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Editorial 10-2026

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Editorial 10-2026


Liebe Leser*innen,

„Man kann. Es geht. Alles geht.“ Das ist der Slogan, den Ronald Clark am Ende unseres Gesprächs für Hannover vorschlägt. Und das hat mich ein bisschen nachdenklich gemacht. Was ist eigentlich aus meinem Optimismus geworden? Ich frage mich schon recht lange bei jeder guten Idee zuerst, woran sie scheitern wird. Wir haben uns für diese Ausgabe auf dem Parkhaus Schmiedestraße getroffen, im neuen Dachgarten. Vor uns schaukelte eine Kindergruppe, auf den Bänken saßen Leute mit mitgebrachten Getränken, und dazu die Kirchtürme der Innenstadt, ein außergewöhnliches Panorama. Ein Ort, an dem man sich einfach hinsetzen kann, ohne etwas kaufen zu müssen. Das gibt es in der City sonst kaum noch. Ronald Clark, 17 Jahre lang Direktor der Herrenhäuser Gärten und inzwischen im Unruhestand, hatte vor rund zehn Jahren die Idee zum Roofwalk. Die Flachdächer der Innenstadt begrünen, verbinden, beleben. Gegen die Hitze, gegen den Starkregen, für die Artenvielfalt und für die Menschen. Ich habe damals über diese Idee in der HAZ gelesen und gedacht: Coole Idee, woran wird das scheitern?

Jetzt ist der erste Garten Wirklichkeit. 2018 ist die Idee im Rahmen der Kulturhauptstadt-Bewerbung konkretisiert worden, 2020 kamen fast zwei Millionen Euro Bundesförderung. Und dann kamen eine Machbarkeitsstudie, Ratsbeschlüsse, eine Bürgerbeteiligung und Corona. Gebaut wurde erst in diesem Jahr, in einem halben Jahr? Zehn Jahre von der Idee bis zur Eröffnung, davon sechs Monate Bauzeit. Das ist ein Verhältnis, über das man in Hannover mal ernsthaft nachdenken sollte.

Was mich an Ronald Clark am meisten beeindruckt, ist sein Gleichmut. Ich habe keinen Groll bemerkt, darüber, dass alles so lange dauert und bisher nur ein erster kleiner Teil umgesetzt ist. Kein Nachtreten gegen die Bürokratie, er lobt stattdessen die Leute im Fachbereich, die das Projekt aus Leidenschaft durchgezogen haben. Er mag das Prinzip Wasser: Wenn irgendwo ein Hindernis ist, fließt man einfach drumherum. Und er sagt Sätze wie diesen: „Ich fange immer ganz groß an – kleiner wird es sowieso von allein.“ Wie nennt man das? Vielleicht subversiven Optimismus.

Aber Optimismus allein kann nicht die Strategie einer Stadt sein. Dass so ein Projekt zehn Jahre braucht, das geht nicht, das darf Hannover sich nicht leisten. Genau hier sehe ich die zentrale Aufgabe für den nächsten Oberbürgermeister, wer auch immer das am Ende sein wird (wir gehen ein paar Tage vor der Stichwahl in den Druck). Ronald Clark macht im Interview einen konkreten Vorschlag. Er wünscht sich eine kleine Taskforce, die Wissen bündelt, die vernetzt und vermittelt. Ich würde noch einen Schritt weiter gehen. Hannover braucht dazu auch einen Thinktank. Einen Ort, an dem Ideen gesammelt, geprüft und dann schnell auf den Weg gebracht werden. Eine Art Labor, das Dinge ausprobieren darf. Und bei der Umsetzung müssen die Bürgerinnen und Bürger ins Boot. Ronald Clark erzählt von einer Pflanzaktion für die Villa Seligmann. Er hatte auf fünf Leute gehofft, die mit anpacken. Es kamen fünfzehn. Die Lust, sich einzubringen, ist in dieser Stadt riesig. Man muss die Menschen nur fragen und sie dann auch machen lassen. Der erste Dachgarten in der Schmiedestraße ist ein wunderbares Referenzprojekt. Weitere solche Projekte sollten nun zügig folgen. Vielleicht wird der Garten über den Dächern Hannovers ja tatsächlich irgendwann Wirklichkeit. Man kann. Es geht. Alles geht. Mehr im Interview ab Seite 54.

