Jörg Smotlacha & Henning Chadde – Die Organisatoren des SLAM 2017

Die deutschsprachigen Poetry-Slam-Meisterschaften, kurz der SLAM – das ist eine große Nummer. Mit Tausenden von Fans aus ganz Deutschland. Mit schon seit Monaten ausverkauften Finaltickets. Das ist ein bisschen wie eine Mischung aus Fußball-EM und Hurricane Festival. Nur eben ohne Bälle und ohne Musik. Und in Hannover. Na gut, der Vergleich hinkt. Aber mindestens Schweiß, Tränen, Jubel und gute Stimmung gibt es garantiert, wenn sich vom 24. bis 28. Oktober 20 Dichterteams und 110 Einzelpoeten wortreiche Wettkämpfe im Kulturzentrum Faust und anderswo liefern. Die Fäden hinter den Bühnen ziehen unter anderem Henning Chadde (48) und Jörg Smotlacha (47) mit ihrem Team aus dem Live-Literatur e.V. und dem Büro für Popkultur.

Die beiden sind absolute Profis in Sachen Literaturveranstaltungen. Sie sind die Nummer Eins in Hannover, wenn es um die Organisation von Poetry Slams geht. Unter dem Label „Macht Worte!“ stellen sie in der Region seit über zehn Jahren erfolgreich Slam-Veranstaltungen auf die Beine. Doch mit den deutschsprachigen Meisterschaften haben sich Henning Chadde und Jörg Smotlacha einen besonders fetten Brocken vorgenommen. Ein echtes Großevent, von der Stadt Hannover gefördert, mit praktisch allen Stars der Szene. Dafür schlürfen die beiden Slam-Organisatoren augenscheinlich noch relativ entspannt ihren Latte Macchiato und Kaffee, als wir uns zum Gespräch im Der Nachbarin Café des Kulturzentrums Faust treffen.

Der SLAM ist zu dem Zeitpunkt aber auch noch einige Wochen hin. „Es wäre schön, wenn du in dem Artikel betonen könntest, dass wir jünger aussehen, als wir sind“, witzelt Henning. Die beiden Journalisten, Autoren und Kulturmanager sind gut drauf. Doch ein bisschen Aufregung und Stress seien auch mit im Spiel, geben sie zu. Die zwei können zwar auf langjährige Erfahrung und ein gutes Netzwerk in der Poetry-Slam-Szene zurückgreifen, waren mit „Macht Worte!“ schon für die Ausrichtung der Niedersächsischen Landesmeisterschaften verantwortlich, aber: „Von den Dimensionen her – wir rechnen mit 10.000 Zuschauern – sind die deutschen Meisterschaften etwas ganz anderes“, sagt Jörg, „Um das zu schaffen, mussten wir uns neu aufstellen und ein gutes Team ins Boot holen.“ Teil des für den SLAM gegründeten, 13-köpfigen Live-Literatur e.V. sind unter anderem Poetry Slammer Tobias Kunze, Journalist Jan Egge Sedelies und Bloggerin Ninia Binias. Allesamt Poetry-Slam-Experten und -Fans.

Das Veranstaltungsformat Poetry Slam – zu Deutsch etwa: Poesiewettstreit – entstand Ende der 1980er Jahren in Chicago, ist mittlerweile weltweit verbreitet und auch in Deutschland sehr erfolgreich. Das Prinzip ist schnell erklärt: Innerhalb einer vorgegebenen Zeit (bei den SLAM-Einzelwettbewerben: 5.30 Minuten) werden selbstgeschriebene Texte einem Publikum vorgetragen und letzteres kürt dann einen Sieger. Bewusste Selbstinszenierung ist gefragt. Es gilt, das Publikum zu begeistern – egal, ob mit Witz oder Tiefsinn. Oder beidem. „Was gefällt, ist letztlich eine Geschmacksfrage“, weiß Henning, „Ich selbst mag Slammer, die sich trauen, auch mal ernste, kritische Texte vorzutragen und nicht nur Comedy zu machen. Es ist super, wenn jemand es schafft, die Leute nachhaltig zu begeistern.“

Ihre großen „Macht Worte!“-Slams, die viermal jährlich in der Staatsoper stattfinden und meist von Henning und Jörg selbst moderiert werden, sind fast immer komplett ausverkauft. Vor allem junge Leute fühlen sich von dem Format angesprochen. Doch warum funktionieren Poetry Slams so gut? „Sie sind niedrigschwellig und interaktiv“, findet Jörg. „Ein Rockkonzert mit Worten!“, fügt Henning hinzu, „Es ist ein Sprachrohr für junge Leute. Und das Wettbewerbsformat trifft einfach den Nerv der Zeit. Das Publikum hat Bock darauf!“

