Birgit Lapp-Schumacher & Esther Leger-Stier

Der Frauen-Treffpunkt

Frauen, die unter Einsamkeit, Depressionen, Burn-Out, Ess-Störungen, Traumata und/oder Gewalterfahrungen leiden, können sich seit über 30 Jahren im Rahmen des Frauen-Treffpunkts Unterstützung suchen. Trotz finanzieller Einschnitte zu Beginn der 90er und 00er Jahre hat sich der Treffpunkt als wichtiger Schutzort etablieren können – seit 18 Jahren in der Jakobistraße 2 am Lister Platz. Wir haben mit zwei langjährigen Mitarbeiterinnen über ihre Arbeit, die Notwendigkeit und die Zukunft dieser Arbeit gesprochen.

Frau Lapp-Schumacher, wie müssen wir uns die Arbeit im Frauen-Treffpunkt vorstellen?
Birgit Lapp-Schumacher (B. L.-S.): Wir haben fünf hauptamtlich angestellte Kolleginnen mit ½- oder ¾-Stellen und elf Beraterinnen mit ca. 5-7 Wochenstunden. Alle verfügen über eine Therapie- und/oder Beratungsausbildung. Die Bezahlung ist an den öffentlichen Dienst angelehnt. Wir bieten kurz-, mittel- und längerfristige Beratungen an, je nach Notwendigkeiten und Bedürfnissen. Nach wie vor haben Frauen mit traumatischen Erfahrungen in ihrer Lebensbiographie Probleme, zeitnah einen kassenfinanzierten Therapieplatz zu finden. Wir bieten darum eine Übergangsberatung an, die aber durchaus 1,5 bis 2 Jahre dauern kann. In diesem Zeitraum entwickeln sich naturgemäß therapienahe Prozesse, die über die Beratungsebene weit hinausgehen. Durch das Angebot sind wir im Versorgungssystem eine wichtige Schnittstelle und leisten im Gesundheitssystem einen wichtigen Beitrag, der allerdings von den Krankenkassen weder wahrgenommen, geschweige denn honoriert wird.

Die Arbeit ist auch für die Beraterinnen sicher belastend.
B. L.-S.: Ja, die Arbeitsbedingungen für Beraterinnen im Gewaltbereich, der inhaltlich den größten Teil unserer Arbeit ausmacht, bringen auf Dauer die Gefahr der sekundären Traumatisierung der Beraterin mit sich. Wichtig ist darum eine strukturierte, systematische Vorgehensweise im Beratungsprozess. Nicht das traumatische Geschehen steht primär im Fokus der Gespräche, sondern die bisherigen Überlebensstrategien. Die resilienten Faktoren und Ressourcen jeder betroffenen Frau sind zu verdeutlichen und gemeinsam mit ihr weiter zu entwickeln. Stabilisierung ist das Hauptziel. Es gilt, den Verlust des Arbeitsplatzes zu vermeiden, ebenso Krisen in Partner- und Freundschaften. Und darüber hinaus soll die transgenerative Weitergabe der Traumafolgen vermieden werden. Da geht es um den Schutz der Kinder. Wenn Beratung und Therapie wirken, wird die transgenerative Weitergabe unterbrochen. Gelingt die vertrauensvolle und emphatische Beratungsarbeit, kann man von schöpferischen Prozessen sprechen, die beiden, die Beraterin vor sekundärer und die Klientin vor wiederholter Traumatisierung schützen. Ebenso wichtig für gute Arbeitsbedingungen ist natürlich eine gute Teamarbeit. Supervisorinnen unterstützen uns bei der Teampflege und begleiten uns inhaltlich bei schweren Fällen. Humor, Kunst und Musik sind außerdem wichtige Ressourcen. Belastend ist dagegen in letzter Zeit der gesellschaftliche Wandel. Der allgemeine Rechtsruck geht wie selbstverständlich einher mit der Herabsetzung der Frauen, uns begegnen vermehrt völlig rückwärts gewandte, (ur)alte Rollenzuweisungen. Befeuert durch einen amerikanischen Präsidenten, der sich infantil damit brüstet, Frauen dahin zu fassen, woer will. Es gab schon bessere Botschafter in Sachen Gleichberechtigung…

