen. De facto praktiziert ein Mensch, der vor dem Computer sitzt, aber weder das eine noch das andere – er sitzt vielmehr vor einer Maschine und fantasiert. Alles blinkt und alles ist erleuchtet in der WWW-Welt von ElitePartner.de und YouPorn. In der Online-Erotik-Community Poppen.de stellen Singles und Paare sogar ausschließlich ihre Geschlechtsteile aus – wozu noch ein Passfoto hochladen und warum noch Gesicht zeigen – es geht doch eh nur um das Eine, oder ?! Entwickeln wir uns zu gefühlsarmen Cyborgs, die lieber Cybersex haben und eine Cam zwischen sich und ihrem jeweiligen Lebensabschnittsgefährten installieren? Sieht die Zukunft unserer Sexualität klinisch-rein aus und rettet uns diese saubere Praxis in der schönen neuen Welt vor Krankheiten wie Aids?</p>
<p>Laut Volkmar Sigusch finden zurzeit zwar noch 95 Prozent aller Sexualkontakte in festen Beziehungen statt, aber er sagt auch, dass wir immer selbstbezüglicher werden und zum „Self-Sex“ tendieren. Ihm zufolge wird es in Zukunft neben der klassischen Ehe verstärkt andere Formen der Sexualität geben, zum Beispiel die Polyamorie, die Vielliebe, ein Oberbegriff für die Praxis, Liebesbeziehungen zu mehr als einem Menschen zur gleichen Zeit zu haben.</p>
<p>Und dann gibt es auch noch die Asexuellen, sagt der Wissenschaftler. In einer Gesellschaft, in der das Sexuelle übertrieben inszeniert und zunehmend banalisiert wird, verabschieden sich Asexuelle vom Sexdiktat. Diese Menschen lassen sich nicht therapieren, wenn sie keine Lust auf Sex haben, sie legen kein Geständnis ab. Sie entziehen sich einfach dem allgemeinen Marktgeschehen. Sie sind raus – quasi vom Sex befreit: Davon kann Herr K. nur träumen.</p>
<p><span style="color: #ff0000;"><strong>Die Nacht der Masken oder: Rein ins Getümmel</strong></span></p>
<p>Asexualität steht nicht auf der geschäftlichen Agenda von René (36) sowie Jacqueline (44) und Tim (39). Die drei Hannoveraner beschäftigen sich professionell mit dem weiten Feld der Erotik und Leidenschaft und richten große SM- und Fetischpartys im gesamten Bundesgebiet aus. Das besondere Steckenpferd ihrer Agentur Xklusiv (www.xklusiv.de) ist aber die „Nacht der Masken“, eine Luxusorgie für Paare, Swinger und SM-affine Menschen, die in einem eigens dafür angemieteten Schloss ausgerichtet wird. Als Vorbild dient der Film „Eyes Wide Shut“. Doch anders als in der Kinoerzählung von Stanley Kubrick  nehmen an der Veranstaltung keine Prostituierten teil, sondern ein erlesener Kreis von rund 100 Gästen, wobei der Eintritt pro Person rund 250 Euro beträgt. 1999 wurde die erotische Party zum ersten Mal veranstaltet, seitdem findet sie dreimal pro Jahr auf diversen Schlössern statt – niemals im Osten der Republik und am liebsten in Bayern, wie Jacqueline betont: „Es geht doch nichts über eine katholische Erziehung, sagt mein Mann immer.“</p>
<p>Gemeinsam mit René, der selbst in der SM-Szene aktiv ist, hatte die 44-Jährige die Idee, ein Fest im dekadenten Versailles-Stil auf die Beine zu stellen: „SM-Partys gab es früher nur in dunklen Kellerklubs. Das hatte einen schmuddeligen Charakter.“ Heute hat sich ihre Geschäftsidee zum Renner entwickelt, und es gibt weitere Veranstalter, die das Modell nachahmen. Doch obgleich die „Nacht der Masken“ ein exklusives Event für die gut situierte Mittel- und Oberschicht ist, haben es die drei nicht immer leicht, ein Quartier für die nächste Party zu finden. „Schlossbetreiber stellen sich die wüstesten Sachen vor“, sagt Tim. Auch die Vorbereitung ist nicht einfach: Ein 20-köpfiges Team inklusive DJ, Security und Service ist daran beteiligt, den ausschweifenden Abend zu organisieren. Allein das Equipment mit SM-Geräten, Musikanlage und sonstiger Deko füllt mittlerweile zwei große Lagerhallen.</p>
<p>Sind die Vorarbeiten erst einmal geleistet, kann die „Nacht der Masken“ beginnen – allerdings nur für jene Gäste, die zuvor eine Verschwiegenheitserklärung unterschrieben haben. Gewöhnliche Straßenkleidung ist ein No-go, ein erotischer Dresscode ist hingegen erwünscht: Lack, Leder, Latex, Fantasy, Uniformen und historische Rokokko-Kostüme sind möglich, selbstverständlich auch Dessous und nackte Haut. Außerdem wird jeder am Eingang gefilzt, denn Kameras und Handys sind im Schloss nicht erlaubt. Die Geräte bekommen die Besucher erst zurück, wenn sie zum Beispiel morgens um 5 Uhr per Shuttle-Service in ihr Hotel zurückgebracht werden. Gegen 19 Uhr wird das Büfett eröffnet. „Zu diesem Zeitpunkt tragen die meisten ihre Masken noch, einige nehmen ter ab“, sagt Jacqueline. Ab 22 Uhr kann auf dem Dancefloor in der Bar getanzt werden, häufig gibt es dort auch eine Erotik-Show. Viele Frauen und Männer schauen dabei aber nicht zu, sondern erkunden bereits die Räume des Schlosses – den Renaissance- und Rittersaal, das Kaminzimmer oder den Gewölbekeller – und beginnen mit ihrem Liebesspiel.</p>
<p>Doch wie charakterisieren die Veranstalter ihre Klientel? „Beruflich sind unsere Gäste oft sehr engagiert und eingespannt, die meisten haben eine Familie“, sagt Tim. „Viele sehen ziemlich gut aus, sind sehr gepflegt und im Alter zwischen 25 und 50 Jahren.“ Besonders gern erinnert sich der 39-Jährige an zwei Stammgäste aus Salzburg: „Beide weit über 70. Sie in tollem Abendkleid und er im Smoking.“ Wer einmal bei der „Nacht der Masken“ dabei gewesen sei, würde zum „Wiederholungstäter“ werden, sagt Jacqueline. Mit einem Swingerklub habe das Event aber nichts zu tun. Nur 30 Prozent der Besucher würden sich aktiv am Liebesspiel beteiligen, 70 Prozent würden den Abend nur genießen und erst später im Hotelzimmer zur Sache kommen. Auch gäbe es keine pöbelnden, betrunkenen oder berauschten Männer und Frauen. „Das sind offene und selbstbewusste Leute, die über den eigenen Tellerrand hinausschauen. Die können sich alle benehmen, sind höflich, bescheiden und freundlich – wie alter Adel.“ Lediglich ein einziges Mal habe Jacqueline miterlebt, dass sich ein Paar gestritten hat, aber nicht wegen Eifersucht, sondern weil die beiden zu spät dran waren.</p>
<p>Tim hat den Eindruck, dass es auch einige Gäste gibt, die nachts an der Bar Geschäftskontakte knüpfen. Die Party sei ein Anlaufpunkt für Promis, Medien- und Modeleute, die teilweise per Jet anreisen. Einmal sei ein Mann im Bentley mit exklusiver Zweifarblackierung vorgefahren und habe zwei Frauen in Waitress-Kostümen an seiner Seite gehabt, deren Haarfarbe auf die Lackierung des Wagens abgestimmt gewesen sei. Ein anderer habe zwei Frauen in perfekten Katzenkostümen ins Schloss geführt. Nach dem Essen hätten sich die beiden Damen dann grazil auf allen Vieren fortbewegt. Auch könne es bei der „Nacht der Masken“ passieren, dass an der Bar ein Mann im Admiralskostüm neben einer Frau stehe, die einen Nerz trage und darunter nackt sei. Für Servicekräfte sei die Party ein willkommener Anlass, um zu arbeiten, sagt Tim: „Wann geht man schon mal in einen Raum und schaut Menschen bei allen möglichen Dingen zu?“</p>
<p>Abseits vom bizarren Glamour sei es im Schloss wie bei jeder anderen Party, urteilt Jacqueline. „Ein Raum ist rammelvoll oder leer, alle befinden sich entweder im Wohnzimmer oder in der Küche.“ Und auch was die Gespräche anbelangt, gäbe es keinen großen Unterschied zum üblichen Smalltalk. „Wie teuer war die Spezialanfertigung deiner Omega-Uhr?“ sei für einige Gäste eine gewöhnliche Frage, und viele von ihnen wünschen sich einen noch exklusiveren Rahmen. „Sie sind der Meinung, dass die Eintrittskarten zu günstig sind“, sagt Jacqueline. „Generell kommen die Besucher nicht deshalb zu uns, weil der Sex bei ihnen eintönig geworden ist, sondern weil sie wie bei einem Opernbesuch etwas Besonderes erleben wollen, Lebensqualität schätzen, aber wenig Zeit haben. Statt gnadenlos in einem Wellnesshotel durchzuschlafen, gehen sie zur Nacht der Masken.“</p>
<p><span style="color: #ff0000;"><strong>Im Swingerklub oder: Auf der Suche nach Elementarteilchen</strong></span></p>
<p>Mir ist ein wenig mulmig zumute, als ich die Bar Hemmungslos in der Ludwigstraße betrete. Das Etablissement mit angeschlossenem Swingerklub gibt es seit zwei Jahren. Ich treffe mich mit dem Swingerpaar Julia (23) und Christian  (27) aus Celle. Ich bin allerdings nicht mit ihnen verabredet, um an der „Herrenüberschuss-Party“ teilzunehmen, sondern um mit den beiden über ihr Verhältnis zu Sex und Erotik zu sprechen. Der Geschäftbetrieb läuft noch nicht, sodass Julia, die in der frivolen Bar arbeitet, mir später alle Räume zeigen kann. Doch zunächst sitzen wir in einer Sofaecke der schummerigen Disco, was nicht ohne Situationskomik ist. Die Einrichtung in gediegenem 80-Jahre-Flair inklusive Lichtorgel wirkt bieder und erinnert mich an eine Dorfdisse. Der einzige Unterschied ist, dass auf den Bildschirmen Pornos zu sehen sind und keine Musikvideos von C. C. Catch.</p>
<p>Als Christian mich siezt, korrigiert seine Frau ihn: „In der Swingerszene duzt man sich.“ Beide machen einen sehr gelassenen und entspannten Eindruck, Sex ist wohl generell kein Problem für sie. Wir lachen gemeinsam, als Benni, ein Freund der Celler, sich zu uns setzt: spärlich bekleidet in Unterhose und mit Puschen. Mit seinen zerzausten Haaren und gelangweiltem Gesichtsausdruck sieht er so aus, als würde er gerade aus dem Bett kommen. Er sagt, dass er zum ersten Mal im Swingerklub sei, aber das scheint ihn nicht aufzuregen. Während des Interviews schauen sich Julia und Christian auch immer wieder an, so, als ob sie sich fragen würden: „Was ist denn das für eine Irre, was stellt die für idiotische Fragen? Soll sie es doch selbst mal probieren!“ Tatsächlich ist es absurd, mit wildfremden Menschen über ihr Sexualleben zu sprechen, während im Hintergrund Pornos laufen. Für Julia und Christian scheint es aber noch viel unnatürlicher zu sein, über Sex zu reden, als ihn mit Fremden zu praktizieren.</p>
<p>Die beiden kennen sich seit fünf Jahren und sind seit einem Jahr verheiratet. Seit einem Jahr gehen sie auch regelmäßig in Swingerklubs. „Mich hat das schon immer interessiert, mit Ex-Freunden konnte ich das aber nicht machen“, sagt die gelernte Kosmetikerin Julia, die in der Bar Hemmungslos als Bedienung arbeitet, ihr privates Vergnügen aber vom Job trennt. Obwohl Christian anfangs skeptisch gewesen sei, konnte Julia ihn überreden, sich zunächst privat via Joyclub.de mit anderen Paaren zu treffen. Joyclub.de ist eine kostenlose Internet-Sex-Community mit rund 800.000 Mitgliedern und habe laut Julia „mehr Niveau als Poppen.de“. „Nie im Leben hätte ich es mir früher vorstellen könne, meine Frau mit anderen Männern zu teilen, aber die Grenzen verschieben sich im Laufe der Zeit. Man sieht vieles nicht mehr so eng“, sagt Christian, dem es gleich beim ersten Mal im Swingerklub gefallen hat. „So abschreckend wie im Fernsehen ist das gar nicht.“</p>
<p>Mittlerweile fahren sie nach Kassel oder Berlin, um sich dort zu zweit oder zu viert mit einem befreundeten Paar (47 und 50) in großen Klubs zu vergnügen. „In der Tempeloase in Berlin haben wir Silvester gefeiert“, sagt Julia. „Uns hat es immer wieder in den Keller gezogen, da war am meisten los. Im Orientraum tummelten sich über 100 Paare auf der Liegewiese.“ „Für uns war da unten kein Platz mehr. Das war ein einziger Fleischberg“, ergänzt Christian und lacht. Die Celler praktizieren Saver Sex. Außerdem seien Regeln wichtig, betont Julia, die nicht eifersüchtig ist. „Ich sehe es locker, wichtig ist Ehrlichkeit. Außerdem halten wir meist Blickkontakt.“ Christian hat Julia schon dabei beobachtet, wie sie mit drei Männern gleichzeitig Sex hatte, er hat bislang nur mit einer anderen Frau geschlafen: „Was Frauen anbelangt, bin ich sehr wählerisch.“</p>
<p>Bei gegenseitigem Gefallen komme man schnell mit anderen Pärchen ins Gespräch, erzählt Julia. „Man tauscht Erfahrungen aus, redet darüber, in welchen Klubs man war, und manchmal wird es dann anzüglicher.“ „Man kann Dinge erleben, die man nicht allein mit dem Partner erleben könnte“, sagt Christian. „Im Grunde leben wir nur Fantasien aus, die 90 Prozent der Bevölkerung haben.“ Beide sind davon überzeugt, dass ihre Beziehung dagegen gewappnet ist, irgendwann einzuschlafen. „Dass es bei uns mal langweilig wird, kann ich mir nicht vorstellen“, sagt die 23-Jährige. Schade sei aber, dass es nach wie vor anrüchig sei, in Swingerklubs zu gehen, bemerkt ihr Mann. „Bei Schwulen gab es ein Coming-out, bei uns noch nicht.“</p>
<p>Während wir durch die Räume gehen und Julia mir das Kaminzimmer, den französischen Gang, die Dusche, den SM-Bereich und die Hundehütten für Anfänger (mit und ohne Guckloch) zeigt, gesellt sich der Geschäftsführer des Hauses, Michael, zu uns. Ihm zufolge kommen am Wochenende rund 30 bis 50 Paare in die Bar Hemmungslos: „Die Swinger-Community in Hannover und Region umfasst ungefähr 1.000 Paare.“ Beliebte Events wie die Joyclub.de-Partys, die seit einem Jahr veranstaltet werden, seien in Hannover innerhalb von kurzer Zeit ausgebucht. „Beim ersten Mal sind sieben Paare dabei gewesen, mittlerweile kommen zu jeder Party 100 bis 200 Personen.“ Der 51-Jährige betreibt mehrere Klubs in Deutschland, ist seit 25 Jahren verheiratet, selbst ein passionierter Swinger und hat zwei Kinder. „Swingen ist ein Genuss wie ein Scampiessen. Das ist wie kegeln, nur erotischer“, sagt er. Als ich gehe, sitzen die ersten Gäste an der Theke. Ich verabschiede mich und habe das unbestimmte Gefühl, dass ich störe, weil ich über Sex reden will.</p>
<p><span style="color: #ff0000;"><strong>Der Selbstversuch oder: Master &amp; Servant in der Lounge Bizarre</strong></span></p>
<p>Grau ist jede Theorie, aber wie fühlt es sich an, bei einer Fetischparty dabei zu sein? Um das zu erfahren, gehe ich mit meinem Freund Dirk zur „Lounge Bizarre“ ins Acanto. Veranstalterin Jacqueline Sensez hat mir eine grünlackierte Uniform geliehen, in der ich mich für eine Nacht in „GI Jane“ verwandele. Obenrum ist das Kleid hochgeschlossen. Untenrum ist es aber so kurz, dass jeder von hinten meinen Slip sehen kann. Dazu trage ich Stiefel und eine Netzstrumpfhose. Für Dirk ist die (Mode)Sache einfacher: Er hat ein enges schwarzes Sport-Shirt und eine dunkle Hose an – sieht also ziemlich normal aus. Meine Unsicherheit versuche ich zu beschwichtigen, indem ich mir sage, dass schließlich alle Leute im Kölner Karneval so durch die Gegend laufen. Dennoch fühle ich mich zunächst sehr unwohl. Meinen Arsch bewege ich anfangs nicht von der Theke fort und trinke lieber erst mal ein, zwei, drei Bier, bis ich irgendwann nicht mehr das Gefühl habe, dass mir da unten ein Kleidungsstück fehlt.</p>
<p>Was die Musik anbelangt, unterscheidet sich die Fetischparty nicht von einer 80er-Jahre-Wave- und EMB-Party. Der DJ spielt Songs von Anne Clark, Depeche Mode und Yazoo, und zwischendurch erklingen Lieder von Rammstein, Michael Jackson und sogar House-Tracks. Auch optisch erinnert vieles an die unterkühlten 80er. Die Leute in schwarzem Lack- und Leder-Outfit und einige Gothics geben sich betont cool, viel gelacht wird nicht. Wenn geflirtet wird, dann nur verhalten. Geglotzt wird prinzipiell nicht, auch dann nicht, wenn ein Arsch oder Busen freiliegt (wir versuchen uns an diesen Kodex zu halten, es gelingt uns aber nicht immer). Erst bei näherer Betrachtung wird deutlich, dass wir uns tatsächlich in einer „Lounge Bizarre“ befinden. Dirk fühlt sich an eine Szene aus dem Film „Blade II“ erinnert, in der der Vampirjäger Daywalker im Haus des Schmerzes nach den Reapers sucht.</p>
<p>Okay, Vampire laufen im Acanto nicht rum, aber dafür lauter schräge Typen im Alter von 18 bis 60, die mit Eros und ihrer (sexuellen) Identität spielen: Eine dralle Herrin mit langen schwarzen Haaren züchtigt ihren Sklaven, der im Netzhemd vor ihr kniet. Spiegelverkehrt sitzen auf der anderen Seite der Sofaecke ein strenger Herr und seine glatzköpfige und barbusige Sklavin: Die circa 50-Jährige wird später an einer Leine von ihrem Partner durch den Raum geführt. Ein oberkörperfreier Mann im Henkerkostüm steht mit einer jungen Frau am Tresen, die Pailletten auf den Brustwarzen hat. Eine blonde Amazone mit Superkurven, Orchidee im Haar und weißem Minikleid sieht so sexy aus wie Ariane Sommer vor zehn Jahren. Frauen wie Männer betonen ihre Körperlichkeit, sind halbnackt, schnüren ihre Hüften in Korsetts oder tragen extravagante Latex-Outfits. Auf dem Dancefloor tanzen Transvestiten mit bunten Perücken. Einer von ihnen wirkt mit seiner Sonnenbrille wie eine Kreuzung aus Marilyn Manson und Joey Ramone. Königin der Nacht ist aber eindeutig ein anderer Transvestit in superengem Ganzkörperkostüm: In seinen High Heels überragt er alle. Er hat irrsinnig viele Ringe in den Ohren und ist so groß, edel und schön wie Bill Kaulitz von Tokio Hotel: eine schwarze Witwe – dressed to kill. Komplettiert wird der Reigen von Typen im Military- und Cop-Look und Männern, die sich an keinen Dresscode halten und offensichtlich (wie wir) Spanner sind.</p>
<p>Herkömmliche Gesetze der Geschlechterpaarung scheinen hier keine Rolle zu spielen. Ein junger Mann turtelt mit einer deutlich älteren Frau, und ein ziemlich kleiner und unscheinbarer Mann umarmt eine überaus attraktive große Frau: anything goes. Je später der Abend, desto schöner erscheinen uns all diese seltsamen Liebespaare. Uns macht es mittlerweile auch nichts mehr aus, einen Transvestiten und eine Frau beim Petting an der Bar zu beobachten. Was derweil im Separeé geschieht, können wir nur erahnen &#8230; Wir kommen mit Jochen und Kerstin ins Gespräch, die nicht mehr ganz nüchtern ist und Dirk anbaggert. Im Raucherraum reden wir mit Stammgast Peter. Dort macht mir ein Transvestit ein Kompliment für mein Outfit, entschuldigt sich aber gleich darauf bei Dirk: „Eigentlich hätte ich den Herren ja erst um Erlaubnis bitten müssen, ob ich seine Sklavin ansprechen darf.“</p>
<p>Regeln hin, Outfit her: Nach fünf Stunden als gestiefelte Jane in Netzstrumpfhose tun meine Füße weh und ich frage mich, wie es dem Bill- Kaulitz-Typen und seinen abgeschnürten Hüften geht. Die „Lounge Bizarre“ ist ein Maskenball für Menschen, die ihr Geschlecht inszenieren und ihre sexuelle Präferenz oder Andersartigkeit zeigen wollen. Für eine Nacht verwandeln sie sich in die Person, die sie möglicherweise auch im Alltag gern wären. Weil das aber in High Heels und mit Latex auf Dauer ganz schön anstrengend ist, hat die Maskerade ein natürliches Verfallsdatum. Abgesehen von dieser Erkenntnis bin ich mir nach dieser Nacht sicher: Die Zukunft unserer Sexualität ist „queer“, vielfältig und bizarr – alles ist möglich – faites vos jeux!</p>
<p><span style="text-decoration: underline;"><strong>im interview</strong></span></p>
<p><strong>prof. dr. uwe hartmann</strong></p>
<p><a href="http://www.stadtkind-hannover.de/wp-content/uploads/2011/05/20-53_April_SK_2011-4_72.jpg"><img class="alignleft size-medium wp-image-11400" title="20-53_April_SK_2011-4_72" src="http://www.stadtkind-hannover.de/wp-content/uploads/2011/05/20-53_April_SK_2011-4_72-300x242.jpg" alt="" width="300" height="242" /></a>Uwe Hartmann ist klinischer Psychologe, Sexualtherapeut und Dozent für Sexualtherapie an der MHH. Der Experte für Sexualmedizin behandelt unter anderem Patienten mit sexuellen Störungen und Paare mit Beziehungskonflikten. Das Stadtkind hat mit ihm über Liebe und Sex gesprochen und ihn gefragt, ob Partnerschaft und Bindung im Internetzeitalter zu Fremdwörtern für die „Generation Porno“ werden.</p>
<p><strong><span style="color: #ff0000;">Sehnsucht, Begehren, Liebe, Lust, Leidenschaft, Erotik und Sex &#8230; Gehören bestimmte Begriffe in eine Kategorie?</span></strong> Sehnsucht unterscheidet sich von den anderen Begriffen, fällt jedenfalls aus der genannten Gruppe raus. Sehnsucht ist mit der deutschen Romantik verbunden. Darunter versteht man ein schmerzliches Verlangen: Ohne das Objekt, wonach ich mich sehne, bin ich ganz unvollständig – das ist irgendwie typisch für die deutsche Kultur. Sehnsucht hat viel mit Schmerz und Trauer zu tun.</p>
<p><strong><span style="color: #ff0000;">Was bedeuten die Begriffe Liebe und Sex in der Psychologie?</span></strong> Liebe und Sex sind zunächst zwei Systeme, die viele Überschneidungsflächen haben. Zur Erklärung finde ich das Ordnungsmodell der Anthropologin Helen Fisher sehr anschaulich. Sie sagt, dass es drei verschiedene Systeme gibt: erstens das System des sexuellen Triebs oder Antriebs, zweitens das System Attraktion und Liebe und drittens das System Bindung.</p>
<p><strong><span style="color: #ff0000;">Und was sagt sie noch zu diesen Systemen?</span></strong> Aus evolutionsbiologischer Sicht ist der Trieb dazu da, uns überhaupt in Gang zu setzen: Irgendwas treibt uns an, wir suchen sexuelle Lust und Befriedigung. Heute ist uns ja kaum noch bewusst, dass Sexualität ein riskantes Verhalten ist. Wir kommen einem anderen Menschen sehr nahe, näher als sonst. Das kann riskant sein, zum Beispiel für unser Immunsystem, weil Körperflüssigkeiten ausgetauscht werden. Damit wir ein so großes Risiko eingehen, brauchen wir ein Motiv, einen Antrieb. Der Antrieb ist erst einmal ganz ungerichtet. Und an diesem Punkt kommt das zweite System ins Spiel: Mit Attraktion und Liebe soll erreicht werden, dass wir uns nicht irgendeinen, sondern den richtigen Partner aussuchen.  Und sobald wir den richtigen Partner gefunden haben, sollen wir uns an ihn binden, jedenfalls aus evolutionsbiologischer Sicht.</p>
<p><span style="color: #ff0000;"><strong>Welches Gefühl ist stärker: Liebe oder Sex?</strong></span> Obwohl wir Liebe als großes und starkes Gefühl empfinden, ist sie aus psychologischer Sicht eher ein Motivationssystem. Für uns Menschen ist Liebe ein viel stärkeres Motivationssystem als Sex. Das kann man daran ablesen, wie sehr wir an einer misslungenen Liebe leiden. Love hurts – die ganze Popmusik und Literatur beschäftigt sich fortwährend mit traurigen Liebesgeschichten. Menschen bringen sich um, weil sie abgewiesen werden oder weil der Mensch, den sie lieben, sie verlässt. Sie bringen sich aber nicht um, weil sie eine sexuelle Frustration erlebt haben. Liebe brauchen wir zu Beginn und bis zum Ende unseres Lebens. Liebe ist für den Einzelnen lebenswichtig, Sex hingegen dient der Erhaltung der Art.</p>
<p><strong><span style="color: #ff0000;">Guter Sex und Liebe. Gibt es da einen Zusammenhang?</span></strong> Nicht unbedingt, aber über kurz oder lang haben die meisten Menschen auch beim Sex das Bedürfnis nach Liebe. Wir können Sex von Liebe freistellen, wir können also sexuelle Lust empfinden, obwohl keine Liebe mit im Spiel ist. Aber eine Erfüllung erleben viele erst, wenn Sex und Liebe zusammenkommen.</p>
<p><strong><span style="color: #ff0000;">Ist Liebe eine Sucht?</span></strong> Grundsätzlich ist Liebe keine Sucht, sie kann süchtig machen – genau wie Sex. Es gibt liebessüchtige Menschen, die immer wieder den Kick suchen, diesen besonderen Ausnahmezustand der frischen Verliebtheit. Wenn wir verliebt sind, tickt unser Gehirn anders als sonst. Mit dem Brainscanner sieht man Veränderungen und wir wissen, dass viel mehr Amphetamine ausgeschüttet werden als üblich. Nach einem Jahr oder anderthalb Jahren reguliert sich das wieder, Gott sei Dank (lacht). Aber für manche Menschen ist das ein großer Verlust, weil sie den Zustand als so schön empfinden und ihn immer wieder erleben wollen. Solche Menschen sind eine harte Nummer für ihre Partner.</p>
<p><strong><span style="color: #ff0000;">Unser Gehirn ist unser größtes Sexualorgan, sagen Neurologen. Sind wir alle hormongesteuert?</span></strong> Unser Gehirn ist unser größtes Sexualorgan, ja, das stimmt. Es gibt im Gehirn aber nicht ein spezielles Zentrum für Sexualität. Prinzipiell gibt es zwei Verkehrssysteme der Lust: das Nervensystem und die Hormone. Beide Systeme sind für unsere Sexualität enorm wichtig. Aber von Hormonen sind wir längst nicht mehr so abhängig wie andere Arten, zum Beispiel Nagetiere.</p>
<p><span style="color: #ff0000;"><strong>Stichwort „Generation Porno“: Gibt es Untersuchungen darüber, was mit Menschen passiert, die ständig sexuellen Reizen in Form von Internetpornografie ausgesetzt sind?</strong></span> Viele Studien gibt es zu diesem Thema noch nicht. Eine Studie aus Großbritannien hat gezeigt, dass 80 Prozent der User, die Internetpornografie konsumieren, keine Probleme haben. 20 Prozent der Beteiligten haben aber angegeben, dass sie den Konsum irgendwann nicht mehr im Griff hatten. Bei uns (Anmerkung der Red.: in der MHH-Sprechstunde im Zentrum für Seelische Gesundheit) haben sich die Anfragen bezüglich Internetpornografie in den letzten fünf Jahren deutlich gehäuft. So eine Situation hat es in der Geschichte der Menschheit ja auch noch nicht gegeben, dass so eine unglaubliche Flut an Reizen zur Verfügung steht, wie es jetzt mit dem Internet der Fall ist. Einige Menschen verlieren darüber die Kontrolle, andere nicht. Mit Drogen ist das ja auch so.</p>
<p><span style="color: #ff0000;"><strong>Beeinflusst Internetpornografie unsere Sexualität?</strong></span> Die einen sagen, dass wir auf Dauer abstumpfen: Sex wird uns nicht mehr aufregen, wird uns langweilig vorkommen, wenn wir uns ständig die wildesten Geschichten im Internet angucken können. Andere behaupten das Gegenteil. Ich persönlich bin davon überzeugt, dass Internetpornografie Auswirkungen auf unsere Sexualität hat, kann diese aber noch nicht konkret beschreiben. Ich bezweifle, dass es in Zukunft nur einen Trend geben wird.</p>
<p><span style="color: #ff0000;"><strong>Was heißt das?</strong></span> In Hinblick auf unsere Sexualität sind die beiden Grundsysteme Hemmung und Erregung von Bedeutung. Ganz grob gesagt: Bei Erregung wird unser altes Reptiliengehirn in Gang gesetzt. Das Hemmungssystem beim Menschen ist demgegenüber viel ausgefeilter, weil wir unsere Sexualität in Einklang mit unserem sozialen Leben bringen müssen. Bei Menschen, die an Sexsucht leiden, ist die Hemmschwelle stark herabgesetzt. Auf der anderen Seite könnte ich mir vorstellen, dass es für einen Teil der Menschen immer schwieriger wird, ihre Hemmungen im richtigen Moment auszuschalten, da die Hemmungsseite durch die Reizüberflutung quasi hochgefahren werden muss. Dazu würde passen, dass es in unserer Sprechstunde immer mehr Frauen und Männer gibt, die zu viele Hemmungen und keine Lust mehr haben. Im Moment ist das allerdings noch Spekulation.</p>
<p><span style="color: #ff0000;"><strong>Gibt es in Ihrer Praxis Frauen, die wegen des Konsums von Internetpornos an Sexsucht leiden?</strong></span> Bei uns hat sich noch keine einzige Frau vorgestellt, die an einer Sexsucht erkrankt ist. Wir sehen hier Frauen, die ein anderes Problem haben, nämlich keine Lust. Was das Internet anbelangt, haben Frauen eher Probleme mit Chatrooms, aber nicht mit Internetpornografie. Generell haben Frauen eine Tendenz zu wählerischem Sex. Im Chatroom ist die Auswahl an Männern, die die Frau umgarnen, groß. Männer hingegen haben eher die Tendenz zu opportunistischem Sex, sie nehmen, was sie kriegen. In Bezug auf das Internet ist auch wichtig, dass visuelle Reize für Männer viel bedeutsamer sind als für Frauen. Männer finden es toll, wenn im Internet alles blinkt.</p>
<p>Schönheit ist in der Werbung ein Normalzustand. Was bewirken Botschaften von ewiger Schönheit und ständiger Geilheit? Sind wir alle erregt oder zunehmend frustriert und lustlos? Schönheitsideale spielen besonders für Frauen eine große Rolle. Ewig jung, ewig knackig, ewig frisch – solche Schönheitsdiktate schränken das Wohlgefühl von Frauen stark ein. In unsere Sprechstunde kommen viele Frauen, die außerordentlich unzufrieden mit ihrem Körper sind und die sich überhaupt nicht wohlfühlen, obwohl ihr Partner sagt: Ich finde dich toll und erregend. Das könnte mit dem ewigen Transport solcher Bilder zu tun haben.</p>
<p><span style="color: #ff0000;"><strong>Welche Partnerschaftsstörungen und –konflikte diagnostizieren Sie heute am häufigsten?</strong></span> Das häufigste Konfliktthema ist eine Lustdiskrepanz zwischen Mann und Frau. Häufig ist es so, dass die Frau keine Lust hat. Aber der Anteil der Männer, die über nachlassende Lust klagen, ist auch nicht gering.</p>
<p><span style="color: #ff0000;"><strong>Was sind häufige Gründe für fehlende Lust?</strong></span> Die Erwartungen an Sexualität sind häufig zu hoch. Außerdem spielen auch stinknormale Faktoren eine Rolle, Faktoren wie Energiemangel und Überbelastung. Bei 30- bis 50-Jährigen kommt oft alles zusammen: Karriere, Familie und Kinder. Ihr Leben ist vollgepackt. Und dann sollen sie auch noch eine Superlust haben und der Sex soll toll sein.</p>
<p><span style="color: #ff0000;"><strong>Sigmund Freud hat früher von „sexuellen Perversionen“ gesprochen. Gehen Menschen heute offener mit ihrer sexuellen Lust um – sprich leben sie ihre Fantasien eher aus und stehen zu Neigungen, die zu anderer Zeit noch als „abnormal“ bezeichnet wurden?</strong></span> Es gibt Kollegen, die von einem Verschwinden der Perversion sprechen. Das heißt: Das, was früher als pervers bezeichnet wurde, ist heute mainstream, zum Beispiel im SM-Bereich. Heute können Sie sich in jedem Sexshop und in manchen normalen Versandhäusern einen SM-Starter-Set oder ein Fetischobjekt kaufen. Das klinische Phänomen der Perversion gibt es noch: Nach wie vor sind Menschen völlig fixiert auf ein bestimmtes Ritual. Die einzige Form der sexuellen Perversion, die von unserer Gesellschaft rigoros ausgegrenzt wird, ist die Pädophilie. Nach allen anderen Formen der Perversion kräht kein Hahn mehr.</p>
<p><strong><span style="color: #ff0000;">Der Autor Sven Hillenkamp spricht vom „Ende der Liebe“. Seine These: Aufgrund von wachsender Mobilität und weltweiter Vernetzung wird uns „vorgegaukelt“, wir hätten eine unendliche Wahl bezüglich des Partners. Die Folge davon ist, dass wir uns nicht mehr fest binden. Können Sie die These bestätigen?</span></strong> Ich bin nicht so ein Kulturpessimist. Dinge verändern sich. Sexuelle Lust und Befriedigung suchen wir uns heute auf eine andere Art als vor 30 Jahren. Das heißt aber nicht automatisch, dass alles den Bach runtergeht. Wir leben in einer Optionsgesellschaft, aber das ändert nichts an bestimmten Tatsachen. Ich bin ganz nah bei Freud: Unsere biologische Ausstattung und vor allem unsere jeweilige Lebensgeschichte prägen uns und machen uns zu einer bestimmten Person, dazu gehört auch das sogenannte Triebschicksal, über das wir nicht einfach frei verfügen können. Sie sind nicht Marilyn Monroe und ich bin nicht George Clooney, sprich wir können uns unser erotisches Drehbuch nicht aussuchen oder auf Knopfdruck unsere Bedürfnisse ändern. Hillenkamp sagt, dass uns ständig vorgegaukelt wird, dass wir mehr haben könnten, als wir haben. Er beschreibt zum Beispiel einen Mann, der eine tolle Frau hat, aber trotzdem in einem Internetportal nach der Super-Super-Miss sucht. Hillenkamp spricht von einer „Beschleunigung der Enttäuschung“ und davon, dass Menschen sich trennen, bevor sie überhaupt zusammen gewesen sind. Heute sagt man viel schneller: Ich habe kein Lust mehr. Das ist bestimmt ein Trend, da hat Hillenkamp recht.</p>
<p><span style="color: #ff0000;"><strong>Ein Szenario: Ist es denkbar, dass Menschen sich in Zukunft nicht mehr auf Liebe und Bindung konzentrieren, sondern nur noch auf das Ausleben ihrer Triebe?</strong></span> Auf keinen Fall. Liebe ist eine Riesenkonstruktion im Gefüge der Menschen. Ich glaube, dass Jugendliche in einer Welt, die immer mehr Optionen bietet, nach einem Bezugspunkt suchen.</p>
<p><span style="color: #ff0000;"><strong>Für den französischen Philosophen Michel Foucault ist die Sexualität ein historisches Konstrukt, also etwas von der Gesellschaft „Gemachtes“. Demnach müsste sich die Beziehung der Menschen zu ihrem Körper zurzeit stark verändern, zum Beispiel wegen der ständigen Verfügbarkeit von Pornografie. Stimmen Sie dem zu?</strong></span> Ja, Sexualität ist immer auch etwas Gemachtes. Sexualität ist von der Gesellschaft immer eingesetzt worden, es gibt sie nicht in Reinform, das ist richtig. Wir müssen mit Sexualität umgehen können – so wie wir auch das Essen und Trinken in einer Gesellschaft regulieren. Jede Gesellschaft hat bestimmte Richtlinien und Erwartungen.</p>
<p><span style="color: #ff0000;"><strong>Stichwort „sexuelle Revolution“: Gehen wir heute freier mit unserem Körper und sexuellen Verlangen um?</strong></span> Der Umgang mit Sexualität ist offener geworden, man spricht heute offener über Bedürfnisse. Nur ein paar abgedrehte Typen sagen noch, dass Selbstbefriedigung schädlich ist. Begriffe wie „vorehelicher Geschlechtsverkehr“ oder „Fachgeschäft für Ehehygiene“ (Anmerkung der Red.: ein anderes Wort für „Sexshop“) sind praktisch ausgestorben. Viele Freiheitsgrade sind hinzugekommen. Sex ist keine dunkle, bedrohliche Kraft mehr, sondern wird als etwas Schönes wahrgenommen. Alles hat aber eben auch zwei Seiten: Der Leistungsdruck ist größer geworden. Junge Menschen haben keinen Spielraum mehr, alles muss sofort bei ihnen laufen. Im Zeitalter von Viagra muss auch bei den Alten alles funktionieren. Alles muss perfekt sein. Das ist der Preis, den wir bezahlen.</p>
<p><strong>Simone Niemann</strong></p>
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		<title>kultur-highlights 2011</title>
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		<pubDate>Tue, 01 Mar 2011 10:17:30 +0000</pubDate>
		<dc:creator>wolke</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Warum man in diesem Jahr auf keinen Fall in den Urlaub fahren sollte. ]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Bereits vor zwei Jahren, in unserer April-Ausgabe 2009, haben wir einen Überblick über die verschiedenen Festivals in Hannover gegeben. Nun ist es höchste Zeit für eine Wiederholung, denn es hat sich eine Menge getan in Sachen Kultur. Einige neue Formate sind hinzugekommen, manche Festivals sind gewachsen. Wir haben in dieser Ausgabe zusammengetragen, was die Veranstalter uns schon jetzt zu ihren Programmen verraten konnten. So eine Zusammenstellung birgt natürlich immer ein Risiko: Es ist eine Auswahl. Hannover hat derart viele Veranstaltungen von ganz klein bis ganz groß, dass es vollkommen unmöglich wäre, sie alle vorzustellen. Es ist und bleibt nur ein Überblick. Aber der hat es in sich. Wir wünschen allen Veranstaltern in Hannover volle Häuser, volle Plätze und gutes Wetter. Vielleicht trägt ja diese Stadtkind-Ausgabe dazu bei, noch ein paar mehr Menschen neugierig zu machen.</p>
<p><strong>Musical-Sommer mit „Ein Sommernachtstraum“ und „Der Sturm“</strong></p>
<p><a href="http://www.stadtkind-hannover.de/wp-content/uploads/2011/03/Gartentheater-Herrenhausen.jpg"><img class="alignleft size-thumbnail wp-image-10422" title="Gartentheater Herrenhausen" src="http://www.stadtkind-hannover.de/wp-content/uploads/2011/03/Gartentheater-Herrenhausen-150x150.jpg" alt="" width="150" height="150" /></a>Nach dem großartigen Auftakt des neu inszenierten „Sommernachtstraums“ im Sommer 2010 dürfen sich die Zuschauer auf eine Welturaufführung freuen: „Der Sturm“, das neue Musical von Heinz Rudolf Kunze und Heiner Lürig, wird nach den Voraufführungen (30. Juni bis 6. Juli) am 7. Juli im Gartentheater Herrenhausen Premiere feiern. Wie schon beim „Sommernachtstraum“, der in diesem Jahr vom 11. August bis zum 4. September läuft, führt Christian von Götz Regie. Das Autorenteam Kunze/Lürig übersetzte den Shakespeare-Stoff in eine Science-Fiction-Handlung, für die das Gartentheater zur Weltraumkulisse wird. „Der Sturm“ gilt als die rätselhafteste Komödie Shakespeares. Im Mittelpunkt des Musicals steht der Zauberer Prospero, dem der Luftgeist Ariel dient. Weitere Informationen unter www.hannover-concerts.de.</p>
<p><strong>TANZtheater INTERNATIONAL 2011</strong></p>
<p><a href="http://www.stadtkind-hannover.de/wp-content/uploads/2011/03/TANZtheater.jpg"><img class="alignright size-thumbnail wp-image-10434" title="TANZtheater" src="http://www.stadtkind-hannover.de/wp-content/uploads/2011/03/TANZtheater-150x150.jpg" alt="" width="150" height="150" /></a>Bei der 26. Ausgabe des Festivals werden vom 01. bis zum 10. September wieder künstlerische Visionen von internationalen zeitgenössischen Choreografen auf Hannovers Bühnen zu sehen sein. Abwechslungsreiche Tanzproduktionen von Größen der Tanzszene bis hin zu Stücken der jüngeren Generation lassen TANZtheater INTERNATIONAL dann erneut zehn Tage lang zur Präsentationsplattform für die Tanzsprachen der Gegenwart werden. Geplant sind aussagekräftige Produktionen, die auf vielfältige Weise verschiedene Aspekte der Gegenwart analysieren.</p>
<p><strong>11. Internationale A-cappella-Woche Hannover</strong></p>
<p><a href="http://www.stadtkind-hannover.de/wp-content/uploads/2011/03/Basta.jpg"><img class="alignleft size-thumbnail wp-image-10417" title="Basta" src="http://www.stadtkind-hannover.de/wp-content/uploads/2011/03/Basta-150x150.jpg" alt="" width="150" height="150" /></a>Zehn Konzerte von 14 Ensembles aus sieben Ländern vom 8. bis 15. Mai in Hannover, so in aller Kürze die Eckdaten zur elften Ausgabe der A-capella-Woche. Bei diesem Musikfestival brauchen die Akteure keine Instrumente, allein mit der Stimme zaubern sie manchmal ein ganzes Orchester auf die Bühne. So beispielsweise der Solokünstler Martin O. aus der Schweiz, der mit seiner „Loop-Maschine“ die eigene Stimme aufzeichnet und mehrfach über-einanderlegt. Zusammen mit Basta aus Köln eröffnet er das Festival im NDR Sendesaal am 8. Mai um 20 Uhr. Ganz ohne Technik präsentiert sich dagegen das Frauen-Ensemble VocaMe aus Deutschland mit den Werken der byzantinischen Äbtissin Kassia (9. Jahrhundert) im Kloster Mariensee bei Neustadt am Rübenberge am 9. Mai um 20 Uhr. Allein diese Beispiele beschreiben den Spannungsbogen, den dieses Festival bietet. Es gibt kaum einen Musikstil, der nicht vorkommt, von ganz modern bis klassisch ist wirklich alles dabei. Nicht verpassen: Am 11. Mai um 20 Uhr präsentiert das legendäre Hilliard Ensemble aus Großbritannien das Ergebnis des Kompositionswettbewerbs der Internationalen A-cappella-Woche Hannover und bietet daneben natürlich auch Werke aus dem 15. bis zum 21. Jahrhundert, die es unter dem Titel „A Hilliard Songbook“ zusammengestellt hat. Die zweite Uraufführung der Woche erlebt das Publikum dann im Rahmen des Meisterkurskonzertes. Das Folkwang Vokalensemble unter der Leitung von Jörg Breiding, Ensemble Formosa, die Hannover Harmonists und ein Ensemble der Hochschule für Musik, Theater und Medien Hannover sind Teilnehmer des Hilliard-Meisterkurses mit Schwerpunkt „Neue Musik“ und singen am 12. Mai um 20 Uhr u.a. ein eigens für sie komponiertes Werk von Hans Schanderl aus Berlin im Cavallo. Am 14. Mai um 16 Uhr bieten die Hannover Harmonists gemeinsam mit dem Figurentheater Marmelock ein buntes Programm von Opern bis zu Filmmusik, moderiert von der Ratte Bruneau. Mitmachen und Mitsingen – ein Spaß für die ganze Familie. Und am 14. Mai um 20 Uhr zeigen Postyr aus Dänemark, Vertreter der jungen, innovativen A-cappella-Generation, was man mit Hilfe von elektronischer Verzerrung und Verstärkung so alles aus der menschlichen Stimme he-rausholen kann. Übrigens keine Sorge, wer am 14. Mai den Eurovision Song Contest mit Lena nicht verpassen möchte, der wird im Pavillon nichts vermissen. Zwischen den Darbietungen von drei europäischen Gruppen wird immer wieder (dem NDR sei Dank) zum ESC geschaltet – und danach gibt es natürlich eine ESC Party (auch wenn Lena nicht gewinnt). Das volle Programm und alle Informationen zur 11. Internationalen A-cappella-Woche Hannover gibt es unter www.acappellawoche de. Dort findet sich auch alles zum Online-Wettbewerb „A-Capideo“ für A-cappella-Gruppen. Die User wählen dort ihren Favoriten, der dann live bei der Internationalen A-cappella-Nacht im Pavillon am Raschplatz zu sehen und hören sein wird. Karten zu den Konzerten sind an allen Vorverkaufsstellen sowie beim Veranstalter erhältlich.</p>
<p><strong>Wintervarieté 2011</strong></p>
<p><a href="http://www.stadtkind-hannover.de/wp-content/uploads/2011/03/Wintervarieté.jpg"><img class="alignright size-thumbnail wp-image-10430" title="Wintervarieté" src="http://www.stadtkind-hannover.de/wp-content/uploads/2011/03/Wintervarieté-150x150.jpg" alt="" width="150" height="150" /></a>Auch die Planungen für das Wintervarieté 2011 laufen bereits auf Hochtouren, und diesmal wird es französisch. Der Titel „French Connection“ ist Programm. Neue Strömungen der französischen  Zirkusphilosophie werden mit Elementen aus Artistenzirkus, Komik, Musik, Theater und Tanz begeistern, die Zuschauer erwartet wieder ein ganz eigenes ästhetisches Gesamtkunstwerk. „French Connection“ kehrt zurück zu den Wurzeln des Wintervarietés in der Orangerie, eine grandiose Show für die ganze Familie jenseits der üblichen Dimensionen eines Varieté-Abends. Opulent, eindrucksvoll, außergewöhnlich! Der Premierentermin für die 8. Auflage des Wintervarietés wird voraussichtlich der 19. November 2011 sein. Weitere Informationen unter www.variete.de.</p>
<p><strong>Klassik in der Altstadt</strong></p>
<p>Zwei Wochen lang liegen in Hannover klassische Klänge in der Luft. Das Festival „Klassik in der Altstadt“ bietet hochkarätige Konzerte und bringt Newcomer auf den Geschmack. Vor historischen Kulissen auf dem Marktplatz vor der Marktkirche, im Historischen Museum und der Kreuzkirche lauschen Jahr für Jahr hunderte Besucher den virtuosen Klängen. Vom 9. bis 23. Juli, das Eröffnungskonzert in der Kreuzkirche findet am 8. Juli statt.</p>
<p><strong>Feuerwerkswettbewerb</strong></p>
<p>Beim Saisonauftakt der Herrenhäuser Gärten lassen die besten Pyrotechniker im Wettbewerb die Funken sprühen: Schweden, Frankreich, Spanien, Österreich und Mexico – mit diesen fünf Topteams geht der Internationale Feuerwerkswettbewerb 2011 in den Herrenhäuser Gärten nach der großen Jubiläumsausgabe in die 21. Runde. Spektakuläre Feuerwerke, die exakt auf die dazugehörige Musik abgestimmt sind, sollen die Zuschauer begeis-tern. Ein vielfältiges Rahmenprogramm mit Kleinkunst und Live-Musik lädt schon lange vor dem leuchtenden Höhepunkt des Abends in den Großen Garten ein. Die Termine und Nationen 2011: Schweden &#8211; Göteborg FyrverkeriFabrik (14. Mai), Frankreich &#8211; Intermède (25. Juni), Spanien &#8211; Pirotecnia Europlá (27. August), Österreich &#8211; Pyrovision (10. September), Mexico &#8211; Pirotecnia Reyes (24. September).</p>
<p><strong>Tango Impuls 2011</strong></p>
<p><a href="http://www.stadtkind-hannover.de/wp-content/uploads/2011/03/Tango-Impuls.jpg"><img class="alignleft size-thumbnail wp-image-10433" title="Tango Impuls" src="http://www.stadtkind-hannover.de/wp-content/uploads/2011/03/Tango-Impuls-150x150.jpg" alt="" width="150" height="150" /></a>Das III. Internationale Tango- und Musik-Festival Hannover bietet in diesem Jahr ein deutlich umfangreicheres und vielseitigeres Programm als zuvor an, zum Beispiel auch für Kinder und Jugendliche. Vom 14. April bis 8. Mai gibt es Konzerte, Tanznächte, Filme, Ausstellungen und Workshops sowie eine Autorenlesung und erstmalig ein spezielles Kinder- und Jugendprogramm. Die Veranstaltungsorte verteilen sich über die ganze Stadt. Beim Eröffnungskonzert mit dem Chango Spasiuk Quartett am 14. April in der Markuskirche erwartet die Besucher ein unvergesslicher Abend mit moderner argentinischer Folklore. Die Ab-schiedsparty ist am 8. Mai im Mozartsaal. Bereits am 7. April laden die Veranstalter von Tango Impuls und die Hannoversche Volksbank zur Vernissage der Ausstellung „Typisch Tango“ ein. Der renommierte hannoversche Fotograf Ralf Mohr stellt im Foyer der Bank in der Kurt-Schumacher-Straße atemberaubende Momentaufnahmen der internationalen Künstler aus. Mehr Informationen unter www.tangoimpuls.de.</p>
<p><strong>4. International Tribal- &amp; Worlddance Festival Hanover</strong></p>
<p><a href="http://www.stadtkind-hannover.de/wp-content/uploads/2011/03/Susann-Frankovich.jpg"><img class="alignright size-thumbnail wp-image-10432" title="Susann Frankovich" src="http://www.stadtkind-hannover.de/wp-content/uploads/2011/03/Susann-Frankovich-150x150.jpg" alt="" width="150" height="150" /></a>Vom 27. bis 29. Mai 2011 lädt Veranstalterin Asmahan El Zein bereits zum 4. Mal zum großen Meet &amp; Greet der Szene ein. Ein Muss für alle Enthusiasten des Tribal-Style Dance, aber auch ein Geheimtipp für die Ethno- &amp; Worlddance Szene. Vielleicht kurz zur Erklärung: Es wird getanzt. Tribal vereint verschiedene Elemente des orientalischen Tanzes. Das Festival bietet neben einer großen Tribal Show Gala, einem Tribal-Basar und einem Workshop-Programm mit den aktuellen Trends der Tribalszene in diesem Jahr auch einen Wettbewerb. Vergeben wird die Auszeichnung „1. International Tribal Award – Best Tribalperformer 2011“ in den Kategorien: Solo, Duo, Gruppe/Formation, Male-Dancer. Außerdem geben sich natürlich die Stars der deutschen und internationalen Tribalszene die Klinke in die Hand. Ein paar Beispiele: Anasma (Paris/New York), Manca Pavli (Slovenien), The Uzumé (Niederlande), Martina Crowe (Kanada) und Martha (USA/D). Nie gehört? Ein Grund mehr, sich mal auf den Weg zu machen! Alle Informationen unter www.tribal-festival.de.</p>
<p><strong>BootBooHook</strong></p>
<p><a href="http://www.stadtkind-hannover.de/wp-content/uploads/2011/03/BootBooHook.jpg"><img class="alignleft size-thumbnail wp-image-10418" title="BootBooHook" src="http://www.stadtkind-hannover.de/wp-content/uploads/2011/03/BootBooHook-150x150.jpg" alt="" width="150" height="150" /></a>BootBooHook 2011, das heißt in diesem Jahr an gleich drei Tagen Musik jenseits des üblichen Mainstreams. Am 19., 20. und 21. August sollte man sich also nichts vornehmen und dem Faust-Gelände einen Besuch abstatten. Bands wie Frittenbude, Die Goldenen Zitronen, Kreidler, Pyrolator, Christian Kjellvander, Taxi Taxi!, Samba, Jack, Beauregard und Moss waren bei Redaktionsschluss schon bestätigt, weitere Namen werden sicher noch folgen. Und wir versprechen, es gibt noch die eine und andere ganz große Überraschung. Leider ist die Frühbucherticketaktion (dieses Ticket ist übrigens für die gesamten Festivaltage gültig) bereits vorbei. Festivaltickets (für drei Tage) kosten nun im VVK 44,- Euro zzgl. Gebühren und an der Abendkasse 55,- Euro. Es wird auch Tagestickets geben. Sobald die Bands der einzelnen Tage feststehen, gehen sie in den Verkauf. Wer campen möchte, ist schon mit 10,- Euro dabei. Allerdings wird das Kontingent an Campingtickets in diesem Jahr zugunsten der Verbesserungen der Anlage verkleinert. Der Campingplatz wird außerdem von zwei Zäunen gesichert sein, es wird sanitäre Anlagen direkt auf dem Camping-Areal geben, und die Anzahl der Ordner wird erhöht. Verstärkte Einlasskontrollen werden dafür sorgen, dass wirklich nur diejenigen auf das Campingareal gelangen, die dazu befugt sind. Weitere Infos unter www.tapeterecords.de oder unter www.bootboohook.com.</p>
<p><strong>up-and-coming 2011</strong></p>
<p><a href="http://www.stadtkind-hannover.de/wp-content/uploads/2011/03/up-and-coming.jpg"><img class="alignright size-thumbnail wp-image-10436" title="up-and-coming" src="http://www.stadtkind-hannover.de/wp-content/uploads/2011/03/up-and-coming-150x150.jpg" alt="" width="150" height="150" /></a>Vom 24. bis 27. November 2011 darf sich Hannover auf das 11. up-and-coming freuen. Einfallsreich, ungewöhnlich, humorvoll, provokativ und eigenwillig, so beschreiben die Veranstalter die jungen Filmemacher, deren Werke während des internationalen Filmfestivals im CinemaxX Nicolaistraße zu sehen sein werden. Das up-and-coming ist der Wettbewerb um den „Deutschen Nachwuchsfilmpreis“ und den „International Young Film Makers Award“. Erstmalig wird beim up-and-coming zudem auch der „Bundes-Schülerfilm-Preis 2011“ für eine in der Schule entstandene Filmproduktion vergeben. Das Festival konzentriert sich auf die Arbeiten einer ganz jungen Filmemacher-Generation von Schülern, Jugendlichen und Studenten. Teilnehmen kann man von 7 bis 27 Jahren. Einsendeschluss für alle Filme ist der 1. August 2011. Thema und Länge sind frei. Die Informationen dazu gibt es unter www.up-and-coming.de. Insgesamt werden ca. 180 ausgewählte Filme aus Deutschland und 40 weiteren Ländern zu sehen sein. Auf jeweils drei Filme warten am Ende die beiden begehrten Auszeichnungen, vergeben durch eine hochkarätig besetzte Jury. Neben dem Preisgeld und der gläsernen Statue „FilmKomet“ ist mit dem Gewinn des Deutschen Nachwuchsfilmpreises auch eine zweijährige Produzenten-Patenschaft verbunden. Bisherige Paten sind die Produzenten Peter Rommel, Volker Engel, Regina Ziegler, Bettina Brokemper, Christian Becker und Hans W. Geißendörfer. Auch im internationalen Wettbewerb lockt neben der Auszeichnung eine zweijährige Patenschaft von ZENTROPA Norwegen (Lars von Triers Filmproduktionsfirma). Die Preisträger werden mit einem Mentor-Programm bei der Entwicklung eines neuen Drehbuchs unterstützt. Das up-and-coming ist ohne Zweifel ein Aushängeschild für die Stadt Hannover. Allein die Liste der Namen des internationalen Kuratoriums spricht Bände: Pedro Al-modovar, Blixa Bargeld, Volker Engel, Valie Export, Peter Greenaway, Aki Kaurismäki, Udo Kier, Alexander Kluge, Marie-Jo Lafontaine, Jack Lang und Lars von Trier. Wer hier gewinnt, dem öffnen sich durchaus Türen. Bestes Beispiel: Justin Peach und Lisa Engelbach haben mit dem Film „Kleine Wölfe“ beim up-and-coming Festival im November 2009 den „Deutschen Nachwuchsfilmpreis“ und eine 2-jährige Produzenten-Patenschaft mit Hans W. Geißendörfer gewonnen. Seither ist der Film erfolgreich im In- und Ausland gelaufen und wurde im August 2010 vom ZDF ausgestrahlt. Und es kommt noch besser: „Kleine Wölfe“ ist nun sogar für den „Grimme-Preis 2011“ in der Kategorie „Information und Kultur“ nominiert (am 16. März wird in Düsseldorf entschieden).</p>
