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Editorial 08-2026

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Editorial 08-2026


Liebe Leser*innen,

für diese Ausgabe habe ich Belit Onay getroffen. Er ist Nummer drei in der kleinen Stadtkind-Reihe vor der Kommunalwahl. Nach Maren Kaminski und Peter Karst jetzt also der Oberbürgermeister. In der September-Ausgabe folgt dann noch Axel von der Ohe. Was mich in diesen Interviews interessiert, ist gar nicht so sehr das Wahlprogramm. Wir sehen ja momentan in der Stadt wieder überall die üblichen Plakate mit den gewohnten Sprüchen. Ich glaube, dass gute Politik, egal auf welcher Ebene, vor allem von den Köpfen lebt. Was ist gute Politik? Eigentlich ganz einfach: Wenn möglichst viele, im Idealfall alle Menschen, von den Entscheidungen der Politik profitieren, wenn Politik vorausschauend, fair, gerecht und nachhaltig angelegt ist, dann ist es gute Politik. Und ob das einigermaßen gelingt, das steht und fällt mit jenen, die wir alle in die Ämter wählen. Mich interessieren in den Interviews darum weniger die beruflichen Karrieren und die akademischen Titel, ich finde die Biografien hinter den glatten Lebensläufen weitaus spannender. Wo ist jemand aufgewachsen, gab es ungewöhnliche Nebenjobs, besondere Erfahrungen? Aus der Summe all der Ecken und Kanten, an denen sich ein Mensch im Laufe seines Lebens stößt, formt sich der Charakter und damit auch der Kompass, der das politische Handeln bestimmt.

Die Biografie von Belit Onay beginnt in einem Restaurant in Goslar, das seine Eltern führten. Seinen Vater hat es aus Istanbul per Losverfahren in die beschauliche Stadt im Harz mit knapp 50.000 Menschen verschlagen. Eine andere Welt. Istanbul war seinerzeit eine 5,5-Millionen-Metropole. Aber der Familie gefällt es gut in Goslar, das Restaurant mitten im Zentrum ist bekannt und beliebt, und Belit Onay ist natürlich mit am Start, er hilft, er muss helfen. Es ist so ein typischer Familienbetrieb. Und Goslar ist so eine kleine Oase. Man kennt sich und man schätzt sich.

Belit Onay war zwölf oder dreizehn, als die Polizei seine Eltern im Restaurant besucht, um nach den Brandanschlägen von Solingen und Mölln vor möglichen Gefahren zu warnen. Man sei ein mögliches Ziel, sehr bekannt und direkt an der Hauptstraße gelegen, quasi auf dem Präsentierteller. Seine Eltern überlegen danach eine Weile, zurück in die Türkei zu gehen. Aber sie bleiben. Diese Erfahrungen damals haben Belit Onay sehr geprägt. Und es ist nach Solingen und Mölln dann nicht unbedingt besser geworden. Die Fremdenfeindlichkeit war mehr als sichtbar in Deutschland und durchaus ein Thema auch für Wahlkämpfe. „Wo kann man denn hier gegen Ausländer unterschreiben?“, diesen Satz hörte man beispielsweise 1999 in Hessen auf den Straßen, als Roland Koch seine Unterschriftenaktion gegen die doppelte Staatsbürgerschaft inszenierte.

Zwanzig Jahre später, nach seiner Wahl zum Oberbürgermeister, hat der Rechtsextreme Martin Sellner, bekanntester Kopf der identitären Bewegung, ein Video über Belit Onay veröffentlicht – und der Hass ging viral. Noch heute kommt bei Belit Onay der Rassismus gelegentlich mit der Post, und es geht dann auch um seine Familie, seine Kinder. Man hat sein ganzes Leben in Deutschland verbracht, ist zur Schule gegangen, hat Jura studiert, sich in der Kommunalpolitik engagiert – und wird ständig gefragt, wo man „eigentlich“ herkommt. Und wann man „eigentlich“ dorthin zurückwill.