PS: So, und jetzt habe ich hier gar kein Wort über die Wahlen in Sachsen-Anhalt, in Mecklenburg-Vorpommern und in Berlin verloren. Vielleicht, weil mir immer noch die Worte fehlen. Und ich fassungslos auf die „Erkenntnisse“ blicke, die nun aus diesen Wahlen abgeleitet werden. Wie gut, dass ich gerade erst von Ronald Clark eine Menge über Optimismus gelernt habe – ich würde sonst allmählich ziemlich schwarzsehen.

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Editorial 09-2026

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Editorial 09-2026


Liebe Leser*innen,

für diese Ausgabe habe ich Axel von der Ohe getroffen, den vierten und letzten Kandidaten in unserer kleinen Stadtkind-Reihe vor der Kommunalwahl. Wir haben ein paar Tage vor dem Derby gesprochen, Hannover gegen Wolfsburg, und er hat mir gleich zu Beginn erzählt, dass er zwar in Wolfsburg geboren ist, aber trotzdem in der Nordkurve steht. „Politisch ein Roter, und beim Fußball genauso.“ Was mir aus leider sehr aktuellem Anlass im Kopf geblieben ist nach unserem Gespräch, das war gar nicht so sehr Stadtpolitik und Wahlkampf, sondern die Doktorarbeit von Axel von der Ohe. Er hat über die Arbeit des Bundesgerichtshofs in den Anfangsjahren der Bundesrepublik promoviert. Man hatte damals große Teile der Funktionseliten des Dritten Reichs einfach weiterbeschäftigt, beim BGH lag der Anteil ehemaliger NS-Richter in den Fünfziger- und Sechzigerjahren beispielsweise bei bis zu 80 Prozent. Nur beim Bundesverfassungsgericht hatte es tatsächlich einen personellen Bruch gegeben.

Ich schreibe dieses Editorial ein paar Tage vor der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt und die Umfragen sehen die AfD gerade bei 43 Prozent. Die absolute Mehrheit scheint durchaus möglich. Nein, man muss das anders formulieren: In Sachsen-Anhalt droht die absolute Mehrheit der AfD. Das ist eine Bedrohung für uns alle. Was diese Partei dort in ihr Wahlprogramm geschrieben hat, liest sich wie eine Absage an alles, was ich unter Freiheit verstehe. Und es gibt so Momente in Interviews, die man mit professionellen Politikern führt, da sitzt einem plötzlich nicht ein Politiker, sondern einfach ein Mensch gegenüber, der zutiefst besorgt und betroffen ist, der Angst davor hat, dass seine Kinder in ein paar Jahren vielleicht mit einem ganz anderen Deutschland konfrontiert sind. Axel von der Ohe ist in diesem Moment sehr echt. Auch weil er durch sein Studium weiß, wie so eine Wandlung ins Autoritäre funktioniert.

Der erste Zugriff solcher Bewegungen gilt fast immer der Justiz. Man hat es in der Türkei, in Polen oder in Ungarn gesehen, man sieht diese Versuche momentan in den USA. Und wenn so ein Umbau erst stattgefunden hat, ist das Zurückdrehen alles andere als einfach. In Polen und Ungarn wird das gerade sehr deutlich. In der frühen Bundesrepublik hat man sich einige Jahre und Jahrzehnte mit dem Nazi-Problem in der Justiz herumgeschleppt. Das Drehbuch der Rechten ist überall ähnlich. Und die AfD wird genau diesen Weg einschlagen – wenn wir sie lassen. Und leider lassen wir sie, die Brandmauer bröckelt immer mehr und ein Verbot ist weit und breit nicht in Sicht, weil die Union meint, die AfD „kleinregieren“ zu können. Ich glaube, hier irrt die CDU/CSU. Die Themen der AfD zu „spielen“, hat bisher jedenfalls nur dazu geführt, dass immer mehr Leute das Original wählen.