<p><strong>Fête de la Musique</strong></p>
<p>Zum vierten Mal zelebriert Hannover in diesem Jahr die „Fête de la Musique“. Weltweit feiern mehr als 450 Städte von Paris über Petersburg bis Peking dieses große Musikfest, das für Toleranz, Weltoffenheit und Völkerverständigung steht. Im vergangenen Jahr sind mehr als 1.500 Musiker in 200 Bands an 40 Standorten in der Innenstadt aufgetreten und haben mit ihrer Musik die Besucher begeistert. Der nächste Termin ist am 21. Juni.</p>
<p><strong>World of Orient</strong></p>
<p><a href="http://www.stadtkind-hannover.de/wp-content/uploads/2011/03/Suraiya.jpg"><img class="alignleft size-thumbnail wp-image-10431" title="Suraiya" src="http://www.stadtkind-hannover.de/wp-content/uploads/2011/03/Suraiya-150x150.jpg" alt="" width="150" height="150" /></a>Vom 11. bis zum 13. März wird es wieder orientalisch in Hannover: „World of Orient“ wird in diesem Jahr 12 Jahre alt! Das internationale Festival für orientalischen Tanz, Musik und Kultur ist europaweit eines der führenden Events dieser Art. Es bietet eine große Fachmesse im FZH Vahrenwald und exquisite Shows im Theatersaal Langenhagen. Analog zum Eurovision Song Contest 2011 präsentiert „World of Orient“ im März ein Programm mit renommierten Tanz- und Performance-Künstlern u.a. aus Spanien, Ungarn, Irland und Slovenien. Zur Eröffnungsgala am 11.03. begrüßen die Veranstalter u.a. Shahrazad sowie Leyla Jouvana und Roland aus Duisburg. Mehr Infos unter www.world-of-orient.de!</p>
<p><strong>Fährmannsfest 2011</strong></p>
<p><a href="http://www.stadtkind-hannover.de/wp-content/uploads/2011/03/Tito-and-Tarantula.jpg"><img class="alignright size-thumbnail wp-image-10435" title="Tito and Tarantula" src="http://www.stadtkind-hannover.de/wp-content/uploads/2011/03/Tito-and-Tarantula-150x150.jpg" alt="" width="150" height="150" /></a>In einer Zusammenstellung der Kultur-Highlights 2011 darf natürlich das Fährmannsfest nicht fehlen. Die US-Tex-Mex-Rock-Band Tito &amp; Tarantula, die Punk-Institution Turbostaat und die Reggae-Alternative-Hip-Hop-Gruppe Ohrbooten sind bereits fest gebucht. Vom 5. bis 7. August lädt das „kleine Woodstock an der Leine“ zum fulminanten Musik- und Kulturprogramm. Rund 30 Bands und Einzelkünstler werden auf der großen Festivalbühne am Ihmeufer und auf der Kulturbühne auf der Faustwiese erwartet, Bands aus der Stadt und Region, Bands mit internationalem Ruf und bundesweiter Popularität – das ist die besondere und einmalige Mischung, die Hannovers größtes Alternativ-Open-Air-Festival so besonders spannend macht. Das komplette Musikprogramm wird voraussichtlich Ende März bekannt gegeben. Tagestickets für Freitag und Samstag kosten an der Tageskasse jeweils 7 Euro. Festivaltickets für 12,50 Euro inklusive Gebühren sind auf der Internetseite www.faehrmannsfest.de und an allen Vorverkaufsstellen erhältlich. Der Sonntag ist natürlich wie immer eintrittsfrei. Und noch eine gute Nachricht: Nach der erfolgreichen Premiere 2010 wird es auch in diesem Jahr wieder das Bandcamp der Städtepartnerschaften geben. Aus den hannoverschen Partnerstädten Rouen und Poznan wird jeweils eine Band eine Woche in Hannover zu Gast sein, die Stadt kennenlernen und gemeinsam mit der hannoverschen Band Kneeless Moose musizieren. Organisiert wird dieses Bandcamp übrigens vom Kulturbüro der Stadt Hannover, der Festnetz GbR und dem Fährmannsfest Verein. Am Festival-Sonntag treten die französische und die polnische Band auf der Festivalbühne alleine und natürlich zusammen mit der hannoverschen Bandcamp-Band auf. Über einen Livestream im Internet können dann auch die Fans in Rouen und Poznan den Auftritt erleben. Weitere Informationen unter www.faehrmannsfest.de.</p>
<p><strong>17. Masala-Festival</strong></p>
<p>Am 18. Mai beginnt das diesjährige Masala-Festival mit einer heißen Mischung traditioneller und zeitgenössischer Musik aller Kontinente. Die Sängerin Dobet Gnahoré von der Elfenbeinküste eröffnet das multikulturelle Fest. Bereits am nächsten Tag geht Masala auf Reisen in die Region und gastiert zunächst mit dem A-cappella-Quintett Black Voices aus England in der St. Martinskirche in Bennigsen. Am Samstag, 21.05., heißt es im Pavillon „Cuba Ahora“: Mit Eleganz und Esprit laden Juan de Marcos’ Afro-Cuban All Stars zu einer heißen Salsanacht ein. Das Abschlusskonzert am 29.05. wird von dem Ausnahmeperkussionisten Mohammad Reza Mortazavi (Iran) bestritten. Mehr Informationen unter www.masala-festival.de.</p>
<p><strong>Fest der Kulturen</strong></p>
<p><a href="http://www.stadtkind-hannover.de/wp-content/uploads/2011/03/Fest-der-Kulturen.jpg"><img class="alignleft size-thumbnail wp-image-10420" title="Fest der Kulturen" src="http://www.stadtkind-hannover.de/wp-content/uploads/2011/03/Fest-der-Kulturen-150x150.jpg" alt="" width="150" height="150" /></a>Vom 10. bis zum 12. Juni findet zum zweiten Mal das „Fest der Kulturen“ statt. Das Gelände um das Neue Rathaus verwandelt sich dann für drei Tage in einen Ort des kulturellen Austauschs. Von Freitag bis Sonntag bieten die Internationale Konzert Bühne auf dem Trammplatz, das TanzPodium am Maschteich sowie die Kinderbühne Unterhaltung für alle Altersklassen. Ein besonderes Augenmerk des „Fests der Kulturen“ liegt auf der Beteiligung und Einbindung interkultureller Vereine und Organisationen aus Hannover. Zur Eröffnung der Veranstaltung am Freitag um 16 Uhr endet die Masala-Kinderkarawane direkt am Neuen Rathaus. Im Rathaus findet am Samstag, 11.6., von 11 bis 18 Uhr ein Tag der offenen Tür statt, der dieses Mal unter dem Motto „Lesen“ steht. Mehr Informationen unter www.pavillon-hannover.de.</p>
<p><strong>Modepreis Hannover</strong></p>
<p><a href="http://www.stadtkind-hannover.de/wp-content/uploads/2011/03/Modepreis-Hannover.jpg"><img class="alignright size-thumbnail wp-image-10426" title="Modepreis Hannover" src="http://www.stadtkind-hannover.de/wp-content/uploads/2011/03/Modepreis-Hannover-150x150.jpg" alt="" width="150" height="150" /></a>Nach den erfolgreichen ersten zwei Jahren geht der Modepreis Hannover in die dritte Runde. Am 1. Juli werden die besten Bachelor- und Diplomarbeiten des Studiengangs Modedesign der Fachhochschule (FHH) gekürt. Über 15 Kollektionen werden gezeigt und anschließend von einer Jury bewertet, die sich aus internationalen Designern, Fachjournalisten und angesehenen Modeexperten zusammensetzt. Alle AbsolventInnen des entsprechenden Abschlussjahres können auf den Schauen ihre Mode präsentieren und sich um die zu vergebenden Preise bewerben. Von Slow Fashion bis Sportswear: Alle Bereiche stehen den angehenden Designern offen. Weitere Informationen unter www.modepreishannover.de.</p>
<p><strong>Kleines Fest im Großen Garten</strong></p>
<p>Masken, Mimen, Musikanten, Gaukler, Clowns und Komödianten gepaart mit Tanz und Akrobatik: So präsentiert sich seit über 25 Jahren das berühmte „Kleine Fest im Großen Garten“. An fast jedem zweiten Abend im Juli verzaubern mehr als 100 internationale Künstler auf rund 30 Bühnen zwischen Hecken und Boskett-Gärtchen, an Brunnen und Fontänen die Gäste. Die fast 40.000 Vorverkaufskarten sind regelmäßig binnen kürzester Zeit ausverkauft. Wer leer ausgegangen ist, versucht sein Glück mit Campingstuhl und Thermoskanne in der Warteschlange vor der Abendkasse. Hier sind pro Tag noch 200 Karten zu ergattern – längst nicht genug: Die Nachfrage ist dreimal so hoch wie die verfügbaren Karten. Das nächste Kleine Feste findet vom 12. bis 31. Juli 2011 statt.</p>
<p><strong>Entfesselte Welten – KunstFestSpiele Herrenhausen</strong></p>
<p>Rausch, Entfesselung und Grenzüberschreitung verheißen die zweiten KunstFestSpiele Herrenhausen. Unter dem Motto „Entfesselte Welten“ präsentiert das Festival vom 27. Mai bis zum 19. Juni in Hannovers barocken Gärten ein interdisziplinäres Programm mit 30 Veranstaltungen, das tradierte Genregrenzen überschreitet. Die KunstFestSpiele beginnen mit einer musikalisch-theatralen Auftaktveranstaltung: mit Couture von Vivienne Westwood und Musik aus Georg Friedrich Händels Oratorium „Semele“. Internationale Gastspiele, Musiktheater, Filmklassiker mit Orchesterbegleitung, szenische Konzerte, eine Oper, Installationen und Kunstperformances laden vier Wochen lang dazu ein, den Alltag zu vergessen und im sommerlichen Garten Herrenhausen in die „entfesselten Welten der Künste“ einzutauchen.</p>
<p><strong>Festival Theaterformen</strong></p>
<p><a href="http://www.stadtkind-hannover.de/wp-content/uploads/2011/03/Festival-Theaterformen.jpg"><img class="alignleft size-thumbnail wp-image-10421" title="Festival Theaterformen" src="http://www.stadtkind-hannover.de/wp-content/uploads/2011/03/Festival-Theaterformen-150x150.jpg" alt="" width="150" height="150" /></a>Der Name ist Programm: Das renommierte Festival Theaterformen zeigt vom 22. Juni bis zum 3. Juli die ganze Vielfalt des internationalen Theaters von heute: virtuose Schauspieler, klassische und neue Stücke, experimentelle Formate, Performances und Stadtprojekte. Die Künstler kommen 2011 unter anderem aus Südafrika, Japan, dem Nahen Osten, den USA, Norwegen und Ungarn und bespielen 12 Tage lang sämtliche Bühnen des Staatstheaters Hannover. Dazu gibt es im Hof des Schauspielhauses wieder tolle Konzerte bei freiem Eintritt unter freiem Himmel. Mehr Informationen unter www.theaterformen.de.</p>
<p><strong>enercity swinging hannover</strong></p>
<p><a href="http://www.stadtkind-hannover.de/wp-content/uploads/2011/03/enercity-swinging-hannover-1.jpg"><img class="alignright size-thumbnail wp-image-10419" title="enercity swinging hannover 1" src="http://www.stadtkind-hannover.de/wp-content/uploads/2011/03/enercity-swinging-hannover-1-150x150.jpg" alt="" width="150" height="150" /></a>Statt Bollerwagen und Bier stehen beim enercity-swinging-hannover-Festival Duke Ellington und Miles Davis auf dem Programm. Am 1. und 2. Juni pilgern rund 30.000 Besucher zum Jazz-Festival auf den Trammplatz und lassen sich von internationalen Stars des Swing und Jazz in Partystimmung versetzen. Vor dem Neuen Rathaus präsentiert der JazzClub Hannover echte Legenden – und das alles zum Nulltarif. Am Vorabend lädt bereits der legendäre „Jazz Band Ball“ im Kuppelsaal des HCC zur Swingtime ein. Neben Chicago, New Orleans und Havanna gehört Hannover weltweit zu den bedeutenden Entwicklungszentren des Jazz. Wer hätte das gedacht?</p>
<p><strong>Maschseefest</strong></p>
<p><a href="http://www.stadtkind-hannover.de/wp-content/uploads/2011/03/Maschseefest.jpg"><img class="alignleft size-thumbnail wp-image-10425" title="Maschseefest" src="http://www.stadtkind-hannover.de/wp-content/uploads/2011/03/Maschseefest-150x150.jpg" alt="" width="150" height="150" /></a>Seit mehr als 25 Jahren steigt an der Uferpromenade des Maschsees jeweils drei Wochen lang eine Riesenfete: das Maschseefest. Rund zwei Millionen Menschen zieht es alljährlich zum großen Sommerfest in Norddeutschland. Schattige Baumalleen und ein von Palmen gesäumter Seeboulevard geben dem Partymarathon mediterranes Flair. Gaukler und Straßenmusikanten mischen die Menge auf. Musikbands geben auf der Bühne ihr Repertoire zum Besten. Mittwochs, freitags, samstags und sonntags begeistern ein Unterhaltungsprogramm und das gastronomische Angebot kleine und große Besucher. Am Wochenende hält zusätzlich ein umfangreiches Spiel- und Spaßprogramm die Kids auf Trab und bei bester Laune: vom 27. Juli bis zum 14. August dauert das Maschseefest in diesem Jahr!</p>
<p><strong>1. Niedersächsisch-bremische Slam Poetry-Meisterschaft</strong></p>
<p><a href="http://www.stadtkind-hannover.de/wp-content/uploads/2011/03/Nils-Elias-Molle.jpg"><img class="alignright size-thumbnail wp-image-10427" title="Nils Elias Molle" src="http://www.stadtkind-hannover.de/wp-content/uploads/2011/03/Nils-Elias-Molle-150x150.jpg" alt="" width="150" height="150" /></a>Am 21. und 22. Mai steht Hannover ganz im Zeichen des frei gesprochenen Wortes. Die besten 23 Live-Poetinnen und -Poeten, geschickt von 16 Poetry Slams aus zwölf Städten, treten gegeneinander an. Für Hannover starten Tobias Kunze, Klaus Urban (beide für Macht Worte! – Der hannoversche Poetry Slam) und Nils Elias Molle (Altstadtschnack). In zwei Vorrunden im Kulturzentrum Faust stellen sich die Wortakrobaten am 21. Mai mit ihren Texten dem Votum des Publikums. Zehn von ihnen ziehen ins Finale ein, das einen Tag später in der Staatsoper Hannover stattfindet. Am Ende entscheidet erneut das Publikum, wer der/die Beste im Land und erster Niedersächsisch-bremischer Slam Poetry-Champion ist. Zum umfangreichen Rahmenprogramm gehören eine Buchmesse, Kurz- und Spontan-Lesungen, Musik und Party sowie ein offener Poetry Slam zum Thema „Verkehrt im Verkehr?!“ im Rahmen des autofreien Sonntags, der ebenfalls am Finaltag stattfindet.</p>
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		<title>willst du mit mir wohnen?</title>
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		<pubDate>Tue, 01 Feb 2011 14:56:44 +0000</pubDate>
		<dc:creator>wolke</dc:creator>
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		<category><![CDATA[2011-02]]></category>

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		<description><![CDATA[man kann sich die nachbarn auch aussuchen – wohnprojekte für jung und alt (manchmal auch beides gleichzeitig) erfreuen sich in hannover immer größerer beliebtheit Nachbarschaft kann ein Fluch oder ein Segen sein. Man kann sie sich eben meistens nicht aussuchen, die lieben Nachbarn. Menschen, die sich in Wohnprojekten zusammenschließen, haben einen Weg gefunden, ihre Nachbarschaft [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>man kann sich die nachbarn auch aussuchen – wohnprojekte für jung und alt (manchmal auch beides gleichzeitig) erfreuen sich in hannover immer größerer beliebtheit</p>
<p><a href="http://www.stadtkind-hannover.de/wp-content/uploads/2011/03/Willst-du-mit-mir-wohnen.jpg"><img class="alignleft size-thumbnail wp-image-10092" title="Willst du mit mir wohnen" src="http://www.stadtkind-hannover.de/wp-content/uploads/2011/03/Willst-du-mit-mir-wohnen-150x150.jpg" alt="" width="150" height="150" /></a>Nachbarschaft kann ein Fluch oder ein Segen sein. Man kann sie sich eben meistens nicht aussuchen, die lieben Nachbarn. Menschen, die sich in Wohnprojekten zusammenschließen, haben einen Weg gefunden, ihre Nachbarschaft selbst zu bestimmen.</p>
<p>„Liebe Nachbarn, es wäre schön, wenn kommende Woche jemand meinen Räumdienst übernehmen könnte, würde dafür einen beliebigen anderen Dienst übernehmen“, heißt es auf einem Zettel an der Pinnwand des Mietshauses, in dem ich wohne. Manchmal hängt dort auch eine Partyankündigung. Außerdem habe ich mir schon einmal einen Korkenzieher bei der Frau aus dem ersten Obergeschoss rechts geliehen, und die Nachbarin, die über mir wohnt, brachte Pralinen vorbei, weil sie mich mit nächtlichem Singstar-Geträllere terrorisiert hatte. Das war nett – ich hatte mich gar nicht beschwert. Unser Gemeinschaftsgarten wird nicht genutzt, denn jeder hat einen Balkon. Man begegnet sich mal im Treppenhaus. Besagtes Mietshaus hat somit einen recht durchschnittlichen internen Kommunikationsfluss, wenn ich meine Erfahrungen mit den Erzählungen von Freunden und Bekannten vergleiche. Freundlich, aber reserviert. Dazu kommt in der Regel noch ein nörgeliges Paar in den Sechzigern, und eine Oma, der man ab und zu was vom Einkaufen mitbringt, oder ein Student, der immer zu laut Musik hört. „Nachbarschaft“ ist in Deutschland nicht unbedingt positiv besetzt. Wir Deutschen sind da recht eigen. In südlicheren Gefilden ist die Einstellung eher eine andere. In Deutschland hat man manchmal den Eindruck, dass alle am liebsten im eigenen Häuschen wohnen würden, mit einem großen Zaun drum herum, um seine Ruhe zu haben. „Es kann der Frömmste nicht im Frieden bleiben, wenn es dem bösen Nachbar nicht gefällt“, das wusste schon Schiller. Die bösen Nachbarn. Spätestens seit den verschiedenen Nachbarschaftsformaten im Fernsehen haben diese bösen Nachbarn auch ihre prominenten Vertreter. Der Maschendrahtzaun-Song von Stefan Raab dürfte vielen noch in Erinnerung sein. Der Nachbar ist für uns Sinnbild des Unruhestifters. Das bedeutet natürlich nicht, dass das Bedürfnis nach einer guten Nachbarschaft nicht groß ist. Im Gegenteil. Aber die Angst vor einer schlechten Nachbarschaft ist ebenfalls groß. Man kann sie sich wie gesagt meistens nicht aussuchen, die Menschen, die neben, über oder unter einem wohnen. Und die gute Nachbarschaft ist leider nicht allen gleich wichtig. Manchmal kollidieren auch schlicht die Gewohnheiten. Für den einen ist es selbstverständlich, nach der Fischstäbchen-Mahlzeit zur Lüftung der Wohnung auch die Tür zum Treppenhaus zu öffnen. Der andere stellt seine Laufschuhe (in denen er barfuß unterwegs ist) lieber vor die Tür, statt sie mit in die Wohnung zu nehmen. Es ist nicht einfach, sich mit Fremden auf gemeinsame Vorstellungen zu einigen. Und so läuft es in einem durchschnittlichen Mietshaus meistens auf den kleinsten gemeinsamen Nenner hinaus. Was bleibt, ist bei vielen die Sehnsucht nach Gemeinschaft, nach guter, vielleicht sogar enger Nachbarschaft. Wer hat nicht schon mal davon geträumt, gemeinsam mit Freunden ein Haus zu kaufen, um dort endlich nach den eigenen Vorstellungen miteinander zu leben?</p>
<p>Aus genau diesem Grund entwickeln sich schon seit vielen Jahren gemeinschaftliche Wohn- und Lebensprojekte, von der klassischen Studenten-WG über Baugemeinschaften mit Gemeinschaftsgarten, generationenübergreifenden kommunenartigen Mietshäusern und Wagenplätzen bis hin zu Seniorenprojekten. Kreativste und skurrilste Modelle findet man natürlich in Berlin, wo sonst. Aber auch in Hannover haben Wohn- oder gemeinsame Lebensprojekte eine lange Tradition. Bis 1885 lässt sich die Geschichte gemeinschaftlicher Wohnprojekte zurückverfolgen. Damals wie heute geht es bei diesen Projekten nicht allein um die gute Nachbarschaft. Auch der Wunsch nach Mitsprache bei der Gestaltung der Häuser und Wohnungen nach den eigenen ästhetischen und ökologischen Vorstellungen ist für viele Menschen ein Grund, sich in solchen Projekten zu engagieren.</p>
<p>Das Bürgerbüro für Stadtentwicklung</p>
<p>Wer sich in Hannover mit dem Thema gemeinschaftliches Wohnen und Partizipation beschäftigt, der gelangt früher oder später an das Bürgerbüro für Stadtentwicklung (BBS) in der Braunstraße – eine von der Stadt Hannover initiierte und finanzierte Beratungsstelle für Stadtentwicklung und Mitbestimmung. Hier fließen alle Informationen zusammen, hier kennt man die verschiedenen Modelle und Möglichkeiten. Einmal monatlich trifft man sich zum Jour fixe, bei jedem Treffen stellt sich eine Wohngruppe vor. Beim BBS lerne ich die Mitglieder der Gruppe „Wohnsinn“ kennen. Sie stecken noch mitten in der Planungsphase, alle sind so um die 50 und bringen damit die Erfahrungen der ersten WG-Generation mit. Die Vorstellungen über das Zusammenleben sind der Gruppe ziemlich klar. „Wir möchten ein Dorf in der Stadt entstehen lassen. Mit einem kleinen Café im Zentrum und gemeinsamen Waschräumen.“ Noch würden jedoch jüngere Menschen fehlen, die dem Projekt beitreten möchten. Ein Problem, das viele der Wohnprojekte haben, wie sich herausstellen wird. Adelheid Drehlmann vom BBS weiß, woran das liegt. „Die ältere Generation, die teilweise schon in Rente ist, hat sehr viel Zeit, und man lässt sich Zeit. Da kommt es auf ein oder zwei Jahre nicht mehr an. Bei den Jüngeren sieht es anders aus. Wenn Kinder da sind, dann muss es oft schneller gehen.“ Darum seien die meisten Wohnprojekte bei allem Anspruch an generationenübergreifendes Zusammenleben am Ende doch eher homogen. Das möchte ich mir mal aus der Nähe ansehen.</p>
<p>Das Wohnprojekt Baukasten</p>
<p><a href="http://www.stadtkind-hannover.de/wp-content/uploads/2011/03/Der-Baukasten.jpg"><img class="alignleft size-thumbnail wp-image-10086" title="Der Baukasten" src="http://www.stadtkind-hannover.de/wp-content/uploads/2011/03/Der-Baukasten-150x150.jpg" alt="" width="150" height="150" /></a>Die erste Station meiner Hausbesuche bringt mich zum Baukasten in der Nordstadt, ein ehemaliges Schwesternheim. In den 1980ern begann die Geschichte dieses Wohnprojekts, zunächst als eine Art selbst verwaltetes Studentenwohnheim. Davon kann heute keine Rede mehr sein. Im Baukasten leben 40 Menschen zwischen fünf und 50 Jahren. Homogen klingt das nicht, ist es aber in gewissem Sinne doch, wie sich herausstellen wird. Das Klingelbrett spricht bereits Bände. Bunt, chaotisch, aber es funktioniert irgendwie. So zumindest stelle ich mir das Projekt vor. Ich klingle einfach mal ins Blaue, denn die Klingel zu meiner Verabredung kann ich nicht finden. Nach ein paar Minuten kommt ein Mädchen die Treppen herunter und öffnet mir. Sie ist selbst gerade erst eingezogen und sich nicht sicher, wo Pia Gombert wohnt. Also öffnet sie hier und dort eine Tür zu einer der Wohngemeinschaften und fragt nach. Hier kennt jeder jeden. Irgendwer weiß es, und ein paar Minuten später sitze ich mit Pia und einem weiteren Baukastenbewohner bei einer Tasse Tee im vierten Stock des ehemaligen Schwesternheims. Ich stelle mir vor, dass es im Baukasten wie in einer riesigen, 45-köpfigen Familie zugeht, mit all ihren Vorzügen und Tücken. Doch ganz so ist es nicht. „Ich habe hier schon meine Lieblings-WGs. Hier wohnen 45 Menschen, da kann man nicht alle gleich gern haben“, erklärt Pia. „Wir sind hier alle unterschiedlich, aber es gibt ein gewisses allgemeines Wohlwollen und gegenseitiges Verständnis. Man könnte sagen, das Haus hat eine Art Seele.“ Über gemeinsame Aktivitäten, die Zukunft des Baukastens und Regeln des Zusammenlebens wird alle zwei Wochen im Plenum debattiert. Schon vor unserem Gespräch hatte mir Pia einen Flyer zugeschickt, in dem der Baukasten Stellung zu seiner aktuellen Situation nimmt. In den letzten Jahren war es für das Projekt nicht immer ganz leicht. Der Mietvertrag ist vor einigen Jahren ausgelaufen, und bis heute steht nicht fest, ob das Haus von den Bewohnern übernommen werden kann. Zwischenzeitlich sah es so aus, als würde nach über 20 Jahren alles aus sein. Mittlerweile haben alle die Hoffnung, dass der Verein das Gebäude kaufen kann. Solche Schwierigkeiten fordern eine Gemeinschaft natürlich heraus. Manchmal ist das schwierig. Der Anspruch, Entscheidungen nach Konsens zu treffen, statt nach Mehrheit, in einer Gemeinschaft, die eigentlich einem ständigen Wandel ausgesetzt ist, das kann zehrend sein. „Ich empfinde das schon als Arbeit. Aber durch Hilfe von außen, die wir uns geholt haben, haben wir gelernt, wie man Entscheidungsprozesse strukturieren kann. Klar gibt es hier Sachen, die immer wieder diskutiert werden, aber der Grundspirit des Baukasten, der bleibt.“</p>
<p>Dass es im Baukasten trotz allem so gut läuft, erstaunt die beiden selbst manchmal. „Ich kann mir gut vorstellen, dass es in anderen Projekten auch ganz schön in die Hose gehen kann. Es ist viel Verantwortungsbewusstsein und Reife nötig, damit so etwas klappt.“ Entscheidend finden beide die gute Mischung aus Bewohnern, die schon lange dabei sind, und neu Zugezogenen, die entsprechend neue Impulse mitbringen. Verschiedenste Menschen und Philosophien treffen hier aufeinander. „Ich wohne mit einem Doktor und einem Lehrer zusammen, und bis vor kurzem war auch noch ein Punk dabei. Das muss man sich halt auch erst mal zutrauen. Das hat aber gleichzeitig eine große Qualität. Wir sind so ein bisschen das Individualisten-Wohnprojekt“, erzählt ein gelernter Zweiradmechaniker, der im dritten Stock wohnt. Im Baukasten scheint alles nach dem Motto „Leben und leben lassen“ zu funktionieren. Niemand zwängt dem anderen seine Weltanschauung und Lebensregeln auf, und doch besteht eine gewisse Einigkeit. Am Ende meines Besuches zeigen mir die beiden Bewohner noch das begrünte Dach und den gemeinsam gestalteten Innenhof, ein wahres Kinderparadies. Und ich werde ein bisschen wehmütig, wenn ich an meine kleine Ein-Mensch-Wohnung und den ungenutzten Garten denke.</p>
<p>Ich komme ins Grübeln. Warum habe ich mich vor einem Jahr entschieden, allein zu wohnen? Was war so schlimm am Zusammenleben in all den WGs, die ich kennengelernt habe? Manchmal waren es einfach die äußeren Gegebenheiten. Das Zimmer war nicht schön, die Lage nicht so ideal, die Miete ein bisschen zu hoch. Meistens lag es aber an den Mitbewohnern, dass ich immer mal wieder meine Koffer gepackt habe. Zieht man in eine bestehende WG, kann man sie sich eben nur bedingt aussuchen. Aber ist das im Baukasten nicht ganz ähnlich? Mir fällt der besondere „Spirit“ ein. Im Baukasten wohnen Menschen zusammen, die bestimmte Prinzipien teilen. Und wer neu einzieht, der weiß bereits, wie die künftigen Nachbarn ticken. Bei meinen WGs war das anders. Meistens hat sich recht früh herausgestellt, dass mindestens einer der Mitbewohner eine völlig konträre Auffassung vom Zusammenleben hatte. Schnell stellt sich dann so etwas wie eine Schonhaltung ein. Menschen mit Bandscheibenvorfall werden das kennen. Um Rückenschmerzen zu vermeiden, verzichtet man lieber auf bestimmte Bewegungen und Haltungen, von denen man sich Schmerzen erwartet. Letztlich macht man es damit natürlich nur noch schlimmer. Man verkrampft. Übertragen auf die Wohnsituation bedeutet das: Nicht mehr auf den Flur gehen, wenn dort gerade die Nörgeltante von Zimmernachbarin die Wäsche aufhängt, oder stilles Ärgern im Bett, wenn man zum dritten Mal aufwacht, weil das Großfamilienkind Alltagshandlungen auch noch um Mitternacht in Baustellenlautstärke ausführt. Und dann gibt es da auch noch die fürchterlichen, fürchterlichen Zettel, die immer wieder auch in normalen Mietshäusern tragische Berühmtheit erlangen, meistens anonym, aber dafür umso schärfer in der Formulierung. Einige dieser literarischen Meisterwerke bewahre ich bis heute auf. Doch jetzt, nach dem Besuch im Baukasten, erinnere ich mich auch wieder an die angenehmen Seiten. Durchgequatschte Nächte, jemand macht einem eine Suppe, wenn man krank ist, und dieses beruhigende Getrippel auf dem Flur. Man weiß, man ist nicht allein.</p>
<p>Das Wohnprojekt Gilde-Carré</p>
<p><a href="http://www.stadtkind-hannover.de/wp-content/uploads/2011/03/Die-Senioren-im-Gilde-Carre.jpg"><img class="alignright size-thumbnail wp-image-10087" title="Die Senioren im Gilde-Carre" src="http://www.stadtkind-hannover.de/wp-content/uploads/2011/03/Die-Senioren-im-Gilde-Carre-150x150.jpg" alt="" width="150" height="150" /></a>Alleine zu wohnen, das mag für jüngere Generationen zumindest für eine gewisse Zeit ganz verlockend sein. Im Alter wünscht man sich dann aber meistens wieder Gesellschaft, teilweise aus ganz pragmatischen Gründen, zum Beispiel, um Unterstützung bei den alltäglichen Haushaltsverrichtungen zu haben, teilweise aber auch, um der Einsamkeit und Langeweile ein Schnippchen zu schlagen. Mein nächster Besuch führt mich zur Generation Ü-60. Im Herzen Lindens, beim Küchengartenplatz und gegenüber vom Ihmezentrum, befindet sich das Gilde-Carré. Hier wohnen 13 Frauen und zwei Männer zusammen in einem Mehrfamilienhaus mit 15 Wohneinheiten. Ich werde in der Gemeinschaftswohnung des Projekts empfangen und stehe in einem großzügigen Wohnraum mit offener Küche. Die Einrichtung wirkt etwas altbacken, aber gemütlich. Und noch etwas fällt auf: Hier   herrscht Frauenüberschuss. Nur einer der beiden Männer hat sich zu den vier Frauen gesellt. Man streitet aber nicht um die Hähne im Korb, so wird mir versichert. Beide Männer sind verheiratet. Lustig wirkt die Runde, sehr vital. Im Plauderton erzählen sie von ihrem Zusammenleben. Die Projektgruppe hatte von Anfang an klare Vorstellungen von dem, was sie wollte: Gemeinschaftlich, generationenübergreifend und selbstbestimmt sollte es sein. Zwei dieser drei Vorstellungen haben sie gemeinsam mit der Ostland Genossenschaft verwirklichen können. Nur generationenübergreifend ist die Gemeinschaft nicht. Eine junge Familie sucht man im Haus vergeblich. Generationenübergreifend sei so ein Schlagwort, erzählen sie, auf das man auch hereinfallen kann. Es sei nicht schön gewesen zu lernen, dass dieses Modell für die jüngere Generation anscheinend gar nicht so attraktiv sei. Aber sind sie deswegen nun traurig? Auf meine Frage, ob ihnen die „Jungen“ fehlen, gackern sie ein gemeinschaftliches „Nö“ heraus. Die Begründung klingt plausibel: „Die kleinen Süßen werden ja auch irgendwann älter.“ Und mit 15 seien sie dann womöglich nicht mehr ganz so süß, sondern würden leidenschaftlich gerne laute Rap-Musik hören. Letztlich sei es also wohl besser so, wie es ist. Zumal die Bewohner des Gilde-Carrés nicht ohne junge Bekanntschaft auskommen müssen. Die Wohngruppe ist zwar in sich ziemlich homogen, nach außen jedoch sehr offen. Und die Angebote der Senioren werden in der Umgebung gut angenommen. Es hat sich eine sehr positive, zugewandte Nachbarschaft mit den Bewohnern der angrenzenden Einfamilienhäuser entwickelt, und auch Beziehungen weit darüber hinaus. „Da ruft zum Beispiel mal ein Nachbar an, der ganz dringend jemanden braucht, der das Kind zum Kindergarten bringt. Und dann findet sich dafür bei uns jemand. Wir leben hier nicht allein oder isoliert.“ Die Bewohner laden die Kinder der Umgebung auch öfter zu sich ein, um gemeinsam zu backen. Eine der Bewohnerinnen engagiert sich außerdem beim Lesemonitoring, und bei einer anderen Bewohnerin hat sich sogar fast so etwas wie eine Patenschaft entwickelt. Ich verstehe nun etwas besser, warum die Stadt Hannover so etwas wie das Bürgerbüro für Stadtentwicklung finanziert. „Solche Wohnprojekte haben meistens eine sehr positive Auswirkung auf das nähere Umfeld“, bestätigt Adelheid Drehlmann vom BBS.</p>
<p>Das Wohnprojekt im Gilde-Carré, das bemerke ich im Gespräch immer wieder, hat für die Bewohner einen hohen Stellenwert. Niemand würde hier einfach so wieder ausziehen. Der Baukasten erscheint da eher als Projekt auf Zeit, als etwas, dass man mal ausprobiert, was natürlich nicht für alle Bewohner dort gilt. Aber eine 23-jährige Studentin weiß bei der Wohnungswahl, dass es in ihrem Leben wahrscheinlich noch viele Wohnungen geben wird. Zieht man mit 60 Jahren noch einmal um, dann tut man das am liebsten zum letzten Mal. Dann soll es einfach passen, den eigenen Vorstellungen sehr nahe kommen. Alle Bewohner im Gilde-Carré haben aktiv nach diesem Wohnprojekt gesucht, manche haben eigentlich schon immer von so einer Möglichkeit geträumt. Ein Ehepaar erzählt davon, dass sie schon früher über Wohnprojekte nachgedacht haben und dass es auch Versuche gab, solche Projekte zu realisieren. Mit zwei weiteren Familien haben sie nach einer gemeinsamen Wohnung gesucht. „Wir fanden Wohnprojekte auch im Hinblick auf die Kindererziehung interessant. Dann sind die Kinder mal hier und mal dort. Leider fanden wir nie eine Wohnung, in der das realisierbar war. Nachdem die Kinder dann aus dem Haus waren, kam der Wunsch wieder auf.“ Eine andere Bewohnerin, die von sich selbst sagt, sie sei überzeugter Single, hat nach einer Möglichkeit gesucht, auch ohne Partner in einer Gemeinschaft zu leben. Dieser Wunsch war lange in ihr gereift – und im Gilde-Carré ist er nun wahr geworden.</p>
<p>Bei einem Punkt sind sich hier alle einig: Keiner der Bewohner möchte seinen Lebensabend in einem Altersheim verbringen, mit geregelter Essens- und Schlafenszeit. „Ältere Menschen brauchen Abwechslung und Ideen, wie sie aktiv werden können“, meint einer der Bewohner. Man gestaltet die Freizeit und hilft sich im Alltag. „Wenn die anderen die Spülmaschine ein- oder ausräumen, dann ist es in Ordnung, wenn ich sitzen bleibe“, schwärmt eine gehbehinderte Bewohnerin. „Und die anderen geben mir nicht das Gefühl, als würden sie denken: Der armen Sau muss geholfen werden.“ Bei dem Ausdruck müssen alle Lachen.</p>
<p>Auch im Senioren-Wohnprojekt gibt es eine regelmäßige Besprechung, auf der Investitionen und Aktivitäten diskutiert werden. Entschieden wird hier aber nicht (mehr) nach Konsens, sondern nach Mehrheit. „Am Anfang hatten wir schon den Anspruch, immer einen Konsens herzustellen. Aber mittlerweile haben wir unsere Ansprüche auf ein alltagsfähiges Maß heruntergeschraubt. Das musste alles frisch gelernt werden. Wir sind ja alle erwachsen, jedoch mit ganz unterschiedlichen Lebensläufen“, erklärt der einzige Herr im Raum die Schwierigkeit, auf einen Nenner zu kommen. „Am Anfang wollte ich zu allem meinen Senf dazugeben“, bestätigt eine Bewohnerin. „Wir wollten gemeinschaftlich leben, aber was das eigentlich heißt, das mussten wir erst lernen.“ Inzwischen hat sich das offensichtlich gut eingespielt. Donnerstags isst die Gruppe zusammen, sie planen gemeinsame Ausflüge oder treffen sich im Werkraum zu gemeinsamen Spieleabenden. Ich verabschiede mich, mit dem Versprechen, beim nächsten Spieleabend dabei zu sein, denn der ist für Besucher offen.</p>
<p>Das Wohnprojekt WABE</p>
<p><a href="http://www.stadtkind-hannover.de/wp-content/uploads/2011/03/Das-Wohnprojekt-WABE.jpg"><img class="alignleft size-thumbnail wp-image-10085" title="Das Wohnprojekt WABE" src="http://www.stadtkind-hannover.de/wp-content/uploads/2011/03/Das-Wohnprojekt-WABE-150x150.jpg" alt="" width="150" height="150" /></a>Die Suche nach einem Wohnprojekt, in dem nun wirklich Alt und Jung miteinander leben, führt mich wieder zurück in die Nordstadt. Auf Höhe der Strangriede versteckt sich in einem kleinen Verbindungssträßchen das Wohnprojekt WABE. Durch eine Tür gelange ich in einen schön gestalteten Innenhof. Einige Fenster sind hell erleuchtet und man kann ins Innere der Wohnstuben und Küchen blicken. Hier scheint man sich nicht systematisch bei Einbruch der Dunkelheit mit zugezogenen Gardinen von den Nachbarn abzuschotten. Walter Zuber, einer der Gründer des Projekts, bittet mich in seine Wohnung und setzt einen Tee auf. Er hat schon vorher in Linden in einer Wohngruppe gelebt, die zerbrochen ist, als sich das Paar trennte, denen das Haus gehörte. So etwas wollte er nicht noch einmal erleben. Und beim Wohnprojekt WABE kann das auch nicht passieren. Es ist so organisiert, dass einzelne Bewohner recht problemlos wieder aussteigen können. Wie bei den meisten Projekten, die man in Hannover findet, geht es auch bei der WABE nicht nur um die Gemeinschaft, sondern auch um Partizipation. So kann man mitentscheiden, wie der Wohnraum und die Umgebung gestaltet werden sollen. Das Projekt WABE hat sich nicht nur seinen eigenen Wohnraum geschaffen, sondern auch sein eigenes Energiewerk. Mit einer Photovoltaikanlage und einem eigenen Blockkraftwerk versorgen sich die Menschen im Edwin-Oppler-Weg komplett selbst und können sogar noch Energie verkaufen. Dass hier Menschen in einer Gemeinschaft zusammenleben, wird vor allem in den Sommermonaten offensichtlich. „Wenn sich einer in den Garten setzt, dann ist das immer auch eine Einladung an die anderen, sich dazuzusetzen.“ Ist man zum ersten Mal zu Besuch, erscheint einem der Garten etwas schmal, doch das ist von den Gründern bewusst so gewählt. „Zum einen gibt es dadurch ein gewisses Maß an sozialer Kontrolle. Wenn es jemandem nicht gut geht, er oder sie sich nicht meldet, sich nicht blicken lässt, dann fällt das auf. Dass da einer drei Wochen in seiner Wohnung liegt, ohne dass es die Nachbarn bemerken, das kann hier nicht passieren. Und das ist vor allem für die Älteren ganz wichtig“, erklärt Zuber. Zurzeit plant er gerade ein neues Projekt auf dem alten Contigelände, denn seine Familie hat sich vergrößert, und die Maisonette-Wohnung im Edwin-Oppler-Weg war eigentlich nur für eine Person gedacht.</p>
<p><a href="http://www.stadtkind-hannover.de/wp-content/uploads/2011/03/Grüne-Idylle.jpg"><img class="alignleft size-thumbnail wp-image-10088" title="Grüne Idylle" src="http://www.stadtkind-hannover.de/wp-content/uploads/2011/03/Grüne-Idylle-150x150.jpg" alt="" width="150" height="150" /></a>Auf dem aktuellen Infoblatt des BBS finden sich neben dem „Jawa“-Vorhaben von Walter Zuber noch 13 weitere geplante und zum Teil umgesetzte Projekte, darunter viele Baugemeinschaften. In solchen Gemeinschaften schließen sich annähernd Gleichgesinnte zusammen, um gemeinsam beispielsweise ein Mehrfamilienhaus zu bauen, in dem dann jeder der Beteiligten seine eigene Wohnung erhält. Es gibt aber noch andere Formen, etwa das Bauen von Reihen- oder Einfamilienhäusern mit gemeinschaftlichen Hof- oder Gartenanlagen. Einige Baugemeinschaften sanieren auch alte Krankenhausräumlichkeiten oder Bibliotheken, die dann veräußert werden, so zum Beispiel beim Projekt „Südstadtschule“. Die ehemalige und nun umgebaute Sehbehindertenschule wird ab Sommer 2011 neues Heim für 13 Familien und Einzelpersonen sein.</p>
<p>Wahlverwandtschaften</p>
<p>Die Vorteile solcher Gemeinschaftsprojekte sind offensichtlich. Man kann individuell und kostengünstiger Bauen. Und darüber hinaus lernen sich in der langen Planungsphase die Beteiligten näher kennen, so dass auch die künftige Nachbarschaft eine gewisse Qualität haben dürfte. Ärger zwischen Nachbarn entsteht meistens, weil man sich nicht kennt. Und das schafft Raum für Unterstellungen. Der Nachbar wird zum Feindbild. Und manche haben nie etwas anderes kennengelernt. Der Nachbar, das war immer der, der sich beschwerte, wenn wir zu laut spielten, wenn wir am Strand über sein Handtuch liefen oder eine Blume aus seinem Vorgarten klauten. Während es in Spanien heißt „Der Tochter deines Nachbarn sollst du den Rotz von der Nase wischen und ihr deinen Sohn zum Manne geben“, so heißt es in Deutschland eher „Liebe deinen Nachbarn, aber reiße den Zaun nicht ein“. Und dieser Ausspruch gehört noch in die eher positive Kategorie.</p>
<p>Doch die rege Entwicklung von gemeinschaftlichen Wohnprojekten und Baugemeinschaften zeigt, wie groß der Wunsch nach einer positiven Nachbarschaft ist. In Zeiten, in denen Nachbarschaftsstreits die Qualität haben, ganze Reality-Soap-Formate zu füllen, ist das mehr als verständlich. Vielleicht ist es aber auch einfach so ein bisschen die Sehnsucht nach einer Art Familie, nach einer neuen Form der Zusammengehörigkeit. „Früher haben die Menschen in Großfamilien gelebt. Das war dann oft eine Zwangsgemeinschaft. Mittlerweile hat sich das aufgelöst. So ein Wohnprojekt ist ein bisschen wie eine Großfamilie, nur eben ohne räumliche Enge. Eine Art Wahlverwandtschaft“, meint Adelheid Drehlmann. Und ich ziehe vielleicht demnächst mal wieder in eine WG.</p>
<p><strong>Melanie Petersen</strong></p>
<p>Infos über geplante und realisierte Wohnprojekte und Baugruppen gibt es im Bürgerbüro für Stadtentwicklung und auf deren Homepage www.bbs-hannover.de.</p>
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		<title>gehst du vorbei oder bleibst du stehen?</title>
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		<pubDate>Sat, 01 Jan 2011 13:47:42 +0000</pubDate>
		<dc:creator>wolke</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Immer mehr Menschen gehen vorbei, so zumindest steht es regelmäßig in den Medien. Und wenn dann doch jemand stehen bleibt, sich einmischt, dann kann das böse enden, so wie bei Dominik Brunner. ]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Gehst du vorbei oder bleibst du stehen, das ist die große Frage. Und sie ist gar nicht so leicht zu beantworten. Immer mehr Menschen gehen vorbei, so zumindest steht es regelmäßig in den Medien. Und wenn dann doch jemand stehen bleibt, sich einmischt, dann kann das böse enden, so wie bei Dominik Brunner. Gerade weil die Gefahr besteht, selbst zum Opfer zu werden, sehen viele Menschen inzwischen lieber zur Seite und wechseln die Straßenseite. Nach einer Umfrage des Münchner Instituts für Recht und Wissenschaft haben 86 Prozent aller Zeugen einer Gewalttat dem Opfer nicht geholfen, 66 Prozent aus Angst, 16 Prozent war das Geschehen schlicht egal, und 86 Prozent befürchteten zudem juristische Konsequenzen. Die kann es durchaus geben, aber nicht im Sinne von lästigen Zeugenaussagen auf dem Revier. Helfen ist laut § 823 BGB eine Pflicht, unterlassene Hilfeleistung eine Straftat. Eigentlich weiß jeder, dass es richtig wäre einzuschreiten, sich einzumischen. Und wenn man selbst zum Opfer wird, wünscht man sich nichts sehnlicher, als einen couragierten Passanten. Aber in der Realität machen oft auch jene einen Rückzieher, die in der Theorie von sich behaupten, auf jeden Fall einzuschreiten. Die Zivilcourage scheint in unserer Gesellschaft auf dem Rückzug zu sein.</p>
<p>In der Berichterstattung in den Medien begegnen uns tagtäglich zwei Varianten von Horrormeldungen. Zum einen jene Fälle, bei denen Menschen vor zahlreichen Zeugen zum Opfer werden, ohne dass jemand einschreitet. Zum anderen die tragischen Geschichten von Menschen, die helfen wollten und dabei selbst zum Opfer werden. Nach Berichten über ein gelungenes Einschreiten muss man dagegen lange suchen, und das ist auch kein Wunder, denn wenn die bedrohliche Situation aufgelöst wird, gibt es kein Opfer und keinen Täter. Es gibt nur einen beherzten Helfer, der nach seiner Tat meistens wieder in der Anonymität verschwindet. Bei beiden Horror-Varianten reagiert die Gesellschaft schockiert. Wenn beispielsweise nachts um 22 Uhr mitten in einer Einkaufsstraße in Norddeutschland ein 14-jähriges Mädchen vergewaltigt wird, dieser Überfall 30 Minuten dauert, während das Mädchen schreit, um Hilfe bittet, Passanten gezielt anfleht, endlich einzuschreiten, wenn bei so einer Tat nachweislich mindestens sieben Menschen direkt Zeuge werden und untätig bleiben, dann empört sich die Gesellschaft. Wie ist so etwas bloß möglich? Wie können Menschen in so einer Situation ihre Hilfe verweigern? Man ist kollektiv fassungslos, und man behauptet allgemein, sich niemals derart schändlich zu verhalten, wenn man selbst Zeuge einer solchen Tat werden würde. Wirklich? Wenn das so wäre, warum gibt es dann solche Fälle? Zugegeben, derart extreme Auswüchse unterlassener Hilfeleistung sind insgesamt eher selten. Aber sie sind auch nur ein kleiner Ausschnitt dessen, was tagtäglich passiert (oder eher nicht passiert). Ein anderes Beispiel: Ein ranghoher Politiker behandelt während einer Pressekonferenz seinen Pressesprecher vor laufenden Kameras wie den letzten Dreck, er macht ihn regelrecht fertig, gibt ihn der Lächerlichkeit preis und scheint sich dabei noch prächtig zu amüsieren. Doch niemand aus der versammelten Journalistenschar ergreift das Wort, nimmt den Pressesprecher in Schutz, niemand sagt ein Wort zu diesem Vorfall, es entsteht in dieser Situation keine kollektive Empörung. Hätten diese Journalisten nicht wenigstens gemeinsam ein Zeichen setzen und den Saal verlassen müssen? Oder besser noch, hätten sie den Politiker nicht einfach kollektiv auspfeifen können? Fehlende Zivilcourage ist keine Seltenheit, sie ist alltäglich, und dass sie fehlt, fällt uns manchmal gar nicht mehr auf. Als Zivilcourage bezeichnet man den Mut zur offenen Meinungsäußerung und die Bereitschaft, trotz drohender Nachteile zu dieser Meinung zu stehen. Nach dieser Definition wäre fehlende Zivilcourage eher ein Massenphänomen. Der öffentliche Einspruch oder Widerspruch, der klare Schritt an die Seite eines Opfers, er erfordert Mut, den Mut, Nachteile in Kauf zu nehmen. Und genau an dieser Stelle beginnen sehr häufig die Erklärungen, mit denen Zeugen ihre Tatenlosigkeit rechtfertigen. Ich setze doch nicht meinen Job aufs Spiel, nur weil der Chef ein paar Bemerkungen über den Vorbau meiner Kollegin macht – zum Glück bin ich selbst nicht ganz so üppig ausgestattet. Ich verteidige doch nicht den Klassenkameraden, der sowieso immer das Opfer ist – würde ich das tun, hätte die Klasse fortan einfach zwei Opfer, mehr würde nicht passieren. Und immer wieder: Ich gehe doch nicht dazwischen, wenn sich zwei Leute auf der Straße prügeln. Wer weiß, wer da den Streit angefangen hat, vielleicht kriegt der Typ gerade völlig zu Recht was auf die Schnauze – und am Ende mische ich mich ein und bekomme selbst was ab.</p>
<p><strong><br />
Angst versus Gewissen</strong></p>
<p>In Situationen, die eigentlich Zivilcourage erfordern würden, meldet sich unser Selbsterhaltungstrieb. Wir wissen, was passieren kann, wir haben über all die Fälle gelesen, in denen Helfer selbst zu Opfern geworden sind. Unser siebter Sinn warnt uns. Wir haben schlicht Angst, im Extremfall durchaus Angst um unser Leben. Und auf der anderen Seite geschieht vor unseren Augen ein Unrecht, wir wissen gleichzeitig um die moralische Verpflichtung, einschreiten zu müssen, wir würden diese Verpflichtung wahrscheinlich mehrheitlich in jeder Diskussion vehement einfordern, allein weil wir uns wünschen, dass auch uns in einer Notsituation jemand hilft. Wir befinden uns in einem regelrechten Dilemma. Die Angst kämpft mit dem Gewissen.</p>
<p>„Ich glaube, ich bin stehen geblieben, weil die Angst zuerst gar nicht da war. Die Situation war seltsam, aber auf den ersten Blick nicht bedrohlich. Ich hatte nach einem Konzert meinen Wagen in der Nähe meiner Wohnung geparkt, oben am Weidendamm jenseits der Kopernikusstraße, und bin dann zu Fuß den Weidendamm zurückgegangen, Richtung Lutherkirche. Bei Woolworth stand ein Pärchen an der Schaufensterfront, da ging es ein bisschen lauter zu – als ich näher kam wurde es dann leiser. Sie stand mit dem Rücken zur Fensterfront, er sehr nahe vor ihr. Als ich ungefähr auf ihrer Höhe war, wurde nur noch geflüstert. Stutzig bin ich geworden, weil der Mann sie an den Armen gegriffen hatte, aber nicht so, wie man jemanden festhält, mit dem man zusammen ist. Er hatte sich eher in ihre Arme verkrallt. An der Stelle stehen auch die Taxifahrer, ich war mir also recht sicher, dass im Zweifel jemand aussteigen und helfen oder zumindest die Polizei rufen würde. Also bin ich stehen geblieben und habe gefragt, ob alles in Ordnung sei. Der Mann hat darauf geantwortet, dass alles okay sei und ich einfach weitergehen solle, die Frau dagegen hat kurz gezögert und dann gesagt, dass gar nichts okay sei, und sie hat mich angefleht, ihr zu helfen und die Polizei zu rufen. Ich wollte dann zu einem der Taxifahrer, weil ich dachte, das geht vielleicht schneller, als wenn ich jetzt erst nach meinem Handy krame, aber ich bin nur ein paar Schritte weit gekommen, dann gab es hinter mir einen Knall. Er hatte sie an den Haaren gefasst und mit dem Kopf gegen die Scheibe bei Woolworth geschlagen. Also war ich plötzlich mittendrin. Ich habe gar nicht groß nachgedacht, ich bin einfach hin, habe den an der Jacke zu fassen gekriegt und ihn ein paar Meter von der Frau weggezogen. Gott sei Dank war er davon anscheinend überrascht. Zuerst hat er sich jedenfalls nicht gewehrt. Ich habe mich dann zwischen ihn und die Frau gestellt, ihn direkt angesprochen, ihm gesagt, dass die Taxifahrer sicher schon die Polizei gerufen hätten und ob er nicht vielleicht besser einfach verschwinden sollte. Die Polizei ist da ja quasi um die Ecke. Aber ich habe dabei auch gesehen, dass der Taxifahrer, den ich fast erreicht hatte und der mich auch schon gesehen hatte, wieder mit seiner Zeitung beschäftigt war. So standen wir da, die Frau hinter mir zusammengesunken vor der Fensterfront. Sie hat geweint, deswegen wusste ich, dass sie noch ansprechbar war. Und der Mann vor mir, ein paar Meter entfernt. Ich konnte so richtig sehen, wie es in seinem Kopf gearbeitet hat: Haben die wirklich die Polizei gerufen? Soll ich dem Typen einfach eine reinhauen? Ich konnte förmlich sehen, wie ihm allmählich klar wurde: Der ist gut einen Kopf kleiner als ich. Alkohol war bei dem natürlich auch im Spiel. Dann hat er mich aber erst mal angeschrieen. Was ich mich überhaupt einmischen würde und ob ich was auf die Fresse wolle. Ich habe nicht darauf reagiert, sondern ihm einfach direkt in die Augen gesehen, eine ganze Zeit lang. Und dann habe ich gesagt, dass ich jetzt noch mal zu dem Taxifahrer gehen würde und dass er sich gut überlegen solle, ob er in der Zwischenzeit die Frau noch einmal anfasst, weil er sich darauf verlassen könne, dass ich wiederkomme. Ich bin dann zu dem Taxifahrer, der mir nicht die Tür geöffnet hat. Er hat sich erst bequemt, das Fenster einen Spalt breit zu öffnen, nachdem ich heftig dagegen geschlagen habe. Das alles hat eine halbe Ewigkeit gedauert. Ich habe ihn gebeten, sofort die Polizei zu rufen, danach auszusteigen, seine Kollegen zu informieren und mich zu unterstützen. Na ja, die Polizei hat er gerufen, aber aus seinem Taxi ist er erst mal nicht ausgestiegen und auch die anderen Taxifahrer nicht. Ich war weiter alleine, und der Mann hat das mitbekommen. Wir hatten dann so ein kleines Wettrennen, wer die Frau zuerst erreicht, er oder ich. Und leider war er ein bisschen dichter dran. Er hat sie getreten, hat sie einmal voll erwischt, ehe ich wieder da war. Da war es bei mir dann auch vorbei. Ich habe ihn weggezogen und weggestoßen, aber diesmal war es nicht so einfach. Er ist auf mich losgegangen, so richtig. Und ich bin ausgewichen. Der war ziemlich alkoholisiert, ich war nüchtern, er hat mich also nicht zu fassen gekriegt und mich nur einmal mit der Faust an der Schulter erwischt. Dann schien er sich plötzlich an irgendwas zu erinnern und hat versucht, seine Jacke zu öffnen. Ich habe mir in der Situation nicht mehr anders zu helfen gewusst, ich bin zu ihm und habe ihn gezielt geschlagen, Richtung Solarplexus. Ich hatte einfach Angst, dass er ein Messer hat, oder irgendwas anderes. Der Schlag hat gewirkt, er ist erst mal zusammengeklappt. Kurz drauf sind auch die Taxifahrer ausgestiegen, und ein paar Sekunden später habe ich die Polizei gehört. Als die kamen, war er gerade wieder auf den Beinen. Die Polizei hat ihn dann mit Mühe überwältigt, und sie haben ihm tatsächlich ein Messer abgenommen. Das Ding war gar nicht so klein. Der eine Polizist hat sich noch bei mir bedankt. Er hat gesagt, dass so etwas eher selten wäre, dass mal jemand dazwischen geht, und dass sie sonst eigentlich eher die Reste einsammeln würden. Was dann folgte, war ein paar Tage später noch eine Zeugenaussage in Stöcken, wo man mir gesagt hat, dass das Opfer inzwischen ausgesagt hätte, zuerst den Mann geschlagen zu haben, dass die beiden ein Paar wären und dass bei solchen Geschichten in der Regel nichts weiter folgen würde. Das sei Alltag, hat die Polizistin gemeint. Das wäre der Normalfall. Ich habe diese Geschichte nicht großartig rumerzählt, nur in meinem engeren Bekanntenkreis. Die Meinungen waren geteilt. Ein paar haben gesagt, wohl wegen dem Messer, dass es dämlich von mir gewesen sei, mich da einzumischen. Pack schlägt sich, Pack verträgt sich, das war so deren Meinung. Wie gesagt, das sah alles zuerst ganz harmlos aus. Und ich weiß gar nicht, ob ich stehen geblieben wäre, wenn ich das vorher gewusst hätte. Vielleicht auch nicht. Ich denke grundsätzlich schon, dass man in so einer Situation helfen sollte, aber wenn man dafür am Ende ein Messer im Bauch hat – da fragt man sich schon, ob es das wert ist.“</p>
