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Editorial 03-2026

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Editorial 03-2026


Editorial

Liebe Leser*innen,

Für diese Ausgabe habe ich mit Ulli Lust gesprochen. Sie ist Comiczeichnerin, Illustratorin, Online-Verlegerin – und so ein Mensch, mit dem man redet, um danach festzustellen, dass einem bestimmte Sätze oder Gedanken immer wieder in den Kopf kommen. Im Interview erzählt sie zum Beispiel davon, dass man ihr zu ihrem ersten Buch „Heute ist der letzte Tag vom Rest deines Lebens“ immer wieder eine „zudringliche“ Frage gestellt habe. Nämlich, warum sie nicht einfach nach Hause gefahren sei. Sie ist damals mit 17 Jahren in Italien unterwegs und zwischendurch wird es sehr gefährlich. Und klar, ein männlicher Held zieht los und besteht dieses Abenteuer. Eine Frau sollte dagegen besser „vernünftig“ sein und in den nächsten Bus nach Hause steigen. Die Drachentöter sind immer männlich besetzt. „Das empört mich immer noch“, sagt Ulli Lust. „Der Heldenmythos ist auf Männer gestrickt. Ich wünsche mir Märchen, in denen Frauen losziehen. Es war einmal eine Familie mit drei Töchtern und die Jüngste ist eines Tages losgezogen, um den Drachen zu erschlagen …“

Das bringt es für mich ziemlich gut auf den Punkt. Wir (Männer) sprechen insbesondere zum 8. März gerne über Gleichberechtigung, und wir progressiven Männer klopfen uns zu diesem Anlass dann meistens selbst lobend auf die Schulter und behaupten, dass wir längst alles verstanden haben. Haben wir das? Oder tun wir nur so? Nehmen wir vielleicht hin und wieder doch nur so eine gönnerhafte Position ein und gestehen den Frauen zu, dass sie jetzt ein bisschen mitspielen dürfen? Klar, bei mir ist das natürlich nicht so, ich habe mich längst von oben bis unten durchreflektiert und alles durchdrungen und verstanden, was da an Mustern und Rollen bei mir angelegt war. Ich habe mich von all diesen Zuschreibungen, was männlich ist, längst befreit. Nicht.

Ich arbeite noch dran. Und wir arbeiten als Gesellschaft auch noch dran. Wenn ich mit Leuten über Gleichberechtigung, über Emanzipation, über Feminismus spreche, dann fällt sehr oft das Wort „eigentlich“. Eigentlich müsste Gleichberechtigung doch schon längst eine Selbstverständlichkeit sein. Vor einer Selbstverständlichkeit sind wir aber noch immer weit entfernt. Wir hören die Sonntagsreden und auf der anderen Seite sehen wir den Alltag und stellen fest, dass Frauen weniger verdienen, mehr Care-Arbeit leisten, sich häufiger rechtfertigen müssen, öfter unterbrochen werden, bedroht werden, geschlagen werden, umgebracht werden – weil sie Frauen sind.

Und nun erleben wir sogar noch diesen seltsamen Backlash. Die Tradwives sind unterwegs und sehnen sich nach Verhältnissen wie in den 1950er-Jahren. Sie sind gerne Hausfrau und Mutter, der Mann verdient das Geld und sagt, wo es lang geht. Die Frauen kochen, putzen und kümmern sich um die lieben Kleinen und sehen das als höchste Stufe der weiblichen Selbstverwirklichung. Die Antifeministen jubeln. Und okay, ich habe nichts gegen diese Tradwives. Menschen haben ein Recht darauf, in bestimmten Grenzen irre zu sein. Wenn diese Frauen damit glücklich sind, kann ich das gut akzeptieren. Was mich allerdings ziemlich besorgt, ist die Tatsache, dass es ganz offensichtlich reichlich Männer gibt, die sich genau das von Frauen wünschen. Was ist da bloß schiefgelaufen? Ich finde das ziemlich armselig.