Warum wählen so viele Leute die AfD? Ich versuche seit ein paar Jahren, das zu verstehen, aber ganz am Ende bin ich doch immer ratlos. Axel von der Ohe hat bestimmt einen Punkt, wenn er sagt, dass es vor allem die Kluft zwischen der Politik in Berlin und den Alltagssorgen der Menschen ist, die diese Abkehr von der Demokratie auslöst. Er wünscht sich im Interview ab Seite 56 mehr „Oberbürgermeister-Politik“ in Berlin, eine Politik, die nah dran ist an den tatsächlichen Befindlichkeiten und die nicht abstrakt diskutiert. Ich kann das alles nachvollziehen, aber ich bleibe trotzdem ratlos. Wie kann man auf die Idee kommen, Unfreiheit zu wählen? Warum wünschen sich Menschen autoritäre Führung? Was läuft da falsch?

Am 6. September wird in Sachsen-Anhalt gewählt, ein kleines Bundesland, aber was dort droht, ist tatsächlich eine Zeitenwende. Und die Umfragen in Hannover sehen die AfD auch schon bei fast 20 Prozent. Noch können wir uns zur Wehr setzen. Zum Beispiel, indem wir einfach zur Wahl gehen und unser Kreuz bei demokratischen Parteien machen. Sich enthalten, sich raushalten, das funktioniert nicht mehr. Am 13. September ist die Kommunalwahl in Niedersachsen, und alle, die nicht wählen, wählen indirekt die AfD. Also unbedingt zur Wahl gehen!

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Editorial 08-2026

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Editorial 08-2026


Liebe Leser*innen,

für diese Ausgabe habe ich Belit Onay getroffen. Er ist Nummer drei in der kleinen Stadtkind-Reihe vor der Kommunalwahl. Nach Maren Kaminski und Peter Karst jetzt also der Oberbürgermeister. In der September-Ausgabe folgt dann noch Axel von der Ohe. Was mich in diesen Interviews interessiert, ist gar nicht so sehr das Wahlprogramm. Wir sehen ja momentan in der Stadt wieder überall die üblichen Plakate mit den gewohnten Sprüchen. Ich glaube, dass gute Politik, egal auf welcher Ebene, vor allem von den Köpfen lebt. Was ist gute Politik? Eigentlich ganz einfach: Wenn möglichst viele, im Idealfall alle Menschen, von den Entscheidungen der Politik profitieren, wenn Politik vorausschauend, fair, gerecht und nachhaltig angelegt ist, dann ist es gute Politik. Und ob das einigermaßen gelingt, das steht und fällt mit jenen, die wir alle in die Ämter wählen. Mich interessieren in den Interviews darum weniger die beruflichen Karrieren und die akademischen Titel, ich finde die Biografien hinter den glatten Lebensläufen weitaus spannender. Wo ist jemand aufgewachsen, gab es ungewöhnliche Nebenjobs, besondere Erfahrungen? Aus der Summe all der Ecken und Kanten, an denen sich ein Mensch im Laufe seines Lebens stößt, formt sich der Charakter und damit auch der Kompass, der das politische Handeln bestimmt.

Die Biografie von Belit Onay beginnt in einem Restaurant in Goslar, das seine Eltern führten. Seinen Vater hat es aus Istanbul per Losverfahren in die beschauliche Stadt im Harz mit knapp 50.000 Menschen verschlagen. Eine andere Welt. Istanbul war seinerzeit eine 5,5-Millionen-Metropole. Aber der Familie gefällt es gut in Goslar, das Restaurant mitten im Zentrum ist bekannt und beliebt, und Belit Onay ist natürlich mit am Start, er hilft, er muss helfen. Es ist so ein typischer Familienbetrieb. Und Goslar ist so eine kleine Oase. Man kennt sich und man schätzt sich.

Belit Onay war zwölf oder dreizehn, als die Polizei seine Eltern im Restaurant besucht, um nach den Brandanschlägen von Solingen und Mölln vor möglichen Gefahren zu warnen. Man sei ein mögliches Ziel, sehr bekannt und direkt an der Hauptstraße gelegen, quasi auf dem Präsentierteller. Seine Eltern überlegen danach eine Weile, zurück in die Türkei zu gehen. Aber sie bleiben. Diese Erfahrungen damals haben Belit Onay sehr geprägt. Und es ist nach Solingen und Mölln dann nicht unbedingt besser geworden. Die Fremdenfeindlichkeit war mehr als sichtbar in Deutschland und durchaus ein Thema auch für Wahlkämpfe. „Wo kann man denn hier gegen Ausländer unterschreiben?“, diesen Satz hörte man beispielsweise 1999 in Hessen auf den Straßen, als Roland Koch seine Unterschriftenaktion gegen die doppelte Staatsbürgerschaft inszenierte.