Direkt nach seiner Wahl war die Stimmung nicht unbedingt euphorisch bei Belit Onay, sondern eher gedrückt. So viel Hass. Und dann trifft er in der Stadt am Steintorplatz an einer Ampel eine Frau, die ihn als neuen Oberbürgermeister erkennt, ihm sagt, dass sie ihn nicht gewählt hat, aber ihm auch sagt, dass er jetzt bitte das Beste draus machen soll. Diese Begegnung hat seine Perspektive verändert. Einer große Mehrheit interessiert sich einfach nur dafür, wie es in Hannover weitergeht. Man kann über Belit Onays Arbeit ganz sicher streiten, über seine Bilanz nach den Jahren im ständigen Krisenmodus, über die Verkehrswende, über das Ihme-Zentrum, über die Projekte zur Belebung der Innenstadt. Man kann nicht nur, man muss darüber streiten, denn es geht ja schließlich um die besten Ideen für Hannover. Um eine Politik, die vorausschauend, fair, gerecht und nachhaltig sein sollte. Mehr im Interview ab Seite 58.

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Editorial 07-2026

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Editorial 07-2026


Liebe Leser*innen,

für diese Ausgabe habe ich Peter Karst getroffen, Hauptgeschäftsführer der Handwerkskammer Hannover und CDU-Kandidat für das Amt des Oberbürgermeisters. Ich kenne ihn schon eine Weile, darum duzen wir uns im Interview. Peter kommt aus einer Juristenfamilie, er hat selbst Jura studiert, aber dann einen etwas anderen Weg gewählt. Er war kurz Rechtsanwalt, dann unter anderem Geschäftsführer eines Bäckerinnungsverbands in Bochum und Strukturwandelmanager im Ruhrgebiet. Was auf den ersten Blick sehr unterschiedlich klingt, war für ihn, wie er selbst sagt, aber eigentlich immer dasselbe, nämlich Interessenvertretung, Verwaltungsleitung und Politikberatung. Und was er dabei für sich in Anspruch nehmen kann, ist, erfolgreich gewesen zu sein. Seine Bilanz konnte sich bisher immer sehen lassen. Und man merkt ihm an, dass er große Lust hätte, in ein paar Jahren auf eine mindestens ebenso erfolgreiche Bilanz als Oberbürgermeister Hannovers zurückzublicken. Er will. Und es würde ihm Spaß machen. Einen Plan hat er auch, wobei eines ihm sehr wichtig ist, nämlich die Dinge bis zu Ende zu denken. Quidquid agis, prudenter agas et respice finem, heißt es im Familienwappen. Was du auch tust, tue es klug und bedenke das Ende. Das klingt für mich nach einer ziemlich guten Grundlage für kommunale Politik.

Aber Moment mal, Peter ist in der CDU. Und was in der CDU so gedacht und auch beschlossen wird, korrespondiert nur sehr begrenzt mit meinen Überzeugungen. Manche seiner Ideen sind mir aber trotzdem sympathisch. Ist es in der Kommunalpolitik eigentlich spielentscheidend, zu welcher Seite man sich rechnet? Was spielen die großen Grundsatzdiskussionen für eine Rolle, wenn man ein Schwimmbad erhalten will oder einen Fahrradweg sanieren muss? Ideologie ist nicht per se schlecht. Sie gibt Orientierung, aber sie ist aus meiner Sicht eher ein Werkzeug und kein Selbstzweck. Und wie jedes Werkzeug taugt sie für manche Aufgaben besser als für andere. Für viele Probleme braucht man keine Weltanschauung, sondern den Willen, die Probleme zu lösen. Und genau das kann für mich die Stärke kommunaler Politik sein. Alle demokratischen Parteien müssen bereit sein, gelegentlich die Fahnen kurz einzurollen und zu fragen, was gebraucht wird und was funktionieren könnte. Was gar nicht so einfach ist, wie es klingt, denn der Reflex, alles durch die eigene ideologische Brille zu filtern, sitzt oft ziemlich tief. Auch bei mir.

Damit ich hier nicht falsch verstanden werde: Was ich hier gerade geschrieben habe, ist kein Plädoyer gegen die Brandmauer. Im Gegenteil, ich spiele mit großer Überzeugung im Team Brandmauer. Kennt noch jemand Hans-Peter Briegel? Das bin ich. Ich halte die AfD für eine gefährliche Partei mit absurden Ideen. Auch im Kommunalen hört der Pragmatismus an genau dieser Stelle bei mir auf. Die AfD ist kein Teil irgendeiner Lösung, sondern ein leider wachsendes Problem. Und ein Gegenmittel ist ganz sicher keine Kooperation oder gar Anbiederung, ein probates Mittel ist eine vernünftige, progressive Politik, die ein Ziel hat und nicht bloß verwaltet.