Ulli Lust sagt im Interview ab Seite 54, Feminismus sei letztlich nur die Feststellung, dass es keinen Grund gibt, Frauen zu benachteiligen – und dass es schlicht dumm sei, Ressourcen zu verschwenden. Sie sagt das sehr nüchtern und unaufgeregt und „eigentlich“ ist dem gar nicht viel hinzuzufügen. Wenn es nicht noch so viel zu besprechen gäbe. Wir behandeln Gleichberechtigung stellenweise leider wie ein erledigtes Kapitel. Als wäre das Thema irgendwann in den 90er-Jahren abgehakt worden, sauber erledigt zwischen „Quote eingeführt“ und „Gendersternchen-Debatte geführt“. Aber gesellschaftliche Entwicklungen verlaufen nicht linear. Rechte können auch wieder verschwinden, wenn man sie nicht verteidigt. Respekt kann erodieren, wenn man ihn nur behauptet, aber nicht lebt. Der 8. März ist deshalb kein Feiertag für wohlmeinende Statements, sondern ein Tag, an dem man (Mann) sich fragen kann: Wo profitiere ich noch von Strukturen, die andere kleinhalten? Wo schweige ich, obwohl ich widersprechen müsste? Wo lache ich mit, obwohl es nicht lustig ist? Und wo rede ich mir ein, dass „das doch alles nicht mehr so schlimm“ ist? Ich wünsche mir auch Märchen, in denen die Frauen losziehen, um den Drachen zu erschlagen. Aber noch mehr wünsche ich mir eine Gegenwart, in der sie das tun können, ohne dass irgendjemand fragt, warum sie nicht einfach zu Hause geblieben sind.

Viel Spaß mit dieser Ausgabe!

Lars Kompa

Herausgeber Stadtkind

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Editorial 02-2026

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Editorial 02-2026


Liebe Leser*innen,

für diese Ausgabe habe ich Luna Jurado getroffen, Geschäftsführerin im Kulturzentrum Faust. Sie ist in Oldenburg aufgewachsen, schon mit 15 zu Hause ausgezogen, mit 18 ging es dann nach Hannover und für ein Jahr als Praktikantin in die Faust. Im Booking hat sie angefangen. Und ich stelle mal wieder fest, wie klein Hannover ist. Sie hat damals bei der Faust angerufen, um nach der Möglichkeit eines Praktikums zu fragen. Peter Staade hat „vorbeikommen“ gesagt. Peter war lange Jahre unser 96-Kolumnist und ist leider schon mit 50 Jahren an Krebs gestorben. Eines meiner ersten größeren Interviews für das Stadtkind habe ich mit Peter geführt. Damals war er noch im Béi Chéz Heinz aktiv. Ein sehr besonderer Mensch. Luna Jurado erzählt von ihrem Bewerbungsgespräch in der Raucherecke mit acht Männern und ich sehe Peter vor mir, mit der Zigarette in der Hand und diesem speziellen Blick (er hatte ein Glasauge). Ich kann mir gut vorstellen, dass ihr die Zeit als Praktikantin nicht durchgängig Spaß gemacht hat. Aber es hat offensichtlich doch Spaß genug gemacht, um eine Ausbildung dranzuhängen. Schon mit 25 Jahren hat sie dann die Geschäftsführung in der Faust übernommen, übernehmen müssen, nachdem Hansi Krüger gestorben war. Ein Sprung ins eiskalte Wasser, keine geordnete Übergabe, Tage und Wochen im Krisenmodus. Aber sie übersteht das alles nicht nur, sie geht es frontal an, räumt auf, kümmert sich um die Strukturen. Heute läuft der Laden mit 45 Festangestellten, mit Auszubildenden, mit moderner Technik, einer gut aufgestellten Gastronomie und unglaublich vielen großen und kleinen Veranstaltungen.

