Liebe Leser*innen,
für diese Ausgabe habe ich Luna Jurado getroffen, Geschäftsführerin im Kulturzentrum Faust. Sie ist in Oldenburg aufgewachsen, schon mit 15 zu Hause ausgezogen, mit 18 ging es dann nach Hannover und für ein Jahr als Praktikantin in die Faust. Im Booking hat sie angefangen. Und ich stelle mal wieder fest, wie klein Hannover ist. Sie hat damals bei der Faust angerufen, um nach der Möglichkeit eines Praktikums zu fragen. Peter Staade hat „vorbeikommen“ gesagt. Peter war lange Jahre unser 96-Kolumnist und ist leider schon mit 50 Jahren an Krebs gestorben. Eines meiner ersten größeren Interviews für das Stadtkind habe ich mit Peter geführt. Damals war er noch im Béi Chéz Heinz aktiv. Ein sehr besonderer Mensch. Luna Jurado erzählt von ihrem Bewerbungsgespräch in der Raucherecke mit acht Männern und ich sehe Peter vor mir, mit der Zigarette in der Hand und diesem speziellen Blick (er hatte ein Glasauge). Ich kann mir gut vorstellen, dass ihr die Zeit als Praktikantin nicht durchgängig Spaß gemacht hat. Aber es hat offensichtlich doch Spaß genug gemacht, um eine Ausbildung dranzuhängen. Schon mit 25 Jahren hat sie dann die Geschäftsführung in der Faust übernommen, übernehmen müssen, nachdem Hansi Krüger gestorben war. Ein Sprung ins eiskalte Wasser, keine geordnete Übergabe, Tage und Wochen im Krisenmodus. Aber sie übersteht das alles nicht nur, sie geht es frontal an, räumt auf, kümmert sich um die Strukturen. Heute läuft der Laden mit 45 Festangestellten, mit Auszubildenden, mit moderner Technik, einer gut aufgestellten Gastronomie und unglaublich vielen großen und kleinen Veranstaltungen.
Luna Jurado brennt für die Faust, sie lebt diesen Ort. Und sie brennt für die Kultur. Auch als Vorsitzende des Vereins Freie Kunst und Kultur Hannover e. V., besser bekannt als VereinteKulturHannover. Ihre Haltung ist glasklar. Kultur möge am besten nichts kosten, still sein und bloß nicht politisch – mit ihr ist das nicht zu machen. Sie hat sich immer sehr klar positioniert, insbesondere bei den auch aus meiner Sicht absolut fragwürdigen Kürzungen durch die Deutschlandkoalition, was ihr wahrscheinlich nicht nur Freundinnen und Freunde eingebracht hat. Sie hat gerne Klartext gesprochen, trotz des unsichtbaren Drucks, den man in Hannover manchmal spürt, wenn man zu laut auf Probleme hinweist. Und sie spricht noch immer Klartext.
Kultur ist für Luna Jurado keine Dekoration, kein Sahnehäubchen, auf das man im Zweifel verzichten kann. Kultur, Soziokultur, das ist für sie der Kitt, der unsere Gesellschaft zusammenhält. Die Faust schafft Räume, in denen Vielfalt nicht bloß plakatiert, sondern gelebt wird. Und von solchen Räumen profitiert die gesamte Gesellschaft, sie machen unsere Demokratie resilienter. Das klingt groß, ist aber sehr konkret. Wenn Kulturorte verschwinden oder kaputtgespart werden, dann verschwinden nicht nur die Bühnen, dann verschwinden Netzwerke, Schutzräume, Diskursräume. Dann wird eine Stadt leiser, aber nicht ruhiger und ärmer, aber nicht günstiger. Wenn in der Kultur Schaden angerichtet wird, dann ist das oft nicht so leicht rückgängig zu machen. Parkhäuser kann man sanieren, eine Szene leider nicht. In Hannover wird schon wieder viel über Geld geredet, über Kürzungen, Umverteilungen, Prioritäten. Und diese Diskussionen werden mit dem beginnenden Wahlkampf immer lauter werden. Ich hoffe, dass alle Beteiligten wissen, dass die Kultur in Hannover kein Posten ist, den man beliebig im Haushalt hin und her schieben kann. Die Lage ist ohnehin schon prekär genug, viele Kulturschaffende arbeiten längst „auf Kante“.
Luna Jurado wünscht sich Planungssicherheit, Augenhöhe und Wertschätzung. Ein klares Bekenntnis, dass Orte wie die Faust in Hannover gewollt sind. Und dass Kulturpolitik nicht nach Parteifarben gemacht wird. Geld für die Kultur ist Investition in die Zukunft. Mehr im Interview ab Seite 56.
Nicht zuletzt: In dieser Ausgabe feiern wir Erwin Schütterles 50. Rätsel. Nicht wenige beißen sich daran mit viel Vergnügen jeden Monat die Zähne aus. Danke, lieber Erwin!
Und jetzt viel Spaß mit dieser Ausgabe!