Kommen wir mal zur Beratung: Die versteht sich ja als feministische Beratung – und richtet sich ausdrücklich an Frauen. Wie passt das mit dem Einsatz für Geschlechtervielfalt und Frauen* zusammen, der in ihrer Broschüre zum Ausdruck kommt?
B. L.-S.: Es gibt für uns keinen Widerspruch zwischen einer feministischen Haltung und der Anerkennung vorhandener Geschlechtervielfalt. Im Gegenteil, wir fordern ausdrücklich deren Anerkennung in allen Lebensbereichen. Und wenn jemand kommt, der Beratungsbedarf hat, werden wir ihn sicherlich nicht abweisen. Es gibt ja vereinzelt Menschen, die sich haben umwandeln lassen und die in den Krankenhäusern teilweise durchaus traumatisierende Erfahrungen gemacht haben. Es gibt zudem Fälle, bei denen schon im Babyalter einfach eine Entscheidung für ein Geschlecht getroffen wurde. Das ist heute glücklicherweise seltener geworden. Und es gibt inzwischen andere Einrichtungen, die sich speziell darum kümmern. Mit denen sind wir gut vernetzt. Hier bei uns sind das aber Ausnahmen, zu uns kommen überwiegend Frauen.

Aber nicht nur Frauen?
B. L.-S.: Wenn eine Frau kommt, bei der sich herausstellt, dass nicht nur sie diejenige ist, die Therapiebedarf hat, bieten wir in Ausnahmefällen auch mal Paargespräche an. Aber einer Beratung nur mit Männern machen wir nicht. Entweder schicken wir sie zum Männerbüro oder schauen, was für Gruppenangebote es gibt, und empfehlen das entsprechend weiter. Umgekehrt machen es die anderen Beratungsstellen genauso.

Welche Rolle spielt denn Weiblichkeit in der Beratung?
Esther Leger-Stier (E. L.-St.): Sexuelle Gewalt bedeutet ja, dass die Weiblichkeit verletzt ist. Es gibt bei jedem Menschen den Wunsch nach erfüllter Sexualität und sexueller Identität. Daher geht es in den Beratungen auch darum, wie man mit den Erfahrungen und Verletzungen irgendwann dennoch eine gesunde oder zusprechende Sexualität erleben kann. Allerdings ist das meistens erst nach längerer Zeit der Aufarbeitung des Traumas möglich. Wir haben körpertherapeutische Ausbildungen, wo das in den Ausbildungsgängen thematisiert wird. Ich habe zum Beispiel eine Ausbildung in bioenergetischer Analyse, die über fünf Jahre ging. Eines der Hauptziele ist dabei die Befreiung und Förderung körperlicher und auch sexueller Energien gewesen. Grundsätzlich ist es immer wieder spannend, in den Beratungen auch über die Fragen der Bewertungen von Weiblichkeit zu diskutieren, gesellschaftliche und persönliche. Wer empfindet sich selbst und andere wann wieso und weshalb als weiblich und männlich? Fühlen sich Frauen vielleicht lediglich durch den „männlichen Blick“ als weiblich? Was macht Weiblichkeit aus? Oder ist das alles lediglich eine Konstruktion und dient unter anderem vielleicht nur der Zuordnung, wobei marktwirtschaftliche Verwendungszwecke im Vordergrund stehen? Im Rahmen von Geschlechtervielfalt ist die Einordnung in „männlich/weiblich“ und den ihnen zugeschriebenen Bewertungen eh defizitär und zu überprüfen.