Luna Jurado brennt für die Faust, sie lebt diesen Ort. Und sie brennt für die Kultur. Auch als Vorsitzende des Vereins Freie Kunst und Kultur Hannover e. V., besser bekannt als VereinteKulturHannover. Ihre Haltung ist glasklar. Kultur möge am besten nichts kosten, still sein und bloß nicht politisch – mit ihr ist das nicht zu machen. Sie hat sich immer sehr klar positioniert, insbesondere bei den auch aus meiner Sicht absolut fragwürdigen Kürzungen durch die Deutschlandkoalition, was ihr wahrscheinlich nicht nur Freundinnen und Freunde eingebracht hat. Sie hat gerne Klartext gesprochen, trotz des unsichtbaren Drucks, den man in Hannover manchmal spürt, wenn man zu laut auf Probleme hinweist. Und sie spricht noch immer Klartext.

Kultur ist für Luna Jurado keine Dekoration, kein Sahnehäubchen, auf das man im Zweifel verzichten kann. Kultur, Soziokultur, das ist für sie der Kitt, der unsere Gesellschaft zusammenhält. Die Faust schafft Räume, in denen Vielfalt nicht bloß plakatiert, sondern gelebt wird. Und von solchen Räumen profitiert die gesamte Gesellschaft, sie machen unsere Demokratie resilienter. Das klingt groß, ist aber sehr konkret. Wenn Kulturorte verschwinden oder kaputtgespart werden, dann verschwinden nicht nur die Bühnen, dann verschwinden Netzwerke, Schutzräume, Diskursräume. Dann wird eine Stadt leiser, aber nicht ruhiger und ärmer, aber nicht günstiger. Wenn in der Kultur Schaden angerichtet wird, dann ist das oft nicht so leicht rückgängig zu machen. Parkhäuser kann man sanieren, eine Szene leider nicht. In Hannover wird schon wieder viel über Geld geredet, über Kürzungen, Umverteilungen, Prioritäten. Und diese Diskussionen werden mit dem beginnenden Wahlkampf immer lauter werden. Ich hoffe, dass alle Beteiligten wissen, dass die Kultur in Hannover kein Posten ist, den man beliebig im Haushalt hin und her schieben kann. Die Lage ist ohnehin schon prekär genug, viele Kulturschaffende arbeiten längst „auf Kante“.

Luna Jurado wünscht sich Planungssicherheit, Augenhöhe und Wertschätzung. Ein klares Bekenntnis, dass Orte wie die Faust in Hannover gewollt sind. Und dass Kulturpolitik nicht nach Parteifarben gemacht wird. Geld für die Kultur ist Investition in die Zukunft. Mehr im Interview ab Seite 56.

Nicht zuletzt: In dieser Ausgabe feiern wir Erwin Schütterles 50. Rätsel. Nicht wenige beißen sich daran mit viel Vergnügen jeden Monat die Zähne aus. Danke, lieber Erwin!

Und jetzt viel Spaß mit dieser Ausgabe!

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Editorial 01-2026

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Editorial 01-2026


Liebe Leser*innen,

für diese Ausgabe erste Ausgabe im Jahr habe ich Maike Bielfeldt getroffen, die Hauptgeschäftsführerin der Industrie- und Handelskammer Hannover. Und ich habe sie zum Einstieg gefragt, ob sie ihren ersten Arbeitstag in Hannover noch vor Augen hat. Sie hat nicht lange überlegen müssen. Sommer 2020, zwischen den Lockdowns, unfassbare Hitze, ein Start unter Bedingungen, die man heute schon fast wieder verdrängt hat: Hybrid-Veranstaltungen, Stühle mit einigen Metern Abstand und eine Welt im Ausnahmezustand. Kein leichter Start, eher mit angezogener Handbremse. Aber sie erzählt, dass es Hannover ihr trotzdem leicht gemacht hat. Offen, zugewandt. Eine Stadt, in der man sich immer wieder begegnet – Dezernentin neben Minister, Kommunalpolitik neben Landespolitik, kurze Wege. Für jemanden, der vermitteln, verhandeln, verbinden muss, ist das ein Pfund. Und es ist ein Standortfaktor.