<p>Der junge Mann, der uns diese Geschichte erzählt hat, hat uns gebeten, seinen Namen nicht zu veröffentlichen. Würden wir das trotzdem tun, dazu eine E-Mail-Adresse einrichten und hier auffordern, ihm zu schreiben, so bekäme er sicher reichlich Zuspruch. Eine Mehrheit würde ihn für sein Verhalten loben, nur eine Minderheit würde sich den skeptischen Stimmen in seinem Bekanntenkreis anschließen. Doch dieser Zuspruch, den auch andere erfahren, deren Einschreiten öffentlich geworden ist, lässt kaum Rückschlüsse darauf zu, wie sich die lobenden Stimmen in einer ähnlichen Situation selbst verhalten würden. Das Wissen um die Gefahr, die tagtäglich in den Medien dokumentiert wird, sie fördert das Wegschauen. All diese Geschichten, beispielsweise von einem Rentner, der Jugendliche auf ein Rauchverbot in der Bahn hinweist und kurz drauf lebensgefährlich verletzt wird, oder von Dominik Brunner, der vier Jugendliche hatte schützen wollen und dafür mit seinem Leben bezahlen musste, sie wirken, weil sie sich uns einprägen, weil sie uns zeigen, dass zunächst harmlose Situationen eskalieren können.</p>
<p><strong>Zivilcourage ohne Risiko?</strong></p>
<p>Zivilcourage zu zeigen, das bedeutet immer, ein gewisses Risiko einzugehen und dieses Risiko in Kauf zu nehmen. Das Risiko macht Angst, und das ist sogar gut, denn Angst schärft unser Gespür für die Gefahr. Es gibt Situationen, in denen man sich sogar davor hüten sollte, direkt einzugreifen. Es macht einfach keinen Sinn, sich dazwischen zu werfen, wenn gleich mehrere Menschen einen Wehrlosen niederprügeln, selbst wenn man sich nach jahrelangem Kampfkunsttraining dazu in der Lage fühlt. Auf Gewalt mit Gewalt zu reagieren, davon ist grundsätzlich abzuraten, weil die Situation nur weiter eskaliert. Mit Zivilcourage hat so etwas wenig zu tun. Sie sollte immer einen deeskalierenden Ansatz haben.</p>
<p>Es gibt zahlreiche Möglichkeiten, das Risiko zu minimieren, aber zunächst steht vor allem die Hürde, mit der eigenen Angst umzugehen, indem man sie akzeptiert. Angst ist in so einer Situation ganz normal. Man kann sie nicht überwinden, man hat sie. Und allzu oft bleibt der Impuls, helfen zu wollen, an genau dieser Stelle stecken. Man wird von der Angst übermannt. Ein gutes Gegenmittel ist die eigene Vorstellungskraft. Man kann sich überlegen, was man in so einer Situation tun würde, kann sich einen kleinen Katalog von einfachen Reaktionen zurechtlegen. Auch wenn man sich dann in der Realität nicht an alles erinnert, ist die Gefahr, dass man gar nichts tut, schon halbwegs gebannt. Und es gibt weitere Trockenübungen. Zivilcourage ist in kleinen Schritten erlernbar, zum Beispiel indem man sich in seinem Bekanntenkreis dazu aufrafft, für jemanden einzutreten, über den in Abwesenheit gelästert wird (natürlich nur, falls man anderer Meinung ist). Man kann lernen, den Mund aufzumachen. Das ist ein erster Schritt. Wer sich bereits im alltäglichen Umgang mit anderen Menschen wegduckt, der wird in einer aggressiven Situation sicherlich nicht aktiv. Jemand drängelt sich an der Supermarktkasse vor? Warum nicht diesen Menschen mit lauter Stimme zur Rede stellen? Das ist nicht peinlich, das ist vollkommen in Ordnung.</p>
<p>Gerät man tatsächlich in eine aggressive Konfliktsituation, wird man Zeuge einer Gewalttat, dann geht es natürlich um das Opfer, aber auch um den Schutz der eigenen Gesundheit. Das muss sich nicht widersprechen. Man kann das Risiko minimieren. Unser Beispiel aus Hannover zeigt bereits eine Menge solcher Möglichkeiten auf. Er hat sich entschieden, stehen zu bleiben und sich einzumischen, weil er mit der Unterstützung der Taxifahrer rechnete. Das sollte immer die erste Rückversicherung sein. Sind noch andere Menschen in der Nähe? Unser Beispiel zeigt aber auch, dass diese Rückversicherung trügerisch sein kann. Vielleicht hätte er nach seiner Frage den Hilferuf der Frau zunächst ignorieren und weitergehen sollen, um dann in einigem Abstand stehen zu bleiben und die Polizei zu rufen, sichtbar für den Täter, um ihm zu signalisieren, dass man ein Zeuge ist, dass man sieht, was er tut, dass man ihn später identifizieren kann. Warum nicht das Handy nutzen, um den potentiellen Täter zu fotografieren? Es geht in erster Linie immer darum, ihn zu verunsichern. Das lenkt ihn ab. Und vielleicht hält es ihn sogar von seiner Tat ab. Da belästigt beispielsweise ein Mann eine Frau in der Bahn. Es ist gar nicht notwendig, in so einer Situation gleich laut zu werden, gar zu pöbeln oder tätlich einzugreifen. Man kann ihn stattdessen nach der Uhrzeit fragen. Oder man spricht die Frau an und verwickelt sie in ein Gespräch. Beides wirkt. Der potentielle Täter bekommt die Gelegenheit, sich ohne Gesichtsverlust zurückzuziehen.</p>
<p>Doch was kann man tun, wenn die Situation bereits eskaliert ist, wenn eine Frau massiv belästigt wird oder wenn einer oder gleich mehrere zuschlagen? Das erste Gebot heißt, nicht darauf zu warten, dass andere etwas tun, sondern aktiv aus der Masse herauszutreten. Es gibt zahlreiche Untersuchungen, die belegen, dass alle mit dem Eingreifen der anderen Anwesenden rechnen und darum zunächst untätig bleiben. Laut zu schreien, ist ein gutes Mittel, um die Täter zu verunsichern. Und wenn man alles richtig machen will, schreit man nicht „Lassen Sie das!“ oder „Hören Sie auf!“, sondern „Feuer!“ oder „Hilfe!“, das erzeugt Aufmerksamkeit und setzt eigentlich immer eine Hilfskette in Gang. Wichtig ist auch, andere Passanten gezielt mit einzubeziehen, sie direkt anzusprechen und klar zu sagen, dass sie gemeint sind: „Sie mit der roten Jacke, helfen Sie mit!“ „Sie mit der grünen Handtasche, rufen Sie bitte die Polizei!“</p>
<p>All das kostet vielleicht Überwindung, aber sie ist es wert, denn meist kann Schlimmeres mit diesen Mitteln tatsächlich verhindert werden. Zivilcourage hat nichts damit zu tun, den Helden zu spielen. Man muss sich nicht unnötig in Gefahr bringen, man sollte klug und überlegt handeln, denn man kann eigentlich immer irgendetwas tun. Und manchmal hilft es schon, die Zeitung beiseite zu legen und aus dem gemütlichen Taxi zu steigen, wenn jemand anklopft und um Hilfe bittet. <strong>GS</strong></p>
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		<title>viel schatten kaum licht&#8230;</title>
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		<pubDate>Wed, 01 Dec 2010 13:09:29 +0000</pubDate>
		<dc:creator>wolke</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Wir wagen in dieser Ausgabe mal einen kleinen politischen Jahresrückblick. Zugegeben, ein ziemlich unangenehmes Thema, aber da müssen wir jetzt alle zusammen durch. Die entsprechenden Kreuze haben wir ja selbst gemacht bei der letzten Bundestagswahl am 27. September 2009.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Wir wagen in dieser Ausgabe mal einen kleinen politischen Jahresrückblick. Zugegeben, ein ziemlich unangenehmes Thema, aber da müssen wir jetzt alle zusammen durch. Die entsprechenden Kreuze haben wir ja selbst gemacht bei der letzten Bundestagswahl am 27. September 2009. Natürlich nicht alle. 62,2 Millionen Deutsche waren wahlberechtigt, 70,78 Prozent gaben ihre Stimme ab – die niedrigste Wahlbeteiligung seit Bestehen der Bundesrepublik. Das Ergebnis ist bekannt, die SPD schmierte ab, die FDP erlebte dank „mehr netto“ einen Höhenflug und Deutschland bekam Schwarz-Gelb, mit einer – so schien es – nicht sehr begeisterten Angela Merkel an der Spitze. Wahrscheinlich wäre ihr eine Große Koalition doch lieber gewesen als der neue liberale Partner mit Maximal-Westerwelle an der Spitze. Aber nun gab es kein Zurück mehr. Auf Wolke Sieben unterwegs machte sich Guido Westerwelle auch gleich ans Werk, die Befürchtungen der Kanzlerin zu bestätigen. Eine ganze Menge hatte man versprochen, all das sollte nun auch umgesetzt werden. Nur wie, angesichts der aktuellen Finanzkrise? Angela Merkel schwieg einstweilen. Zu allem. Warum auch nicht? Die FDP reden lassen, bis sie irgendwann realisiert, dass sie nicht mehr in der Opposition sitzt, bis sie das ganze Desaster des Haushalts überblickt und von ganz allein leiser werden würde – eigentlich keine schlechte Strategie. Aber es wurde nicht leiser. Im Gegenteil, auch die CSU mischte plötzlich mit im Stimmengewirr der neuen Regierung. Kein Wettstreit der besten Ideen, eher Not gegen Elend, so lässt sich der Eindruck von der Regierungsmannschaft in den ersten Monaten zusammenfassen. Und Angela Merkel schwieg weiter und immer weiter. Zweierlei brachte die neue Regierung dann doch auf den Weg: Zuerst hob sie die Schonvermögen für Hartz-IV-Empfänger an. Ganz so schlimm, das war die Botschaft, würde es also mit Schwarz-Gelb nicht werden. Ein durchaus kluger Schritt. Von drohender sozialer Kälte konnte nun doch eigentlich niemand mehr sprechen. Obwohl – Vorrausetzung für ein Schonvermögen ist erstmal ein Vermögen. Hartz IV und Vermögen, das ist aber nicht unbedingt die Regel. Insgesamt lagen die Kosten für die Neuregelung bei 300 Millionen Euro. Nicht mal ein Prozent dessen, was das Finanzministerium in 2009 für Hartz IV ausgegeben hat, nämlich rund 36 Milliarden. Da scheinen nach Adam Riese nicht sehr viele Menschen profitiert zu haben. Wenn man so will, gab es Geschenke fürs Hochprekariat, an der Masse der Hartz-IV-Empfänger ging die Neuregelung aber vorbei. Wie auch immer, für einen Augenblick sah das alles ganz „nett“ aus. Wäre da nicht Beschluss Nummer II gewesen, das Wachstumsbeschleunigungsgesetz, unter anderem mit dem ermäßigten Mehrwertsteuersatz für Hotelübernachtungen. Man wunderte sich und grübelte. Wem sollte das alles jetzt genau nützen? Vielleicht der FDP, die, wie man nachträglich erfuhr, von der Firma Substantia AG zwischen Oktober 2008 und Oktober 2009 Spendengelder in Höhe von 1,1 Millionen Euro erhalten hatte. Die Firma gehört zum Imperium des Unternehmers August von Finck junior, der Hauptaktionär der Restaurant- und Hotelgruppe Mövenpick ist. Aber wir wollen mal nicht so sein. Spenden bekommen ja alle Parteien. Trotz massiven Widerstands der Opposition und recht harscher Kritik beispielsweise vom Paritätischen Wohlfahrtsverband, der beanstandete, dass die Erhöhung des Kindergelds mit dem Arbeitslosengeld II verrechnet würde und somit bei vielen Kindern nichts ankomme, wurde das Gesetz im Dezember 2009 verabschiedet. Danach kam dann nichts weiter, außer lautstarke Diskussionen innerhalb der Koalition, zum Beispiel darüber, ob das Betreuungsgeld für zu Hause erziehende Eltern im Jahr 2013 bar oder per Gutschein ausbezahlt werden soll. Man stritt über die Steuerreform, den Umbau des Gesundheitssystems und plötzlich waren die ersten drei Monate Regierungszeit vorbei, Angela Merkel sprach in ihrer Neujahrsrede von einer noch immer ernsten Lage, prophezeite wirtschaftlich schwierige Monate, und dann stolperten alle gemeinsam ins neue Jahr.</p>
<p>Was folgte im Januar? Nicht viel. Angela Merkel setzte erstmal ihren Schweigekurs fort. Sie sagte nichts zur Kundus-Debatte im Bundestag, sie ertrug still und leise den weiter lodernden Streit um die Steuerreform und den Umbau des Gesundheitssystems, sie ließ die anderen reden, die FDP gegen die CSU wettern und umgekehrt. Man wünschte sich zunehmend ein bisschen Ordnung, ein klares Wort der Kanzlerin. Man wünschte vergeblich. Und sonst? Am 1. Januar kam in Hannover die Verschärfung der Umweltzone und in London vergab die Liegenschaftsverwaltung neun Flächen für den Bau von Offshore-Windparks vor der Küste mit einer Gesamtkapazität von 25.000 Megawatt, was einer installierten Leistung von etwa 25 Atomkraftwerken entspricht, am 10. Januar sorgte Sturmtief Daisy für ein bisschen Wirbel, am 12. Januar starben bei einem Erdbeben in Haiti etwa 220.000 Menschen und über eine Millionen wurden obdachlos, am 15. Januar beschloss das Bundesamt für Strahlenschutz in aller Stille die Überführung von ca. 120.000 Behältern mit radioaktivem Abfall aus dem einsturzgefährdeten Atommülllager Asse in den Schacht Konrad, am 18. Januar begann der Prozess gegen Karlheinz Schreiber wegen Bestechung, Beihilfe zur Untreue, gemeinschaftlichen Betruges und Steuerhinterziehung, der sich im Verlauf des Prozesses ein Beispiel an der Bundeskanzlerin nahm und zu allem schwieg (es soll gute Gründe gehabt haben), am 19. Januar wählte die Gesellschaft für deutsche Sprache den Begriff „betriebsratsverseucht“ zum Unwort des Jahres 2009 und am 22. Januar kündigte Oskar Lafontaine seinen Rückzug aus der Bundespolitik an, ein Beispiel, das noch Schule machen sollte. Eine richtungweisende Entscheidung in England, eine Tragödie in Haiti, das große Schweigen in Deutschland. Wollte man klare Worte hören, musste man im Januar 2010 ins Ausland ausweichen, zum Beispiel nach Österreich. Dort sorgte der Moderator und Schauspieler Alfons Haider bei einem Auftritt in der ORF-Sendung „Willkommen Österreich“ für Aufsehen, weil er Österreich aufgrund seiner gesellschaftlichen Einstellung zu Homosexuellen als „verlogenes und verschissenes Land“ bezeichnete. Das kann einem ja auch mal rausrutschen.</p>
<p>Der Februar gehörte eigentlich ganz Guido Westerwelle und seiner „spätrömischen Dekadenz“ als Reaktion auf das Grundsatzurteil des Bundesverfassungsgerichts in Karlsruhe am 9. Februar, das die Berechnung der Regelleistungen für Sozialgeld und Arbeitslosengeld II  für verfassungswidrig erklärte und die Bundesregierung zur Korrektur der Regelsatzverordnung bis zum Ende des Jahres verpflichtete. Natürlich gab es noch ein paar andere Vorkommnisse, die in unserem Rückblick nicht fehlen dürfen. Am 2. Februar begannen die Bauarbeiten am umstrittenen Bahnprojekt Stuttgart 21, am 11. Februar verzichtete Erika Steinbach endgültig (und endlich) auf ihren Sitz im geplanten Stiftungsrat „Flucht, Vertreibung, Versöhnung“, am 24. Februar trat Margot Käßmann als Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland und als Landesbischöfin der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Hannovers zurück, vielleicht der einzige Rücktritt in diesem Jahr, den man wirklich bedauern darf, und am 26. Februar billigte der Bundestag mit großer Mehrheit die Verlängerung des Afghanistan-Einsatzes um ein Jahr sowie eine Aufstockung des Bundeswehrkontingents um bis zu 850 Soldaten. Bitter nötig wäre es eigentlich gewesen, genau darüber zu diskutieren. Aber es gab eigentlich nur Westerwelle und immer wieder Westerwelle. Die Umfragewerte für die FDP sanken nach seinen Äußerungen weiter rapide und der Außenminister erweckte in der Folge so ein bisschen den Eindruck, doch recht erschrocken zu sein über die wütenden Reaktionen. Was hatte er denn Böses gesagt? Leistung müsse sich lohnen, man dürfe den Mittelstand nicht vergessen, und die aktuelle Diskussion nach der Karlsruher Hartz-IV-Entscheidung trage sozialistische Züge. Mehr doch nicht. Warum die Aufregung? Was hatten denn plötzlich alle gegen seine „geistig-politische Wende“? Das alles war doch wieder so ein Manöver der Opposition, ihm das Wort im Munde herumzudrehen. Wer Hartz-IV beziehe, so deutete man Westerwelle recht allgemein, der habe es auch nicht anders verdient, der habe sich eben nicht genug angestrengt. Manche fanden das wohl ein bisschen zynisch, dieses Pochen auf den Leistungswillen, dieses „jeder ist seines Glückes Schmied“, angesichts eines Bildungssystems, das nachweislich keine Chancengleichheit bietet. Im Grunde hatte Westerwelle noch einmal bestätigt, was seiner Partei inzwischen allgemein vorgeworfen wurde. Die FDP, sie war im Februar 2010 noch immer nicht auf der Regierungsbank angekommen, sie schlug weiter um sich wie eine kleine Oppositionspartei und positionierte sich eindeutig auf Seiten ihrer Klientel. Der Blick für das Große und Ganze, er fehlte. Und so mancher munkelte bereits über das vorzeitige Ende der schwarz-gelben Koalition.</p>
<p>Aber was war jetzt eigentlich mit dem Regieren? Gab es da was im März 2010? Kaum. Angela Merkel schwieg erstmal noch ein bisschen weiter, träumte nachts von der vergangenen Großen Koalition und die FDP demontierte sich eifrig weiter selbst. Außerdem stand schon im Mai die Wahl in Nordrhein-Westfalen bevor. Also vermied die Regierung jede Aktivität. Glücklicherweise gewann am 12. März Lena Meyer-Landrut das Finale des Deutschen Vorentscheids zum Eurovision Song Contest und so hatten zumindest wir hier in Hannover ein bisschen Grund zum Feiern. Was noch? Papst Benedikt XVI. nahm am 20. März in einem Hirtenbrief Stellung zum sexuellen Kindesmiss-brauch in der katholischen Kirche, Kachelmann wanderte am gleichen Tag in Untersuchungshaft (freilich ohne dass da jetzt ein direkter Zusammenhang bestünde), und einen Tag später folgte der erste Ausbruch des Vulkans Eyjafjallajökull. Und dann gab es doch noch Bewegung auf der Regierungsbank. Am 31. März nahm sich die Bundesregierung die Einrichtung eines Stabilitätsfonds vor, der künftig in Not geratenen Banken helfen soll. Die Banken, alle Banken, sollen in diesen Fonds einzahlen, um für Notlagen gewappnet zu sein. Viel zu wenig, um irgendwelche Bankenkrisen zu verhindern, sagte die Opposition. Am gleichen Tag ging in Hannover ein Handwerksmeister mit seinem Betrieb insolvent, weil ihm seine Bank einen dringenden Kredit verweigerte. Aber das haben wir uns jetzt wahrscheinlich nur ausgedacht.</p>
<p>Im April ging es ähnlich weiter wie im März. Zwar wurde innerhalb der Regierung viel diskutiert, zum Beispiel immer mal wieder über eine neue, neue und dann aber wirklich neue Steuerreform, eine Vereinfachung des Steuerrechts oder die Atomkraft, aber so recht einig wurde man sich (noch) nicht. Norbert Röttgen hatte sich zu Beginn des Jahres beispielsweise erlaubt, über eine Beschränkung der Betriebsdauer von Atomkraftwerken nachzudenken und wurde prompt von der FDP für seine „schwarz-grünen Blütenträume“ gerügt. Einigkeit suchte man in fast allen Fragen vergeblich. Und das war ja auch strategisch nicht unbedingt dumm, so kurz vor der Wahl in Nordrhein-Westfalen. Angela Merkel jedenfalls schwieg eisern zu fast allem. Gesprächsstoff gab es trotzdem genug. Am 15. April sorgte der erneute Ausbruch von Eyjafjallajökull für ein Flugverbot auch in Deutschland, am 21. April versank die Deepwater Horizon im Golf von Mexiko und verursachte die bisher größte Ölkatastrophe, am 22. April reichte Bischof Walter Mixa seinen Rücktritt beim Papst ein und am 25. April wurden die Hannover Scorpions erstmals Deutscher Eishockeymeister. Was noch? Ach ja, am 23. April bat Griechenland die Europäische Union und den Internationalen Währungsfonds um insgesamt 45 Milliarden Euro Finanzhilfe. Ein Thema für Merkel. Sie hatte gezögert. Sie zögert noch. Und dann sprach sie dramatische Worte: „Europa steht am Scheideweg.“ Am 24. April bildeten einen Tag später mehr als 120.000 Atomkraftgegner zwischen den Atomkraftwerken Krümmel und Brunsbüttel eine 120 Kilometer lange Menschenkette gegen die Energiepolitik der Bundesregierung. Das war allerdings kein Thema für Merkel.</p>
<p>Am 9. Mai folgte dann endlich die Wahl in Nordrhein-Westfalen. Vorher, am 5. Mai, wurde Karlheinz Schreiber noch zu acht Jahren Haft verurteilt, ohne ein Wort zur CDU-Parteispendenaffäre gesagt zu haben, Walter Mixas Rücktrittsgesuch wurde vom Papst angenommen und in Berlin billigten zwei Tage vor der Wahl Bundestag und Bundesrat einen Milliarden-Kredit für Griechenland mit den Stimmen von CDU, FDP und den Grünen. Die Linken waren dagegen, die SPD enthielt sich (leider), denn bei dieser Enthaltung ging es ihr derart offensichtlich um Wahltaktik, dass es fast schmerzte. Wie auch immer, gereicht hat es bei der Wahl trotzdem nicht ganz. Zwar wurde Schwarz-Gelb abgewählt, aber für Rot-Grün fehlte dennoch eine Mehrheit. Fast zeitgleich mit der Wahl in NRW beschlossen die Staats- und Regierungschefs der Europäischen Union mit dem Internationalen Währungsfonds in Brüssel ein Rettungspaket zur Verhinderung von Staatsbankrotten in der Eurozone in Höhe von 750 Milliarden Dollar. Keine Angst, das hatte wirklich Sinn und Verstand. Und wir haben auch wirklich gute Leute da in Brüssel, so wie Silvana Koch-Merin. Aber zurück zum Wesentlichen: Nun war sie gelaufen, die Wahl in NRW. Also war jetzt endlich der Weg frei, um endlich loszulegen mit dem Regieren in Deutschland, zumal Westerwelle verlauten ließ, dass er verstanden habe. Und losgehen sollte es dann auch bald, genauer am 7. Juni. Aber zuvor kündigte Roland Koch am 25. Mai noch seinen Rückzug aus der Politik an, Lena gewann am 29. Mai in Oslo und Horst Köhler nahm am 31. Mai als Bundespräsident seinen Hut, weil man ihn wegen seiner Äußerungen zu Auslandseinsätzen der Bundeswehr kritisiert hatte.</p>
<p>Wie gesagt, am 7. Juni gab es mal wieder ein Lebenszeichen der Regierung. Sie veröffentlichte acht finanzpolitische Maßnahmen, um bis 2014 ca. 80 Milliarden Euro einzusparen. Der Zeitpunkt war wirklich gut gewählt, denn die Pläne beinhalteten einigen sozialen Sprengstoff, was die Öffentlichkeit aber erst mal nur ein paar wenige Tage interessierte, denn am 11. Juni startete die WM. Der Aufschrei der Opposition, der Gewerkschaften, der Kirchen und vieler weiterer Institutionen, er ging bald unter im Getöse der Vuvuzelas. Kritisch war man teilweise sogar in den eigenen Reihen. Es roch alles ein bisschen zu sehr nach heißer Nadel, und es roch vor allem und schon wieder nach Klientel. Einiges las sich gar nicht so schlecht: Die Reform der Bundeswehr – längst überfällig. Der Wiederaufbau des Berliner Schlosses – kann man machen, wenn man irgendwann wieder das nötige Kleingeld hat. Stellenabbau beim Bund – macht wahrscheinlich Sinn. Aber was die Maßnahmen bei der Wirtschaft anbetraf, blieben doch einige Fragezeichen. Eine Brennelementesteuer sollte die Zusatzgewinne der vier großen Energiekonzerne durch die Laufzeitverlängerung abschöpfen. Diese Laufzeitverlängerung war damals allerdings – so hat man uns zumindest weismachen wollen – noch längst nicht beschlossene Sache. Und dann stand da noch das große Wort von der Finanzmarkttransaktionssteuer, mit der man die Banken zur Kasse bitten wollte. Aber nicht, ohne zuerst auf eine internationale oder europäische Lösung zu warten (bis Januar 2012). Im sozialen Bereich gaben sich die Vorschläge nicht ganz so geduldig. Wegfall des Zuschlags beim Übergang vom Arbeitslosengeld I zum Arbeitslosengeld II, Einsparungen bei der Agentur für Arbeit für Weiterbildungsmaßnahmen, Streichung der Rentenversicherung bei Hartz-IV-Empfängern, Streichung des Elterngelds bei Hartz-IV-Empfängern, Abschaffung des Heizkostenzuschusses für Wohngeldempfänger. Hatte man bei all dem die Mittelschicht und die Reichen vergessen? Letztere meldeten sich teilweise selbst zu Wort und forderten dazu auf, sie endlich stärker zur Kasse zu bitten. Leider ohne Erfolg. Klientelpolitik, sodass sich die Klientel in Grund und Boden schämt, das hat vorher auch noch keine Regierung geschafft. Und dann musste am 30. Juni noch schnell ein neuer Bundespräsident her, und wir alle erlebten den nächsten sensationellen Erfolg der Regierungskoalition: Christian Wulff ist es im dritten Wahlgang geworden, Joachim Gauck nicht.</p>
<p>Auf in den Juli! Keine Angst, viel ist bundespolitisch nicht mehr passiert. Sommerpause! Zeit für Fußball. Am 1. Juli wurde David McAllister Nachfolger von Christian Wulff (bemerkt hat diesen Wechsel in Niedersachsen bisher aber wohl kaum jemand), am 6. Juli entschied der Bundesgerichtshof, dass die Präimplantationsdiagnostik  (PID) nicht gegen das Embryonenschutzgesetz verstößt, am 7. Juli beschloss das Europäische Parlament ein Gesetz, das die Bonuszahlungen an Banker begrenzt (Hurra!), am gleichen Tag hat Deutschland im Halbfinale gegen Spanien verloren (schade), und am 9. Juli billigte der Bundesrat die Verkürzung des Wehr- und Zivildienstes von neun auf sechs Monate. Am 14. Juli wurde Hannelore Kraft neue Ministerpräsidentin von Nordrhein-Westfalen und probiert es dort künftig mit einer Minderheitsregierung, am 18. Juli gab Ole von Beust seinen Rücktritt zum 25. August bekannt, am gleichen Tag entschieden sich die Hamburger in einem Volksentscheid gegen die Einführung einer Primarschule, und am 24. Juli folgte dann das traurige Ende dieses Monats. Bei einer Massenpanik auf der Love Parade starben 21 Menschen, über 500 wurden verletzt. Ein Rücktritt schien für viele Politiker in den vergangenen Monaten groß in Mode zu sein, nur der Bürgermeister Duisburgs Adolf Sauerland machte da nicht mit.</p>
<p>Auch im August geschah bundespolitisch kaum etwas. Gut, am 23. August kündigte Bundesverteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg die Aussetzung der Wehrpflicht und eine Verkleinerung der Bundeswehr an, was doch sehr bemerkenswert war, denn die Wehrpflicht galt in den Reihen der CDU eigentlich immer als heilige Kuh. Guttenberg hat sie geschlachtet, dafür verdient er Anerkennung. Aber sonst? Nennen wir es mal die Ruhe vor dem Sturm. Google gab noch bekannt, Street View bis Ende des Jahres auch in Deutschland zu starten, am 30. August begann in Chile 25 Tage nach dem Grubenunglück die Rettungsbohrung zur Bergung der 33 verschütteten Bergleute und einen Tag später wurde Volker Bouffier neuer Ministerpräsident Hessens. Mal sehen, wann der einen Job in der Wirtschaft findet…</p>
<p>Dann kam der September, und der hatte es nun wirklich in sich. Gleich am 1. September beschloss das Bundeskabinett im Rahmen des Haushaltsbegleitgesetzes die Umsetzung einiger Punkte des Sparpakets der Deutschen Bundesregierung. Im sozialen Bereich folgte man dabei haargenau jenen Ideen, wie wir sie bereits beschrieben haben. Man hätte es eigentlich nicht für möglich gehalten, aber die Bundesregierung setzte exakt ihre im Juni festgelegte Linie um. Entsprechend scharf fiel die Kritik nicht nur in den Reihen der Opposition aus. Natürlich, auch die Wirtschaft musste ein bisschen bluten, Schäuble strich Ausnahmen bei der Stromsteuer und im Energiesteuergesetz. Außerdem wurde die „ökologische Luftverkehrsabgabe“ beschlossen. Aber von einer echten Beteiligung der Mittelschicht oder der Besserverdienenden fehlte weiter jede Spur. Hätte man die Monate nicht nutzen können, um nachzubessern? Hätte man nicht einige Kürzungen einfach aussetzen können? Nein, natürlich nicht. Merke: wenn eine Regierung in Deutschland etwas beschlossen hat, und sei es noch so falsch, dann muss sie es durchziehen, sonst verliert sie am Ende ihr Gesicht, und das wäre natürlich weitaus schlimmer, als die soziale Schieflage in Deutschland noch weiter zu vertiefen. Apropos falsche Entscheidung: Am 5. September beschloss die Bundesregierung die Laufzeitverlängerung für die Kernkraftwerke um bis zu 14 Jahre. Fremdschämen war angesagt, denn offensichtlicher kann Klientelpolitik eigentlich nicht mehr sein, auch wenn nicht durchgesickert wäre, dass die Atomlobby per Handy in der Atomnacht mit am Tisch gesessen hatte. Deutschland erlebte eine Absage an den gesunden Menschenverstand. Norbert Röttgen sprach dagegen vom „anspruchsvollsten energiepolitischen Programm“, das es je gegeben habe. Am 18. September bekam die Regierung hoffentlich ein erstes mulmiges Gefühl. Rund 100.000 Atomkraftgegner protestierten rund um das Kanzleramt gegen die Energiepolitik der Bundesregierung und die Laufzeitverlängerung deutscher Atomkraftwerke. Am 23. September wurde in Großbritannien übrigens der in der südwestlichen Nordsee gelegene größte Offshore-Windpark der Welt offiziell in Betrieb genommen. Auf solche Nachrichten werden wir jetzt in Deutschland wohl noch ein bisschen warten können.</p>
<p>Am 13. Oktober, 69 Tage nach dem Grubenunglück von San José, wurden alle 33 Bergleute gerettet, am 15. Oktober wählte man die nordrhein-westfälische Ministerpräsidentin Hannelore Kraft zur neuen Bundesratspräsidentin, und am 21. Oktober trat der stellvertretende Vorsitzende der FDP und Vorsitzende der FDP in Nordrhein-Westfalen, Andreas Pinkwart, aus beruflichen Gründen von allen Ämtern zurück. Nach dem Regierungswechsel in NRW sah er dort keine ausreichende Perspektive mehr. Politiker als Beruf, nicht als Berufung. Und wenn die Macht abhanden kommt, verabschiedet man sich. Ist das der neue Politiker-Typus, an den wir uns in Zukunft gewöhnen müssen? Im Oktober und im ganzen Jahr 2010 gab es zwei Themen, die in unserem Jahresrückblick bisher kaum oder noch gar nicht aufgetaucht sind, weil sie sich nicht an einem bestimmten Datum festmachen lassen. Ständig wurde in Stuttgart gegen das Bahnprojekt Stuttgart 21 demonstriert. Deutschland erlebte in diesem Jahr eine neue Kultur bürgerlichen Widerstands, der Menschen aus ganz unterschiedlichen Schichten gemeinsam auf die Straße brachte. Die Meinungen zu dieser neuen Form des Bürgerprotestes sind gespalten. Wo die einen sich über das scheinbar neu erwachte Verantwortungsgefühl freuen, sehen die anderen wohlstandsverwöhnte Wutbürger, die demnächst jedes neue Projekt in Deutschland kippen könnten. Verhinderung als neuer Bürgersport? Oder haben die Demonstranten gegen Stuttgart 21 doch gute Gründe, auf die Straße zu gehen? Am 22. Oktober begann die erste Schlichtungsrunde mit Heiner Geißler in Stuttgart. Wer, wenn nicht er, wird es irgendwann herausfinden. Am 23. Oktober wurde Erika Steinbach als Präsidentin des Bundes der Vertriebenen wiedergewählt. Warum? Manches wird in dieser Welt wohl für immer ein Rätsel bleiben. Und dann folgten gute Nachrichten. Am 26. Oktober legte ein stromgetriebener Audi A2 die rund 600 Kilometer von München nach Berlin ohne Nachladen der Akkus zurück und stellt damit einen neuen Reichweitenrekord für Elektroautos auf. Und am 27. Oktober verkündete Arbeitsministerin Ursula von der Leyen, dass die Erwerbslosenzahl erstmals seit 1992 auf unter drei Millionen Menschen gesunken sei – was natürlich eine Menge mit der weisen Regierungsarbeit der vergangenen Monate zu tun hat. Das war bestimmt das Wachstumsbeschleunigungsgesetz. Kein Zweifel, man hat uns weise und nachhaltig regiert. Am 28. Oktober wurde darum im Bundestag auch gleich die Laufzeitverlängerung der Atomkraftwerke mehrheitlich beschlossen. Das zweite Thema, das die Menschen in Deutschland vielleicht mehr als alles andere bewegte, waren die Thesen Thilo Sarrazins. Ein Hobby-Darwinist haute gehörig auf die Pauke und bediente sich dabei freimütig beispielsweise bei Francis Galton, einem britischen Naturforscher, der als Vater der modernen Eugenik gilt und im 19. Jahrhundert die Qualität der Menschheit durch gezielte Auswahl der Eltern verbessern wollte. Sarrazin zweifelte an der natürlichen Intelligenz aller Muslime, schwafelte vom Juden-Gen und erntete für seinen Mut, endlich mal die Probleme anzusprechen, gehörig Beifall. Fremdschämen war angesagt, diesmal für all die Sympathisanten, die sich nun trauten, ihre eigenen Ressentiments freimütig in die Welt zu posaunen. Aber wenn man dann in einer neuen Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung zu rechtsextremen Einstellungen lesen muss, dass sich in Deutschland inzwischen jeder Zehnte einen „Führer“ wünscht, wundert einen eigentlich gar nichts mehr.</p>
<p>Der November brachte uns dann noch gleich zu Beginn die bundesweite Einführung des elektronischen Personalausweises. Am 2. November verloren die Demokraten in den USA die absolute Mehrheit im Repräsentantenhaus und Barack Obama damit wohl jede Chance, in seiner Amtszeit noch irgendwas auf den Weg zu bringen. Gewöhnen wir uns schon mal an den Gedanken, dass Obama Geschichte ist. Und freuen wir uns auf Sarah Palin. Das wird sicher ganz lustig, bis es dann irgendwann im Iran knallen wird. Am 5. November startete der zwölfte Castor-Transport in Nordfrankreich und am 6. November erlebte Deutschland die größte Demonstration, die es im Wendland je gegeben hat. Am 15. November wurde Angela Merkel auf dem CDU-Parteitag mit 90,4 Prozent als Parteivorsitzende bestätigt und die CDU entschied sich gegen die Präimplantationsdiagnostik. Was war noch? Ach ja, die Gesundheitsreform Philipp Röslers nach der Seehofer-Intervention. Jetzt wird endlich alles besser! Und Schäuble hat gezeigt, was er unter Führungsstil versteht. Zuletzt und gerade jetzt werden wir nun wieder von Terroristen bedroht, mit Bombenattrappen in Koffern. Thomas de Maizière war höchst alarmiert. Und nicht informiert. Aber wir wollen uns lieber nicht zu weit aus dem Fenster lehnen. Terroristen sind leider eine recht reale Bedrohung. Vorsicht ist besser als Nachsicht.</p>
<p>Na ja, so lange kein Irrer ein Flugzeug kapert und in ein Atomkraftwerk lenkt, wird sicher auch im Dezember alles gut. Es bleibt spannend.</p>
<p><strong>POL</strong></p>
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		<title>du guckst den leuten ja nur vor den kopf</title>
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		<pubDate>Mon, 01 Nov 2010 09:55:09 +0000</pubDate>
		<dc:creator>wolke</dc:creator>
				<category><![CDATA[titel]]></category>
		<category><![CDATA[2010-11]]></category>

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		<description><![CDATA[Womit sich marco finkenstein, veit görner, julia zwehl, zoë mactaggart, mousse t., christian friedrich sölter und matthias wieland täglich so beschäftigen - einige nicht ganz ernst gemeinte elektroenzephalografiken.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><strong>wir werfen mal einen blick hinter die kulissen</strong></p>
<p>Womit sich marco finkenstein, veit görner, julia zwehl, zoë mactaggart, mousse t., christian friedrich sölter und matthias wieland täglich so beschäftigen &#8211; einige nicht ganz ernst gemeinte elektroenzephalografiken.</p>
<p><a href="http://www.stadtkind-hannover.de/wp-content/uploads/2011/05/Marco-Finkenstein.jpg"><img class="alignleft size-thumbnail wp-image-11918" title="Marco Finkenstein" src="http://www.stadtkind-hannover.de/wp-content/uploads/2011/05/Marco-Finkenstein-150x150.jpg" alt="" width="150" height="150" /></a><span style="color: #ff0000;">Marco Finkenstein (39), Grafiker</span><br />
Marco Finkenstein besitzt sowohl einen Vor- als auch einen Nachnamen für den dauerhaften Gebrauch. Der Grafiker zeichnet Comics, macht Cartoons für die Titanic und produziert quietschige Trickfilme. Als Mitglied der Künstlergruppe Export übt er sich im Sozialverhalten und isst sogar mit Besteck. Der Künstler lebt in Abgeschiedenheit an einer Uferböschung, gemeinsam mit zwei singenden Seeschlangen, die alles Geschäftliche regeln. Sein erstes Kritzelwitz-Buch ist im Ausnahmeverlag erschienen und heißt „Geld, Nutten und Kunst – die Vorarbeiten“. Mehr unter www.marcofinkenstein.de.</p>
<p><a href="http://www.stadtkind-hannover.de/wp-content/uploads/2011/05/Veit-Görner.jpg"><img class="alignleft size-thumbnail wp-image-11919" title="Veit Görner" src="http://www.stadtkind-hannover.de/wp-content/uploads/2011/05/Veit-Görner-150x150.jpg" alt="" width="150" height="150" /></a><span style="color: #ff0000;">Veit Görner (57), Direktor der kestnergesellschaft</span><br />
Dr. Veit Görner ist seit 2003 Direktor der kestnergesellschaft in Hannover. Er lebt in der Leine-hauptstadt und Stuttgart. Görner hat in Tübingen Sozial- und Erziehungswissenschaften und in Stuttgart Kunstgeschichte studiert. Er ist seit 1984 als Kurator für zeitgenössische Kunst tätig und hat u.a. für den Verein Archiv e.V. Stuttgart, das Künstlerhaus Stuttgart, das Henry Moore Institute in Leeds und die Biennale in São Paulo gearbeitet. Ab 1995 war Görner Kurator am Kunstmuseum Wolfsburg, 2003 hat er die Leitung der kestnergesellschaft übernommen.</p>
<p><a href="http://www.stadtkind-hannover.de/wp-content/uploads/2011/05/Julia-Zwehl.jpg"><img class="alignleft size-thumbnail wp-image-11920" title="Julia Zwehl" src="http://www.stadtkind-hannover.de/wp-content/uploads/2011/05/Julia-Zwehl-150x150.jpg" alt="" width="150" height="150" /></a><span style="color: #ff0000;">Julia Zwehl (34), Sport- und Eventmanagerin</span><br />
Julia Zwehl ist ehemalige Torhüterin der deutschen Damenhockeynationalmannschaft. 2004 erhielt sie bei den Olympischen Spielen Gold. Zwehl gewann 1998 bei der Weltmeisterschaft der Damen in Utrecht mit der deutschen Mannschaft Bronze sowie Silber und Bronze bei den Europameisterschaften 1999 und 2003. Die 34-Jährige war dreimal Sportlerin des Jahres in Hannover und wurde 2004 mit dem Silbernen Lorbeerblatt ausgezeichnet. Zwehl war bei 93 Länderspielen dabei und stand seit 1997 11-mal auf der Siegertreppe bei nationalen und internationalen Wettkämpfen. Sie ist für die Firma eichels: Event tätig.</p>
<p><a href="http://www.stadtkind-hannover.de/wp-content/uploads/2011/05/Zoe-MacTaggart.jpg"><img class="alignleft size-thumbnail wp-image-11921" title="Zoe MacTaggart" src="http://www.stadtkind-hannover.de/wp-content/uploads/2011/05/Zoe-MacTaggart-150x150.jpg" alt="" width="150" height="150" /></a><span style="color: #ff0000;">Zoë MacTaggart (32), freischaffende Künstlerin</span><br />
Zoë MacTaggart ist freie Künstlerin und Burlesque-Tänzerin. Die vielfältigen Ausdrucks- und Erscheinungsformen des Menschen und die eigene subjektive Erlebniswelt stehen im Mittelpunkt von MacTaggarts Schaffen. Mit „Dr. Sketchy&#8217;s Anti-Art School“, einer unkonventionellen Zeichenschule mit glamourösen Burlesque-Modellen, hat sich die 32-Jährige in der hannoverschen Kulturlandschaft etabliert. Themen und Motive des burlesken Showtheaters spiegeln sich häufig in den Zeichnungen und Gemälden der Künstlerin wider.</p>
<p><span style="color: #ff0000;">Mousse T. (44), DJ und Produzent</span><br />
Mustafa Gündogdu alias Mousse T. wurde als Sohn eines Arztes in Hagen geboren und entdeckte schon zu Schulzeiten sein Talent am Keyboard. 1990 zog er nach Hannover und arbeitete u.a. als DJ im Casa. 1993 gründete er mit seinem Partner Errol Rennalls das Label „Peppermint Jam Records“. Die Single „Horny“ katapultierte Mousse T. 1998 weltweit in die Charts. Im vergangenen Jahrzehnt hat sich der 44-Jährige als DJ und Produzent einen Namen gemacht. Viele Dance-Hits sind seiner Feder entsprungen, dazu zählen „Sexbomb“ (mit Tom Jones), „Is It’ cos I’m Cool“, „Pop Muzak“ und zuletzt „D.I.S.C.O. (All Nite Long)“. Mousse T. ist Grammy-Nominee und Preisträger des Ivor-Novello-Songwriter-Awards. Aktuell veredelt er „Turn Around“ von Phats &amp; Small.</p>
<p><a href="http://www.stadtkind-hannover.de/wp-content/uploads/2011/05/Christian-Friedrich-Sölter.jpg"><img class="alignleft size-thumbnail wp-image-11927" title="Christian Friedrich Sölter" src="http://www.stadtkind-hannover.de/wp-content/uploads/2011/05/Christian-Friedrich-Sölter-150x150.jpg" alt="" width="150" height="150" /></a><span style="color: #ff0000;">Christian Friedrich Sölter (42), Sänger, Autor und Sprecher</span><br />
Christian Sölter hat seit Ende der 80er Jahre vielen Bands und Projekten seine Stimme verliehen und stand u.a. als Sänger der Skagruppe Hammerhai auf der Bühne. Außerdem ist er Autor von überaus unterhaltsamer Kurzprosa. Sein Markenzeichen ist das virtuose Spiel mit elaborierten Sprachcodes bei gleichzeitiger  Schnoddrigkeit. Seine amüsanten und satirischen Geschichten („Der Sündenpfuhl am Frühstückstisch“ etc.) verweisen auf den Wahnsinn der postmodernen Unterhaltungsgesellschaft. Sölters Helden sind lebensecht und stehen oft mit dem Rücken zur Wand. Der 42-Jährige arbeitet als Programmmacher und PR-Chef für das Béi Chéz Heinz. Mehr unter www.myspace.com/cfsoelter.</p>
<p><a href="http://www.stadtkind-hannover.de/wp-content/uploads/2011/05/Matthias-Wieland.jpg"><img class="alignleft size-thumbnail wp-image-11928" title="Matthias Wieland" src="http://www.stadtkind-hannover.de/wp-content/uploads/2011/05/Matthias-Wieland-150x150.jpg" alt="" width="150" height="150" /></a><span style="color: #ff0000;">Matthias Wieland (41), freier Redakteur und Übersetzer</span><br />
Im Anschluss an sein Studium in Hildesheim war der Diplom-Kulturwissenschaftler Matthias Wieland für einen Comic-Verlag in Stuttgart tätig. Zurzeit arbeitet er als freier Redakteur und Übersetzer von Comics wie u.a. „Die Simpsons“, „Peanuts“ und „Calvin &amp; Hobbes“. Der 41-Jährige moderiert seit mehr als zehn Jahren die Talkrunde „Es ist doch nur Musik“ auf h1 und steht gelegentlich als Ein-Mann-Band sowie als Moderator bei der Frankfurter Buchmesse auf der Bühne. Wieland sagt von sich selbst, er sei ein passabler Standardtänzer, habe aber viel zu wenig Ahnung von Autos, Geldanlagen, Formel Eins und Frauen (nicht unbedingt in der Reihenfolge). Mehr Infos unter myspace.com/wielandmusik.</p>
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		<title>ist das gerecht?</title>
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		<pubDate>Thu, 30 Sep 2010 22:00:26 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Manuela Sender</dc:creator>
				<category><![CDATA[titel]]></category>
		<category><![CDATA[2010-10]]></category>

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		<description><![CDATA[Notwendig, wichtig, ausgewogen und höchste Zeit, das sagen die einen zu den Sparplänen der Bundesregierung. Ungerecht, unsozial, beschämend, skrupellos, heuchlerisch und verlogen, das sagen die anderen. Was sagt Hannover?]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><strong>Notwendig, wichtig, ausgewogen und höchste Zeit, das sagen die einen zu den Sparplänen der Bundesregierung. Ungerecht, unsozial, beschämend, skrupellos, heuchlerisch und verlogen, das sagen die anderen.</strong></p>
<p><strong>Was sagt Hannover? 7 Stimmen aus unserer Stadt zum Sparkurs der Bundesregierung</strong></p>
<p>Wenn es ums Sparen geht, dann haben es Regierungen nie leicht. Wer den roten Stift zu spüren bekommen soll, der beklagt sich – und das ist durchaus nachvollziehbar. Verzicht tut eben einfach immer weh. Mit den neuen Sparplänen der Bundesregierung verhält es sich ähnlich – aber doch auch ganz anders. Normalerweise beklagt sich nur derjenige, der direkt betroffen ist, vertreten allenfalls noch durch eine Partei, die sich der Klientel der Betroffenen nahe fühlt. Nach der Veröffentlichung der Sparpläne durch die Bundesregierung war die Reaktion eine völlig andere. Einen regelrechten Aufschrei hat es in Deutschland gegeben, quer durch die Gesellschaft, die Institutionen, Verbände und Parteien. Kritisiert wurden und werden dabei vor allem die Einschnitte im sozialen Bereich, während Spitzenverdiener und Vermögende von den Sparmaßnahmen so gut wie ausgenommen bleiben. Der Paritätische Wohlfahrtsverband spricht gar von einem sozialen Sprengsatz. Selbst in den Reihen der CDU melden sich Stimmen, die von sozialer Unausgewogenheit sprechen, von einer „gewissen Schieflage“ bei der Verteilung der Lasten. Auch sie fordern eine Nachbesserung. Die Bundesregierung will in den nächsten vier Jahren rund 80 Milliarden Euro einsparen, etwa 40 Prozent entfallen dabei allein auf Kürzungen im sozialen Bereich. Gekürzt wird unter anderem bei der Förderung von Arbeitslosen. Auch ihre Rentenbeiträge werden gestrichen. Und für Hartz-IV-Empfänger gibt es kein Elterngeld mehr. Ein paar Beispiele, an denen sich die Diskussion vor allem entzündete.</p>
<p style="text-align: center;"><em>Die Bundesregierung reagiert auf die Kritik zu ihren Sparplänen in bewährter Manier&#8230;</em></p>
<p>Wir fragen: Was passiert da augenblicklich in Deutschland? Erleben wir ein Aufbegehren der Verwöhnten? Einen Aufschrei jener Menschen, die immer nur die Hand aufhalten, weil nun endlich Schluss ist mit der „spätrömischen Dekadenz“? Oder haben wir es schlicht und einfach mit Klientelpolitik in Reinform zu tun? Nimmt die Regierung billigend in Kauf, dass der Graben zwischen Arm und Reich in Deutschland noch weiter aufreißt, nur um die Schicht der Besserverdienenden zu schonen, obwohl bereits zahlreiche Angehörige dieser Schicht betont haben, dass sie gar nicht geschont werden wollen? Hat diese Regierung das Wohl aller Menschen im Auge, oder geht es ihr vornehmlich um das Wohl der Unternehmen, Banken und Spitzenverdiener? Auf welchem Weg ist Deutschland?</p>
<p style="text-align: left;">&nbsp;</p>
<p><em><strong><span style="color: #008000;">„Es sind ernste Zeiten.“ Angela Merkel</span><br />
</strong></em></p>
<p style="text-align: left;">&nbsp;</p>
<p><strong><a href="http://www.stadtkind-hannover.de/wp-content/uploads/2010/11/34-44_SK_Oktober_10.jpg"><img class="alignleft size-medium wp-image-9224" title="Stephan Weil" src="http://www.stadtkind-hannover.de/wp-content/uploads/2010/11/34-44_SK_Oktober_10-300x234.jpg" alt="" width="300" height="234" /></a>Stephan Weil, Oberbürgermeister der Landeshauptstadt Hannover</strong></p>
<p><span style="color: #ff0000;">Die soziale Schlagseite des Sparkurses ruft selbst Wohlhabende auf den Plan.</span><br />
Das Sparpaket der Bundesregierung zeichnet sich durch Dreierlei aus: Es ist kein in sich schlüssiges Konzept erkennbar. Es zeichnet sich vielmehr durch eine soziale Schieflage aus: Schwarz-Gelb greift den Schwachen in die Kasse, nicht den Verursachern und Profiteuren der Finanzkrise. Und damit drohen den ohnehin klammen Städten und Gemeinden zusätzliche Lasten bei den Sozialausgaben.</p>
<p>Einschnitte bei den Rentenbeiträgen für Langzeitarbeitslose, Abstriche beim Elterngeld für Empfänger von Arbeitslosengeld II, ebenso bei den Fördermitteln für Arbeitslose, Wegfall der Heizkostenzuschüsse für Wohngeldempfänger – das ist eine Politik, die den Zusammenhalt unserer Gesellschaft weiter belastet. Wenn Hartz-IV-Empfänger künftig keine Anwartschaften auf eine Rente erwerben können, landen sie automatisch in der Grundsicherung. Und die zahlen die Kommunen.</p>