Wie fallen die Rückmeldungen zur Beratung aus? Gelingt es, nachhaltig zu helfen?
B. L.-S.: Am Ende jeder Beratung steht zunächst ein Resümee. Erarbeitetes wird noch mal angeschaut und Feedbacks angesprochen. Eine überwiegend hohe Zahl der Frauen beschreiben unsere Arbeit als hilfreich, konstruktiv, vertrauenswürdig, wichtig und bereichernd. Viele empfehlen uns darum im Freundinnenkreis weiter. Es gibt natürlich auch die Möglichkeit, sich bei erneuten Krisen wieder zu melden. Und wir bieten an, dass sich die Frauen auch nach der Stabilisierung einmal im Monat melden können. Da sind wir sehr frei in den Entscheidungen, wie wir das handhaben, wir sind ja nicht an die Bedingungen der Krankenkassen gebunden.
E. L.-St.: Das finde ich in einem weiteren Zusammenhang sehr wichtig. Bei uns herrscht Anonymität. Wir führen zwar Statistiken, anonymisieren diese aber komplett. Meine Erfahrung ist ebenfalls, dass wir sehr viele ausgesprochen positive Rückmeldungen haben. Das liegt ganz sicher auch daran, dass wir eben nicht ausschließlich eine Beratungs- und Therapieeinrichtung sind. Man kann nicht nur kommen, wenn man ein Problem hat. Es gibt Möglichkeiten, zum Beispiel das Frauen-Frühstück, da können Frauen – ob in Therapie oder nicht – einfach kommen, um nicht alleine zu sein und um sich auszutauschen. Es gibt Bewegungsgruppen, Rhythmik und Tanz. Und ich leite die Kunstgruppe, in der Frauen sich in entspannter Atmosphäre ausdrücken und ausprobieren können. All diese Möglichkeiten werden von den Frauen sehr geschätzt. Und der Zugang ist sehr einfach gestaltet. Hinzu kommen seit einiger Zeit noch integrative Gruppen. Geflüchtete Frauen und Frauen mit Migrationshintergrund haben uns schon von Anfang an aufgesucht, seit der neusten Flüchtlingswelle wieder mehr. Mit dem Wissen über erlebte Traumata während des Krieges und der Flucht haben wir speziell verschiedene Gruppen eingerichtet, in deren Verlauf die Teilnehmerinnen die Möglichkeit haben, abgelenkt vom Trauma zur Ruhe zu kommen und Musik, Tanz und Malerei zu genießen.

Es gibt also ein Zusammenspiel zwischen dem Gespräch unter vier Augen und dem Austausch mit anderen?
B. L.-S.: Die Gruppenarbeit wurde von den Mitarbeiterinnen schon immer als ganz wichtig bewertet. Es laufen darum immer wieder unterschiedliche Gruppenangebote, über die auch unsere Website informiert. Darüber hinaus bieten wir natürlich auch Sprechzeiten, Telefonsprechzeiten und eine Online-Beratung an.

Gibt es von ihrer Seite bei akuten Fällen Hilfe, Plätze in psychiatrischen Einrichtungen zu bekommen?
B. L.-S.: Das kommt eher selten vor, aber mit Hilfe des zuständigen sozialpsychiatrischen Dienstes geht eine Einweisung recht schnell. Es gibt dann natürlich das Angebot, dass die Frau wiederkommen kann, wenn sie wieder stabil ist.

Gibt es eine Art „Erfolgsquote“?
B. L.-S.: Prozentangaben sind leider nicht möglich, Bürokratie in dem Sinne ist leider immer noch ein Mangel bei uns (lacht). Wir sind im Moment dabei, uns darauf einzurichten, künftig mehr Verwaltungsarbeit zu machen, um unsere guten Ergebnisse auch dokumentieren zu können. Denn solche Zahlen brauchen wir schon.

In einer idealen Welt würde es den Frauen-Treffpunkt nicht geben, oder?
B. L.-S.: Das ist die Frage. Das wäre sicher wünschenswert, ist aber wohl unrealistisch. Momentan erleben wir ja ohnehin, wie schon gesagt, eher einen Rollback in Sachen Geschlechterrollen. Und ganz am Ende wird sich die Geschlechterfrage wohl nie ganz lösen lassen. Was treibt Männer und Frauen um? Letztlich geht es sehr oft zum Beispiel um Macht. Und es stellen sich darüber hinaus ja auch noch ganz andere Fragen. Ist beispielsweise die Kleinfamilie wirklich die ideale Form des Zusammenlebens – oder ist sie womöglich eher das große Übel, das ständig Beziehungsstörungen produziert? Sind vielleicht andere Formen des Zusammenlebens wesentlich geeigneter?