Maike Bielfeldt hat früh gewusst, in welche Richtung es gehen sollte. Sie ist noch während der Schulzeit in einem Artikel zu Berufen über die „Wirtschaftsprüferin“ gestolpert und hat dann angefangen zu recherchieren, wie man das wird. Sie hat nach dem Abitur zunächst eine Banklehre gemacht, dann Volkswirtschaft studiert, sie ist nach Valencia gegangen und hat sich mit rudimentärem Spanisch durch BWL gekämpft. Und sie hat nebenbei gearbeitet. Beim NDR, im Hemdenladen, im Feinkostgeschäft, in Restaurants. Als Kind hat sie Kirschen im Alten Land gepflückt – und gelernt, wie lange es dauert, bis so ein Eimer endlich voll ist.

Das alles hat sie geprägt: Arbeit, Zahlen, Tempo, Pragmatismus – und ganz viel Lust auf Menschen und Gespräche. Sie ist zufrieden mit ihrer jetzigen Position, sie ist genau da angekommen, wo sie hinwollte. Sie vertritt die Interessen von rund 190.000 Unternehmen. Und ja, das ist natürlich herausfordernd. Aber sie achtet auf den Ausgleich. Keine Grübelschleifen, Sie nimmt nichts mit in die Nacht. Und falls es mal ein echtes Wochenende gibt, dann nimmt sie auch nichts mit ins Wochenende. Außer eine große Kanne Tee und ein gutes Buch. Dazu ist Sport ihre Geheimwaffe gegen Stress. Sie hat immer ihre Laufsachen dabei.

Natürlich haben wir auch über Gleichberechtigung gesprochen. Über Frauen in Führungspositionen. Maike Bielfeldt blickt momentan ziemlich besorgt auf einen Kipppunkt, sie sieht einen Trend zum Rückzug ins Häusliche. Es ist ein Rollback. Gleichzeitig erzählt sie, wie aus einem IHK-Frauennetzwerk mit 30 Teilnehmerinnen inzwischen über 600 geworden sind. Wie aus Sichtbarkeit Selbstbewusstsein entsteht – und aus Selbstbewusstsein Veränderung in den Gremien. „Ich werde Chefin“ heißt eine Kampagne, bei der Unternehmerinnen und auch Bielfeldt selbst Mädchen einen Tag lang mitnehmen. Es geht darum, Role Model zu sein.

Und dann kommt der harte Teil: Die Wirtschaft 2025 und die Aussichten auf 2026. „Schlecht“, sagt sie kurz und knapp. Und die Stimmung sei noch einmal deutlich nach unten gerutscht, nach dem ausgebliebenen Herbst der Reformen. So würde die Politik Investitionen ausbremsen. Dass viele Unternehmungen über Verlagerungen ins Ausland nachdenken, sei im Grunde logisch. Zentral ist für Maike Bielfeldt Verlässlichkeit. Keine Endlosdebatten, keine unstete Politik, keine Regeländerungen im Monatsrhythmus plus Bürokratie und Misstrauenskultur. Was sie neben schnellen Reformen einfordert, ist ein grundsätzlich anderer Blick auf die Unternehmer*innen im Land, weil die sich engagieren, sich einsetzen, etwas in Bewegung bringen und Arbeitsplätze schaffen. Maike Bielfeldt hat eine ziemlich klare Vorstellung davon, was passieren müsste: mehr Vertrauen, mehr Entschlossenheit, mehr Mut zum Pragmatismus. Und hin und wieder ein lohnender Blick über den Tellerrand, der uns in Deutschland oft fehlt. Dänemark sei zum Beispiel digital und effizient – und trotzdem erreiche man die europäischen Datenschutz-Standards. Mehr im Interview ab Seite xx.