<p>Den reichen Teil unserer Gesellschaft lässt die Regierung Merkel-Westerwelle in Ruhe. Doch das Interessante und Neue ist: Selbst jene, die die Koalition begünstigen will, sehen inzwischen den sozialen Sprengstoff und fordern von der Regierung einen Kurswechsel. Das hat es noch nie gegeben: Der CDU-Wirtschaftsrat schlägt der Kanzlerin und damit auch der eigenen Parteichefin vor, den Spitzensteuersatz anzuheben. Auch hier in Hannover haben sich bereits namhafte Unternehmer wie Dirk Rossmann, Martin Kind und Carsten Maschmeyer für einen Sonderbeitrag der Besserbetuchten stark gemacht. Solche richtigen und begrüßenswerten Überlegungen sind durchaus plausibel. Denn die Wohlhabenden in unserer Gesellschaft haben ihr Vermögen in den vergangenen Jahrzehnten kräftig erhöht, die Mehrheit der Bevölkerung jedoch nicht, wenn man die Inflation einrechnet. Nach jüngsten Untersuchungen gehören zehn Prozent der Bevölkerung 60 Prozent des gesamten Vermögens in Deutschland. Dazu hat auch eine Steuerpolitik permanenter Steuerentlastungen beigetragen, die sich auf mehr als fünfzig Milliarden Euro summieren und die eben nicht Normalverdienern zugute gekommen sind. Wenn heute in der tiefsten staatlichen Finanzklemme nach Auswegen gesucht wird, dann müssen gerade diejenigen, die viel haben, auch stärker in die Verantwortung genommen werden. Viele der Betroffenen scheinen dies besser zu verstehen, als unsere derzeitige Regierungskoalition. An zusätzlichen Finanzmitteln für den Staat führt überhaupt kein Weg vorbei. Wir werden in Zukunft mehr denn je auf einen handlungsfähigen Staat angewiesen sein, der vor allem wesentlich aktiver in Sachen Bildung werden muss. Das kann nicht von den sozial Schwachen finanziert werden.<span style="color: #008000;"><em><strong> </strong></em></span></p>
<p style="text-align: left;">&nbsp;</p>
<p><span style="color: #008000;"><em><strong>„Solide Finanzen sind die beste Krisenprävention.“ Angela Merkel</strong></em></span><span style="color: #ff0000;"> </span><strong> </strong></p>
<p style="text-align: left;">&nbsp;</p>
<p><strong><a href="http://www.stadtkind-hannover.de/wp-content/uploads/2010/11/34-44_SK_Oktobemuham.jpg"><img class="alignleft size-medium wp-image-9223" title="Muammer Duran" src="http://www.stadtkind-hannover.de/wp-content/uploads/2010/11/34-44_SK_Oktobemuham-300x242.jpg" alt="" width="300" height="242" /></a>Muammer Duran,<br />
Rechtsanwalt</strong><span style="color: #ff0000;"> </span></p>
<p><span style="color: #ff0000;">Aus Verantwortung gegenüber der nächsten Generation.</span><br />
Einsparungen von rund 80 Milliarden Euro in vier Jahren, Kürzungen im Sozialbereich, höhere Beiträge für gesetzliche Krankenversicherungen – das soll gut und richtig sein?</p>
<p>Verständlicherweise stoßen Belastungen, die die Bundesregierung in den letzten Wochen getroffen bzw. angekündigt hat, zunächst bei vielen auf Ablehnung und Widerstand.</p>
<p>Allerdings sollten alle Bürgerinnen und Bürger unseres Landes zunächst die Rahmenbedingungen betrachten, die die schwarz-gelbe Bundesregierung zu diesen Schritten veranlasst hat, bevor sie ein abschließendes Urteil fällen.</p>
<p>Vor rund zwei Jahren stürzte die weltweite Finanz- und Wirtschaftskrise deutsche und ausländische Unternehmen und Banken in eine sehr schwierige Situation. Aufgrund des entschlossenen Handelns unserer Bundesregierung konnte eine schnelle konjunkturelle Erholung eingeleitet werden. Die Konjunkturpakete waren, obwohl sie den deutschen Staatshaushalt stark belastet haben und auch gegenwärtig noch belasten, richtig und notwendig. So wurden viele Arbeitsplätze, auch die von Migrantinnen und Migranten, gerettet. Das war wichtig und richtig.</p>
<p>Es gilt, diese Schulden möglichst schnell abzubauen. Unsere Kinder und Kindeskinder sollen die Möglichkeit erhalten, aus ihrer jeweiligen geprägten Sicht heraus die Perspektive zu wechseln, um ihren Geist frei zu entfalten, um freier in die Zukunft zu marschieren, um Innovationen hervorzubringen und all die positiven Entwicklungen mitzunehmen. Die Ausgaben des Staates dürfen nicht im Wesentlichen mit der Tilgung von Zinsen verloren gehen. Deshalb gilt es auf der einen Seite, die positive Konjunkturentwicklung weiter zu stützen und auf der anderen Seite, Geld einzusparen. Je weniger Schulden, umso mehr kann der Staat künftig in Bereiche investieren, die zukunftsfähig sind, wie zum Beispiel Bildung.</p>
<p>Ich bin überzeugt, dass die geplanten Einsparungen richtig sind. Natürlich kann es im Einzelfall zu schwierigen finanziellen Situationen kommen, allerdings widerspreche ich dem Vorwurf sozialer Unausgewogenheit.</p>
<p>Eine geplante Bankensteuer, eine Abgabe für aus Deutschland startende Flüge, moderate Kürzungen beim Elterngeld, Einsparungen bei Hartz-IV-Leistungen, Stelleneinsparungen im öffentlichen Dienst, Verzicht der Bundesbeamten auf die Erhöhung des Weihnachtsgeldes oder eine mögliche Reduzierung der Streitkräfte zeigen, dass es harte und unangenehme Kürzungen gibt; sie zeigen aber auch, dass diese Einsparungen alle gesellschaftlichen Schichten gleichermaßen berühren. Vorwürfe, den Mittelstand und die Oberschicht zu wenig zu belasten, halte ich deshalb für falsch. Einsparungen auf der einen Seite sowie eine wirtschaftliche und konjunkturelle Erholung auf der anderen Seite sind unabdingbar. Der Mittelstand ist der Motor unserer Wirtschaft, deshalb sollte dieser, im Interesse aller, unterstützt statt zu stark belastet werden. Die Zahl der Selbstständigen unter den Migrantinnen und Migranten nimmt immer weiter zu. Sie schaffen schon jetzt Arbeitsplätze. Dies wird in mit der nachwachsenden Generation sogar zunehmen.</p>
<p>Ich gebe abschließend zu bedenken, dass sich vermutlich alle Bürgerinnen und Bürger in dem Ziel einer Reduzierung der Staatsverschuldung zum Wohle der nachfolgenden Generationen einig sind. Allerdings ist noch viel politische Überzeugungsarbeit nötig, damit der einzelne Bürger erkennt, dass auch er einen zumutbaren Anteil zu tragen hat.</p>
<p>Fazit: Ich unterstütze die Sparpläne der Bundesregierung, weil es an der Zeit ist, nicht mehr über seine Verhältnisse zu leben, weil die Sparpläne sozial ausgewogen sind und weil wir nur durch solidarisches Handeln aller eine gesicherte Zukunft schaffen können.</p>
<p style="text-align: left;">&nbsp;</p>
<p><span style="color: #008000;"><em><strong>„Das Sparpaket ist ein einmaliger Kraftakt.“ Angela Merkel</strong></em></span></p>
<p style="text-align: left;">&nbsp;</p>
<p><strong><a href="http://www.stadtkind-hannover.de/wp-content/uploads/2010/11/dirk.jpg"><img class="alignleft size-medium wp-image-9225" title="Dirk Sabrowski" src="http://www.stadtkind-hannover.de/wp-content/uploads/2010/11/dirk-300x237.jpg" alt="" width="300" height="237" /></a>Dirk Sabrowski, Gastronom</strong></p>
<p><span style="color: #ff0000;">Über Lose-Lose-Situationen, unterbezahlte Zimmermädchen, genervte Bildungsbürger und den „German-Traum“.</span><br />
Von gewählten Volksvertretern erwartet man ein verantwortungsbewusstes Handeln, um die vielfältigen, tiefgreifenden Probleme dieses Landes zu lösen. Aber das grundsätzliche soziologische Problem der politischen Führungselite ist der Mangel an Selbstbeobachtung und die zunehmende Entfremdung von den Bedürfnissen seiner Bürger.</p>
<p>Traditionell misstraut der Staat seinem Volk und schützt sich weitestgehend vor Überraschungen – es gibt kaum Volksbegehren, keine Direktwahl bei hohen Ämtern und kein imperatives Mandat.</p>
<p>Dadurch wachsen die Unzufriedenheit und das Unverständnis über politische Entscheidungen. Von den Klientelgeschenken an Hoteliers, ungelösten Problemen bei Gesundheits- und Rentenpolitik, die harmlose Regulierung der Finanzmärkte, die von Interessenverbänden diktierte Energiepolitik bis zu den letztendlich instinktlosen und einseitigen Sparbeschlüssen.</p>
<p>Die Parteidemokratie erweist sich als zunehmend unfähig, moderne Antworten auf die Fragen der Bürger zu geben. Das politische Spektrum löst sich auf, Parteien verharren in alten Rechts-Links-Schemen und gehen reflexartig in Gegenpositionen zum jeweiligen Entscheidungsträger. Das strukturelle Grundproblem sind die Parteien selbst. Sie produzieren durch interne Machtkämpfe selbstherrliche, abgeschliffene Machtmenschen ohne Rückgrat und Idealismus. Die politische Klasse agiert losgelöst von ihrem Volk, ständig beeinflusst durch eine unüberschaubare Zahl von Interessenvertretern und Lobbyisten.</p>
<p>In diesem Land lebt es sich gut, wenn der berufliche Erfolg und das Einkommen eine Teilnahme am öffentlichen Leben ermöglicht. Das ist quasi eine Glücksformel für unsere Gesellschaft: Beruflicher Erfolg und hohes Einkommen gepaart mit Freizeit, Umweltbewusstsein, sozialem Engagement und enormer Lebensqualität. Aber dem unteren Drittel der Bevölkerung nützt es nichts, zur privilegierten Milliarde der Weltbevölkerung zu gehören, wenn man in seinem direkten Umfeld die A-Karte gezogen hat. In diesem Zusammenhang wäre ein Mindestlohn, also ein akzeptabler Gegenwert für Arbeit, Teil einer Problemlösung. Nicht im Sinne einer staatlich verordneten Lohnpolitik, sondern eines gesellschaftlichen Konsens über eine soziale Bewertung von Arbeit.</p>
<p>Zurzeit haben wir eine klassische Lose-Lose-Situation. Der Staat unterstützt den Vollbeschäftigten mit Transferleistungen, der Arbeitnehmer selbst ist frustriert und abhängig und hat kaum Spielraum, am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen. Wenn das Zimmermädchen zukünftig 10 Euro netto verdient, werden die dafür anfallenden Kosten nach oben durchgereicht, erscheinen als Abzug beim Profit des Betreibers und als Zuschlag beim Hotelkunden. Beides scheint volkswirtschaftlich vertretbar zu sein, wenn im Gegenzug der Arbeitnehmer mit einen Nettogehalt von 1.800 bis 2.000 Euro ein würdevolles Leben führen kann. Zudem sind höhere Einkommen im unteren Segment ein großer Anreiz aus der Harz-IV-Abhängigkeit zu entkommen, und volkswirtschaftlich sinnvoll, weil dieses Geld direkt wieder zurückfließt. Wer wenig verdient, legt kaum etwas davon auf Schweizer Konten an, sondern investiert fast alles in seinen täglichen Konsum, also ein perfektes Konjunkturprogramm für die Binnenwirtschaft.</p>
<p>Wenn Wohlhabende Steuererhöhungen für sich fordern und Unternehmer für höhere Grundlöhne eintreten, hat der Staat die Entwicklung verschlafen. Die Bevölkerung in Deutschland ist viel weiter als seine Politiker. Die Bürger sind nicht politikverdrossen, sie sind sogar in hohem Maße an den Veränderungen in ihrem Land interessiert, sie sind aber genervt von den Parteien und suchen zunehmend andere, direkte Wege der Beteiligung. Frei von einem Utopieverbot wünscht man sich eine neue Partei, losgelöst von veralteten Machtkämpfen und Strukturen, selbstlos angetreten, um dieses Land in eine moderne Zukunft zu führen.</p>
<p>Trotz aller Verzweiflung liegt auch im Desaströsen ein Hoffnungsschimmer. In einem Land, in dem Herr Wulff Bundespräsident und Herr Westerwelle Außenminister werden können, scheint vieles möglich zu sein. Das ist fast wie ein „German-Traum“, hier kann jeder alles werden!</p>
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<p><span style="color: #008000;"><em><strong>„Wir können uns nicht all das, was wir uns wünschen, leisten, wenn wir die Zukunft gestalten wollen.“ Angela Merkel</strong></em></span></p>
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<p><strong><a href="http://www.stadtkind-hannover.de/wp-content/uploads/2010/11/harald.jpg"><img class="alignleft size-medium wp-image-9226" title="Harald Memenga" src="http://www.stadtkind-hannover.de/wp-content/uploads/2010/11/harald-300x284.jpg" alt="" width="300" height="284" /></a>Harald Memenga, ver.di</strong></p>
<p><span style="color: #ff0000;">Das nennt ihr gerecht?</span><br />
„Wir haben über unsere Verhältnisse gelebt!“ Das verkündet Kanzlerin Merkel derzeit landauf, landab. Wen meint sie? Die Verkäuferin, den Wachmann, die Bäckerin? Immer mehr haben einen Job, der nicht zum Leben reicht. Oder meint sie Arbeitslose, die mit 359 Euro im Monat klarkommen müssen? Wir haben nicht über unsere Verhältnisse gelebt, im Gegenteil. In den letzten zehn Jahren haben wir eine Sozialkürzung nach der anderen erlebt. Anhaltende Massen- arbeitslosigkeit, immer mehr Unsicherheit, befristete Jobs, Leiharbeit, Lohndumping. Die Kaufkraft von Beschäftigten und Erwerbslosen, Rentnerinnen und Rentnern sank.</p>
<p>Umverteilung von unten nach oben&#8230; Massiv über unsere Verhältnisse gelebt haben Manager, Großunternehmer, Spekulanten und andere Reiche. Und die Politik hat mit immer neuen Steuergeschenken kräftig dazu beigetragen. Mit diesem Geld wurden die Finanzmärkte immer weiter aufgeblasen. Banken und Finanzfonds haben das hemmungslos vorangetrieben und prächtig dabei verdient.</p>
<p>All das ist verantwortlich für die schwache Nachfrage, die schwere Krise und die hohe Arbeitslosigkeit. Das Platzen der Spekulationsblase hat die Finanzmärkte und die ganze Wirtschaft fast in den Abgrund gerissen, das Geld vernichtet.</p>
<p>Wer zahlt die Zeche? Die Regierungen mussten weltweit Hunderte von Milliarden für Bankenrettung und Konjunkturpakete aufbringen. So konnte das Schlimmste verhindert werden. Der Absturz wurde gebremst. Auch der Anstieg der Arbeitslosigkeit. Wegbrechende Steuereinnahmen und hohe Ausgaben für Rettungs- und Konjunkturpakete haben die Neuverschuldung der öffentlichen Hand in die Höhe getrieben. Zur Bekämpfung der Krise war die hohe Neuverschuldung unvermeidlich. Jetzt wird sie zur Bedrohung.</p>
<p>Die Krisenkosten werden auf die Opfer der Krise überwälzt, Verursacher und Profiteure werden geschont. Was macht die Bundesregierung? Reiche, Unternehmer und Spekulanten werden geschont. Statt endlich die Verursacher und Profiteure der Krise zur Kasse zu bitten, sollen die Schulden vor allem mit Ausgabenkürzungen begrenzt werden. Weniger Eltern- und Wohngeld, kein Zuschlag mehr beim Übergang von ALG I in ALG II, keine Rentenbeiträge mehr für ALG II-Bezieher usw. Vermögende, reiche Erben und Bezieher hoher Einkommen dagegen zahlen keinen Cent, Banken nur Peanuts. Das ist ungerecht! Das ist Sozialabbau und Umverteilung von unten nach oben: Und es ist nicht nur ungerecht, sondern wirtschaftpolitisch falsch. „Es gibt keine Alternative“, so die Bundesregierung. Doch die Politik der Sozialkürzungen und der Umverteilung von unten nach oben ist weder alternativlos noch gerecht. Sie schadet Konjunktur und Arbeitsplätzen. Sie setzt weiterhin auf die einseitige Exportorientierung und Schwächung des Binnenmarktes, die wesentliche Ursache der Krise.</p>
<p>Zur Überwindung der Krise brauchen wir eine andere Politik, einen Richtungswechsel. Für eine Stärkung der Binnennachfrage.</p>
<p>Gerecht geht anders! Lohnsteigerungen, Erhöhung und Ausbau gekürzter Sozialeistungen und einen leistungsfähigen Staat – mehr öffentliche Investitionen und Beschäftigung – im ökologischen Umbau, in Kinderbetreuung und Bildung, Gesundheit, sozialen Diensten und Kultur. Und finanzierbar ist das Ganze auch. Über die wirtschaftlichen Effekte z.B. durch Abbau der Arbeitslosigkeit.</p>
<p>Und indem Reiche und Superreiche sowie Unternehmen in der Steueroase Deutschland wieder entsprechend ihrer Leistungsfähigkeit herangezogen werden. Das wäre gerecht und die beste Gewähr gegen die nächste Krise!</p>
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<p><strong><a href="http://www.stadtkind-hannover.de/wp-content/uploads/2010/11/34-44_SK_Oktober_10_net.jpg"><img class="alignleft size-medium wp-image-9268" title="Klaus Öllerer" src="http://www.stadtkind-hannover.de/wp-content/uploads/2010/11/34-44_SK_Oktober_10_net-300x267.jpg" alt="" width="300" height="267" /></a>Klaus Öllerer, Publizist</strong></p>
<p><span style="color: #ff0000;">Kaputtverschuldet!</span><br />
Die Staatsverschuldung Deutschlands hat längst jede Spaßgrenze überschritten. Sie beträgt 40.000 Euro pro Erwerbstätigen. Schulden machen kostet Geld. Wären das private Schulden, so müsste jeder Erwerbstätige unmittelbar von seinem monatlichen Einkommen 200 Euro nur für Zinsen ohne jegliche Tilgung abführen. Nun sind dieses nicht private, sondern öffentliche Schulden. Daher müssen die öffentlichen Haushalte 80-90 Milliarden Euro jährlich nur für Zinsen aufwenden. Um das zu bezahlen, werden neue Schulden aufgenommen. Das geht schon seit Jahrzehnten so.</p>
<p>Egal, ob es echte Gründe für Schulden (Wiedervereinigung, Finanzkrise) gab oder nicht: Fast jedes Jahr stiegen die Schulden weiter.<br />
Das lässt nur eine Erklärung zu: Neue Schulden machen irgendwie Spaß – zumindest mehr, als Schulden abzubauen. Und zwar nicht nur bei der Regierung, sondern gerade auch im Volk.</p>
<p>Erinnern wir uns. Sobald ein Finanzminister – gleich welcher Partei – anfing ernsthaft zu sparen, lief er schnell gegen die Wand. Kampagnen gegen das „Kaputtsparen“ kamen schnell in Gang, und den Regierenden drohten die Wähler davon zu laufen. Also wurde es jedes Mal wieder nichts mit dem Schuldenabbau. Inzwischen sind wir Hunderte von Milliarden neuer Schulden weiter. Griechenland. Da war doch was? Dieses Land hatte sich so dermaßen skrupellos kaputtverschuldet, dass es drohte, den ganzen Euroraum mit in den Abgrund zu ziehen. Um das zu verhindern, wurde praktisch die Souveränität dieses Schuldenlandes durch die EU und die Märkte massiv eingeschränkt.</p>
<p>Wollen wir das auch für unser Land? Es wird vielleicht so oder ähnlich kommen, wenn wir die Verschuldung nicht endlich als ein ernsthaftes Problem begreifen, das alle und jeden angeht. Denn es sind nicht nur die Schulden der Reichen wie es nicht nur die Schulden der Armen sind. Profitiert von der Verschuldung haben (vorübergehend) alle – auch aus Bequemlichkeit. Nachhaltig war das nicht.</p>
<p>Wären die öffentlichen Haushalte frühzeitig schuldenfrei geblieben, so hätten wir aus meiner Sicht heute einen solideren und höheren Wohlstand und mehr Chancen für die Zukunft.</p>
<p>Wir hatten in den letzten Jahrzehnten ein Riesenwachstum an Gebrauchswerten für jeden. Autos, Reisen, Haushaltsgeräte, Medien, Internet usw. haben sich für beinahe jedermann in einem Ausmaß entwickelt, das an paradiesische Zustände erinnert. Jedenfalls, wenn man sie aus der Sicht früherer Zeiten betrachtet. Nur redet öffentlich niemand darüber. Jeder, der etwas aus sich machen will, hat heute Zugang zu Bildung, Ratgebern und Unterstützungsmaßnahmen wie nie zuvor. Das sollte so bleiben und kann noch optimiert werden.</p>
<p>Hüten sollten wir uns allerdings vor scheinbar einleuchtenden Parolen, fehlendes Geld einfach von den Reichen zu holen anstatt zu sparen. Das könnte Wirtschaftswachstum und damit Arbeitsplätze kosten. Stattdessen sollte die Einsicht wachsen, dass es in nächster Zeit keine weitere allgemeine Wohlstandssteigerung geben kann, sondern eher das Gegenteil.</p>
<p>Fangen wir endlich mit dem Schuldenabbau an, denn fast jeder Anfang ist besser als gar keiner. Es tut weh. Ein Schritt zurück im Wohlstand wird wohl unvermeidbar sein. Wir hätten es ja auch rechtzeitig kommen sehen können.<span style="color: #008000;"><em><strong> </strong></em></span></p>
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<p><span style="color: #008000;"><em><strong>„Aber ich bin optimistisch, dass wir das schaffen können, wenn wir das jetzt auch so umsetzen.“ Angela Merkel</strong></em></span><strong> </strong></p>
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<p><strong><a href="http://www.stadtkind-hannover.de/wp-content/uploads/2010/11/wolfgang.jpg"><img class="alignleft size-medium wp-image-9230" title="Dr. Wolfgang Niess" src="http://www.stadtkind-hannover.de/wp-content/uploads/2010/11/wolfgang-264x300.jpg" alt="" width="264" height="300" /></a>Dr. Wolfgang Niess,<br />
Bildungsverein Hannover</strong></p>
<p><span style="color: #ff0000;">Als gerecht wird allgemein empfunden, wenn alle nach gleichen Maßstäben beurteilt werden. </span><br />
Also zum Beispiel, wenn Finanzmittel um 2% gekürzt werden. Wer 500 Euro hat, bekommt dann nur noch 490 Euro, und wer 5.000 Euro hat, kriegt nur noch 4.900 Euro. Ganz einfach – oder doch nicht? Wieso soll einer nur 10 Euro beisteuern und der andere 100? Wie kann man jemandem, der nur 500 hat, überhaupt noch etwas wegnehmen? Was juckt jemanden, der 5.000 Euro zur Verfügung hat, ob es 100 Euro weniger sind?</p>
<p>Wir sehen, da geht‘s schon los, da sind wir mittendrin. Und wer gewinnt bei dieser Schlacht? In der Regel die, die sich die beste Lobby leisten können.</p>
<p>Die Politik, so mein Eindruck, beugt sich: Sie wird ihrem Anspruch, das Gemeinwesen politisch und gerecht zu gestalten, immer weniger – da ist das Wort schon wieder – gerecht. Das Stadtkind hat mich als Vertreter des Weiterbildungsbereichs zu den Sparprogrammen gefragt. Die Kürzungen der Bundespolitik treffen uns zwar nicht direkt, denn Bildung ist Ländersache, und auch die Kommunen spielen eine wichtige Rolle. Aber sie treffen uns indirekt, indem sie den Handlungsspielraum derjenigen einschränken, die uns am meisten am Herzen liegen: finanziell, sozial, bildungsmäßig Benachteiligte.</p>
<p>Wir, und da spreche ich sicherlich für alle anerkannten Einrichtungen der Erwachsenenbildung, verfolgen das Ziel, die Menschen beim lebenslangen Lernen zu unterstützen – in Neudeutsch lifelong learning (LLL), eine Forderung, die seit langem auf allen Politikebenen erhoben wird.</p>
<p>Ein ganz wichtiger Bereich sind die sozialen, kulturellen und kommunikativen Kompetenzen. Das wird in Schule und Studium kaum vermittelt. Viele Berufs-einsteiger werden vor Aufgaben gestellt, die in ihrer Ausbildung nicht vorkamen: Sie müssen etwas vor Kunden präsentieren, sie müssen Small Talk mit wildfremden Menschen machen, sie müssen interkulturelle Konflikte schlichten, sie müssen mit den Folgen der eigenen Überforderung umgehen. Es gibt endlos viele Beispiele von hilfreichen Angeboten der Weiterbildungseinrichtungen: Rhetorik, Stimmtraining, Konfliktberatung, Stressbewältigung etc.</p>
<p>Darüber hinaus sollen durch Bildungsangebote die Voraussetzungen zur Integration, zur politischen Partizipation, zum sozialen Engagement und zur kulturellen Teilhabe geschaffen werden. Einen besonders breiten Raum nimmt die Erlangung sprachlicher Kompetenz in einem vereinten Europa mit zunehmender weltweiter Verflechtung ein, aber wir helfen auch bei der Bewältigung neuer Aufgaben des Lebensalltags.</p>
<p>Dies sind jetzt nur Beispiele, die berufsbegleitend, also in Form von Abendkursen, Wochenendseminaren oder Bildungsurlauben laufen. Es gibt aber auch spezielle Angebote als Vollzeitlehrgänge für Arbeitslose, die über drei- bis sechsmonatige Maßnahmen durch Zusatzqualifizierung wieder bessere Chancen auf dem Arbeitsmarkt erhalten. Diese sind direkt von den geplanten Kürzungen bei der Bundesagentur für Arbeit betroffen.</p>
<p>Kommen wir zu unserer Landeshauptstadt. Sie hat viele Beschlüsse auf Bundes- und Landesebene auszubaden. Das ist ungerecht! Denn sie kann sich mangels gesetzgeberischer Kompetenzen schlecht wehren. Dennoch hat sie vor einem Jahr ein beispielhaftes Projekt realisiert: den Hannover-Aktiv-Pass. Mit ihm erhalten Hartz-IV-Empfänger/innen eine besondere Ermäßigung oder gar freien Zugang zu Bildungs-, Kultur- und Sportangeboten. Die Träger dieser Einrichtungen bekommen die Differenz zur üblicherweise gewährten Ermäßigung erstattet. Leider ist das Projekt unterfinanziert und müsste im nächsten Jahr mit deutlich mehr Finanzmitteln ausgestattet werden, um die Gerechtigkeitslücke beim Zugang zu diesen Angeboten zu schließen. Hoffen wir das Beste in diesen ungerechten Zeiten!</p>
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<p><span style="color: #008000;"><em><strong>„Auch wenn die Entscheidungen schwierig waren: Sie sind notwendig für die Zukunft unseres Landes.“ Angela Merkel<br />
</strong></em></span></p>
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<p><strong><a href="http://www.stadtkind-hannover.de/wp-content/uploads/2010/11/müller.jpg"><img class="alignleft size-medium wp-image-9227" title="Thomas Müller" src="http://www.stadtkind-hannover.de/wp-content/uploads/2010/11/müller-294x300.jpg" alt="" width="294" height="300" /></a>Thomas Müller, designierter Geschäftsführer der AWO Bezirksverband Hannover e.V.</strong></p>
<p><span style="color: #ff0000;">AWO: Arm-Reich-Spaltung in Deutschland droht!</span><br />
Als Arbeiterwohlfahrt sind wir zutiefst erschüttert über das sogenannte Sparpaket der Bundesregierung. Wir befürchten eine Verschärfung der Arm-Reich-Spaltung in unserem Land und damit große Herausforderungen für unsere Gesellschaft und für die Arbeit der Wohlfahrtsverbände. Wohl selten ist von einer Bundesregierung in so kurzer Zeit ein so großer Schuldenberg angehäuft worden. Wie nicht anders zu erwarten war, gerät wieder einmal die Sozialpolitik ins Blickfeld, wenn es darum geht, die durch Bankenkrise und Konjunkturprogramme aufgelaufenen Schulden zu finanzieren.</p>
<p>Die Einnahmeausfälle durch die fehlgeleitete Wirtschafts- und Steuerpolitik der Bundesregierung zugunsten privilegierter Bürger und Unternehmen verschärft außerdem die Finanznot der Kommunen. Unter diesem Druck werden nun bereits in vielen Kommunen Gebühren für Kindertagesstätten erhöht, Zuschüsse im Jugendbereich gekürzt, wichtige Beratungsstellen und Kultureinrichtungen geschlossen oder Stellen für die Qualifizierung von Arbeitslosen abgeschafft.</p>
<p>Das ist nicht gerecht! Deswegen hat die AWO bundesweit die Kampagne „Jetzt geht&#8217;s ans letzte Hemd – Gegen Sozialabbau! Für Zusammenhalt!“ gestartet. Unsere Kampagne gibt den Menschen eine Stimme, die von den Kürzungen betroffen sind, und wird von vielen unterstützt, die ausdrücklich sagen: Diese ungerechten Kürzungsbeschlüsse dürfen so nicht umgesetzt werden! Wenn ausgerechnet Hartz-IV-Empfänger kein Elterngeld mehr bekommen, steigert das die Armut der ohnehin benachteiligten Kinder. Wenn rigoros an der Förderung von Arbeitslosen gespart wird, verringert das die Chancen auf Qualifizierung für den Arbeitsmarkt und fördert den Minilohnsektor, wo jetzt schon Millionen Bürgerinnen und Bürger von ihrer harten Arbeit nicht leben können. Wenn Hartz-IV-Empfänger in Zukunft nicht mehr rentenversichert werden, verstärkt das die Gefahr der Altersarmut. Das können und wollen wir nicht hinnehmen.</p>
<p>Reiche Erben, Vermögende und Großverdiener werden durch das Kürzungspaket gar nicht an der Sanierung der Staatsfinanzen beteiligt. Weder eine Reform der Erbschaftssteuer, noch eine Erhöhung des Spitzensteuersatzes oder die Einführung einer Vermögenssteuer sind Optionen für die Bundesregierung. Auch der unsägliche verminderte Mehrwertsteuersatz für Hoteliers ist nicht zurückgenommen worden. Die Beteiligung von Banken und Unternehmen an der Bewältigung der Krise und Verbesserung der Gesamtsituation am Kürzungspaket besteht aus Absichtserklärungen.</p>
<p>Bei vielen Menschen geht es jetzt sprichwörtlich ums letzte Hemd. Diese Bundesregierung wird ihrem politischen Auftrag, den Haushalt zu sanieren und die wirtschaftliche Entwicklung nachhaltig zu stärken, so nicht gerecht.</p>
<p>Wir fordern seit langem zukunftsträchtige Konzepte gegen Kinderarmut, Altersarmut und Arbeitslosigkeit und eine nachhaltige Sicherung der dringend notwendigen Ausgaben für Bildung, Integration oder Gesundheit. Mit der Kampagne „Jetzt geht&#8217;s ans letzte Hemd“ protestiert die AWO gegen das Sparpaket und fordert die Bundesregierung auf, die Verursacher der Krise endlich in die Pflicht zu nehmen und sie finanziell zur Verantwortung zu ziehen, anstatt bei Normal- und Geringverdienern, bei Familien und Erwerbslosen abzukassieren. Infos: www.awo-dasletztehemd.org, Facebook: www.facebook.com/pages/Das-letzte-Hemd/147298278620021</p>
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		<title>ach&#8230; der sommer könnte so schön sein! &#8211; randgruppen-spezial</title>
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		<pubDate>Sun, 01 Aug 2010 10:51:47 +0000</pubDate>
		<dc:creator>wolke</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Wer tut sich das noch an? Stundenlang auf der Autobahn bei sengender Hitze im Stau stehen, in der Bahn umkippen, sich am Flughafen verirren und den Flieger verpassen? Macht doch kein vernünftiger Mensch mehr. Verreisen? Was für ein Blödsinn. Zu Hause ist es doch viel schöner. Man geht mal drei Wochen nicht zur Arbeit und verbringt seine Freizeit auf dem Balkon...]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><span style="color: #ff0000;"><strong>Balkonier</strong></span></p>
<p>Wer tut sich das noch an? Stundenlang auf der Autobahn bei sengender Hitze im Stau stehen, in der Bahn umkippen, sich am Flughafen verirren und den Flieger verpassen? Macht doch kein vernünftiger Mensch mehr. Verreisen? Was für ein Blödsinn. Zu Hause ist es doch viel schöner. Man geht mal drei Wochen nicht zur Arbeit und verbringt seine Freizeit auf dem Balkon, ohne Stress und Animateure. Das ist Urlaub. Echter Urlaub. So oder so ähnlich hat man uns die Argumente vorgekaut in den letzten Jahren. Plötzlich war der Urlaub auf dem Balkon in aller Munde und total in. Wer hat das eigentlich in Umlauf gebracht? War das die Regierung? Zuerst unsere Portemonnaies ausräumen, bis es für den Jahresurlaub bei den meisten schlicht nicht mehr reicht, und dann ganz geschickt per unsichtbarer Medienkampagne in die Welt setzen, dass jetzt alle (auch die Reichen) Ferien auf dem Balkon machen, damit die Armen sich nicht mehr ganz so arm fühlen? Damit bloß niemand auf die Idee kommt, sich zu beklagen? Zugegeben, das grenzt an Verschwörungstheorie, aber zuzutrauen wäre es den Damen und Herren in Berlin. Jedenfalls hört man sie jetzt gerade wieder überall, die Argumente für Balkonien. Da steht sie also beim Schlachter, die Frau Müller von gegenüber, und verbreitet sich über ihre Urlaubspläne auf den drei Quadratmetern Außenfläche ihrer Behausung, während sie sich nebenbei ein halbes Schwein an Grillgut einpacken lässt, denn man will es sich ja mal so richtig gut gehen lassen. Und jeder weiß, dass ihr Mann vor ein paar Monaten seinen Job verloren hat. Und jeder weiß, dass sie noch vor einem Jahr an gleicher Stelle gestanden und sich darüber verbreitet hat, wie schön es ist, jedes Jahr nach Italien in den gleichen Urlaubsort zu fahren, weil man alles schon kennt und der Mann von der Pizzeria einen mit Vornamen begrüßt. Die Arme, denkt man, obwohl man selbst dieses Jahr ausnahmsweise ebenfalls auf den Urlaub im Ausland verzichtet. Sie hat keine andere Wahl. Man selbst könnte, aber man will nicht. Aus Vorsicht. Denn wer weiß, was die Krise noch bringt. Na ja, jedenfalls ist das kein schlechtes Argument, wenn jemand fragt. Ehrlich gesagt müsste man den Dispo schon arg überziehen. Frau Müller und Herr Müller machen es sich derweil auf dem Balkon gegenüber gemütlich. Die Deutschlandflagge von der Weltmeisterschaft bleibt ausgerollt. Links und rechts jeweils ein Liegestuhl, in der Mitte ein kleiner Tisch und natürlich der Grill für das halbe Schwein. Der Vermieter macht keine Schwierigkeiten. Morgens um sechs werden die Handtücher auf die Stühle gelegt, damit auch ja niemand die Plätze klaut, und ab neun wird dann Stellung bezogen, mittags und abends wird gegrillt. Sonnenhut und Badeanzug. Auf Sonnencreme verzichten beide, denn schließlich ist man in Deutschland. Alles perfekt, denkt man. Sollen die da drüben ruhig ihren Spaß haben, Hauptsache sie lassen mich in Ruhe lesen. Aber dann passiert, was unausweichlich ist. Auf meiner Straßenseite machen es sich Herr und Frau Meier auf dem Balkon gemütlich, wenig später gefolgt von Frau Kunze, und das Ehepaar Schmidt ist auch mit von der Partie. „Bleiben sie auch zu Hause!“ ruft Frau Müller von Gegenüber. „Natürlich, ist doch auch viel schöner!“ ruft Frau Schmidt zurück. „Herrlich ist das!“ rufen sie beide gemeinsam. „Nicht stundenlang im Stau stehen. Und die armen Leute, die mit der Bahn in den Urlaub fahren. Und wenn man fliegt, meldet sich am Ende irgendwo auf der Welt ein Vulkan und man kommt nicht mehr zurück. Prost!“ So geht es die nächsten Wochen, während ihre Haut in der Sonne verbrennt. Immer hin und her, jeden Tag. Sie sind unfassbar zufrieden. Und ich werde wahnsinnig. Und gerate zunehmend in Versuchung. Bald ist es soweit, dann lege ich mein Buch beiseite, trete an das Geländer meines Balkons und werde in die Welt hinausschreien, was unter normalen Umständen niemals über meine Lippen kommen würde: „Eure Armut kotzt mich an!“</p>
<p><span style="color: #ff0000;"><strong>Bierselige</strong></span></p>
<p>Wer keinen Balkon besitzt, die Gesellschaft anderer Menschen schätzt und Alkohol mag, der kann sich in Hannover über zahlreiche öffentliche Plätze freuen, die nicht nur im Sommer rund um die Uhr gut besucht sind. Auch in der kalten Jahreszeit treffen sich auf diesen Plätzen jene Menschen, die sich beizeiten von der arbeitenden Gesellschaft verabschiedet haben, die ausgestiegen sind, die irgendwann einfach nicht mehr mitmachen wollten. So manchem hat das Schicksal übel mitgespielt, die Geschichten sind traurig, und der Alkohol legt sich wie eine sanfte Decke über die Wunden. Wenn die Temperaturen steigen, bekommen diese unglücklichen Menschen mehr und mehr Gesellschaft. Dann erscheinen die Noch-schnell-ein-Bier-vor-der-Arbeit-Trinker und die Feierabend-und-jetzt-brenne-ich-mir-richtig-einen-Gesellen auf der Bildfläche. So mancher ist auch den ganzen Tag da, hat Urlaub, und teilt diese freudige Nachricht gerne mit der gesamten Nachbarschaft. „Ich hab’ Urlaub – ich schütt’ mich zu und die Sonne scheint mir aus dem Arsch!“ hört man ihn gleich mehrmals schreien. Da freut man sich gerne mit. Wie nett sie alle miteinander feiern, den ganzen Tag und bis spät in die Nacht. Weltprobleme werden gelöst, Hunde mit reichlich Gebrüll erzogen („Jetzt halt endlich die Fresse, du verdammter Scheißköter!“), man wird Zeuge zahlreicher Verbrüderungen und Verschwesterungen, sie liegen sich in den Armen, feiern denjenigen, der die nächste Runde Kümmerling vom Kiosk geholt hat, man erzählt sich Geschichten vom Sieg über irgendwelche Ämter und Behörden, prahlt mit dem Wohngeld und lässt es sich einfach gut gehen. Sicher, manchmal gibt es auch Streit. Wenn jemand unachtsam das Bier eines anderen von der Bank stößt, oder zu späterer Stunde den Arm um die Herzdame eines anderen legt, oder zu noch spätere Stunde das Bein eines anderen mit einem Baum verwechselt. Aber es gibt ja eigentlich nichts, was man nicht mit einer weiteren Runde Kümmerling aus der Welt schaffen könnte. Dann klopft man sich gegenseitig auf die Schultern, prostet sich zu, und die Sache ist vergessen. Gefährlich wird es nur, wenn jemand zu Gast ist, dem die Erfahrung fehlt, der diese Rituale nicht kennt, der sich vor den Argumenten der anderen verschließt, der zuschlägt, wo es doch eigentlich nur um freundliche Geselligkeit geht. So einer wird entfernt, mit gemeinsamer Kraft und begleitet vom Geschrei der Herzensdamen. Es ist die Vertreibung aus dem Paradies, wo es keine Arbeit und nach etlichen Kaltgetränken auch keine Sorgen mehr gibt, wo immer die Sonne scheint. Aber wer nicht hören will, muss fühlen, muss seiner Wege gehen, und hat Glück, wenn er am nächsten Tag wiederkommen darf. So geht es im Sommer jeden Tag und jede Nacht, nur unterbrochen von gelegentlichen Besuchen der Polizei, wenn mal wieder einer der spießigen Anwohner angerufen hat. Die Anwohner, das sind die von der anderen Seite, die Spielverderber, die Ohropax-Verweigerer, die Ich-möchte-gerne-mein-Schalfzimmerfenster-in-der-Nacht-öffnen-können-bei-der-Hitze-Weicheier, die Ich-mag-es-nicht-wenn-hier-überall-Scherben-herumliegen-und-an-die-Kirche-gepisst-wird-Warmduscher. Es sind halt diese Idioten von gegenüber, die arbeiten gehen und ihren Urlaub nicht auf der Parkbank verbringen. Die erst so blöd sind, sich aufzuregen und die Polizei zu rufen, um dann ihren Wagen vor aller Augen direkt am Platze zu parken. Selber Schuld. Stellt man sich eben ausnahmsweise mal nicht an die Kirche. Und einen neuen Spiegel wird der sich auch leisten können, weil er ja jeden Tag fleißig zur Arbeit fährt. Strafe muss sein. Er könnte ja auch einfach mal rüberkommen und mitfeiern. Die Einladung bekommt er jeden Morgen: „Komm doch mal rüber und schmeiß’ ne Runde! Ein Bier um acht macht wach!“</p>
<p><span style="color: #ff0000;"><strong>Blankzieher I</strong></span></p>
<p>Man trifft sie im Sommer einfach  überall, nicht nur im Park und im Schwimmbad. Sie treiben sich in der Bibliothek herum, sitzen in der Eisdiele oder im Café, laufen auf den Straßen Hannovers umher, ohne Scham und jeden Gedanken an Rücksicht. Sie haben die Wintermonate genutzt, um sich in Form zu bringen, haben Wochen und Monate an ihrem Körper gearbeitet, und jetzt ist Showtime. Sobald das Thermometer über 20 Grad klettert, gibt es für diese Menschen kein Halten mehr. Der Auftritt ist jeweils genau geplant und einstudiert. Ein schöner Platz ist zum Beispiel immer ein Café. Unter den Augen der vielen Zuschauer kommt so einer daher, lässt sich locker auf einen Stuhl fallen, schiebt sich die Sonnenbrille ins Haar, wischt sich den Schweiß von der Stirn, stöhnt und ächzt so laut, dass es auch wirklich alle mitkriegen, wirft einen Blick in die Runde und sagt leise, aber doch mit ausreichender Lautstärke: „Boah, ist das heiß!“ Um sich gleich darauf aus dem Stuhl zu stemmen und sich das T-Shirt über den Kopf zu ziehen. Einen Moment lang bleibt der Blankzieher noch stehen und streckt sich wohlig, wobei er allen anderen einen bedauernden Blick zuwirft. Die Botschaft ist klar: Schaut euch an, ihr elenden, dicken, kleinen, erbärmlichen, blassen Frettchen und schwitzt schön weiter in euren T-Shirts XXL. Dann lässt er sich wieder in den Stuhl fallen und genießt all die neidischen Blicke, während er sich mit der Hand den Schweiß vom Oberkörper wischt und kurz über seinen Sixpack streift. Er aalt sich in der Sonne, telefoniert mit irgendwelchen Frauen und lacht das Lachen des Gewinners. Was für ein Affe, denkt man so bei sich, während das eigene T-Shirt am Körper klebt. Wenn du deinen Astralkörper unbedingt zur Schau stellen musst, dann fahr doch ins Schwimmbad. Wahrscheinlich die Hauptschule abgebrochen und auch sonst im Leben nichts auf die Reihe gekriegt, weil die ganze Zeit für Sit-ups draufgegangen ist. Aber wenigstens siehst du jetzt gut aus. Ich werde einen Teufel tun und dich weiter beachten. Also wendet man sich wieder seiner weiblichen Begleitung zu, nimmt den unterbrochenen Gesprächsfaden auf, erzählt vom letzten Urlaub auf den Kanaren, den man sich leisten konnte, weil die Geschäfte so gut gelaufen sind, doch die weibliche Begleitung ist plötzlich leicht abgelenkt. Sie nickt an den falschen Stellen und spielt stattdessen mit ihrem Strohhalm. Sie gafft. Gafft diesen Typen an. „Wollen wir gehen?“ „Ach, wieso denn, ist doch gerade ganz nett hier“, antwortet sie. „Du kannst aber ruhig schon fahren, wenn du weg musst.“ Blankzieher sind wirklich die Pest eines jeden Sommers. Sie degradieren die übrigen Männer zu Komparsen ihrer Show, die angezogene Männerwelt dient als Kulisse. Und sie degradieren die Frauen zu glotzenden Weibchen mit archaischen Sehnsüchten. Was bleibt da übrig von der Emanzipation? Was bleibt übrig von unserer Zivilisation? Was bleibt   einem anderes übrig, als schleunigst wieder auf die Kanaren zu fliegen? Das können sich diese Blankzieher nämlich meistens nicht leisten.</p>
<p><span style="color: #ff0000;"><strong>Blankzieher II</strong></span></p>
<p>Man trifft sie im Sommer einfach überall, nicht nur im Park und im Schwimmbad. Sie treiben sich in der Bibliothek herum, sitzen in der Eisdiele oder im Café, laufen auf den Straßen Hannovers umher, ohne Scham und jeden Gedanken an Rücksicht. Sie haben die Wintermonate ungenutzt verstreichen lassen, haben sich nicht in Form gebracht, haben Wochen und Monate alles in ihren Körper gestopft, was sie in die Finger bekommen konnten, und jetzt ist Showtime. Sobald das Thermometer über 20 Grad klettert, gibt es für diese Menschen kein Halten mehr. Der Auftritt ist jeweils völlig ungeplant und alles andere als einstudiert. Auch der Ort ist ganz egal, obwohl es ganz schön ist, wenn es in der Nähe ein bisschen was Fettiges gibt. Ob Zuschauer oder nicht, sie zwängen sich unter größten Mühen aus ihrem T-Shirt. Hauptsache, das nasse Kleidungsstück beengt nicht mehr die Massen und den freien Schweißfluss. Dann suchen sie im verklebten T-Shirt nach ihrer Sonnenbrille und schieben sie zurück ins Haar, wischen sich den Schweiß von der Stirn, stöhnen und ächzen laut, werfen keinen Blick in die Runde, weil ihnen schon lange egal ist, was die anderen denken, strecken alle Viere von sich und nehmen Witterung auf. Gibt es hier auch was zu essen? Die Botschaft ist klar: Ich bin ein elendes, dickes, kleines, erbärmliches, blasses Frettchen und das ist mir völlig egal. Wer meinen Anblick und meinen Geruch nicht mag, der hat Pech gehabt. Hin und wieder wischen sie sich den Schweiß vom Oberkörper und streicheln über ihre massigen Bäuche. Sie zerfließen förmlich in der Sonne und telefonieren nicht mit irgendwelchen Frauen, sondern höchstens mal mit dem Hausarzt wegen des neuen Mittels gegen Bluthochdruck. Was für ein Affe, denkt man so bei sich, wenn einem so ein Koloss zum Beispiel im Café begegnet, während man das eigene T-Shirt zufrieden über den Kopf streift. Wenn der seinen Walkörper zur Schau stellt, dann kann ich eigentlich nur glänzen. So wendet man sich wieder seiner weiblichen Begleitung zu, schüttelt gemeinsam und einvernehmlich den Kopf über eine derartige Gleichgültigkeit gegenüber dem eigenen Körper, und nimmt den unterbrochenen Gesprächsfaden wieder auf, erzählt vom letzten Urlaub auf den Kanaren, den man sich leisten konnte, weil die Geschäfte so gut gelaufen sind, und die weibliche Begleitung nickt bewundernd an den richtigen Stellen und schaut einem tief in die Augen, während sie lasziv am Strohhalm knabbert. „Wollen wir gehen?“ „Klar, wenn du möchtest. Fahren wir noch zu dir?“ Die Blankzieher der Sorte II sind der Segen eines jeden Sommers. Sie erhöhen die übrigen Männer zu ansehnlichen Wesen, die es sich leisten können, auch mal mit nacktem Oberkörper in einem Café zu sitzen, und sie zeigen den Frauen, dass es bedeutend Schlimmeres gibt, als kleine, charmante Bierbäuche. Ja, die Blankzieher II sind eine wunderbare  Randerscheinung unserer Zivilisation. Außer sie kommen einem zu nahe.</p>
<p><span style="color: #ff0000;"><strong>Gesellschaftsfummler</strong></span></p>
<p>Für diese Menschen hat der liebe Gott die Fenster gemacht, für alle anderen die Jalousien. Mal ehrlich, muss das sein? Es ist ja nett, dass ihr auch in der Öffentlichkeit zeigen wollt, wie sehr ihr ineinander verliebt seid, dass ihr nichts dagegen habt, möglichst viele Menschen an eurem Glück zu beteiligen. Und zugegeben, es kann auch ganz reizvoll sein, euch zuzusehen, vorausgesetzt ihr seht einigermaßen gut aus. Aber manchmal will man einfach nur auf der Wilhelm-Busch-Wiese liegen, ein gutes Buch lesen und sich entspannen. Das kann man nicht, wenn ihr nebenan die wildesten Dinge treibt. Dann guckt doch einfach weg, könntet ihr sagen. Aber das geht nicht. Der Mensch ist ein Voyeur, ob er will oder nicht. Man muss hingucken. Nennen wir es einfach ein angeborenes mitmenschliches Interesse. Wir wollen hier gar nicht unterstellen, dass euch das irgendwie scharf macht, wenn andere zusehen, dass ihr euch ganz bewusst den Platz in der Mitte sucht und stundenlang aneinander und im schlimmsten Fall ineinander herumgrabscht. Dass ihr euch in ein Café setzt und euch befummelt. Dass ihr allen zeigt, was echte Pornoküsse sind. Okay, war nur Spaß. Natürlich wollen wir euch genau das unterstellen. So ist es doch, oder etwa nicht? Das macht euch nicht nur Spaß, das gibt euch erst den Kick. Wir sagen: Schluss damit! Habt ihr dabei auch mal an eure Mitmenschen gedacht? Wisst ihr eigentlich, wie traurig bei eurem Anblick so manchem Single zumute ist? Habt ihr auch nur einen einzigen Gedanken darauf verschwendet, wie es all den Gärtnern in den öffentlichen Parks geht? Das solltet ihr. Dringend! Der Exhibitionist ist des Spanners bester Freund. Wo ihr seid, da tummeln sich gewisse Mitmenschen nur zu gerne in den Büschen. Und wer muss all die ekelhaften Hinterlassenschaften wegräumen? Die armen Gärtner. Letztlich seid auch ihr dafür verantwortlich, wenn diese Menschen irgendwann die Lust an ihrem Beruf verlieren. Im Winter lasst ihr die Fenster offen und das Licht an, damit jeder in der Nachbarschaft sieht und hört, was bei euch abgeht, im Sommer zieht es euch auf die Wiesen der Stadt oder einfach überall dorthin, wo viele Menschen sind. Das ist sexuelle Belästigung in Reinform. Wir wollen das Kind ruhig beim Namen nennen. Dabei gibt es doch inzwischen so viele schöne Alternativen. Fahrt in den Swingerclub, trefft euch auf den Parkplätzen. Mehr dazu findet ihr im Netz. Auch in der Eilenriede soll es ein paar Ecken geben, wo man euch sicher willkommen heißen würde. Wir haben überhaupt nichts dagegen, das ihr euch ständig begrapscht und versucht, eure Zungen zu verknoten. Praktiziert wegen uns ruhig wilden, hemmungslosen Sex, dagegen ist nichts einzuwenden. Aber bitte nicht in der Bahn, im Biergarten oder beim Public Viewing. Und bitte nicht direkt neben uns, wenn wir auf der Wilhelm-Busch-Wiese liegen und ein Buch lesen. Ist das zu viel verlangt? Ja? Na gut, aber dann fragt beim nächsten Mal aber wenigstens, ob wir Lust haben mitzumachen.</p>
<p><span style="color: #ff0000;"><strong>Zehenpuler</strong></span></p>
<p>Sommer in Hannover, das bedeutet Fußalarm. Zuerst sind es immer nur wenige Frauen, die nach einem frühsommerlichen Besuch bei der Fußpflege ihren Zehen ein wenig Luft gönnen. Das kann ein durchaus ästhetischer Anblick sein. Nicht umsonst sind Frauenfüße für viele Männer ein heimlicher oder offener Fetisch. Doch mit steigenden Temperaturen steigt auch die Freifußrate rasant an. Und da in solchen Zeiten alle Termine bei der Fußpflege auf Monate im Voraus ausgebucht sind, und erstens nicht jede Frau an ihre eigenen Füße herankommt, zweitens nicht jede Frau Lust oder Zeit hat, die Geschichte da unten in Ordnung zu bringen und drittens ja wohl auch niemand verlangen kann, dass Frauen sich immer und überall auf Teufel komm raus zurechtmachen müssen, nur damit irgendwelche potentiell perversen Männer ihren Spaß haben, ist der Anblick nun manchmal weniger schön. Ja ja, schon gut, wo bleiben die Männer? Kommt ja noch. Frauen sind nun mal die Vorreiter in Sachen nackter Fuß, Männer wählen in der Regel die unbesockte Variante erst dann, wenn es sich vor Hitze gar nicht mehr anders aushalten lässt. Und darüber können wir nun alle wirklich zutiefst dankbar sein. Denn was da so alles ans Tageslicht kommt, spottet eigentlich jeder Beschreibung. Männerfüße können schön sein. Es gibt Exemplare, die sind durchaus ein Hingucker. Die meisten Männerfüße sind aber eher vergleichbar mit dem, was die    Atomindustrie gern unter der Erde vergräbt. Doch das alles ist nicht so tragisch. Hornhautgebirge in den unterschiedlichsten Gelbtönen, schwarze Haare auf den Zehen, diverse Pilzerkrankungen, wuchernde Nägel, mit denen man anderen Menschen ernsthaften Schaden zufügen könnte, und Dreck unter den scharfkantigen Waffen, der reichen würde, um darin ein paar Küchenkräuter prächtig gedeihen zu lassen, eigentlich alles kein Problem. Denn der liebe Gott hat uns wunderbarerweise die Gabe des „Drüberwegsehens“ geschenkt. Wir sind fähig, einfach dran vorbei zu gucken. Nun gib es aber Momente im Leben, da fällt genau das unglaublich schwer. Egal ob im Schwimmbad oder im Park auf der gemeinsamen Decke, im Eiscafé, Biergarten oder zu Hause vor dem Fernseher. Manchen Menschen reicht es nicht, ihre unfassbaren Fußverbrechen öffentlich zur Schau zu stellen, sie müssen ihren Mitmenschen diese Treter bildlich gesprochen auch noch direkt unter die Nase reiben, um sich dann eingehend mit ihnen zu beschäftigen. Das läuft eigentlich immer nach dem gleichen Muster ab. So ein Mensch setzt sich ganz in die Nähe, gafft ein bisschen in der Gegend herum, und dann, ganz zufällig, entdeckt er die eigenen Füße und denkt: Nanu, wie sehen die denn aus? Da ist ja Dreck unter den Nägeln, und da am großen Zeh ist der Nagel eingerissen, und was ist denn das für ein Schorf da an der Ferse? Und während man sich gerade genüsslich den ersten Löffel Eis in den Mund steckt, beginnt dieser Mensch mit Hingabe zu pulen. Da kommen auch mal Schlüssel zum Einsatz, oder Zahnstocher, oder was auch immer an spitzen und geeigneten Gegenständen gerade bereit liegt. Sie pulen und pulen, als würde es kein Morgen geben. Nicht falsch verstehen – wenn sich jemand vor lauter Hitze spontan überlegt, die Socken auszuziehen, und nach dem Akt der Entblößung dann die Fussel entfernt, so ist dagegen überhaupt nichts einzuwenden. Im Gegenteil. So viel Zeit muss sein. Aber kann man sich dafür nicht ein stilles Örtchen suchen? Muss es immer ausgerechnet dort sein, wo andere gerade essen?</p>
<p><span style="color: #ff0000;"><strong>Schwimmbadpinkler</strong></span></p>