Zwanzig Jahre später, nach seiner Wahl zum Oberbürgermeister, hat der Rechtsextreme Martin Sellner, bekanntester Kopf der identitären Bewegung, ein Video über Belit Onay veröffentlicht – und der Hass ging viral. Noch heute kommt bei Belit Onay der Rassismus gelegentlich mit der Post, und es geht dann auch um seine Familie, seine Kinder. Man hat sein ganzes Leben in Deutschland verbracht, ist zur Schule gegangen, hat Jura studiert, sich in der Kommunalpolitik engagiert – und wird ständig gefragt, wo man „eigentlich“ herkommt. Und wann man „eigentlich“ dorthin zurückwill.

Direkt nach seiner Wahl war die Stimmung nicht unbedingt euphorisch bei Belit Onay, sondern eher gedrückt. So viel Hass. Und dann trifft er in der Stadt am Steintorplatz an einer Ampel eine Frau, die ihn als neuen Oberbürgermeister erkennt, ihm sagt, dass sie ihn nicht gewählt hat, aber ihm auch sagt, dass er jetzt bitte das Beste draus machen soll. Diese Begegnung hat seine Perspektive verändert. Einer große Mehrheit interessiert sich einfach nur dafür, wie es in Hannover weitergeht. Man kann über Belit Onays Arbeit ganz sicher streiten, über seine Bilanz nach den Jahren im ständigen Krisenmodus, über die Verkehrswende, über das Ihme-Zentrum, über die Projekte zur Belebung der Innenstadt. Man kann nicht nur, man muss darüber streiten, denn es geht ja schließlich um die besten Ideen für Hannover. Um eine Politik, die vorausschauend, fair, gerecht und nachhaltig sein sollte. Mehr im Interview ab Seite 58.

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Editorial 07-2026

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Liebe Leser*innen,

für diese Ausgabe habe ich Peter Karst getroffen, Hauptgeschäftsführer der Handwerkskammer Hannover und CDU-Kandidat für das Amt des Oberbürgermeisters. Ich kenne ihn schon eine Weile, darum duzen wir uns im Interview. Peter kommt aus einer Juristenfamilie, er hat selbst Jura studiert, aber dann einen etwas anderen Weg gewählt. Er war kurz Rechtsanwalt, dann unter anderem Geschäftsführer eines Bäckerinnungsverbands in Bochum und Strukturwandelmanager im Ruhrgebiet. Was auf den ersten Blick sehr unterschiedlich klingt, war für ihn, wie er selbst sagt, aber eigentlich immer dasselbe, nämlich Interessenvertretung, Verwaltungsleitung und Politikberatung. Und was er dabei für sich in Anspruch nehmen kann, ist, erfolgreich gewesen zu sein. Seine Bilanz konnte sich bisher immer sehen lassen. Und man merkt ihm an, dass er große Lust hätte, in ein paar Jahren auf eine mindestens ebenso erfolgreiche Bilanz als Oberbürgermeister Hannovers zurückzublicken. Er will. Und es würde ihm Spaß machen. Einen Plan hat er auch, wobei eines ihm sehr wichtig ist, nämlich die Dinge bis zu Ende zu denken. Quidquid agis, prudenter agas et respice finem, heißt es im Familienwappen. Was du auch tust, tue es klug und bedenke das Ende. Das klingt für mich nach einer ziemlich guten Grundlage für kommunale Politik.

