Ein letztes Wort im April …

Herr Weil, wir haben irgendwann mal darüber gesprochen, dass Sie eigentlich immer gut schlafen können. Hat sich daran seit September 2015 etwas geändert?
Nein. Nicht erst seit September 2015 gehört der Volkswagen-Aufsichtsrat zu meinen wichtigsten Tätigkeitsfeldern, übrigens nicht nur wegen „Dieselgate“, sondern weil die Automobilindustrie insgesamt vor einem riesigen Umbruch steht. Aber der Schlaf leidet bei mir nicht darunter.

Wir haben also noch immer einen ausgeschlafenen Ministerpräsidenten, das beruhigt mich. Ferdinand Piëch behauptet ja aktuell, dass Sie bereits seit März 2015 schlaflose Nächte haben müssten, weil er das Präsidium des Aufsichtsrats in dem Monat über die Manipulationen informiert habe. Sie sagen, da ist nichts dran.
Nicht nur ich sage das, es steht im Moment sechs zu eins. Herr Piëch soll eine Aussage vor der Staatsanwaltschaft Braunschweig gemacht haben, die ich  nicht kenne. Er soll dort gesagt haben, er hätte eine Information von zwei Israelis erhalten und diese anschließend an vier Mitglieder des Präsidiums weitergegeben, auch an mich. Die beiden Israelis sagen, da ist nichts dran. Und alle vier Präsidiumsmitglieder sagen ebenfalls, da ist nichts dran. Es gibt auch keine Papiere oder Notizen oder sonst etwas, das die Aussage Piëchs belegen würde. Lange Rede, kurzer Sinn: Die Behauptungen von Herrn Piëch sind eindeutig widerlegt.

So eine Behauptung steht ja erst mal einfach im Raum. Es ist dann wahrscheinlich ziemlich mühsam, so etwas zu prüfen und im Zweifel zu widerlegen, oder?
Es ist immer ein Problem, zu beweisen, dass etwas nicht ist. Dafür hatten schon die alten Römer einen schönen Satz: Negativa non sunt probanda, negative Umstände können nicht bewiesen werden. Aber in diesem Fall  gibt es erfreulicherweise zahlreiche Hinweise dafür, dass Herr Piëch nicht die Wahrheit sagt. Wie gesagt: Ein Spielstand sechs zu eins ist sehr eindeutig.

Wenn nun so eine Behauptung zunächst im Raum steht und sich später als vollständig gegenstandslos herausstellt, bleibt ja trotzdem immer etwas kleben, oder? Aus der Frage „Hat Weil es eher gewusst?“ wird in vielen Köpfen „Weil hat es eher gewusst“. Fühlt man sich da nicht einigermaßen machtlos und diesen Mechanismen ausgeliefert, und wie geht man damit um? Ich kann mir vorstellen, dass das nicht unbedingt ein schönes Gefühl ist.
Das ist kein gutes Gefühl. Wenn es nicht so klar gelungen wäre, die Behauptungen von Herrn Piëch zu widerlegen, wäre daraus ganz sicher ein höchst unangenehmer Vorgang geworden. Ich muss mich insbesondere bedanken bei den Journalisten, die das sehr intensiv recherchiert haben, unter anderem in Israel. Ich kann nur so ruhig und so klar wie möglich immer wieder dazu Stellung nehmen. Hilfreich ist natürlich, dass ich mit mir selbst absolut im Reinen bin.

Ich habe mich zu Beginn der Aufregung ein bisschen an Christian Wulff erinnert. Presse und Opposition schießen aus allen Kanonen und wenn sich der Rauch verzogen hat, sitzt da nur ein ziemlich mitgenommener Spatz. Ist das inzwischen unsere politische Kultur? Erst kommt das Dauerfeuer, ganz am Ende wird dann mal geklärt, was eigentlich dran war?
Das ist wohl kaum vergleichbar. Doch es gibt immer wieder Vorgänge, bei denen diese Mechanismen zu beobachten sind, das stimmt. Es werden sehr schnell Wertungen vorgenommen, ehe ein Sachverhalt wirklich geklärt ist. Aber es gibt ja den alten amerikanischen Grundsatz: Wer die Hitze nicht verträgt, soll nicht in der Küche arbeiten.