Und ja, in dieser Ausgabe geht es weiter mit Stephan Weil auf der letzten Seite. Wir haben einfach festgestellt, dass uns das noch eine Weile Spaß machen könnte. Die 201 dreht sich um die neue Sicherheitsstrategie der USA. Dass es mit Stephan Weil weitergeht, heißt aber nicht, dass mir das Gespräch mit Olaf Lies keinen Spaß gemacht hat. Im Gegenteil. Das scheint mir ein ganz sympathischer Mensch zu sein. Und das macht mir tatsächlich ein bisschen Hoffnung. Ich treffe immer wieder Menschen mit politischen Ämtern, die tatsächlich eine Agenda und einen Kompass haben, die etwas besser machen wollen, und die mir darum sympathisch sind. Leider dünnt sich das Richtung Berlin dann sehr aus, aber daran könnte man ja mal arbeiten. Vielleicht schaffen es die Parteien künftig, nicht mehr die eitlen Selbstdarsteller und wandelnden Profilneurosen in die erste Reihe zu stellen. Das ist doch mal für CDU, SPD und Co. ein guter Vorsatz für 2026, oder?

2026 ist ganz bestimmt ein Jahr, auf das man eigentlich nur mit großer Sorge blicken kann, angesichts irrlichternder Staatenlenker und der vielen Krisen, die diese Herrschaften uns bescheren. Es ist wirklich seltsam, dass wir Menschen ganz offensichtlich die Tendenz haben, sich die schlechtesten, die empathielosesten, die skrupellosesten Exemplare als Führungspersonal auszusuchen. Ein Rätsel. Warum machen wir das? Wer mir das erklären kann, soll mich bitte mal anrufen.

Viel Spaß trotzdem mit dieser Ausgabe!

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Editorial 12-2025

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Editorial 12-2025


Liebe Leser*innen,

für diese Ausgabe habe ich Stephan Weil getroffen. Gut, man könnte fragen, ob das jetzt eine so besonders spannende Information ist, denn immerhin ist das in den letzten Jahren häufiger passiert. Aber so ein bisschen besonders ist das schon, denn Stephan Weil ist in gewissem Sinne einer der dienstältesten Mitarbeiter beim Stadtkind. Wir haben unser 200. Interview geführt. Und zu unserem 200. haben wir uns darum auch das Titelinterview gegönnt. Womit sich natürlich die Frage gestellt hat, wer auf der üblichen Seite 114 zu Gast sein soll in dieser Ausgabe. Schwierig …

Mir hat sich vor dem großen Interview mit Stephan Weil noch eine andere schwierige Frage gestellt: Was frage ich jemanden, dem ich bei 200 Gelegenheiten eigentlich schon alle Fragen gestellt habe, die man fragen kann? Ich habe ein bisschen recherchiert im Stadtkind-Archiv. Und festgestellt, dass wir angesichts immer neuer, aktueller Themen im Grunde nie über seinen Werdegang gesprochen haben. Was hat Stephan Weil eigentlich gemacht, bevor er Kämmerer und dann Oberbürgermeister in Hannover war? Er war zum Beispiel Zivi. Ich hatte das mal so ganz am Rande mitbekommen, aber ein Thema in den Interviews war das nie. Ich bin also mit Stephan Weil in dieser Ausgabe ein bisschen tiefer in seine Biografie abgetaucht. Und habe einiges erfahren, was ich tatsächlich noch nicht wusste.