Gibt es aktuelle Entwicklungen im Frauen-Treffpunkt?
B. L.-S.: Ja, wir haben das letzte Jahr noch einmal eine zusätzliche Förderung vom Land Niedersachsen bekommen und konnten so eine neue Kollegin einstellen mit einer ¾-Stelle. Und insgesamt bemerken wir mehr Interesse an unserer Arbeit. Denn das Thema „Gewalt gegen Frauen“ ist ja im Zuge der aktuellen #MeToo-Kampagne in aller Munde. Was gut ist. Wir machen diese Arbeit schon seit 30 Jahren und wissen darum sehr genau, dass es all diese Themen schon immer gegeben hat. Wenn jetzt das Thema der sexuellen Belästigung, auch am Arbeitsplatz, mehr Aufmerksamkeit erfährt, ist das höchste Zeit. Mit welcher Selbstverständlichkeit solche Übergriffe vorkommen, wird ja momentan immer deutlicher. Wir bekommen im Frauen-Treffpunkt immer sehr direkt mit, welche aktuellen gesellschaftlichen Entwicklungen es gibt und was von irgendwelchen Leuten in die Welt gesetzt wird. Es ist ja nicht allein ein Donald Trump in den USA, der seine Botschaften verbreitet, wie man Frauen behandeln darf. Ihm folgen etliche rechtskonservative Politiker, die dann Rollenmuster predigen, die eher ins tiefste Mittelalter gehören.

Gibt es die Sorge, dass aufgrund der Tendenz nach rechts irgendwann Gelder wegfallen könnten?
B. L.-S.: Natürlich. Mit dem Rechtsruck in Deutschland bekommen ja auch eigentlich längst obsolete Rollenmuster wieder Konjunktur. Und wenn bei uns demnächst rechtskonservative Kräfte vermehrt in den Räten und Parlamenten sitzen, wird das für uns schnell existenziell. Natürlich würden solche Politiker uns die Gelder kürzen oder ganz streichen. Denn wir arbeiten ja im Grunde gegen diese tradierten Muster. Dass mit den momentanen Veränderungen in der Gesellschaft unsere Arbeit anscheinend immer wichtiger wird, spüren wir übrigens schon jetzt sehr deutlich. Wir sind komplett ausgelastet. Und so ergibt sich ein unschönes Szenario: Je mehr Einrichtungen wie die unsere gebraucht werden, desto höher ist das Risiko, dass solche Einrichtungen von der Politik ausgeschaltet werden.
E. L.-St.: Wir müssen ja jedes Jahr die Gelder neu beantragen, theoretisch könnten also auch nach über 30 Jahren erfolgreicher Arbeit jedes Jahr die Finanzen gekürzt werden. Wir sind darum sehr glücklich, dass man unsere Arbeit in Hannover durchaus wertschätzt. Aber das kann sich mit anderen politischen Konstellationen und Mehrheiten natürlich schnell ändern. Wir wollen es nicht hoffen…

 

Birgit Lapp-Schumacher (B. L.-S.) ist Sozialpädagogin und hat seit 1984 stationär in der Drogentherapie gearbeitet, ehe sie 1992 in den Frauenprojekten tätig wurde. Sie hat eine körpertherapeutische Zusatzausbildung sowie Fortbildungen zu Essstörungen und Traumatherapie absolviert. Nebenberuflich arbeitet sie auch im Frauentherapie- und Beratungszentrum Amanda e.V.

Esther Leger-Stier (E. L.-St.) ist bildende Künstlerin, Kunsttherapeutin und Sozialpädagogin. Sie arbeitet seit 15 Jahren beim Frauen-Treffpunkt und hat eine Ausbildung zur Traumaberaterin absolviert. Da 85 Prozent der Frauen, die zum Treffpunkt gehen, Gewalterfahrungen gemacht haben, ist diese von besonderer Wichtigkeit. Aber schon zuvor wurde Leger-Stier als „nur“ bildende Künstlerin wegen ihrer neuen Kompetenzen mit offenen Armen im Team empfangen, da auf die ausgewogene Mischung aus bildender Kunst, Pädagogik und Beratung/Therapie viel Wert gelegt wird.

Interview: Saskia Gehrke, Christian Kaiser


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