Aber zurück zu Peter. Während des Gesprächs fällt mir immer wieder auf, dass er (noch) kein Politiker ist. Er formuliert nicht vorsichtig oder ausweichend. Auch mit den üblichen Phrasen ist er sparsam. Mir sitzt einfach jemand gegenüber, der Probleme lösen will. Ich mag das. Wir haben in Deutschland gerade eine seltsame Gleichzeitigkeit: Auf der einen Seite ein wachsendes, tiefes Misstrauen gegenüber „der Politik“ als Institution. Auf der anderen Seite eine Politikkultur, die Quereinsteiger*innen mit echten Biographien und echter Expertise eher als Risiko behandelt. Dass das zusammengehört, dieses Misstrauen und die Monokultur, liegt eigentlich auf der Hand. Vielleicht ist so ein Quereinsteiger wie Peter schon ein Teil der Lösung. Vielleicht aber auch nicht. Mehr im Interview ab Seite 58.

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Editorial 06-2026

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Editorial 06-2026


Liebe Leser*innen,

für diese Ausgabe habe ich Maren Kaminski getroffen, Bundestagsabgeordnete der Linken und Kandidatin für das Amt der Oberbürgermeisterin. Am 13. September finden in Niedersachsen die Kommunalwahlen statt. Und bevor hier jetzt jemand auf falsche Ideen kommt: In der nächsten Ausgabe
spreche ich mit Peter Karst, danach mit Belit Onay und auch Axel von der Ohe wird noch zu Gast im Stadtkind sein. Und ja, eine Kandidatin lasse ich aus – ganz bewusst. Ich habe einfach keine Lust auf die AfD. Und ich finde sehr schön, dass ich keine Lust haben darf.

Wenn Maren Kaminski über ihre Mutter spricht, dann schwingt sehr viel mit, was ich selbst ganz gut kenne, wenn ich über meine Eltern spreche. Liebe und Respekt. Ihre Mutter hat mit 21 Jahren die Ausbildung abgebrochen, weil sie mit Maren schwanger war, sie war dann irgendwann alleinerziehend,
sie ist nachts Taxi gefahren, um die Kinder durchzubringen, sie hat einen Pflegedienst gegründet, sie hat sich durchgekämpft. Und diese Biografie hat Maren geprägt. Wenn sie über Armut spricht, über Mieten, über prekäre Verhältnisse, dann ist das gelebte Erfahrung. Sie hat sich ihr Studium bereits mit politischer Arbeit finanziert, aber auch mit den üblichen Jobs. In der Gastro, in der Würstchenfabrik, in der Fernleihe im Uni-Keller oder im Schichtbetrieb bei ZF Lemförder. Dort allerdings nur in der ersten Schicht. Die zweite Schicht mit den Nachstunden und den entsprechenden Zuschlägen war nur den Männern erlaubt. An genau solchen Stellen hat sich ihre politische Agenda geformt. Nicht die Ungerechtigkeit selbst hat sie beschäftigt, sondern die Selbstverständlichkeit, mit der sie funktioniert.

Von 2007 bis 2013 hat der Verfassungsschutz Niedersachsen Maren Kaminski beobachten lassen, mit einer V-Person in ihrem direkten Umfeld. 650 Seiten hatte ihre Akte. Darin dokumentiert wurde – soweit sie das einsehen konnte – ihre politische Arbeit. Kandidieren, organisieren, auftreten. Dinge, die in einer Demokratie schlicht selbstverständlich sein sollten. Wenn ein Staat Ressourcen darauf verwende, legale demokratische Arbeit zu beschatten, dann sage das mehr über den Zustand des Staates aus als über die
Beobachtete, sagt sie – und dem ist wohl kaum zu widersprechen. Jetzt kandidiert sie also wieder für das Amt der Oberbürgermeisterin.

2013 war sie das erste Mal dabei, damals ist sie so ein bisschen hineingestolpert, wie sie selbst sagt. Am Ende lag sie bei 6,4 Prozent. Heute ist sie Bundestagsabgeordnete, sitzt im Bildungsausschuss, kennt die Strukturen. Und sie meint ihre Kandidatur diesmal sehr ernst. Sie hat viele konkrete Ideen. So gehört das Ihme-Zentrum aus ihrer Sicht endlich in öffentliche Hand, sie wünscht sich außerdem eine mehrjährige Kulturförderung statt das übliche Jahresbetteln, sie möchte ein wirklich kostenloses Schulessen und sie wünscht sich auch eine Seilbahn – was auch aus meiner Sicht gar nicht so irre ist, wie es vielleicht klingt. Hannover hat noch nie eine Oberbürgermeisterin gehabt. Maren Kaminski findet, es ist höchste Zeit, dass sich das ändert. Frauen in der Politik brächten eine andere Perspektive mit, sagt sie im Interview. Das klingt zuerst wie ein Phrasen-Halbsatz, ist es aber gar nicht. Sie kann das sehr konkret beschreiben. Wer auf Arbeitsbedingungen,
Anerkennung und Ressourcen anders schaut, weil er das anders erlebt hat, der entscheidet am Ende auch anders.