Ich bin in den vergangenen Jahren oft gefragt worden, vor allem von Menschen, die politisch nicht den Sozialdemokraten zugeneigt sind, warum ich immer noch Monat für Monat dieses Interview führe – „mit diesem Sozi“. Dass es vielleicht spannend ist, in einem Stadtmagazin mit einem Oberbürgermeister ins Gespräch zu kommen, das sei einigermaßen einleuchtend – aber warum mit einem Ministerpräsidenten? Das hat zwei Gründe: Neugier ist der erste Grund. Mich hat einfach interessiert, wie sich so ein Mensch wie Stephan Weil verändert im Laufe der Jahre, in seinem neuen Amt als Ministerpräsident. Bleibt der auf dem Boden? Oder schleift sich da etwas ab? Hat der weiter das Große und Ganze im Hinterkopf oder wackelt irgendwann die Nadel im Kompass? Aber es gab noch einen zweiten, für mich sehr wichtigen Grund: Sympathie.

Ich schätze Stephan Weil sehr. Warum? Weil er absolut verlässlich ist. Man kann sich auf sein Wort verlassen. Wir waren und sind uns politisch oft nicht einig, es gibt einige Standpunkte und Grundsätze, mit denen ich meine Schwierigkeiten habe, aber ich habe trotzdem große Achtung, nicht nur vor dem Menschen Stephan Weil, sondern auch vor dem Politiker Stephan Weil. Ich habe in unseren Gesprächen wirklich eine Menge gelernt. Zum Beispiel über Verantwortungsbewusstsein. Dass man sich nicht drückt, nur weil es unbequem wird. Wenn mir heute jemand sagt, dass „die da oben“ doch alle korrupt sind, machtverliebt und egoistisch, dann widerspreche ich sehr vehement. Es gibt noch Politiker in Deutschland, die nicht die Eitelkeit treibt, sondern Verantwortungsgefühl. Stephan Weil gehört für mich dazu. Und das ist der Hauptgrund, warum ich diese Gespräche bis heute so gerne führe.

Er hat sich natürlich verändert im Laufe der Jahre. Er ist ernster geworden. Die Krisen haben Spuren hinterlassen, insbesondere die Corona-Zeit, diese plötzliche, ganz direkte Verantwortung für Menschenleben. Stephan Weil ist mit der Verantwortung gewachsen. Und er spricht ganz offen über Fehler. Über politische Irrtümer. Man muss ziemlich lange suchen, ehe man heute einen Politiker oder eine Politikerin findet, die kein Problem damit haben, derart selbstkritisch mit sich selbst zu sein. Mich hat das in all den Jahren immer wieder beeindruckt. Und mich hat es auch jetzt, bei diesem Interview wieder beeindruckt.

Wir haben in unserem 200. Gespräch aber nicht nur über Stephan Weils Werdegang und über Politik gesprochen, sondern auch über Hannover, über den „entspannten Grundsound“ in der Stadt, in der Stephan Weil auch künftig ganz entspannt seine Runden mit dem Fahrrad drehen wird. Und nicht nur das. Man darf sich sicher sein, dass er sich weiter einbringen wird. Um zu gestalten, um zu verändern. Auch um zu bewahren. Mehr im Interview.

Viel Spaß mit dieser Ausgabe!

Lars Kompa
Herausgeber Stadtkind

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Editorial 11-2025

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Editorial 11-2025


Für unsere November-Ausgabe habe ich Anne Gemeinhardt getroffen, die Direktorin der Museen für Kulturgeschichte Hannover. Sie ist in Saarlouis aufgewachsen. Frankreich ist gleich um die Ecke und Geschichte gehört zum Stadtbild. Hier entsteht die Liebe zu Europa. Mal kurz über die Grenze und zurück, ohne Kontrollen. Nach dem Abitur wollte sie eigentlich Sozialpädagogik studieren, aber dann war da dieser Studiengang „Europäische Kulturgeschichte“ in Augsburg … Und heute ist sie in Hannover verantwortlich für gleich drei Häuser: das Historische Museum, das Museum August Kestner und das Museum Schloss Herrenhausen. Und Anne Gemeinhardt hat einen Plan. Die laufenden Sanierungen, die Schließungen, das alles ist zwar anstrengend, aber auch eine Phase großer Chancen.