Aber Moment mal, Peter ist in der CDU. Und was in der CDU so gedacht und auch beschlossen wird, korrespondiert nur sehr begrenzt mit meinen Überzeugungen. Manche seiner Ideen sind mir aber trotzdem sympathisch. Ist es in der Kommunalpolitik eigentlich spielentscheidend, zu welcher Seite man sich rechnet? Was spielen die großen Grundsatzdiskussionen für eine Rolle, wenn man ein Schwimmbad erhalten will oder einen Fahrradweg sanieren muss? Ideologie ist nicht per se schlecht. Sie gibt Orientierung, aber sie ist aus meiner Sicht eher ein Werkzeug und kein Selbstzweck. Und wie jedes Werkzeug taugt sie für manche Aufgaben besser als für andere. Für viele Probleme braucht man keine Weltanschauung, sondern den Willen, die Probleme zu lösen. Und genau das kann für mich die Stärke kommunaler Politik sein. Alle demokratischen Parteien müssen bereit sein, gelegentlich die Fahnen kurz einzurollen und zu fragen, was gebraucht wird und was funktionieren könnte. Was gar nicht so einfach ist, wie es klingt, denn der Reflex, alles durch die eigene ideologische Brille zu filtern, sitzt oft ziemlich tief. Auch bei mir.

Damit ich hier nicht falsch verstanden werde: Was ich hier gerade geschrieben habe, ist kein Plädoyer gegen die Brandmauer. Im Gegenteil, ich spiele mit großer Überzeugung im Team Brandmauer. Kennt noch jemand Hans-Peter Briegel? Das bin ich. Ich halte die AfD für eine gefährliche Partei mit absurden Ideen. Auch im Kommunalen hört der Pragmatismus an genau dieser Stelle bei mir auf. Die AfD ist kein Teil irgendeiner Lösung, sondern ein leider wachsendes Problem. Und ein Gegenmittel ist ganz sicher keine Kooperation oder gar Anbiederung, ein probates Mittel ist eine vernünftige, progressive Politik, die ein Ziel hat und nicht bloß verwaltet.

Aber zurück zu Peter. Während des Gesprächs fällt mir immer wieder auf, dass er (noch) kein Politiker ist. Er formuliert nicht vorsichtig oder ausweichend. Auch mit den üblichen Phrasen ist er sparsam. Mir sitzt einfach jemand gegenüber, der Probleme lösen will. Ich mag das. Wir haben in Deutschland gerade eine seltsame Gleichzeitigkeit: Auf der einen Seite ein wachsendes, tiefes Misstrauen gegenüber „der Politik“ als Institution. Auf der anderen Seite eine Politikkultur, die Quereinsteiger*innen mit echten Biographien und echter Expertise eher als Risiko behandelt. Dass das zusammengehört, dieses Misstrauen und die Monokultur, liegt eigentlich auf der Hand. Vielleicht ist so ein Quereinsteiger wie Peter schon ein Teil der Lösung. Vielleicht aber auch nicht. Mehr im Interview ab Seite 58.

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Editorial 06-2026

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Editorial 06-2026


Liebe Leser*innen,

für diese Ausgabe habe ich Maren Kaminski getroffen, Bundestagsabgeordnete der Linken und Kandidatin für das Amt der Oberbürgermeisterin. Am 13. September finden in Niedersachsen die Kommunalwahlen statt. Und bevor hier jetzt jemand auf falsche Ideen kommt: In der nächsten Ausgabe
spreche ich mit Peter Karst, danach mit Belit Onay und auch Axel von der Ohe wird noch zu Gast im Stadtkind sein. Und ja, eine Kandidatin lasse ich aus – ganz bewusst. Ich habe einfach keine Lust auf die AfD. Und ich finde sehr schön, dass ich keine Lust haben darf.

Wenn Maren Kaminski über ihre Mutter spricht, dann schwingt sehr viel mit, was ich selbst ganz gut kenne, wenn ich über meine Eltern spreche. Liebe und Respekt. Ihre Mutter hat mit 21 Jahren die Ausbildung abgebrochen, weil sie mit Maren schwanger war, sie war dann irgendwann alleinerziehend,
sie ist nachts Taxi gefahren, um die Kinder durchzubringen, sie hat einen Pflegedienst gegründet, sie hat sich durchgekämpft. Und diese Biografie hat Maren geprägt. Wenn sie über Armut spricht, über Mieten, über prekäre Verhältnisse, dann ist das gelebte Erfahrung. Sie hat sich ihr Studium bereits mit politischer Arbeit finanziert, aber auch mit den üblichen Jobs. In der Gastro, in der Würstchenfabrik, in der Fernleihe im Uni-Keller oder im Schichtbetrieb bei ZF Lemförder. Dort allerdings nur in der ersten Schicht. Die zweite Schicht mit den Nachstunden und den entsprechenden Zuschlägen war nur den Männern erlaubt. An genau solchen Stellen hat sich ihre politische Agenda geformt. Nicht die Ungerechtigkeit selbst hat sie beschäftigt, sondern die Selbstverständlichkeit, mit der sie funktioniert.