<p>Es gibt ja Schwimmbadpinkler und Schwimmbadpinkler. Und es gibt Schwimmbadpinkler. Gegen die erste Sorte kann man eigentlich nichts haben. Das sind die ganz Kleinen im Babybecken, die lassen es eben einfach mal laufen. Das kann passieren in dem Alter, so nebenbei, wenn getobt wird. Ist natürlich nicht angenehm, wenn man als Elternteil in der Brühe steht, aber die meisten Eltern haben es sich ja so ausgesucht, also sollten sie sich auch nicht beklagen. Wer mit Kindern unter zwei Jahren ins Babybecken geht, der weiß, worauf er sich einlässt. Ab zwei Jahre haben die lieben Engel dann allmählich gelernt, dass man nicht unbedingt in die Windel bzw. ins Wasser machen muss. Sie tun es natürlich trotzdem, obwohl die Blase schon ein bisschen besser im Training ist. Auch dagegen kann man nichts haben. Warum und wieso man eigentlich nicht ins Becken pinkelt, das lernen sie bestenfalls ein oder zwei Jahre später in langen, pädagogisch ausgefeilten Gesprächen mit ihren Eltern. Wie gesagt, bestenfalls. Womit wir bei der zweiten Sorte Schwimmbadpinkler angelangt wären. Die Meine-Eltern-haben-gesagt-ich-soll-einfach-kurz-ins-Becken-machen-Kinder. Den lieben Kleinen kann man auch in diesem Fall noch immer keinen Vorwurf machen. Aber den Eltern. Und da wir uns hier in einer Randgruppenbeleidigung befinden, also deutliche Worte durchaus zugelassen sind, wollen wir uns, was diese Eltern angeht, auch nicht zurückhalten. Ihr widerlichen Schweine! Nur weil ihr zu faul seid, mal eben mit dem Nachwuchs aufs Klo zu gehen, treiben im Freibad große Urinwolken durchs kleine Becken. Durchs große Becken natürlich nicht, denn ihr schickt eure Kinder, auch wenn sie schon etwas größer sind, ganz bewusst in den Nichtschwimmer-Bereich, weil ihr natürlich nicht in der Brühe schwimmen wollt, die eure Kinder hinterlassen. Also schön ab ins Babybecken. Was soll denn später mal aus euren Kindern werden? Ich-mach-nur-mein-eigenes-Ding-und-alle-anderen-sind-mir-scheißegal-Erwachsene? Und jetzt fangt bloß nicht damit an, dass das alle machen würden. Die allermeisten Eltern gehen mit ihren Kindern aufs Klo und schicken sie nicht ins Becken. Nicht alle anderen sind auch Schweine, ihr seid die Schweine! Übernehmt Verantwortung, ihr Idioten! So, genug aufgeregt. Wobei wir ja noch nicht ganz fertig sind. Denn jetzt kommen wir zur dritten Gruppe der Schwimmbadpinkler, die sich zusammensetzt aus Erwachsenen, deren Eltern früher immer „Geh doch eben ins Becken“ gesagt haben, und solchen Erwachsenen, bei denen eigentlich alle pädagogisch ausgefeilten Gespräche geführt worden sind, und die trotzdem ins Wasser pinkeln. Was bei diesen Leuten schief läuft, weiß kein Mensch. Ein paar sind möglicherweise einfach ein kleines bisschen pervers. Diese Gruppe bleibt meistens auch noch eine Weile im Wasser, nachdem sie ihre Blase entleert hat. Planschen im eigenen Urin. Schön und gut, wer drauf steht – aber dafür gibt es zu Hause Badewannen. Man muss doch nicht den Rest mit reinziehen. Die nicht perversen Schwimmbadpinkler erledigen ihr Geschäft meistens kurz bevor sie das Becken verlassen. Wer sie erwischt, sollte sie eigentlich zwingen, ein paar Liter ihrer Hinterlassenschaft zu trinken (bei der perversen Fraktion hätte das wahrscheinlich keinen sonderlich großen pädagogischen Effekt). Macht natürlich keiner. Wir sind ja alle zivilisiert und haben der Selbstjustiz abgeschworen. Aber man wird ja noch mal träumen dürfen. Übrigens ist Chlor gelöst in sauberem Wasser nahezu geruchsneutral. Der typische Schwimmbadgeruch entwickelt sich erst durch die Verbindung mit Urin. Lecker, oder?</p>
<p><strong>GAH</strong></p>
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		<title>fotografie erzählt geschichten</title>
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		<pubDate>Mon, 31 May 2010 22:00:45 +0000</pubDate>
		<dc:creator>wolke</dc:creator>
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		<category><![CDATA[2010-06]]></category>

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		<description><![CDATA[Vom 16. bis 20. Juni findet in Hannover bereits in der zweiten Auflage das Lumix Festival für jungen Fotojournalismus statt. 60 Fotoreportagen haben es aus rund 1.000 Bewerbungen diesmal in die Ausstellung im Design Center auf dem Expo-Gelände geschafft. ]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><strong>lumix &#8211; das festival für jungen fotojournalismus</strong></p>
<p><strong><a href="http://www.stadtkind-hannover.de/wp-content/uploads/2010/07/kashmir_72.jpg"><img class="alignright size-medium wp-image-8317" title="Kashmir" src="http://www.stadtkind-hannover.de/wp-content/uploads/2010/07/kashmir_72-235x300.jpg" alt="" width="235" height="300" /></a>Was ist eigentlich ein gutes Foto? Muss es nur scharf sein? Oder ist es vielleicht gerade diese gewisse Unschärfe? Warum überblättert man in einem Magazin manche Artikel, nimmt auch die Fotos kaum wahr, und bleibt dann an anderer Stelle plötzlich hängen? Warum sind manche Fotoreportagen ein echter Hingucker, andere dagegen nicht der Rede wert? Die Antwort fällt leicht, wenn man mit Motiven konfrontiert ist, die man so noch nie gesehen hat. Schwerer wird es, wenn die Motive gar nicht so ungewöhnlich sind und es trotzdem passiert. Weil man sich plötzlich beobachtet fühlt, weil einen dieser Mensch dort auf eigentümliche Weise anzusehen scheint. Weil irgendetwas an gerade diesem Foto, an dieser Fotostrecke ungewöhnlich ist, ohne dass man dieses Ungewöhnliche, dieses Besondere benennen könnte. Immer wenn das passiert, kann man sich ziemlich sicher sein, ein gutes Foto, eine gute Fotoreportage vor sich zu haben.</strong></p>
<p><strong>Das klingt einfach, ist es aber nicht. Jeden Tag stellen sich unzählige Redaktionen die immer gleiche Frage: Sind das nun gute Fotos oder nicht? Ist das eine Fotoreportage, die den Betrachter berührt oder überrascht, die ihn interessiert? Genau diese Frage hat sich auch die Jury um Prof. Rolf Nobel gestellt, und das in den vergangenen Monaten gut 1.000 Mal. Vom 16. bis 20. Juni findet in Hannover bereits in der zweiten Auflage das Lumix Festival für jungen Fotojournalismus statt. 60 Fotoreportagen haben es aus rund 1.000 Bewerbungen diesmal in die Ausstellung im Design Center auf dem Expo-Gelände geschafft. Stolze 1.400 Fotos warten nun auf ihre Betrachter. „Schon 2008 konnte man unmöglich alle Reportagen an einem Tag ansehen“, bemerkt dazu der Organisationsleiter des Festivals und Dozent an der FH Rolf Nobel. Aber das ist nicht tragisch. Immerhin hat man diesmal insgesamt fünf Tage Zeit, um sich einen Eindruck zu verschaffen.</strong></p>
<p><em><strong><span style="color: #ff0000;">Wir haben übertrieben – leider</span></strong></em><br />
<a href="http://www.stadtkind-hannover.de/wp-content/uploads/2010/07/crossing-kabul_72.jpg"><img class="size-medium wp-image-8314 alignright" title="Crossing Kabul" src="http://www.stadtkind-hannover.de/wp-content/uploads/2010/07/crossing-kabul_72-300x200.jpg" alt="" width="300" height="200" /></a>Unzählige Redaktionen, so haben wir gerade geschrieben, zerbrechen sich tagtäglich den Kopf über gelungene oder weniger gelungene Fotos. Das ist inzwischen allerdings maßlos übertrieben. Sicher, es gibt sie noch, die großen Magazine mit den eigenen Bildredaktionen, die gerade mit gutem Fotojournalismus Auflage machen. Aber der Trend in der (Print-)Medienwelt ist seit Jahren ein anderer. Die Printmedien haben starke Konkurrenz bekommen. Fernsehen und Internet haben sie als erste Informationsquelle längst abgelöst, mit entsprechenden Folgen für die Branche. Ihr fehlt häufig schlicht das Geld, um guten Fotojournalismus bezahlen zu können. Gleichzeitig haben die Entwicklung der Digitalfotografie und verschiedener Bildbearbeitungsprogramme dazu geführt, dass heute fast jeder Laie in der Lage ist, ein halbwegs ansehnliches Foto zu schießen. Viele Magazine greifen inzwischen aus Kostengründen auf solche Angebote zurück. Immer mit einem weinenden Auge, denn das Wissen um wirklich gute und qualitativ hochwertige Fotoarbeiten existiert in den Redaktionen ja nach wie vor. Doch zu schwarz wollen wir die Entwicklung in der Branche auch nicht malen. Jeder Trend produziert einen Gegentrend. Während immer mehr „schnelle“ Magazine ihre Aktivitäten ins Internet verlagern und schließlich als Printmedium vom Markt verschwinden, verzeichnet die Qualitätspresse teilweise sogar Auflagenzuwächse. Nach wie vor scheint es also einen Markt für gut recherchierten Journalismus und hochwertigen Fotojournalismus zu geben. Und genau hier liegen auch die Berufschancen für die Studierenden des Studiengangs Fotografie an der FH Hannover. „Natürlich haben die massenhafte Verbreitung und die technischen Möglichkeiten der digitalen Fotografie zu einer Entwertung von Fotografie geführt. Und die zum Teil sehr ordentlich fotografierenden Amateure haben mit ihren Bildern einen Teil des Bildermarktes erobert, zum Beispiel in der Reisefotografie. Gerade in der anspruchsvollen journalistischen Fotografie haben aber Amateure kaum Zugang zu den Themen und bedeuten für gute Profis keine große Gefahr“, so Rolf Nobel.</p>
<p><a href="http://www.stadtkind-hannover.de/wp-content/uploads/2010/07/soccer-for-life_72.jpg"><img class="alignleft size-medium wp-image-8318" title="Soccer for Life" src="http://www.stadtkind-hannover.de/wp-content/uploads/2010/07/soccer-for-life_72-300x206.jpg" alt="" width="300" height="206" /></a>Die Zeiten verändern sich, aber Qualität bleibt Qualität, so könnte man es zugespitzt formulieren. Und daran ändern auch die Möglichkeiten der Bildbearbeitung nichts, die aus so manchem mittelmäßigen Schnappschuss noch ein recht ansehnliches Foto machen können. Im Gegenteil: Die verschiedenen Programme sind auch für Profis durchaus hilfreich. „Man kann sich wegen einiger unüberwindbarer physikalischer Gesetze eben nicht immer auf das Kamerabild verlassen, so gut man auch technisch ist.<br />
Photoshop kann dann noch so manches richten“, sagt dazu Rolf Nobel. Allerdings sei es auch wichtig, bei der Bearbeitung klare Grenzen zu ziehen. Wie weit darf man ein Foto manipulieren, bis es schlicht zur Fälschung wird? Diese Frage spielt gerade im Fotojournalismus keine unbedeutende Rolle.</p>
<p><em><strong><span style="color: #ff0000;">Manipulation der Wirklichkeit oder Feinschliff?</span></strong></em><br />
Auch der Fotojournalismus sieht sich immer wieder konfrontiert mit Versuchen der Einflussnahme. Für manipulierte Fotografien gibt es zahllose prominente Beispiele. Doch wo hört der Feinschliff auf, wo fängt die Manipulation an? Die Möglichkeiten durch Bildbearbeitungsprogramme sind heute grenzenlos. Man kann nicht nur Farben verändern oder die Helligkeit korrigieren, Objekte können ausgeschnitten und eingefügt oder schlicht gelöscht werden. Es ist kein Problem, eine künstliche Lichtquelle ins Foto zu „zaubern“ oder die Haarfarbe eines Menschen zu verändern. Fast jedes Model auf den Titeln der Modemagazine hat eine ganz persönliche Schönheits-OP hinter sich: ein paar Pfunde verschwinden auf magische Weise, Falten und Pickel sind nicht mehr zu sehen, der Teint ist perfekt,  Augen oder Lippen neu eingefärbt. Der Chirurg heißt Photoshop.</p>
<p>Doch auch ganz ohne Bildbearbeitungsprogramm zeigen Fotos nicht unbedingt eins zu eins die Realität. Der Fotografierende wählt immer mehr oder weniger bewusst einen Ausschnitt aus der Realität, und dieser Fokus blendet den Gesamtzusammenhang aus. Auch die Perspektive erzeugt beim Betrachter ganz unterschiedliche Wahrnehmungen. Politiker lassen sich beispielsweise bevorzugt von unten fotografieren, denn diese Ansicht lässt einen Menschen unweigerlich mächtiger erscheinen. Wie ein Bild wirkt, wird durch eine Vielzahl zum Teil sehr subtiler Mittel beeinflusst, die ein gut ausgebildeter Fotograf allesamt beherrscht. In einer Totalen wirkt ein Objekt vielleicht verloren, die Nahaufnahme betont eine bestimmte Mimik (besonders beliebt sind immer wieder gähnende Politiker auf Parteitagen), die Lichtverhältnisse können einen Menschen nett oder gefährlich wirken lassen. Leuchte ich die Person „freundlich“ aus oder arbeite ich mit harten Schatten? Wähle ich kaltes oder warmes Licht? Stelle ich die Brennweite so ein, dass der Hintergrund verschwimmt und die Person dadurch fokussiert wird oder behandle ich den Hintergrund gleichwertig? Jede dieser Entscheidungen verändert die dargestellte Realität. Und ein Fotograf muss sich bei seiner Arbeit immer wieder nicht nur die Frage stellen, was er fotografiert, sondern auch, wie er sein Motiv inszeniert. Wenn man so will, ist Fotojournalismus ein Spagat zwischen Information, Kunst, Verantwortung, Ethik und Photoshop. Genau hier können die Qualitäten liegen, hier trennt sich sozusagen die Spreu vom Weizen, genau hier liegt auch die Gefahr der Manipulation. Dieses Problem wird übrigens auch auf dem Lumix Festival im Rahmen einer Podiumsdiskussion thematisiert.</p>
<p><span style="color: #ff0000;"><em><strong><a href="http://www.stadtkind-hannover.de/wp-content/uploads/2010/07/verlorene-paradies_72.jpg"><img class="alignright size-medium wp-image-8319" title="Das verlorene Paradies" src="http://www.stadtkind-hannover.de/wp-content/uploads/2010/07/verlorene-paradies_72-300x200.jpg" alt="" width="300" height="200" /></a>Was ist guter Fotojournalismus?</strong></em></span><br />
Welche Bedeutung hat ein Foto, welchen Sinn macht Fotojournalismus in Zeiten bewegter Bilder? Oder anders gefragt: Was kann ein Foto, was ein Film nicht viel besser könnte? Ein Besuch auf dem Festival in Hannover wird diese Frage eindrucksvoll beantworten. Fernsehen und Internet sind schnelle Medien, die Fotoreportage arbeitet anders und wirkt anders nach. Fotojournalismus bedeutet ganz grundsätzlich, Berichterstattungen über Hintergründe in Politik, Kultur und anderen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens mittels Fotografien zu illustrieren. Wenn dies gelingt, dann erzählen die Fotos eine eigene Geschichte, dann sind sie mehr als nur abfotografierte Realität. Auf dem Lumix Festival haben es wie gesagt 60 solcher Arbeiten in die Ausstellung geschafft. Und sie haben dazu einige Hürden nehmen müssen. „Grundsätzlich muss die Erzählweise einer Geschichte stimmen, sie sollte inhaltlich auserzählt sein, und sie sollte auch gestalterisch ein hohes Niveau haben“, erklärt Rolf Nobel die Auswahlkriterien. Eine gute Fotoreportage oder ein gutes Fotoessay zeichnet sich darüber hinaus natürlich auch durch die Wahl des Themas aus. „Bei der Auswahl der Geschichten haben wir da-rauf geachtet, dass entsprechend unserer Philosophie von Fotojournalismus das menschliche Leben in seiner großen Bandbreite thematisch behandelt wird.“ Ganz bewusst habe man sich entschieden, kein Festival der reinen „Elends- oder Kriegsfotografie“ zu kreieren. Das leuchtet ein: Natürlich sind diese Themen wichtig und die Motive oft eindrucksvoll und erschreckend – aber Fotojournalismus ist eben noch viel mehr.</p>
<p>Das Lumix Festival gehört ganz dem Nachwuchs der Branche. Bewerber bis 35 Jahre waren zugelassen. Und damit ist die Veranstaltung nicht allein Ausstellung und Wettbewerb; sie ist gleichzeitig ein Forum für junge Talente. „Wir wollen den Austausch unter ihnen fördern, Netzwerke ankurbeln und vor allem ihre herausragenden Leistungen einem größeren Publikum zeigen, worunter auch zahlreiche Bildredakteure bedeutender Bilderblätter wie Geo oder stern sind“, so Rolf Nobel.</p>
<p>Ganz nebenbei ist das Festival also auch eine Chance, ein Mittel zur Förderung der Karriere. Hannover zeigt die Zukunft des Fotojournalismus, mancher Fotograf wird hier die ersten Schritte seiner Karriere machen. Aber vor allem ist das Lumix natürlich ein Festival für ein (hoffentlich) großes Publikum. Auch wer nicht selbst fotografiert, sollte zwischen dem 16. und 20. Juni Fernsehen und Internet eine Pause gönnen und sich von der Bandbreite und Ausdruckskraft des Fotojournalismus vor Ort überzeugen.</p>
<p><a href="http://www.stadtkind-hannover.de/wp-content/uploads/2010/07/der-letzte-bauer_72.jpg"><img class="alignleft size-medium wp-image-8315" title="Der letzte Bauer" src="http://www.stadtkind-hannover.de/wp-content/uploads/2010/07/der-letzte-bauer_72-300x175.jpg" alt="" width="300" height="175" /></a>Da wäre beispielsweise die Reportage von Florian Manz über den „Letzten Bauern von Hannover“ oder die Schwarz-Weiß-Reportage des Österreichers Arnold Morasche über den Wanderzirkus Roncalli, die in eindrucksvoller Weise den Zusammenhalt der über 100-köpfigen Zirkusgemeinde beschreibt. Da wäre der Essay „Fifteen“ der Amerikanerin Ilana Panich-Linsman mit einem Einblick in die Alltagswelt von Kindern, die keine Kinder mehr sein wollen, oder die Reportage „Albino – In the Shadow of the Sun“ von Johan Bävman, die die Albinoverfolgung in Tansania thematisiert. Beeindruckend ist auch die Arbeit „Gangland – Rio de Janeiro’s Urban Violence“ des portugiesischen Fotografen João Pina, die unerschrocken die Parallelwelten der brasilianischen Metropole zeigt. Oder der Essay „Ewig treu – Eine Verbindung fürs Leben“ der deutschen Fotografin Lene Münch, die mit ihrer zurückgenommenen Mittelformat-Fotografie das Leben der Verbindungsstudenten in Deutschland dokumentiert. Manche Geschichten lassen sich eben am eindrucksvollsten mit Fotos beschreiben. So auch die des Pianisten Berik Syzdykov aus Kasachstan. Ohne Gesicht geboren, entstellt, deformiert, blind, ist er (wie eine Million Menschen im Nordosten des Landes, die sich selbst als Versuchskaninchen beschreiben) ein Opfer der sowjetischen Atombombentests. „Under a Nuclear Cloud“ von Ed Ou aus Israel ist der Versuch, diese unfass-bare Katastrophe fassbar zu machen.</p>
<p>Das Festival ist ein einmaliger Streifzug durch die Welt, manchmal erschreckend, manchmal erheiternd. Indien, Tansania, Grönland, Nepal, USA, Rumänien, Irak, Dänemark, Kirgistan – das sind nur einige Stationen der Weltreise in diesem Jahr. Auch die Fotografen kommen aus den unterschiedlichsten Ländern – zehn von ihnen sind oder waren Studenten an der FH Hannover. Höhepunkt des Festivals ist natürlich am Samstagabend die öffentliche Abschlussparty mit der Verleihung des mit 5.000 Euro dotierten Lumix Multimedia Awards und des mit 10.000 Euro Preisgeld ausgestatteten FreeLens Award für die eindrucksvollste Reportage.</p>
<p><span style="color: #ff0000;"><em><strong>Ein Festival als Forum</strong></em></span><br />
<a href="http://www.stadtkind-hannover.de/wp-content/uploads/2010/07/familie-an-bord_72.jpg"><img class="size-medium wp-image-8316 alignright" title="Familie an Bord" src="http://www.stadtkind-hannover.de/wp-content/uploads/2010/07/familie-an-bord_72-300x205.jpg" alt="" width="300" height="205" /></a>Neben der Ausstellung bietet das Festival in diesem Jahr auch im Rahmenprogramm einige ganz besondere Highlights. Portfolio-Sichtungen, eine Fototechnik-Schau, in der die großen Kamerahersteller neue Modelle präsentieren und Hersteller- und Vertriebsfirmen von Software und Druckerpapieren ihr Angebot zeigen, aber vor allem die Vorträge und Podiumsdiskussionen werden für einigen Gesprächsstoff sorgen. Das Festival will den Austausch zwischen Fotograf und Betrachter, zwischen Nachwuchs und Profi. Wer selbst fotografiert, wird sich auf dem Expo-Gelände sicher manchen Kniff abgucken können und kann sich einen Eindruck davon machen, wie die echten Profis arbeiten. Von Mittwoch bis Samstag gibt es täglich zwei Vorträge international bedeutender Fotografen, allesamt Preisträger des World Press Photo Award. So auch David Burnett, ein „alter Haudegen“ des Fotojournalismus. In nahezu 80 Ländern der Welt hat er bis heute gearbeitet – die genaue Zahl kennt nicht mal er selbst. Sein Vortrag bietet eine spannende Reise durch die letzten 40 Jahre Fotojournalismus.</p>
<p>Ein eher „junger Haudegen“ ist Wojciech Grzedzinski aus Polen. Der 30-Jährige wird am 18. Juni um 19:30 Uhr von seiner Arbeit erzählen. Trotz seiner jungen Jahre hat Grzedzinski bereits eine beeindruckende Karriere hinter sich. Er wurde bekannt mit Reportagen aus dem Kosovo, Georgien und Indonesien, in denen er die Auswirkungen von Kriegen und Naturkatastrophen auf den Alltag der Menschen zeigt.</p>
<p>Der italienische Fotograf Ernesto Bazan war bis vor einem Jahr eher Insidern bekannt. Doch dann bekam sein Buch „Cuba“ auf dem New York Photo Festival im Mai 2009 den 1. Preis für das schönste Fotobuch des Jahres. Von 1992 bis 2006 hat der aus Palermo stammende Bazan auf Kuba gelebt und dort in Workshops Fotografie unterrichtet. Während dieser Zeit entstand sein ungewöhnliches Kuba-Buch, eine Mischung aus erzählenden, surrealen und atmosphärischen Bildern. Sein endgültiger Durchbruch.</p>
<p>Ein Durchbruch, von dem wohl jeder Nachwuchs-Fotograf träumt. Und so kann man sich sicher sein, dass auch einige der ausstellenden Fotografen sich ins Publikum mischen werden. Wer weiß, vielleicht werden sie in einigen Jahren selbst auf dem Podest stehen und darüber sprechen, dass eigentlich alles mit der Ausstellung auf dem Lumix Festival in Hannover begonnen hat. Bleibt zu hoffen, dass der Fotojournalismus auch in der sich stetig ändernden Medienwelt weiter seinen Platz behaupten kann. Rolf Nobel ist sich da ganz sicher. „Fotografie ist das bedeutendste Bildmedium auf unserer Welt, und Bilder beherrschen unsere Köpfe und Gefühle. Gerade darum ist es wichtig, ein wenig mehr über Fotografie zu lernen. Während des Lumix Festival ist dazu die Gelegenheit. Und nebenbei sieht man viele Fotos und Reportagen, die einen garantiert nicht unberührt lassen werden und einem die Kraft dieses Mediums deutlich machen.“</p>
<p><strong>Janine Klemmt</strong><br />
<strong><br />
________________________________</strong></p>
<p><strong>Infos zu den Fotos:</strong></p>
<p><strong>Der letzte Bauer von Hannover</strong><br />
Mitten in Hannover, in Linden/Limmer, gibt es ihn noch: einen echten Bauernhof. Der dazugehörige Bauer heißt Hermann Völxen, ist 73 Jahre alt und Hauptdarsteller in Florian Manz’ Fotostrecke „Der letzte Bauer von Hannover“. Seine 40 weißen, französischen Charolais-Kühe stehen auf den Überschwemmungswiesen der Ihme und Leine. Aber nicht nur dort. Auf einem Foto steht ein Kälbchen im Badezimmer. Es hat seine Mutter bei der Geburt verloren und wird nun von Hildegard, der Schwester des Bauern, gepflegt. Ein anderes Bild zeigt das Schlafzimmer von Hermann Völxen, dessen Wände über und über mit Fotos seiner Kühe behängt sind. Völxen war nie verheiratet, hat keine Kinder und somit auch keinen Nachfolger für seinen Hof. „Zwei bis drei Jahre noch, dann ist Schluss“, sagt er selbst. Manz nahm nach seiner Ausbildung zum Fotografen 2007 das Fotojournalismus-Studium an der FH Hannover auf. www.kollektiv25.de</p>
<p><strong>Benidorm – das verlorene Paradies</strong><br />
Mit dem Begriff Urlaub verbindet man eigentlich Entspannung, denkt vielleicht an einen schönen Sandstrand, an Palmen und das Meer. Meer und Strand finden sich auch in den Bildern von Nicole Strassers Fotoreportage „Benidorm – das verlorenen Paradies“ wieder. Wirklich sehr sehr viele Menschen machen dort Urlaub. Und man betrachtet die Fotos mit einer Mischung aus Ungläubigkeit und Schauder. Jedes Jahr bezahlen mehr als fünf Millionen Menschen dafür, ihren wohlverdienten Urlaub in den Bettenburgen von Benidorm (Spanien) zu verbringen. Schöne Strände von Menschen verunstaltet – Benidorm schießt tatsächlich den Vogel ab. Die gebürtige Thüringerin Nicole Strasser studierte ab 2000 neun Jahre an der FH Hannover. www.nicolestrasser.de</p>
<p><strong>Crossing Kabul</strong><br />
Nach 30 Jahren konfliktreicher Besatzung und Krieg ringt Afghanistan um seine Identität. In dem vom anhaltenden Konflikt erschütterten Land blicken die Bewohner Kabuls mit gemischten Gefühlen in die Zukunft. Die Bevölkerung ist jung, Freiheit und Frieden haben viele nie kennen gelernt. Mit „Crossing Kabul“ dokumentiert der FHH-Student und Fotograf Daniel Pilar das heutige Bild der afghanischen Hauptstadt. Die Ödnis des Landes und die Durchsetzung mit militärischen Strukturen wirken beklemmend und bedrohlich. Elend wechselt sich ab mit Fußball spielenden jungen Frauen und ganz „normalem“ Alltag. Pilar wuchs als Sohn tschechischer Migranten in Hannover und Umgebung auf. Zurzeit wohnt er in der Calenberger Neustadt. Er studierte Kommunikationsdesign mit Schwerpunkt Fotojournalismus. Unter anderem porträtierte Pilar schon Bekanntheiten wie Günter Grass, Ursula von der Leyen oder Frank-Walter Steinmeyer. www.danielpilar.de</p>
<p><strong>Familie an Bord – Leben und Arbeiten auf einem Binnenschiff</strong><br />
Wenn man auf dem Foto die Küche anschaut, die zum Wohnzimmer hin offen ist, denkt man zunächst an eine normale deutsche Küche in irgendeiner Mietwohnung. Einzig die riesige Fensterfront ist verdächtig und irritiert. Wären die Gardinen vor dem Fenster nicht zugezogen, man wüsste gleich, dass hier etwas völlig anders ist, als in einer normalen Drei-Zimmer-Wohnung: Man würde wahrscheinlich nichts als Meerwasser und Himmel sehen. Die gebürtige Polin Joanna Nottebrock erzählt unter dem Titel „Familie an Bord – Leben und Arbeiten auf einem Binnenschiff“ die Geschichte des belgischen Kapitäns Mario Peleman und seiner Familie. Der belgische Kapitän ist, wie bereits sein Vater vor ihm, stolzer Besitzer eines Binnenschiffs. Dort lebt er zusammen mit seiner Frau und den drei Kindern, ohne Wohnsitz an Land. Ständig sind sie unterwegs zwischen Belgien, Holland, Deutschland, Frankreich und der Schweiz. Familie Peleman vermisst das sesshafte Leben nicht. Sie fühlen sich eher wie „Dauertouristen“, die jeden Tag die Möglichkeit haben, neue Orte zu entdecken. www.joanna.nottebrock.de</p>
<p><strong>Soccer For Life</strong><br />
Passend zur WM: „Soccer For Life“ ist eine Multimediareportage von fünf Fotografen, einem Redakteur und der Produktionsfirma für Multimedia-reportagen 2470media über Fußball in Südafrika. Fotografien, Filmaufnahmen, Interviews und Fakten, die schriftlich eingeblendet werden, verbinden sich mit auditiver Untermalung zu einer atmosphärisch dichten Dokumentation. In einem Township vor der südafrikanischen Hauptstadt Pretoria spielen, leben und feiern Jugendliche und Erwachsene das Fußballspiel. Gespielt wird beispielsweise auf sandigen Böden, als Tor dient lediglich ein Stangengerippe aus Eisen. Für viele Jugendliche bietet Fußball eine echte Perspektive für ein anderes Leben. So zum Beispiel für die 19-jährige Nthabi, ein Fußballtalent der örtlichen Frauenmannschaft, die die Qualen ihres Lebens beim Spiel vergessen kann. „Wenn du glaubst, dass du etwas erreichen kannst, dann pack es an. Wenn du deine Träume verwirklichen willst, dann schlafe nicht.“ www.soccerforlife.de</p>
<p><strong>Kashmir</strong><br />
In seiner Schwarz-Weiß-Fotostrecke Kashmir zeigt Andy Sypra beeindruckende Fotos über den Kampf um das Kashmir-Tal im Vorderen Himalaja. Es ist der längste ungelöste Konflikt in der Geschichte der Vereinten Nationen: Kashmir wird von Indien, Pakistan und China gleichermaßen beansprucht. Die Bevölkerung des Tals fühlt sich nicht zu Indien zugehörig – denn Kashmir war einst ein Königreich mit eigener Kultur und Sprache. In der Region sind mehr als 700.000 indische Soldaten stationiert. Vier Kriege haben hier bereits 60.000 Menschenleben gekostet, 10.000 werden immer noch vermisst. Die Bilder von Spyra zeigen Landschafts- und Stadtbilder, Nahaufnahmen von Menschen, sie zeigen Kampf, Wut, Tod und Trauer. Andy Spyra, gebürtiger Hagener, entdeckte auf seinen Reisen durch Zentralamerika und Südostasien seine Leidenschaft für die Fotografie. Seit 2007 studiert er an der FH Hannover. www.andyspyra.com</p>
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		<title>ein zwischenruf</title>
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		<pubDate>Fri, 30 Apr 2010 22:00:16 +0000</pubDate>
		<dc:creator>wolke</dc:creator>
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		<category><![CDATA[2010-05]]></category>

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		<description><![CDATA[Die Finanzkrise dauert an, die neue Regierung ist im Mai 200 Tage im Amt. Zeit für einen Zwischenruf, für Kritik, für Lob oder Enttäuschung. ]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><strong>„Und was kommt dann?“ haben wir im Februar 2009 gefragt und 12 Stimmen aus Hannover zum Thema „Unsere Gesellschaft nach der Finanzkrise“ im Heft versammelt. Die Finanzkrise dauert an, die neue Regierung ist im Mai 200 Tage im Amt. Zeit für einen Zwischenruf, für Kritik, für Lob oder Enttäuschung. Hat die Politik Antworten gefunden? Hat sie die richtigen Antworten gefunden? Oder hat sie gar nicht die richtigen Fragen gestellt? 11 Kommentare&#8230;</strong></p>
<p><strong><br />
Stephan Weil,<br />
Oberbürgermeister der Landeshauptstadt Hannover</strong></p>
<p><a href="http://www.stadtkind-hannover.de/wp-content/uploads/2010/05/Weil_72.jpg"><img class="alignleft size-thumbnail wp-image-7547" title="Stephan Weil" src="http://www.stadtkind-hannover.de/wp-content/uploads/2010/05/Weil_72-150x150.jpg" alt="" width="135" height="135" /></a>Hannover ist alljährlich im Frühjahr so etwas wie das Barometer der Wirtschaft. CeBIT und Hannover Messe gelten als Konjunkturindikatoren. Und in diesem Frühjahr macht sich wieder vorsichtiger Optimismus breit. Doch obgleich erste Lichtzeichen zu sehen sind, die Tunnelfahrt ist längst nicht zuende. Vor allem für Kommunen sieht es besonders düster aus. Und schuld daran ist nicht zuletzt die neue Bundesregierung. Insbesondere die FDP schert sich mit ihrem scheinbar einzigen Thema „Steuersenkungen“ nicht darum, dass schon jetzt viele deutsche Kommunen vor dem Ruin stehen.</p>
<p>Dabei hat sich der deutsche Sozialstaat nach dem Beben an den Weltfinanzmärkten bewährt. Die Milliardengarantien für Banken und Spareinlagen waren richtig. Die Ausweitung der Kurzarbeit hat Massenentlassungen verhindert und die Krise abgefedert. Auch mancher umstrittene Konjunkturimpuls – wie die Abwrackprämie – hat geholfen, Jobs zu sichern.</p>
<p>Das wichtige Signal für die Bürgerinnen und Bürger war, dass sich unser Staat in dieser schweren Krise als handlungsfähig erwiesen und Schlimmeres verhindert hat. Auch wir in Hannover haben alle Anstrengungen unternommen, um die zusätzlichen Konjunkturgelder für öffentliche Gebäude möglichst schnell, vor allem im Bildungssektor, einzusetzen. Wir scheinen also – so gesehen – ganz ordentlich durch die Krise gekommen zu sein.</p>
<p>Der Schein allerdings trügt. Die Krise ist nicht beendet, wenn man sich allein das Beispiel „Griechenland“ ansieht. Die Finanzwirtschaft hält einen EU-Staat nicht mehr für kreditwürdig. Soweit ist es hierzulande noch nicht, aber die öffentliche Verschuldung steigt auch bei uns dramatisch. Und schauen wir uns um in deutschen Großstädten: Die Kommunen stecken in der schwersten Finanzkrise seit dem Zweiten Weltkrieg. Die Gewerbesteuereinnahmen sind im vorigen Jahr auch in Hannover eingebrochen. Unsere Sparerfolge der Vorjahre wurden binnen weniger Monate wieder aufgezehrt.</p>
<p>In dieser Situation verschärft die CDU/CSU/FDP-Koalition die ohnehin schon prekäre Lage. Weit mehr als zehn Millionen Euro jährlich kosten Hannovers Stadtsäckel allein die bisherigen Steuerbeschlüsse von Schwarz-Gelb, darunter der aberwitzige Mehrwertsteuer-Bonus für die Hoteliers. Anstelle weiterer Steuersenkungen brauchen wir dringend eine Gemeindefinanzreform, die den Kommunen verlässlichere Einnahmen verschafft. In Berlin allerdings diskutieren finanzpolitische Geisterfahrer – vorneweg die von der FDP – ernsthaft über die Abschaffung der Gewerbesteuer.</p>
<p>Die Bürger bekommen auch bei uns die Finanznot sehr konkret zu spüren. Wir erhöhen – wenn auch moderat – Eintrittspreise bei den Bädern oder in den Herrenhäuser Gärten. Vor allem aber sind die Folgen des harten Winters nicht so ohne weiteres zu beseitigen, wie wir uns das alle wünschen würden. Viele Straßenreparaturen werden, das muss man leider offen sagen, Flickwerk bleiben. Zu unserem Sparkurs gibt es keine Alternative, und er trifft praktisch alle Bereiche. Mit einer Ausnahme: Wir wollen gerade auch in der Krise an Investitionen in den zentralen Bildungsbereich festhalten, so gut es geht. Dahinter müssen andere Investitionen zurückstecken. Der Ausbau und die Modernisierung von Schulen und Kindertagesstätten sind Investitionen in die Zukunft.</p>
<p>Man kann nur hoffen, dass die Bundesregierung ihren Kurs ändert. Für die zentralen Zukunftsaufgaben, vor allem für Bildung, sind ein handlungsfähiger Staat und handlungsfähige Städte zwingend notwendig.</p>
<p><strong>Sonja Brünzels,<br />
langjährige Politaktivistin und seit 2005 Pressesprecherin der Antifaschistischen Aktion Hannover (AAH)</strong></p>
<p>2007 implodierten die Finanzmärkte in den USA. Schnell schwappte die Finanzkrise auch über den großen Teich. Nachdem zig Banken kollabierten, zeigt sich allerdings rasch, dass es nicht nur eine Krise der Finanzmärkte ist, sondern eine allgemeine Krise des Kapitalismus. Spekulation, so zeigte sich, ist keine Spezialität der Finanzmärkte, sie ist ein Grundpfeiler des bestehenden Wirtschaftssystems; jedes Geschäft, so marginal es sein mag, basiert auf der Spekulation, dass die eigene Ware gewinnbringend verkauft wird. Klappt dies nicht mehr in der gewünschten Form, entsteht eine Krise. Es ist also kein Problem der Menschen, sondern des Kapitals und seines Profitinteresses.</p>
<p>Als schließlich gesamte Staaten, wie Island oder Griechenland, zusammenbrachen, sahen sich selbst FAZ und ZEIT genötigt, die Frage nach dem Ende des Kapitalismus zu stellen.</p>
<p>Der deutsche Staat schnürte in Reaktion auf die zusammenbrechende Wirtschaft im Jahr 2008 ein Rettungspaket in Höhe von 500.000.000.000 Euro. Die neue Bundesregierung aus CDU/FDP steht hier allerdings vor einem hausgemachten Problem: Die im Grundgesetz verankerte Schuldenbremse von 2009 sieht vor, die Staatsverschuldung nicht in erheblichen Maße zu vergrößern. Neben der Sanierung des Finanzhaushalts möchte man allerdings gleichzeitig die Steuern und Lohnnebenkosten, vor allem für Besserverdienende, senken. Woher also das Geld nehmen, um die aufgenommenen Kredite zurückzuzahlen? Der Staat könnte nun mehr Geld drucken, was allerdings eine starke Inflation und somit eine weitere Schädigung der eigenen Nationalökonomie zur Folge hätte. Also wird bei den Ausgaben gespart. Und zwar dort, wo es am wenigsten weh tut: Bei denen, die sowieso schon kaum etwas haben.</p>
<p>Um ihr Wahlprogramm einzuhalten, senkt die Bundesregierung also in einem ersten Schritt die Steuern und damit die Staatseinnahmen. Um diese wieder reinzuholen, kürzt der Staat dementsprechend Ausgaben in anderen Bereichen: Sozialleistungen und Infrastruktur. Die Umverteilung findet dabei primär von Bundesebene auf Kommunen- und Länderebene statt. Das von der schwarz-gelben Regierung initiierte „Wachstumsbeschleunigungsgesetz“ sieht dabei eine Senkung der Einkommenssteuer vor. Dies ist eine der Haupteinnahmequellen der Kommunen und Länder, welche infolge sinkender Einnahmen z.B. im Bildungsbereich und Sozialsystem sparen. Zusammengefasst: Besserverdienende werden entlastet, die untersten Klassen tragen die Kosten. Insgesamt ein Nullsummenspiel für den Staat, allerdings mit verheerenden Folgen für alle, die ernsthaft von staatlichen Transferleistungen abhängig sind.</p>
<p>Diese kurze Darstellung soll deutlich machen, dass die Krise vor allem von uns bezahlt wird, obwohl ihre Ursachen im Kapital liegen. Dies liegt nicht an mangelndem politischen Willen. Auch eine andere Regierung hätte wenig Möglichkeiten, dem Kapital aus der Patsche zu helfen. Weder die Krise, noch ihre Bewältigung gründet auf „menschlichem Versagen“, sondern auf einem System, das nicht auf den Bedürfnissen der Menschen aufgebaut ist. Es geht lediglich um den gewinnbringenden Verkauf von Waren. Statt händeringend dieses marode und unvernünftige System am Leben zu erhalten, schlagen wir die Abschaffung der wirklichen Ursachen der Krise, die Aufhebung der derzeitigen Verhältnisse, vor. Stattdessen müssen Wirtschaft und alle anderen Bereiche gemeinsam bewusst organisiert werden, so dass es schließlich heißen kann: „Jeder nach seinen Fähigkeiten, jeder nach seinen Bedürfnissen.“ (Marx)</p>
<p><strong>Patrick Döring,<br />
FDP, MdB</strong></p>
<p><a href="http://www.stadtkind-hannover.de/wp-content/uploads/2010/05/Döring_72.jpg"><img class="alignleft size-thumbnail wp-image-7556" title="Patrick Döring" src="http://www.stadtkind-hannover.de/wp-content/uploads/2010/05/Döring_72-150x150.jpg" alt="" width="150" height="150" /></a>Die Folgen der internationalen Finanzkrise erleben wir derzeit noch tagtäglich. Aber im Vergleich zu den apokalyptischen Szenarien, mit denen die politische Linke das Ende der sozialen Marktwirtschaft herbeiredete, stehen wir noch gut da. Fast ein wenig ungläubig möchte man sagen: Wir sind – hoffentlich – noch einmal davon gekommen.<br />
Nachdem die Politik im letzten Jahr hauptsächlich mit der Bewältigung der Krise zu kämpfen hatte, müssen wir jetzt daran gehen, ihre Folgen zu beheben – und alles dafür zu tun, um eine Wiederholung zu vermeiden. Die wichtigsten Aufgaben der FDP in der christlich-liberalen Koalition sind in meinen Augen:</p>
<p>1. Den Bankensektor und die Bankenaufsicht so neu zu ordnen, dass weitere Finanzkrisen ausgeschlossen werden.<br />
2. Die realwirtschaftlichen Auswirkungen der Krise zu beheben und ein nachhaltiges Wirtschaftswachstum zu gewährleisten.<br />
3. Die Verschuldung der öffentlichen Haushalte zurückzuführen, damit nicht der Steuerzahler die Zeche zahlt.</p>
<p>Zur Neuordnung des Finanzsektors haben wir bereits erste Schritte unternommen. Unter anderem schaffen wir neue Regeln für Großkredite, minimieren Finanzierungsrisiken, schaffen die Möglichkeit Großbanken im Notfall auch krisensicher zerschlagen zu können und schaffen eine schlagkräftige Kontrollbehörde. Außerdem treffen wir durch Einführung einer Bankenabgabe Vorsorge für zukünftige Krisen. Kurz: Wir geben dem Finanzmarkt klare und feste Regeln und werden diese konsequent überwachen. Damit die Fehler der Vergangenheit sich nicht wiederholen.</p>
<p>Wirtschaftswachstum und Haushaltskonsolidierung sind weitere wichtige Ziele. Das Problem ist allerdings: Was Skylla und Charybdis dem Odysseus sind der deutschen Politik die Staatsverschuldung und die Wirtschaftskrise. Angesichts einer Neuverschuldung des Bundes von zuletzt knapp 80 Milliarden Euro ist klar, dass der Staat sparen muss. Angesichts der fortdauernden Krise in der Wirtschaft und am Arbeitsmarkt müssen wir auf der anderen Seite aber Wachstum stimulieren – und das heißt, Konsum und Investitionen stimulieren; und diese nicht etwa kaputt sparen.</p>
<p>Die Kunst ist, das eine zu tun, ohne das andere zu lassen: Auf der einen Seite müssen wir durch eine Steuerstrukturreform die Bürgerinnen und Bürger entlasten, um Wachstum zu schaffen – und auf der anderen Seite staatliche Ausgaben kritisch hinterfragen. Denn wir dürfen nicht vergessen: Der Staat nimmt in diesem Jahr, mitten in der Krise, immer noch 160 Milliarden Euro mehr ein als 2005. Wir haben kein Einnahmen- sondern ein Ausgabeproblem. Und: Das beste Instrument zur Verbesserung der Haushaltslage ist immer noch Wirtschaftswachstum: 100.000 mehr Menschen in Arbeit bedeutet Mehreinnahmen von zwei Milliarden Euro.</p>
<p>Bei der Bewältigung dieser Aufgabe stehen wir noch am Anfang des Weges. Denn auf die Frage, wie wir Entlastungen gestalten oder wo und wie wir sparen können, gibt es keine einfachen und schnellen Antworten. Und: Eine gewisse Vorsicht ist hier auch eine Tugend, denn eine übereilte und falsche Politik kann schnell zu wachstumshemmenden Unsicherheiten führen. Die Richtung ist für die FDP aber klar: Ganz im Sinne von Ludwig Erhardt und  den Prinzipien der Sozialen Marktwirtschaft setzt diese Koalition nicht auf mehr Staat, sondern auf die Kräfte der Gesellschaft. Der Politik obliegt es hingegen nur – auch keine leichte Aufgabe – durch eine gute Ordnungspolitik Regeln zu schaffen und durchzusetzen, die diese Kräfte stimulieren und in die richtige Richtung lenken. Daran arbeiten wir.</p>
<p><strong>Jens Seidel,<br />
CDU,  Vorsitzender der CDU-Ratsfraktion</strong></p>
<p><a href="http://www.stadtkind-hannover.de/wp-content/uploads/2010/05/Jens-Seidel_72.jpg"><img class="alignleft size-thumbnail wp-image-7557" title="Jens Seidel" src="http://www.stadtkind-hannover.de/wp-content/uploads/2010/05/Jens-Seidel_72-150x150.jpg" alt="" width="122" height="122" /></a>Ja, die Politik hat Antworten gefunden – Antworten, keine Lösungen. Als allererste Maßnahme zu Beginn der Finanzkrise hat die Bundesregierung durch eine staatliche Garantie für die privaten Spareinlagen dafür gesorgt, dass die Bürger das Vertrauen in die Stabilität des Geldes und die Funktionsfähigkeit des Finanzmarktes nicht verlieren. Zudem hat das Finanzmarktsstabilisierungsgesetz im Oktober 2008 zur Folge gehabt, dass der Finanzmarkt nicht kollabiert ist und die notwendige Zeit für weitere Schritte zur Verfügung stand.</p>
<p>Zu diesen gehörten die Konjunkturpakete I und II sowie die Umweltprämie. Bedingt durch die Finanzkrise befand sich die Weltwirtschaft in einer tiefen Rezession, wobei die Ökonomen, inzwischen positiv gestimmt, ein Ende der Talfahrt prognostizieren. Die politischen Entscheidungen haben die volle Härte der Finanz- und Wirtschaftskrise in Deutschland abgefangen. Mittels der Umweltprämie konnte einer der bedeutendsten Wirtschaftszweige unserer Industrie, die Automobilindustrie, vorwiegend weiter produzieren. Im Zusammenspiel mit der Verlängerung des Kurzarbeitergeldes wurden so Arbeitsplätze erhalten und gesichert. Durch die Konjunkturprogramme erfolgen eine Modernisierung der öffentlichen Infrastruktur, eine Unterstützung des Bausektors und, durch die Veränderungen im Einkommensteuerrecht, eine Entlastung des Bürgers. Selbstverständlich kann die Politik nicht dauerhaft Gelder zur Verfügung stellen. Momentanes Ziel der Politik ist es, Wirtschaft und Wachstums-kräfte zu stärken sowie Arbeitsplätze zu sichern. Zum einen durch das Wachstumsbeschleunigungsgesetz, welches Familien und Unternehmen entlastet, zum anderen durch die Stabilisierung des Sozialversicherungssystems und der Lohnnebenkosten durch einmalige Bundeszuschüsse. Außerdem wird eine gezielte Außenwirtschaftsoffensive betrieben, um Waren und Dienstleistungen „Made in Germany“ international zu vermarkten.</p>
<p>Überdies wurde und wird, nicht nur in Deutschland, sondern international da-ran gearbeitet, dass die Finanzmärkte besser reguliert werden. Deutschland setzt die Beschlüsse konsequent in nationales Recht um und arbeitet aktiv an den weiteren zurzeit verhandelten Regulierungs- und Aufsichtsregeln mit. Zusätzlich plant die Bundesregierung aktuell eine gesetzliche Regelung für eine Bankenabgabe. Diese soll in einen Fonds fließen, der bei künftigen Krisen für die erforderlichen Restrukturierungskosten aufkommt.</p>
<p>Ja, die Politik hat Antworten gefunden. Vielleicht hätten es &#8211; bei mehr Zeit und einem nicht so akuten Handlungsbedarf wie im Herbst 2008 &#8211; schönere, finanziell nicht so belastende Antworten sein sollen. Jedoch darf nicht vergessen werden, dass es gerade am Anfang existenziell wichtig war, schnell und entschieden zu handeln, damit zumindest der deutsche Finanzmarkt einigermaßen stabil blieb. Die Politik wird sich jetzt langsam und aufmerksam begleitend aus der Rolle des „Geldgebers“ und „Ausputzers“ verabschieden müssen, damit die Soziale Marktwirtschaft und die Finanzwelt wieder selbständig anfangen zu laufen – unter dem wachsamen Auge der Politik. Eine Lösung oder gar Patentlösung gab es für dieses Problem nicht. Es bleibt nur die Hoffnung, dass durch die neuen Finanzmarktregelungen eine Krise in diesem Ausmaß zukünftig vermieden werden kann. Daran können und sollten wir alle mitarbeiten, indem wir uns nicht durch zu hohe Zinsversprechen „ködern“ lassen.</p>
<p><strong>Kerstin Tack,<br />
SPD,  MdB</strong></p>
<p><a href="http://www.stadtkind-hannover.de/wp-content/uploads/2010/05/Kerstin-Tack.jpg"><img class="alignleft size-thumbnail wp-image-7565" title="Kerstin Tack" src="http://www.stadtkind-hannover.de/wp-content/uploads/2010/05/Kerstin-Tack-150x150.jpg" alt="" width="150" height="150" /></a>Aus Fehlern muss man lernen, durch Krisen wird man klüger. Das gilt auch für die aktuelle Wirtschaftskrise. In der großen Koalition wurde durch Konjunkturpakete, Bankenstabilisierung und Kurzarbeit das Schlimmste verhindert. Das war richtig und notwendig. Aber die Finanz- und Wirtschaftskrise ist mehr als eine besonders tiefe konjunkturelle Delle. Deshalb reicht es nicht aus, die Krisen-Blessuren mit Pflastern und Gips zu verarzten, sondern es müssen Grundfragen gestellt werden. 200 Tage ist die Bundesregierung im Amt und es gibt kein einziges Gesetz als Lehre aus der Finanzmarktkrise. Vielmehr setzt sie auf die Selbstverpflichtung der Banken.</p>
<p>Die Menschen in unserem Land sind gleich doppelt betroffen. Einerseits musste der Staat für Bankenhilfen und Konjunkturprogramme enorme Kredite aufnehmen, um das Finanz- und Wirtschaftssystem zu retten. Andererseits wurden im Zuge der Finanzkrise viele Anleger um ihre Ersparnisse gebracht. Der Zusammenbruch von Lehman Brothers ist zum Symbol für fehlenden Verbraucherschutz geworden. Zu oft werden Privatanleger bei ihrer Anlageentscheidung unvollständig beraten oder ungewollt zum Kauf von intransparenten Finanzprodukten gedrängt. Eine Studie der Zeitschrift „Finanztest“ zeigt, dass viele Banken und Versicherungen immer noch nicht die richtigen und notwendigen Schlüsse aus der Krise gezogen haben. Ein „Weiter so“ kann und darf es deshalb nicht geben. Es muss sichergestellt werden, dass alle Finanzprodukte, alle Vertriebswege und alle Finanzdienstleister einer Regulierung unterliegen und überwacht werden. Die Annahme, dass im Markt eine Kraft existiert, die die Ökonomie zum Gleichgewicht tendieren lässt, hat sich selbst widerlegt. Nur ein Bündel von Maßnahmen kann zu wirklichen Verbesserungen des Anlegerschutzes führen: Die Bundesregierung muss standardisierte und gesetzlich verpflichtende Produktinformationsblätter einführen. Es muss Mindeststandards für alle Finanz- bzw. Versicherungsvermittler geben (u.a. Qualifikation, Registrierungspflicht, Berufshaftpflicht). Ferner ist das unabhängige Beratungsangebot der Verbraucherzentralen auszubauen: Sie müssen zu einem „Marktwächter“ werden mit Kompetenzen und Befugnissen des Beschwerderechtes bei der Finanzaufsicht und der Möglichkeit zu Sammelklagen. Die Aufsichtsbehörde muss Finanzprodukte notfalls verbieten können, ebenso müssen so genannte Leerverkäufe verboten werden.</p>
<p>Beständig wird aus den Reihen der Bundesregierung über Maßnahmen zur angemessenen Beteiligung der Banken an den Krisenkosten und zur Eindämmung von Finanzmarktspekulationen und Boni-Exzessen schwadroniert. Manches – so die Kanzlerin – sei denkbar, möglich, wünschenswert; anderes dann aber eher nicht oder unter bestimmten Bedingungen doch. Klare Initiativen, zum Beispiel zur Begrenzung der steuerlichen Abzugsfähigkeit überhöhter Boni, werden nach wie vor nicht vorgelegt. Strategie der Bundesregierung ist, mit allgemeinem Gerede die Öffentlichkeit einzulullen – aber den Banken und der Finanzindustrie nicht zu nahe treten.</p>
<p>Die SPD hat im Gegensatz dazu eine klare und konkrete Position. Wir fordern eine Beteiligung der Banken an der Krisenbekämpfung und nicht nur „Peanuts“. Zur Verhinderung einer neuen Krise müssen Regelungen sowohl auf der Ebene des internationalen und nationalen Finanzsystems als auch auf Ebene der einzelnen Banken getroffen werde. Ferner müssen die Maßnahmen gegen Steuerhinterziehung und Steueroasen mit Nachdruck weitergeführt werden. Verbraucher benötigen Schutz und Sicherheit, die Bundesregierung trägt die Verantwortung hierfür.</p>
<p><strong>Diether Dehm,<br />
DIE LINKE, MdB</strong></p>
<p><a href="http://www.stadtkind-hannover.de/wp-content/uploads/2010/05/Diether-Dehm.jpg"><img class="alignleft size-thumbnail wp-image-7566" title="Diether Dehm" src="http://www.stadtkind-hannover.de/wp-content/uploads/2010/05/Diether-Dehm-150x150.jpg" alt="" width="108" height="108" /></a>Ackermann regiert im Kanzleramt. Deutsche Banken wurden mit 480 Milliarden Euro (Bürgschaften und Kapital) gerettet. Unsere Wirtschaft schrumpfte 2009 um fünf Prozent. Keine Regierung der Nachkriegszeit hat Deutschland so an die Wand gefahren. Sollte die offizielle Wachstumsprognose stimmen, werden wir frühestens 2013 wieder da sein, wo wir 2008 schon waren. Das heißt: Viele haben fünf Jahre umsonst gearbeitet – für Ackermann und seine Bankster.</p>
<p>Ex-Bundesbankchef Tietmeyer lehrte die Staatschefs auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos einst wie Schuljungen in Demokratieabsage: „Sie stehen alle unter der Kontrolle der internationalen Finanzmärkte!“ Gerhard Schröder und Angela Merkel waren darin Klassenstreber. Sie haben die Spielsucht der Finanzmärkte gefördert wie Taliban den Opiumhandel: Zulassung von Hedge-Fonds, Förderung von Schrottpapieren bzw. „finanziellen Massenvernichtungswaffen“ (Warren Buffett), Steuergeschenke an Konzerne und Superreiche sowie die Privatisierung der Rente! Deren Nutznießer, die Allianz AG, spendet seither nebst anderen Finanzhaien allen Parteien im Bundestag Millionen &#8211; nur nix der LINKEN. Sollten MdBs nicht endlich offen das Logo ihres Sponsors am Kragen tragen, wie Formel-I-Piloten?</p>