Ich bin sehr gespannt, wie die Wahl im September ausgehen wird. Aus meiner Sicht gibt es unfassbar viel, was man in Hannover anpacken müsste – beim Wohnen, bei der Bildung, bei der Kultur. Vieles ließe sich völlig ideologiefrei und pragmatisch umsetzen, wenn der Wille da ist. Insofern ist mir am Ende weniger
wichtig, wer im Rathaus sitzt, als wie dort gearbeitet wird. Mit echter Ambition und Mut zu unpopulären
Entscheidungen.

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Editorial 05-2026

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Editorial 05-2026


Liebe Leser*innen,

für diese Ausgabe habe ich Nico Röger getroffen, den geschäftsführenden Gesellschafter von Hannover Concerts. Er ist in einem kleinen Städtchen bei Heidelberg augewachsen. Sein Onkel war Manager von PUR, so gab es schon früh Berührungspunkte zur Konzertbranche. Mit 21 Jahren hat er sich auf den Weg nach Hannover gemacht, um Wolfgang Besemer zu überzeugen, ein Jahrespraktikum bei Hannover Concerts machen zu dürfen. Er durfte. Und ist in Hannover gestartet, ohne hier irgendjemanden zu kennen. Geblieben ist er bis heute und er verantwortet mit seinem Team inzwischen rund 450 Veranstaltungen im Jahr, von der Clubshow mit 200 Leuten bis zum Stadionkonzert mit 45.000 zahlenden Gästen. Das klingt nach Geschäft, nach Organisation, nach Logistik, nach Zahlen und Margen. Und das ist es natürlich auch. Die Branche muss Geld verdienen. Aber wenn man mit Nico Röger spricht, merkt man sehr schnell, dass es ihm noch um ein bisschen mehr geht.
Er erzählt natürlich von Wolfgang Besemer, seinem Mentor. Wolfgang hat Hannover Concerts 1978 zusammen mit Michael Lohmann gegründet und er war zeit seines Lebens eine echte Größe in der Stadt – mit echter Größe. Ich weiß gar nicht, wie oft mir sein Name in den mittlerweile über 20 Stadtkind-Jahren schon begegnet ist. Ich hatte selbst einige Male Gelegenheit, ihn zu treffen. Wolfgang Besemer hat in Hannover unfassbar viel bewegt. Er ist dabei gerne im Hintergrund geblieben, aber sehr viele Kultur-Fäden sind bei ihm zusammengelaufen. Ein beeindruckender Mensch, der auch mal Experimente gewagt hat. Vielleicht war Nico so ein Experiment. Wolfgang Besemer hat ihn von Beginn an in Hosen gesteckt, die eine ganze Nummer zu groß waren. Und er hat ihm etwas mitgegeben, das man nicht studieren kann: den Kompass. Wolfgang war, sagt Nico, Geschäftsmann und Gefühlsmensch in einem. Und das Menschliche war dabei nie Nebensache. Als Wolfgang 2014 viel zu früh gestorben ist, hat Nico von einem Tag auf den anderen übernommen. Und er hat versucht, Hannover Concerts in Wolfgangs Sinne weiterzuführen – bis heute, obwohl Menschlichkeit und Bauchgefühl in dieser Branche immer mehr ins Hintertreffen geraten.
Nico erzählt mir fast beiläufig von einer Präsentation im eigenen Haus, in der ihm Mitarbeitende gesagt haben, dass es auf keinen Fall mehr Entscheidungen nach Bauchgefühl geben dürfe. Und klar, für solche Entscheidungen gibt es diverse datenbasierte Tools. Trotzdem hat Nico festgestellt, dass er weiterhin – auch – auf seinen Bauch hören wird. Und das nicht etwa, weil er sich gegen neue Wege sträubt, sondern weil er weiß, dass es eben manchmal doch diesen speziellen Instinkt braucht, diese besondere Nase für Gelegenheiten. Das kann keine Tabelle ersetzen. In einer Branche, die heute ein knallhartes Geschäft ist, in der die Ticketpreise eskalieren und Algorithmen mitentscheiden, wer auf welcher Bühne steht – in dieser Branche macht genau das vielleicht doch den entscheidenden Unterschied. Das Bauchgefühl, verbunden mit der anderen besonderen Stärke, der Menschlichkeit. Hannover Concerts funktioniert so ein bisschen wie eine Familie. Klar, hin und wieder wird es auch mal laut und knallt, aber es gibt doch diesen besonderen Spirit. Wer mal das Vergnügen hatte, das Büro am Ferdinand-Wilhelm-Fricke-Weg zu besuchen, weiß sofort, was ich meine.
Was Nico momentan umtreibt, das ist vor allem die Frage, wie es mit den kleinen Clubkonzerten weitergehen kann. Für die Nachwuchsförderung sind solche Konzerte essenziell, aber mit den großen Konzerten heute nicht mehr so einfach quer zu subventionieren. Die Kosten sind überall immens gestiegen. Im Zweifel nennt man es eine Investition in den Nachwuchs. Unterm Strich ist es oft erstmal einfach eine rote Zahl. Und trotzdem wird nicht hart nach Zahlen reagiert, sondern mit sehr viel Umsicht und Augenmaß. Es ist klar, dass man sich um dieses Thema kümmern muss. Aber eben auf eine Art und Weise, die harte Schnitte möglichst vermeidet. Genau das macht Hannover Concerts zu einem besonderen Konzertveranstalter. Professionalität trifft Empathie und Bauchgefühl, Geschäft trifft Familie, Zahlen treffen auf Verantwortung für die Mitarbeitenden, aber auch für den eigenen Standort. Man muss sich nicht entscheiden zwischen Zahlen und Haltung, zwischen Effizienz und Wärme. Beides geht. Wolfgang Besemer hat das vorgelebt, Nico geht diesen Weg weiter mit Kopf und ganz viel Herz für die Musik. Wenn jemand demnächst fragt, warum dieser oder jener richtig große Act „ausgerechnet“ in Hannover spielt, dann ist die Antwort ganz einfach. Weil Hannover Concerts für etwas steht in dieser Branche. Mehr im Interview ab Seite 58