Anne Gemeinhardt will Orte schaffen, an denen Menschen sich begegnen. Und während das Historische Museum die Türen für eine ganze Weile schließen muss, platziert sie mit ihrem Team Geschichte im Stadtraum, auf Plätzen, in Schulen, in Pflegeheimen. Und schafft mit dem „Hannover Kiosk“ ein offenes Labor mitten in der Innenstadt, wo die Begegnung mit Geschichte neu gedacht und diskutiert werden darf. Sie will Museen zu interaktiven, gemeinschaftsorientierten Orten weiterentwickeln, die das Publikum zur Partizipation einladen. Mit modernen Präsentationsformen, mit vielen Kooperationen, möglichst direkt und barrierefrei. Sie möchte Wissen auf vielfältige Weise vermitteln und versteht das Museum dabei als atmenden, sich ständig verändernden Raum. Einen Raum, in dem Kinder ruhig laut sein dürfen, Fragen stellen dürfen, staunen dürfen. Erwachsene natürlich auch. Wobei der Respekt vor den Dingen immer bleibt, vielleicht sogar mehr denn je, denn in einer Welt, die immer digitaler wird, sind Originale wieder magisch. Sie erzählen von Menschen, die vor Jahrhunderten lebten, liebten, lachten – und plötzlich wird Geschichte ganz nahbar.

Wenn Anne Gemeinhardt erzählt, spürt man ihre Leidenschaft, die Lust am Experiment, aber auch die Demut vor dem, was war. Sie möchte, dass wir miteinander ins Gespräch kommen – über Geschichte, über Kultur, über Wandel, über das Verbindende. Sie begreift Museen als lebendige Teile einer Stadt, als Orte, die nicht nur sammeln, sondern Sinn stiften. Wir können uns in Hannover darauf freuen, Geschichte künftig immer wieder neu entdecken zu dürfen. Mehr im Interview ab Seite 54.

Und wie schaffe ich hier jetzt einen eleganten Übergang zu Friedrich Merz? Gar nicht. Das geht nur mit einem klaren Bruch. Denn unterschiedlicher können Konzepte ja kaum sein. Merz sucht nicht nach dem Verbindenden, er spaltet. Ich habe eine Weile gegrübelt, ob es sich lohnt, überhaupt auf dieses unsägliche Stadtbild-Gelaber einzugehen. Ich verspüre immer weniger Lust, mich mit diesen hohlen Scheindebatten zu beschäftigen. Aber es nützt ja nichts. Den Kopf zu schütteln, zu resignieren, nichts zu sagen, weil auf der anderen Seite eh niemand zuhört, das scheint mir auch nicht ganz der richtige Weg. Ich habe mich gefragt, wie sich jetzt in Deutschland diejenigen fühlen, die nicht „deutsch genug“ aussehen. Ich schäme mich für Friedrich Merz. Ich habe das Bedürfnis, mich für diesen Kanzler bei allen zu entschuldigen, die er aus dem Stadtbild entfernen möchte. Ich würde mir für Deutschland wirklich einen würdigeren und klügeren Kanzler wünschen. Oder eine Kanzlerin. Ganz egal, Hauptsache integer, respektvoll und uneitel. Diese aktuelle Debatte macht mich nicht wütend, sie macht mich einfach nur traurig und ratlos. Deutschland biegt mehr und mehr falsch ab. Und anstatt entschieden ins Lenkrad zu greifen und klug, nachhaltig und umsichtig umzusteuern, lenkt Friedrich Merz den Karren noch weiter nach rechts und gibt Gas. Leider fährt er Deutschland so vor die Wand.