In Hannover ist die Slamkultur sehr vielseitig und präsent. Vor zwei Jahren wurde Hannover vom ZEITmagazin sogar als drittaktivste Poetry-Slam-Stadt im deutschsprachigen Raum benannt. Nach Hamburg und Berlin. Jörg und Henning erzählen das nicht ganz ohne Stolz. Kein Wunder, denn sie sind mit ihrem Team von „Macht Worte!“ maßgeblich an dem Aufbau der hiesigen Szene beteiligt gewesen. Und sorgen jetzt eben dafür, dass erstmals auch die deutschsprachigen Slam-Meisterschaften nach Hannover kommen. „Der Wunsch kursierte in der Szene schon länger. Nun ist es endlich an der Zeit“, freut sich Jörg. Den Zuschlag für die Ausrichtung der 21. Meisterschaften bekam Hannover bei der Vergabe vor zwei Jahren im Rahmen der Meisterschaften in Augsburg. Nicht selbstverständlich, denn wie bei den Olympischen Spielen buhlen auch beim SLAM jedes Mal diverse Städte darum, Austragungsort zu werden. „Da kann man nicht einfach hingehen und sagen: Hallo, wollen wir machen, geht bei uns“, erzählt Henning, „Man muss ein gutes Konzept ausarbeiten und es gut präsentieren.“

Überzeugen konnten sie damit: Das Kulturzentrum Faust wird zum Festival-Zentrum, zum Schauplatz und Herzstück der Slam-Meisterschaften. Das ist etwas Besonderes im Vergleich zu anderen Städten, in denen die Meisterschaften an mehreren überall verteilten Locations stattfanden. „Wir schaffen hier in der Faust eine besondere Festivalatmosphäre. Die ganze Szene ist an einem Ort. Alle Hallen der Faust werden bespielt, die Slammer können hier im Café sitzen, es gibt einen Bücherbus und Essen auf dem Gelände. Alles ist sehr kompakt“, erklärt Jörg. Nur einige SLAM-Highlights werden ausgelagert: So findet die Eröffnungsgala im Theater am Aegi statt, die Halbfinale ziehen in die Orangerie und Galerie Herrenhausen und die Finale in die Staatsoper. Alles Orte, die notfalls immer noch fußläufig von der Faust erreichbar sind. Henning schwärmt deshalb von Linden als „Königreich der kurzen Wege“.

Auf den Schultern der beiden Veranstaltungsprofis lastet eine große Verantwortung. Sie wissen: Das muss gut werden. Und deshalb laufen die Planungen seit zwei Jahren auf Hochtouren. Für das SLAM-Rahmenprogramm mit Bücherbus, Meet-and-Greet-Lesungen, Workshops und Aftershow-Partys. Und natürlich vor allem für die Wettkämpfe selbst: Zehn Vorrunden, drei Halbfinale und ein Finale im Einzel-Wettbewerb sowie zwei Halbfinale und ein Finale im Team-Wettbewerb müssen über die Bühne gebracht werden. Wer als Poet antritt, entscheidet sich durch ein komplexes Nominierungsverfahren. Es gibt knallharte Regelwerke, entlang derer die Startplatzvergabe stattzufinden hat. „Bei den deutschsprachigen Meisterschaften geht es eben wirklich um was. Für die Gewinner ist das ein Karriere-Booster. Die starten dann häufig in Kabarett und Comedy durch, auch im Fernsehen“, berichtet Henning. Ein Preisgeld gibt es nicht. Wie bei klassischen Poetry Slams geht es letztlich um die Ehre.

„Ich freue mich besonders auf die Vorrunden hier in der Faust. Das wird extrem spannend“, grinst Henning, „Das unvermeidliche Favoritensterben. Irgendjemand muss ja rausfliegen. Oft auch große Namen. Da gibt es dann Blut, Schweiß und Tränen. Das wird Spaß machen!“ Wer ihre persönlichen Favoriten sind, verraten die beiden natürlich nicht. Als Veranstalter bleiben sie neutral. Zumindest nach außen hin. Das Duo ist eng mit der Szene verbandelt und mit mehreren der Slammer seit Jahren persönlich befreundet. Henning hat selbst als Autor gestartet und gerade vor drei Jahren sein 20-jähriges Bühnenjubiläum gefeiert. Jörg war nie Slammer, hat aber während seines Geschichtsstudiums und Museumstätigkeiten viel geschrieben. Die beiden haben in den letzten 15 Jahren gemeinsam unzählige Projekte auf die Beine gestellt. Viele Poetry Slams. Aber nicht nur. „Wir haben einfach Lust, gute Ideen umzusetzen und professionell Kultur zu managen.“ Mit ihrem neuen Büro für Popkultur, mit Live-Literatur e.V., mit „Macht Worte!“ und wer weiß, wie und wo in Zukunft sonst noch. Erst mal haben Jörg und Henning jedenfalls alle Hände voll zu tun. Mit dem SLAM.

Nähere Infos zu dem SLAM gibt es im Internet: www.slam2017.de

Janina Martens
Fotos: Matthias Stehr


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