<p>Billiglöhne und die Wirtschaftskrise sind siamesische Zwillinge. Wenn die Bevölkerung kein Geld in Geschäfte bringt, werden Unternehmen nicht investieren und Banken das Kapital im Casino verzocken. Schröder prahlte, er habe mit der Agenda 2010 einen der „besten Niedriglohnsektoren aufgebaut, den wir in Europa haben!“ Deutsche Konzerne haben wie China mit Billiglöhnen den Weltmarkt erobert. Dies hat die Haushalte in den USA oder Spanien und Griechenland in die Schuldenfalle getrieben. Gut für Siemens &amp; Co., aber schlecht für Griechenland – und Deutschland: Beim Wachstum sind wir seit zehn Jahren schwächer als der Rest der Eurozone. Dafür holen wir weiter auf in Waffenexporten.</p>
<p>Die Spekulanten tanzen wieder auf den Tischen: Die Commerzbank macht trotz staatlicher Carepakte Geschäfte mit Steueroasen. Schäuble muss sich Daten von Steuerdieben und Geldwäschern auf dem CD-Basar besorgen. Leerverkäufe sind wieder legal. Spekulanten dürfen auf Aktienkurse wetten, selbst wenn sie die Papiere nicht besitzen. Merkel will sogar vergiftetes Leergut (Verbriefungen) wieder fördern. Die Deutsche Bank macht indes kräftig Gewinne. Fünf Milliarden Euro nach Steuern. Davon überwiegend im Investmentbanking und mit Staatsanleihen. Der Staat macht Schulden, um die Bankenmacht zu sanieren. Und an wen fließen die Zinsen? An die Bankenmacht. Namenloser Wahnsinn? Nee, Ackermann heißt er, uns bescheißt er.</p>
<p>US-Präsident Obama will „jeden Cent eintreiben, den Banken der amerikanischen Bevölkerung schulden!“ Er will ihnen verbieten, mit fremdem Geld auf Währungen, Aktien oder Rohstoffe zu spekulieren. Eine Bankenabgabe nach US-Vorbild brächte in Deutschland 9 Milliarden Euro jährlich. Die Regierung plant nur eine billige Kopie. Statt die Steuerzahler zu entschädigen, sollen Banken nur 1 Milliarde Euro jährlich in eine Versicherung abführen. Merkel versprach vor der Wahl eine Finanztransaktionssteuer. Jetzt interessiert sie ihr Geschwätz von gestern nicht mehr.</p>
<p>DIE LINKE fordert wie Wirtschaftsnobelpreisträger Krugman die Verstaatlichung des gesamten Kreditsektors, auch der profitablen Spekulationsbanken. Die Regierung soll zudem kriminelle Finanzgeschäfte verbieten, den Schrott aus den Bankbilanzen sortieren und die Steuerzahler mit den Gewinnen der Banken entschädigen. Bei uns bekäme der Mittelstand  dann wieder erschwingliche Kredite. Bankenverstaatlichung wäre die billigste Lösung. Auch wenn CDU/CSU-Seilschaften in Landesbanken Transparenz &amp; Aufsicht eher behinderten: Öffentliche Banken sind die einzige Chance für Wähler einzugreifen. Solange aber Ackermann das Kanzleramt regiert, wird die breite Mehrheit von den Finanzhaien weiter abgezockt.</p>
<p><strong>Maaret Westphely,<br />
Mitglied der Ratsfraktion Bündnis 90 / Die Grünen</strong></p>
<p><a href="http://www.stadtkind-hannover.de/wp-content/uploads/2010/05/Maaret-Westphely.jpg"><img class="alignleft size-thumbnail wp-image-7567" title="Maaret Westphely" src="http://www.stadtkind-hannover.de/wp-content/uploads/2010/05/Maaret-Westphely-150x150.jpg" alt="" width="150" height="150" /></a>Schwarz-Gelbes Grusel-Kabinett zerstritten und planlos. Schon nach wenigen Monaten brachen in der neuen Regierungskoalition im Bund mit dem dritten Konjunkturpaket, dem Wachstumsbeschleunigungsgesetz, heftige interne Streitereien auf. Nicht nur, dass die in diesem Gesetz beschlossenen willkürlichen Steuergeschenke umstritten sind, auch das Ziel an sich wurde in Zweifel gezogen. Die Ursachen für diese Krise haben doch deutlich gezeigt, dass ein ungebremstes, unkontrolliertes Wachstum das eigentliche Problem ist. Eine aktuelle Diskussion darüber, wo heute die Grenzen unseres Wachstums liegen ist nötiger denn je.</p>
<p>Über unsere Zukunft entscheidet, wie wir zu einer Senkung des Ressourcenverbrauches kommen, dass die Energiegewinnung sauber und sicher wird, und dass gerechte Teilhabe, vor allem dem Zugang zu Bildung und sozialer Absicherung gewährleistet werden. Zu all diesen Themen haben uns die Regierungsfraktionen bisher keine Wege aufzeigen oder Lösungen anbieten können.</p>
<p>Noch immer Mitten in der Krise wird das Bedürfnis auf Sicherheit in der Bevölkerung völlig verkannt. Dies wird besonders deutlich in den Vorschlägen der Regierungskoalition auf die wichtigen Fragen zur Finanzierung der Pflege- und Gesundheitsleistungen. Gerade wurde uns weltweit die Instabilität kapitalgedeckter Absicherung vorgeführt. Aber anstelle sich auf die Solidarität innerhalb einer Gesellschaft zu besinnen und die Sicherungssysteme im Sinne einer solidarischen Bürgerversicherung weiter zu entwickeln, wird bei der Pflegeversicherung auf Kapitaldeckung und Individualisierung und bei der Krankenversicherung auf die Aufkündigung des Solidaritätsprinzip durch die Kopfpauschale gesetzt. Der Ausgleich für die Beiträge finanziell Schwächerer aus Steuermitteln geht dabei einseitig zulasten der kleinen SteuerzahlerInnen (der Arbeitgeberanteil ist gedeckelt) und außerdem stellt sich die Frage: Aus welchen Steuermitteln eigentlich? Aus den Steuersenkungen, die uns die großzüge Klientelpolitik der FDP eingebrockt hat? Die Folge ist zwangsläufig eine noch höhere Verschuldung des Staatshaushaltes.</p>
<p>Für Hannover haben wir uns gerade durch die Kämmerei der Stadtverwaltung aufzeigen lassen müssen, dass allein die Maßnahmen der Konjunkturpakete Mindereinnahmen in der Höhe von 10 Millionen/Jahr ausmachen. Die Auswirkungen einer großen Steuerreform wären weitaus einschneidender. Dabei brauchen wir für Hannover weiterhin den engagierten Ausbau der Kinderbetreuung für Kleinkinder und gleichzeitig die schrittweise Umrüstung der Grundschulen zu Ganztagesschulen. Für diese großen finanziellen Vorhaben, hinter denen wir Grüne mit voller Überzeugung stehen, sind die Pläne einer großen Steuerreform zulasten der kommunalen Einnahmen eine Katastrophe.</p>
<p>Nicht unerwähnt bleiben darf die Kampagne zur Diskeditierung derjenigen, die zurzeit auf staatliche Hilfe angewiesen sind. Dieser polemische Auftakt für eine vermeintliche Generaldebatte zum Sozialstaat ist vielmehr als Versuch zu werten, sich die Akzeptanz für die Abkehr von eben diesem zu verschaffen. Der Begriff der „römischen Dekadenz“ ist nicht nur verachtend, sondern in dem gebrauchten Zusammenhang absurd – dekadent waren immer nur die Mächtigen und Gierigen. Stattdessen sollte diskutiert werden, wie sinnvolle und Sinn stiftende Arbeit innerhalb eines verlässlichen Sozialen Arbeitsmarktes geschaffen werden kann. Schließlich ist der Bedarf an gemeinwohlorientierter zusätzlicher Arbeit groß. Und vielen Langzeitarbeitslosen bieten die ständig wechselnden Programme und Angebote der Beschäftigungsförderung keine Perspektiven oder echte Möglichkeiten der Teilhabe.</p>
<p>Die Zusammenfassung ist simpel – die Regierungskoalition hat bisher keine Antworten auf die drängenden Fragen für die Zukunft gegeben.<br />
<strong><br />
Spax,<br />
Rapper</strong></p>
<p><a href="http://www.stadtkind-hannover.de/wp-content/uploads/2010/05/Spax_72.jpg"><img class="alignleft size-thumbnail wp-image-7572" title="Spax" src="http://www.stadtkind-hannover.de/wp-content/uploads/2010/05/Spax_72-150x150.jpg" alt="" width="150" height="150" /></a>Krisen sind eine krude Mischung aus Kernseife und Herpes – sie haben sowohl etwas reinigendes als auch etwas sehr unangenehmes. Ein Freund von mir hat gerade Herpes – ein großes häßliches leuchtendes Ding, und er hat gesagt, dass der Herpes immer wiederkommt – so ist das mit den Krisen auch. Die Krise hat den Säbelzahntiger als natürlichen Feind des Menschen abgelöst und ist seitdem ein ständiger Begleiter unserer Evolution: von der Feuersteinkrise bis hin zur Ölkrise. Was hab ich persönlich nicht schon alles an Krisen gehabt. Eine nahezu komplette Sammlung von Sinnkrisen über Glaubenskrisen bis hin zu Finanzkrisen.</p>
<p>Aber mein Motto war stets: „I will survive!“, das Leitmotiv aller Kakerlaken und Gloria Gaynor. Und natürlich hielt ich es bis hierhin auch mit Elton John, denn „I&#8217;m still standing!“. Jeder hat seine eigene Art mit einer Krise umzugehen. Der eine steckt seinen Kopf in den Sand oder umgekehrt und ignoriert sie, der andere weiß von ihr und sitzt sie helmut-kohlig aus. Andere packen das Problem an und trainieren mit Apollo. Ach ja, Rocky 3, die reinste Versinnbildlichung von Krisenbewältigung, die ich mir vorstellen kann. Herr Balboa ist am Ende und Herr Creed bringt ihn dazu, seine alten Techniken über den Haufen zu werfen und neue zu lernen. Es hat auch ein bisschen was mit Wurzelfindung zu tun.</p>
<p>Wann immer ich in einer Krise stecke, analysiere ich sie erstmal. Was ist das Problem? Was kann ich tun? In der momentanen Situation hier in Deutschland und in der Welt allgemein schätze ich meine Möglichkeiten als relativ beschränkt ein. Was könnte der Einzelne tun, wenn ganze Nationen scheitern und straucheln? Die Krise, in der wir stecken scheint jedoch weniger eine abebbende Finanzkrise inklusive aller Nachwehen zu sein, als vielmehr eine Moralkrise. In den vergangenen Monaten wurde deutlich, was viele ahnten, einige wussten und die meisten verdrängten: Das System ist im Arsch! Bäääääm!!!</p>
<p>Neben dem aufrechten Gang hat der Mensch ganz elegant auch eine „Ich lüg mir selbst in die Tasche um mich besser zu fühlen“-Attitüde kultiviert. Ignoranz als Selbsterhaltungsstrategie. Bis vor einigen Jahren zeigte beispielsweise MTV Sendungen wie MTV-Cribs. Dort konnte Otto-08/15 sehen, wie die Stars so leben und was sie sich leisten. Traumanimation hätte man das bestenfalls nennen können. Als immer mehr Menschen realisierten, dass das für sie vollkommen unerreichbar ist, fing man an, den Menschen ihr eigenes Leben näher zu bringen. Das ist krank! Sie zeigen im Fernsehen das Leben von Leuten, mit dem sich andere Leute trösten können – so nach dem Motto: „So scheiße geht es uns aber noch nicht!“</p>
<p>Politisch sitzen wir wie gewohnt auf den billigen Plätzen, aber punktgenau zwischen den Stühlen. Die Volksvertretung vertritt sich selbst und am besten ihre eigene Interessen. So ist das Krisenmanagement der krisensicherste Job – paradox! Ob da das Krisenmanagement will, dass die Krise vorbei geht? Fakt ist doch, dass egal was gemacht wird, der bittere Beigeschmack der Ungerechtigkeit bleibt. Und irgendwie hat man das alfred-tetzlaffige Gefühl des hilflosen kleinen Mannes. Aber was hilft es, in die Luft zu gehen wie das legendäre HB-Männchen, wenn keine Zigarette der Welt das Problem löst?</p>
<p>Es wäre vielleicht eine Überlegung wert, bei der nächsten Bundestagswahl mal mit bedacht zu wählen und zu hoffen, dass nicht wieder einer Außenminister wird, der auf einer Kanonenkugel durch die Welt reitet. Andererseits ist es natürlich auch immer eine Wahl zwischen Orange und Apfelsine. Ich bin nicht sicher, ob irgendeine Bundesregierung die richtigen Antworten findet, weil ich denke, dass die Politik sich zum Großteil nicht mal die richtigen Fragen stellt. Bis zur Lösung in einem fernen Erdzeitalter habe ich folgenden Tipp von einem Arbeitskollegen: „Kopf hoch, mein Sohn, nimm erst mal &#8216;n Taschentuch! Das Leben ist ein Auf und Ab wie &#8216;n Flaschenzug.“ (Dendemann: Ich so, er so)</p>
<p><strong>Klaus-Dieter Gleitze,<br />
Geschäftsführer SCHUPPEN 68www.schuppen68.de</strong></p>
<p><a href="http://www.stadtkind-hannover.de/wp-content/uploads/2010/05/Klaus-Dieter-Gleitze.jpg"><img class="alignleft size-thumbnail wp-image-7573" title="Klaus-Dieter Gleitze" src="http://www.stadtkind-hannover.de/wp-content/uploads/2010/05/Klaus-Dieter-Gleitze-150x150.jpg" alt="" width="150" height="150" /></a>„Lasst jede Hoffnung hinter euch, ihr, die ihr eintretet.“ Diese Zeilen aus Dantes Göttlicher Komödie können auch als Besucher-Motto über dem aktuellen politischen Betrieb stehen, in dem die politischen Akteure vor sich hinwerkeln, als sei nichts geschehen. Wir sind immer noch in der größten Wirtschaftskrise seit 80 Jahren. Und was sind die Konsequenzen? Keine. Es gibt nach wie vor keine Börsenumsatzsteuer, keine Deckelung von Managergehältern, keine Regulierung der aus den Fugen geratenen Finanzmärkte. Verstaatlicht wurden lediglich die schlechten (Banken-)Risiken wie die Hypo Real Estate, für die jetzt der Steuerzahler und die Einkommensschwachen aufkommen.</p>
<p>Herr Ackermann und die deutsche Bank, die Allianz und andere verdienen sich nach wie vor dumm und dämlich. Dumm und dämlich kommen sich auch die Leute vor, die dem großen Sonntagsblablabla der Parteien geglaubt haben, jetzt müsste man endlich mit eiserner Hand den Augiasstall ausmisten.</p>
<p>Hat die Politik die richtigen Antworten auf die Krise gefunden?</p>
<p>Wie sollte sie, da sie erst gar nicht die richtigen Fragen gestellt hat. Eines ist sicher positiv an der Krise und der Politikentwicklung der letzten Jahre: die Erkenntnis, dass sich die Parteien bis zur Ununterscheidbarkeit einander ähneln. Auf der Rechten denkt die CDU über Atomausstiege nach, die FDP entdeckt ihr Herz für Hartz-IV-Schonvermögen, und was man früher links nannte, zeichnet sich in Form der SPD durch den größten unsozialen Schnitt der Nachkriegszeit in Form von Agenda 2010 aus, legt sich in Gestalt der Grünen prinzipienlos mit jedem in ein gut gepolstertes Koalitionsbett und beharkt sich mit nachstalinistischem Furor parteiintern wie die Linken, die sich hier auf kommunaler Ebene vor lauter Postenschacherei in ein völlig unüberschaubares Fraktionen-Konglomerat zersägt haben. Links, rechts, rinks, lechts? Dazu kommt nebenbei die gänzlich unappetitliche Posse um den Landtagsbau, wo eine überwältigende Abgeordneten-Mehrheit nicht vorhandene Millionen für eine architektonische Würstchenbude mit spätrömischer Dekadenz aus dem Fenster schleudert, während jeder siebte Niedersachse armutsgefährdet ist. Und so weiter. Es reicht. Die Wirtschaftskrise ist auch eine Politikkrise, das System steckt aus eigener Verantwortung der Handelnden in einer Legitimationskrise, deren geringstes Symptom noch die sinkenden Wahlbeteiligungen sind.</p>
<p>Was tun? Nicht immer bloß meckern und analysieren, sondern: Den Herrschenden auf die Pelle rücken, sich selbst eine Stimme geben und die Sache (die res publica, die öffentlichen Angelegenheiten) in die eigene Hand nehmen. Zum Beispiel wie der SCHUPPEN 68: Motiviert u.a. durch die oben geschilderten Umstände treten wir 2011 wieder zur Kommunalwahl an. 1991 sind wir als erste Satirepartei Deutschlands überhaupt real zu einer Wahl angetreten, damals zur Kommunalwahl in Hannover. Zum 20-jährigen Jubiläum gönnen wir uns, der Stadt und dem Erdball den Luxus und machen’s noch einmal. Unser Wahlkampf wird auf drei Säulen ruhen: Satire, Aufklärung, Kultur. Informieren Sie sich auf www.schuppen68.de und nehmen Sie Kontakt mit uns auf. Wir suchen noch Kandidat/innen, die (zu allem) fähig sind! Das wäre dann Handeln in der Tradition der Aufklärung im besten Sinne: das eigene Interesse erkennen und selbstbestimmt danach handeln.</p>
<p>P.S.: Wie dringend der Bedarf an einer Repolitisierung der Kunst ist, zeigt u.a. die Tatsache, dass bisher nicht ein einziger Kulturschaffender unserer Region z. B. den Landtagsneubau-Skandal genutzt hat, um mit einer künstlerischen Intervention den Verantwortlichen kreativen Dampf unterm Abgeordnetensessel zu machen.</p>
<p><strong>Hans-Henning v. Hoerner,<br />
Rechtsanwalt, Mitglied Amnesty International www.ai-hannover.de</strong></p>
<p><a href="http://www.stadtkind-hannover.de/wp-content/uploads/2010/05/Hans-Henning-v.-Hoerner.jpg"><img class="alignleft size-thumbnail wp-image-7575" title="Hans-Henning v. Hoerner" src="http://www.stadtkind-hannover.de/wp-content/uploads/2010/05/Hans-Henning-v.-Hoerner-150x150.jpg" alt="" width="120" height="120" /></a>„New Deal“ hieß der Neubeginn nach der Weltwirtschaftskrise 1929. Nach der Liberalisierung des Finanz- und Währungssystems ab den 70er Jahren wurde die Weltwirtschaft wieder krisenanfälliger, und in den 90er Jahren führte die Spekulation gegen die Währungen vor allem von Entwicklungs- und Schwellenländern zu Staatskrisen mit Verarmung weiter Teile der Bevölkerung, so z.B. in Mittel- und Südamerika und in Russland, Asien. Jetzt bei der ganz großen internationalen Finanzkrise brauchen wir den „Green New Deal“, ein ökologisch-gemeinwirtschaftliches Umsteuern der gesamten (Welt-)Wirtschaft: Volkswirtschaft nicht mehr in erster Linie zur privaten Profitvermehrung im Sinne des abgewirtschafteten Neoliberalismus, sondern für das Wohl der Nationen, für die Bürgerinnen und Bürger:</p>
<p>-  Statt freier Spekulation mit „über-flüssigem“ Kapital brauchen wir eine effektive Besteuerung und öffentliche Investitionen in Bildung, Forschung und Daseinsvorsorge sowie international eine Kapitalverkehrssteuer zur Finanzierung z.B. von Entwicklungshilfe.<br />
-  Staatshilfen für marode Banken nicht ohne gleichzeitige radikale Reform des internationalen  Finanzsystems. Sicherung der Geld- und Kreditversorgung muss Vorrang vor Spekulation haben.<br />
-  Wir brauchen stärkeren politischen Einfluss auf die (Geld-)Wirtschaft zur Sicherung von gemeinnützigen, ökologischen Zielen. Übrigens auch zur Stärkung von Mitbestimmung, Gesundheit am Arbeitsplatz, zur Gleichbehandlung von Frauen und Männern, zu gesetzlichen Mindestlöhnen.</p>
<p>Aber das alles ist nichts ohne Frieden. Kein Krieg für Öl – im Irak und letztlich auch in Afghanistan, wo angeblich „Krieg gegen Terror und für Menschenrechte“ geführt wird.</p>
<p>Amnesty International erinnert daran, dass die Finanzkrise vor allem zu einer Armuts-, Hunger- und Lebenskrise in den Entwicklungsländern führt. Die Internationale Gemeinschaft – auch wir Deutschen, also auch jede und jeder einzelne von uns – hat sich verpflichtet, neben den traditionellen Menschenrechten auf Leben, Freiheit und Gleichheit auch die wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Menschenrechte zu schützen und aktiv zu fördern:</p>
<p>-  „Alle Menschen haben Recht auf Nahrung, Gesundheit, Bildung, Wohnung, Arbeit, Bildung von Gewerkschaften, soziale Sicherheit, Teilnahme am kulturellen Leben u.a.“ AI moniert, dass auch Deutschland seine Verpflichtungen aus konkreten Abkommen zu internationaler Solidarität, bei der Entwicklungshilfe oder bei den Rechten für Frauen, Jugendliche und Kinder, insbesondere für MigrantInnen nicht vollständig erfüllt.<br />
-   AI erinnert in aktuellen Kampagnen daran, dass die Verelendung zur Rechtlosigkeit führt, vor allem bei Frauen und Mädchen „Verletzt, Verkauft, Verheiratet“ und mahnt die Einhaltung von Menschenrechten in Südafrika an, wo demnächst die Fußball-Weltmeisterschaft startet (AI-Journale 02 bis 05/2010, www.amnesty.de).<br />
-  Jeden Montag ab 18.00 Uhr kann man sich bei „Amnesty after work“ im AI-Büro Hannover, Fraunhoferstr. 15, über unsere Arbeit informieren und sich an Aktionen für die Menschenrechte beteiligen. Dazu gibt es Kaffee, Tee und Kekse. Unser Arbeitskreis „Menschenrechtsbildung an Schulen“ engagiert Schülerinnen und Schüler für die Menschenrechtsarbeit. www-ai-hannover.de</p>
<p><strong>Thomas Bauer,<br />
Messtechniker / Fotograf, Bündnis für die Zukunft www.buendnis-zukunft.de</strong></p>
<p><a href="http://www.stadtkind-hannover.de/wp-content/uploads/2010/05/Thomas-Bauer.jpg"><img class="alignleft size-thumbnail wp-image-7574" title="Thomas Bauer" src="http://www.stadtkind-hannover.de/wp-content/uploads/2010/05/Thomas-Bauer-150x150.jpg" alt="" width="135" height="135" /></a>Es geht weiter in den Staatsbankrott. Die CDU/FDP-Koalition regiert mit Scheinaktivitäten, dabei Wirtschaftskompetenz vortäuschend, um so ihre angeblich alternativlose Verschuldungspolitik zu legitimieren. Die Verluste scheinbar systemrelevanter Banken werden sozialisiert, während sich das Spekulationsroulette und die Schuldenuhr in Richtung Staatsbankrott weiterdreht. Dabei besteht bei 7,4 Billionen Euro deutschen Geldvermögens (lt. Bundesbankbericht 2008) durchaus die Möglichkeit, einen Staatsbankrott abzuwenden, wenn eine Abkehr vom bisherigen Umverteilungssystems erfolgt.</p>
<p>Statt 5 % Zinsen (oft mehr) als „Geldsteuer“ für das Zahlungsmittel Geld zu entrichten, müssen diese, meist leistungslos erzielten Geldvermögen, rigoros durch eine Steuer in vergleichbarer Höhe zur Staatssanierung herangezogen werden, denn den wenigen Milliarden Euro, die als Bankenabgabe für die kommenden Krisen angespart werden sollen, stehen jährlich allein 370 Milliarden Euro neues Geld gegenüber, die keinen realwirtschaftlichen Bezug mehr haben.</p>
<p>- Nachrichtensplitter: Der NDR meldet am 19.4.2010, dass die Staatsschulden (lt. aktuellem Bundesbankbericht) von Bund, Ländern, Gemeinden und Sozialversicherungen für 2009 zusammen auf 1,7 Billionen Euro angewachsen sind. Das sind 116 Milliarden Euro mehr als für 2008 und entsprechen 73 % des BIP (lt. Maastricht sind max. 60% erlaubt). / Die FDP erklärte zeitgleich an ihren Plänen für weitere Steuerentlastungen festzuhalten. / Die Investmentbank Goldman Sachs wird jetzt wegen des Verdachts auf Täuschung von Anlegern angeklagt, da Manager eines Fonds nur zum eigenen Vorteil auf dessen Misserfolg „gesetzt“ haben sollen! Kanzlerin Merkel, die um gute Kontakte zu den USA bemüht ist, sei darüber mehr als nur verstimmt. (Handelsblatt, 20.4.2010)</p>
<p>Trotz absehbarer staatlicher Zahlungsunfähigkeit halten politische Parteien weiter am real existierenden Kapitalismus fest, wobei sich Reform-Linke eine sozialere und Grüne eine ökologischere Variante schönreden. So vermeiden es auch die einstigen Wahlalternativen, jetzt etablierten Parteien, die Notwendigkeit einer Geld- und Finanzreform in Betracht zu ziehen, obwohl diese geeignet sind, den sozialen Umverteilungsprozess aufzuhalten. Fehler im internationalen Geld- und Finanzsystem werden inzwischen zwar öffentlich benannt aber nicht beseitigt. Die aktive Mitbeteiligung aller Parteien am Sozialabbau und an der Militarisierung deutscher Außenpolitik der letzten Jahre erklärt ihren Glaubwürdigkeitsverlust in der Öffentlichkeit. Sie sind aber gerade durch die Einbeziehung systemkritischer Menschen in bloße Symptombekämpfung für den Erhalt des bestehenden Systems von besonderem Nutzen. Und von angepassten Personen, die sich ganz den Verwertungsbestrebungen der Kapitalbesitzer unterordnen, ist ein politischer Richtungswechsel nicht mehr zu erwarten.</p>
<p>Der Erhalt und der Ausbau regionaler Versorgungs- und Produktionsstrukturen ist heute für unsere moderne arbeitsteilige Gesellschaft ebenso wichtig, wie das Gründen von Genossenschaften und das Begründen „Runder Tische“ als Plattform direkter Demokratie für eine sach- und fachkundige Bürgerbewegung, die gesellschaftlich übergreifend politische Entscheidungen dort mitträgt, wo zwischen Absichtserklärungen und Praxis der Parteienpolitik noch Welten von Lügen liegen.</p>
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		<title>schneller rausch – großes risiko</title>
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		<pubDate>Wed, 31 Mar 2010 22:00:13 +0000</pubDate>
		<dc:creator>wolke</dc:creator>
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		<category><![CDATA[2010-04]]></category>

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		<description><![CDATA[Das alles ist nicht besonders cool. Daniel starrt an die Decke und versucht sich zu erinnern. Aber da ist nicht viel. ]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><strong>kinder und jugendliche hart am limit</strong></p>
<p><em><strong><span style="color: #ff0000;">Nicht besonders cool…</span></strong></em><br />
<a href="http://www.stadtkind-hannover.de/wp-content/uploads/2010/05/22-43_Stadtkind_April_10_72.jpg"><img class="alignright size-medium wp-image-6870" title="Hart am Limit" src="http://www.stadtkind-hannover.de/wp-content/uploads/2010/05/22-43_Stadtkind_April_10_72-300x235.jpg" alt="" width="300" height="235" /></a>Fürchterliche Kopfschmerzen, irgendwelche Gestalten in weißen und grünen Kleidern, die sich im Zimmer herumtreiben. Erst nach einer Weile dämmert es Daniel (14). Er ist im Krankenhaus. Allein, ohne seine Freunde, und – wie er nach einem kurzen Blick unter die Bettdecke feststellt – ohne seine Klamotten. Stattdessen trägt er eins dieser sehr luftigen Klinik-Hemden. Peinliche Angelegenheit. Das alles ist nicht besonders cool. Daniel starrt an die Decke und versucht sich zu erinnern. Aber da ist nicht viel. Ein paar Bilder der beginnenden kleinen Party im Zimmer von Jan, seinem besten Freund. Der hat coole Eltern. Sie lassen ihn in Ruhe. Was der in seinem Zimmer treibt, ist denen völlig egal. Ganz im Gegensatz zu Daniels Eltern. Ihm wird ein bisschen schlecht, als er an seine Eltern denkt. Vielleicht sind es aber auch nur die Nachwirkungen der letzten Nacht. Die beiden werden ausflippen. Hausarrest bis ans Ende seines Lebens, da kann er sich schon jetzt sicher sein. Er hätte es einfach lassen sollen.</p>
<p>Noch so ein Bild, an das er sich erinnern kann: Jan hatte ein paar Flaschen Wodka besorgt. Keine Ahnung, woher er das Zeug hatte. Sonst haben sie immer nur Bier getrunken, nicht wenig. Bei 14 Flaschen liegt Daniels Rekord. Jan schafft sogar noch mehr. Und gestern waren es dann ein paar Flaschen Wodka, mit reichlich Red Bull. Schmeckt dann nur süß und nicht nach Alkohol. Julia und Anja waren auch da. Getrunken haben sie alle. Vier oder fünf Mischungen, bis die Mädchen gesagt haben, dass es ihnen reichen würde. Bis sie nicht mehr wollten, lieber noch ein bisschen raus, in die Fußgängerzone. „Ist doch erst neun. Was wollt ihr denn jetzt schon draußen“, hatte Jan sich aufgeregt. „Ich muss um zehn zu Hause sein“, hatte Julia geantwortet. Und für allgemeines Gelächter gesorgt. „Na und, ich muss auch um zehn zu Hause sein“, hatte Daniel gesagt. „Und, interessiert mich das? Eine Mischung geht noch.“ Julia hatte ihr Glas zugehalten, aber sich dann doch überreden lassen.</p>
<p>„So eine Flasche trinke ich alleine auf ex.“ Ja, das hatte er gesagt. Und es dann auch getan.</p>
<p>Danach verschwimmt Daniels Erinnerung. Sie waren kurz darauf raus gegangen, Richtung Fußgängerzone. Mehr ist nicht mehr zu holen in seinen Hirnwindungen. Der Kopf einer Schwester erscheint dort, wo gerade noch die Zimmerdecke war. „Na, junger Mann, aufgewacht?“ fragt sie.</p>
<p>„Das siehst du doch“, antwortet Daniel – seine Laune ist an diesem Morgen nicht unbedingt die beste. „Ich brauche mal mein Handy.“ Er muss unbedingt bei Jan anrufen, ihn fragen, was passiert ist.</p>
<p>„Das kannst du leider vergessen, junger Mann. Du hattest nichts dabei, kein Handy, kein Portemonnaie. Auch keine Jacke. Und das bei dem Wetter. Du kannst froh sein, dass jemand rechtzeitig den Krankenwagen gerufen hat. Verrätst du mir deinen Namen? Ich denke, deine Eltern werden wissen wollen, wo du bist.“</p>
<p>Daniel erkennt den Hauch einer Chance. „Ich stehe jetzt auf und gehe“, sagt er. „Warte, dann hole ich zuerst meinen Fotoapparat. Gibt sicher ein paar lustige Bilder, wenn du in deinem Hemdchen auf die Straße läufst.“ Daniel hat an diesem Morgen keinen Sinn für lustige Krankenschwestern. „Wo sind meine Klamotten?“ fragt er. „Ich will jetzt meine Klamotten. Ich muss weg.“</p>
<p>„Jetzt hör mir mal gut zu, junger Mann. Erstens bist du höchstens 15 Jahre alt. Und zweitens warst du gestern mehr tot als lebendig, als du hier angekommen bist. Wir haben 2,8 Promille festgestellt. Du hattest dich eingenässt, und was wir auf deinem T-Shirt gefunden haben, will ich dir mal besser ersparen. Deine Klamotten sind irgendwo in einem blauen Sack, und dort bleiben sie auch. Es gibt jetzt genau zwei Möglichkeiten: Du sagst mir, wie du heißt, dann rufen wir deine Eltern an. Oder du lässt es, dann rufe ich die Polizei an. Melden werden die sich sowieso noch bei euch die nächsten Tage. Aber ich kann sie auch gleich rufen, wenn dir das lieber ist. Darüber kannst du jetzt zehn Minuten nachdenken, dann komme ich wieder. Und noch etwas: Ich werde das nicht mit dir diskutieren. Wir haben hier nämlich Leute im Krankenhaus, die sind ernsthaft krank. Bis gleich.“</p>
<p>Offensichtlich hat die Krankenschwester an diesem Morgen ähnlich schlechte Laune wie Daniel. Und das liegt nicht allein an der zurückliegenden Nachtschicht. Die wäre auch so anstrengend genug gewesen. Sturzbetrunkene Jugendliche, zumal junge Männer, sind nicht unbedingt eine Freude während so einer Schicht. Sie sind stark – und mit Alkohol manchmal sogar noch ein bisschen stärker. Keine leichten Kunden. Manche randalieren, andere sind dazu zwar nicht mehr in der Lage, was aber auch bedeutet, dass sie ihre Körperfunktionen nicht mehr so ganz im Griff haben. So wie dieser Kandidat. Völlig unterkühlt. Er hat Glück gehabt. Ein oder zwei Stunden weiter, dann wäre es vielleicht zu spät gewesen. Die Arbeit mit diesen Jugendlichen gleicht oft einem zähen Kampf: Auf der einen Seite ein widerspenstiger junger Mensch, auf der anderen eine im besten Fall geduldige Krankenschwester, die alle Beleidigungen stoisch erträgt. Manche wehren sich mit Händen und Füßen, sie haben alles im Griff, sie gehören überhaupt nicht ins Krankenhaus. Das fällt ihnen aber meistens erst ein, wenn sie irgendwann in der Nacht wach werden. Wenn sie sich fragen, wo sie gelandet sind. Bis man sie dann wieder einigermaßen beruhigt hat, kann es dauern. Und manchmal muss man doch noch einmal die Polizei zur Hilfe holen. Wenn der Alkohol sich allmählich verflüchtigt hat, verschwinden die starken jungen Erwachsenen. Am nächsten Morgen im Bett bleibt meistens nur ein Häufchen Elend übrig, ein Kind. Dann tun sie einem leid. Zumindest teilweise. Da schlagen zwei Herzen in der Brust. Man will sie in den Arm nehmen, und man wünscht sich doch, dass die Eltern kommen und dem Kerlchen mal so richtig die Leviten lesen. Ein paar Nackenschläge, so wie früher. Das kommt auch hin und wieder vor, dann setzt es gleich im Krankenhaus Backpfeifen – und zurück bleibt beim Krankenhauspersonal nur die Einsicht, dass es so auch nicht geht. Dass man eher eine Ahnung davon bekommen hat, warum dieser junge Mensch ursächlich im Krankenhaus gelandet ist. Und dann gibt es noch die Fälle, bei denen einem einfach die Worte fehlen und von denen man in letzter Zeit vermehrt in den Zeitungen liest. Das Komasaufen schafft es immer wieder auf die Titelseiten. 11-Jährige, 9-Jährige, man hat den Eindruck, sie werden immer jünger.</p>
<p><span style="color: #ff0000;"><em><strong>Hart am Limit</strong></em></span><br />
<a href="http://www.stadtkind-hannover.de/wp-content/uploads/2010/05/22-43_Stadtkind_April_101_72.jpg"><img class="alignleft size-medium wp-image-6869" title="Hart am Limit" src="http://www.stadtkind-hannover.de/wp-content/uploads/2010/05/22-43_Stadtkind_April_101_72-300x203.jpg" alt="" width="300" height="203" /></a>Daniel hat sich gegen die Polizei und für seine Eltern entschieden. Zusätzlich bekam er unerwarteten Besuch. Seit 2008 gibt es in Hannover das Projekt „HaLt – Hart am Limit“. Die Idee ist einfach und überaus erfolgreich: Wird bei Kindern und Jugendlichen im Krankenhaus eine Alkoholintoxikation festgestellt, erfolgt nach Einwilligung der Eltern ein erstes Gespräch mit einer zertifizierten Beratungskraft direkt vor Ort, also noch im Krankenhaus. Nachgelagert ist dann das Angebot, weitere Maßnahmen aus der Suchtprävention wahrzunehmen.<br />
Ein recht neuer Ansatz, der von Mitarbeitern der Drobs (das Jugend- und Drogenberatungszentrum) in Kooperation mit weiteren regionalen Suchtfachstellen und auf Initiative der Region Hannover realisiert wird. Mit großem Erfolg, wie Carola Bau von der Drobs feststellt. „Das funktioniert, weil wir zum einen damit überhaupt erstmal die Möglichkeit haben, mit solchen Jugendlichen ins Gespräch zu kommen, denn wenn sie aus dem Krankenhaus entlassen werden, dann sind sie natürlich weg. Zum anderen merken die Jugendlichen, dass da niemand mit dem erhobenen Zeigefinger kommt und sagt: Was hast du dir denn dabei gedacht? Dir ist ja wohl klar, dass du jetzt nie wieder Alkohol trinkst! So sicher nicht. Wir interessieren uns zuerst einfach für die Geschichte. Was ist passiert? Wie ist es dazu gekommen? Meistens sind die Jugendlichen dann überraschend offen. Die müssen natürlich erst mal warm werden mit uns. Gute Laune haben sie meistens nicht. Aber mit so einem Kater ist das ja auch verständlich.“</p>
<p>Das Projekt „HaLt – Hart am Limit“ ist eine Reaktion auf den veränderten Alkoholkonsum von Jugendlichen und Kindern. Eigentlich haben die Einrichtungen eher eine Komm-Struktur, d.h. Kinder, Jugendliche oder Eltern nehmen die Angebote wahr, wenn konkreter Beratungs- oder Handlungsbedarf besteht. Der Besuch im Krankenhaus ist dagegen weitaus offensiver. In diesem Fall wird ein Handlungsbedarf akut sichtbar und erfordert die zeitnahe und direkte Reaktion. „Das sind ja schon teilweise lebensbedrohliche Situationen“, sagt Carola Bau. „Es ist ein Unterschied, ob bei einem Jugendlichen 1,6 oder 3,2 Promille festgestellt worden sind. Wir geben dann einfach eine sachliche, realistische Einschätzung. Und wir geben auch ein bisschen Halt. Es ist ja nicht einfach für einen Jugendlichen in so einer Situation, vor allem, wenn er realisiert, dass seine Freunde ihn einfach liegen gelassen haben. Dass das Geld weg ist oder – viel schlimmer – das Handy. Wir fragen nach dem Konsum, dem Freundeskreis. Wie sieht es da mit der Sozialkompetenz aus? Passt man aufeinander auf?“</p>
<p>Tatsächlich hat sich zwischen 2000 und 2006 die Zahl der wegen akuten Alkoholmissbrauchs ins Krankenhaus eingelieferten Jugendlichen und Kinder zwischen 10 und 20 Jahren mehr als verdoppelt. Im Jahr 2000 waren es in Deutschland noch ca. 9.500, die wegen einer Alkoholvergiftung behandelt wurden, Ende 2007 lag die Zahl bei über 23.000. Allein in Hannover wurden 2008 innerhalb eines Jahres 80 Kinder und Jugendliche nach exzessivem Alkoholkonsum in Kliniken behandelt. Vor allem das sogenannte Rauschtrinken oder Komasaufen ist besorgniserregend.</p>
<p>Haben unsere Kinder und Jugendlichen also generell eher ein Problem mit Alkohol als die früheren Generationen? „Man muss hier sehr genau differenzieren“, sagt Serdar Saris, Geschäftsführer der STEP gGmbH Hannover. „Es wäre sicher nicht seriös zu behaupten, dass heute in dieser Altersgruppe mehr als früher getrunken wird. Vor allem im Zuge der Debatte um das Komasaufen wurde hier auch in den Medien manchmal mit Zahlen operiert, für die es so keine Belege gibt. Seit die Einweisungen erfasst werden, seit jetzt etwa zehn Jahren, haben wir steigende Zahlen bei den Einlieferungen in die Krankenhäuser. Das ist richtig. Aber ob das auch bedeutet, dass Jugendliche heute insgesamt mehr trinken, kann man daraus nicht ableiten. Diese krassen Fälle gehen natürlich ständig durch die Medien, da kann dieser Eindruck entstehen. Was sich geändert hat, ist aber ganz sicher die Art und Weise, wie Kinder und Jugendliche heute Alkohol konsumieren.“</p>
<p>Der Konsum von harten Alkoholika war früher in der Generation unter 20 Jahren doch eher die Ausnahme. Da gab es meistens Bier für die Jungen und Sekt für die Mädchen. Davon auch nicht wenig, aber es allein mit Bier oder Sekt zu schaffen, sich ins Koma zu trinken, ist nahezu unmöglich. Irgendwann vorher sagt der Körper nein und besucht zusammen mit seinem Besitzer die Toilette. Natürlich gab es auch immer mal einen Vollrausch, natürlich wurde zwischendurch auch mal ein Kurzer getrunken, aber insgesamt blieben regelrechte Exzesse eher eine Seltenheit.</p>
<p>Heute trinken Kinder und Jugendliche vermehrt Hochprozentiges. Da werden beispielsweise innerhalb von einer halben Stunde 12 Tequila hinuntergestürzt, und eine weitere halbe Stunde später folgt dann der große Knall. Und der kommt ohne Vorwarnung. Der Rausch baut sich also nicht allmählich auf, mit jedem Bier ein bisschen mehr. Es geht von einem relativ nüchternen Zustand direkt über in den Vollrausch. Vielleicht spiegelt dieses neue Konsumverhalten tatsächlich eine sich verändernde Gesellschaft. Alles wird immer schneller, immer härter. Also auch der Alkoholkonsum.</p>
<p><a href="http://www.stadtkind-hannover.de/wp-content/uploads/2010/05/22-43_Stadtkind_April_102_72.jpg"><img class="alignright size-medium wp-image-6868" title="Hart am Limit" src="http://www.stadtkind-hannover.de/wp-content/uploads/2010/05/22-43_Stadtkind_April_102_72-300x203.jpg" alt="" width="300" height="203" /></a>„Man findet dieses Phänomen auch beim Cannabis-Konsum. Die Jugendlichen rauchen heute keine Joints mehr, sie rauchen Bongs“, sagt Carola Bau. „Insgesamt muss man natürlich sagen, dass von den vielleicht 90 Prozent der Jugendlichen und Kinder, die in Deutschland Alkohol trinken, nur sehr wenige tatsächlich im Krankenhaus landen. Überhaupt hat man manchmal den Eindruck, dass Jugendliche in unserer Gesellschaft immer nur als Problemträger gesehen werden. Nach dem Motto: Es gibt nichts Schlimmeres als Jugendliche. Die saufen, die kiffen, die hocken nur vor dem Computer, die Schule ist ihnen egal, das sind so die üblichen Klischees. Die meisten Jugendlichen sind aber vollkommen in Ordnung. Auch die, die wir in den Gesprächen kennen lernen, verfügen über ganz viele Ressourcen und Kompetenzen. Das bedeutet aber nicht, dass man sich zurücklehnen darf. Man darf daraus auf keinen Fall ableiten, dass man sich um diese 90 Prozent nicht kümmern muss.“</p>
<p>„Das war ja bei der Diskussion um die Flatrate-Partys die ärgerliche Haltung mancher Gastronomen, die gesagt haben, die meisten kämen doch gut zurecht. Es gibt eben die, die nicht damit zurechtkommen. Oder die es gerade noch so nach Hause schaffen. Insofern war das ordnungsrechtliche Eingreifen der Stadt durchaus richtig und wichtig“, ergänzt Serdar Saris. „Es muss Grenzen geben. Der Jugendschutz muss durchgesetzt werden. Die Prävention ist das eine, die Durchsetzung der gesetzlichen Beschränkungen ist aber ebenfalls ganz elementar.“</p>
<p><span style="color: #ff0000;"><em><strong>Unfälle<br />
</strong></em></span>Das Konsumverhalten von Kindern und Jugendlichen hat sich also verändert. Bleibt die Frage, warum es diese Tendenz zu harten Alkoholika gibt. Übrigens nicht nur bei Jungen, sondern auch bei Mädchen. Bei den Einlieferungen ins Krankenhaus ist das Geschlechterverhältnis etwa 50/50 (bei der Suchtgefährdung und Abhängigkeit ist das Verhältnis etwa 3/4 männlich zu 1/4 weiblich). Hat das allein mit einer schnelllebigeren Gesellschaft zu tun, mit dem Trend zum schnellen Kick? Oder gibt es andere Gründe? Um auf diese Fragen Antworten zu geben, muss man zunächst einen Blick auf all die Antworten werfen, die sich bereits durch die gesellschaftliche Debatte ziehen. Da wäre zunächst die Meinung, dass es sich bei den Kindern und Jugendlichen, die Alkohol in welchen Mengen auch immer konsumieren, um den Nachwuchs einer bildungsfernen, sozial unterprivilegierten Schicht handelt. Der Missbrauch von Alkohol als Unterschichtenphänomen. Das allerdings ist ein grundlegender Irrtum. Alkoholkonsum findet sich in allen gesellschaftlichen Schichten. Kinder aus zerrütteten Familienverhältnissen, Kinder mit Migrationshintergrund, solche „Hochrisikogruppen“ werden immer wieder gerne definiert. Sie finden sich in keiner seriösen Statistik wieder. Übrigens gibt es auch kein besonderes Gefälle zwischen Stadt und Land. Dieser Eindruck mag entstehen, weil bei der Erfassung der in Kliniken eingelieferten Minderjährigen der Ort der Auffindung mit angegeben wird. Viele Kinder und Jugendliche erwischt es in Hannover natürlich in der Innenstadt. Aber sie wohnen nicht dort, sie feiern dort, kommen aus der Region, aus allen möglichen Stadtteilen. Zweithäufigster Auffindungsort ist dann schon das private Umfeld. Da arten Geburtstagsfeiern aus, oder das sogenannte Vorglühen gerät außer Kontrolle.</p>
<p>Ein denkbarer Erklärungsansatz erschließt sich aus dem Konsumverhalten selbst. Die wenigsten Jugendlichen trinken sich mit voller Absicht ins Koma. Beim weitaus größten Teil kann man eher von einem Unfall sprechen. Häufig landen Kinder und Jugendliche im Krankenhaus, die zum ersten Mal Alkohol trinken, und dann gleich harten Alkohol. Kaum ein Jugendlicher sucht diese extreme Grenzerfahrung mit Vorsatz. Das kommt natürlich auch vor, gerade wenn es zum Beispiel Zeugnisse gibt, wenn die Ängste vor dem eigenen Versagen und dem Stress zu Hause übermächtig werden. Aber das sind tatsächlich Einzelfälle. Genauso selten ist es, dass Kinder und Jugendliche ein zweites oder drittes Mal ins Krankenhaus eingeliefert werden. Das geschieht in etwa drei von hundert Fällen. „Wir erschrecken in den Gesprächen immer wieder darüber, wie unaufgeklärt Jugendliche vor ihrem ersten Kontakt mit Alkohol sind“, sagt Carola Bau. „Die Eltern klären nicht auf. Das ist eigentlich die häufigste Ursache für diese Extremsituationen.“</p>
<p>Sie unterschätzen also vollständig die Gefahren der legalen Droge Alkohol. Sie wissen nicht, wie Alkohol wirkt und ab welcher Menge es riskant wird. Zur Präventionsarbeit gehört deshalb die Aufklärung, auch wenn die Informationen, die dort gegeben werden, vielleicht profan erscheinen: Wenn du etwas trinken willst, iss vorher genug. Verzichte besser auf harte Alkoholika, weil die Wirkung schwer einzuschätzen ist. Sei vorsichtig mit Misch-Getränken. Oberstes Ziel ist bei all dem, dass Jugendliche lernen, verantwortungsvoll und nicht schädigend mit dem Suchtmittelkonsum umzugehen. Die Vorbildfunktion der Eltern spielt dabei natürlich eine ganz wichtige Rolle. Wenn Eltern selbst miss-bräuchlich Alkohol konsumieren, bei jeder Schwierigkeit im Alltag zur Kornflasche greifen, ist das Risiko eklatant. Wenn Eltern dagegen zum gemeinsamen Abendessen mal einen Rotwein trinken, dabei den Genuss in den Vordergrund stellen, entwickelt sich bei Kindern ein anderes Bild.</p>
<p><em><strong><span style="color: #ff0000;">Dran bleiben!</span></strong></em><br />
Die Eltern sind also gefragt, ihren Kindern einen vernünftigen Umgang mit Alkohol zu vermitteln, rechtzeitig mit ihnen über die Gefahren zu sprechen. Allein, das ist ein Problem, denn wann ist rechtzeitig? Viele Eltern wissen nicht genau, was ihre Kinder hinter verschlossenen Türen treiben. „Es kommt relativ häufig vor, dass wir einen Jugendlichen in der Beratung haben, der sagt, dass er regelmäßig Alkohol trinkt, die Eltern aber sagen: Ich glaube, das war das erste Mal“, berichtet Carola Bau aus der alltäglichen Praxis.</p>
<p>Insgesamt ist das Problem des Alkoholkonsums bei Kindern und Jugendlichen eng gekoppelt an die familiären Verhältnisse. Nicht im Sinne der Zugehörigkeit zu einer bestimmten Schicht, sondern vielmehr hinsichtlich eines gesunden Miteinanders. „Man glaubt gar nicht, wie schlimm einsam ein Kind in durchaus gut situierten Bildungsbürgerkreisen sein kann“, sagt dazu Serdar Saris.</p>
<p>Eltern müssen sich für ihre Kinder interessieren, sie müssen dran bleiben, auch wenn die Kommunikation in Zeiten der Pubertät oft nicht einfach ist. Die Intuition spielt dabei eine ganz wichtige Rolle. Man spürt im Normalfall, wenn irgendetwas nicht in Ordnung ist. Es gibt deutliche Alarmsignale. Wenn ein Kind sich zurückzieht, gleichgültig erscheint, stiller wird, wenn es in der Schule plötzlich nicht mehr läuft, genau dann sollten Eltern auf jeden Fall das Gespräch suchen und die Veränderungen nicht als zeitweilige Phase abtun. Gerade in der Pubertät ist so ein Gespräch allerdings eine echte Aufgabe. Die Jugendlichen lassen sich allgemein nicht gerne in die Karten gucken. Es ist sicher kein Fehler, sich in dieser Lebensphase der eigenen Kinder nicht zu scheuen, Hilfe in Anspruch zu nehmen. „Wenn man ein Haus baut, holt man sich auch Hilfe von einem Architekten. Erziehung ist eine unglaubliche Herausforderung, und es ist abstrus zu sagen, dass Eltern damit alleine zurecht kommen müssen. Für viele Eltern ist die Inanspruchnahme von Unterstützungsangeboten aber noch immer ein Tabu“, sagt Carola Bau.</p>
<p>Die richtige Erziehung ist in unserer Gesellschaft ganz allgemein ein Dauer-thema. Jede Zeit hat ihre Moden. Eine Weile war jede Grenzsetzung verpönt, Eltern wollten ein freundschaftliches Verhältnis zu ihren Kindern. Problematisch wurde das immer dann, wenn die Kinder irgendwann nicht mehr mit ihren Eltern befreundet sein wollten. Heute tendiert man eher zu einer gesunden Mischung aus Regeln, Grenzsetzung und einem trotzdem vertrauensvollen Verhältnis. „Man muss sich einfach klar machen, dass ein 14-Jähriger noch kein Erwachsener ist. Kinder brauchen Regeln. Grenzenlose Freiheit ist natürlich ein schönes Ideal, aber man kann Kinder damit auch gewaltig überfordern. Da wird antiautoritär zu oft mit laissez-faire verwechselt. Wenn ein Kind mit zwölf Jahren selbst entscheidet, wann es nach Hause kommt, dann läuft einfach irgendwas falsch. In einer Familie haben alle bestimmte Aufgaben, das fängt schon im Haushalt an. Kinder sollen da ruhig Verantwortung übernehmen; in der WG müssen sie das später auch“, sagt Carola Bau.</p>
<p>Bleibt die Frage, wie man diese Regeln durchsetzt. Und wie man reagiert, wenn die Regeln gebrochen werden. „Möglichst sanktionsfrei“, rät Sedar Saris. „Wenn ein Kind sich seinen Eltern anvertraut und bei der ersten Beichte beispielsweise gleich mit mehreren Tagen Hausarrest bedacht wird, dann wird es keinen zweiten Kommunikationsversuch mit den Eltern geben. Aber in der Theorie klingt das natürlich einfacher, als es in der Praxis ist. Man sollte als Elternteil auf jeden Fall nicht die eigene Biographie verklären. Jeder hat in unserem Kulturkreis Erfahrungen mit Alkohol gemacht. Es ist gut, sich daran im richtigen Augenblick zu erinnern. Wenn ein Kind mit seinen Problemen kommt, kann man sich ganz grundsätzlich glücklich schätzen. Wenn es zum Beispiel davon erzählt, dass da in der Clique einer ist, der Autos knackt oder sich mit anderen Heldentaten interessant macht, wenn ein Kind das zu Hause erzählt, dann muss man sich um dieses Kind eigentlich keine Sorgen machen, weil es die Dinge infrage stellt, eine Abgrenzungskompetenz entwickelt.“</p>
<p><em><strong><span style="color: #ff0000;">Anschluss verpasst?</span></strong></em><br />
Was tun, wenn das Kind sprichwörtlich in den Brunnen gefallen ist? Wenn Eltern einfach keinen Zugang mehr zu ihren Kindern finden? In diesem Fall hilft die STEP gGmbH Hannover mit zahlreichen und bewusst niederschwelligen Angeboten, auch für Eltern. Bereits seit Jahren wird in Hannover mit der Suchtproblematik progressiv umgegangen. Die Stadt hat sich relativ früh entschieden, sowohl in der Prävention als auch in der Durchsetzung polizeilicher und juristischer Mittel, alle bestehenden Möglichkeiten auszuschöpfen. Mit Erfolg. Nicht umsonst bewegt sich die Zahl der Drogentoten auf vergleichsweise niedrigem Niveau. Bei der Prävention ist bis heute ein engmaschiges Netz aus Angeboten entstanden, das ständig weiter ausdifferenziert wird. „Es gibt eigentlich keine schwierige Situation im Leben eines Menschen, für die wir nicht ein entsprechendes Angebot haben. Wir haben die passenden Angebote, und wir machen es den Menschen möglichst leicht, diese Angebote wahrzunehmen“, sagt Sedar Saris.</p>
<p>Das beginnt zum Beispiel damit, dass nach dem Besuch einer Beratungskraft im Krankenhaus das Kind oder der Jugendliche die Telefonnummer genau dieses Mitarbeiters bekommt, sich also nicht erst wieder auf ein anderes Gesicht einstellen muss. Das geht weiter mit offenen Sprechzeiten ohne vorherigen Termin in allen Beratungsstellen der STEP. Und das endet noch lange nicht mit der Nutzung der neuen Medien. Seit 12 Jahren gibt es eine Online-Beratung. Kontakte über E-Mail, Chat, Skype und ICQ sind heute ebenfalls möglich. Bei all dem gilt ein übergeordneter Grundsatz: Wenn sich jemand meldet und Hilfe sucht, dann bekommt er sie ganz direkt. Alles andere muss dann erstmal zurückstehen. Genauere Informationen zu den Angeboten gibt es unter www.step-hannover.de. Übrigens sucht die STEP augenblicklich noch Sponsoren für den Umbau des Sucht-Info-Mobils. Informationen dazu ebenfalls unter www.step-hannover.de.<br />
<strong><br />
Lak, Gestaltung: Steffi Röttger</strong></p>
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		<title>hannovers green deal</title>
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		<pubDate>Sun, 28 Feb 2010 22:00:43 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Manuela Sender</dc:creator>
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		<category><![CDATA[2010-03]]></category>

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		<description><![CDATA[Es gibt ein Thema, das Hannover und die Region ganz groß auf die Werbeplakate schreiben könnte und vielleicht sollte. In Sachen erneuerbare Energien, Klimaschutz und CO2-Reduktion ist die Landeshauptstadt den meisten Städten in Deutschland seit Jahren weit voraus.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><strong>Eine Erfolgsgeschichte mit Leuchtturmcharakter</strong></p>