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Editorial 10-2025

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Editorial 10-2025


Liebe Leser*innen,

für diese Ausgabe habe ich Bodo Busse getroffen, den neuen Intendanten der Staatsoper Hannover. Schon als Kind hat er seine Liebe zur Oper entdeckt. Seine Mutter hat ihm zu dieser besonderen Welt die ersten Türen geöffnet. Ein musisches Elternhaus, diese besondere Hinwendung zur Musik – manchmal scheinen Lebenswege sich fast zwangsläufig zu ergeben. Bodo Busse hat Querflöte gespielt, so wie sein Großvater, der im Bodensee-Symphonie-Orchester Flötist war, er hatte auch Gesangsunterricht, er hat schon früh in Orchestern gespielt und in Chören gesungen, und während andere Eltern ihr Kinder zum Blockflötenunterricht zwingen müssen, waren seine Wochen prall gefüllt mit Musik. Freiwillig. Und mit Begeisterung. Die städtische Musikschule war sein Biotop. „In der zehnten und elften Klasse hatte ich montags Orchesterprobe, dienstags Querflötenunterricht, mittwochs Probe mit dem Kammermusikensemble, donnerstags war immer Sinfonieorchesterprobe und freitags hatte ich später sogar noch Gesangsunterricht“, erzählt er im Interview.

Fast hätte Bodo Busse Querflöte studiert, aber er hatte eine ehrliche Lehrerin, die ihm gesagt hat, dass man für diesen Beruf nicht nur sehr gut, sondern sehr sehr gut spielen müsse. Also ging es an die Eberhard-Karls-Universität nach Tübingen, um dort Musikwissenschaft, Literaturwissenschaft und Rhetorik zu studieren. Und der Nebenjob, um sich während des Studiums über Wasser zu halten? Postbote. Die Arbeit hat ihm großen Spaß gemacht. Und wenn er mit einem Augenzwinkern erzählt, dass er immer noch in seinen Job als Postbote zurückkann, wenn es mal als Intendant nicht mehr klappen sollte, nimmt man ihm das fast ab.

Geprägt ist Bodo Busse vor allem durch Begegnungen. Mit Ruth Berghaus, mit Götz Friedrich, John Dew oder Robert Wilson. Nicht unbedingt leichte Persönlichkeiten, sondern intensive Menschen, die man aushalten muss. Aber von denen man sehr viel lernt, wenn man sie aushalten kann. Und nun ist Bodo Busse nach Dortmund, Weimar, München, Chemnitz, Meiningen und Saarbrücken in Hannover angekommen. Und er bringt nach all diesen Stationen eine klare Zielsetzung mit. Er möchte die Oper zugänglich und einladend machen, er möchte Schwellen beseitigen, Berührungsängste abbauen, er möchte nicht nur das Publikum, das ohnehin kommt, er möchte Menschen „hineinziehen“, die vielleicht noch nie eine Oper besucht haben. Und er versteht dabei sein Opernhaus nicht allein als Ort für die großen Stimmen und berühmten Werke, sondern auch als Resonanzraum für unsere Gegenwart. Er möchte beides: das große Repertoire pflegen und zugleich Neues wagen, ungewöhnliche Kooperationen eingehen, Musiktheater mit anderen Künsten verbinden. Seine Oper sieht er nicht als abgeschlossenen Raum, sondern als Teil der Stadt. Sie soll neugierig machen, einladen, überraschen – und für viele Menschen ein erster Schritt ins Musiktheater sein. Mit dieser Offenheit will er Hannover bewegen und die Oper breiter verankern. Ich bin gespannt, wie Bodo Busse Hannover mit seiner Energie prägen wird. Er wirkt wie einer, der zuhört, der Brücken bauen will – und der eine große Liebe zur Kunst mitbringt, ohne sie in den Elfenbeinturm zu sperren. Ich wünsche ihm dafür ein offenes Publikum, Mut für die vielen Pläne und vor allem viele überraschende Begegnungen. Und natürlich wünsche ich ihm ein immer volles Haus. Unbedingt hingehen!

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