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Editorial 04-2026

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Editorial 04-2026


Lieber Leser*innen,

es gibt Menschen, die brennen einfach lichterloh für das, was sie tun. Sie können gar nicht anders, sie müssen, egal wie schwer es ist oder wie schwer es ihnen gemacht wird. Detlef Simon, den die meisten als DESiMO kennen, ist so jemand. Zauberer, Moderator, Kabarettist, Veranstalter, und seit November auch künstlerischer Leiter des Kleinen Fests im Großen Garten. Er sorgt seit Jahrzehnten mit vielen anderen für dieses gewisse kulturelle Grundrauschen in Hannover, das ziemlich einmalig ist – ein Pfund, mit dem wir ruhig noch ein bisschen selbstbewusster wuchern sollten.

Im Interview ab Seite 56 hat mir Detlef Simon erzählt, wie das alles mal angefangen hat. Als Zauberer, als Entertainer. Fast wäre es Journalismus geworden. Aber die Bühne war immer sein Refugium und sie ist es noch. Nach Corona hat er eine Weile gebraucht, um das Feuer wiederzufinden – seine Regisseurin hat ihn damals gefragt, wo er eigentlich geblieben sei. Wo die Flamme sei. Er hat sie wiedergefunden. Besonders wichtig ist ihm Gemeinsamkeit. So ein Club wie im Apollo, jede einzelne Show funktioniert nur, wenn alle miteinander am Gelingen arbeiten und sich bei dieser Arbeit wohlfühlen. Das klingt simpel. Ist es aber nicht. Und schon gar nicht ist es eine Selbstverständlichkeit. Es ist eine bewusste Entscheidung. Darum darf im Apollo zum Beispiel die Käsestulle für die Künstler*innen niemals fehlen.