<p>In den vergangenen Ausgaben war im Stadtkind viel über das Image unserer Stadt zu lesen, über die Stärken Hannovers (und die Schwächen, falls es überhaupt welche gibt). Und kaum denken wir, alles ist gesagt und endlich ist alles gut, drehen also der Image-Frage gelassen den Rücken zu, erscheint in einer Januar-Ausgabe der altehrwürdigen Wochenzeitung DIE ZEIT ein Artikel mit der schönen Überschrift „Zehn Städte für das neue Jahrzehnt“. ZEIT-Autoren, so heißt es im Untertitel, würden verraten, wo auf der Welt künftig die Trends gesetzt werden.</p>
<p>Und neben Buenos Aires, Lissabon, Singapur und anderen kommenden Städten der Welt steht da – man traut zunächst seinen Augen kaum – auch Hannover. Die „Stadt der Mitte“, schreibt Ulrich Stock, sei langweilig (so sagt man), aber gerade das sei eine zukunftsweisende Qualität. Denn wenn sich der Wettbewerb unter den Städten mit immer größeren Events und all dem „Marketinggebrüll“ erschöpft habe, dann würde es um feinere Reize gehen. Wir hätten mit der Eilenriede den größten Stadtwald Europas, dazu den Maschsee, machten aber keine große Sache draus, und damit würden wir dereinst punkten. Bezeichnend für Hannover findet er den Lindener Berg mit seinen 35 Metern. Ein „ortstypischer Superlativ“. Hannover habe einen Hang zum mittleren Maß, so Stock, und was, wenn nicht die Mitte, habe Zukunft.</p>
<p>Weit gefehlt, Herr Stock. Hausaufgaben nicht gemacht. Es gibt ein Thema, das Hannover und die Region ganz groß auf die Werbeplakate schreiben könnte und vielleicht sollte. In Sachen erneuerbare Energien, Klimaschutz und CO2-Reduktion ist die Landeshauptstadt den meisten Städten in Deutschland seit Jahren weit voraus. Nicht Mittelmaß, Champions League ist hier die passendere Einordnung.<span style="color: #ff0000;"><em><strong></strong></em></span></p>
<p style="text-align: center;"><em><strong><a href="http://www.stadtkind-hannover.de/wp-content/uploads/2010/03/hannovers-green-deal.jpg"><img class="size-full wp-image-6226 aligncenter" title="Hannovers Green Deal" src="http://www.stadtkind-hannover.de/wp-content/uploads/2010/03/hannovers-green-deal.jpg" alt="" width="539" height="751" /></a></strong></em></p>
<p><span style="color: #ff0000;"><em><strong><br />
Aller Anfang…</strong></em></span><br />
So richtig angefangen hat alles mit der Katastrophe in Tschernobyl im April 1986, nicht nur in Hannover. Natürlich gab es bereits vorher zahlreiche skeptische Stimmen zu dieser „saubersten aller Energien“, und auch einige Tüftler, die sich im Bereich regenerative Energien ihre Gedanken machten, aber insgesamt stand die Kernkraft bei weiten Teilen der Bevölkerung bis zum GAU in hohem Ansehen. Die anderen, das waren damals noch die Spielverderber, die Weltverbesserer, die Träumer. Die Grünen hatten sich gerade erst gegründet (1980) und zogen damals eher als Bürgerschreck in die ersten Parlamente ein.</p>
<p>Zwar war die Umweltverschmutzung schon lange zuvor ein Thema, die erste Klimaschutzkonferenz der UNO liegt in den 70ern, die Anfänge bereits in den 60ern, aber damals ging es bei uns noch vornehmlich darum, dass der Himmel über den Kohlemetropolen in Deutschland wieder blau werden sollte oder der Rhein wieder sauber, um Artenschutz und andere sehr greifbare Themen. Mit dem großen Knall in Tschernobyl änderte sich die gesellschaftliche Breite der Diskussion ganz grundsätzlich. Das Vertrauen in die Kernkraft wurde nachhaltig erschüttert. In Hannover gründete sich damals eine Elterninitiative, ein paar Grüne waren dabei, einige mit SPD-Parteibuch, der eine und andere saß im Rat der Stadt.</p>
<p>Diese Initiative hat einen Antrag in den Rat eingebracht, der forderte, dass die Stadt auf die Stadtwerke Hannover Einfluss nehmen sollte, künftig keinen Atomstrom mehr zu beziehen. Und dieser Antrag kam nach einigem Gezerre und Juristerei tatsächlich durch. Im Grunde hat Hannover also bereits 1986 den Atomausstieg beschlossen. „Hätten das damals alle Kommunen gemacht, die Einfluss auf ihre Stadtwerke hatten, wäre der Atomausstieg in Deutschland quasi vollzogen gewesen“, so Michael Demus, Politologe und Mitglied der Grünen in Hannover, der in seiner Magisterarbeit mit dem Titel „Politikfeld-Analyse am Beispiel der Klimaschutzpolitik in der Landeshauptstadt Hannover“ untersucht hat, ob so eine kleine Einheit wie eine Kommune besser geeignet sei, die Dinge in Bewegung zu bringen, als ein Bundesland oder ein Staat.</p>
<p>Offensichtlich. Denn in der Folge ging es in Sachen Atomstrom in Hannover eigentlich nur noch um die vertraglichen Regelungen mit dem Vorversorger, damals die Preußen-Elektra. 1994 sollten die alten Verträge auslaufen und neue unterzeichnet werden. Ab diesem Zeitpunkt hätte es keinen Atomstrom mehr in Hannover geben dürfen. Die Liberalisierung des Marktes machte diese Pläne jedoch null und nichtig. Die Endkunden konnten sich nun ihren Energieanbieter frei wählen, Yello und andere drängten in den Markt. Und damit gab es &#8211; theoretisch &#8211; wieder Atomstrom im Netz. „Schade“, sagt Michael Demus. „Aber immerhin ist damals etwas in Gang gekommen.“ Da die Stadtwerke Hannover heute allerdings mehr Strom produzieren, als Hannover verbraucht, ist die Stadt netto-Stromexporteur. Es gibt Spitzen, Stunden mit hoher Nachfrage, in denen Strom auch mal aus dem Verbundnetz (mit Kernenergieanteil) importiert wird. Doch letztlich geht es um eine bilanzielle Betrachtung, und nach der ist Hannover kernenergiefrei. Yello hin oder her – faktisch kommt der Strom immer vom nächstgelegenen Kraftwerk.</p>
<p>In Gang gekommen ist nach Tschernobyl tatsächlich eine ganze Menge. Mit der Skepsis gegenüber der Kernenergie wuchs schlagartig das Interesse an echten und wirklich nachhaltigen Alternativen. Umso mehr, nachdem immer mehr Forscher die Zusammenhänge zwischen CO2-Emmision und Erderwärmung nachwiesen. Dass besonders in Hannover schon früh die Weichen in die eher nachhaltige Richtung gestellt wurden, hat sicherlich auch mit der stabilen politischen Konstellation im Rat zu tun. Und mit Köpfen. Seit 1989 haben wir mit Hans Mönninghoff einen grünen Umweltdezernenten und inzwischen auch Wirtschaftsdezernenten. Und bei enercity hatte der Vorstandsvorsitzende Dr. Erich Deppe in jenen Jahren ein durchaus offenes Ohr für die eher alternativen Ansätze. So hat man unter anderem in Zusammenarbeit mit der Naturstrom AG aus Bielefeld ein Angebot für die Verbraucher aufgelegt, bei dem enercity nur die Bestellungen weiterreichte (und darauf achtete, dass aus den Margen des Ökostroms neue Anlagen errichtet wurden). Die Stadtwerke haben vor Ort ihre Kapazitäten ausgebaut, zum Beispiel das Wasserkraftwerk Herrenhausen hochgezogen und andere Kraftwerke wie den „Schnellen Graben“ modernisiert. Sogar in Sachen Windkraft hat man sich frühzeitig ins Zeug gelegt und 1990 die damals größte Windanlage im Binnenland mit 300 kW aufgebaut (was sich heute natürlich vergleichsweise eher niedlich ausnimmt). Insgesamt hat man in Hannover den Grundstein für die äußerst positive Entwicklung also früh gelegt. Im Energiekonzept Hannover formulierte die Stadtverwaltung bereits 1990 ihre energiepolitischen Zielsetzungen, die eineinhalb Jahre später als detaillierte Materialbände herausgegeben wurden. Aus dieser Zeit stammt auch die energiepolitische Vorgabe, dass der Energieeinsparung Vorrang gegenüber anderen Zielen einzuräumen sei. Anfang 1992 ist außerdem bundesweit das Stromeinspeisegesetz in Kraft getreten, Vorläufer des Erneuerbare-Energien-Gesetzes, und verabschiedet, man glaubt es kaum, hat es noch die Regierung Kohl. Vor allem bayrische Windfarmer, Bauern, die sich eine Anlage aufs Feld gebaut hatten, waren an dieser Neuregelung interessiert, denn sie hatten zuvor ihre Probleme mit den Netzbetreibern, die den Strom nicht geregelt abnehmen wollten. Mit diesem neuen, stabilen Rahmen waren die Abnahme auf 20 Jahre garantiert und die Investitionen damit kalkulierbar.</p>
<p>In der Folge erlebte die Windenergie einen ersten Boom. Andere Energieformen wie Biogas und Photovoltaik erfuhren in diesem Sog ebenfalls einen Aufschwung. Nicht nur bei der Stromerzeugung, auch im Wärmebereich ging man nun neue Wege. Die Solarthermie und vor allem die Kraft-Wärme-Kopplung wurden ausgebaut. Bis auf Mehrum bei Hohenhameln betreibt enercity heute alle Kraftwerke mit dieser sehr effizienten Technik. Auch dafür hat man sich damals bewusst entscheiden müssen. Viele Energieversorger in Deutschland haben erst wesentlich später nachgezogen.</p>
<p>Der Kommunalverband Großraum Hannover, Vorläufer der Region Hannover hat 1996 ebenfalls einen ganz entscheidenden Schritt gemacht. Mit der zweiten Änderung des Raumordnungsprogramms wurden Vorrangstandorte für Windenergienutzung an etwa 35 verschiedenen Standorten ausgewiesen. Hier (und nur hier, denn die Ausweisung der Flächen bewirkt gleichzeitig den Ausschluss aller anderen Flächen) durften also potentiell Windkraftanlagen gebaut und betrieben werden. Bei der Ausweisung der Flächen ist man dabei überaus bedacht vorgegangen und hat gewisse Ausschlusskriterien strikt eingehalten. Keine Landschaftsschutzgebiete, keine Siedlungsfläche oder potentielle Siedlungsfläche, etc. Vier bis fünf Prozent blieben übrig und dort hat man zuletzt prüfen lassen, ob der Wind ausreichend weht. Nur eineinhalb bis zwei Prozent der Fläche der Region konnte man schließlich für die Windmühlen freigeben. Das klingt nach wenig, ist aber eine ganze Menge. Andere Landkreise und Kommunen haben weit weniger Flächen zugelassen. Und auch die Sorgfalt bei der Auswahl in der Region hat sich bewährt. Zwar gab es an manchen Stellen Widerstand gegen die neue Technologie, aber insgesamt hat sich die Aufregung im Raum Hannover doch eher in Grenzen gehalten. In anderen Gemeinden Deutschlands gab es dagegen einen gewissen Wildwuchs von Anlagen, der auch heute noch für Unmut sorgt. Mit der Änderung des Raumordnungsprogramms erfuhr die Windenergie in der Region einen großen Schub. Lange hat man im Binnenland die Liste der Landkreise in Sachen Windenergie angeführt. Heute gibt es 236 Anlagen mit knapp 290 Megawatt und produzierten 500 Gigawattstunden. Versorgt werden ungefähr 164.000 Haushalte. Das ist ordentlich, doch es reicht noch längst nicht, will man die ehrgeizigen Ziele von Stadt und Region in Sachen Klimaschutz erreichen. 80 Prozent CO2-Reduktion im Jahr 2050, das hatte man sich damals vorgenommen und sich dabei an den Vorschlägen der Enquête-Kommissionen mit dem schönen Namen „Vorsorge zum Schutz der Erdatmosphäre, Schutz der Erdatmosphäre“ orientiert. 40 Prozent CO2-Reduktion bezogen auf 1990 bis 2020, so wird gegenwärtig das Ziel beschrieben. Ein ehrgeiziges Ziel. Die Bundesregierung fordert 30 Prozent, die EU 20 Prozent. Bei den erneuerbaren Energien, so Michael Demus wird es dabei aller Voraussicht nach keine Probleme geben. Bei der Stromerzeugung wurden die Erwartungen von der Branche bisher locker erfüllt, ja sogar bei weitem übertroffen.</p>
<p>Doch nicht allein der Umstieg auf Windenergie, Biogas und Photovoltaik spielt bei der Reduktion von CO2 eine Rolle. Die energetische Haussanierung, der Hausbau im Passivhausstandard, Solaranlagen zur Warmwassererzeugung und nicht zuletzt die vielleicht einfachste Maßnahme, nämlich schlicht Strom zu sparen, sind weitere Möglichkeiten, um die Ziele zu erreichen. Auch das hat man in der Region früh erkannt. Bereits 1994 richtete man die Energie- und Klimaschutzleitstelle der Landeshauptstadt Hannover ein, angesiedelt im heutigen Fachbereich Umwelt- und Stadtgrün. Und 1998 folgte dann die Gründung von proKlima, sicherlich ein Meilenstein in der „Klima-Geschichte“ Hannovers und der Region, und wohl europaweit ein einzigartiges Konstrukt. proKlima firmiert als GbR und ist eine Tochter der Stadtwerke, ausgestattet mit einem Fonds von 5,1 Millionen Euro. Dieses Geld setzt sich zusammen aus Beiträgen der Stadtwerke, der Stadt Hannover und der kleineren Kommunen, in denen die Stadtwerke Strom verkaufen, also Ronnenberg, Hemmingen, Laatzen, Langenhagen und Seelze. Jedes Jahr entscheiden diese Akteure über Projekte und die Formulierung von Breitenförderprogrammen, innerhalb derer Zuschüsse zum Beispiel für Hauseigentümer ausgeschüttet werden, die ihr Eigentum sanieren wollen und bereit sind, mehr zu tun, als es die gesetzlichen Richtlinien vorschreiben. Darüber hinaus gibt es Einzelförderungen, wenn der Nachweis erbracht wird, dass die eingereichten Pläne einen Beitrag zum Klimaschutz leisten. ProKlima sorgt durch diese Förderungen in der Region für die Umsetzung hocheffizienter Maßnahmen, die ohne diese Unterstützung augenblicklich noch nicht wirtschaftlich wären. Ca. 600.000 Menschen leben in der Region, in der ProKlima aktiv ist. Ein nationales Förderprogramm gleicher Größe müsste in Deutschland jährlich an die 700 Millionen Euro ausschütten.</p>
<p>Wer die Idee zu diesem Konstrukt hatte, ist im Nachhinein kaum noch zu sagen. „Gute Ideen haben viele Väter“, sagt dazu Michael Demus. Fest steht, dass Dr. Erich Deppe maßgeblich beteiligt war. Fest steht auch, dass ProKlima noch immer eine entscheidende Rolle spielt. Ob bei Projekten in Schulen, der Finanzierung von Unterrichtsmaterialien, beim Ausbau der Fernwärme, beim Hausbau und bei der Haussanierung, ProKlima ist ein wichtiger Player in Sachen Klimaschutz in Hannover. Auch frühe Kampagnen wie „Hauspartner“ oder „Hannover Region Solar“ wären ohne ProKlima kaum denkbar gewesen.</p>
<p><a href="http://www.stadtkind-hannover.de/wp-content/uploads/2010/03/hannovers-green-deal2.jpg"><img class="alignleft size-full wp-image-6235" title="Hannovers Green Deal" src="http://www.stadtkind-hannover.de/wp-content/uploads/2010/03/hannovers-green-deal2.jpg" alt="" width="358" height="478" /></a>Mit der Gründung der Region Hannover entstand schließlich 2001 die Klimaschutzagentur, um zu gewährleisten, dass die zahlreichen Aktivitäten des Kommunalverbandes aktiv fortgeführt und ausgebaut werden konnten.</p>
<p>Ob „Hauspartner“, „Hannover Region Solar“ das „Klimaschutzprogramm Expo-Region Hannover“ oder das Management des Stadtteils Kronsberg mit seinen Passivhäusern, alle Initiativen, Projekte und Aktivitäten wurden in der Klimaschutzagentur zusammengeführt. Der Kronsberg verfügt übrigens über einen echten Leuchtturm. Es gibt dort einen riesigen saisonalen Winterspeicher für Solarwärme, ein unterirdisches Betonbecken, das warmes Wasser über Monate speichern kann.</p>
<p>Da sag noch mal einer, Hannover hätte keine Leuchttürme. Man muss nur genau hinsehen – und vielleicht ein bisschen graben.<span style="color: #ff0000;"><em><strong></strong></em></span></p>
<p><span style="color: #ff0000;"><em><strong><br />
Die Klimaschutzagentur</strong></em></span><br />
„Wir sind in Hannover auf einem guten Weg, aber uns kann es natürlich nicht schnell genug gehen“, sagt Monika Dening-Müller von der Klimaschutzagentur. Die Aufgaben dieser ganz besonderen Agentur haben sich über die Jahre ständig weiterentwickelt. Heute braucht man schon ein bisschen Zeit, um sich einen Überblick über die vielen Kampagnen und Angebote zu verschaffen. Im Kern geht es um drei Bereiche: Man richtet sich an die Kommunen in der Region Hannover, an die Unternehmen in der Region oder ganz direkt an die Menschen, die im Einzugsgebiet leben. Die Arbeit mit den Kommunen ist dabei noch relativ neu. Zusammen mit den Städten und Gemeinden in der Region werden Klimaschutz-Aktionsprogramme erarbeitet, deren Umsetzung vom Bund gefördert wird. Vor etwa zwei Jahren hat man damit angefangen und steckt heute in den Kommunen in ganz unterschiedlichen Erarbeitungsphasen. Gehrden, Wennigsen und Ronnenberg sind bereits abgeschlossen, andere stellen gerade erst ihre Anträge und können immerhin noch auf 70 Prozent Förderung vom Bund hoffen. Vor einem Jahr lag der Satz noch bei 80 Prozent.</p>
<p>Beim Klimaschutz scheint es generell lohnend zu sein, ein bisschen Tempo zu machen. „Wir brauchen Ihre Ideen“, mit diesem Aufruf geht es in die Gemeinden. Bürgerbeteiligung ist ausdrücklich erwünscht. So können die Programme ganz unterschiedliche Maßnahmen umfassen und genau dort ansetzen, wo vor Ort der Schuh wirklich drückt. Über allem steht natürlich die Frage, was konkret passieren muss, damit die CO2-Ziele bis 2020 erreicht werden. Vereine, Verbände, die Verwaltung, die lokale Wirtschaft und interessierte Bürger, sie alle werden im Idealfall um den großen runden Tisch versammelt. Das gelingt nicht immer, aber Monika Dening-Müller ist trotzdem zufrieden. „Uns reichen schon ein paar wirklich interessierte und aktive Menschen vor Ort, um etwas in Gang zu bringen“, sagt sie. Neben den Aktionsprogrammen fördert die Klimaschutzagentur Machbarkeitsstudien, wenn eine gemeinnützige oder kommunale, öffentliche Einrichtung beim Bau oder bei der Modernisierung von Gebäuden auf neue, innovative Technologien setzen will, sie berät im Vorfeld beim Bau von Blockheizkraftwerken, sie bietet an Schulen und anderen Bildungseinrichtungen verschiedene Umweltbildungsprojekte an, sie berät Vereine zu Energiesparmaßnahmen im Projekt „e.coFit“ und bei Modernisierungen im Projekt „e.coSport“, und sie fördert nicht zuletzt bereits seit 2004 den Neubau von Solaranlagen mit dem Wettbewerb „Solare Regionalliga“, bei dem ermittelt wird, welche Kommunen die meisten Solaranlagen in der Region Hannover hat. Der nächste Gewinner wird im kommenden Jahr gekürt. Man darf schon jetzt gespannt sein.</p>
<p>Bei den kleinen und mittelständischen Unternehmen geht es der Klimaschutzagentur vor allem darum, Impulse für energieeffiziente Investitionen auszulösen. Im Rahmen von „e.coBizz – Energieeffizienz in Unternehmen“ werden umfangreiche Informationen bereitgestellt. Darüber hinaus ist ein qualifizierter Beraterpool jederzeit ansprechbar. Unterstützt wird die Kampagne von Kammern und Verbänden, der regionalen Wirtschaftsförderung hannoverimpuls und natürlich dem enercity-Fonds proKlima. Auch die Kampagne „KWK – Kraft-Wärme-Kopplung“ will den Einsatz effizienter Technologien in der Region befördern. Hinzu kommen Informations- und Fachveranstaltungen für Handwerker sowie Qualifizierungslehrgänge und Workshops für Energieberater. Die Vernetzung und Weiterbildung von Dienstleistern aus dem Bereich erneuerbare Energien und Energieeffizienz ist in der gesamten Region nicht nur eine Maßnahme zur Unterstützung der CO2-Reduktion, sie ist nebenbei auch ein wichtiges Element der Wirtschaftsförderung. „Die Leute, das erleben wir immer wieder auf unseren Informationsveranstaltungen, sind inzwischen gut informiert, sie wollen zum Beispiel ein Passivhaus bauen, es gibt diese Nachfrage, sie scheitern aber im nächsten Schritt, wenn sie keinen Bauträger finden, der etwas davon versteht oder weil entsprechend ausgebildete Handwerker fehlen“, sagt Monika Dening-Müller. „Aber auch da sind wir mit dem ‚Netzwerk Modernisierungspartner’ inzwischen auf dem richtigen Weg.“ In diesem Netzwerk haben sich Architekten, Planer, Handwerker sowie Großhandel und Finanzdienstleister zusammengeschlossen, die im Bereich energieeffizientes Bauen und Sanieren klar definierte Qualitätsstandards erfüllen und sich insgesamt dem Klimaschutz verpflichtet haben. Mehr Informationen und eine Liste der Firmen finden sich unter <a href="http://www.modernisierungspartner.de">www.modernisierungspartner.de</a>. „Nichts ist schlimmer, als wenn jemand saniert, aber zu wenig macht, beispielsweise eine zu dünne Wärmedämmung einbaut oder lediglich Fenster mit Zweifachverglasung oder keine besonders effiziente Heizung. Das mag augenblicklich den Ansprüchen der EnEV genügen, wird aber schon in ein paar Jahren nicht mehr gesetzlicher Standard sein. Dann allerdings hat er seine Sanierung abgeschlossen, das Geld ausgegeben. Dann bleibt er 30 Jahre auf seinem mickrigen Standard sitzen. Mit dem neuen Netzwerk kann nun wenigstens niemand mehr sagen, er hätte nicht den passenden Handwerker oder Architekten gefunden.“</p>
<p>Direkt an die Menschen in der Region wendet sich die Klimaschutzagentur bereits seit Jahren mit vielen unterschiedlichen Angeboten. „Gut beraten starten“ heißt beispielsweise die Beratungskampagne für Hausbesitzer, bei der in allen 21 Kommunen der Region kostenlos über die Möglichkeiten energieeffizienter Gebäudemodernisierung informiert wird. Mit „Lust auf Solar“ soll der Einsatz von Solartechnik in der Region unterstützt werden, „Heizen mit Holz“ fördert die Vermarktung von Bioenergie aus der Region.  Im Fokus der Kampagne „Strom abwärts!“ stehen vor allem Privathaushalte mit kleinen Einkommen. Die kostenlose Beratung in Sachen Stromsparen erfolgt ganz praktisch vor Ort, die neue Steckerleiste und ein paar andere Energiesparhilfen bringt der Berater gleich mit.</p>
<p>Neben all diesen Aktivitäten veranstaltet die Klimaschutzagentur natürlich jedes Jahr einige Feste oder Aktionstage. Vom „Solarfest“, „WindFest“, dem „Aktionstag Erdgasautos“ oder der Messe „EnergieSparTage“ dürfte der aufmerksame Stadtkind-Leser in den letzten Jahren schon mehrfach gehört haben.</p>
<p><a href="http://www.stadtkind-hannover.de/wp-content/uploads/2010/03/hannovers-green-deal3.jpg"><img class="alignright size-medium wp-image-6214" title="Hannovers Green Deal" src="http://www.stadtkind-hannover.de/wp-content/uploads/2010/03/hannovers-green-deal3-300x193.jpg" alt="" width="300" height="193" /></a>Das alles klingt nach viel Arbeit in Sachen Klimaschutz. Und trotzdem ist der Chef der Klimaschutzagentur Udo Sahling in letzter Zeit häufig außerhalb der Region unterwegs. Die Idee der Klimaschutzagentur boomt momentan in anderen Städten. Natürlich steht man auch hier gerne beratend zur Seite, denn schließlich geht es ums Klima, also ums große Ganze. Wer Fragen zum Thema hat, erreicht montags und donnerstags von 9 bis 17 Uhr unter 0511-616 23 977 kompetente Ansprechpartner.</p>
<p>Mehr Informationen gibt es natürlich auch unter<a href="http://www.klimaschutzagentur.de"><br />
www.klimaschutzagentur.de</a> oder <a href="http://www.klimaschutz-hannover.de">www.klimaschutz-hannover.de</a>.</p>
<p><span style="color: #ff0000;"><em><strong><br />
Klimaschutz als Impulsgeber für die heimische Wirtschaft?</strong></em></span><br />
Die Klimaschutzagentur ist also unterwegs in Deutschland und findet in zahlreichen Städten aufmerksame Zuhörer, wenn es um das hannoversche Modell geht. proKlima hat inzwischen europaweit von sich reden gemacht. Hannover scheint ein gutes Pflaster für nachhaltige Ideen zu sein. „Unsere Stadt kann sich durchaus rühmen, ein Vorreiter im Bereich der energieeffizienz- und klimaschutzorientierten, ökologisch ausgerichteten Stadt- und Regionsentwicklung zu sein. Und wenn das das Ergebnis Ihrer Recherche sein soll, kann ich das hiermit nur bestätigen“, sagt auch Gernot Hagemann, Projektleiter Energiewirtschaft bei hannoverimpuls.</p>
<p style="text-align: left;">Während proKlima eher als Geldgeber fungiert, die Klimaschutzagentur sozusagen das Produkt zu den Menschen bringt und das Kompetenzzentrum für Energieeffizienz dafür verantwortlich ist, wissenschaftliche Forschung an den Hochschulen in der Region Hannover zu koordinieren und zu vernetzen, geht es hannoverimpuls vornehmlich um den Aufbau und den Erhalt wertschöpfender Arbeitsplätze. Natürlich spielen bei diesem letzten Ziel alle vier Akteure gemeinsam in einem Team. Die Klimaschutzagentur befördert die Nachfrage, was in der Region vorrangig dem Handwerk, den Ingenieursbüros und anderen Dienstleistern zugute kommt, denn nur eine gewisse Auswahl an Produkten werden in Hannover hergestellt; proKlima unterstützt diese Nachfrage intensiv mit immensen Mitteln.</p>
<p style="text-align: left;">Aus Forschung und Wissenschaft entstehen neue Ideen, neue Erkenntnisse, neue Produkte und Dienstleistungen, auf die Unternehmen bei ihren Innovationen zurückgreifen können. Bei der Vernetzung der Wissenschaft in Fragen Energieeffizienz arbeitet das Kompetenzzentrum für Energieeffizienz unter der Leitung von Sven-Frederic Andres an entscheidender Stelle. Die enge Verknüpfung der Wissenschaft untereinander und mit der Wirtschaft, eine Stärkung der Lehre in Hannover und Region im Bereich Energie- und Klimaschutztechnik, ist also ein Muss, wenn man im Cluster Energiewirtschaft künftig Erfolge verzeichnen will. Diesen Erfolg misst hannoverimpuls wie gesagt an der Schaffung neuer Jobs.</p>
<p style="text-align: left;">Bei der Gründung von hannoverimpuls stand die Energiebranche zunächst nicht auf der To-Do-Liste. Fünf Cluster hatte McKinsey identifiziert, auf deren Entwicklung und Ausbau Hannover setzen sollte: Automotive, Informations- und Kommunikationstechnologie (IuK), Life Sciences, Optische Technologien und Produktionstechnik. Die Energiewirtschaft blieb zunächst außen vor. Nachvollziehbar, denn zu Zeiten der Studie wurden in der klassischen Energiewirtschaft Arbeitsplätze abgebaut. E.ON hatte gerade erst Teile des Konzernsitzes verlegt, die Stadtwerke bauen seit Jahren Stellen ab. Was man damals unterschätzt hat, war die bevorstehende Dynamik der Entwicklung der Branche im Bereich der regenerativen Energien.</p>
<p style="text-align: left;">Entsprechend hat man in Hannover 2007 reagiert und sich entschieden, neben den fünf gesetzten Fokusbranchen auch dieses Cluster aktiv anzugehen. Und das bedeutet in erster Linie klassische Netzwerkarbeit. Man muss vor allem die richtigen Menschen und die richtigen Unternehmen zusammenbringen. In der Landeshauptstadt und der Region haben sich mittlerweile zahlreiche Betriebe angesiedelt, die im engeren und weiteren Sinne zur Green Economy gezählt werden können. Zudem werden etablierte Unternehmen wie Windwärts, AS Solar, KraftWerk oder eine Vielzahl von Ingenieurbüros unterstützt, die im Hausbaubereich und im Energieeffizienzbereich für Unternehmen aktiv sind. Ergänzt wird die Branche durch klassische Versorger wie enercity, immerhin eines der zehn größten Versorgungsunternehmen in Deutschland, und E.ON Avacon als Umlandversorger, die beide naturgemäß ein großes Interesse an neuen Projekten im Cleantech-Bereich haben. Zwischen 2.700 und 3.700 Menschen bewegt sich die Zahl derer, die ganz direkt mit der Produktion von Klimaschutzgütern oder mit Diensleistungen in diesem Bereich in der Region beschäftigt sind. Der nun andauernde und grundlegende Strukturwandel in der Energiewirtschaft verspricht weitere Potentiale.</p>
<p style="text-align: left;">Viel Arbeit für hannoverimpuls. Netzwerke wollen aufgebaut und gepflegt, Förderprojekte und Fördermöglichkeiten im Auge behalten werden. Zur Arbeit gehört selbstverständlich auch der Blick auf die weltweiten Veränderungen und Entwicklungen am Markt. Wo ergeben sich womöglich neue Chancen für ein heimisches Unternehmen? Und bei all dem die klassische und direkte Unterstützung von Neugründungen. Augenblicklich macht sich hannoverimpuls beispielsweise für ein junges Unternehmen stark, das einen anderen, alternativen Baustoff im Bereich Windenergieanlagen einsetzen will. Die TimberTower GmbH wird in absehbarer Zeit Türme aus Holz für Großwindanlagen bauen. Eine Demoanlage soll nachweisen, dass der neue (gute alte) Baustoff funktioniert. Wie groß das Potential eines erfolgreichen Testlaufs sein könnte, lässt sich mit wenigen Argumenten nachzeichnen. Zunächst ist der Windenergiemarkt ein nach wie vor extrem stark wachsender Markt. Gerade im Binnenland, wo der Wind nicht so einfach zu ernten ist, braucht man möglichst hohe Türme (deren Bau mit dem neuen Material durchaus möglich ist). Viele solche Standorte werden gerade erst erschlossen. Außerdem ist Holz leichter als die herkömmlichen Baustoffe. Windkraftanlagen dieser neuen Generation werden also einfacher zu transportieren sein, mit entsprechenden Kostenvorteilen für die Kunden. Darüber hinaus spielt Holz als Hochleistungswerkstoff bisher kaum eine Rolle. Wenn die Nagelprobe in der Windenergie mit ihren dynamischen Belastungen bestanden wird, ergeben sich für diesen Baustoff möglicherweise noch ganz andere Perspektiven, beispielsweise im Hochbaubereich oder bei Hochspannungsleitungen. Und es geht noch weiter: Niedersachsen hat bereits eine starke Holzindustrie, sie könnte ihr Produkt womöglich ganz neu verarbeiten und anbieten. Wer weiß, vielleicht entsteht vor den Toren der Stadt irgendwann eine Fabrik, die ihren Rohstoff aus der Region bezieht und die gute Verkehrsanbindung für den weltweiten Handel nutzt. So ergeben sich theoretisch Wertschöpfungsstufen, die mit dem reinen Klimaschutzbereich am Ende kaum noch Berührungspunkte haben. Diese Potentiale zu erkennen und bei den richtigen Akteuren anzusprechen, das ist dann in der Tat übergreifende Clusterentwicklung. Gernot Hagemann formuliert seine Funktion im Hinblick auf die Ziele zur CO2-Reduktion in Hannover mit einem Augenzwinkern so: „Es kann durchaus sein, dass durch meine Aktivitäten am Ende mehr CO2 in der Region erzeugt wird, weil hier Unternehmen vielleicht Produkte realisieren, die allerdings global helfen, den CO2-Ausstoß zu senken.“</p>
<p style="text-align: left;"><em><strong><span style="color: #ff0000;"><br />
Ist man in Hannover seiner Zeit schon zu weit voraus? </span></strong></em><br />
Hannover macht also tapfer seit vielen Jahren seine Hausaufaufgaben im Bereich Energieeinsparung, Energieeffizienz und CO2-Einsparung und hat nun auch die wirtschaftlichen Potentiale im Bereich der regenerativen Energien erkannt. Eigentlich müsste man bei dieser Erfolgsgeschichte doch geradezu prädestiniert sein, zum Beispiel einen Wettbewerb wie den zur „European Green Capital 2011“ zu gewinnen. Gewonnen hat allerdings Hamburg. Auch bei der Ausschreibung des Bundesverkehrsministeriums zum Thema Elektromobilität im vergangenen Jahr fehlt Hannover. Acht Modellregionen Elektromobilität in Deutschland hatte man gesucht – und Hannover nicht gefunden. Mag man uns nicht? Sind wir am Ende die Streber, die niemand an Bord haben möchte? Beim Wettbewerb Bundeshauptstadt Klimaschutz, ausgelobt vom Bundesministerium für Umweltschutz, landete Hannover bisher ebenfalls immer nur auf den Plätzen. Sind wir gar nicht so weit vorne, wie wir denken?</p>
<p style="text-align: left;">Nach genauer Analyse der Wettbewerbsbedingungen und eingereichten Projekte ergibt sich eine andere Antwort: Wir sind wahrscheinlich schon ein Stückchen zu weit. Hannover hat das Problem der sogenannten „Early Actions“. Da wird bei solchen Ausschreibungen dann unter anderem gefragt, welche Initiativen es seit 2000 oder 2005 gegeben hat. Oder im vergangenen Jahr. Alles, was die Akteure in der Region, beispielsweise proKlima, vor diesem Zeitpunkt unternommen haben, fällt dann mal eben aus der Wertung. Hannover startet bei solchen Wettbewerben auf einem relativ hohen Niveau, doch allzu oft geht es eher um jüngere Aktivitäten. Wenn bei der CO2-Einsparung bereits lange zuvor Maßnahmen erfolgreich waren, kann man mit der jüngeren Vergangenheit nicht mehr so stark glänzen. Oder anders gesagt: Wir befinden uns bereits in der Feinjustierung, während andere gerade erst anfangen, die ganz großen Räder zu drehen.</p>
<p>Trotzdem, und darin sind sich alle Akteure im Bereich Klimaschutz in Hannover einig, darf man sich gerade jetzt nicht zurücklehnen oder resignieren, weil immer wieder Zuschüsse für den Klimaschutz ausgerechnet nicht in der Region landen. Steht zu befürchten, dass sich das Verhältnis irgendwann umdreht und Hannover den Anschluss verliert? Statt darüber zu spekulieren, sollte man sich auf die eigenen Stärken besinnen. Zum Beispiel beim Thema Elektromobilität. Kommt man mit dem Major-Player Volkswagen ins Gespräch? Gewinnt man Conti zu einer Projektteilnahme? Kann der Aufbau einer Modellregion ohne Fördertöpfe überhaupt gelingen?<br />
„Das gilt es jetzt herauszufinden“, sagt Gernot Hagemann. „Ich bin zuversichtlich, tatsächlich die relevanten Unternehmen zusammenzubringen, die großen Akteure, nicht nur der Automobil- oder der Zulieferer-Industrie. Auch ein Energieversorger bzw. Netzbetreiber muss mit an Bord sein, um die notwendige Infrastruktur bereitzustellen, die typischen Ladesäulen einzurichten. Unter diesen Voraussetzungen gelingt ein sinnvolles Konzept, dass die Unternehmen und die Anwender gleichermaßen begeistert.“ Aber das sind dicke Bretter, die man da bohren muss. Und dicke Bretter brauchen Zeit. Zeit, die Hannover in diesem Falle nicht wirklich hat.</p>
<p style="text-align: left;"><span style="color: #ff0000;"><em><strong><br />
Die Windwärts Energie GmbH</strong></em></span><br />
Auf die Stärken besinnt man sich in diesen Tagen auch bei der Windwärts Energie GmbH. Natürlich beobachtet man mit Sorge die aktuelle Diskussion um die Solarenergie. Norbert Röttgen (CDU) will Einschnitte bei der Vergütung des umweltfreundlichen Sonnenstroms von bis zu 25 Prozent. Das öffentliche Gerangel richtet gleich in zweierlei Hinsicht Schaden an. Zunächst könnten sich Hausbesitzer nun von der Idee verabschieden, Solaranlagen auf ihren Dächern zu installieren, obwohl die Kürzungen Dachanlagen weniger betreffen. Und das wäre in Sachen CO2-Reduktion für Hannover kein kleiner Rückschlag. Zum Zweiten werden viele Unternehmen die Pläne für die von den Kürzungen betroffenen Freiflächenprojekte nun wohl ganz unten in die Schublade legen, denn bei einem solch drastischen Einschnitt sind die Anlagen schlicht nicht wirtschaftlich. Kritisiert wird vor allem die geplante sehr kurzfristige und radikale Kürzung. Gegen eine moderate und langfristig angelegte Degression hätte die Branche gar nichts einzuwenden. Überall in Deutschland versuchen Unternehmen nun zu retten, was zu retten ist und legen es darauf an, ihre geplanten Projekte noch vor der Kürzung zu realisieren. Auch bei Windwärts drückt man aufs Tempo, denn Planungen kosten Geld, sind Investitionen, die natürlich nicht umsonst sein sollen.</p>
<p style="text-align: left;">Insgesamt blickt das Unternehmen, das gerade räumlich aus allen Nähten zu platzen droht und demnächst auf das alte Hanomag-Gelände ziehen wird, aber eher gelassen auf die öffentliche Debatte. Die Branche hat gezeigt, dass sie kreativ ist und auch mit schwierigen Situationen umgehen kann. Angefangen hat bei Windwärts alles 1994 mit fünf Leuten, die sich zusammengefunden hatten, um in Laatzen eine erste Windkraftanlage zu realisieren. Man machte sich also an die Planung eines Bürgerwindparks. Die Beteiligung der Menschen in Laatzen war dabei nicht allein Finanzierungsmodell, sondern Ausdruck einer ganz grundsätzlichen Philosophie. Stromerzeugung nicht in großen, zentralen Kraftwerken, sondern direkt mit den Menschen vor Ort, die mit ihrer Beteiligung gleichzeitig Eigentümer werden. Das Interesse war bundesweit groß. Derart groß, dass man recht schnell dazu überging, gleich noch eine zweite Anlage am gleichen Standort zu planen. Letztlich kam noch ein weiterer Standort hinzu, und man realisierte insgesamt fünf Anlagen.</p>
<p style="text-align: left;">Ein erfolgreicher Start, der gar nicht so selbstverständlich war. Zu jener Zeit waren die Banken und größere Investoren noch überaus skeptisch. Alle Projekte wurden darum über geschlossene Fonds mit einer Vielzahl von Gesellschaftern finanziert, die sich anfangs oft aus Idealismus und nur mit kleinen Beträgen beteiligten. Ohne diese vielen privaten Anleger der ersten Jahre, so sagt Windwärts heute, wäre die Entwicklung des Unternehmens in dieser Form kaum denkbar gewesen.<br />
Bereits 1995/96 stellte Windwärts die ersten Leute ein und expandierte. Neue Projekte, neue Standorte, schon beim zweiten Projekt gekoppelt mit Photovoltaik. Bis heute hat das Unternehmen Projekte mit einem Investitionsvolumen von insgesamt 270 Millionen Euro entwickelt und 124 Windenergie- sowie 24 Photovoltaikanlagen mit einer Gesamtleistung von 215 Megawatt in Betrieb genommen. Das entspricht dem Strombedarf von rund 151.000 privaten Haushalten. Man zählt augenblicklich 70 Mitarbeiter, die nächsten Stellenauschreibungen laufen bereits. Jobmaschine regenerative Energien. Wer das nicht glaubt, sollte mal einen Blick auf <a href="http://www.greenjobs.de">www.greenjobs.de</a> werfen. Man bekommt dort recht schnell einen Eindruck, welches Potential in dieser Branche liegt.</p>
<p style="text-align: left;">Doch wie gesagt, ganz so einfach war die Erfolgsgeschichte nicht. Die Vorurteile, die im Zuge der aktuellen Diskussion gerade wieder in aller Munde sind, sie begleiten Windwärts bereits seit der Unternehmensgründung. Wissentlich oder unwissentlich kommt seit Jahren immer das gleiche. Michael Fuchs (stellvertretender Vorsitzender der CDU/CSUBundestagsfraktion) spricht beispielsweise gerne von „Vogelschredderanlagen“ (Windkraft) und „Subventionsgräbern“ (Solarzellen). „In den zwölf Jahren, in denen ich Windmühlen betreue, plane und baue, habe ich einen einzigen toten Vogel unter einer Anlage gesehen, der offensichtlich von einem Flügel getroffen worden ist.“, sagt Christian Witzsche von Windwärts. „Und bei den Kürzungen, um die gerade gestritten wird, geht es nicht um Subventionen aus dem Staatshaushalt. Die Umlage, mit der erneuerbare Energien gefördert werden, zahlen die Verbraucher direkt über ihre Stromrechnung. Circa 3 Euro pro Monat für einen 3-Personen-Haushalt“, ergänzt Björn Dosdall. Für die beiden sind das alles ganz alte Hüte. Die Lautstärke wird immer wieder als Gegenargument angeführt, doch mit dem Abstand zwischen 750 und 1000 Metern zum nächsten bewohnten Haus hat sich dieses Thema genauso erledigt wie der „bedrohliche“ Schattenwurf. „Anlagen mit einer Höhe von über 100 Metern haben nachts ein Signallicht, aber das ist wirklich alles“, sagt Christian Witzsche. Ganz eifrige Kritiker behaupten auch immer noch, dass die Windenergie insgesamt nicht funktioniert. Immer wieder errechnen Ingenieure, dass es gar nicht funktionieren kann und stellen ihre Erkenntnisse gerne im Internet in entsprechende Foren. „Wir haben heute über 21.000 Anlagen in Deutschland mit weit über 25.000 Megawatt Leistung. Das ist einfach nicht mehr wegzudiskutieren. Der Strom ist im Netz. Und sein Anteil wächst“, so kommentiert das Björn Dosdall.</p>
<p><a href="http://www.stadtkind-hannover.de/wp-content/uploads/2010/03/hannovers-green-deal4.jpg"><img class="alignleft size-full wp-image-6236" title="Hannovers Green Deal" src="http://www.stadtkind-hannover.de/wp-content/uploads/2010/03/hannovers-green-deal4.jpg" alt="" width="358" height="273" /></a>In der Tat wird in der Auseinandersetzung um die „grünen“ Energien viel Unsinn in die Welt gesetzt. Immer weniger laut, so sagen die Mitarbeiter von Windwärts, aber es bleibt trotzdem ärgerlich. Vor allem, wenn die regenerativen Energien als viel zu teurer Spaß dargestellt werden, die den Steuerzahler Millionen kosten, während man im gleichen Atemzug die Atomenergie als günstigere Alternative preist.<br />
Fakt ist, dass die Atomenergie in der Vergangenheit mit Milliarden staatlicher Zuwendungen aufgebaut worden ist.</p>
<p>Auch Sonderregelungen, ja eigene Gesetze hat es für die strahlende Zukunft gegeben. So brauchen Atomkraftwerksbetreiber bis heute keine Haftpflichtversicherung. Sie sind per Gesetz von dieser Pflicht befreit. Müllgebühren müssen sie ebenfalls nicht bezahlen, und eine Zeit lang waren sie auch von der Versteuerung ihrer Rücklagen befreit. Würde man all das auf den Strompreis anrechnen, läge man so etwa bei 1,50 Euro pro Kilowattstunde.</p>
<p style="text-align: left;">Vielleicht sollte die Bundesregierung mal in Hannover anrufen, und sich über die eine oder andere gute Idee „Made in Hannover“ informieren. Wie wäre es zum Beispiel mit einem Fonds nach dem Modell proKlima? Das wäre jedenfalls weitaus sinnvoller, als über Subventionen zu diskutieren, die keine sind. „Ich persönlich halte eine Investition in regenerative Technik, die durchaus nach dem EEGUmverteilungssystem funktioniert, die uns heute zwingt, möglicherweise ein wenig mehr für Energie zu bezahlen, für sinnvoll und angemessen, allein weil diese Investition auch in die heimische Volkswirtschaft einzahlt, in das heimische Handwerk, in heimische Produktion von Anlagentechnik. Das erscheintmir weitaus besser, als sich in der trügerischen Sicherheit zu wähnen, dass Energie unbegrenzt verfügbar ist, wo wir sie doch zum größten Teil importieren, zumindest die fossile Energie“, sagt Gernot Hagemann. Besser kann man es wohl kaum auf den Punkt bringen.</p>
<p style="text-align: left;"><strong>Lars Kompa, Fotos: Windwärts Energie GmbH</strong></p>
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		<title>irgendwas fehlt dann doch…</title>
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		<pubDate>Sun, 31 Jan 2010 22:00:50 +0000</pubDate>
		<dc:creator>wolke</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Zuerst habe es ihre beste Freundin Tanja erwischt, dann hätte Melanie sich „angesteckt“ und am Ende sogar Bettina – und von der hätte man es doch nun am allerwenigsten erwartet. „Jetzt bin eben ich dran“, sagt sie und sieht dabei eigentlich ganz glücklich aus. Es ist nicht die Grippe. Julia ist schwanger. ]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><strong><span style="color: #ff00ff;">Von</span> <span style="color: #3366ff;">späten</span> <span style="color: #ff00ff;">Müttern</span> <span style="color: #3366ff;">und</span> <span style="color: #ff00ff;">letzten</span> <span style="color: #3366ff;">Chancen<br />
</span></strong></p>
<p><em><span style="color: #ff00ff;"><a href="http://www.stadtkind-hannover.de/wp-content/uploads/2010/05/irgendwas-fehlt-dann-doch.jpg"><img class="alignright size-medium wp-image-7818" title="tick-tack-tick-tack - du wirst auch nicht jünger!" src="http://www.stadtkind-hannover.de/wp-content/uploads/2010/05/irgendwas-fehlt-dann-doch-218x300.jpg" alt="" width="218" height="300" /></a>So schon mal gar nicht!</span></em><br />
Es klingt so, als würde Julia (38) von einer Grippewelle erzählen. Zuerst habe es ihre beste Freundin Tanja erwischt, dann hätte Melanie sich „angesteckt“ und am Ende sogar Bettina – und von der hätte man es doch nun am allerwenigsten erwartet. „Jetzt bin eben ich dran“, sagt sie und sieht dabei eigentlich ganz glücklich aus. Es ist nicht die Grippe. Julia ist schwanger. Endlich! Das jedenfalls haben ihre Eltern gesagt. „Hauptsache endlich ein Enkel. Die Nachbarn sind ja alle schon längst Opa und Oma, haben sie gesagt. Ich hatte zwischenzeitlich das Gefühl, meine Eltern wünschen sich das Kind mehr als ich.“</p>
<p>Julia leitet eine Werbeagentur, ihr Freund hat inzwischen eine ganz nette Laufbahn bei der Bank hinter sich, sie kennen sich seit elf Jahren und sind seit acht Jahren zusammen. Ein typisches Karriere-Pärchen. „Was spricht denn dagegen?“ haben ihre Eltern schon nach zwei Jahren Partnerschaft gefragt.</p>
<p>„Jetzt wird es doch langsam mal Zeit. Denk an deine biologische Uhr. Du wirst auch nicht jünger. Wenn es irgendwann zu spät ist, bereust du es. Oder stimmt was nicht bei ihm? Oder bei dir? Kind, du kannst uns das ruhig erzählen. Da kann man heute ganz viel machen, das stand letztens erst in der Apotheken Umschau.“</p>
<p>Und als sie zusammen in die größere Wohnung gezogen sind: „Aus den beiden Zimmern könnt ihr doch ganz wunderbar die Kinderzimmer machen.“</p>
<p>So schon mal gar nicht, hatte Julia sich damals zuerst gedacht und es den beiden schließlich auch gesagt. „Je öfter ihr mich mit eurem Enkel nervt, desto weniger Lust habe ich drauf. Es passt jetzt einfach nicht.“</p>
<p>„Aha! Also hast du wenigstens schon mal drüber nachgedacht“, hatten sie ihr geantwortet. „Es spricht ja auch wirklich nichts dagegen. Karriere kannst du doch trotzdem machen. Danach.“</p>
<p>Und nach fünf Jahren Partnerschaft: „Jetzt kennt ihr euch doch nun wirklich lange genug. Und in deinem Beruf hast du auch was erreicht. Außerdem ist das heute kein Problem mehr mit der Karriere und einem Kind. Guck dir die Ursula von der Leyen an, die macht das mit links.“</p>
<p>Aber für Julia passte es immer noch nicht. Ursula von der Leyen hatte ja auch leicht reden mit ihren zig Hausangestellten. Sie wäre weitgehend auf sich allein gestellt. Dass Markus bei der Bank kürzer treten würde, war jedenfalls nicht zu erwarten. Ein Kind? Vielleicht, aber nicht jetzt! Julia verlegte sich darauf, die Nachfragen ihrer Eltern einfach zu ignorieren. Nur als ihre Mutter vor zwei Jahren anfing, Babypuppen zu sammeln und sie in kleinen Kinderwagen überall in der Wohnung zu verteilen, um ihr dann zu sagen, dass sie sich jetzt schon damit abgefunden habe, auf richtige Enkel verzichten zu müssen, war ihr noch einmal der Kragen geplatzt: „Bevor ich dir aus Versehen den Gefallen tue, lasse ich mich eher sterilisieren“, hatte sie ihre Mutter angeschrieen. Dabei war sie sich zu dem Zeitpunkt gar nicht mehr so sicher, ob sie nicht vielleicht doch noch ein Kind in die Welt setzen wollte. Irgendwann. Demnächst. Aber das war zuerst nur so ein Gefühl.</p>
<p><em><span style="color: #3366ff;"><a href="http://www.stadtkind-hannover.de/wp-content/uploads/2010/05/irgendwas-fehlt-dann-doch1.jpg"><img class="alignleft size-medium wp-image-7819" title="Stimmt die Partnerschaft, stimmt der Beruf, stimmt das Geld?" src="http://www.stadtkind-hannover.de/wp-content/uploads/2010/05/irgendwas-fehlt-dann-doch1-218x300.jpg" alt="" width="218" height="300" /></a>Und vor allem nicht jetzt!</span></em><br />
Wie Julia geht es sehr vielen Frauen in Deutschland. 1990 hatten noch 60 Prozent der Frauen zwischen 25 bis 29 Jahren Kinder. Heute sind es nur noch 29 Prozent. Auch bei den Männern wird das Vaterglück in jungen Jahren immer seltener. Die Gruppe der ledigen, kinderlosen Männer wächst wie keine andere in der deutschen Gesellschaft, besonders zwischen 40 und 45 Jahren. Offensichtlich hat sich hier ein neuer Lebensentwurf ohne Partnerin und Kinder entwickelt. Woran das liegt, ist relativ einfach zu erklären: Der Verstand redet mit. Wenn ein Paar rational nach dem richtigen Zeitpunkt sucht, ist es zumindest für den Augenblick immer der falsche Zeitpunkt. Stimmt die Partnerschaft, stimmt der Beruf, stimmt das Geld? Das sind die drei Topp-Sorgen wenn junge Menschen sich Gedanken über die Familienplanung machen. Wenn es da irgendwo hapert, wird der Nachwuchs eben auf unbestimmte Zeit verschoben.</p>
<p>Mit dem angeblich gestiegenen Spaß- und Freizeitbedürfnis der jüngeren Generationen hat all das herzlich wenig zu tun. Kinderlose gab es Anfang des 20. Jahrhunderts genauso viele wie heute. Damals bekamen Frauen nur einfach vier, fünf oder mehr Kinder, da fiel es nicht so auf, dass Frauen kinderlos blieben.</p>
<p>Heute ist das anders. Frauen entschließen sich immer später zur Schwangerschaft und oft bleibt es dann bei einem Kind. Es mangelt vor allem an Zeit. Während der Ausbildung lässt man es lieber bleiben. Noch ein paar Monate bis zur Prüfung, einen schlechteren Zeitpunkt kann man sich ja nicht aussuchen. Dann folgen die ersten Jobs, und meistens sind das keine Festanstellungen. Es fehlt die Sicherheit. Jahresverträge sind immer mehr die Regel, bis vielleicht mit Anfang 30 die erste Festanstellung folgt. Aber dann gleich schwanger werden? In dem Fall können sich Frauen ziemlich sicher sein, dass ihr neuer Arbeitgeber vielleicht nicht offen verärgert ist, aber glücklich wird er über seine neue, frischgebackene und nun plötzlich schwangere feste Arbeitskraft sicher nicht sein. Viele Frauen können über das Verhalten von Arbeitgebern in solchen Situationen traurige Geschichten erzählen. Die Aussichten, nach der Schwangerschaft wieder in das Unternehmen zurückzukehren und in der gleichen Position zu starten, sind nicht besonders gut, um es mal freundlich auszudrücken.</p>
<p>Zudem beginnt mit der ersten Festanstellung ja eigentlich erst die Karriere. Frauen und Männer investieren viel Zeit und Geld in die eigene Ausbildung, haben sich vielleicht jahrelang bei den Vorlesungen mit den Kommilitonen den Sitzplatz geteilt, nun ist endlich die erste Festanstellung geschafft – wofür das alles, wenn man die Karriere dann gleich wieder abbricht, um ein Kind in die Welt zu setzen?</p>
<p>Also muss das Kind noch ein paar Jahre warten. Dass die berufliche Karriere von Frauen mit einem Kind endet, ist in Deutschland immer noch normal. Daran hat auch Ursula von der Leyen als Familienministerin nichts geändert. Die Väter mehr in die Pflicht zu nehmen, war zwar ein schöner Gedanke, die Einführung des Elterngeldes 2007 hat aber insgesamt fast nichts verändert. Ist die Elternzeit vorbei, geht es für die Väter zurück in den Beruf.</p>
<p>Nach einer Evaluationsstudie im Auftrag des Familienministeriums über die Auswirkungen des Elterngeldes auf die Erwerbstätigkeit kehren fast 90 Prozent der Väter ohne Einschränkungen an ihren alten Arbeitsplatz zurück. Die Beschäftigungsquote vor und nach einem Kind ist bei Männern gleich geblieben. Rund 60 Prozent der Von-der-Leyen-Väter bleiben nur zwei Monate zu Hause.</p>