Von 2007 bis 2013 hat der Verfassungsschutz Niedersachsen Maren Kaminski beobachten lassen, mit einer V-Person in ihrem direkten Umfeld. 650 Seiten hatte ihre Akte. Darin dokumentiert wurde – soweit sie das einsehen konnte – ihre politische Arbeit. Kandidieren, organisieren, auftreten. Dinge, die in einer Demokratie schlicht selbstverständlich sein sollten. Wenn ein Staat Ressourcen darauf verwende, legale demokratische Arbeit zu beschatten, dann sage das mehr über den Zustand des Staates aus als über die
Beobachtete, sagt sie – und dem ist wohl kaum zu widersprechen. Jetzt kandidiert sie also wieder für das Amt der Oberbürgermeisterin.

2013 war sie das erste Mal dabei, damals ist sie so ein bisschen hineingestolpert, wie sie selbst sagt. Am Ende lag sie bei 6,4 Prozent. Heute ist sie Bundestagsabgeordnete, sitzt im Bildungsausschuss, kennt die Strukturen. Und sie meint ihre Kandidatur diesmal sehr ernst. Sie hat viele konkrete Ideen. So gehört das Ihme-Zentrum aus ihrer Sicht endlich in öffentliche Hand, sie wünscht sich außerdem eine mehrjährige Kulturförderung statt das übliche Jahresbetteln, sie möchte ein wirklich kostenloses Schulessen und sie wünscht sich auch eine Seilbahn – was auch aus meiner Sicht gar nicht so irre ist, wie es vielleicht klingt. Hannover hat noch nie eine Oberbürgermeisterin gehabt. Maren Kaminski findet, es ist höchste Zeit, dass sich das ändert. Frauen in der Politik brächten eine andere Perspektive mit, sagt sie im Interview. Das klingt zuerst wie ein Phrasen-Halbsatz, ist es aber gar nicht. Sie kann das sehr konkret beschreiben. Wer auf Arbeitsbedingungen,
Anerkennung und Ressourcen anders schaut, weil er das anders erlebt hat, der entscheidet am Ende auch anders.

Ich bin sehr gespannt, wie die Wahl im September ausgehen wird. Aus meiner Sicht gibt es unfassbar viel, was man in Hannover anpacken müsste – beim Wohnen, bei der Bildung, bei der Kultur. Vieles ließe sich völlig ideologiefrei und pragmatisch umsetzen, wenn der Wille da ist. Insofern ist mir am Ende weniger
wichtig, wer im Rathaus sitzt, als wie dort gearbeitet wird. Mit echter Ambition und Mut zu unpopulären
Entscheidungen.