Menschen wie DESiMO sind das Rückgrat unserer lebendigen Kulturszene, sein Club im Apollo ist heute eine Institution in Hannover. Solche Menschen mit echter Leidenschaft und Haltung sorgen dafür, dass Kultur atmet. Sie scheuen nicht das Risiko, sondern setzen für Kunst und Kultur gerne alles auf eine Karte. Haltung ist hier ein schönes Stichwort. Auf der Homepage des Spezial Clubs steht ein klares und mutiges Statement: „Wer mit der AfD sympathisiert, ist herzlich eingeladen, wegzubleiben und mal nachzudenken.“ Das gefällt nicht jedem. Mir gefällt das. Kultur ist kein ideologiefreier Raum. Sie war es nie und wird es nie sein. Aber es gibt einen Unterschied zwischen Kunst, die Haltung zeigt, und Politik, die Kunst als Werkzeug benutzen will. Dieser Unterschied scheint mir momentan sehr wichtig. Wir erleben ja gerade mit Kulturstaatsminister Wolfram Weimer, was passiert, wenn jemand diesen Unterschied nicht versteht oder – schlimmer – bewusst verwischt. Drei linke Buchhandlungen hat er vom Deutschen Buchhandlungspreis ausgeschlossen und das mit angeblichen „verfassungsschutzrelevanten Erkenntnissen“ begründet, die er bis heute nicht offenlegen will. Die Preisverleihung wurde dann kurzerhand abgesagt. Er lässt gerade die Mitglieder sämtlicher Kulturjurys systematisch erfassen. Man kann das kleingeistig nennen. Man kann es auch beängstigend nennen. Es ist beides. Und es ist kein Ausrutscher. Es ist Methode.

Kultur braucht keine Gönner, die gnädig entscheiden, welche Haltung förderungswürdig ist. Sie braucht Menschen, die ihr den Raum lassen, unbequem zu sein. Zu provozieren. Zu widersprechen. Das ist keine linke oder rechte Forderung, das ist eine zivilisatorische Grundvoraussetzung. Ein Kulturstaatsminister, der Verfassungsschutzdaten als Zensurwerkzeug einsetzt und Jurymitglieder in Listen erfassen lässt, hat das offenkundig nicht verstanden. Wolfram Weimer betreibt keine Kulturpolitik, sondern einen staatlich orchestrierten Kulturkampf. Er sollte damit aufhören oder seinen Platz räumen. Was die Kultur momentan überhaupt nicht gebrauchen kann, das ist ein Kulturstaatsminister mit Verfolgungswahn.

Was die Kultur unbedingt weiter braucht, das sind Menschen wie Detlef Simon. Ich drücke ihm für seine Aufgabe als künstlerischer Leiter des Kleinen Fests wirklich alle Daumen. Das Kleine Fest ist vom 2. bis 16. Juli in den Herrenhäuser Gärten – und wenn man Detlef Simons Erzählungen im Interview folgt, darf man sich auf etwas Besonderes freuen. Er hat am Ende unseres Interviews schon eine ganze Menge darüber verraten, was uns erwartet. Seine Entscheidung, in dieses wahrscheinlich sehr kalte Wasser zu springen, war eine Sache von Bauch und Herz. Die beiden haben den Kopf überstimmt. „Ich bin im Tiefsten meines Inneren zu demokratisch“, sagt er dazu im Interview. Was für ein Glück!

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Editorial 03-2026

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Editorial 03-2026


Editorial

Liebe Leser*innen,

Für diese Ausgabe habe ich mit Ulli Lust gesprochen. Sie ist Comiczeichnerin, Illustratorin, Online-Verlegerin – und so ein Mensch, mit dem man redet, um danach festzustellen, dass einem bestimmte Sätze oder Gedanken immer wieder in den Kopf kommen. Im Interview erzählt sie zum Beispiel davon, dass man ihr zu ihrem ersten Buch „Heute ist der letzte Tag vom Rest deines Lebens“ immer wieder eine „zudringliche“ Frage gestellt habe. Nämlich, warum sie nicht einfach nach Hause gefahren sei. Sie ist damals mit 17 Jahren in Italien unterwegs und zwischendurch wird es sehr gefährlich. Und klar, ein männlicher Held zieht los und besteht dieses Abenteuer. Eine Frau sollte dagegen besser „vernünftig“ sein und in den nächsten Bus nach Hause steigen. Die Drachentöter sind immer männlich besetzt. „Das empört mich immer noch“, sagt Ulli Lust. „Der Heldenmythos ist auf Männer gestrickt. Ich wünsche mir Märchen, in denen Frauen losziehen. Es war einmal eine Familie mit drei Töchtern und die Jüngste ist eines Tages losgezogen, um den Drachen zu erschlagen …“