<p>Was nicht heißt, dass sie das mit dem Kind dann alleine in die Hand nehmen. Meistens sind die Frauen während dieser Zeit ebenfalls immer in der Nähe. Die neuen Väter sind nach wie vor die alten Väter. Zwar wissen sie nach den zwei Monaten, wie man eine Windel wechselt, einen Brei kocht und einen Schnuller auswäscht, aber das heißt noch lange nicht, dass sie nach ihrer Elternzeit diese und die vielen weiteren Aufgaben auch ganz selbstverständlich übernehmen. Sie springen gerne mal ein, besonders in der Öffentlichkeit, aber mehr ist es meistens nicht. Im Gegenteil, in der Regel verbringen Männer nach der Geburt des ersten Kindes mehr Zeit am Arbeitsplatz als vorher. Das hat nebenbei einen schönen Effekt. Es fördert die Karriere.</p>
<p>Da kommt es einem reichlich seltsam vor, dass in Deutschland eher die Frauen die Männer überzeugen, ein Kind in die Welt zu setzen. Eigentlich müsste es umgekehrt sein, so wie beispielsweise in Österreich.</p>
<p>Für Frauen verändert sich mit der Schwangerschaft alles. Etwa 55 Prozent sind vorher in Vollzeit beschäftigt, nur 14 Prozent kehren in die Vollbeschäftigung zurück. Nach zwei Kindern sind es nur noch sechs Prozent. Es bleibt bei der traditionellen Aufteilung. Der Vater bringt das Geld nach Hause und kümmert sich um seine Karriere, die Mutter versorgt den Nachwuchs und verdient evtl. ein bisschen was dazu. Sie bleibt sozusagen in Vollbeschäftigung zu Hause. Für Frauen vervierfacht sich nach der Geburt eines Kindes die Arbeit im Haushalt. Fast erscheint es wie ein Wunder, dass sie überhaupt noch Kinder bekommen.</p>
<p><em><span style="color: #ff00ff;"><a href="http://www.stadtkind-hannover.de/wp-content/uploads/2010/05/irgendwas-fehlt-dann-doch3.jpg"><img class="alignright size-medium wp-image-7821" title="Was wäre wenn?" src="http://www.stadtkind-hannover.de/wp-content/uploads/2010/05/irgendwas-fehlt-dann-doch3-218x300.jpg" alt="" width="218" height="300" /></a>Oder doch?</span></em><br />
Aber sie bekommen Kinder. Meistens jedenfalls. Irgendwann bis 35. Danach nimmt der Kinderwunsch bei Frauen wieder rapide ab. Viele Frauen fühlen sich mit unter 30 noch zu jung für ein Kind, ab 35 dann zu alt. Das liegt nicht so sehr an der Biologie, sondern eher an der Angst, zu den alten Eltern zu gehören. Dabei spricht eigentlich nichts dagegen zu warten. In Finnland oder Schweden ist es heute bereits ganz normal, das gesamte Lebensjahrzehnt zwischen 30 und 40 Jahren zu nutzen. Nicht so in Deutschland. Stärker als in vielen anderen europäischen Ländern konzentriert man sich bei uns auf den beruflichen Aufstieg und die soziale Absicherung. Bis 35 will man das alles erreicht haben. Abgeschlossene Ausbildung, Jobs, erste Festanstellung, Karriere, Partnerschaft, vielleicht Ehe, dann ganz vielleicht Kinder. Und das alles durchschnittlich zwischen 27 und 35 Jahren. Soziologen sprechen von der „Rush hour of life“. Andere nennen es Stress.</p>
<p>Julia hatte bei all dem Stress plötzlich dieses seltsame Gefühl. Und als Tanja ihr dann im Café mit diesem kleinen Kerl gegenüber saß und so glücklich aussah, wie sie ihre beste Freundin noch nie gesehen hatte, dachte sie immer öfter darüber nach. Was wäre wenn? Man könnte ja wirklich aus dem einen Zimmer ganz gut ein Kinderzimmer machen. Das Geld würde auch reichen. Und in der Agentur hatte sie sich mittlerweile so unentbehrlich gemacht, dass sie auch in Teilzeit unentbehrlich bleiben würde. Gesprochen hatte sie mit ihrem Freund schon des Öfteren darüber, aber bisher eher aus der Perspektive der Kinderlosen und trotzdem Glücklichen. „Die wechseln Windeln und tragen ihr Geld in den Biomarkt, wir fliegen vier Wochen nach Ägypten“, hatte Markus mal gesagt. Laut dem Statistischen Bundesamt kosten Kinder in Deutschland monatlich 549,- Euro vom ersten bis zum 18. Lebensjahr, also insgesamt knapp über 100.000 Euro. Für das Geld kann man lange verreisen. Außerdem gab es genug abschreckende Beispiele im Bekanntenkreis. Eltern, die nur noch ein Thema hatten, die sich plötzlich für nichts anderes mehr interessierten, als den eigenen Nachwuchs, und ein ungeheures Mitteilungsbedürfnis entwickelten, wenn es darum ging zu erzählen, was der kleine Scheißer wieder für Wunder vollbracht hatte. Schrecklich! Als sie schließlich mit Markus darüber sprach, reagierte er allerdings völlig anders als erwartet. „Hab ich auch schon drüber nachgedacht“, sagte er. „Wenn wir wollen, wird es ja allmählich Zeit. Wollen wir denn?“ Julia war sich da auch nicht so sicher. Mit 38 Jahren noch ein Kind. Und sie hatte die ganze Zeit die Pille genommen. Würde das überhaupt noch funktionieren? „Das kann ich ihnen auch nicht sagen“, meinte ihr Arzt. „Es gibt Risiken in dem Alter, auch und vor allem für das Kind, aber abraten werde ich ihnen ganz sicher nicht. Lassen sie es doch einfach drauf ankommen.“ So setzte Julia die Pille ab, dachte dann ein paar Wochen lang beim Sex darüber nach, dass sie womöglich gerade ein Kind zeugten, was tatsächlich ein bisschen störte, vergaß dann schließlich, was passieren könnte, und kurz darauf war es dann passiert. In knapp einem Monat wird sie ein Mädchen zur Welt bringen. Alles gesund, alles normal. Einen Namen gibt es auch schon. Aber den verrät sie noch niemandem.</p>
<p><em><span style="color: #3366ff;"><a href="http://www.stadtkind-hannover.de/wp-content/uploads/2010/05/irgendwas-fehlt-dann-doch4.jpg"><img class="alignleft size-medium wp-image-7822" title="Wir hatten einfach Glück" src="http://www.stadtkind-hannover.de/wp-content/uploads/2010/05/irgendwas-fehlt-dann-doch4-218x300.jpg" alt="" width="196" height="270" /></a>Und wenn es nicht klappt?</span></em><br />
„Wir hatten einfach Glück“, sagt Julia. „Das ist ja keine Selbstverständlichkeit. Jessica hat es drei Jahre versucht, ist zwischendurch 40 geworden und war schon richtig verzweifelt.“ Genau das ist die Kehrseite der Medaille. Mit zunehmendem Alter sinkt die Wahrscheinlichkeit, schwanger zu werden. Mit 24 Jahren ist sie am größten, mit 35 liegt die Chance pro Zyklus noch bei etwa 10 Prozent. Ab 35 steht dann auch der beklemmende Begriff „Risikoschwangerschaft“ im Mutterpass. So werden Schwangerschaften bezeichnet, bei denen die Gefahr besteht, dass es während der Schwangerschaft oder Geburt zu Komplikationen kommt oder das Risiko einer Fehlbildung des Kindes erhöht ist. Manche Ärzte kritisieren inzwischen diesen Begriff und halten ihn für überholt. Vielleicht nicht zu Unrecht. Mittlerweile hat sich die Liste der Risiken auf 52 erhöht.</p>
<p>Frauen unter 18 Jahren und über 35 Jahren gehören ebenso zur Risikogruppe wie Frauen, die bereits eine Fehl-, Früh- oder Todgeburt hatten. Das Kind liegt falsch (Quer- oder Steißlage), die Frau ist zuckerkrank, sie erwartet Zwillinge, sie hat bereits einen Kaiserschnitt hinter sich, etc. Die Risikoschwangerschaft ist zur Regel geworden. Drei von vier Frauen lesen in Deutschland heute diesen Begriff in ihrem Mutterpass – und machen sich entsprechende Sorgen. Viele werden die diffuse Angst während der gesamten Schwangerschaft nicht los, sie können ihren Zustand nicht wirklich genießen, die Vorfreude wird gedämpft durch ständige Grübeleien über die eigene Gesundheit und noch viel mehr über die Gesundheit des Kindes. Oft völlig zu unrecht, denn die meisten der Risiken können heute durch eine intensive Vorsorge und Überwachung minimiert werden. Auch Julia hatte sich während der ersten Monate ihrer Schwangerschaft den Kopf zerbrochen und so nebenbei alles an Fachliteratur gelesen, was ihr in die Hände fiel. „Sie sind eine wirklich gut informierte werdende Mutter“, hatte ihr Arzt irgendwann freundlich gesagt. „Aber jetzt werfen sie den ganzen Kram mal am besten in den Müll und freuen sich einfach darüber, was da in ihrem Bauch heranwächst. Die Sorgen mache ich mir, das ist mein Job.“ Eine klare Ansage zum richtigen Zeitpunkt. Natürlich gibt es mit zunehmendem Alter mehr Risiken, aber die Freude über die eigene Schwangerschaft sollte man sich dadurch nicht verderben lassen.</p>
<p>Doch was tun, wenn es nicht klappt, wenn es einfach nicht klappen will mit der Schwangerschaft? Jessica probiert es bereits seit drei Jahren erfolglos. Laut Weltgesundheitsorganisation (WHO) gilt ein Paar bereits als steril, wenn die Frau trotz Kinderwunsches und trotz regelmäßigen ungeschützten Verkehrs nicht innerhalb eines Jahres schwanger wird. Die erste Anlaufstelle ist dann meistens der Frauenarzt. Im Durchschnitt warten Frauen mindestens ein Jahr, oft aber auch zwei oder mehr Jahre, bis sie aktiv Hilfe suchen. Sich gemeinsam ein Kind zu wünschen, und dann kein Glück zu haben, das ist für viele Paare eine absolute Tragödie. Eine schwere Belastung für die Partnerschaft. Manchmal sogar ein Trennungsgrund. Paare sind mit diesem Schwebezustand zwischen Hoffen und Bangen oft ganz alleine. Dass sie ihren Wunsch und ihre vergeblichen Versuche offen nach außen kommunizieren, ist eher selten. Auch die besten Freunde werden meistens nicht eingeweiht. Das ist nachvollziehbar. Aber vielleicht gar nicht so empfehlenswert. Denn mit diesem Problem kämpfen vor allem Paare ab 35 relativ häufig. Sich mit anderen austauschen zu können, auch über die Konflikte, die in der Partnerschaft entstehen, kann in so einer Situation eigentlich nur hilfreich sein.</p>
<p>„Wir haben zwei Jahre überhaupt niemandem davon erzählt, nicht mal unseren Eltern“, sagt Jessica. „Bei uns hat es gar nicht funktioniert. Ich war nicht mal ein bisschen schwanger. Und dann fängt man an zu grübeln. Liegt es an dir, liegt es an ihm, an beiden? Hat irgendjemand da oben was dagegen? Warum alle anderen, und nicht wir? Ist der Partner vielleicht gar nicht der richtige? Entscheidet da gerade so etwas wie ein Siebter Sinn, dass es in dieser Beziehung nicht klappen soll? Plötzlich sieht man auf der Straße ständig Eltern mit kleinen Kindern. Man weiß eigentlich, die waren auch vorher schon da, aber in der Situation denkt man, dass die einem böswillig ständig über den Weg laufen, um in der Wunde zu bohren. Dann bekommt jemand im Bekanntenkreis ein Kind, so rein zufällig und nebenbei, ohne davon besonders begeistert zu sein und man hat einfach nur die Hasskappe auf. Nach knapp einem Jahr sind wir dann beide zum Arzt. Und alles war in bester Ordnung. So eine Nachricht ist ja eigentlich ganz schön, aber damit hast du nichts, was du tun kannst. Außer es weiter zu probieren und abzuwarten. Dem Schicksal seinen Lauf zu lassen. Oder du entscheidest dich irgendwann, dem Schicksal auf die Sprünge zu helfen. Das haben wir gerade gemacht.“</p>
<p><em><span style="color: #ff00ff;"><a href="http://www.stadtkind-hannover.de/wp-content/uploads/2010/05/irgendwas-fehlt-dann-doch5.jpg"><img class="alignright size-medium wp-image-7823" title="Und wenn es nicht klappt?" src="http://www.stadtkind-hannover.de/wp-content/uploads/2010/05/irgendwas-fehlt-dann-doch5-218x300.jpg" alt="" width="218" height="300" /></a>Dem Schicksal auf die Sprünge helfen</span></em><br />
Dass alles in Ordnung ist, und es trotzdem nicht funktioniert, ist eher die Ausnahme. Meistens gibt es recht eindeutige Diagnosen. Zu einem Drittel sind es Fertilitätsstörungen der Frau, zu einem zweiten Drittel ist es eine eingeschränkte Zeugungsunfähigkeit des Mannes und zu einem letzten Drittel ist es die eingeschränkte Fruchtbarkeit beider Partner. Bei der Frau kann es Störungen bei der Eibläschenreifung geben. Gründe hierfür sind häufig Hormonstörungen, genetische Störungen, vergangene Operationen, Chemotherapie oder Bestrahlung, Antikörper und nicht zuletzt das Alter. Auch der Eitransport kann durch Entzündungen, Operationen, Fehlbildungen und Endometriose gestört sein. Darüber hinaus kann es durch eine unzureichende Schleimsekretion im Gebärmutterhals oder Spermatozoen-Antikörper auch Probleme beim Spermientransport geben. Und zuletzt gibt es eine ganze Liste von Ursachen, die eine Einnistung des Embryos in der Gebärmutter verhindern können.</p>
<p>Beim Mann sind die Ursachen oft leichter einzugrenzen. Entweder es stimmt etwas nicht mit dem, was herauskommt, oder es kommt nichts heraus.</p>
<p>Eine Störung der Samenzellenbildung kann beispielsweise durch Entzündungen (Mumps, etc.) auftreten, aber auch Krampfadern, Hormonstörungen, Operationen, Chemotherapie, Bestrahlung und Hodenhochstand sind Gründe für eine Unfruchtbarkeit. Der Hodenhochstand war übrigens in der ehemaligen DDR kein Problem. Hier wurde er bei so gut wie allen Kindern rechtzeitig entdeckt und erfolgreich behandelt. Das soll noch mal jemand sagen, in der DDR wäre alles schlecht gewesen. Die FKK-Kultur jedenfalls war offensichtlich so schlecht nicht.</p>
<p>Rauchen ist auch nicht unbedingt förderlich, um es mal freundlich auszudrücken. Bei rauchenden Frauen wird die Uhr in Sachen Fruchtbarkeit gleich mehrere Jahre vorgestellt. Das biologische Alter der Eierstöcke einer 30-Jährigen, die seit ihrem 15. Lebensjahr raucht, liegt bei etwa 40 Jahren. Stress, schlechte Ernährung und sogar Übergewicht gelten ebenfalls als problematisch, auch bei den Herren der Schöpfung. Das Ursache-Wirkung-Prinzip ist zwar schwerlich herstellbar, liegt aber oft auf der Hand.</p>
<p>Neben den körperlichen Ursachen spielt die Psyche wohl ebenfalls eine Rolle, auch wenn die Zusammenhänge hier nicht so eindeutig nachgewiesen werden können. Statistisch bleiben etwa 10 Prozent aller Fälle ungeklärt. Reproduktionsmediziner bezweifeln natürlich, dass die Psyche der Fruchtbarkeit ein Schnippchen schlägt und dass Therapie oder schlicht Entspannung helfen können. Sie setzen alles daran, auch die letzten 10 Prozent auf körperliche Ursachen zurückzuführen. Oder anders gesagt: Sie wollen dem Mythos Schicksal endgültig den Garaus machen. Dabei geht es natürlich auch um Geld. Die Reproduktionsmedizin ist inzwischen zu einem lukrativen Geschäft geworden. Immer mehr kinderlose Paare versuchen den Weg einer künstlichen Befruchtung. Das sollte man nicht grundsätzlich verteufeln, denn für viele Paare ist dieser Weg ein Segen. Aber es muss auch eine Grenze geben. In manchen Fällen gerät die Sehnsucht nach einem Kind zur aussichtslosen Besessenheit. Wenn Mediziner diese Gefahr erkennen, sollten weitere Versuche schlicht verweigert werden. Dann muss es im Gegenteil darum gehen, solche Paare an den Gedanken zu gewöhnen, kinderlos zu bleiben. Oder über die Alternative einer Adoption nachzudenken (Älter als 35 Jahre darf man dann allerdings nicht sein. Siehe Info Adoption).</p>
<p>Jessica und ihr Freund versuchen es jetzt mit der In-vitro-Fertilisation (auch Reagenzglasbefruchtung) „Weil man bei uns nichts festgestellt hat, gab es deswegen dann noch einen ziemlich langen Schriftverkehr mit der Krankenkasse. Da wäre es leichter gewesen, wenn sie irgendwas gefunden hätten. Einen Knoten in meinem Eileiter, ganz egal. Oder eine Menge träger, faulenzender Spermien bei meinem Freund. Unter uns, das hätte eigentlich ganz gut zu ihm gepasst. Die wollten jedenfalls zuerst ihren Teil der Kosten nicht übernehmen (Siehe Info Behandlungskosten). Verheiratet muss man übrigens auch sein. Da orientieren sich die Kassen offensichtlich noch im Mittelalter. Wir hatten das Gott sei Dank schon erledigt.“</p>
<p>Die Behandlungsmöglichkeiten bei einem unerfüllten Kinderwunsch sind je nach Diagnose relativ einfach oder höchst spezialisiert. Manchmal reicht schon das Zyklusmonitoring, das heißt, die Bestimmung des günstigen Zeitpunkts für einen Versuch. Dazu werden der natürliche Zyklus festgestellt, der heranreifende Follikel (das Eibläschen) per Ultraschall untersucht und über das Blut die Östrogenwerte ermittelt. Das Timing ist wichtig. Eine Eizelle bleibt ca. 24 Stunden befruchtungsfähig, optimal sind allerdings die ersten 12 Stunden. Spermien halten es (wenn die Qualität stimmt) bis zu 72 Stunden im weiblichen Körper aus, werden aber immer weniger. Ein Tag vor dem Eisprung ist der optimale Zeitpunkt, um für ein Stündchen die Vorhänge zuzuziehen.</p>
<p>Bei hormonellen Störungen kann es sein, dass die Eizelle zu langsam wächst oder ein Follikel gar nicht erst heranreift. In diesem Fall werden der Frau entsprechende Hormone zugeführt. Mit bestimmten Medikamenten kann außerdem das Zeitfenster des Eisprungs sehr genau eingegrenzt werden.</p>
<p>Von Insemination spricht man, wenn die Spermienqualität zu wünschen übrig lässt und die kleinen Kerle nach dem „Aschenputtelprinzip“ aufbereitet werden. Bei dem ca. zweistündigen Verfahren extrahiert man die Spermien von guter Qualität, um sie später zum optimalen Zeitpunkt in den Eileiter einzuspülen.</p>
<p>Bei der In-vitro-Fertilisation (IVF) werden Spermien und Eizellen im Reagenzglas zusammengeführt. Je mehr Eizellen dabei zur Verfügung stehen, desto aussichtsreicher sind die Chancen. Der IVF geht darum meistens eine gezielte und relativ aufwendige Hormonbehandlung voraus, d.h. bis zur Eizellengewinnung tägliche Spritzen ins Fettgewebe oder den Gesäßmuskel. Sind mehrere Eizellen herangereift, werden sie mittels Punktion aus den Eierstöcken entnommen und im Glas (in einer speziellen Nährlösung) mit den Spermien zusammengebracht. Dann geht&#8217;s für zwei Tage ab in den Brutschrank. Wenn es zu einer Befruchtung und Zellteilung gekommen ist, wird eine Auslese der befruchteten Eizellen (in dem Fall sind es bereits Embryonen) wieder in der Gebärmutter platziert (Embryotransfer). Dieser Vorgang findet wie eine normale Untersuchung auf dem gynäkologischen Stuhl statt und ist schmerzfrei. Ziel ist immer eine Einlingsschwangerschaft, weil sie weniger Risiken birgt. Um die Chancen zu erhöhen, überträgt man aber oft zwei Embryonen in die Gebärmutter (was die vielen späten Mütter mit den Doppelsitzern erklärt). Maximal drei eingesetzte Embryonen sind in Deutschland zulässig. Weitere vorhandene befruchtete Eizellen können eingefroren werden, um sie in einem nachfolgenden Zyklus zu übertragen, wenn der erste Versuch misslingt. Auf diese Weise kann man der Frau immerhin die erneute und unangenehme Hormonbehandlung ersparen.</p>
<p>Die In-vitro-Fertilisation mit intracytoplasmatischer Spermatozoen-Injektion (ICSI) kommt dann zum Einsatz, wenn die Samenzellen bestimmte Mindestanforderungen nicht erreichen. Eizellen sind anspruchsvolle Wesen, zigtausend sehr gut bewegliche Spermien sind erforderlich, um sie zu befruchten. Sie heften sich gewöhnlich an die Eizelle und warten, bis eine von ihnen ausgewählt wird. Wer zuerst kommt, mahlt in diesem Fall eben nicht zuerst. Bei der ICSI wird per Mikroinjektion eine einzelne Samenzelle in das Zentrum der Eizelle eingespritzt. Die so befruchtete Eizelle wird dann in die Gebärmutter übertragen.</p>
<p>Zuletzt erwähnenswert ist noch die operative Spermiengewinnung, wenn ein Mann sich in früheren Jahren hat sterilisieren lassen, jetzt aber doch Kinder möchte. Zwar ist es auch möglich, die Samenleiter operativ wieder zusammenzusetzen, die meisten Männer entscheiden sich aber für eine Biopsie, bei der operativ Spermien entnommen werden, um sie später im Rahmen einer ICSI zu verwenden.</p>
<p><span style="color: #3366ff;"><em><a href="http://www.stadtkind-hannover.de/wp-content/uploads/2010/05/irgendwas-fehlt-dann-doch6.jpg"><img class="alignleft size-medium wp-image-7824" title="Die Eizelle hat das letzte Wort" src="http://www.stadtkind-hannover.de/wp-content/uploads/2010/05/irgendwas-fehlt-dann-doch6-218x300.jpg" alt="" width="157" height="216" /></a>Die Erfolgsaussichten</em></span><br />
Wir Menschen sind nicht besonders fruchtbar. Selbst bei optimalen Voraussetzungen liegt die Wahrscheinlichkeit einer Schwangerschaft nur zwischen 20 und 25 Prozent pro Zyklus. Das ist im Vergleich zu anderen Säugetieren nicht besonders viel. Dass man im Falle einer Schwangerschaft von „einem großen Glück“ spricht, hat also durchaus seine Berechtigung. Bei 15 Prozent aller Schwangerschaften wird das Kind zudem in den ersten Wochen wieder verloren. Das ist die andere Seite der eigentlich doch recht schönen Aufgabe, auf einer Kinderstation dem Nachwuchs auf die Welt zu helfen. Unglaubliche Freude in einem Zimmer und bedrückende Niedergeschlagenheit und Trauer direkt nebenan. Hebammen, Krankenschwestern, Ärztinnen und Ärzte, sie alle müssen tagtäglich damit umgehen.</p>
<p>Die Schwangerschaftserwartung nach der IVF oder der IVF/ICSI ist mit ca. 28 Prozent recht hoch. Sie bewegt sich im Rahmen der Wahrscheinlichkeit bei einem gesunden Paar. Nach bis zu vier Behandlungszyklen sind 65 bis 70 Prozent der Frauen schwanger. Wesentlichen Einfluss hat aber auch hier das Lebensalter der Frau. Nun könnte man annehmen, dass zumindest bei der Mikroinjektion die Erfolgsrate doch eigentlich wesentlich höher sein müsste. Die Eizelle kann ja im Grunde nicht anders. Aber sie kann. Und nimmt ihr „Veto-Recht“ relativ häufig in Anspruch. Sie hat sozusagen das letzte Wort. Woran das liegt, daran forschen Mediziner weltweit. Fest steht, dass die Fehlbildungsraten bei der ICSI nicht höher sind, als bei Schwangerschaften, die auf natürlichem Wege zustande kommen. Es liegt also nahe, dass genetische Defekte eine Befruchtung verhindern, dass die Eizelle diese Gefahr erkennt. Erwiesen ist das allerdings noch nicht.</p>
<p>Bei wem die künstliche Befruchtung erfolgreich war, der kehrt in der Regel spätestens ab der 7. oder 8. Schwangerschaftswoche zur behandelnden Frauenärtzin oder zum Frauenarzt zurück. Natürlich steht im Mutterpass dann immer „Risikoschwangerschaft“ mit dem Vermerk „Zustand nach Sterilitätsbehandlung“. Tatsächlich kommt es nach der künstlichen Befruchtung geringfügig vermehrt zu Fehlgeburten innerhalb der ersten drei Monate, aber das mag auch mit dem erhöhten Risiko bei Mehrlingsschwangerschaften zu tun haben. Immerhin liegt die Mehrlingsrate bei 10 bis 15 Prozent. Wie gesagt sollte man sich von diesem Vermerk aber nicht die Freude verderben lassen.</p>
<p>Klappt es beim ersten Versuch nicht, muss das noch nicht das Ende aller Chancen bedeuten. Bei der IVF/ICSI steigt die Gesamterfolgsquote bis zum einschließlich vierten Versuch deutlich an. Ca. 45 Prozent sind danach schwanger. Die so genannte „Baby take kome-Rate“ beträgt etwa 80 Prozent. Erst ab dem fünften Versuch sinkt die durchschnittliche Erfolgsquote pro Behandlung. Die Chance bleibt natürlich weiterhin bestehen. Ob solche weiteren Versuche sinnvoll sind, hängt allerdings von der Gesamtbeurteilung ab. Letztlich wird die Entscheidung nach ausführlicher Beratung aber dem Patienten überlassen. Und diese Beratung beinhaltet im Idealfall natürlich auch den Hinweis, dass es vielleicht an der Zeit ist, zumindest eine Pause einzulegen, oder sich sogar an den Gedanken der Kinderlosigkeit zu gewöhnen. Die Krankenkassen zahlen ihren Teil beispielsweise bei der IVF übrigens nur bis zum dritten Versuch. Sie sind also etwas weniger optimistisch als die Statistik.</p>
<p><span style="color: #ff00ff;"><em>Legal, illegal, fatal?</em></span><br />
Es gibt auch in Deutschland zahlreiche Stimmen, die dem Thema der künstlichen Befruchtung eher skeptisch oder ablehnend gegenüberstehen. Droht uns mit der Reproduktionsmedizin irgendwann der ideale Mensch aus dem Reagenzglas? Kann man sich künftig die genetischen Anlagen seines Nachwuchses aussuchen, zum Beispiel bestimmen, ob es ein Junge oder ein Mädchen sein soll? Zumindest in Deutschland ist die Geschlechtswahl (und jede andere Auswahl) laut Embryonenschutzgesetz (EschG) mit einer Ausnahme verboten. Nur bei einer schwerwiegenden, geschlechtsgebundenen Erbkrankheit eines Partners ist sie erlaubt. In vielen anderen Ländern ist die Gesetzeslage aber eine andere oder noch nicht geklärt. Der Wunschkind-Tourismus wird kommen, daran bestehen kaum Zweifel. Dass diese Länder gesetzlich nachziehen, bleibt wohl nur ein frommer Wunsch.</p>
<p>Auch die Eizellspende, bei uns ebenfalls durch das EschG verboten, ist in vielen Ländern legale Praxis. Dabei werden Eizellen einer Spenderin mit den Spermien des Partners künstlich befruchtet und der Partnerin eingesetzt. Die werdende Mutter ist also nicht die genetische Mutter des Kindes. Grund für diese Prozedur ist meistens eine fehlende Eierstockfunktion (vorzeitige Wechseljahre, Operation, Chemotherapie) oder eine Erbkrankheit. Für viele Frauen in dieser Lage ist das Verbot nicht nachvollziehbar. Entsprechend gilt, was für Märkte immer gilt: Wo es eine Nachfrage gibt, da gibt es auch ein Angebot – das im Ausland auch von deutschen Paaren entsprechend angenommen wird.</p>
<p>Ungesetzlich ist in Deutschland zuletzt auch die Leihmutterschaft, bei der eine befruchtete Eizelle eines Paares einer Leihmutter eingesetzt wird. Nachdem sie das Kind ausgetragen hat, übergibt sie es den Eltern. In Deutschland werden solche Fälle nur sehr selten bekannt. Ohne einen längeren Auslandsaufenthalt oder einen beteiligten Mediziner ist so etwas kaum möglich und gehört wohl eher in den Bereich der Themenfindung für das Nachmittagsprogramm von RTL, als in die Wirklichkeit.</p>
<p>Insgesamt gibt die Reproduktionsmedizin vielen Paaren Hoffnung und Chance auf ein eigenes Kind. Sie ist daher grundsätzlich zu befürworten, wenn vernünftige Gesetze dem Missbrauch vorbeugen. Genau hier beginnt aber die Diskussion. Was ist vernünftig? Wann beginnt der Missbrauch? Was bei uns Gesetz ist, wird in vielen anderen Ländern völlig anders bewertet. Wir werden uns also an den Gedanken gewöhnen müssen, in nicht allzu ferner Zukunft mit „optimierten“ Menschen konfrontiert zu sein.</p>
<p>„Uns war völlig egal, ob wir einen Jungen oder ein Mädchen bekommen und was der oder die für genetische Anlagen hat“, sagt Jessica. „Das war für uns gar kein Thema. Und Eltern, für die so etwas ein Thema ist, sollten meiner Meinung nach keine Kinder in die Welt setzen. Denen geht es nicht um ein Kind, sondern nur um die eigene Eitelkeit. Ich habe mich damals vor allem in die Segelohren meines Freundes verliebt. Nicht auszudenken, wenn man bei ihm das Segelohr-Gen abgeschaltet hätte. Dann wären wir wahrscheinlich nie zusammengekommen und würden jetzt kein Kind bekommen. Es wird übrigens ein Junge – sehr wahrscheinlich ebenfalls mit Segelohren. Das ist doch herrlich!“ Dem ist wohl nichts hinzuzufügen.</p>
<p><strong>Lak, Fotos: Nadine Stapel</strong></p>
<p><strong><br />
Infokästen:</strong></p>
<p><span style="color: #3366ff;"><em>Die Behandlungskosten(Übernahme)</em></span><br />
Die Diagnostik der Kinderlosigkeit wird von den Kassen ohne Einschränkungen übernommen. Dazu gehören auch die Kosten, die entstehen, wenn ein Paar sich in einer Kinderwunschklinik vorstellt, um sich zu informieren und um die möglichen Behandlungen zu besprechen. Auch die Hormonbehandlungen, die ausschließlich zur Verbesserung der Eizellreifung durchgeführt werden, sind von Eigenleistungen befreit. Darüber hinaus besteht eine Leistungspflicht der gesetzlichen Krankenkasse nur dann, wenn folgende Voraussetzungen erfüllt sind:</p>
<p>1. Die geplante Behandlung muss Aussicht auf Erfolg haben.<br />
2. Die Kinderlosigkeit kann mit anderen Maßnahmen nicht behoben werden.<br />
3. Das Paar muss verheiratet sein.<br />
4. Ehefrau und Ehemann müssen vor Therapiebeginn das 25. Lebensjahr vollendet haben. Die Ehefrau darf bei Therapiebeginn das 40., der Mann das 50. Lebensjahr noch nicht vollendet haben.<br />
5. Bei der Ehefrau muss ein Immunschutz gegen Röteln, für beide Ehepartner ein negativer HIV- und Hepatitis-B-Test vorliegen.<br />
6. Das Ehepaar muss zuvor von einem Arzt, der die Maßnahmen nicht selbst durchführt, über die medizinischen, psychischen und sozialen Aspekte der künstlichen Befruchtung beraten worden sein.<br />
7. Bei einer ICSI-Behandlung müssen zwei aktuelle, bestimmten Anforderungen genügende Spermiogramme (Abstand mind. 12 Wochen) vorliegen.<br />
8. Weder Ehefrau noch Ehemann dürfen sterilisiert sein.<br />
9. Es muss ein von der Krankenkasse genehmigter Behandlungsplan vorliegen.</p>
<p>Sind all diese Voraussetzungen erfüllt, besteht eine 50-prozentige Leistungspflicht der gesetzlichen Krankenkasse, jedoch nur für</p>
<p>a) max. 8 Versuche einer Insemination im nicht stimulierten Zyklus<br />
(Eigenanteil ca. 100 Euro)<br />
b) max. 3 Versuche einer Insemination im stimulierten Zyklus<br />
(Eigenanteil ca. 500 Euro)<br />
c) max. 3 Versuche einer IVF<br />
(Eigenanteil ca. 1.500 Euro)<br />
d) max. 3 Versuche einer ICSI<br />
(Eigenanteil ca. 1.800 Euro)</p>
<p>Sollten die Voraussetzungen nicht erfüllt bzw. die Leistungen der gesetzlichen Krankenkassen ausgeschöpft sein oder Maßnahmen durchgeführt werden, die nicht Bestandteil der Leistung gesetzlicher Krankenversicherungen sind (z.B. “Assisted Hatching“, Einfrieren von befruchteten Eizellen oder die operative Entnahme von Hodengewebe), fallen sämtliche Behandlungskosten gemäß der „Gebührenordnung für Ärzte (GOÄ)“ auf das Paar zurück. Ebenfalls privat abgerechnet wird, wenn das Paar entsprechend versichert ist oder derjenige Partner, durch den die Kinderlosigkeit bedingt ist, privat versichert ist (”Verursacherprinzip”).</p>
<p>Die Höhe der Eigenbeteiligung hängt stark vom Alter und der Zahl der Medikamente/Ampullen ab. Wer jünger ist und weniger Hormone braucht bzw. gut darauf reagiert, hat Glück gehabt und kommt günstiger weg. Ansonsten beläuft es sich schon mal auf 2.000 Euro. Wer es nach der von den Krankenkassen vorgegebenen Versuchzahl weiter probiert, der landet schnell im fünfstelligen Euro-Bereich.</p>
<p><em><span style="color: #ff00ff;">Alternative: Adoption</span></em></p>
<p>Formale Voraussetzungen:</p>
<p>1. Die künftigen Eltern sind körperlich und geistig gesund, haben ein festes Einkommen und verfügen über genügend Wohnraum.<br />
2. Eine Höchstaltersgrenze für Adoptiveltern ist im Gesetz nicht vorgesehen. In der Praxis werden Säuglinge und Kleinkinder jedoch nur an Ehepaare vermittelt, die nicht älter sind als 35. Die untere Altersgrenze liegt bei 21 Jahren. Will ein Alleinstehender ein Kind adoptieren, so muss er mindestens 25 Jahre alt sein.<br />
3. Der Adoption vorgeschaltet ist eine Pflegezeit von einem Jahr.</p>
<p>Weitere Voraussetzung:<br />
Die Teilnahme an einer der regelmäßig stattfindenden Informationsveranstaltungen der zuständigen Adoptionsvermittlungsstelle (die örtlichen Jugendämter und Einrichtungen der freien Wohlfahrtsverbände). Erst hier werden nähere Infos und Bewerbungsunterlagen herausgeben.</p>
<p>Meist benötigte Unterlagen:<br />
1. Ausgefüllter Antrag oder selbst geschriebene Bewerbung (unterschdl.)<br />
2. Geburtsurkunden<br />
3. Heiratsurkunde, ggf. Scheidungsnachweis<br />
4. Lebenslauf beider Partner<br />
5. Polizeiliches Führungszeugnisse beider<br />
6. Ärztliche Atteste (meist vom Hausarzt)<br />
7. Verdienstnachweise, Vermögens -und Schuldennachweise<br />
8. Staatsangehörigkeitsnachweis (nicht immer)</p>
<p>Eignungsprüfung:<br />
Nach Erhalt der Unterlagen prüfen die Adoptionsvermittlungsstellen/ Sozialarbeiter die Adoptionsbewerber auf ihre Eignung<br />
&#8230;meist in zwei bis drei Geprächen mit dem Paar<br />
&#8230;manchmal in Form von Gruppensitzungen und Gruppendiskussionen gemeinsam mit anderen „Bewerbern“</p>
<p>Dauer des Eignungsverfahrens:<br />
Je nach Jugendamt zwischen vier und neun Monaten. Danach wird auf Wunsch der Adoptivbewerber – wenn diese sich noch bei anderen Jugendämtern bewerben wollen – ein Sozialbericht erstellt. Bei einer Auslandsadoption ist dieser Bericht unbedingt erforderlich, da in den meisten Ländern verlangt. Bei Problemen mit den zuständigen Jugendämtern kann auch eine andere Behörde oder Organisation den Sozialbericht erstellen. Zugelassen sind alle in Deutschland anerkannten Adoptionsvermittlungsstellen.</p>
<p>Inlands- vs. Auslandsadoption:<br />
Die Wartezeit für ein ausländisches Kind ist meistens wesentlich geringer. Die deutschen Jugendämter stehen Auslandsadoptionen allerdings oft nicht positiv gegenüber. Folge: mangelnde Unterstützung. Manchmal muss die im Ausland erfolgte Adoption in Deutschland noch einmal durchgeführt werden. Info ist alles.</p>
<p>Wer ein Kind adoptieren möchte, egal ob aus dem In- oder Ausland, sollte&#8230;<br />
&#8230;sich ausführlich darüber informieren, welche Voraussetzungen erfüllt sein müssen und welche Unterlagen benötigt werden.<br />
&#8230;Kontakt aufnehmen mit Adoptiveltern, die das Bewerbungsverfahren bereits erfolgreich durchlaufen haben.<br />
&#8230;sich gründlich auf die Bewerbungsgespräche vorbereiten, insbesondere auf Fragen über die eigene Kindheit, Familie, Beziehung, Erziehungsvorstellungen und natürlich den Grund, weshalb man ein Kind adoptieren möchte.<br />
&#8230;überlegen, ob (oder aus welchen Gründen eben nicht) auch ein Pflegekind in Frage käme.<br />
&#8230;auch nach erhaltener Eignungsbescheinigung (Gültigkeit 2 Jahre) Kontakt mit dem Jugendamt halten, sich informieren, wie dieser Kontakt weiterhin aussehen sollte.<br />
&#8230;im Falle einer Auslandsadoption den Angeboten ausländischer Rechtsanwälte und Agenturen äußerst skeptisch und vorsichtig begegnen.</p>
<p>Adressen in Hannover/Nds.: Adoption/Adoptionsvermittlungsstellen<br />
Haus der Region<br />
Adoptionsvermittlungsstelle<br />
Team Fachdienste für Jugendhilfe<br />
Fachbereich Jugend<br />
Hildesheimer Straße 20, 30169 Hannover<br />
Hildegard Zwingmann, Tel.: 0511 / 6 16-2 21 59</p>
<p>Kommunaler Sozialdienst<br />
Pflegekinderdienst<br />
Nikolaistraße 14, 30159 Hannover<br />
Frau Rutschke, Tel.: 0511 / 168-46462<br />
Frau Heinrich, Tel.: 0511 / 168-43906</p>
<p>Deutscher Kinderschutzbund<br />
Ortsverband Hannover e.V.<br />
Schwarzer Bär 8, 30449 Hannover<br />
www.dksb-hannover.de<br />
Pflege-und-Adoption@DKSB-Hannover.de<br />
Elisabeth Garbe-Lehmann, Tel.: 05066 / 61 558<br />
Petra Oppermann, Tel.: 05132 / 13 15</p>
<p>Hamburg, Schleswig-Holstein, Niedersachsen und Bremen:<br />
Gemeinsame Zentrale Adoptionsstelle (GZA)<br />
Zentrale Behörde für Auslandsadoption<br />
Südring 32, 22303 Hamburg<br />
Tel.: 040 / 42863-5006<br />
gza@bsf.hamburg.de<br />
www.gza.hamburg.de<br />
&#8230;muss von den örtlichen Jugendämtern bei Auslandsadoptionen beteiligt werden und vermittelt auch ältere und schwer vermittelbare Kinder.</p>
<p><span style="color: #3366ff;"><em>Adressen in Hannover:</em></span><br />
Kinderwunsch/IVF-Zentren<br />
KinderwunschpraxisDr. med. Nabil Saymé<br />
Professor Dr. med. D. H. A. Maas<br />
Celler Straße 79<br />
30161 Hannover<br />
Tel 0511-313 095<br />
info@team-kinderwunsch-hannover.de<br />
www.team-kinderwunsch-hannover.de</p>
<p>Frauenklinik der Medizinischen Hochschule<br />
Hannover Kinderwunschsprechstunde / IVF-Labor<br />
OA Dr. Guillermo Garcia-Rocha<br />
Dr. Cordula Schippert<br />
Carl-Neuberg-Str. 1<br />
30625 Hannover<br />
Tel 0511-532-6099, -6095<br />
Schippert.Cordula@mh-hannover.de<br />
www.mh-hannover.de</p>
<p>Endokrinologikum Hannover am Raschplatz<br />
Dr. med. Kirstin Golombeck<br />
Runde Straße 10<br />
30161 Hannover<br />
Tel 0511-215 558 10<br />
hannover@endokrinologikum.com<br />
www.endokrinologikum.com</p>
<p>Kinderwunschzentrum Langenhagen<br />
Gynäkologische Gemeinschaftspraxis<br />
Schwerpunktpraxis Gynäkologische<br />
Endokrinologie und Reproduktionsmedizin<br />
Dres. Müseler-Albers, Arendt, Bühler und Schill<br />
Ostpassage 9<br />
30853 Langenhagen<br />
Tel.: 0511-972 30-0<br />
praxis@kinderwunsch-langenhagen.de<br />
www.ivf-niedersachsen.de</p>
<p>Deutsche Klinik Bad Münder<br />
Zentrum für IVF und Reproduktionsmedizin<br />
Hannoversche Straße 24<br />
31848 Bad Münder<br />
Tel 05042-940-360<br />
info@kinderwunsch.com<br />
www.kinderwunsch.com<br />
Zweigniederlassung Hannover:<br />
Medizinisches Versorgungszentrum MVZ wagnerstibbe<br />
für Laboratoriumsmedizin, Gynäkologie,<br />
Humangenetik und Pathologie GmbH<br />
Georgstraße 50<br />
(gegenüber der Oper, 4. Etage)<br />
30159 Hannover</p>
]]></content:encoded>
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		<title>kreativ x 1000!</title>
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		<pubDate>Wed, 30 Sep 2009 22:00:10 +0000</pubDate>
		<dc:creator>wolke</dc:creator>
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		<category><![CDATA[2009-10]]></category>

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		<description><![CDATA[Hannovers Musikszene ist so bunt und vielfältig wie nie zuvor. Rund 1000 Bands proben in Hannover und der Region, manche mit großen Zielen, andere einfach, weil sie Spaß daran haben, gemeinsam zu komponieren, zu texten, zu tüfteln und zu diskutieren.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p style="text-align: left;"><em><span style="color: #ff0000;"><a href="http://www.stadtkind-hannover.de/wp-content/uploads/2009/11/NETZ_3.jpg"><img class="aligncenter size-full wp-image-5631" title="Bass! Bass! Wir brauchen Bass!" src="http://www.stadtkind-hannover.de/wp-content/uploads/2009/11/NETZ_3.jpg" alt="Bass! Bass! Wir brauchen Bass!" width="360" height="160" /></a></span></em></p>
<p style="text-align: left;"><em><span style="color: #ff0000;">&#8230;hannovers bandszene ist so lebendig wie nie zuvor&#8230;<br />
</span></em>Hannovers Musikszene ist so bunt und vielfältig wie nie zuvor. Rund 1000 Bands proben in Hannover und der Region, manche mit großen Zielen, andere einfach, weil sie Spaß daran haben, gemeinsam zu komponieren, zu texten, zu tüfteln und zu diskutieren. Nicht nur Rock – in den alten Bunkern und Kellern klingt alles Mögliche durch die mit Eierwaben verklebten Türen. Manch einer fragt sich, warum bei diesem immensen Potential nach den Scorpions und Fury in the Slaughterhouse kein richtig großer Name mehr aus Hannover gekommen ist. Das hat einen einfachen Grund: Die Zeiten haben sich geändert. Die Musikbranche ist heute eine völlig andere, als noch vor wenigen Jahren. Namen sind sehr schnell groß, genauso schnell aber auch wieder von der Bildfläche verschwunden. Was echter Erfolg ist, darüber kann man trefflich streiten.</p>
<p><span style="color: #ff0000;"><em><a href="http://www.stadtkind-hannover.de/wp-content/uploads/2009/11/NETZ_2.jpg"><img class="alignleft size-medium wp-image-5632" title="Drummer at work" src="http://www.stadtkind-hannover.de/wp-content/uploads/2009/11/NETZ_2-107x300.jpg" alt="Drummer at work" width="107" height="300" /></a>Die Zeiten ändern sich</em></span><br />
Skeptisch betrachten die vier Jungs die schmächtige Gestalt, die dort im Halbdunkel hockt und diverse Kabel mit unzähligen Effektgeräten verbindet. Kleine Dioden leuchten und blinken, einmal knackt es kurz elektrisch, dann brummt es bedenklich in einer der Lautsprecher-Boxen. Seit zehn Minuten ist Julia nun mit ihrer Anlage beschäftigt. Sie ist blass, ungeschminkt, hat blonde, halblange Haare. „Die sieht gar nicht so schlecht aus“, hat einer der Jungs geflüstert, als sie gemeinsam (ganz die alte Schule) die beiden Boxen und den Rest der Anlage aus dem von Papa geliehenen Kombi ausgeladen und in den Übungsraum getragen haben. Julia ist heute zum Vorspielen da. Und ahnt nicht, dass sie bereits Anlass einiger Diskussionen war. Eine Frau in der Band würde nur Unruhe bringen und nicht funktionieren, so die Meinung von Thomas, dem Schlagzeuger. „Muss halt klar sein, dass keiner von uns sie anbaggert“, hatte Michael, der Bassist, geantwortet. Ein ziemlich lächerlicher Diskussionsbeitrag, denn Michael baggerte eigentlich jede Frau an, die ihm über den Weg lief. „Die anderen waren bisher alle schlecht. Die konnten gar nichts, und in zwei Wochen haben wir den nächsten Gig. Einen sehr wichtigen.“ Rafael, der Sänger der Band, sah die Dinge immer eher pragmatisch. Der alte Gitarrist studierte jetzt in Süddeutschland und war endgültig Vergangenheit. Also musste schleunigst ein neuer Gitarrist her. Egal ob männlich oder weiblich, Hauptsache er oder sie beherrschte sein Instrument. Kein Blender, kein Schwätzer, kein Poser, kein Kiffer, das hatten sie in ihre Anzeige geschrieben. Gekommen waren sie natürlich dennoch alle. 13 Gitarristen hatten sie sich inzwischen angehört. Zwei Wochen würde der oder die Neue jetzt noch Zeit haben, sich das komplette Set anzueignen. Das berühmte Bandkarussell. Es dreht sich in Hannover unaufhörlich. Ein Blick in die Stadtmagazine oder auf Rockszene.de (in Hannover sicherlich die erste Adresse in Sachen Musik – nicht nur in Sachen Rock) reicht, um einen ungefähren Eindruck davon zu bekommen. Permanent suchen verschiedene Bands neue Mitglieder via Kleinanzeige. Da geht einer zum Studieren in eine andere Stadt oder beginnt seine Lehre, setzt also Prioritäten und entscheidet sich gegen seine (vielleicht langjährige) Band. Wenn es dann trotzdem weitergehen soll, muss schnell adäquater Ersatz gefunden werden. Die meisten Bands wissen genau, was sie wollen: Stil, Ziele, geplante Auftritte, Anforderungen an das neue Bandmitglied. Gute, ambitionierte Musiker sind eine heiß gehandelte Ware. Viele spielen in zwei oder mehr Bands gleichzeitig – man hält sich damit ein paar mehr Optionen auf den Erfolg offen. Die jungen Musiker unserer Band stehen in ihrem Übungsraum zwischen Hoffen und Bangen. Der nächste Gig ist tatsächlich überaus wichtig. Eine seltene Gelegenheit. Eine Band aus Hamburg hat sie als Vorgruppe eingeladen, keine unbekannte Combo mit Plattenvertrag und allem Drum und Dran. Eine echte Chance. Wenn sie bei diesem Konzert richtig gut wären, würde die Band sie vielleicht auf die gesamte Tour mitnehmen. Gelegenheit, endlich mal vor vielen Leuten zu spielen. Wenn alles gut lief, bestand sogar die Möglichkeit, dass das Label der Hamburger Band Interesse zeigte. Oder irgendein anderes Label. Vielleicht, vielleicht, vielleicht. Aber ohne Gitarrist gab es nicht mal dieses Vielleicht. „Hat einer von euch noch einen vollen 9-Volt-Block?“ fragt Julia. Keine Antwort. Kein 9-Volt-Block. Aber stillschweigende Minuspunkte. Ein Gitarrist, der seine Anlage zum Vorspielen nicht funktionsfähig hat – kein besonders guter Einstieg. Die Ansprüche der Bands, nicht aller, aber doch vieler Bands, haben sich sehr gewandelt in den letzten Jahren. Die Szene ist insgesamt professioneller geworden. Das zeigt sich allein am Equipment, über das die Musiker, und bereits sehr junge Musiker, verfügen. Die Konkurrenz ist groß – an der Technik soll es da nicht scheitern. Dann schon eher an den musikalischen Fähigkeiten. Aber auch hier staunt man nicht schlecht. Gerade bei sehr jungen Musikern ist man häufig überrascht, wie perfekt sie ihr Instrument beherrschen. Die verschiedenen Band-Contests in der Stadt sind immer eine gute Gelegenheit, sich davon selbst zu überzeugen. Übrigens scheint die Konkurrenz inzwischen so groß, dass im Verhältnis der Bands untereinander davon kaum mehr etwas zu spüren ist. Es macht einfach keinen Sinn, sich untereinander das Leben schwer zu machen. Vor Jahren war das bei Contests noch anders. Heute geht man freundschaftlich und kollegial miteinander um. Auch das ist professionell. Man hat einfach keine Zeit mehr für Hahnenkämpfe im Backstage-Bereich. Die Entscheidung fällt sowieso auf der Bühne. Was die jungen Musiker noch nicht beherrschen, das können sie heute mehr denn je gezielt lernen. Die Bandfactory ist dafür ein gutes Beispiel. Das Workshop- und Coaching-Projekt für Bands mit professionellen Ambitionen der LAG Rock in Niedersachsen spricht vor allem Newcomerbands an, die ihre ersten Schritte im Musikgeschäft bereits erfolgreich absolviert haben, die also auf die eine oder andere CD-Veröffentlichung und auch Konzerte oder kleinere Touren verweisen können, und denen nun noch der letzte Schliff in Sachen Musik, Zusammenspiel, Außendarstellung, Bandorganisation und Booking helfen könnte, einen Einstieg in die professionelle Liga zu finden. Bewerben können sich Bands unterschiedlichster Stilrichtungen, sofern sie aus Niedersachsen kommen und noch keinen Plattenvertrag in der Tasche haben. Diese Art von Band-Coaching ist aber nur eines von zahlreichen Angeboten, auf die junge Bands heute zurückgreifen können. Wer solche Workshops scheut, dem hilft sicher auch der private Austausch mit erfahrenen Musikern. Manchmal reicht schon ein kleiner Denkanstoß an der richtigen Stelle, ein paar Sätze zum Songwriting, ein bisschen Fachwissen zur Pressearbeit, und plötzlich klappt es mit den Auftritten.</p>
<p><span style="color: #ff0000;"><em>Ruhm,Ehre und ganz viel Geld</em></span><br />
„Ich gehe gerade mal zur Tanke und hole ’ne Batterie“, sagt Michael. „Dann gehe ich mal eben eine rauchen“, meint Thomas und wirft Rafael dabei einen kurzen Blick zu. „Ich auch“, sagt der und folgt ihm. „Geht ihr nur alle spazieren. Ich leiste hier unserem Gast Gesellschaft.“ Guido ist nicht nur Gentleman, er spielt den Synthesizer und bedient die Computer. Der 18-Jährige ist ein ganz wichtiger Teil der Band. Seit er dabei ist, klingt alles irgendwie moderner. Loops im Hintergrund, mehr Fläche, ihre Musik wirkt jetzt endlich so kompakt, wie Rafael sich das immer gewünscht hat. Außerdem kümmert sich Guido ums Internet, um die Homepage der Band und das Profil bei MySpace. Ohne ihn hätte die bekannte Hamburger Band nie einen Ton von ihnen gehört. Wie gesagt, die Zeiten haben sich geändert. Die Geschichte von dem netten Herrn mit dem Major-Deal in der Tasche, der irgendwann an die Übungsraumtür klopft und mit Geldscheinen winkt, war schon immer eher ein Märchen, heute aber noch viel mehr, als vor zehn oder zwanzig Jahren. Auch damals haben sich fast alle großen Namen ihren Erfolg über viele Jahre hart erarbeiten und lange Durststrecken überstehen müssen. Die Toten Hosen bewahren die zahlreichen Absagen der Plattenfirmen bis heute zur Erinnerung auf. Nach wie vor landen bei den großen Plattenfirmen tagtäglich zahllose Demos auf den Schreibtischen. Dass sich die Zeiten geändert haben, sieht man genau hier. Früher waren es Kassetten, manchmal in halbwegs professionellen Studios aufgenommen, manchmal im Übungsraum auf der Vierspur zusammengemixt. Die Plattenfirmen waren nicht unbedingt verwöhnt. Wenn da zwischendurch auf einer dilettantischen Aufnahme Gold glänzte, hat man schon mal genauer hingehört. Manchmal. Mittlerweile sind die Plattenfirmen überaus verwöhnt. Was da auf den Schreibtischen landet, das sind überwiegend bereits sehr professionell produzierte Demos, komplett mit Cover und allem, was dazu gehört. Die meisten dieser CDs könnte man direkt in die Geschäfte stellen. Die meisten dieser CDs landen allerdings eher direkt im Müll oder im Rückumschlag. Nur kurz werden die Stücke angeklickt, ein paar Sekunden, größer ist die Chance nicht, von dem richtigen Menschen zur richtigen Zeit gehört zu werden. Zu laut, zu kompliziert, zu leise, zu langsam, zu depressiv, zu schnell, zu altmodisch, zu modern, zu harmlos, zu aggressiv. Schlecht produziertes Material wird sowieso aussortiert. Und dann gibt es da noch die nächste Hürde: Wie sehen die Musiker aus? Sind die Jungs süß genug? Ist die Sängerin zu dick? Hat der Sänger Hasenzähne? Freddie Mercury hätte es heutzutage sicher nicht leicht. Ein paar eigene Stücke aufzunehmen und sie an die großen (und die kleinen) Vertreter der Musikbranche zu schicken, gehört zum Repertoire der Möglichkeiten. Es (war und) ist aber längst nicht die einzige Möglichkeit, um als Musiker auf sich aufmerksam zu machen. Natürlich helfen Auftritte. Spielen, spielen, spielen, wo immer sich die Möglichkeit bietet, das kann man allen Bands nur empfehlen. Man lernt mit jedem Auftritt, wird routinierter. Da starrt ein Gitarrist nach fünf Konzerten vielleicht nicht mehr konzentriert auf seine Finger, sondern entdeckt, dass vor ihm ein Publikum steht, das er nicht allein mit seinem Instrument unterhalten kann. Die Show gehört heute zu jedem professionellen Auftritt dazu. Und eine gute Show spricht sich schnell herum. Konzertbesucher sind im Allgemeinen recht kommunikative Menschen. Das nächste Konzert in der Stadt wird voller. Auch Networking ist längst Teil der Branche. Bands mit guten Kontakten zu Bookern haben bessere Chancen. Diese Kontakte wollen gepflegt sein. In einer Stadt wie Hannover ist es darum wichtig, auf Konzerten und Festivals unterwegs zu sein, auch wenn man selbst nicht spielt. Der eine oder andere Entscheider (Booker) läuft einem dort ziemlich verlässlich über den Weg. Wer sich regelmäßig in Erinnerung ruft, wird früher oder später nicht mehr vergessen (nerven sollte man natürlich nicht). Daneben hat das Internet inzwischen eine ungemein wichtige Funktion. Gepflegte Seiten bei MySpace sind ein absolutes Muss. Hier schnüffelt jeder, ob Produzent oder Booker. Und manchmal eben auch eine bekanntere Band, auf der Suche nach einem passenden Support. „Das ist doch wieder reine Zeitverschwendung“, sagt Thomas draußen zu Rafael. „Dicke Anlage, gestiftet von Papi und Mami. Wahrscheinlich spielt sie uns gleich Stairway to Heaven vor. Wir sollten einfach diesen André nehmen. Der konnte zwar nichts, sah aber wenigstens gut aus. Den drehen wir auf der Bühne einfach leise und Guido trickst ein bisschen was.“ Rafael bläst genervt den Rauch in die Luft. „Jetzt warte es doch erstmal ab. André hat vorher al