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Editorial 05-2026

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Editorial 05-2026


Liebe Leser*innen,

für diese Ausgabe habe ich Nico Röger getroffen, den geschäftsführenden Gesellschafter von Hannover Concerts. Er ist in einem kleinen Städtchen bei Heidelberg augewachsen. Sein Onkel war Manager von PUR, so gab es schon früh Berührungspunkte zur Konzertbranche. Mit 21 Jahren hat er sich auf den Weg nach Hannover gemacht, um Wolfgang Besemer zu überzeugen, ein Jahrespraktikum bei Hannover Concerts machen zu dürfen. Er durfte. Und ist in Hannover gestartet, ohne hier irgendjemanden zu kennen. Geblieben ist er bis heute und er verantwortet mit seinem Team inzwischen rund 450 Veranstaltungen im Jahr, von der Clubshow mit 200 Leuten bis zum Stadionkonzert mit 45.000 zahlenden Gästen. Das klingt nach Geschäft, nach Organisation, nach Logistik, nach Zahlen und Margen. Und das ist es natürlich auch. Die Branche muss Geld verdienen. Aber wenn man mit Nico Röger spricht, merkt man sehr schnell, dass es ihm noch um ein bisschen mehr geht.
Er erzählt natürlich von Wolfgang Besemer, seinem Mentor. Wolfgang hat Hannover Concerts 1978 zusammen mit Michael Lohmann gegründet und er war zeit seines Lebens eine echte Größe in der Stadt – mit echter Größe. Ich weiß gar nicht, wie oft mir sein Name in den mittlerweile über 20 Stadtkind-Jahren schon begegnet ist. Ich hatte selbst einige Male Gelegenheit, ihn zu treffen. Wolfgang Besemer hat in Hannover unfassbar viel bewegt. Er ist dabei gerne im Hintergrund geblieben, aber sehr viele Kultur-Fäden sind bei ihm zusammengelaufen. Ein beeindruckender Mensch, der auch mal Experimente gewagt hat. Vielleicht war Nico so ein Experiment. Wolfgang Besemer hat ihn von Beginn an in Hosen gesteckt, die eine ganze Nummer zu groß waren. Und er hat ihm etwas mitgegeben, das man nicht studieren kann: den Kompass. Wolfgang war, sagt Nico, Geschäftsmann und Gefühlsmensch in einem. Und das Menschliche war dabei nie Nebensache. Als Wolfgang 2014 viel zu früh gestorben ist, hat Nico von einem Tag auf den anderen übernommen. Und er hat versucht, Hannover Concerts in Wolfgangs Sinne weiterzuführen – bis heute, obwohl Menschlichkeit und Bauchgefühl in dieser Branche immer mehr ins Hintertreffen geraten.
Nico erzählt mir fast beiläufig von einer Präsentation im eigenen Haus, in der ihm Mitarbeitende gesagt haben, dass es auf keinen Fall mehr Entscheidungen nach Bauchgefühl geben dürfe. Und klar, für solche Entscheidungen gibt es diverse datenbasierte Tools. Trotzdem hat Nico festgestellt, dass er weiterhin – auch – auf seinen Bauch hören wird. Und das nicht etwa, weil er sich gegen neue Wege sträubt, sondern weil er weiß, dass es eben manchmal doch diesen speziellen Instinkt braucht, diese besondere Nase für Gelegenheiten. Das kann keine Tabelle ersetzen. In einer Branche, die heute ein knallhartes Geschäft ist, in der die Ticketpreise eskalieren und Algorithmen mitentscheiden, wer auf welcher Bühne steht – in dieser Branche macht genau das vielleicht doch den entscheidenden Unterschied. Das Bauchgefühl, verbunden mit der anderen besonderen Stärke, der Menschlichkeit. Hannover Concerts funktioniert so ein bisschen wie eine Familie. Klar, hin und wieder wird es auch mal laut und knallt, aber es gibt doch diesen besonderen Spirit. Wer mal das Vergnügen hatte, das Büro am Ferdinand-Wilhelm-Fricke-Weg zu besuchen, weiß sofort, was ich meine.
Was Nico momentan umtreibt, das ist vor allem die Frage, wie es mit den kleinen Clubkonzerten weitergehen kann. Für die Nachwuchsförderung sind solche Konzerte essenziell, aber mit den großen Konzerten heute nicht mehr so einfach quer zu subventionieren. Die Kosten sind überall immens gestiegen. Im Zweifel nennt man es eine Investition in den Nachwuchs. Unterm Strich ist es oft erstmal einfach eine rote Zahl. Und trotzdem wird nicht hart nach Zahlen reagiert, sondern mit sehr viel Umsicht und Augenmaß. Es ist klar, dass man sich um dieses Thema kümmern muss. Aber eben auf eine Art und Weise, die harte Schnitte möglichst vermeidet. Genau das macht Hannover Concerts zu einem besonderen Konzertveranstalter. Professionalität trifft Empathie und Bauchgefühl, Geschäft trifft Familie, Zahlen treffen auf Verantwortung für die Mitarbeitenden, aber auch für den eigenen Standort. Man muss sich nicht entscheiden zwischen Zahlen und Haltung, zwischen Effizienz und Wärme. Beides geht. Wolfgang Besemer hat das vorgelebt, Nico geht diesen Weg weiter mit Kopf und ganz viel Herz für die Musik. Wenn jemand demnächst fragt, warum dieser oder jener richtig große Act „ausgerechnet“ in Hannover spielt, dann ist die Antwort ganz einfach. Weil Hannover Concerts für etwas steht in dieser Branche. Mehr im Interview ab Seite 58

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