Das bringt es für mich ziemlich gut auf den Punkt. Wir (Männer) sprechen insbesondere zum 8. März gerne über Gleichberechtigung, und wir progressiven Männer klopfen uns zu diesem Anlass dann meistens selbst lobend auf die Schulter und behaupten, dass wir längst alles verstanden haben. Haben wir das? Oder tun wir nur so? Nehmen wir vielleicht hin und wieder doch nur so eine gönnerhafte Position ein und gestehen den Frauen zu, dass sie jetzt ein bisschen mitspielen dürfen? Klar, bei mir ist das natürlich nicht so, ich habe mich längst von oben bis unten durchreflektiert und alles durchdrungen und verstanden, was da an Mustern und Rollen bei mir angelegt war. Ich habe mich von all diesen Zuschreibungen, was männlich ist, längst befreit. Nicht.

Ich arbeite noch dran. Und wir arbeiten als Gesellschaft auch noch dran. Wenn ich mit Leuten über Gleichberechtigung, über Emanzipation, über Feminismus spreche, dann fällt sehr oft das Wort „eigentlich“. Eigentlich müsste Gleichberechtigung doch schon längst eine Selbstverständlichkeit sein. Vor einer Selbstverständlichkeit sind wir aber noch immer weit entfernt. Wir hören die Sonntagsreden und auf der anderen Seite sehen wir den Alltag und stellen fest, dass Frauen weniger verdienen, mehr Care-Arbeit leisten, sich häufiger rechtfertigen müssen, öfter unterbrochen werden, bedroht werden, geschlagen werden, umgebracht werden – weil sie Frauen sind.

Und nun erleben wir sogar noch diesen seltsamen Backlash. Die Tradwives sind unterwegs und sehnen sich nach Verhältnissen wie in den 1950er-Jahren. Sie sind gerne Hausfrau und Mutter, der Mann verdient das Geld und sagt, wo es lang geht. Die Frauen kochen, putzen und kümmern sich um die lieben Kleinen und sehen das als höchste Stufe der weiblichen Selbstverwirklichung. Die Antifeministen jubeln. Und okay, ich habe nichts gegen diese Tradwives. Menschen haben ein Recht darauf, in bestimmten Grenzen irre zu sein. Wenn diese Frauen damit glücklich sind, kann ich das gut akzeptieren. Was mich allerdings ziemlich besorgt, ist die Tatsache, dass es ganz offensichtlich reichlich Männer gibt, die sich genau das von Frauen wünschen. Was ist da bloß schiefgelaufen? Ich finde das ziemlich armselig.

Ulli Lust sagt im Interview ab Seite 54, Feminismus sei letztlich nur die Feststellung, dass es keinen Grund gibt, Frauen zu benachteiligen – und dass es schlicht dumm sei, Ressourcen zu verschwenden. Sie sagt das sehr nüchtern und unaufgeregt und „eigentlich“ ist dem gar nicht viel hinzuzufügen. Wenn es nicht noch so viel zu besprechen gäbe. Wir behandeln Gleichberechtigung stellenweise leider wie ein erledigtes Kapitel. Als wäre das Thema irgendwann in den 90er-Jahren abgehakt worden, sauber erledigt zwischen „Quote eingeführt“ und „Gendersternchen-Debatte geführt“. Aber gesellschaftliche Entwicklungen verlaufen nicht linear. Rechte können auch wieder verschwinden, wenn man sie nicht verteidigt. Respekt kann erodieren, wenn man ihn nur behauptet, aber nicht lebt. Der 8. März ist deshalb kein Feiertag für wohlmeinende Statements, sondern ein Tag, an dem man (Mann) sich fragen kann: Wo profitiere ich noch von Strukturen, die andere kleinhalten? Wo schweige ich, obwohl ich widersprechen müsste? Wo lache ich mit, obwohl es nicht lustig ist? Und wo rede ich mir ein, dass „das doch alles nicht mehr so schlimm“ ist? Ich wünsche mir auch Märchen, in denen die Frauen losziehen, um den Drachen zu erschlagen. Aber noch mehr wünsche ich mir eine Gegenwart, in der sie das tun können, ohne dass irgendjemand fragt, warum sie nicht einfach zu Hause geblieben sind.

Viel Spaß mit dieser Ausgabe!

Lars Kompa

Herausgeber Stadtkind

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