Ich kann mich gut erinnern, dass Sie damals nicht mitgemacht haben, als Christian Wulff im Kreuzfeuer stand. Das ist mir in guter Erinnerung geblieben.
Ich muss mit diesen Mechanismen leben, mich aber nicht daran beteiligen.

Kommen wir noch mal zurück zu Volkswagen. Wie funktioniert eigentlich so ein Aufsichtsrat, was sind seine Aufgaben und was weiß ein Aufsichtsrat, woher kommen die Informationen?
Die Aufgaben ergeben sich erst einmal aus dem Aktiengesetz. Ein Aufsichtsrat soll die Arbeit des Vorstandes überwachen, er soll die wirtschaftliche Entwicklung des Unternehmens begleiten und er soll natürlich auch auf die Einhaltung von Recht und Gesetz achten. Das macht er nicht immer mit dem gesamten Gremium, sondern beispielsweise auch durch Ausschüsse. Gerade bei einem Unternehmen wie Volkswagen mit weltweit etwa 600.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern landet natürlich nicht alles im Konzernaufsichtsrat. Es gibt Abstufungen, ganz am Ende müssen die Systeme funktionieren. Aber wenn bestimmte Informationen den Aufsichtsrat nicht erreichen, kann er auch nicht handeln. Olaf Lies und ich wussten vor dem 19. September 2015 nichts von „Dieselgate“.

Nun schlagen ja gerade wieder die nächsten Wellen hoch. Es hagelt Kritik wegen der mehr als zwölf Millionen Euro Abfindung für Christine Hohmann-Dennhardt nach nur 13 Monaten. Ich kann diesen Aufschrei gut nachvollziehen. Eine Ex-SPD-Ministerin, 13 Monate und zwölf Millionen … Das müssen Sie mir zum Schluss noch unbedingt erklären. Warum haben Sie dem zugestimmt im Aufsichtsrat?
Über Personalangelegenheiten darf ich nicht im Detail reden, sie unterliegen der Verschwiegenheitspflicht. Mit der SPD hat das Ganze allerdings gar nichts zu tun. Christine Hohmann-Dennhardt hatte einen sehr guten Ruf als Verfassungsrichterin und als Vorstandsmitglied bei Daimler-Benz. Volkswagen hat mit ihr Ende 2015 einen Vertrag geschlossen, zu einem Zeitpunkt, als das im Zusammenhang mit „Dieselgate“ dringend geboten war. Die Zusammenarbeit hat sich für alle Beteiligten dann leider nicht so entwickelt, wie man sich das gewünscht hat. Und wenn man das nüchtern miteinander konstatiert, muss man auch die Konsequenzen ziehen Dazu gibt es Abfindungsregelungen unter Vorständen. So kommt man zu einer Summe, die dann nicht nur bei Ihnen, sondern bei vielen Menschen zunächst mal mindestens für Stirnrunzeln oder gar tiefe Verärgerung sorgt. Die erste richtige Konsequenz daraus ist jetzt gezogen worden, Volkswagen hat eine neue Vergütungsstruktur für Vorstandsmitglieder beschlossen, auf einem deutlich niedrigeren Niveau. Nun kann man immer noch sagen, das ist zu hoch. Das ist dann aber ein Thema von Dax-Unternehmen insgesamt und des Gesetzgebers.

Mein Stirnrunzeln ist noch nicht ganz verschwunden…
Ich kann das Unverständnis, das viele Menschen bei solchen Summen haben, sehr gut nachvollziehen. Es lässt sich überhaupt nicht bestreiten, dass die Gehälter von Spitzenverdienern insbesondere aus der Wirtschaft in den vergangenen 15 oder 20 Jahren wesentlich stärker gestiegen sind, als die von Normalverdienern. Ich teile die Ansicht, dass diese Entwicklung so nicht weitergehen kann. Wie müssen in unserer Gesellschaft darüber reden, wie hoch Gehälter tatsächlich sein sollten und dürfen. Wir müssen auch darüber reden, ob wir wollen, dass die Schere immer weiter aufgeht, zwischen jenen, die wenig verdienen und jenen, die viel verdienen. Das ist ein politisches Thema, dass die SPD jetzt aufgegriffen hat und ich finde das vollkommen richtig. An dieser Stelle muss sich etwas ändern.

Interview: Lars Kompa


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